Cinema-Scope 2022 : Januar, Tendenz düster

Wie eiskalt ist dies Händchen… Den Anfang in diesem Jahr machte ein Film, den ich auf dem öffentlich-rechtlichen Spartensender ard one gesehen habe: „The Deep“, ein isländischer Spielfilm von 2012, der auf einer wahren Begebenheit beruht. Ob das jetzt mein neues Motto wird oder nicht, wird sich zeigen. Die Grundtendenz war jedenfalls wenig heiter stimmend bzw. bis da hin, wo’s weh tut.

The Deep (gesehen auf ard one): 1984 überlebte der isländische Fischer Guðlaugur Friðþórsson als einziger das Kentern seines Trawlers und legte die fünf Kilometer zur Heimatinsel in fünf Grad kaltem Wasser und bei einer Lufttemperatur von drei Grad Celsius schwimmend zurück, um anschließend barfuß ein Lavafeld zu überqueren, bevor er wieder zu Hause ankam – ein Wunder, das man wissenschaftlich untersuchte und das den Mann mit der außergewöhnlichen Konstitution und dem eisernen Überlebenswillen als „Seehund-Mann“ in die isländische Geschichte eingehen ließ.

Children of men (gesehen auf ZDF Neo): Aus dem Jahr 2006 stammt dieser dystopische Thriller von Alfonso Cuarón, in dem im Jahr 2027 seit 18 Jahren nach einer Grippepandemie weltweit keine Kinder mehr zur Welt gekommen sind und sich das sich von der übrigen Welt abgeschottete Großbritannien zum Polizeistaat entwickelt hat, der gnadenlos Jagd auf sogenannte illegale Einwanderer macht und diese in Lager steckt, wo sie wie Abschaum behandelt werden. Da wird der jüngste Mensch der Erde als Sensation gefeiert, doch das größere Wunder soll sich erst noch ereignen: Ausgerechnet die junge „Illegale“ Kee, die von dem Regierungsbeamton Theo Faron (Clive Owen) an einen sicheren Ort gebracht werden soll, ist seit 18 Jahren als erste Frau schwanger, muss aber ihre Schwangerschaft verheimlichen, weil man ihr sonst das Kind wegnehmen würde. Es beginnt eine Jagd, bei der bald niemand mehr den anderen traut. Beeindruckend war für mich nicht nur die Zukunftsvision, die 14 Jahre nach dem Erscheinen des Films (mit Julianne Moore, Charlie Hunnam und Michael Caine in weiteren Rollen) erschreckend reale Züge zu zeigen scheint, sondern auch die Schnittechnik, die minutenlange Sequenzen wie aus einem Guss entstanden wirken lassen.

12 years a slave (gesehen auf arte): Von Halunken übers Ohr gehauen und über Nacht vom freien Mann zum Sklaven degradiert, dieses Schicksal – eine wahre Geschichte – ereilt den Violinisten Solomon Northup, nachdem er ein Engagement angenommen hat, ohne zu wissen, dass es sich bei den vermeintlichen Schaustellern um Sklavenhändlern handelt, die ihre „Ware“ aus dem amerikanischen Norden an Plantagen im tiefsten Süden verschachern. Fortan ist er der Willkür und Gnade der Plantagenbesitzer ausgeliefert, und es soll insgesamt zwölf Jahre dauern, bis er durch einen Zufall in Form des durchreisenden kanadischen Handwerkers Samuel Bass (Brad Pitt) seiner in New York lebenden Familie eine Nachricht zukommen lassen kann. Doch trotz der mit Nachdruck erwirkten Freilassung bleibt die zu erwartende Gerechtigkeit aus, da er die Schuldigen nicht verklagen, wie sie Weiße sind, und sie somit für ihre Taten niemals belangt werden.

Die Wannseekonferenz (gesehen im Abendprogramm des ZDF): Basierend auf der einzigen Kopie des Konferenzprotokolls, zeichnet der Fernsehfilm von Matti Geschonnek ein Bild jener Konferenz nach, bei der am 20. Januar 1942 in einer feudalen Villa am Wannsee über die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ bzw. deren Organisation beraten wurde, die im Zug der nach Osten vorrückenden Truppen erst den Anfang auf dem Weg zur „Germanisierung Europas“ darstellen sollte. Mit welcher Kaltschnäuzigkeit und akribischen Bürokratie die Beteiligten das weitere Vorgehen in allen Einzelheiten durchgingen, war nicht das Erschreckendste an dieser Zusammenkunft – sondern eher die Sorge um die Täter, denen man die Massenerschießungen und daraus resultierende Traumata unmöglich weiter zumuten konnte, da letztere der Sache nicht dienlich seien. Zu sehen ist der Film in der ZDF-Mediathek bis 2024.

Ins Kino hat es mich diesen Monat nicht gezogen – außer den ersten sechs Folgen der ersten Staffel von „Game of Thrones“ auf DVD wurde mein Filmkonsum vom Fernsehen bestimmt, und das auch nur in homöopathischen Dosen.

ABC-Etüden 2022 – Woche 5 (Extra-Etüde) – Schadensbegrenzung

Kaum zu glauben, aber wahr – die erste Extra-Etüde in diesem Jahr! Ein fünfter Sonntag in diesem durchwachsenen Monat macht dieses Phänomen möglich. Das Prinzip – hier nachzulesen auf Christianes Blog – ist einfach: Nimm alle sechs im Januar gespendeten Wörter (Hoffnungsschimmer, unverzeihlich, nähen, Wackelpudding, unverdrossen und knistern) und verwende fünf davon für eine Etüde von maximal 500 Wörtern Länge. Allerdings haben wir dazu nur eine Woche Zeit, deshalb am besten keine Zeit verlieren und loslegen. Ich habe alle sechs untergebracht.

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Schadensbegrenzung

So viel Gedankenlosigkeit war unverzeihlich, da musste Chris Julia recht geben. Anstatt Zeit darauf zu verschwenden, für den Sozius der Harley, die sie ja doch nie loswerden würden, ein komfortableres Kissen zu nähen, hätte er besser den auf dem Rechner abgespeicherten Inhalt der SD-Karte auf einer externen Festplatte sichern sollen. Doch jetzt war es zu spät und die Karte gelöscht. Wenn er an seine und Julias letzte Fotosession dachte, die ganz spontan entstanden war, wurde ihm ganz anders, so wie es dabei zwischen ihnen geknistert hatte.

An seinem Unwohlsein war die Unwiederbringlichkeit der verlorengegangenen Aufnahmen schuld. Doch jeglicher Versuch, jenen Nachmittag 1:1 zu wiederholen, hätte keinen Sinn. Dabei würde nur Murks in Form von gestellten und wenig überzeugenden Bildern herauskommen. Tim war da schon wesentlich direkter und bescheinigte ihm ungeniert und wenig feinfühlig die Intelligenz eines Wackelpuddings. Autsch, das saß!

Wie Delia mit Tims Unverblümtheit zurechtkam, war Chris ein Rätsel, aber nicht von Belang. Denn hier ging es nicht um die gekittete Beziehung seines besten Freundes, sondern um seine Existenz, um die es schon seit einer Weile nicht gerade rosig stand. Wo sich andere von einer solchen Pechsträhne nicht beirren lassen und unverdrossen nach einer Lösung suchen würden, sah er schwarz.

Ihr ohnehin schon knappes Budget ließ kaum Spielraum für den professionellen Fotografen, der Julia vorschwebte, wenn es um Qualität und Schnelligkeit ging, und mit dem Thema „selbstproduzierte Amateurfotos“ waren sie durch. Woher also nehmen, wenn nicht stehlen? Fehlte nur noch, dass Tim mit der Formel „gut+günstig=langsam“ um die Ecke kam. Und tatsächlich war das Erste, das er ihn fragte, ob es ihm und Julia denn so dringend damit sei, schließlich hatten sie noch einen großen Kartons mit Flyern übrig. Wenn es ihnen auf ein paar Wochen nicht ankäme, so wüsste er vielleicht eine Möglichkeit, wie man ihm aus der Pasche helfen könnte.

„Frag mal Deinen Bruder, oder besser seine Freundin.“

Was hatte denn jetzt Laura, die Max unter abenteuerlichen Umständen während einer Vollsperrung kennengelernt hatte, damit zu tun? Erneut war es Tim, der seinem Gedächtnis auf die Sprünge half. Es ging um Lauras Freundin, die bei ihnen gelegentlich gegen einen kleinen Obolus im Büro aushalf, wenn Julia verhindert war, und das war sie in letzter Zeit öfters. Chris‘ ratloses Gesicht sprach Bände. Der Groschen fiel immer noch nicht.

„Na ja, wenn ich mich nicht alles täuscht, hat der Typ, der Lucy abholt, öfters seine Ausrüstung dabei gehabt, und…“ Langer Rede kurzer Sinn: Der Kerl war Fotograf, und wenn Chris sich nicht allzu blöd anstellte, würde dieser Alex ihnen sicher im Preis entgegenkommen. Ein Hoffnungsschimmer?  Wenn Du Dich da mal nicht irrst, dachte Chris, denn das klang zu schön, um wahr zu sein. Dennoch war er bereit, in dieser Richtung vorzufühlen.

Gesagt, getan… Zwei Wochen später war es soweit. Besagter Alex stand in der Tür zu dem kleinen Büro und erkundigte sich nach dem Chef. Binnen kürzester Zeit hatten sie eine Übereinkunft getroffen und einen ersten Entwurf für die Gestaltung und Zahlungsmodalitäten ausgearbeitet, da fiel Alex‘ Blick auf die Harley.

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500 Wörter Länge – mit Aussicht auf Fortsetzung, vielleicht mit der nächsten Etüde.

P10 Themenwort W#01 – Teil eins

Es gibt ein neues Fotoprojekt von wortman, das sich über zehn Wochen erstreckt – P10: Ein vorgegebenes Themenwort sollte noch vor dem nächsten Sonntag in ein aussagekräftiges Foto umgewandelt werden.

Klingt interessant, und da das erste Themenwort „Fundstück“ lautet, ist mir auch sogleich etwas eingefallen:

Mein T-Shirt, das ich mir 2019 im Hard Rock Café in Niagara Falls gegönnt habe und das damals Teil einer brandneuen Kollektion (mit Cut-Outs an den Schultern und viel Bling-Bling) war. Die kupferfarbenen Glitzersteinchen haben leider nicht lange gehalten und sind relativ schnell, eines nach dem anderen abgefallen, und jetzt fangen auch schon die silbernen Steinchen damit an. Und auch in seinem sonstigen Zustand ist es nicht mehr das frischeste, aber es ist eine Erinnerung an meinen Kanadaurlaub. Manchmal reichen Fotos alleine nicht.

Was war ich betrübt, als ich es vergeblich gesucht habe. Ja, ja, ich weiß – als ob ich nicht genug Klamotten im Schrank hätte… Aber da ich an den Ort seines Erwerbs so schnell nicht wieder hinkomme, habe ich es wie einen Schatz gehütet, der plötzlich nicht mehr auffindbar war. Als ich es dann vor wenigen Tagen im Schrank wiedergefunden habe, war meine Freude grenzenlos. Ab jetzt passe ich besser darauf auf.

Das zweite Fundstück wird in eine ähnliche Richtung gehen.