Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 10

Kapitel 10 *** Fiona : Bringt großen Appetit mit und eure Meinung

Jetzt wär es Zeit, daß Götter träten aus bewohnten Dingen…
Und daß sie jede Wand in meinem Haus umschlügen. Neue Seite.

-Rainer Maria Rilke „Die Welt steht auf mit euch“-

Äpfel. Pilze. Holunder – alles frisch! Ich glaub‘, mein Schwein pfeift. Wir haben noch nicht mal Mitte Juni, und doch ist das Zeug schon reif. Das glaubt mir doch kein Mensch! Das wird mir gerade alles zu viel hier, und ich muss raus aus dieser Waldhütte. Bloß weg von hier und hinauf zu dem Platz, den ich mir ausgesucht habe, wenn ich allein sein möchte. Gerade kann ich von den anderen niemanden ertragen, nicht Flo, nicht Finn und auch nicht Feli, mein liebes Schwesterherz, so wie die sich im Moment aufführen. Kein Wunder, dass sie sich gebauchpinselt fühlen, bei der Verehrung, die man ihnen auf Schritt und Tritt entgegen bringt. Finn hier, Feli da. Im Gegensatz zu euch traue ich diesen Leuten nicht.

Gar nicht mehr einkriegen konnten die sich, als sie mitbekommen haben, wie Feli aus purer Langeweile sich durch die bisher geschossenen Bilder gescrollt hat. Ja, haben die noch nie eine Digitalkamera gesehen? Anscheinend nicht – und plötzlich muss ich wieder an den Film denken, den wir irgendwann im Fernsehen gesehen haben und in dem eine Gruppe zurückgezogener Mönche so eine Kamera wie einen Schatz hüten – „Das Jesus Video“ oder so ähnlich: So, wie sie uns alle anhimmeln, grenzt das ja schon an Heldenverehrung. Vorsprung durch Technik? Wir sind doch keine Götter!

Was ein paar hundert Meter schon ausmachen können. Je mehr Abstand ich zwischen sie und mich bringe, desto besser. Aus der richtigen Entfernung kann ich das seltsame Treiben und das aufgeregte Hibbeln doch viel besser beobachten – welch herrliche Ruhe hier oben! In der frischen Luft hier oben lässt sich doch gleich viel freier atmen. Bei der hektischen Betriebsamkeit da unten wusste ich zuletzt echt nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Dass die aber auch immer gleich so hohldrehen wegen eines Festes… Mannomann.

Eigentlich könnte ich jetzt mal einen Gang runterschalten, doch so einfach ist es nicht. Die Gedanken sind frei… und rotieren, denn wenn ich schon mal dabei bin, kann ich genauso gut auch schon meinen nächsten Beitrag für unser Blog vorbereiten – Titel: „666 The Number of the Beast“, schon allein wegen Feli, die meinte, ein Songzitat am Anfang jedes neuen Beitrags würde unsere Texte unheimlich aufpeppen, und was wäre da passender als Iron Maiden? Also in etwa so:

„Blog Post #666 : ‚Let him who hath understanding reckon the number of the beast, for it is a human number, its number is six hundred and sixty-six‘

Ich habe ja mit allem gerechnet, doch diese Ansammlung von Späthippies in Weiß toppt alles bisher Dagewesene. Nicht mal die Walpurgisnacht an den Externsteinen kann da mithalten. Zurück zur Natur? Selbst in der Mittelalterszene nehmen sie das Thema ‚Lagern‘ nicht so ernst wie die Erben Avalons hier: Sammeln von Früchten und Beeren, jagen von Kleinwild mit Pfeil und Bogen und Aufstehen mit den Hühnern ist Teil ihrer täglichen Routine. Dazu die Gebete und Anrufungen. Wobei… einige scheinen so etwas wie ein Schweigegelübde abgelegt zu haben, so wie eine der jüngsten von ihnen, die auf den Namen Raven hört. Jeden Morgen schreitet sie vor Sonnenaufgang hinab zur heiligen Quelle von Ynis Witrin und schöpft das Wasser für die Herrin des Steinkreises.

Oh ja, ich habe den Kreis aus unbehauenen Steinen gesehen, der uns bei unserer Ankunft gar nicht aufgefallen ist. Die Aussicht von dort oben ist spektakulär, und wenn erst mal zur Sommersonnenwende die Feuer entzündet werden…“

Schreiben kann man viel, wenn der Tag lang ist. Nur ist es mit dem Schreiben so eine Sache. Mein 666. Blog Post muss leider noch warten, aber nicht, weil ich als abergläubischer Mensch diesen Humbug von der Zahl des Teufels für bare Münze nehmen würde, sondern weil ich mein Laptop leider gerade nicht zur Hand habe. Und selbst wenn, würde es mir nichts nützen. Wir haben nämlich schlicht und einfach keinen Strom. Der Akku, den wir gerade erst aufgeladen haben, wäre innerhalb kürzester Zeit tot.

Houston, wir haben noch ein ganz anderes Problem. Durch den Dunst unterhalb des Steinkreises sehe ich eine Gestalt den Steinweg hinauf hasten. Flo. So aufgeregt, wie er mir entgegengelaufen kommt, muss irgendwas mit Lilly sein. So schnell kann es mit dem Frieden vorbei sein.

Als wir die Hütte betreten, nippt Lilly an einem Becher. Nach Kräutern duftender Dampf steigt auf. Was auch immer vorher mit ihr los war, jetzt wirkt sie geradezu entspannt. Für einen Moment frage ich mich, ob ich nicht vielleicht doch zu misstrauisch war; denn so, wie sie sich hier um sie kümmern, scheint ihnen Lillys Wohlergehen wichtig zu sein. Nach diesem offensichtlichen Fehlalarm müsste Flo sich doch nun so langsam wieder beruhigen, doch so wie er seine Hände in den Taschen zu Fäusten ballt, spüre ich, dass er sich immer noch in Alarmbereitschaft befindet. Daran können auch all die vielen Kräuter um uns herum nichts ändern.

Er traut den Erben Avalons also genauso wenig über den Weg wie ich. Das ist ja mal eine Überraschung. Nachdenklich folge ich ihm nach draußen.

Kaum sind wir außer Hörweite, legt er auch schon los – davon, dass all das hier nicht normal wäre und dass hier irgendwas ganz und gar nicht stimmen würde.

Von wegen bringt großen Appetit mit und eure Meinung:  „… seit wann sind Äpfel und Holunder schon im Juni reif? Und dann noch die Sache mit den Pilzen…“

Auf einmal weiß ich, was er meint. Frühestens im September dürfte es mit der Pilzsaison losgehen. Wusste ich es doch: Zeitlich kommt das überhaupt nicht hin. Entweder befinden wir uns in einer anderen Zeitzone, oder aber

„… oder aber, und das kommt jetzt wie ein Schock: Auf dieser Insel vergeht die Zeit anders als auf der anderen Seite des Sees.“

Hä? Zuerst verstehe ich nur Bahnhof, doch dann dämmert es mir so langsam. Er spricht von Avalon oder zumindest von dem, was er noch aus dem Roman und dessen unsäglichen Verfilmung in Erinnerung hat.

„… Marion Zimmer-Bradley hätte ihre wahre Freude an uns gehabt!“

Nee, oder?

„Vielleicht würde das erklären, warum sie uns hier Früchte servieren, die eigentlich noch gar nicht reif sein dürften. Oder warum Felis Kamera von jetzt auf gleich den Geist aufgegeben hat.“

Kein Strom? Kann sein, aber womit Flo jetzt rausrückt, verschlägt selbst mir die Sprache: Lilly gehe es schlecht, weil die Zeit hier anders als in unserer Welt verstreiche. Willkommen auf der Ynis Witrin, der Insel der Glückseligen, dem Sitz des Feenvolkes und dem Zugang zu Annwn, der Anderwelt. Ja, dreht er denn jetzt total am Rad? Will er mir ernsthaft weismachen, dass wir in einem Paralleluniversum gelandet sind? Noch dazu in einem, das wir alle bisher für einen Mythos gehalten haben? Oder besser gesagt, für eine Sage aus dem Mittelalter, die auch durch die x-te Neuauflage einer amerikanischen Fantasyautorin nicht glaubhafter wird?

„Erinnere dich: Du hast gesehen, was passiert, als Anjelica Huston auf dem Boot steht und die Nebel mit einer Geste ihrer Arme teilt…“, fängt Flo mit seinem Lieblingsthema an. Ach ja, die alte Leier. Mittlerweile kann ich Lilly verstehen, wenn ihr Liebster ihr auf den Keks geht. Und dabei bin ich noch nicht mal schwanger.

Genervt winke ich ab. Den Spruch kann ich schon auswendig: Als sich die Nebel teilten, kam Avalon in Sicht; und so gebe ich meinen Senf dazu, den vermutlich auch er nicht mehr aufs Brot geschmiert bekommen möchte: „Ja, ja, das Gleiche, das auch Julianna Margulies – pardon, Morgaine – wollte, aber bei der Aufgabe kläglich versagt hat.“

Aber wenn ich geglaubt habe, dass der Keks damit gegessen ist, habe ich nicht mit Flo gerechnet, der mir lauernd an den Lippen gehangen hat.

„Ach ja? Dann sag mir doch mal, Miss Superhirn, wie es sein kann, dass wir das fertig gebracht haben, woran Morgaine gescheitert ist?“

Auf meine Antwort wartet er gar nicht erst, sondern legt, ohne mit der Wimper zu zucken, nach: „Mensch Fiona, mach die Augen auf. Die Kamera ist denen völlig wumpe. Ich sage dir, dieses ganze Gefasel von Göttern, die angeblich zu ihnen gekommen sind, liegt bestimmt nicht daran – nein, es ist der Stein.“

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Die Vorlage zum 10. Kapitel: Jugendliche lernen die spezielle Kultur kennen, stellen fest, dass die Leute sie für Gottheiten halten, weil sie den Schatz haben; einem Mädchen geht es schlecht (schwanger). Jugendliche kommen zu altem Stamm (ähnlich wie Indianer), finden bei den religiösen Siedlern Zuflucht (leben nur mit Material und Nahrungsmitteln aus dem Wald).