ABC-Etüden 2022 – Wochen 40 & 41 – Etüde 3 – Der Whistleblower

Und noch eine Etüde für die aktuelle Runde (hier, bei Christiane) mit von Werner Kastens (mit Worten Gedanken horten) gespendeten Wörtern Zeitlupe, behäbig und verprassen – kryptisch gehalten. So kann sich jede/r sein bzw. ihr eigenes Bild machen:

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Der Whistleblower

Der Adler ist gelandet.

Vier Worte per WhatsApp an ihn gesendet. Er wusste nicht, was tun. War das das vorab vereinbarte geheime Zeichen? Entschlossen öffnete er den Rechner und gab den vierstelligen Code in das dafür vorgesehene Feld ein. Mit dem behäbigen Herumliegen war es vorbei. Jetzt war Zeit für Taten. Er hatte lange genug geschlafen.

Die Meldung ist raus.

Vier Worte per WhatsApp zurück an den Absender der Adler-Nachricht. Zu schade, dass er ihr Gesicht nicht sehen konnte, wenn sie es nachher aus den Nachrichten erfahren würde. Schließlich hatte er nicht nur Zeit und Geld verprasst, um hinter alle Informationen zu kommen, die dank Wikileaks bald kein ängstlich gehütetes Geheimnis mehr wären.

Wovon bitte redest du?

Vier Worte einer Frage an ihn, die den Grad ihrer Verwirrung beschrieb. Und damit er nicht länger im Dunkel tappen musste, schob sie noch ein Bild nach, das sie soeben während des Konzerts geknipst hatte. Damit er wusste, welchen Song sie gemeint hatte.

Ach, du heilig’s Blechle.

Vier Worte, gefolgt von einem Fluch, die sein Entsetzen in einem einzigen Satz zusammenfassten. Sein triumphierendes Lächeln gefror in Zeitlupe. Das geheime Zeichen war DAS nicht gewesen. Zu früh gefreut, doch ein Zurück gab es nicht mehr. Der Vogel war ausgeflogen und konnte nicht mehr eingefangen werden.

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Für die 211 Wörter lange Etüde habe ich mich von der Zugabe „The Eagle has landed“ beim Saxon-Konzert gestern Abend inspirieren lassen.

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5 Kommentare zu “ABC-Etüden 2022 – Wochen 40 & 41 – Etüde 3 – Der Whistleblower

  1. Diese Etüde spricht mich auf der formalen Ebene an mit diesen Vier-Wort-Botschaften und auch der Ton gefällt mir gut. Aber ich muss gestehen, ich verstehe den Inhalt nicht wirklich: ist „der Absender“ und „Sie“ durchgehend die selbe Person? Ich vermute mal, „er“ hat irgendwie die WhatsApp – Chats verwechselt, aber ist die durch den Leak ruinierte „sie“ die selbe wie die Frau auf dem Konzert?
    Ich finde solche Etüden toll, die eine riesen Story im Hintergrund haben, diese aber mit den wenigen Wörtern nur andeuten. Wenn mich die Personen-Unklarheit nicht so plagen würde, fände ich dieses Konzept hier super umgesetzt. Aber vielleicht steh ich ja auch bloß blöd aufm Schlauch. Christiane scheint ja zumindest keine Verständnisprobleme zu haben…

  2. Ich repetiere mal für mich selbst:
    ER erhält die Nachricht DER ADLER IST GELANDET, ist aufgeregt und merkt gar nicht, dass es eine Nachricht von seiner Frau/Freundin ist, glaubt, dass sei die Aufforderung, aus seinem Dasein als „Schläfer“ heraus zu treten und die Wikileaks-Info frei zu geben;
    ER informiert – wieder ohne hinzuschauen -seine Frau/Freundin mit der Nachricht DIE MELDUNG IST RAUS;
    SIE, seine Frau/Freundin fragt nach: WOVON BITTE REDEST DU? und schickt ihm ein Foto;
    ER merkt, dass er Mist gebaut hat und dass für ihn eine Katastrophe naht, die wohl die zweite SIE jetzt gegen ihn lostreten wird.

    So verstehe ich diese Geschichte, die mir so auch sehr gefällt. Mal ein ganz neues Milieu.

  3. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 42.43.22 | Wortspende von Allerlei Gedanken | Irgendwas ist immer

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