Cinema-Scope 2022 : Mai, aus jedem Dorf ein Köter

Manchmal ist das Leben kein Wunschkonzert, oder anders rum: Manchmal ist die Wunschliste so lang, dass man nicht weiß, wie man sie abarbeiten soll. Gespeist wird meine Liste teilweise auch von im Vorprogramm des ersehnten Films laufenden Trailern für andere Filme, deren Handlungen mein Interesse wecken.

Herausgekommen ist bei meinem Wunschkonzert diesmal ein Kessel Buntes aus völlig unterschiedlichen Genres, aber alles davon in 2D. Und da ich weiß, dass ich diesen Monat garantiert nicht mehr ins Kino komme, gibt es diese Zusammenfassung halt schon jetzt.

Downton Abbey II : eine neue Ära

20:20 Uhr an einem Donnerstag – warum auch immer ich schon am Premierentag nicht dazu kam, bleibt mir ein Rätsel, aber das Warten hat sich definitiv gelohnt. Leider musste ich mir dieses Erlebnis alleine gönnen, weil sich die Person, der ich eine Einladung dazu versprochen hatte, nicht wohl fühlte und mich wegen mangelnder Lust auf Kinobesuche alleine losgeschickt hatte. Das fing ja gut an…

Dennoch: Als Fan der Serie schlug mein Herz schon beim ersten Downton-Abbey-Spielfilm höher; jetzt haben Julian Fellowes und sein Team noch eine Schippe draufgelegt und präsentieren den Film im Film, der nicht nur für Fans interessant sein dürfte, denn das Thema „Tonfilm löst den Stummfilm ab und bedeutet für viele Filmstars der alten Garde das Ende der Karriere“ bildet den eigentlichen Handlungsfaden.

Ein Filmteam aus Hollywood hat den Crawley’schen Landsitz zum Set auserkoren, doch weil die als Stummfilm konzipierte Produktion wegen des sich überall durchsetzenden Tonfilms (das bahnbrechende Medium der Zukunft) keinen Erfolg mehr zu versprechen scheint, drängt das Studio auf Abbruch der Aufnahmen. Da kommt die Idee, die bereits gedrehten Szenen nachträglich und noch zu drehende Szenen parallel zu synchronisieren, wie gerufen. Ein Ausweg aus dem Dilemma, schon allein wegen der Hauptdarstellerin Myrna Dalgleish (Laura Haddock), bei der unterirdische Manieren, ein unsäglicher Dialekt und eine unerträgliche Stimmlage in einer Person zusammenkommen. Was liegt da näher, ihren Part von Lady Mary (Michelle Dockery) während der laufenden Aufnahmen direkt am Set ins Mikrofon sprechen zu lassen?

Netter Seitenarm und Running Gag: Dass zur gleichen Zeit ein Teil der Familie nach Südfrankreich reist, bietet die ideale Gelegenheit, den als Spaßbremse fungierenden Mr. Carson vom künftigen Drehort zu verbannen. Grund für den unerwarteten Aufbruch: die Inspektion einer Villa am Meer, die Lady Violet (Maggie Smith) von einem verflossenen Liebhaber aus dem letzten Jahrhundert hinterlassen wurde und nun an ihre Enkeltochter, die kleine Sybil, weitervererbt werden soll. Und plötzlich steht nicht nur die Frage im Raum, was aus der in der Villa lebenden Witwe werden soll, sondern auch, wer nun wirklich der Vater von Lord Grantham (Hugh Bonneville) ist…

Mir hat der Film sehr viel Freude bereitet, schon allein wegen der Kostüme, die die mit zu vielen Zufällen gespickte Handlung wieder aufwiegen; stimmig haben sich für mich aber auch die kleinen Nebenstränge angefühlt, die das Filmerlebnis für mich abgerundet haben.

Fazit: Leichte Unterhaltung, wie gemacht für einen Sommerabend unter freiem Himmel, nicht nur für Fans. Mein Tip fürs Open-Air-Kino

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The Northman

Das fängt ja gut an… Das dachte ich mir auch, als ich mich doch sehr darüber wunderte, warum man die einzige Vorstellung für dieses Werk unter der Woche erst für 22:50 Uhr ansetzt (und auch freitags und samstags nicht wesentlich früher), also zog es mich um 21 Uhr an einem Sonntag ins Kino. Und das bei einem Film von 137 Minuten Laufzeit, wo ich so gar kein Nachtmensch bin. Aber Wikinger faszinieren mich schon länger (nicht umsonst bin ich Fan der Serie „Vikings“), und da Robert Eggers Regie geführt hat, war mir schon beim Trailer auf Youtube klar, dass ich dieses bei diesem Epos mit Willem Dafoe und Björk in Nebenrollen unbedingt sehen möchte.

Wer bei diesem Namen an Hamlet von Shakespeare denkt, liegt richtig: Im Mittelpunkt des Films, der wie ein Buch in Kapitel unterteilt ist, steht Prinz Amleth (Alexander Skarsgård), der seinen von dessen Bruder ermordeten Vater (Ethan Hawke) rächen und seine Mutter (Nicole Kidman) retten will. Zusammen mit einem Trupp Sklaven aus dem Lande der Rus, unter ihnen die als Hexe verschriene Olga (Anya Taylor-Joy) landet er auf Island, auf dem Hof seines verhassten Onkels. Schon bald wähnt er sich am Ziel, doch es gibt da etwas in seiner Vergangenheit, das er so nicht in Erinnerung hatte…

Überwältigend fand ich an „The Northman“ vor allem die gewaltigen Landschaftsaufnahmen Islands und die in kontrastierenden Farben gegeneinander gestellten Szenen, die Realität (rot bzw. warme Farben) und die Mythen der Wikinger (blau bzw. kalte Farben), und das in Bildern, die ich so bisher auch noch nicht erlebt habe. Diese haben mich mehr beeindruckt als die Kampfszenen, die laut mancher Kritiker einem einiges abzuverlangen scheinen. Beim Soundtrack hatte ich stellenweise das Gefühl, dass Björk daran mitgearbeitet hat. Hat sie aber anscheinend wohl doch nicht.

Fazit: Anspruchsvolle Kost mit starken Bildern und starkem Sound, die vermutlich nicht jedermanns Geschmack trifft.

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Dog

Du weißt, dass Du älter wirst, wenn Du nicht wegen des männlichen Hauptdarstellers (Channing Tatum als traumatisierter US-Ranger Jackson Briggs) ins Kino gehst, sondern wegen der vierbeinigen Titelfigur Lulu, für die gleich drei Belgische Schäferhunde vor der Kamera standen. 20 Uhr an einem Samstag, der Zeitpunkt erschien mir ideal, weil ich a) sowieso nichts besseres vorhatte und b) ich den Trailer schon mehrmals gesehen hatte. Eingestellt hatte ich mich auf eine Komödie.

Als aber dann klar wurde, dass die von den Einsätzen im Nahen Osten traumatisierte und hochagressive Lulu eingeschläfert werden soll, nachdem Briggs sie „als Ehrengast“ zur Beerdigung seines verstorbenen ehemaligen Kameraden Rodriguez mitgebracht hat, musste ich schwer schlucken. Was ich mit dem 101 Minuten langen Film unter der Regie von Reid Carolin und Channing Tatum serviert bekam, war eine Mischung aus Road Movie und Buddy Movie, bei der sich ernste und lustige, teilweise ins Absurde abdriftende Momente die Waage hielten, und am Ende war ich doch positiv überrascht.

Fazit: Triggergefahr, wenn man jemanden kennt, der gerade sein Haustier einschläfern musste, aber ansonsten solide Unterhaltung mit ernsten Momenten.

Was ich noch zu sagen hätte: Stell dir vor, du gehst extra früher los, weil Du online kein Ticket kaufen möchtest, und dann wird eine halbe vor dem Beginn der Vorstellung die Schlange länger und länger, weil das Kassensystem einen Totalausfall hatte. Ich sah mich schon vorzeitig wieder nach Hause marschieren, doch dann kam man auf die gleiche schlaue Idee wie ich – warum das Ganze nicht Oldschool abwickeln und die Tickets von Hand erstellen und abstempeln?

Das dauerte zwar, aber sie wurden doch noch so rechtzeitig damit fertig, dass ich mir sogar noch ein Getränk holen und den obligatorischen Gang zum WC antreten konnte.