Jubiläumsedition – der Etüden-Spin-Off : zweiter Akt 2/2

So langsam nimmt meine „Monsteretüde“ Gestalt an. „Eat.Pray.Love – schöne Grüße aus Bali“: Da würde doch jeder, der so eine Postkarte bekommt, den Absender in Asien bei der Meditation vermuten und nicht an der halb zugefrorenen Ostsee. Doch das ist nicht die einzige Tücke bei dieser Zwangspause. Um noch mitzukommen, ergänze ich nun für später Hinzugekommene, was bisher geschah:

Erster Akt – Eine unerwartete Reise: Der hauptsächlich in hoffnungslosen Fällen ermittelnde Schrödinger wird in Zwangsurlaub geschickt und reist an die Ostsee. +++ Zweiter Akt 1/2 – Bali sehen und sterben: Schrödinger meldet sich bei einer Sternenwanderung an.

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Auf Eis gelegt – zweiter Akt : Bali sehen und sterben (Teil 2)

Nur ein einsames Nachtlicht glomm in dem verdunkelten Schaufenster und ließ die bei Tageslicht grünen Sitzkissen fahlgrau und gebleicht wirken; auch die Gaststube der Buddelkiste lag in völliger Dunkelheit, ein groteskes und gleichzeitig unheimliches Bild. Ungläubig kniff Schrödinger die Augen zusammen. Ein an den Rändern angekohlter Papierstreifen, von hinten an die nun nicht mehr ganz so transparente Scheibe geklebt, verkündete die trübe Botschaft:

Wegen eines Trauerfalls bleibt die Buddelkiste die nächste Woche geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis. Ihre Familie Kind.

Vor Enttäuschung hätte Schrödinger am liebsten geschrien. Da hatte er sich so auf ein Stück Käsekuchen gefreut, um nicht mit leerem Magen zu wandern, und auch auf ein Tütchen Pralinen als Geschenk für seine Zimmerwirtin hatte er gehofft, und nun das! Gleichzeitig nagte an ihm aber auch das schlechte Gewissen. Die arme Frau Kind. Sicher hatte sie jetzt andere Sorgen, und das einzige, wozu sie in ihrem Café noch die Kraft aufbrachte, war der Leichenschmaus. Im Geiste notierte er sich, ihr so bald wie möglich zu kondolieren anstatt noch länger dem entgangenen Gaumenschmaus nachzutrauern und über sein Pech zu janken. So verroht war er dann doch nicht, sondern weichmütig genug, um zu spüren, wie sein Herz bei dem Gedanken an die Caféhausbesitzerin blutete.

Er beschloss, sein Glück statt dessen im Dorfkrug zu versuchen. Etwas essen musste er, auch wenn man hier anscheinend „bairische Wochen“ eingeläutet hatte, schließlich konnte er nicht wissen, wie lange sie mit dem Pfarrer unterwegs waren. Damit war er nicht der einzige, denn der Gastraum war bereits gut gefüllt. Die Tische mussten sie nicht für ihn extra auseinander koppeln, damit er sich in Ruhe seiner Mahlzeit widmen konnte. Er saß gerne bei anderen, denn in angenehmer Gesellschaft schmeckten ihm Semmelknödel und Pilze aus der Pfanne erst so richtig. Da musste er nicht viel schneiden. Vielleicht war noch Platz für ein Dessert. Bratapfel im Dialog mit Kürbis, zum Beispiel, aber nur, falls er wirklich noch nicht satt war. Nicht dass am Ende vor lauter Überfüllung seine Füße nicht mehr wollten.

Auch die Aussicht auf den Kamin mit Bärenfell davor war von dort, wo er saß, nicht zu verachten. Komisch, dass ihm dabei auf einmal so schwül zumute wurde. Blödes Kopfkino, dabei war an so einem unschuldigen Fell rein gar nichts sündig. Reiß dich zusammen, du bist nicht alleine hier, gab er sich innerlich einen Ruck und beschloss, mit seinen Blicken etwas anderes anzupeilen anstatt seinen Stuhl zu verrücken. Er würde noch unangenehm auffallen, wenn er weiterhin so traumverloren durch die Gegend starrte. Vielleicht half ja zum Aufräumen des Magens ein Gin? Der wurde hier in Reagenzgläsern serviert und sorgte dafür, dass einem innerlich anständig warm wurde, besonders bei so einem nasskalten Wetter wie am nicht mehr ganz so stürmischen Vortag, doch wenn er es damit übertrieb, dann wanderte er nicht mehr, sondern flog nur so dahin, formvollendet beseelt und elektrischblau.

Am besten ließ er es ganz bleiben. Die lauen Temperaturen waren nämlich trügerisch und gewiss kein Anzeichen für ein unerwartetes Frühlingserwachen. Im Gegenteil: morgendlicher Raureif, auf den Schneeflocken niedergingen, gefolgt von einsetzendem Nieselregen, übergehend in Schneeregen; und wenn es dann auch noch zu graupeln anfing, wurde daraus eine gemeingefährliche Mischung, nämlich Glatteis, und zwar flächendeckend. Am besten blieb er nüchtern, bis zu seiner Rückkehr in die Heidekate.

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Wie kurios, das Teil Winterbaum zu nennen, dachte er, musste aber zugeben dass es nicht das Dümmste war, diesen Platz, an dem im Frühjahr der Maibaum stand, variabel zu nutzen. Um ihn herum hatten sich die anderen bereits weiträumig im Kreis verteilt, und er erkannte unter ihnen einige aus dem Dorfkrug wieder. Es gab eben Erscheinungen, die man so schnell nicht vergaß, wie zum Beispiel die Dame mit ihrer eigenwilligen Kopfbedeckung, an der ein Pfauenauge in der abendlichen Brise sanft hin und her schwang. Divenhaft geputzt, erinnerte sie ihn in diesem Aufzug an eine Kunstreiterin, die in der Manege verwegen voltigierte. Aber ob so ein Turban, der nicht einmal als Sonnenhut zu gebrauchen war, für eine nächtliche Wanderung taugte? Auch die kleine Familie vom Nachbartisch mit Katzenaugen aus orangem Plastik an ihren Rucksäcken konnte Schrödinger weiter hinten entdecken.

Gleich war es acht Uhr, und bis auf den Pfarrer schien die Gruppe vollzählig zu sein. Wusste der Geier, wo dieser so lange herum trödelte. Er wollte ja nicht undankbar sein und von dem mickrigen Bisschen Warten würde er, gut eingepackt in Strickjacke, Mantel und Pudelmütze, auch nicht gleich erfrieren (das wäre ja auch zu lächerlich gewesen), aber so langsam konnte Pastor Wagner auch mal auftauchen. Andererseits war es vielleicht doch gut, dass Wagner sich verspätete. Als er den Dorfkrug verlassen hatte, war der Himmel von einem Teppich dichter Wolken überzogen gewesen; diese wurden nun jedoch stetig auseinandergetrieben. Von der schmalen Mondsichel sachte erhellt, segelten sie in Fetzen davon und erinnerten Schrödinger an bizarr geformte Korallenriffe. Hie und da glaubte er, in den Wolkenresten immer neue Figuren wie Fledermäuse, eine Teekanne oder sogar einen Affen zu erkennen, und er wünschte, er hätte diesen Anblick im  Bild festhalten können. Doch leider war gerade keine Kamera mit Stativ verfügbar. Doch wenn er jetzt schon so beeindruckt war, wie fabelhaft wäre da erst der Glanz der Sterne, von denen sie dank glücklicher Fügung doch noch genügend sehen würden. Gegen eine solche Pracht würde selbst die sprühendste Wunderkerze verblassen.

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Sturmwolkenblau, schlüsselblumengelb, giftgrün, ultraviolett: Ein ganzer Malkasten nächtlichen Himmelsleuchtens ließ irisierende Lichter, Nebelschwaden gleich, wie Bänder über das nächtliche Firmament flattern und an unzähligen glimmernden Sternbildern vorbei irren. Ein Bild des Friedens, harmonisch wie ein überirdischer, galaktischer Minnesang des Universums, doch die Idylle war trügerisch.

Noch bevor er sich weiteren haltlosen Träumereien hingeben konnte, erschütterte ein Schrei die jodhaltige Luft. Es war die Dame mit dem Pfauenhut. Kalkweiß und mit Schlick an den Schuhen stand sie stammelnd da und zeigte in die Dünen. Ein ominöses Gefühl beschlich Schrödinger. Ihrem ausgestreckten Arm zunächst mit den Blicken folgend, setzte er sich noch im selben Augenblick in Bewegung, als die Meeresbrise einen kaum wahrnehmbaren, aber unverkennbar metallischen Geruch zu ihm herantrug. Nach wenigen Schritten stand er im deutlich weicheren Untergrund und blinzelte ein paar Mal ungläubig, dann massierte er sich angestrengt die Nasenwurzel. Schrödinger hoffte, dass es ihm noch rechtzeitig gelang, die sich ihm offenbarende Aussicht so zu blockieren, dass den Kindern der schlimme Anblick erspart blieb.

Umgeben von dampfenden Schwaden lag ein Toter, mit blicklosen Augen ins Leere starrend, und dicht daneben ein blutbesudeltes Stativ.

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1056 Wörter für den zweiten Teil des zweiten Aktes – gleichzeitig auch der Auftakt zu einem Krimi, den sich mein Held auch nicht hätte träumen lassen. Diesmal sind die folgenden Wörter zum Einsatz gekommen:

2017: Korallenriff, Leichenschmaus, Wunderkerze, Stativ, Mondsichel.

2018: ultraviolett, schlüsselblumengelb, graupeln, angekohlt, stürmisch, Pfauenauge, metallisch, Frühlingserwachen, Maibaum, koppeln, formvollendet, anpeilen, schreien, elektrischblau, janken, traumverloren, giftgrün, voltigieren, verroht, Fledermaus, schwül, grün, gemeingefährlich, schneiden, grotesk, notieren, Raureif, sündig, verrücken, nasskalt, nachtrauern, transparent, bluten.

2019: unschuldig, Nieselregen, weich, irren, Katzenauge, kurios, Malkasten, trüb, helfen, Füße, harmonisch, wünschen, hingeben, variabel, jodhaltig, schwingen, Himmelsleuchten, Bärenfell, Glatteis, Pudelmütze, Schneeflocken, Teekanne, Café.

2020: mickrig, gebleicht, warm, fliegen, lächerlich, erfrieren, Teppich, flattern, schlimm, Reagenzglas, vergessen, Pilze, undankbar, fabelhaft, Nachtlicht, Gin, Käsekuchen, Minnesang, Nebelschwaden, Semmelknödel.

2021: weichmütig, orange, erschüttern, Affe, neu, blockieren, Strickjacke, trügerisch, entdecken, trödeln, Sonnenhut, haltlos, massieren, Pfanne, dampfen, lau, verwegen, Praline, wandern, Schlick, ominös, putzen, anständig, Kürbis, Bratapfel, Schneeregen, Sturmwolkenblau.

PS: Janken bedeutet soviel wie winseln, jammern, oder klagen – manchmal muss auch ich noch Wörter nachschlagen.

Fortsetzung folgt.

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13 Kommentare zu “Jubiläumsedition – der Etüden-Spin-Off : zweiter Akt 2/2

  1. Ach herrje. Na gut, ich habe angenommen, dass er in einen Todesfall/Mord stolpern könnte , aber das sieht nun wirklich nicht mehr nach Urlaub aus, der Ärmste, wo er sich doch so tapfer bemüht … 😉
    Beim Lesen erinnere ich mich ständig an einzelne Wortspenden, an meine Etüden dazu sowie an fremde 😉. Sehr irritierend, aber zugleich auch sehr amüsant. Tolle Idee.
    Morgenkaffeegrüße ☁️🌳☕🍪🌼👍

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