Jubiläumsedition – der Etüden-Spin-Off : zweiter Akt 1/2

Eine Monsteretüde zum fünfjährigen Etüdenjubiläum, da habe ich mir ja etwas vorgenommen. Aber der Sommer ist ja bekanntlich lang. Eins stellt sich allerdings jetzt schon heraus: Je länger ich mich mit der Materie beschäftige, desto klarer wird mir, dass ich das anvisierte Ziel von fünf Kapiteln nicht halten kann. Wie praktisch, dass das Opus um den zwangsbeurlaubten Schrödinger in Akte und nicht in Kapitel eingeteilt habe.

Den Helden zieht es übrigens nicht nach Kalifornien oder Brasilien, sondern ins beschauliche Bali, einem fiktiven Ort in der Nähe von Kiel, und noch ist er dabei, sich einzuleben, was sich nicht ganz einfach gestaltet – weshalb ich diesen Akt in zwei Teile splitte.

Für später Hinzugekommene füge ich den Link ein, was bisher geschah: Erster Akt – Eine unerwartete Reise: Der hauptsächlich in hoffnungslosen Fällen ermittelnde Schrödinger wird in Zwangsurlaub geschickt und reist an die Ostsee.

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Auf Eis gelegt – zweiter Akt : Bali sehen und sterben (Teil 1)

Bekanntlich braucht der Körper eine Weile, um sich zu akklimatisieren und in den Urlaubsmodus zu wechseln, erst recht, wenn er chronisch müde ist; weshalb sich Experten darin einig sind, dass nur Urlaube von mindestens zwei Wochen Länge zu dem gewünschten Effekt führen.

So gesehen, wäre Schrödinger zu beneiden gewesen, hätte es seine Vorgeschichte nicht gegeben, die ihn an den Rand des Zusammenbruchs getrieben hatte, den ein oder anderen Ohnmachtsanfall inbegriffen. Das kam davon, wenn man nicht nur einmal Warnzeichen wie Frühjahrsmüdigkeit, Herbstdepression und Winterblues ignorierte und alles so weiter laufen ließ wie immer. So war er in den ersten, an ihm vorbei mäandernden Tagen nicht nur zeitig zu Bett gegangen, sondern hatte gleich ganz (oder zumindest die meiste Zeit über) brav das Bett gehütet.  Anstatt sich knallvergnügt in das Nachtleben des einige Kilometer entfernten mondänen Seebades zu stürzen, hatte er sich geschont und viel geschlafen, auch wenn böse Zungen dummdreist das Gegenteil behaupten.

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Schrödinger konnte sich denken, wer von seinen Kollegen dabei mit dem Mundwerk am weitesten vorne lag: die obersten Knöpfe seines Hemdes so weit geöffnet, dass das Unterhemd aus Feinripp sichtbar wurde… Er konnte geradezu vor sich sehen, wie sich das größte Lästermaul von allen glucksend auf seinem (Schrödingers !) Stuhl breitmachte und mit den von Wally gemopsten Keksen den schon etwas speckigen Boden vollkrümelte. Als ob die Putzfrau nicht schon mit den Fitzeln der von den Flaschen diverser Feierabendbierchen abgepiddelten Etiketten genug zu tun hatte. Und es waren einige Flaschen, die sie nach Feierabend köpften. Fehlte in dieser Runde nur noch besagte Wally mit ihrer altbackenen Frisur, wie sie durch den Raum stelzte und die Asche ihres Zigarillos fallen ließ, trotz Taschenascher. Gelästert wurde natürlich (was sind wir doch für Pfiffikusse) nur dann, wenn der Chef schon weg war, der hätte sonst die Pimpinellen bekommen. Ja, ja, wenn die Katze aus dem Haus war… Aber wenigstens verzichteten die Kollegen in seiner Gegenwart inzwischen darauf, den wesentlichen Bestandteil dieser Redensart in den Mund zu nehmen, lieferte doch das verfängliche Wort die ideale Steilvorlage für ein missglücktes Wortspiel mit seinem Namen, der sich in manchen Momenten eher wie eine Bürde anfühlte.

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Und schon war das Gedankenkarussell wieder dort, wo es sich eigentlich nicht drehen sollte. Wie brachten andere die Kunst fertig, die unerwünschten Gedanken von sich zu schieben? Bestimmt nicht, indem sie sich traurig irgendwo vergruben und leise vor sich hin litten. Ob sie fünfmal die Woche im Fitneßstudio trainierten? Dafür war er nicht der Typ, aber etwas Bewegung konnte gewiss nicht schaden. So oder so, war die Zeit reif für etwas Abwechslung, sonst hätte er auch gleich eine Kreuzfahrt buchen können.

Gleich am nächsten Tag verließ Schrödinger sein Zimmer unter der Schräge im Dachgeschoss und schlenderte ziellos durchs Dorf. Einen Zeitplan hatte er nicht, dafür kehrte nun aber so langsam bei ihm der Hunger zurück und machte sich grummelnd immer stärker bemerkbar, wie ein in eine Schachtel gestopfter Maikäfer. Gefastet hatte er schließlich lange genug, da kam ihm das Wirtshaus mit dem charakteristischen kupferfarbenen Krüglein auf dem Schild an der Fassade wie gerufen. Es war zwar noch nicht Mittag, aber er spürte, dass es besser jetzt dem Verlangen nachgab, bevor das Gefühl zu brennend wurde.

Eine leichte Mahlzeit sollte es sein, und im Dorfkrug, daran konnte er sich noch erinnern, gab es ausgezeichneten Fisch mit Kartoffelsalat, ohne Mayonnaise zubereitet. Bloß keinen Karpfen, der war ihm zu fett, und auch nach Erdäpfeln, die man nicht sorgfältig genug püriert hatte, stand ihm nicht der Sinn: zuerst einen schmackhaften Salat der Saison, mit frisch gehobelten Parmesanstreifen (daher der Käsehobel, der auf Wunsch gebracht wurde), dann sein Leibgericht, und zum Schluss ein schlichtes Joghurt mit roter Grütze, verfeinert durch den goldflüssigen Inhalt der gläsernen Honigpumpe. Wie auch in der Buddelkiste schien im Dorfkrug die Zeit stehengeblieben. Was lag da näher, als dem Heimatmuseum einen Besuch abzustatten? Ob sie wohl immer noch das Drachenei ausstellten, das vor fünf Jahren der Schlager der Saison gewesen war? Dieses einzigartige Exponat übertraf sogar noch den Satz Notenblätter aus der Renaissance oder die antiken Teller für den Seder.

Gestärkt von diesem Genuss, warf er einen Blick in den Schaukasten vor dem Museum. „Christstollen, Marzipan, Lebkuchen: Backen wie zu Großmutters Zeiten“ warben sie dort zum Beispiel für einen Wochenendkurs, bei dem antike Spekulatiusmodel zum Einsatz kommen sollten. Die zu erwartende Zuckerorgie ließ ihn die miteinander um Aufmerksamkeit wetteifernden Ankündigungen überfliegen: „Tanztee unterm Lichtermeer“ (auf dem Plakat rosa-grün verschnörkelte Buchstaben vor einer funkelnden Discokugel, mit eindeutig zu viel Glitzer drauf), die Kindertagesstätte „Regenbogen-Knirpse“ führte das obligatorische Krippenspiel auf, und die evangelische Kirchengemeinde rief die Streithähne unter ihren Gemeindemitgliedern dazu auf, sich miteinander zu versöhnen.

Schrödinger begrüßte zwar den dahinter stehenden Gedanken, da an vielen Streitigkeiten oft nur eine missverständliche Artikulation schuld war, fragte sich aber gleichzeitig, ob solche Appelle am Ende nicht auf eine Milchmädchenrechnung hinausliefen und die eigentlichen Konflikte insgeheim weiterschwelten. Dann genügte eine Lappalie wie der nicht auffindbare Christbaumständer oder ob es zusätzlich zum pompösen Weihnachtsschmuck noch Kunstschnee brauchte, und es knallte an Heiligabend. Oder es kam spätestens am Sechsundzwanzigsten zur Kernschmelze. Nein, wenn Weihnachten so ablief und jeder ausgetauschte Kuss eine einzige Heuchelei war, dann konnte man es auch gleich wegwerfen. Da konnte einem ja jede Lust auf das angebliche Fest des Friedens und der Liebe vergehen.

Misslaunisch wollte er sich schon abwenden, da fiel sein Blick auf eine Veranstaltung, die der Pfarrer für den Sonntagabend geplant hatte. „Galaktische Lichterketten“… was für eine Fomulierung; so etwas Schräges hatte er schon lange nicht mehr gelesen, aber sein Interesse war geweckt: Statt des üblichen Spendenaufrufs sollte es dieses Jahr eine Sternenwanderung geben, am Strand entlang und nicht allzu beschwerlich. Bestens geeignet für alt und jung, groß und klein und für schwangere Frauen leicht zu bewältigen. 

Treffpunkt zwanzig Uhr am Winterbaum. Warum eigentlich nicht? Bei so einer Wanderung am menschenleeren Strand, an dem man jetzt ohnehin nicht sonnenbaden konnte, hatte er schon immer einmal mitmachen wollen. Geklappt hatte es nie, doch nun bot sich ihm die Gelegenheit dazu. Hätte er gewusst, was für ein Zetermordio ihn erwarten würde,  hätte er keinen weiteren Gedanken daran verschwendet.

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1005 Wörter – und nicht alle stammen aus 2017 und 2018. Auch dieser Vorsatz ist mir beim Schreiben flöten gegangen. Welche Wörter aus den vergangenen Jahren in diesen Teil der Geschichte eingeflossen sind, folgt nun hier:

2017: Sternenwandern, Käsehobel, rosa-grün, Honigpumpe, Christstollen, Spendenaufruf, Zuckerorgie, Christbaumständer, Karpfen, Kuss, Heuchelei, Lichterketten, einzigartig.

2018: Bürde, speckig, schieben, Discokugel, Krüglein, Unterhemd, knallvergnügt, verzichten, Ohnmachtsanfall, piddeln, Pimpinelle, glucksen, bräsig, pürieren, Knopf, zeitig, hüten, schlendern, Frühjahrsmüdigkeit, brav, versöhnen, Seder, mäandern, Kunstschnee, dummdreist, Notenblatt, schwanger, trainieren, Milchmädchenrechnung, galaktisch, wetteifern, Artikulation, misslaunisch, Maikäfer, leise, Schräge, brennend, köpfen, Pfiffikus, Drachenei, altbacken, knallen, vergehen, Kernschmelze, wegwerfen, pompös, sonnenbaden, Kunst, müde, verschwenden, Kreuzfahrt, stelzen, Genuss, mondän, lassen, Knirps, Winterbaum, Regenbogen.

2019: Herbstdepression, Hunger.

2020: gläsern, Zeitplan, kupferfarben, vergraben, traurig, schlafen, mopsen, Etikett, Lebkuchen, Lichtermeer.

2021: Zetermordio, backen, Museum, erinnern, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Marzipan, Weihnachtsschmuck.

Fortsetzung folgt.

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20 Kommentare zu “Jubiläumsedition – der Etüden-Spin-Off : zweiter Akt 1/2

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  2. Oh, holla, was für eine Sisyphosaufgabe, lieber Himmel, ich bewundere dich nach wie vor wirklich maßlos. Bin gespannt, wann (wie, warum) die Scherereien anfangen und freue mich schon mal auf die Sternenwanderung … 😉
    Mittagskaffeegrüße! 🌞🌳☕🍪🌼👍

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