Cinema-Scope 2022 : Juni – The Originals

Nein, dieser Bericht hat nichts mit der Vampirserie zu tun, sondern mit Filmen in der Originalversion, an denen ich mich diesen Monat erfreuen durfte.

Wunschkonzerte schön und gut, aber manchmal kommt es anders als geplant. Den ein oder anderen Trailer für gut befunden, kommt dann eine Mail von seinem bevorzugten Kino, in der für Sondervorstellungen geworben werden: Freitag der 13 (im Sommer? Echt jetzt?), La Boum – die Fete (der „Kultfilm“, der in den 80er Jahren komplett an mir vorbeigegangen ist), Bayreuther Festspiele 2022: Die Götterdämmerung (ein Opernbesuch ist für mich ein tolles Erlebnis, nur dann bitte keine Wagner-Oper) – und als besonderes Sahnehäubchen „George Michael – Freedom Uncut“. Wie toll ist das denn, bitte? Und dann kam meine beste Freundin mit „Die Hexen von Eastwick“ im Open-Air-Kino um die Ecke… Was daraus wurde und wie es war, erfahren Sie jetzt.

The Outfit – Verbrechen nach Maß

Leise rieselt der Schnee… und das Blut gleich mit. Wenn in der Werkstatt eines Chicagoer Herrenschneiders, der sein Handwerk in der Savile Row gelernt hat, die „Gentlemen“ der irischen Mafia ihre Briefe in einen toten Briefkasten werfen, ahnt man schon, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Es war Sonntagabend, und während sich andere die Seele aus dem Leib schwitzten, schlug ich der Hitze ein Schnippchen und verfolgte fasziniert das Kammerspiel, das sich im Dezember des Jahres 1956 vor mir entfaltete.

Von seiner Kundschaft nur „English“ genannt, möchte L. Burling (Mark Rylance) vor allem nur eines: in Ruhe gelassen werden, denn er möchte mit den Machenschaften der Boyles, die die Aufnahme in das berühmte Netzwerk des organisierten Verbrechens (genannt „The Outfit“ und immerhin gegründet von Al Capone!) anstreben, nichts zu tun haben. Familie Boyle wiederum ist hinter einem Band her, das angeblich die Identität eines Maulwurfs bzw. einer „Ratte“ lüften kann und versucht bei dieser Gelegenheit auch gleich, die Familie La Fontaine ausschalten, da diese nur lästige Konkurrenz darstellen. Die Fäden sind gespannt, und so geraten „English“ und seine Vorzimmerdame Mabel eines besonders unangenehmen Dezemberabends mitten hinein in ein Netz aus Verrat und Mord, und es beginnt ein hochgradig spannendes Katz-und-Maus-Spiel mit etlichen Wendungen, bis hin zum Showdown, der sich gewaschen hat.

Bildquelle – https://m.media-amazon.com/images/M/MV5BNjVlOTFhMDctYzcwOS00MDdjLWJlOTItZjlkY2Y1NWJhMTM3XkEyXkFqcGdeQXVyMDM2NDM2MQ@@._V1_.jpg

Fazit: Endlich mal wieder ein spannender Thriller, der ohne wilde und hektische Action oder Spezialeffekte auskommt, aber dafür mit einer Fülle an Dialogen glänzt und den ich bereits jetzt als würdigen Anwärter auf den Titel „mein persönlicher Film des Jahres“ betrachte.

Wer den Künstler sucht, wird ihn nicht finden – https://www.youtube.com/watch?v=diYAc7gB-0A

George Michael – Freedom Uncut

So ein volles Haus habe ich schon lange nicht mehr erlebt, und das bei einer Sondervorstellung (Original mit Untertiteln) um 20:45 Uhr an einem Donnerstag. Beginnen wir bei Filmbiografie, an der George Michael selbst mitgewirkt hat, doch gleich mit dem Video, bei dem David Fincher Regie geführt hat und in dem der Künstler nicht ein einziges Mal zu sehen ist, dafür aber die Supermodels der 90er Jahre (Linda Evangelista, Naomi Campbell, Christy Turlington, Cindy Crawford und Tatjana Patitz), die alle lippensynchron singen.

Dass das Video nicht sein Coming Out thematisiert, sondern seinen Rechtsstreit mit Sony Music, weil das Label ihn nicht aus dem Vertrag entlassen möchte, wurde mir im Laufe des vom Sänger selbst erzählten Films relativ schnell klar. Anders als bei den üblichen Biopics oder Dokumentationen, konzentriert sich „Freedom Uncut“ hauptsächlich auf die Weigerung des Künstlers, sich permanent vermarkten zu müssen und auf sein Privatleben, genauer gesagt seine Beziehung zu seinem Lebensgefährten Anselmo und dessen Tod infolge seiner HIV-Infektion. Den Rechtsstreit hat George Michael übrigens verloren, durfte dann aber gegen eine entsprechende Ablösesumme (wie beim Fußball) zu einem anderen Label wechseln.

Filmplakat, gefunden auf: https://www.arthouse-kinos.de/fileadmin/arthouse-kinos/import/_processed_/b/7/csm_fw19big_29_d4cd6e8815.jpg

Fazit: Eine sehr ergreifende und mich berührende Dokumentation, in der auch Künstler wie Mary J. Blige, Nile Rodgers, James Corden und Stevie Wonder zu Wort kommen.

An dieser Stelle sollte nun eigentlich Die Hexen von Eastwick stehen. Open-Air-Kino im Rahmen des „Alte-Schinken-Festivals“, doch dann kam die Wetterhexe des Wegs und ließ die Veranstaltung mit drei Hexen (Cher, Susan Sarandon, Michelle Pfeiffer) und Teufel (Jack Nicholson) buchstäblich ins Wasser fallen. Dumm gelaufen, und wegen eines sehr vollen Terminkalenders im Juni und Juli habe ich nun auch keine Lust mehr, mich auf den Weg ins Kino zu machen.

Schauen wir mal, wie sich der Juli so gestaltet, denn da laufen im Hafenkino Open Air 2022 – vom 10. Juni bis zum 27. August – so richtig gute Filme. Zum Beispiel Licorice Pizza. Oder The French Dispatch. Außerdem startet bald der neue Thor, Liebesdings und ….

Ach, was rede ich: Lasst euch überraschen.

ABC-Etüden 2022 – Wochen 25 & 26 – Etüde 4 – Der frühe Vogel

Achtung, Kombipackung! Das musste ja kommen. Wie auch immer ich das Kunststück fertig gebracht habe, auf Myriades Impulswerkstatt zu stoßen? Keine Ahnung, aber ihrer Einladung bin ich gerne gefolgt, wobei ich mich gefragt habe, ob ich mich lieber an dem Satz „Sie öffnete die Tür“ ………. „dann ging sie“ versuchen oder mich lieber von einem der Fotos zu einer Kurzgeschichte inspirieren lassen soll, zum Beispiel Foto 2.

Was soll ich sagen? Warum nicht noch eine Schippe drauflegen und eine ABC-Etüde (die aktuelle Runde gibt’s hier – auf Christianes Blog) von OnlyBatsCanHang gespendeten Wörter Wiedergeburt, blümerant und antanzen schreiben?

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Der frühe Vogel

Sie öffnete die Tür.

Frische Morgenluft umfing sie. Der frühe Vogel fängt den Wurm? So gesehen, war Alice froh, dass sie sich früh genug im Eingang zur Einkaufspassage niedergelassen hatte. Nun beobachtete sie hochkonzentriert aus dem Halbschatten heraus die Dächer durch ihr neues Objektiv. Lichtstark, robust und für große Entfernungen entwickelt, damit konnten ihr die Vögel unmöglich entgehen. Das blümerante Magengrummeln von zu vielen Energydrinks ignorierte sie.

Gleich war es soweit. Jetzt hatte sie die beiden Exemplare, die sie schon eine Weile beobachtet hatte, voll im Fokus: aneinandergeschmiegt und wild schnäbelnd, bis die Federn flogen.

Vögel! Ha! Bingo!

Ihr Auftraggeber würde stolz auf sie sein, wenn sie ihm die Bilder präsentierte, schließlich war sein Verdacht nach diesem Brief, den er rein zufällig gefunden hatte, begründet. Herumgewedelt hatte Röder damit und ihr einzelne Worte vor die Füße gespuckt: „Die Nacht mir Dir war unbeschreiblich…  eine Wiedergeburt!“ und was noch alles. Auf genauere Details verzichtete Alice, hatte sich aber gegen entsprechende Entlohnung sofort an die Fersen des Liebhabers geheftet und aus sicherem Abstand heraus beobachtet, wie er Röders Frau angetanzt hatte.

Wie zu erwarten, hatte Madame sich von ihm schnell einwickeln lassen, und schon bald wusste Alice, wo der Kerl wohnte. Jetzt fehlten nur noch gestochen scharfe Bilder, die die beiden der schändlichen Tat überführten und in eindeutiger Situation zeigten.

Das war ja leichter gegangen, als sie erwartet hatte, nicht mehr lange, und Röder würde sie fürstlich entlohnen. Mit von der Kälte steifen Fingern verstaute sie die Kamera und erhob sich, so gut es ihr mit den vom langen, bewegungslosen Verharren eingeschlafenen Beinen möglich war. Jetzt bloß schnell weg von hier, wenn sie nicht riskieren wollte, dass nach der ganzen Mühe doch noch etwas unangenehmes passierte.

Dann ging sie.

Jetzt noch einen heißen Kakao zum Mitnehmen für unterwegs… zu ihrem nächsten Kunden.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Dank meiner Vorliebe für Kombipackungen, bin ich mit dieser Etüde auf genau 300 Wörter gekommen – mit dem Satz aus der Impulswerkstatt in roter Schrift.