Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 11

Kapitel 11 *** Jo : Zwei Minuten vor Mitternacht

The world’s at stake
Under an oath that cannot break

-Arch Enemy „Handshake with hell“

„Wie jetzt… Götter?“ entfährt es mir, als ich die traute Zweisamkeit zwischen Flo und Fiona unterbreche, weil ich kaum glauben kann, was er sich da vor ihren Ohren zusammenspinnt.

Ach ja? Dann sag mir doch mal, Miss Superhirn, wie es sein kann, dass wir das fertig gebracht haben, woran Morgaine gescheitert ist?

Morgaine – war ja klar. Natürlich hätte ich mir denken können, dass er jetzt schon wieder mit seinem Fantasykram anfängt. Ich fasse es nicht.

„Götter? Ganz ehrlich, Flo: Du hast doch ‘nen Vogel!“ – und zwar einen gewaltigen. Der Stein als Schlüssel zum Jenseits? Fragen Sie Sprung-in-der Schüssel.de oder Flo, der glaubt so einen Stuss. Und Fiona lässt sich auch noch von ihm einlullen.

„Mensch Jo, halt mich meinetwegen für bekloppt, aber ich wette, ohne den Stein wäre die Insel gar nicht erst aus dem Nebel aufgetaucht. Auf deinen ach so tollen Karten war sie jedenfalls nicht eingezeichnet. Oder wir sind meilenweit vom Kurs abgekommen. Was ich aber nicht glaube.“

Meine ach so tollen Karten? Wenn Flo noch länger so weiter macht, platzt mir der Kragen. Im Gegensatz zu dem GPS, das er und die anderen so in den Himmel loben, funktionieren die aber wenigstens auch in einem Funkloch. Ich hasse mich ja selbst dafür, dass ich mal wieder den Vernünftigen raushängen lasse, aber bei so viel Ignoranz könnte ich glatt an die Decke gehen. Aber wie heißt es doch so schön? Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.

„Schön für dich, Jo“, mault Flo zurück. Anscheinend habe ich an den Vorteil des Lesenkönnens nicht bloß nur gedacht, sondern…  „man muss das Gelesene auch verstehen können.“

So ein Klugscheißer. Lilly und ihr Kind tun mir jetzt schon leid. Mir reicht’s jetzt endgültig. Fehlt nur noch, dass er damit kommt, es müsste nicht Annwn Annwn Annwn, sondern Mospleh Mospleh Mospleh heißen, wie in einem der Bücher, die er dabei hat. Zwerge, Elfen, Drachen… Mir war dieses seltsame Werk, für das die Autorin offenbar von Tolkien abgekupfert hat, viel zu abgedreht. Oh, da war ich bei Flo aber an der falschen Adresse. Der hat dann auch prompt was von „ein Meisterwerk nicht erkennen, wenn es ihn anspringt“ und „von Inkarnationen keine Ahnung haben“ gefaselt und mich wie der letzte Idiot dastehen lassen. Tut mir leid, wenn ich mit so einem Schmarrn nichts anfangen kann, ob linear erzählt oder nicht.

Und jetzt sollen uns diese Leute hier für Götter halten? Glaubt jemand tatsächlich an so einen Hokuspokus? Andererseits – so wie sie um Lilly herumscharwenzeln, könnte man glatt auf den Gedanken kommen. Am besten mache ich mich auf die Socken, um mich vom Gegenteil zu überzeugen, doch noch nicht jetzt. Auch wenn ich bis Mitternacht nicht warten will, ist es jetzt noch viel zu früh.

Als alles schläft, schleiche ich mich im Schutz der Dunkelheit an die Hütte des Dorfältesten heran: Eine Blockhütte mit Fensterluken, vor die sie Felle gehängt haben. Das ist ja wie bei nordamerikanischen Trappern hier. In den nicht überall abgedichteten Ritzen zwischen den unbehauenen Holzbalken glimmt es sanft. Schön, dass die Felle zwar den Wind abhalten, aber den Schall nicht schlucken. Stimmengemurmel dringt an mein Ohr, das ich an eine der Wände gelegt habe. Eines der Felle hängt schief und gibt einen winzigen Spalt frei. 

Mensch, Jo, heute ist dein Glückstag! will ich mir schon selbst gratulieren und in Gedanken auf die Schultern klopfen, da kommt Bewegung in den Fellvorhang und eine Gestalt in Sicht. Mist. Hoffentlich haben sie mich nicht gesehen, zucke ich zusammen und ducke mich tiefer ins Gebüsch. Wie eine Statue füllt der schwarze Schatten die Fensteröffnung aus, rührt sich nicht; die Welt bleibt stehen und mit ihr mein Herz. Für einen Moment, wer weiß wie lange, friert die Zeit ein, und ich traue mich kaum, zu atmen. Nicht, dass er mich doch noch dabei ertappt, wie ich ihn und die anderen belausche.

Nach einer gefühlten Unendlichkeit fällt sanftes Licht durch den Spalt auf die Blätter über mir. Der Schatten hat sich endlich zurückgezogen, so als ob nichts gewesen wäre, und ich atme zitternd und in kleinen Stößen aus. Sammle dich, Jo -jetzt bloß keinen Fehler machen. Eine falsche Bewegung, und es knackt unter deinen Füßen. Jedes Geräusch, und sei es auch noch so klein, könnte mich verraten und das Ende bedeuten.

Vorsichtig richte ich mich auf und schiebe mich in Zeitlupe so weit vorwärts, dass ich gerade mal so über das Fensterbrett hinweg in die Hütte spähen kann. Da stehen sie im Kreis um einen mit kunstvollen Schnitzereien verzierten Tisch herum und halten sich an den Händen, Beschwörungsformeln murmelnd, während der Stein vor ihnen auf dem Tisch in sanftem Gelb pulsiert. Das ist also die ominöse Lichtquelle. Eigentlich hätte ich erwartet, sie um ein Feuer herum gruppiert zu finden, wenn sie sich schon zu einem Ritual versammelt haben, bei dem auch die Hohepriesterin mit ihren charakteristischen Tätowierungen und dem Opfergefäß nicht fehlen darf.

Hilfe! Das hat mir gerade noch gefehlt: Ein Haufen Verrückter, der mit Tierblut hantiert und den Kadaver eines Hasen oder anderen armen Vierbeiners in die Flammen wirft, zu welchem faulen Zauber auch immer.

Aber irgendetwas scheint dabei schiefgegangen zu sein. Aufgeregtes Flüstern. Jetzt wird ein in Häute gebundener Wälzer gezückt und auf den Tisch geworfen. Der Stein glimmt und zittert unheilvoll, wechselt die Farbe. Erst weißlich, dann in kupfernem Orange, und zuletzt blutrot… Taucht die Gesichter der Anwesenden in ein unheilvolles Licht und verzerrt sie zu Teufelsfratzen. Ich kann mir nicht helfen, aber just in diesem Moment kommt mir ein Artikel in den Sinn, den ich vor kurzem erst irgendwo im Internet gelesen habe. Wenn ich nur wüsste, wo…

„Wie man sagt, praktizierten sie auch andere Arten von Menschenopfern. Die einen erschossen sie mit Pfeilen, die anderen pfählten sie in ihren Heiligtümern, oder sie fertigten aus Stroh und Holz ein riesiges Standbild und steckten dann Vieh, wilde Tiere und Menschen hinein, um so ein Brandopfer darzubringen.“

„The Wicker Man“ lässt grüßen. Ich fand den Film auch so schon unsäglich, aber das hier? Die Knochengrube, die ich neulich gesehen habe, kam mir ja schon verdächtig vor, aber nun lässt der Artikel, der mir jetzt wieder durch mein Hirn spukt, diesen gruseligen Zirkel in einem ganz neuen Licht erscheinen.

Noch bis vor etwa 50 Jahren waren keltische Opferhandlungen fast ausschließlich aus diesen Schilderungen antiker Autoren bekannt – und es war nicht ganz sicher, ob man den Berichten über Menschenopfer tatsächlich trauen durfte. Aufsehenerregende neue Funde jedoch machen sie derzeit zum Gegenstand intensiver archäologischer Forschungen und zeigen, dass die antiken Schilderungen nicht aus der Luft gegriffen waren.

Ach, du Sch**** – und jetzt höre ich es ganz deutlich: Sie brauchen etwas Stärkeres. Das Blut eines Neugeborenen. Zu Lughnasadh. Aber das kann doch nicht sein. Erstens kann ich sie klar und deutlich verstehen, als gäbe es keine Sprachbarriere. Und zweitens tun sie so, als wäre das Fest schon morgen, wo es doch mindestens noch sechs Wochen bis da hin sind. Anfang August, wenn ich mich richtig erinnere. Außerdem hat Lilly jedem erzählt, das Kind käme frühestens Mitte/Ende August, wenn nicht sogar erst Anfang September.

Obwohl… manche sollen auch schon mal übertrieben und ihre Feiern mit viel Alkohol auf zwei Wochen verlängert haben. Aber wie lange sie auch immer ihr komisches Opferfest feiern wollen – dass wir tatenlos herumsitzen und warten, dass sie die Messer wetzen, kommt gar nicht in die Tüte. Wir müssen weg von hier, und zwar schnell.

Aber nicht ohne den Stein.

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Die Vorlage zum 11. Kapitel: ein Junge belauscht den Dorfältesten, Leute wollen das ungeborene Baby nach der Geburt opfern, Jugendliche wollen fliehen.

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