ABC-Etüden 2022 – Wochen 18 & 19 – Etüde 2 – Lissy und der wilde Kaiser

Wirklich neu ist an diesem Monat in diesem Jahr, dass mit großer Wahrscheinlichkeit noch eine Extra-Etüde winkt, denn wir haben fünf Sonntage. Bleiben wir aber erst einmal bei der aktuellen Ausgabe, zu der Myriade die Wortspende (Giraffe, mondsüchtig und suchen) geliefert hat. Bleiben möchte ich jedoch auch noch einmal bei einem älteren Thema: Tante Lissys achtzigster Geburtstag, bei dem die Gefühle eskaliert sind – siehe hier und hier.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Lissy und der wilde Kaiser

Kaum hatte Jenny die kleine Königsfigur triumphierend in die Höhe gehalten, war es losgegangen. Ihr Telefon musste nur „Rude“ dudeln und Jenny kurzerhand ihr abwesendes Herzblatt einladen, und schon war Friedrich ob seiner Machtlosigkeit puterrot angelaufen. Selber schuld, hatte Lissy in diesem Moment gedacht, schließlich war es nicht die feine englische Art, den Jungen auszuschließen, wo doch alle anderen mit ihren Partnern dabei waren.

Ein weiteres Gedeck war schnell aufgelegt, da klingelte es auch schon, und der Kaiser’sche Spross stand mit zusammengebundenen Haaren vor der Tür, um auf seiner Gitarre ein Ständchen für Lissy anzustimmen. Kuchen wurde herumgereicht, vorbei an dem leeren, soeben noch von Friedrich besetzen Platz. Dem Rumpeln nach zu urteilen, musste Lissy nicht lange suchen, um ihn in der Küche zu vermuten. So ein Drama King! Hoffentlich riss er sich zusammen und mutierte nicht noch zum Wüterich.

Lissy verstand sowieso nicht, worin der „Verrat an der Familie“ nun eigentlich bestand.

Ricky, wie er sich nannte,  hatte doch glänzende Manieren. Sogar an ein Geschenk, eingewickelt in mit bunten Giraffen bedrucktes Papier, hatte er gedacht, und überreichte es ihr formvollendet. Der kleine, zum Vorschein kommende Umschlag übertraf sogar  die Kinokarten für eine Sondermatinee zu „Mondsüchtig“ mit Cher und Nicolas Cage, die sie von ihrer Schwester bekommen hatte.

Ein Zertifikat für eine Tierpatenschaft, herausgegeben vom Berliner Zoo für eines von fünf Giraffenbabys, getauft auf den Namen Lissy, und dazu ein Wochenende für zwei Personen mit Übernachtung ganz in der Nähe: Wie hatte der junge Mann das so schnell hinbekommen? Und das, wo er sie noch nicht einmal näher kannte? Aber auch wenn es eigentlich Jennys Idee gewesen war, es war die Geste, die zählte.

Auf das Wochenende mit ihrer Enkelin freute sie sich schon jetzt, und diese Vorfreude würde ihr auch Friedrich mit seinem Gemaule inmitten leerer Kuchenverpackungen nicht nehmen.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Und wieder sind es genau 300 Wörter – für meine Fortsetzungs-Etüde.

ABC-Etüden 2022 – Wochen 18 & 19 – Etüde 1 – An der Copacabana

Ein neuer Monat ist angebrochen: der Mai. Dieser Monat wird ja gerne für alles Mögliche verantwortlich gemacht. Die Bäume schlagen inzwischen ja immer früher aus (hatschi!), und neu wird es bei den ABC-Etüden (hier, auf Christianes Blog) bekanntlich immer jeden zweiten Sonntag, so wie heute. Diesmal kommt die Wortspende (Giraffe, mondsüchtig und suchen) von Myriade, und ich habe mich durch ein Video inspirieren lassen, an das ich beim Verfassen meiner Monatsrückschau auf im April gesehene Kinofilme denken musste.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

An der Copacabana

Bin ich tatsächlich mondsüchtig?

Somnambulismus, Lunatismus… wie auch immer Wissenschaftler meinen Drang, nachts aufzustehen und mich unvermittelt im Wohnzimmer wiederzufinden, zu nennen pflegen, mit dem Mond haben meine Schlafstörungen nichts zu tun. Der ist meistens gar nicht zu sehen. Im Gegensatz zu anderen suche ich nicht gezielt die Dunkelheit, um besser schlafen zu können, sondern lasse meine Rolläden oben. Meistens helfen schon ein Schluck Wasser und ein paar Zeilen aus einem Buch. Nur besonders spannend darf die Lektüre nicht sein.

Doch wie das so mit Gewohnheiten ist, manchmal ändern sich auch diese.

Mein aktuelles Gegenmittel: Musik. Je einlullender, desto besser. Sphärische Musik und fernöstliche Klänge, die sich ideal als Hintergrund für Meditationen eignen würden… meine bevorzugte Playlist konnte sich sehen lassen. Jedenfalls hatte ich das geglaubt. Bis zu dieser Nacht.

Es war wieder eine dieser mondlosen Nächte, in denen ich durchs Haus gegeistert war, um auf dem Sofa zu erwachen. Wie schon so oft erprobt, nahm ich einen kräftigen Schluck aus der bereitstehenden Flasche, startete meine Liste auf meinem bevorzugten Streamingportal mit Musikvideos und Filmen und begab mich zurück ins Bett. Zarte Flöten- und Gitarrenklänge begleiteten die Langzeitaufnahmen eines nächtlichen Sternenhimmels und geleiteten mich sanft an die Schwelle zum Traumland, da dröhnte es aus voller Kraft mitten hinein in die meditative Dunkelheit:

An der Copacabana und am Schotterteich, bei Muskeln werden alle Mädchen weich!

Ach du Schreck!

Während ich entsetzt hochfuhr und versuchte, meine mir entglittenen Sinne wieder einzufangen, schob sich ein monströses Schwimmtier in Form einer Giraffe ins Bild, und über die Bühne hüpfte eine den Bodybuildingwahn ins Lächerliche ziehende Combo aus Österreich, die von mir irgendwann ein „Like“ kassiert hatten. Was auch immer den Fehler im System verursacht hatte, für den Rest der Nacht hatte ich einen veritablen Ohrwurm, der mich auch die nächsten Tage über begleiten sollte.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Genau 300 Wörter für meine erste Etüde in diesem Monat – als Erinnerung an die Erste Allgemeine Verunsicherung und ihren Hit „An der Copacabana“:

Nur echt mit der Giraffe – https://www.youtube.com/watch?v=HvIbf6UKQ0k

Cinema-Scope 2022 : April, Tendenz „kein Bock“

Ich weiß ja nicht, wie es anderen so geht, aber nach meiner kurzen Auszeit in den Niederlanden konnte ich mich irgendwie zu nichts aufraffen. Daher hat es mich auch genau ein einziges Mal ins Kino gezogen. Dabei ist meine Wahl auf einen Film gefallen, bei dem ich schon das kollektive Aufjaulen höre. Aber mir war nicht nach Tiefgründigem oder spektakulären Effekten, und schon gar nicht nach Filmen mit Überlänge.

The Lost City – Das Geheimnis der verlorenen Stadt: Wer bei diesem Titel an Filme wie „Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten“ oder die Indiana-Jones-Reihe denkt, liegt zumindest beim Genre teilweise richtig. Adventure, gemixt mit Comedy und einer Prise Romantik, da könnte man doch glatt auf die Idee kommen, dass sich das Drehbuch bei den anfangs erwähnten Beispielen bedient haben könnte, und sei es auch nur, um alle möglichen Filmklischees zu verwursten und sich dabei selbst auf die Schippe zu nehmen.

Schon die Handlung, die der Trailer verspricht, klang für mich dermaßen absurd, dass der Film auf meiner Will-ich-sehen-Liste landete: Sandra Bullock als Loretta Sage, Autorin schwülstiger Liebesromane in exotischem Ambiente, die auf ihrer Vorstellungstour ihres letzten Romans von einem exzentrischen Milliardär (Daniel Radcliffe) entführt wird. Dieser jagt nämlich der fixen Idee nach, die versunkene Stadt und dem in ihr verborgenen Schatz aus ihrem Buch gäbe es wirklich und nur sie könne ihn dorthin führen.

Dummerweise hat er die Rechnung ohne Lorettas Covermodel Alan Caprison (Channing Tatum) gemacht. Der will die Angebetete aus den Fängen der Ganoven befreien und zeigen, dass er nicht nur auf dem Cover eine gute Figur macht, sondern auch noch was im Kopf hat. Da aber nicht so genau weiß, wie er das anstellen soll, heuert er seinen ehemaligen Yogalehrer, den Ex-Navy Seal Jack Trainer (Brad Pitt) an, um die Befreiungsaktion mit ihm gemeinsam durchzuziehen. Die geht erwartungsgemäß schief, und da Trainer bedauerlicherweise auf der Strecke bleibt, müssen sich Loretta und Alan fortan gemeinsam durch den Dschungel kämpfen, um den Flughafen auf der anderen Seite der nicht näher benannten Insel im Atlantik zu erreichen.

Never judge a book by its cover? Gute Idee, denn hier hatte ich wirklich mal Unterhaltung, die über den Trailer hinaus ging. Leider habe ich in der Vergangenheit zu viele Filme gesehen, bei denen auch der Trailer gereicht hätte – hier war das nicht so. Tatsächlich habe ich mich prächtig amüsiert. Leider war’s das für diesen Monat auch schon wieder. Verschieben wir die nächsten Kinobesuche also auf den Mai. Zwei Anwärter hätte ich auch schon: „The Northman“ und „Downton Abbey 2“.