Cinema-Scope 2021 im November : Wiedersehen macht Freude

Das Jahr rennt förmlich nur so dahin, da wird es Zeit für mich, mal Rückschau zu halten auf das, was ich mir filmisch zu Beginn des Jahres vorgenommen hatte. Der „gute Vorsatz“, mir von meinen 12 noch nicht gesehenen DVDs jeden Monat eine vorzunehmen, ist durch den Horrorctober ein wenig aus dem Fokus geraten, denn es sind noch drei Filme übrig: Ballon, Kursk und Waltz with Bashir. Aus einer Laune heraus hatte ich mich für den letzten entschieden und damit auch gleichzeitig vorschnell mein Motto für den vorletzten Monat des Jahres festgelegt: Animationsfilme – egal aus welchem Genre.

Damit hätte ich den unterschiedlichsten Varianten und Themen Tür und Tor geöffnet, doch dass es dabei nicht bleiben würde, war mir klar, als ich mir neben all den Animationsfilmen auch einen Realfilm ausgeliehen hatte, dem noch weitere folgen sollten – auf DVD, im Fernsehen, auf Youtube und vor allem im Kino.

Doch zuerst, wie so oft bei mir, die Übersicht, in chronologischer Reihenfolge (die beiden Flops vom Monatsanfang lasse ich bewusst weg):

Waltz with Bashir +++ Ice Age 5 – Kollision voraus +++ Last Night in Soho +++ Lunchbox +++ Dogs in Space +++ James Bond 007 – Der Morgen stirbt nie +++ Stein’s Gate – The movie +++ Die Monster-Uni +++ Running Man ++ Das wandelnde Schloss

Deshalb habe ich meinen Monatsrückblick gesplittet. Und nun Vorhang auf für meinen Rückblick, denn Wiedersehen macht Freude.

Animationsfilme

Dass es abseits von Disney-Produktionen noch weitaus Sehenswerteres gibt, das sich in meinen Augen aber nicht für Kinder eignet (Watership down, Wenn der Wind weht, Animal  Farm oder The Wall), war für mich Anlass, bei meinem Besuch der Stadtbücherei gezielt nach Animationsfilmen zu fragen. Dabei durfte ich dann die Erfahrung machen, dass sich die nette Bibliotheksangestellte unter diesem Genre etwas anderes vorgestellt hat als ich, denn auf mich wartete eine wahre Fülle von Anime-Serien,  mit einzelnen Filmen dazwischen. Die Filme, die mir vorschwebten, fand ich dann schließlich doch noch.. in einem anderen Teil der Bücherei.

Waltz with Bashir:

Gekauft habe ich diese DVD bei einem Flohmarkt für einen Euro, hatte aber noch nicht die Muße gefunden, sie mir anzusehen, denn bei der israelisch-französisch-deutschen Co-Produktion von 2008 handelt es sich um schwere Kost, die ich Zartbesaiteten nicht empfehlen würde. In Kürze zusammengefasst geht es um die Aufarbeitung des Massakers von Sabra und Schatila im Jahr 1982 während des Kriegs im Libanon – eine in Teilen biografische Dokumentation mit Interviews, die der Regisseur mit allen Beteiligten und einer Traumatherapeutin führt, und Rückblenden, in denen das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven gezeigt wird. Erst am Schluss, der dank der übergangslos eingeblendeten realen Aufnahmen von Getöteten und verzweifelten Überlebenden wie ein Schlag in die Magengrube daherkommt, wird klar, welche Rolle der Interviewer bei seinem Einsatz am Ort des Massakers an den Flüchtlingen gespielt haben muss.

Ice Age 5 – Kollision voraus:

Wer schon immer wissen wollte, was es in „Ice Age“ mit dem ins Eis eingeschlossenen Raumschiff auf sich hat oder woher der Jupiter seinen roten Flecken hat, erfährt jetzt die Vorgeschichte – natürlich ist mal wieder Scrat an dem ganzen Chaos schuld, das auf Manni & Co in Form eines Meteoritenschauers, gefolgt von dem einen lebensbedrohenden Asteroiden wartet. Um den alles vernichtenden Zusammenstoß zu vermeiden, gibt es nur einen Weg: Sie müssen magnetische Kristalle ins Weltall schießen, um den Asteroiden von der Erde wegzulenken. Klingt so abenteuerlich und gewagt wie „Armageddon“, doch angesichts der Tatsache, dass wir uns noch immer zur Zeit der Mammuts und Dinosaurier befinden und jedwede Technik noch nicht mal hörbare Zukunftsmusik ist, war ich gespannt, wie sich der bunt gemischte Freundeskreis bei dieser Aufgabe schlagen würde. Wie sie das am Ende zuwege bringen, damit hätte ich niemals gerechnet, und zu sehen, wie Sids geliebte, süße, aber bösartige Oma in ihrer Jugend so drauf war, fand ich auch recht spaßig. Kritiker fanden den Film entbehrlich, mir hat er jedoch besser gefallen als sein Vorgänger.

Stein’s Gate – The movie:

Zeitreisen beziehungsweise was passiert, wenn mehrere durch Zeitreisen entstandene parallele Zeitlinien für den, der sie besucht hat, durcheinanderkommen – den auf einem Computerspiel und einer Animeserie basierenden Film fand ich nicht nur unterhaltsam, sondern auch richtig gut, auch wenn ich weder das Spiel noch die Serie kenne.

Die Monster-Uni:

Als der fiese Randall noch nicht fies, sondern ein richtig netter Kerl war und der nette Sully aus der Monster-AG noch ein eingebildeter Schnösel. An der Monster-Uni, für erfahrene Schrecker der Monster-AG die beste der Welt, treffen sie sich wieder, und für den kleinen Mike Glotzkowski beginnt ein Studentenleben, das er sich so nicht vorgestellt hat und mich stellenweise an den Film „Sydney White – Campus Queen“ erinnert hat – in dem gibt es auch die überhebliche Studentenverbindung, deren Mitglieder bei Lehrkörper und Unileitung äußerst beliebt sind, und dann die teilweise wirklich schusseligen Nerds, die keiner haben will und die in einer maroden und vom Abriss bedrohten Bruchbude hausen, aber herzensgut sind und in allen Lebenslagen zueinander halten. In einer solchen Nerdverbindung landen Sully und Mike notgedrungen und stellen fest, dass gute Freunde unbezahlbar sind.

Das wandelnde Schloss:

Das Anime von 2004 adaptiert das Kinderbuch der englischen Schriftstellerin Diane Wynne Jones und erzählt die Geschichte der jungen Hutmacherin Sophie, die von einer eifersüchtigen Hexe in eine alte Frau verwandelt wird und als sich selbst eingestellte Putzfrau Unterschlupf in dem wandelnden Schloss des Zauberers Hauro findet und sich unter anderem um die Feuerstelle und den darin lebenden Feuerdämon Calcifer kümmert. In Hauro verliebt, versucht sie, sein Geheimnis zu ergründen. Neben „Chihiros Reise ins Zauberland“ ist dies schon der zweite Film der Ghibli-Studios, der mir so richtig gut gefallen hat, was u.a. auch daran lag, dass die Bilder so wirken, als habe sich jemand aus früheren Jahrhunderten so die Zukunft vorgestellt. Und die Idee, durch ein Stellrad mit unterschiedlich gefärbten Segmenten bestimmen zu können, in welchem Teil des Landes sich die Haustür öffnet, fand ich einfach magisch.

Kommen wir nun zu den Realfilmen.

Realfilme

Mein persönlicher Film des Jahres führt denn auch gleich diesen Teil der Liste an – eine Warnung vorab: Auch bei den anderen Filmen wird es nicht fröhlicher.

Last night in Soho:

Mit einem Stipendium am Londoner College of Fashion glaubt Ellie Turner aus Cornwall das große Los gezogen zu haben, doch mit ihren Kommilitoninnen kommt die angehende Modedesignerin nicht zurecht und sieht sich gezwungen, ein möbliertes Zimmer bei einer älteren, verschrobenen Dame zu mieten und einen Job in einem Pub anzunehmen. Ihr Glück scheint sich zu wenden, als sie eines Nachts im Traum mitten im London der Sechziger Jahre zu sich kommt und ihrem Idol, der blonden Sängerin Sandy begegnet, hat sie sich doch schon immer gewünscht, einmal London in den „Swinging Sixties“ erleben zu dürfen. Aus den Träumen wird jedoch schnell ein Alptraum, da sich Ellie zeitweilig im Körper von Sandy wiederfindet und hautnah miterleben muss, dass auf Sandy nicht die versprochene Gesangskarriere wartet, sondern die junge Frau dem Charme des vermeintlichen Managers auf den Leim gegangen ist und der sie geradewegs in die Prostitution schickt. Zu allem Überfluss sieht sie auch sämtliche Personen aus ihren (Alpträumen) in der Realität… Durch mehrere Trailer wurde ich auf diesen hochspannenden Thriller aufmerksam, der mich lange im Dunkel auf einer falschen Fährte tappen ließ, um mich mit einer Wendung zu schocken, mit der ich so nicht gerechnet habe. Die 117 Minuten des Psychohorror-Stücks mit brillianten Schauspielerinnen (Anya Taylor-Joy, Diana Rigg, Rita Tushingham, Thomasin McKenzie, Synnøve Karlsen) in Haupt- und Nebenrollen haben sich für mich nicht so angefühlt, und danach lag ich noch lange wach, weil ich das Gesehene Revue passieren lassen musste und sich erst im Nachhinein einige kleine Details in das Bild eingefügt haben. Für mich eine echte Überraschung in diesem Herbst.

Lunchbox:

Indien und sein beliebtes Lunchboxsystem – Dabbawala genannte Auslieferer bringen Angestellten in mehrstufigen Lunchboxen das Essen an den Arbeitsplatz – entweder das in einem Restaurant oder – in den meisten Fällen – zu Hause von den Ehefrauen gekocht worden ist. Eine solche Lunchbox mit dem mit besonders viel Liebe gekochten Essen darin landet in dem indischen Spielfilm „Lunchbox“ (im Original „Dabba“) von 2013 jedoch nicht bei Rajeev, sondern bei dem Witwer Saajan Fernandes (Irrfan Khan), der sich bei der Köchin Ila (Nimrat Kaur) mit einem handgeschriebenen Zettel in der leer zurückgeschickten Box prompt für die delikate, wenn auch leicht versalzene Mahlzeit bedankt. Es entsteht ein reger Briefwechsel, der das Leben der beiden nach und nach verändern wird. Es sind vor allem kleine Details, die wie Bindeglieder zwischen den beiden so unterschiedlich verlaufenden Leben von Ila und Saajan wirken und gleichzeitig offenbaren, wie ähnlich sich die beiden im Grunde sind. Das hat diesen Film für mich so spannend gemacht und mir gezeigt, dass Indien eben nicht automatisch auch Bollywood bedeutet. Eine wunderbar zarte und herzerwärmende Romanze mit ungewissem Ausgang – die als Arthouse-Produktion auch vorzüglich in die „Kino kulinarisch“-Reihe passen würde, die es vor einigen Jahren in unserer Stadt gab. Jedenfalls befinden sich die Rezepte dazu einem der DVD beiliegenden Heftchen. Vielleicht koche ich sie sogar demnächst nach.

Dogs in Space:

Das hat ja lange gedauert. Vor einigen Jahren habe ich den Film von 1986 auf Youtube mit x Werbeunterbrechungen gesehen, jetzt ist er nach langer Abwesenheit wieder da: als unsynchronisierte Originalversion ohne Untertitel oder Werbepausen, dafür aber aufgeteilt in vier handliche Häppchen à dreimal 25 und einmal 29 Minuten. Also habe ich kurzerhand das in der Melbourner Punkszene der Siebziger Jahre spielende Drama zum Bordprogramm für meinen Ausflug nach Mainz erklärt. Splitten können eben auch andere ganz toll. Dreh- und Angelpunkt ist ein etwas verwahrlostes Haus in einem Vorort von Melbourne, das sich im Lauf der etwas dünnen Handlung um einen Haufen Punks in eine heruntergekommene und zugemüllte Bruchbude verwandelt. Im Mittelpunkt der teilweise unübersichtlichen Gruppe stehen der Student Luchio (Tony Helou), ein namenloses Mädchen (Deanna Bond), die wechselnden Beschäftigungen nachgehende Anna (Saskia Post) und ihr Freund Sam (Michael Hutchence), Sänger der Punkband „Dogs in Space“. Es dauert nicht lange, bis Anna sich in seine Heroinabhängigkeit mit hineinziehen lässt und eine Überdosis sie das Leben kosten wird (sarkastischerweise an dem Tag, als Luchio seine Klausuren mit Bravour gemeistert hat), während ihr Liebster mit der Schuld weiterleben muss. Das böse Ende habe ich mir allerdings nicht während der Fahrt mit der Bahn angeschaut, sondern im Stillen Kämmerlein zu Hause.

Jetzt aber zu den nächsten Themen…

James Bond 007 – Der Morgen stirbt nie:

Den habe ich tatsächlich 1997 im Kino gesehen, weil ich gespannt war, wie mein ehemaliger Schulkamerad, der im gleichen Jahr mit mir zusammen das Abitur gemacht hat, als Bösewicht auf der Leinwand rüberkommen würde. Es war eine interessante Erfahrung, das zweite Filmabenteuer mit Pierce Brosnan als James Bond mal wieder im Fernsehen zu sehen – interessant, weil es diesmal Judi Dench war, bei der ich mich wunderte, dass ich ihr nicht schon früher Beachtung geschenkt habe. Hier lässt sie mit ihrer Ich-hab’s-Dir-doch-gesagt-Attitüde die Besserwisser vom Militär, die sie anscheinend nicht für voll nehmen oder gar ignorieren, dumm dastehen, während der Agent mit der Lizenz zum Töten mal wieder für die ganze Welt die Kastanien aus dem Feuer holen darf – dies aber natürlich nicht alleine, sondern zusammen mit der chinesischen Agentin Wai Lin (Michelle Yeoh). Wie bei allen Filmen dieser Serie wusste ich zwar zu Beginn schon, wie das zweistündige Spektakel endet, dennoch fand ich „Der Morgen stirbt nie“ unterhaltsamer als seinen Nachfolger, die Gegenspieler glaubwürdiger und die Gags genau richtig (jedenfalls damals):  Wer hätte im wie Fort Knox gesicherten Safe des bösartigen Medienmoguls ausgerechnet eine Blitz-Illu erwartet oder mit eindeutig-zweideutigem Geplänkel zwischen Miss Moneypenny und Bond erwartet?

Running Man:

Basierend auf einem Roman von Stephen King alias Richard Bachman, werden wir in diesem Actionfilm von 1987 in ein Los Angeles von 2017 versetzt, in dem Amerika zum Polizeistaat geworden ist, der die Kommunikation und die Künste zensiert. Um das Volk bei Laune zu halten, wird täglich die Spielshow „Running Man“ ausgestrahlt, in der Strafgefangene um ihr Leben rennen, von denen nur selten welche gewinnen. Eines Tages erwischt es den Polizisten Ben Richards (Arnold Schwarzenegger), der selbst im Gefängnis landet, nachdem er sich geweigert hat, aus einem Hubschrauber heraus auf unbewaffnete Demonstranten zu schießen. Als nicht freiwilliger Kandidat hat er sich zum Ziel gesetzt, die Wahrheit über das perfide System und den tatsächlichen Verbleib der „Gewinner“ der Show ans Licht zu bringen, und schon bald zeigt sich, dass es ein Fehler war, ihn und seine Gefährten zu unterschätzen… Wen ich als Darsteller in kleinen Nebenrollen nicht erwartet hatte, waren zum einen Mick Fleetwood (Fleetwood Mac) in der Rolle von Mic, dem Kopf der im Untergrund agierenden Widerstandsgruppe und zum anderen Dweezil Zapp als Guerillakämpfer eben jener Gruppe. Und wem die Story eventuell bekannt vorkommt: Für das Drehbuch zu dem Fernsehfilm „Das Millionenspiel“ von Tom Toelle aus dem Jahr 1970 hat Wolfgang Menge denselben Roman adaptiert.

Das waren fünf Animationsfilme und fünf Realfilme – beide haben sich also die Waage gehalten.