ABC-Etüden 2022 – Wochen 18 & 19 – Etüde 7 – Das Nähkränzchen

Weil ich wieder mit dem Nähen angefangen habe, gibt’s eine siebte und letzte Etüde obendrauf (ja, ich weiß, das Ende ist nah) – zu der aktuellen Runde, hier – auf Christianes Blog, mit von Myriade gespendeten Wörtern Giraffe, mondsüchtig und suchen.

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Das Nähkränzchen

Mondsüchtige Nachteulen, das seid ihr!

Verkatert hatte ich Andys Worte über die letzte Session wieder im Ohr. Aber ganz unrecht hatte er nicht. Nicht jeder ging wie ich spätestens zur Geisterstunde ins Bett, außer ich war auf einer wirklich tollen Party. Und als solche hatten es auch meine Mitstreiterinnen bezeichnet: Sewing by the Sea, ein überdimensionales Nähkränzchen an der Ostsee, von Freitagmittag bis Sonntagnachmittag, mit dreißig Nähwütigen. Ganz Hartgesottene saßen bis Sonnenaufgang an ihren Maschinen, die das einzige Licht im Raum spendeten, während im Hintergrund irgendeine Spotify-Liste vor sich hin dudelte.

Nach einer Möglichkeit, mich mit anderen Nähbegeisterten auszutauschen, hatte ich lange gesucht. Lehrvideos im Internet schön und gut, aber es ging doch nichts über das persönliche Gespräch, und wie immer waren die Geschmäcker und Fähigkeitsstufen höchst unterschiedlich. Während ich mich mit den Knopflöchern meines Sommerkleids abplagte, war meine Nachbarin schon einen Schritt weiter und begutachtete die vor ihr liegende Ausbeute: ein Wickelkleid, ein Jeansrock und eine Regenjacke. Nun brütete sie über einem Kinderkleidchen aus mit bunten Giraffen bedrucktem Baumwollstoff.

Es dauerte eine gute Weile, bis ich dahinterkam, was daran seltsam war: Nicht nur, dass am Rockansatz einigen Tierchen die Köpfe fehlten, zu allem Unglück verlief auch noch das Muster kopfüber. Ein typischer Anfängerfehler, der passierte, wenn man beim Feststecken der Schnittteile nicht aufpasste.

Leider sah es bei mir nicht besser aus. Dabei war ich stolz wie Bolle gewesen.

Unter Einfluss von Rotwein, den ich am Abend zuvor ein wenig zu sehr zugesprochen hatte, war ich auf die aberwitzige Idee gekommen, schnell noch die Schulternähte zu schließen, ohne daran zu denken, dass das Kleid ja auch noch einen Kragen bekommen sollte, der nun natürlich so keinen Platz mehr fand.

Da half nur noch auftrennen.

Let’s get the party started, seufzte ich und ersetzte im Geiste die mondsüchtigen Nachteulen durch Schluckspechte.

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Genau 300 Wörter zum Abschluss der aktuellen Etüdenrunde, und vom Rotwein lasse ich die Finger, wenn ich kreativ tätig bin.

ABC-Etüden 2022 – Wochen 18 & 19 – Etüde 6 – Extrablatt

Das Ende ist nah… aber nur das der ABC-Etüden (die aktuelle Runde findet ihr hier, auf Christianes Blog). Zum Ende kommen möchte ich heute mit meiner Museumsgeschichte, diesmal erzählt aus Svens Sicht. Paul und Rudi hatten ihren Auftritt bereits. Übrigens hätte ich nie gedacht, dass ich mit den von Myriade gespendeten Wörtern Giraffe, mondsüchtig und suchen so viel anstellen würde.

Gerade Adjektive wie diese lassen ja nicht so viel Spielraum wie das Teekesselchen-Prinzip. Genug gequasselt, kommen wir nun zum Finale dieser Räuberpistole:

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Extrablatt

„Ich wusste es. Früher oder später kriegen wir sie…“ verkündete Sven und warf triumphierend die Zeitung auf den Tisch im Pausenraum.

„Mit Danone-Joghurt oder was?“ erwiderte Rudi ungerührt und löffelte weiter sein Müsli, das er sich vor Schichtbeginn stets einverleibte.

„Nein, damit!“

Ungeduldig tippte Sven mit seinem Daumen auf die Titelseite, so dicht vor Rudis Nase, dass dieser sich gehörig erschreckte. Doch sein Kollege fing sich erstaunlich schnell und begann zu lesen.

Mondsüchtig, hyperaktiv, schwere Beine? Leiden auch Sie an…“

„Nicht die Reklame!“ Sven verdrehte die Augen.  „Hier: Die Schlagzeile des Tages!“

Rudi war aber auch manchmal begriffsstutzig.

„Ach, der Juwelenraub im Naturkundlichen Museum?“

Ja, was denn sonst?

„Neue Erkenntnisse im Giraffen-Fall“, stand dort in riesigen Lettern und dass das ganze Szenario insofern von seinem Vorbild, dem Dresdner Juwelendiebstahl, abwich, dass hier kein Stromausfall herbeigeführt worden war, sondern sich die Täter am alten Troja orientiert hatten.

Nur dass es hier eben kein Pferd, sondern eine Giraffe gewesen war. Wo bei dem Tier normalerweise die Hörnchen saßen, befanden sich bei diesem Exemplar die Einbruchswerkzeuge: links ein Periskop, rechts ein Nachtsichtgerät zum Aufspüren der alarmauslösenden Laserstrahlen. Wachleute einzubeziehen, war im Prinzip überflüssig, dennoch blieb die Frage, ob ein Clan dahintersteckte?

Sicherheitshalber hatte man in alle Richtungen ermittelt und Paul vor sechs Monaten in Untersuchungshaft gesteckt, und nicht in die Psychiatrie, so wie Rudi es erwartet hatte. Rudi, der stets das Gute im Menschen sah und nicht wie Sven, der sich als Realist sah. Dabei hatte die „trojanische Methode“ nichts realistisches, und nur durch Zufall hatte man das Untier gefunden.

„Endlich“, seufzte Rudi, „und ich dachte schon, sie würden bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag danach suchen.“

Ja, endlich. Ab jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die wahren Täter singen und dafür sorgen würden, bis man Paul wieder auf freien Fuß setzte.

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300 Wörter als Punktlandung für den Abschluss der Museums-Trilogie.