ABC-Etüden 2022 – Wochen 36 & 37 – Etüde 2 – Was Du sagst und was Du denkst

Wer sich gefragt hat, was für ein zeitintensives Projekt ich mir jetzt schon wieder aufgehalst ausgesucht habe, das mir eventuell keinen Raum für Etüden lässt, wird die Antwort schon bald erfahren. Natürlich war die Panik völlig unbegründet – ich nehme die neue Etüdensaison (hier, auf Christianes Blog) als Möglichkeit wahr, für das nächste längere Werk ein wenig zu üben.

Gelegenheit dazu bieten die Wörter Brechreiz, anschmiegsam und buchstabieren, die der nicht mehr bloggende Ludwig Zeidler gespendet hat. Ich habe sie diesmal im Text unterstrichen, denn bei der folgenden, mit nicht ganz stubenreinem Jargon durchmischten Schilderung einer fiktiven Begegnung (wo auch immer) könnte die Erzählerin die meiste Zeit über nur schreien.

Schreien würde auch sicherlich meine Deutschlehrerin und sich die Haare raufen, so sie noch welche hat oder auf Erden weilt. A propos „auf Erden weilen“… trotzdem: Wer schon einmal von einem Betrunkenen belästigt wurde, sollte an dieser Stelle vielleicht nicht unbedingt weiterlesen.

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Was Du sagst und was Du denkst

„Holla die Waldfee! Ein Engelchen auf Erden. Magst Du nicht die Meine werden? Du bist die Sahne auf dem Kuchen. Komm, lass uns Deine Flügel suchen… Hicks!“

Huch?! Nein!! Bloß das nicht!!!

Doch die Horrorshow hat gerade erst angefangen. Die Schwallerei geht weiter, der Laberhannes hat Durst. Durst auf mehr. Aber halt, mein „Freund“: So nicht. Nicht mit mir.

Och nö! Welchen Teil des Satzes hast Du nicht verstanden? Muss ich es Dir wirklich nochmal von vorne buchstabieren? Boah ey, da bekomme ich doch echt Brechreiz und Fußpilz. Selbst Amöben haben mehr Substanz als Dein Geblubber von dem jetzt im Himmel fehlenden Engel.

Drei.. zwei… eins… Hau weg die Griffel! Dein Hirn geht in Stellung und eröffnet das Sperrfeuer. Achtung, fertig, los…

Aber das denkst du bloß.

Statt dessen verziehst du den Mund zu einem schmallippigen Grinsen und trittst dem anschmiegsamen Trunkenbold „rein zufällig“ und „ohne jeden Hintergedanken“ auf den Fuß.

Hoppla!“ Gedankenpause. „Ooooooch, das tut mir ja sooooo leid!“ Nicht.

Der Ausdruck auf dem Gesicht des Schmierlappens, als du in der Menge entschwindest, juckt dich nicht die Bohne, Hauptsache du hast deine Ruh‘.

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Das waren 184 Wörter für den Versuch, Gedachtes und Reales unter einen Hut zu bringen. Und ich merke gerade: von so einem Nervtöter wurde vor kurzem erst meine Geduld ziemlich strapaziert – dem bin ich dann verbal auf den Fuß gestiegen – und nicht physisch. Da war es naheliegend, dass ich mir die erste der drei Illustrationen ausgesucht habe.