ABC-Etüden 2022 : „7 aus 12 – das Etüdensommerpausenintermezzo 2022“, Teil 3

Ich habe mir eine Pause vom Job genommen, aber nicht von den Etüden. Hier kommt Nummer drei – diesmal mit neun von zwölf Begriffen, die Christiane ausgelost hat (näheres gibt es hier). Das wären zwei mehr als das Minimum von sieben, einzubinden in eine Etüde von beliebiger Länge, die auch noch den Satz „Wie wenig wir einander kennen“ enthalten soll.

Aus dem Lostopf wurden gezogen: Flohzirkus, Flughafen, Herrgottsfrühe, Kulleraugen, Milonga, Regionalbahn, Schatten, Sommerpause, Tischtuch, Ukraine, Wasserrationierung und Wasserratte.

Diesmal habe ich mich von einer Annonce in unserer Zeitung inspirieren lassen und die Handlung in den hohen Norden verlegt – die von mir verwendeten Wörter habe ich oben (und nicht im Etüdentext) gefettet.

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Auf der Suche

Bloß raus aus der Sonne und hinein in den Schatten. Seit dieser unsäglichen Wasserrationierung in unserem Block hatte ich beschlossen, anstrengende Tätigkeiten und damit verbundenes Schwitzen zu vermeiden, um weniger duschen zu müssen und so Wasser zu sparen. Eine Wasserratte war ich ohnehin nie gewesen, aber ob diese Methode auf Dauer Erfolg versprach?

Betty, deren Arbeitgeber gerade in die Sommerpause gegangen war und alle Angestellten in Zwangsurlaub geschickt hatte, war da eher skeptisch eingestellt, auch wenn sie mir im Grunde beipflichtete. Während sie das Gartentor hinter sich schloss, nahm ich unter dem großen Sonnenschirm in ihrem Garten Platz. Erschöpft von der anstrengenden Fahrt mit der nichtklimatisierten Regionalbahn, lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück und ließ meinen Blick über den Gartentisch schweifen. Aufgeschlagen vor mir, lag die Seite mit den Stellenanzeigen.

Sargträger (m/w/d) – Geringfügige Beschäftigung: Die Sargträger/innen erhalten pro Einsatz eine Pauschale von 35.00 €. Die vollständige Stellenausschreibung können Sie auf unserer Internetseite www-xxxxxx-de-Stellenausschreibungen einsehen.

Den Text in großen Lettern hatte Betty dick mit roten Filzstiftstrichen umrahmt.

Wie wenig wir einander doch kannten: Seit wann war denn Betty auf der Suche nach einer zusätzlichen Beschäftigung? Dass sie das Geld so nötig hatte… und dabei verdiente sie als Verkäuferin bei Metzger Blohm doch gar nicht so schlecht. Ja, das hatte ich die ganze Zeit über geglaubt, aber dank des Kriegsausbruchs in der Ukraine fürchtete sie erhöhte Gaspreise. Da konnte es nicht schaden, schon mal für ein finanzielles Polster zu sorgen und alles zu nehmen, was schöne Nebeneinkünfte versprach, so ihre Meinung zu dem Thema.

Aber Betty als Sargträgerin? Das konnte ich mir nun so gar nicht vorstellen.

„Na, besser als in aller Herrgottsfrühe aufzustehen und Zeitungen auszutragen!“ erwiderte sie, „und sich den Unmut all derer zuzuziehen, die den Sch**** Einkauf Aktuell nicht haben wollen.“

Da musste ich ihr recht geben. Betty als Sargträgerin? Aber anscheinend war es ihr ernst damit.

„Oder hier,“ fuhr sie fort, „das Café Milonga sucht noch nach Servicepersonal: dreckiges Geschirr und benutzte Gläser abräumen, Tischtücher wechseln, Sahnesyphons austauschen… ein Traum!“

Das neue Café im Nachbarort? Den Namen hatte es anscheinend von den Salsa-Abenden, die jeden Mittwochabend dort stattfanden. Gefallen hatte es den Einwohnern von Bali nicht, als die Konkurrenz zur Buddelkiste in greifbare Nähe gerückt war, bis die ersten eingeknickt waren, weil die Neugier gesiegt hatte. Mit einem Salsa-Meister wie diesem Miguel Andrés, dessen Kurse in Kiel auf Wochen ausgebucht waren, konnten die Torten und Kuchen der Erna Kind nur schwerlich mithalten. Und jetzt wollte Betty genau dort anheuern?

Fair fand ich das nicht gerade, also versuchte ich, es mit einem Appell an ihre Sparsamkeit zu versuchen.

„Überleg es dir gut, ob Du das tägliche Pendeln auf Dich nehmen willst. Ob sich das noch rechnet, wenn Du die Fahrtkosten vom Lohn abziehst?“

Doch da hatte ich die Rechnung ohne Betty und ihr Geburtstagsgeschenk gemacht, das sie mir nun strahlend vorführte: ihr Dreißig-Gänge-High-Tech-Rad, eine Gabe von ihrem Langzeitverlobten Max, Sport- und Fitnessfreak vorm Herrn, der es nicht mehr hatte mitansehen können, wie sich sein Herzblatt auf einer alten, schon leicht angerosteten Scherbe den Deich entlang quälte.

Eine Tüte Mitleid, bitte! Das hatte er bestimmt nicht ohne Hintergedanken getan. Bestimmt hatte es ihm gestunken, dass Betty bei ihren gemeinsamen Radtouren ständig hinterherhing. Aber was Max konnte, das konnte ich auch.

Gleich morgen würde ich Erna fragen, ob sie nicht vielleicht doch eine Tätigkeit in ihrer Buddelkiste für Betty zu vergeben hatte. Da würde Betty vielleicht nicht ganz so viel verdienen wie im Milonga, aber dafür musste sie sich auch nicht so früh aus den Federn erheben.

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In 587 Wörtern zur Etüde. Ob es für noch eine reicht? Schau’n wir mal.

Dienstags-Gedudel #132 : Nach Farben sortiert – Let the sun shine in

Nach Gelb kommt Orange? Im Prinzip ja, aber ich wollte die Sonne reinlassen, und die ist in diesem Fall rot. Also wechseln wir gleich mal die Farbfamilie, bevor wir uns auf Mischtöne einlassen.

Red Red Sun

Wer übrigens bei der Nennung der Farbe Rot auf ein fröhliches Trinklied gehofft hat, muss noch ein Weilchen warten. In diesem Fall muss ich den bzw. die Künstler nicht nochmal extra erwähnen – das im Standbild festgehaltene Plattencover spricht Bände.

eine heiße Scheibe – https://www.youtube.com/watch?v=gMG4FR-V8RY

Auf jeden Fall ist es mein persönlicher Wachmacher für diesen Tag. Chillen kann ich auch an einem anderen Tag.