Jubiläumsedition – der Etüden-Spin-Off : dritter Akt 2/2

Ein Fall für Maren Fuchs. Und wie passt Schrödinger da rein? Warten wir’s ab und lassen uns überraschen. Der Knoten zieht sich immer mehr zu – hier ein Rückblick auf die vergangenen Kapitel: Erster Akt – Eine unerwartete Reise: Der hauptsächlich in hoffnungslosen Fällen ermittelnde Schrödinger wird in Zwangsurlaub geschickt und reist an die Ostsee. +++ Zweiter Akt 1/2 – Bali sehen und sterben: Schrödinger meldet sich bei einer Sternenwanderung an. +++ Zweiter Akt 2/2 – Bali sehen und sterben: Er erfährt, dass der Mann der Caféhausbesitzerin an einem Herzinfarkt gestorben ist, und dann wird bei der Sternenwanderung ein weiterer Toter gefunden. +++ Dritter Akt 1/2 – Geschlossene Gesellschaft: Kommissarin Maren Fuchs, bisher nur für eher leichte Delikte zuständig, wird zur Unterstützung der Ermittlungen abkommandiert.

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Auf Eis gelegt – dritter Akt : Geschlossene Gesellschaft (Teil 2)

Oh, diese Eile! Warum diese Hektik an einem Montagmorgen? Hatten die alle Angst, dass sich das Mordopfer erhob und wieder auferstand?

Festzustellen, dass man als Letzte die Dienststelle betrat, obwohl der Dienst noch gar nicht angefangen hatte und man so wahrscheinlich keine Sympathiepunkte beim Chef einfahren würde, fühlte sich für Maren Fuchs wie ein Halbliterglas übertrieben fruchtigen und piksüßen Eistees auf Ex an, heruntergestürzt auf nüchternen Magen und bei Minus zwanzig Grad Außentemperatur.

Angesichts der übermotivierten Kollegen kam sich Maren Fuchs deplatziert vor. Als ob es nicht schon gereicht hätte, dass ihr diese nervige und wenig erholsame Woche widerfahren war, jetzt mussten sich die einzelnen Mitglieder des Ermittlungsteams auch noch gegenseitig in ihrem Eifer überschlagen. Herr Lehrer, ich weiß was!  Zu nachtschlafender Zeit stundenlang zu recherchieren und sich durchs gesamte Einwohnerverzeichnis von Bali zu stöbern, nur um dem Chef noch vor Dienstbeginn großspurig ihre Ergebnisse präsentieren zu können, kaum dass der seine Aktentasche abgelegt hatte: Das waren Dinge, die die Welt nicht braucht.

Entbehrlich wie eine Nussallergie, waren ihr das ja schon immer die Liebsten gewesen: Die Streber, die mit ihrem penetranten, mustergültigen Fleiß den anderen aus der Jahrgangsstufe einen Spiegel vorhielten und sie auf diese Art indirekt bevormundeten, waren schon zu Marens Schulzeit eine stete Quelle für ihren Verdruss gewesen. Woanders hätten solche Vögel sicherlich Klassenkeile bezogen. Ja, überall. Nur nicht hier. Was sich wie ein leuchtendes Vorbild las und dem fortschrittlichen Schulleiter fast schon so etwas wie einen Heiligenschein auf dem Gebiet pädagogischer Prävention verliehen hatte, entpuppte sich im Nachhinein als ein Papiertiger, eingeschnürt in ein Korsett aus Verhaltensmaßregeln, bei denen es die erwischte, die öfters als zu mehr als nur einem Schabernack aufgelegt waren. Nur ihrer engelhaften Erscheinung hatte sie es zu verdanken, dass sie nicht von der Schule geflogen war und noch eine Chance eingeräumt bekommen hatte, dennoch war sie froh gewesen, als es endlich ein Ende genommen hatte und sie diesem Verein für immer den Rücken kehren konnte. Das Jahrbuch, in ihren Augen das reinste Märchenbuch, hatte sie gar nicht mehr abgeholt.

Doch leider hatte sie genau jetzt wieder mit diesem Typus zu tun.

Doch wozu das Jammern, die Arbeit musste getan werden, und die ersten Befragungen standen für Punkt acht an. Zuerst die Blumenhändlerin, danach der Berliner Gast aus der Heidekate.

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„Sie wissen ja, Herr Schrödinger: So tragisch auch ist, dass Sie und Frau Millefiore den toten Landvermesser gefunden haben, müssen wir Sie bitten, den Ort nicht zu verlassen und sich auch weiterhin zur Verfügung zu halten, solange die Ermittlungen nicht abgeschlossen sind.“

Mit diesen wenig trostspendenden Worten war er entlassen. Solange die Ermittlungen nicht abgeschlossen sind… wenn es mir schon so geht, wie muss sich die arme Familie Kind erst fühlen, ging es Schrödinger durch den Kopf.

Mit dem Landvermesser war dies nun schon der zweite Todesfall innerhalb kürzester Zeit. Einen Mord, das hatte es in dem beschaulichen Bali noch nie gegeben, und dementsprechend hohe Wellen hatte diese Nachricht geschlagen. Plötzlich war die Tatsache, dass sich der Auftraggeber des niederträchtig Ermordeten und Erwin Kind persönlich gekannt hatten, das Gesprächsthema Nummer eins, denn unglücklicherweise rückte diese Verbindung den Herzinfarkt Erwin Kinds doch gleich in ein ganz neues Licht. Geschlossene Gesellschaft? Plötzlich war selbst die Fliege an der Wand verdächtig, und solange man sämtliche Motive und Gelegenheiten, neu überdenken und auf Herz und Nieren prüfen musste, konnte Erwin Kinds auf Eis gelegter Leichnam nicht freigegeben werden. Nicht nur, dass Erna Kind nie wieder Streicheleinheiten von ihrem Erwin empfangen würde, wenn sie Pech hatten, konnte sich das ganze Spektakel bis zum Neujahrsläuten hinziehen, wenn nicht sogar bis zum Ende der Rauhnächte.

Zur Verfügung halten, diese Frau Fuchs hatte gut reden! Wo sollte er denn auch hin, etwa zurück in die Steinwüste, aus der man ihn verbannt (oder besser gesagt, kommandiert) hatte? Was hatten sie gestaunt, als er ihnen seinen Beruf verraten hatte, nur um sich dann, skrupulös um die Einhaltung sämtlicher Vorschriften bemüht, jegliche Einmischung in ihre Arbeit zu verbitten. Auch wenn er ein Kollege war, den Täter würden sie auch ganz alleine dingfest machen, davon war Nowitzki, der Leiter der Dienststelle, felsenfest überzeugt.

Keine Einmischung in die laufende Ermittlung? In dieser Hinsicht war so ein Ermittlungsteam tatsächlich so etwas wie eine geschlossene Gesellschaft. Aber ob ein unauffälliges Sich-Umhören im Stil von Miss Marple auch dazu gehörte? Dackelfalten formten sich auf Schrödingers Stirn, und je länger er über Maren Fuchs‘ Worte nachdachte, desto schwammiger erschien ihm die Anweisung, die man ihm beim Verlassen der Wache erteilt hatte.

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Fiore Millefiore. Zartes Glockengeläut, das ihn eher an eine romantischer Schlittenfahrt durch verschneite Wälder als an ein Blumengeschäft erinnerte, umfing Schrödingers Ohren. Ein wenig blass um die Nase, stand Giulia Millefiore, die Inhaberin des kleinen Ladens höchstpersönlich, hinter der Theke und arrangierte Zweige von Forsythien und Zierkirschen in einer Vase. Dabei war der Barbaratag schon längst vorbei.

Auf den ersten Blick scheinbar gefasst, betrachtete sie ihr Werk, um ein letztes Mal Hand daran anzulegen, bevor sie es ins Schaufenster stellte. Doch als er genauer hinsah, entging ihm nicht das Zittern ihrer Hände. Giulia Millefiore, der Dame mit dem imposanten Hut, schien der grausige Fund vom Strand doch näherzugehen, als es für ungeübte Augen den Anschein hatte. Es war und blieb ein kitzliges Thema: Auch wenn Menschen unterschiedlich mit einer solchen Begegnung umgingen, hätte er an ihrer Stelle den Laden an diesem Tag geschlossen gelassen, denn (so viel wusste er aus Erfahrung) ein solches Erlebnis steckte niemand so einfach weg.

Wenig später hatte er die Bestätigung. Aus dem angrenzenden Gewächshaus erscholl plötzlich eine Kanonade aus Lärm, gefolgt von wütendem Hundegebell, und gleich darauf schoss durch die halb geöffnete Tür ein Vierbeiner mit Dreckklumpen im struppigen Fell wie ein Kugelblitz in den Verkaufsraum, dass Frau Millefiore einen Schrei des Entsetzens ausstieß und die Vase fallenließ. Geistesgegenwärtig überwand Schrödinger die Distanz zu ihr und fing den Gegenstand auf, bevor er auf den vierbeinigen Schmutzfink niederging.

Piccolino, wie der herzförmige Anhänger an seinem Halsband verriet, hatte sich überraschend schnell wieder beruhigt. Als ob er kein Wässerchen trüben könne, schaute er Giulia Millefiore fragend an und wunderte sich offenbar, warum die zu erwartende Schelte ausblieb und sein Frauchen statt dessen zitternd von einem fremden Kunden zum nächstbesten Stuhl geleitet wurde.

Ein Terrier ist eben kein Kuscheltier, seufzte Schrödinger innerlich und tätschelte der aufgelösten Floristin sachte den Arm, in dem hilflosen Versuch, sie zu beruhigen. Doch das war gar nicht so einfach. Es würde dauern, bis sie soweit war, auch nur ein vernünftiges Wort zu äußern, und so drehte Schrödinger das Geschlossen/Offen-Schild um, während Frau Millefiore vor sich hin schluchzte. Rechtsdrehend, linksdrehend, völlig egal… Es kam nur darauf an, dass nicht noch mehr neugieriges Volk in den Laden hereingeschneit kam und darauf hoffte, den neuesten Klatsch lang und breit mit der Italienerin zu teilen.

„Roberto“ war schließlich das erste, was sie stammelnd herausbrachte, um nach einer weiteren Pause ein „… so ein herzensguter Mensch… warum er?“ hinterherzuschicken und mit bebender Stimme Schrödinger so intensiv von unten heraus anzuschauen, so dass es ihm kalt den Rücken hinunterlief: „Mein armer Roberto. Aber ich schwöre, wenn ich den Teufel erwische, der ihm das angetan hat, dann…“

Der Satz verhallte unbeendet in der Luft. Der plötzliche Ausdruck verzweifelter Entschlossenheit in ihren Augen hatte das Zeug, selbst einen Herbststurm noch in den Schatten zu stellen.

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1206 Wörter – und diesmal habe ich folgende Wörter aus den letzten fünf Etüdenjahren darin untergebracht:

2017: Heiligenschein, Neujahrsläuten. Rauhnächte.

2018: dingfest, tätscheln, skrupulös.

2019: auferstehen, bevormunden, entlassen, Gewächshaus, Herbststurm, Hundegebell, Kuscheltier, Nussallergie, Steinwüste.

2020: kommandieren, Papiertiger, Schabernack, breit, Forsythien, großspurig, engelhaft, Landvermesser, Schmutzfink, teilen, Quelle, stöbern, Märchenbuch, Schlittenfahrt, Streicheleinheiten.

2021: Klassenkeile, schwammig, Dackelfalten, fruchtig, Korsett, rechtsdrehend, widerfahren, recherchieren, niederträchtig, kitzlig, Aktentasche, Eistee.

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12 Kommentare zu “Jubiläumsedition – der Etüden-Spin-Off : dritter Akt 2/2

  1. Ich kann mich nur anschließen – ich finde es immer noch sehr weitschweifig, aber ausgesprochen interessant! 🧡👍
    Herzliche Morgenkaffeegrüße 🌞🌳☕🍪🌼👍

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