ABC-Etüden 2022 – Wochen 25 & 26 – Etüde 2 – Kalligraphie

Die wunderschöne Illustration Nummer drei (hier, auf Christianes Blog) hat mir die Idee zur meiner zweiten Etüde eingegeben. Die von OnlyBatsCanHang gespendeten Wörter Wiedergeburt, blümerant und antanzen  in einen Text von maximal 300 Wörtern Länge einzubauen, sorgt doch immer wieder für die ein oder andere Überraschung.

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Kalligraphie

Alles fließt…

Die ruhige Stimme des Meisters beendete die Sitzung, und ein Gong ertönte. Das Zeichen, dass die nächste Stunde gleich begann. Für Harry wurde es Zeit.

Kalligraphie, die Kunst des schönen Schreibens, im Zeitalter der virtuellen Tagebücher zu erlernen, darauf muss man auch erst einmal kommen. Was hatten sie ihn ausgelacht, als er damit angetanzt gekommen war! Schaden könnte es Deiner Sauklaue nicht… obwohl: schreib lieber am Smartphone. Ist besser so! Was soll das überhaupt werden? Die Wiedergeburt von Federkiel und Siegellack? Schaff Dir doch gleich ein paar Brieftauben an oder reite mit dem Pferd zur Arbeit… Nicht mehr eingekriegt hatten sie sich und die Mücke zum Elefanten aufgeblasen. Schöne Freunde waren das.

Besser so! Mit dem Pferd zur Arbeit reiten! Haha. Da hatte wohl jemand zu viele schlechte Werbespots konsumiert. Äußerlich gelassen, schäumte Harry innerlich und schaltete genervt schnaubend sein Telefon ab. Die blöden Kommentare auf Instagram gingen teilweise so unter die Gürtellinie, dass ihm dabei fast blümerant geworden wäre.

Bislang kannten sie nur eine Seite von ihm. Aber sie würden sich noch wundern. Jetzt erst recht.

Entschlossen nahm er Platz in der Stube von Harada-San und konzentrierte sich auf die Zeichen, die der Meister auf seinen Bogen fließen ließ. Pinsel und Tuschestein glänzten im goldenen Sonnenlicht, die flüchtigen Silhouetten fallender Blätter spiegelten sich in dem bereitgestellten Wein. Schon bald entfaltete das Spiel aus Licht und Schatten eine meditative Wirkung, der sich Harry nicht entziehen konnte. Eine ungeahnte Ruhe kam über ihn, und wie von selbst füllte sich nun auch sein Blatt. Zufrieden begutachtete der Meister das Werk seines Schülers, der sich gelehriger anstellte als erwartet.

Alles fließt.

Die Grasschrift hatte Harry verinnerlicht: Mission erfüllt. Doch auf ihn wartete bereits Lektion zwei: die perfekt kopierte Unterschrift.

Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen: Sie würden sich noch wundern.

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Auch diesmal sind es wieder genau 300 Wörter geworden. Und wer wissen möchte, was die Grasschrift ist, kann sich hier schlau machen.

ABC-Etüden 2022 – Wochen 25 & 26 – Etüde 1 – Last Christmas

Der Sommer klopft schon an die Tür und bringt eine Pause mit sich. Für die letzte Runde (hier, auf Christianes Blog) vor der bis zum 4. September dauernden Unterbrechung wurden die drei Wörter Wiedergeburt, blümerant und antanzen von OnlyBatsCanHang gespendet. Weil es draußen so unerträglich heiß ist, habe ich meine Etüde spontan in die Weihnachtszeit verlegt – auf den 24. Dezember 2014, um genau zu sein. Zur Abkühlung, auch wenn sie nur virtuell ist. Mit George Michael hat sie jedoch nichts zu tun.

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Last Christmas

Der Morgen danach… und ich lieg‘ flach.

Das Gefühl, auf dem Weihnachtsmarkt einen über den Durst getrunken zu haben, obwohl man am nächsten Tag pünktlich zur Arbeit antanzen muss, während sich Schatzi nochmal auf die andere Seite drehen darf (soll er doch heute den Baum schmücken und sich ums Essen kümmern!), wer kennt es nicht?

Gut, dass kein Zombie dabei war, denn genau so fühle ich mich: Blümerant wäre noch milde ausgedrückt, aber was erwarte ich auch nach einem Eierpunsch, zwei Glühwein, gefolgt von einem Honey-Jack in der Cocktailbar im Anschluss an den Weihnachtsmarktbesuch, und zur Abrundung dieses überhaupt nicht rundgelaufenen Tages eine Bloody Mary? Meine persönliche Wiedergeburt? Vielleicht noch frisch und fröhlich wie ein junger Wintermorgen, wenn die Schneeflocken zart vom Himmel herab- und durch die klare Luft tanzen… A propos antanzen: Jetzt fällt es mir wieder ein.

Die vertrauten Klänge von „Last Christmas“ waren kaum verklungen, da kam auch schon DJ Ötzi ins Spiel, Oktoberfeststimmung herbeizaubernd, und animierte den Junggesellenabschiedstrupp neben uns zum exzessiven Schunkeln. Zu allem Überfluss fing nun auch noch der Lauteste von ihnen damit an, mich anzutanzen. Ein Stern, der wessen Namen auch immer trug, bekam im gleichen Moment Zuwachs und vermehrte sich rasant, als die Nase des Antänzers Bekanntschaft mit einer Faust schloss. Aber ich schwöre, es war nicht meine. Doch so oder so war unser Ausflug gelaufen. Neuer Stand hin oder her, der Abend war noch nicht vorbei und die Bar unseres Vertrauens lag sowieso auf dem Weg.

Wie ich nach Hause gekommen bin? Keine Ahnung, aber die kommenden Stunden werde ich nur mit Matjes ertragen. Doppelte Portion, wenn schon, dann richtig. Nur Michis Lebkuchen würden die anderen ohne mich genießen müssen. Schade drum, so lecker, wie die wohl sind. Bei diesem Gedanken steht eines für mich fest: Nächstes Weihnachten wird alles anders.

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Für diese Abkühlung habe ich genau 300 Wörter gebraucht. Das Erlebnis mit den Drinks war echt, das mit den Junggesellen dagegen frei erfunden. Nächstes Weihnachten wird alles anders? Das wurde es auch, und zwar in zweierlei Hinsicht.

Unsortierte Gedanken/Soundtrack of my life: Sky full of stars? – Stage full of candles!

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Wie schrieb ich neulich noch so schön als Kommentar zu den schlechtesten Filmremakes? Der einzige Vorteil von solchen Neuauflagen ist, dass man unbedingt das um Längen bessere Original sehen möchte (nicht genau mit diesen Worten, aber sinngemäß).  Jetzt lege ich noch eine Schippe drauf und erweitere um Konzertabende. Auslöser für diesen Beitrag ist ein Candlelight-Konzert, vom Veranstalter als „Candlelight Hommage an Coldplay“ deklariert, direkt nach einer „Candlelight Hommage an Ludovico Einaudi“.

Meiner Freundin sagte der Name des 1955 geborenen Pianisten und Komponisten nichts, aber bei Coldplay klingelte was. „Die größten Hits“ der britischen Band? Fix You“, „Trouble“, „Don’t Panic“ und zum Abschluss „Sky Full of Stars“ – kennt man alles, findet man gut, also nichts wie hin.

Vielleicht hätten wir es lassen sollen, denn schon der Erwerb der Karten war ein unerwarteter Hürdenlauf: Kauf nur online möglich statt an den üblichen Vorverkaufsstellen, bezahlen konnte man nur mit Kreditkarte oder Paypal (blöd, wenn man nichts davon hat), und dann muss (!) man zum Abschluss auch noch die App des Veranstalters auf sein Mobiltelefon laden… Barrierefrei hatte ich anders in Erinnerung. Wer nix sieht, hat dann eben Pech gehabt.

Aber da einen echten Skorpion nichts so schnell aufhalten kann, kaufte sie zwei Tickets für den Bereich, der hervorragende Sicht versprach, und tatsächlich hatte man auch nicht zu viel versprochen, was die Atmosphäre und das besondere Ambiente anging. Sky full of stars?

Das Original – https://youtu.be/VPRjCeoBqrI?list=RDEMuf6htoZivPnz-ZIwGU0dDA

Nein, aber dafür Stage full of candles…

the power of LED

Und dann ging es auch schon los, mit Clocks, und schon nach wenigen Takten wusste ich, was die Glocke schlagen würde: Da kann man den Pianisten noch so sehr als in der süddeutschen Jazzszene gefragten Musiker mit Diplom anpreisen – wenn selbst laienhaften Ohren wie den meinen nicht entgeht, dass fast kein Stück dabei ist, bei dem der Künstler nicht daneben greift, dann frage ich mich, ob es an mangelnder Vorbereitung oder extremem Lampenfieber liegt.

Sich ein- oder zweimal zu verspielen, kann passieren, obwohl es das nicht sollte, aber bei fast jedem der im Programm genannten Stücke?

— Clocks — Don’t Panic — Speed of Sound — Trouble — Fix You — Paradise — In My Place — Adventure of a Lifetime — Yellow — Warning Sign — The Scientist — Sky Full of Stars — So stand es im Programm…

So stand es im Programm, aber so fühlte es sich nicht an. Und daran hatte auch nicht das Navi schuld, das sich im Block neben mir plötzlich einschaltete und in voller Lautstärke die nächste Etappe ansagte. Den Applaus spendete ich dann mehr aus Höflichkeit, schon weil ich an diesem Abend die Erfahrung machen durfte, dass sich Dissonanzen für mich schmerzhafter anfühlen als die Stellen, an denen Chris Martin ins Falsett wechselt (eine Tonart, die ich nur wohldosiert genießen kann, wie zum Beispiel wie in „Lift me up“, von Bruce Springsteen). Wie gesagt, kann man da von mir Standing Ovations nicht von mir erwarten, und es gab auch keine.

Die Fünf-Sterne-Bewertungen auf der Seite des Unternehmens, das diese Reihe veranstaltet, kann ich nicht nachvollziehen, denn so schnell wie an diesem Abend hat noch kein Publikum den Saal verlassen. Da möchte ich nicht wissen, wie es bei der Hommage an Einaudi ausgesehen hat. Aber wie auch immer, nach dieser grenzwertigen Erfahrung weiß ich jetzt, dass meine Ohren trotz häufigen Hörens lauter Musik immer noch hervorragend funktionieren, außerdem hätte ich jetzt spontan Lust auf ein Konzert von Coldplay, wenn mir der denn Preis von über 200 Euro für eine Eintrittskarte nicht zu hoch wäre. Oder vielleicht doch Bruce Springsteen? Kostet vermutlich genauso viel, hält aber länger.