ABC-Etüden 2022 – Wochen 1&2 : Etüde 4 – Neulich, auf youtube …

Diesmal besteht mein Beitrag zu den ABC-Etüden bei Christiane mit den von Ludwig Zeidler gespendeten Wörtern Hoffnungsschimmer, unverzeihlich und nähen aus einem Dialog, bei dem sich beide Personen, mit U und F abgekürzt, gegenseitig nichts schenken, auch wenn es nicht so aussehen mag. Ich schätze, bei dem Anblick hat das Fangirl in mir aus dem Hinterhalt zugeschlagen.

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Neulich, auf youtube …

(♪ Laute Musik ♪) (dröhnender Applaus, grelles Scheinwerferlicht) (♪ „… you might know of the original sin…“ ♪)

U: Hm. Ich hab mir doch neulich diesen Stoff mit Sternen-Print gekauft. Fünfzackig. Schwarzweißen Streifenstoff hätte ich auch noch irgendwo.

F: Und?

(Großaufnahme der Band: Sänger wird in die Totale gezoomt. Aufgeregtes Gefuchtel von U zum Bildschirm hin)

U: Na, die Hosen! Die waren schon bei Nena der Hit! Oder bei der Tochter von Mick Jagger. Einen Bikini in dem Stil könnte ich mir auch gut vorstellen…

(genervtes Augenrollen von F)

F: Waaaas? Dieses scheußliche Teil willst Du Dir nähen? Für die nächste Bad-Taste-Party oder was?

(Mit dieser Reaktion hätte U nun wirklich nicht gerechnet)

U: Warum nicht? Ich find die mega-cool. Und außerdem: Einen schönen Menschen entstellt nichts!

(♪ „and wake up to a brand new day“ ♪) (Großaufnahme von vorne)

F: Schönen Menschen? Ach, geh fort! Damit kannst du höchstens zum Fasching gehen oder an Halloween Leute erschrecken. Fehlt nur noch das scheußliche Hemd vom Schluss des Konzerts.

(Jetzt reicht es U. Wen interessiert, ob’s zusammenpasst oder nicht? So eine anderthalbstündige Show unter grellem Scheinwerferlicht in langärmeligen Bühnenoutfits ist extrem schweißtreibend. Da sollte man schon darauf achten, dass man sich hinterher gut abtrocknet und etwas frisches überwirft, um sich nicht zu erkälten oder einen Zug zu holen, auch wenn’s mitten im Juli ist. Einheitliche Farben und Muster sind ohnehin total überbewertet. Und sie erkennt: Jeglicher Hoffnungsschimmer, dass F ihre Begeisterung teilt oder sich dumme Kommentare bei Videos ihrer Lieblingsband verkneift, verweht in diesem Augenblick wie Asche vom Holzkohlengrill nach dem letzten Barbecue).

U: Weißt Du was? Geh Du doch fort. Dein Geläster ist unverzeihlich. Damit kannst Du einem die ganze schöne Stimmung kaputtmachen. Dann schau ich mir in Zukunft meine Band halt ohne dich an.

(Was sie fortan auch tat).

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Die Diskussion in dieser 300 Wörter langen Szene habe ich aus dem Stegreif frei erfunden. Die Hose (im Mittelalter nannte man diese Aufteilung mi-parti) gab es jedoch wirklich, und zwar in diesem Video auf youtube.

ABC-Etüden 2022 – Wochen 1&2 : Etüde 3 – Der Bär

Im Prinzip hätte ich die Schauermär um Doktor Victor Frankenstein, der in einem Schweizer Bergdorf die Nachfolge des alten Landarztes antritt, auch weiterspinnen können; aber dann hatte ich eine andere, nicht weniger gruselige Idee, die zu meinem dritten Betrag zu den ABC-Etüden bei Christiane geführt hat – dabei fand ich es gar nicht so einfach, die von Ludwig Zeidler gespendeten Wörtern Hoffnungsschimmer, unverzeihlich und nähen möglichst abwechslungsreich miteinander zu verbinden.

Wer sich eventuell von der Kombination aus Kindern und Grusel getriggert fühlt, sollte vielleicht nicht weiterlesen (aber vielleicht empfinde ja auch nur ich das dabei entstehende Kopfkino als schaurig und für Halloween eher geeignet).

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Der Bär

Ein Schreckensschrei, mitten in der Nacht, brachte mich mit einem Ruck auf die Füße und an das Kinderbett. Dann saß ich auch schon an Pascals Seite, der mit tellergroß aufgerissenen Augen am Kopfende seines Bettchens kauerte.

„D-d-d-d-a war ein B-b-b-b-är!“ war alles, was er herausbrachte, mit starrem Blick auf die Zimmerecke schräg gegenüber. Ich folgte ihm mit den Augen und fasste mir ein Herz. Mögen es andere für unverzeihlich halten, einem Fünfjährigen sein Spielzeug wegzunehmen, aber seit Tante Betty ihm den Teddy zu Weihnachten geschenkt hatte, war die vielbesungene Stille Nacht zu einem Hoffnungsschimmer geschrumpft.

Seitdem gab es ständig Streit zwischen Lisa und Pascal, weil Tante Betty nur einen genäht hatte und Lisa leer ausgegangen war. Dieses Gezerre um diesen blöden Bären würde ich nicht länger mitmachen, und bei Alpträumen war für mich Schluss mit lustig. Gleich morgen würde ich Betty vor die Wahl stellen: Entweder sie nähte auch für Lisa einen oder ich verkaufte das Vieh beim nächsten Hausflohmarkt. Energisch packte ich es und verließ das Zimmer, um Pascal ein Glas Milch mit Honig und ein angewärmtes Dinkelkissen zu holen. Nachdem ich unseren Jüngsten beruhigt hatte und er eingeschlafen war, erklomm ich die ausziehbare Leiter zum Speicher und verbannte den Delinquenten in die hinterste Ecke zu den Flohmarktboxen.

Rot glühten die Augen des Bären im Schummer der Taschenlampe.

Auf dem Rückweg warf ich noch einen Blick auf Lisa, aus deren Zimmer kein einziger Mucks gekommen war. Wie ich die Kleine um ihren gesegneten Schlaf und das ihre Lippen sanft umspielende Lächeln beneidete. Gerührt strich ich ihr übers Haar und wandte mich um. Der Anblick ihres Basteltischchens ließ mich auf der Stelle erstarren.

Zwischen zerdrückten Klebstofftuben und rosa Plastikperlen türmten sich kleine Häufchen aus Woll- und Stoffresten, aus denen ein dichtgespicktes Nadelkissen hervorlugte. Es hatte die Form eines kleinen Bären.

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300 Wörter für  dieses Szenario.