Media Monday # 464 : Monatsmitte, und diesmal fast ganz „unmedial“

 

Wie kreativ bin ich heute? Der Media Monday bringt es an den Tag. Von Medien offenbart nur einer der sieben Texte etwas. Der Rest ist anderen Dingen gewidmet. Muss auch mal sein, finde ich.

Obwohl ich doch noch einen hätte: den Thriller „The Escape Game“ von Megan Goldin über vier Wall-Street-Banker, die glauben, dass es sich bei ihrer Fahrt in einem Aufzug in einem noch nicht fertiggestellten Gebäude um ein Spiel in einem Escape-Room handelt, aber dann feststellen, dass es sich bei ihrer ausweglosen Situation um bitteren Ernst handelt.

Media Monday # 464

1. Um da auch endlich mal mitreden zu können, habe ich versucht, „Good Omens“ zu schauen, konnte mich aber für die Serie leider doch nicht erwärmen, und das trotz David Tennant.

2. Nachdem die Situation sich ja zumindest hinsichtlich der Beschränkungen und Auflagen ein wenig entspannt, habe ich beschlossen, trotzdem auf Restaurantbesuche zu verzichten. Das liegt nicht daran, dass ich meine Daten hintelegen müsste – „gläsern“ bin ich doch längst schon – nein, ich habe immer noch keine Lust auf größere Menschenansammlungen bzw. längere Aufenthalte an Orten, wo mehrere Menschen zusammenkommen; beim Einkaufen beschränke ich mich schließlich auch aufs Nötigste und lungere nicht ewig in Einkaufszentren oder in Supermarktgängen herum.

3. In den letzten Wochen hat es mir schon massiv gefehlt meine Kollegen „in echt“ zu sehen oder einfach mit fremden Menschen, die man unterwegs trifft, einfach nur mal nett zu plaudern.

4. Was ich aber auch bemerkt oder entdeckt habe, ist,dass ich es gar nicht so schlecht finde, wieder selbst mehr zu kochen.

5. In aller Ausführlichkeit eine Reise zu planen, hat es bei mir so auch schon lange nicht mehr gegeben, einfach weil mir die Ideen fehlen und ich mein Budget dieses Jahr inzwischen anders verplant habe.

6. Man mag es kaum glauben, aber ich habe den entgangenen Friseurbesuchen keine Träne nachgeweint. So langes Haar hatte ich schon lange nicht mehr.

7. Zuletzt habe ich mal wieder Spargel zubereitet, und das war endlich mal kein Flop wie öfters in der Vergangenheit, weil diesmal alles gepasst hat.

 

30-Days Song Challenge – Day #18

 


Diese Challenge bringt mein wahres Alter ans Licht:

 

Day #18 : A song from the year you were born

 

Ich bin 1967 geboren, das war die Zeit, als es mit der Flower Power losging, und die 60er waren voll von tollen Songs, da muss ich jetzt mal scharf nachdenken – aber ganz typisch für diese Zeit ist für mich Scott McKenzie mit San Francisco    

 

 

Scott McKenzie – San Francisco – https://youtu.be/7I0vkKy504U?t=0

 

„Broken Strings“ : Chapter 10 – Elf Tage

 

 

Die nächsten Tage gestalteten sich nicht gerade einfach. Oh, diese Peinlichkeit! Am liebsten hätte ich mich irgendwo verkrochen, aber das ging nicht. Schließlich hatte ich immer noch einen Job, und den jetzt wegen so einem Bullshit zu riskieren, war das Letzte, was ich wollte. Ich hätte mich ohrfeigen können. Weniger Alkohol konsumieren und öfter das Hirn einschalten, war die Devise, an die mich mich besser gehalten hätte. Aber nun war das Chaos angerichtet, und das einzige Mittel, das ich mir vorstellen konnte, um die Wogen zu glätten, war auf Tauchstation zu gehen.

So früh wie möglich vorfahren, alles aufbauen, mich während des Konzerts so wenig wie möglich blicken lassen und ansonsten versuchen, dem Herrn, mit dem ich drauf und dran gewesen war, eine Dummheit zu begehen, so wenig wie möglich über den Weg zu laufen. Wenn dieser Plan nicht funktionierte, dann war ich mit meinem Latein wirklich am Ende. Einen Haken hatte dieser Plan jedoch.

Ein Zusammentreffen mit Ryan zu vermeiden, war ja gut und schön und sicherlich auch vernünftig, aber das bedeutete auch, dem Mann am Mikrofon aus dem Weg zu gehen, denn wo der Drummer sich aufhielt, war auch Mr. Mitchell nicht weit. Let’s play hide and seek? Eigentlich hatte ich für so ein Katz-und-Maus-Spiel keinen Nerv. Aber wenn es nicht anders ging, musste ich wohl in den sauren Apfel beißen. So lange es genug zu tun gab, waren die Tage halbwegs erträglich. Nur die freien Tage, von denen es zwischendurch auch den ein oder anderen gab, waren für mich weniger erfreulich. Okay, die einzelnen Bandmitglieder nutzten die Zeit zum Ausschlafen und Proben – und dabei musste ich nicht ständig anwesend sein. Dachte ich jedenfalls.

Fünf Minuten nach sieben. Ich war extra früh aufgestanden und schlürfte den ersten Kaffee des Tages, während im Hintergrund des Frühstücksraums das Radio dudelte.

„Oh sure, you’re right – this ain’t a good life.“

Ja, klasse – dieser Hit aus den Neunzigern hatte mir zu meinem Glück gerade noch gefehlt.

I’m elegantly wasted.

Wahre Worte. Leider erinnerten sie mich nur zu gut an meinen Fauxpas, der nun schon ein paar Tage zurücklag, aber immer noch an mir nagte.

You could be right, you could be certain…. I’m elegantly wasted.

Ich Feigling hatte auch allen Grund, mich so richtig schlecht zu fühlen, hatte ich mich bisher doch recht erfolgreich um eine Aussprache herumgedrückt. Aber warum eigentlich? Der eine, für den es mir wirklich leid tat, war sauer, und der andere, von dem ich nun wirklich nichts wollte, rechnete sich immer noch Chancen bei mir aus… Zwar hatte ich auf diese Art von Konfrontation nun wirklich sehr wenig Lust, bezweifelte aber gleichzeitig, dass sich mein Untertauchen auf Dauer als Strategie bewähren würde.

Your coffee, madam.“

Wie nett, dass man mir den Kaffee an den Tisch brachte. Aber noch mehr Kaffee? Ob das gut für mich war? Ehrlich gesagt, kümmerte mich das nicht die Bohne. Wenig bis fast nichts am frühen Morgen zu essen, war sicherlich genauso wenig meinem Wohlbefinden zuträglich, aber außer Kaffee brachte ich nichts hinunter. Schon gar nicht um diese Zeit. Was stehst du auch so früh auf, hätte mich Jenny jetzt gefragt. Aber was soll man denn sonst tun, wenn man seit fünf Uhr wach ist und einfach kein Auge mehr zubekommt. Also tat ich das, was ich immer tue, wenn ich nicht mehr schlafen kann: Ich stehe auf und beschäftige mich anderweitig, zum Beispiel lesen oder Tagebuch schreiben oder, wie heute morgen, ein paar Bahnen im Pool schwimmen.

Das Motel hatte zwar ein eigenes Schwimmbecken, aber das wurde gerade generalüberholt, und deswegen wies ein Aushang im Foyer darauf hin, dass es zwei Straßen weiter einen öffentlichen Pool gab, der schon um sechs Uhr morgens öffnete. Vielleicht war es doch kein Zufall, dass ich so früh wachgeworden war. Vielleicht brauchte ich einfach nur etwas Bewegung, um den Kopf freizubekommen. Meine verspannten Muskeln würden es mir auf jeden Fall danken. Eine halbe Stunde im Wasser reichte schon, um mich besser zu fühlen.

Mit meinem Becher, an dem ich meine Finger wärmte, denn am Fenster war es doch etwas frisch, lehnte ich an der Wand und ließ meine Blicke durch den Frühstücksraum schweifen. Außer mir waren nur die notorischen Frühaufsteher anwesend. Touristen, die ihrer Ausrüstung nach zu urteilen, bald zum Wandern aufbrechen würden. Von unseren Leuten war noch niemand zu sehen. Aber wie war das mit Murphy’s Law? Alles, was irgendwie schiefgehen kann, wird irgendwann schiefgehen?

Hatte ich eben noch genossen, dass ich einen Tisch für mich allein hatte, war es im nächsten Augenblick damit auch schon vorbei, denn einer nach dem anderen trudelten sie ein, meine Kollegen von der Technik. Die Fahrgemeinschaft war so gut wie komplett, nur Leslie fehlte noch. Dafür hatte sich ihnen Brian angeschlossen. Aber der war nicht zum gemütlichen Plaudern mitgekommen, sondern weil er etwas zu verkünden hatte.

So, Leute. Schön, dass ihr es als Erste erfahren dürft.“

Na, der machte es ja spannend.

„Es gibt Neuigkeiten…“

Ich fragte mich, was es so wichtiges geben konnte, dass er früher als sonst aufgestanden war. Anscheinend wollte er noch warten, bis Leslie und die beiden Roadies da waren, aber er hatte Glück, denn die drei betraten den Frühstücksraum kurz nach ihm. Mittlerweile zeigte die Uhr viertel vor acht. Ich hatte die Zeit beinahe vergessen; jetzt war ich hellwach.

Oho, eine Versammlung!“ rief Paul uns entgegen. „Was verschafft uns die Ehre?“ Die Ironie in seiner Frage war kaum zu überhören. Brian ignorierte ihn und fuhr mit seiner Ansprache fort.

Da wir jetzt alle vollzählig sind, mache ich es kurz“, erwiderte er und blickte uns einen nach dem anderen an. Mich ein wenig länger. Oder bildete ich mir das nur ein? „Ich habe eine Nachricht, die euch alle interessieren dürfte. Die Klinik hat sich gemeldet.“

Die Klinik? Das konnte nur eines bedeuten. Aber wieso…. wann hatte er den Anruf bekommen? Heute morgen? Noch vor dem Frühstück?

„Ja, Leute. Es ist soweit. Steve ist anscheinend wieder so fit, dass er übernächste Woche wieder einsatzfähig ist.“

Entgeistert starrte ich Brian an. War es also doch soweit. Wie gut, dass ich mir noch keinen Teller geholt hatte. Das Brötchen wäre mir im Hals steckengeblieben: Na, herzlichen Glückwunsch. Wirklich freuen konnte ich mich nicht, obwohl ich Steve nur das Beste wünschte und ihm seine baldige Rückkehr gönnte. Schließlich war so ein Herzanfall nichts, mit dem man spaßte und das man so einfach wegsteckte.

Aber andererseits wusste ich auch, was das für mich bedeutete: Time to say good-bye. Dass es in elf Tagen soweit sein würde, bekam ich mit, als ich mich erhob, um mir neuen Kaffee zu holen. Noch mehr Kaffee… Ich würde noch in Kaffee ertrinken, wenn das so weiterging. Essen konnte ich nach dieser Nachricht erst recht nichts. Mit einem Kloß im Hals und dem Kaffeebecher in der Hand verzog ich mich nach draußen auf den Parkplatz. Die Neuigkeit musste ich erst mal verdauen. Im Grunde hatte ich von vornherein gewusst, dass mein Aufenthalt zeitlich begrenzt war, und im Prinzip konnte ich mich glücklich schätzen, dass ich durch den unvorhergesehenen Aushilfsjob an eine Verlängerung gekommen war, die ich vorher nie im Sinn gehabt hatte. Warum also stellte ich mich so an?

Die blöden Kommentare von Paul und Frank gingen mir am Allerwertesten vorbei. Meinetwegen sollten sie lästern, so viel sie wollten. Ich wollte nur eines: meine Ruhe. Da mein Nachbar auf der Rückbank ebenfalls nicht sonderlich gesprächig war, konnte ich mich zurücklehnen und die Augen schließen. Sollten sie ruhig glauben, dass ich hinter meiner Sonnenbrille ein Nickerchen machte, weil ich mich beim Frühsport verausgabt hatte. Hauptsache ausgeruht ankommen, denn es lag noch ein langer Tag vor uns. Schlafen konnte ich allerdings nicht. Wenn ich so darüber nachdachte, wie viel ich für meine Abreise noch zu organisieren hatte, wurde mir schlecht.

Ich hatte keine Ahnung, wie das klappen sollte; wären wir noch in Vancouver gewesen, hätte die Sache anders ausgesehen. Da war es bis zum Flughafen ein Katzensprung, aber hier befanden wir uns am Arsch der Welt. Und selbst wenn ich es noch schaffen sollte, rechtzeitig zurückzukehren – wenn ich Pech hatte, und das war nicht auszuschließen, war gerade kein Flug in die Heimat verfügbar und ich würde mich auch noch um eine Unterkunft kümmern dürfen. Von welchem Geld auch immer. Wenn es ganz blöd lief, müsste ich mir am Ende noch Geld per Western Union schicken lassen. Was für eine Blamage. Hätte ich diesen Job doch bloß nie angenommen.

Lunch Break!“ verkündete Dave und steuerte das nächste Schnellrestaurant an.

Bitte alle aussteigen. Wir machen vierzig Minuten Pause. Vierzig Minuten Zeit, um einen Happen zu essen und sich die Beine zu vertreten. Was die anderen derweil taten, entging mir komplett. Ich verkrümelte mich mit meiner Cola und meinen Fritten ans andere Ende des Parkplatzes, wo sich niemand befand außer ein paar Krähen, die in achtlos weggeworfenen Burgerverpackungen herum pickten. Kein Wunder. Eine zugemüllte Pausenecke konnte niemand gemütlich finden. Lustlos kaute ich auf meinen Fritten herum. Richtigen Appetit hatte ich immer noch keinen. Verdammt, warum drehten sich meine Gedanken ständig im Kreis?

Alles Grübeln brachte mich einer brauchbaren Lösung nicht einen Schritt näher. Und besser fühlte ich mich dadurch auch nicht. So langsam reichte es mir: Irgendwie zog ich in der letzten Zeit eine Arschkarte nach der anderen. Selbst die Dreihundert-Milliliter-Becher waren nicht mehr das, was sie mal waren. Mist. Schon leer. Leise knirschender Kies…. dass hinter mir jemand vorbeiging, nahm ich nur am Rande wahr.

Mich beschäftigte immer noch mein schiefgelaufenes Work & Travel. Was war das nur für eine Schnapsidee gewesen; und der Job, den ich zur Zeit noch hatte, war auch nicht das Gelbe vom Ei. Zwar hatte ich ihn angenommen, aber auf meinem Mist war die Idee trotzdem nicht gewachsen. Warum zerbrach ich mir hier eigentlich noch länger meinen Kopf? Sollte sich doch der Manager der Band darum kümmern.

Genervt stopfte ich meinen leeren Colabecher in den nächsten Mülleimer und wäre um ein Haar mit Bradley zusammengestoßen, der mir gefolgt sein musste, ohne dass ich es gemerkt hatte. Blindlings loszustürmen und dabei versuchen, eine saubere Kehrtwendung hinzubekommen, ist mir noch nie gelungen. Warum sollte nun dies hier die berühmte Ausnahme von der Regel sein?

„Bist du okay?“ Okay war überhaupt nichts, aber ich wusste seine Anteilnahme zu schätzen. „Ich wollte vorhin ja nichts sagen, aber…“ Worauf wollte er hinaus? „… wirklich begeistert hast du nicht gewirkt, nach der Nachricht – so schnell, wie du heute morgen verschwunden bist.“

Klar, wie würdest Du Dich fühlen, wenn Du vor allen aufs Brot geschmiert bekommst, dass Dein Typ nicht länger erwünscht ist und gewisse Leute ihre Schadenfreude nicht verbergen können, hätte ich ihm am liebsten an den Kopf geworfen. Vielleicht wurmte mich genau das am meisten. So viel zu der These, dass mich die Äußerungen der beiden Typen, die mich von Anfang an auf dem Kieker gehabt hatten, absolut kalt ließen.

Und auch wenn ich genervt darüber war, dass ich mir anscheinend gerade selbst etwas vormachte – angefaucht zu werden, hatte Bradley nicht verdient. Er konnte ja nichts dafür. Außerdem war er ein anständiger Kerl, der nie auf die Idee gekommen wäre, jemanden vor versammelter Mannschaft bloßzustellen, so wie es besagte Kollegen getan hätten, ohne mit der Wimper zu zucken. Außerdem war er wieder da, der Kloß im Hals, der es mir unmöglich machte, überhaupt etwas zu sagen. Aber mein Schweigen war auch so deutlich genug.

Hier“, sagte er und zog ein Taschentuch aus seiner Jacke und gab es mir.

Noch im selben Augenblick wusste ich auch, warum. Der Kloß geriet in Bewegung. Mist! Hier loszuheulen, konnte ich jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Auf einem Parkplatz. In der Einöde – in the middle of nowhere. Mit einem Kollegen, der sich davon nicht abschrecken ließ, sondern sich anscheinend wirklich Sorgen um mich machte und dem die Art und Weise, wie ich abserviert wurde, ebenso wenig gefiel.

Wenn ich mit allem gerechnet hätte – damit nicht. Seiner Meinung nach sollte ich mich nicht auch noch selbst mit dem Papierkram belasten, denn das wäre die Aufgabe des Managers, sich um den Transfer und die Organisation des Fluges nach Hause zu kümmern. Auch wenn es nicht Brian war, der mir in seinen Augen den Schlamassel überhaupt erst eingebrockt hatte, sondern Mike Mitchell.

Wenn er geglaubt hatte, dass mich das trösten würde, lag er so weit daneben wie nur irgend möglich, denn an dieser Stelle verlor ich erst recht die Fassung. Daran erinnert zu werden, war wie Salz in eine Wunde gerieben zu bekommen. Der Knoten in meiner Kehle löste sich nun vollends auf – in Tränen, von denen ich nicht wusste, wie ich sie stoppen sollte. ‚Ach du Scheiße‘, stand ihm ins Gesicht geschrieben, als er mir erschrocken über meine Reaktion die gesamte Packung Tempos entgegenhielt. Viel tun konnte niemand von uns, außer warten, bis ich mich wieder beruhigt hatte.

Ach herrje“, murmelte er mit belegter Stimme, „Es liegt nicht nur daran, dass Brian Steve übernächste Woche zurückholt. Es ist Mike. Dir liegt tatsächlich etwas an ihm…“

Was für eine bahnbrechende Erkenntnis. Was dachtest Du denn, Bradley Jackson? Dass das nur ein harmloser Flirt oder eine freundschaftliche Kabbelei zwischen eurem Sänger und mir war, auch wenn euer Oberarschloch von Roadie sich gerne das Maul über unsere angebliche Affäre zerriss und dreckige Witze darüber machte, dass ich Mike nur verarschte, weil ich gerne zwei- oder gar mehrgleisig fuhr.

So eine Schweinerei“, entfuhr es ihm. „das grenzt ja schon an Mobbing.“

Damit hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen und war nun sichtlich verärgert. Besser gesagt, stinkwütend. Diese Ungerechtigkeit trieb ihn tatsächlich auf die Palme, und wenn er gekonnt hätte, hätte er auf der Stelle den Manager gesprochen. Aber Brian war nicht hier, sondern bei seinen Jungs. Nun war ihm auch klar, woher meine blauen Flecken und Schrammen tatsächlich gekommen waren. Aha. Hatte Dave also doch gepetzt. Wo ich ihn doch so darum gebeten hatte, nichts zu sagen. Aber das verstand er noch viel weniger.

„Warum hast du nicht schon längst etwas gesagt? Wir hätten zu Brian gehen soll…“

Lass gut sein, Bradley“, unterbrach ich ihn müde. Inzwischen waren auch meine Tränen versiegt, und ich hatte mich wieder halbwegs gefangen, „glaub mir, es hätte alles nur viel schlimmer gemacht.“

Aber…“

Bitte. Es spielt doch ohnehin keine Rolle mehr. In elf Tagen ist das hier alles Geschichte. Dann bin ich weg und Schnee von gestern. Und keiner von euch wird mir eine Träne nachweinen, so eingespannt wie ihr seid… und Mike am allerwenigsten. Nach der Aktion von neulich.“

Ja, so ernüchternd es klang, und wie mir in diesem Augenblick klar wurde: Der abgedroschene Spruch vom Ende mit Schrecken erschien mir nur zu wahr. Vielleicht war dieser Abschied das Beste, was mir passieren konnte, und wer weiß – später wäre ich wahrscheinlich sogar froh darüber, dass ich diesen Kontinent endgültig verlassen musste, und vermutlich nie wieder dort hin zurückkehren würde.

Sag doch so was nicht!“

Nanu, sollte das jetzt eine weitere Liebeserklärung werden, vom inzwischen wievielten Kandidaten? Verdammt nochmal, was war bloß mit denen los? Für was hielten die mich? Für das Groupie der Band? Und der Crew gleich mit? Bloß nicht! So langsam begann ich, mir Gedanken darüber zu machen, welche Signale bei ihnen ankamen. Ich konnte mich nicht erinnern, irgendwen ermutigt zu haben – okay, vielleicht den Drummer, das ging auf meine Kappe. Aber jetzt auch noch der Lichttechniker? Das brauchte ich so dringend wie einen Kropf. Wie sich jedoch noch im selben Augenblick herausstellte, traf meine Befürchtung glücklicherweise nicht zu.

Es sind nicht alle so.“

Wie das wirklich gemeint war, sollte ich auch gleich erfahren.

„Mir wäre es nicht egal – und ich wüsste wirklich gerne, wie du darauf kommst.“ Ach ja? Jetzt wurde es interessant.

Very interesting. Schön, dass es wenigstens einem leid tut. Aber wie ich schon sagte – nach der Aktion nach unserem Billardturnier würde mich nicht wundern, wenn er froh ist, dass ich weg bin und er mich nicht mehr sehen muss.“

Die Bitterkeit in meiner Stimme erstaunte mich selbst, aber weiter kam ich nicht, denn Bradley signalisierte mir, dass es besser wäre, wenn wir unser Gespräch unter vier Augen später fortsetzten, denn Dave, Kevin und Leslie befanden sich im Anmarsch.

Hey, ihr zwei Nachteulen“, rief Leslie quer über den Parkplatz, „die Pause ist beendet. Es kann weitergehen.“

Schön, dass es wenigstens einen interessierte. Aber die Fortsetzung unseres Gesprächs würde warten müssen. Die Fahrt war noch lang, und auf uns wartete noch jede Menge Arbeit. Wie gut, dass das nächste Konzert erst am übernächsten Abend stattfinden würde; Aufbau, Soundcheck und Überprüfung der Sicherheitsstandards lagen damit locker im Rahmen des Zeitplans, und was die Proben der Band angingen, musste ich nur zusehen, dass ich weder ihnen noch den beiden Roadies ständig über den Weg lief. Der einzige, den ich wirklich zu erwischen hoffte, war Brian. Im Grunde hatte Bradley recht: Wichtig war jetzt, dass ich mit ihm besprach, wie es nun weitergehen sollte.

Elf Tage nur – der Entlassungstermin stand fest. Wenn er schon Steve abholte, dann konnte er mich genauso gut nach Vancouver mitnehmen. Aber so lange das Problem des Rückflugs noch nicht gelöst war… allerdings befürchtete ich, dass er außer dem nächsten Gig noch nichts organisiert hatte. Und so war es auch. Vertröstet zu werden, fand ich alles andere als prickelnd, aber was konnte ich schon tun? Mich selbst darum kümmern? Liebend gerne, nur… wann?

Kaum angekommen, wurde ich auch schon zum Kistenschleppen abgestellt. Ausgerechnet jetzt musste sich Paul einen Nerv einklemmen und fiel in seiner Funktion als Roadie erst einmal flach. Gratulation! Einen besseren Zeitpunkt hätte er sich nicht aussuchen können. Das hatte er ja super hingekriegt. Dass mich Frank jetzt nach Herzenslust herumscheuchen und mir die sperrigsten Frachtstücke aufhalsen konnte, passte mir überhaupt nicht, aber als Memme wollte ich auch nicht dastehen und biss die Zähne zusammen. Mein Gott, was hatten die Jungs bloß in die Kisten gepackt? Backsteine?

Gib Gas!“ hetzte er mich. „Und lass bloß die Finger von den Verstärkern.“

Na klasse. Lieber hätte ich die Gitarren oder meinetwegen auch noch das sperrige Keyboard getragen, aber das verhinderte Frank erfolgreich. Was er da mit mir abzog, war pure Schikane. Aber mich zu beschweren, hatte keinen Sinn, weil er um keine Ausrede verlegen war, wenn es darum ging, wie unsagbar dämlich ich mich angeblich anstellte. Mein Wort würde gegen seines stehen, mit dem Ergebnis, dass man mir nicht glauben würde und er mich bei der nächsten Gelegenheit nur noch schlimmer triezen würde. Aber würde man mir tatsächlich nicht glauben?

Aber das grenzt ja schon an Mobbing, hörte ich Bradley sagen. Ja, natürlich – unser unterbrochenes Gespräch während der Mittagspause – gut, dass er das wie ich sah. Damit waren wir schon zwei. Aber welchen Beweis hatten wir?

„Bist du immer noch nicht fertig?“ Der Kerl machte mich wahnsinnig!

Wenn du mir nicht immer das schwerste Zeug aufbrummen würdest, wären wir ein ganzes Stück schneller“, giftete ich zurück.

Komm mir jetzt nicht so. Du weißt genau, was letztes Mal passiert ist!“

So. Jetzt reichte es mir: „Ach ja? Was denn?“ Ich wusste genau, was er meinte, aber wenn er glaubte, den alten Quark erneut aufwärmen zu müssen – bitte sehr: Ich konnte auch anders.

Tu nicht so unschuldig“, kam er ein paar Schritte auf mich zu und baute sich drohend vor mir auf. Wenn er glaubte, dass ich mich davon einschüchtern ließ, dann hatte er sich geschnitten. „Wer hat denn den Verstärker geschrottet?“ Oh ja, genau darauf hatte ich gewartet.

Ja, wer wohl?“ gab ich lauernd zurück. „Ich jedenfalls nicht. Schon komisch, dass du es mir anhängen willst…“

Dir anhängen?!“

Weiß vor Wut packte er mich an den Handgelenken und drückte mich unvermittelt gegen die Hauswand. Seine Stimme war eisig und wurde plötzlich gefährlich leise.

„Was willst du damit sagen?“

Sein Gesicht war so dicht vor mir, dass ich seinen Atem spüren konnte. Shit! Jetzt bekam ich wirklich Angst. In dieser Verfassung war er zu allem fähig. Ich spürte schon die Hand an meinem Hals.

Gibt’s ein Problem?“

Oh mein Gott, wer auch immer das war – er erschien gerade im richtigen Moment, und Frank ließ so plötzlich von mir ab, wie er mich angegriffen hatte. Hoffentlich würde ihm das eine Warnung sein, denn gerade war er zu weit gegangen, und diesmal gab es einen Zeugen dafür: Bradley Jackson.

Nein. Alles bestens. Frank und ich hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit, aber ich glaube, die Sache ist geklärt“, antwortete ich und versuchte, mir das Zittern in meiner Stimme nicht anmerken zu lassen, während ich Frank dabei nicht aus den Augen ließ.

Der sagte gar nichts und hätte sich am liebsten diskret zurückgezogen. Dass es in ihm noch immer gärte, konnte ich ihm ansehen. Aber in Bradleys Anwesenheit traute er sich nicht, noch einmal über mich herzufallen. Zähneknirschend sagte er gar nichts mehr und überließ uns das Abladen.

Schön, dann können wir ja weitermachen“, wandte sich Bradley an mich, „Du schnappst Dir jetzt Johns Equipment, und Dave hilft Dir dabei.“

Damit ließ er es hoffentlich gut sein, und als Frank merkte, dass er heute mit seiner Masche keinen Meter mehr weit kommen würde, machte er sich an den übrigen Kisten zu schaffen, bevor er sich von Bradley noch einen weiteren Rüffel einfangen konnte, weil ich mich wegen seiner schwachsinnigen Anordnungen abrackern durfte, während er das ganze leichte Zeug fröhlich pfeifend abgeladen und nach drinnen geschleppt hatte.

Aber er wäre nicht der Arsch gewesen, für den ich ihn die ganze Zeit über gehalten hatte, wenn er mich beim Abtransport nicht ein letztes Mal absichtlich angerempelt und mir ein „wir sprechen uns noch“ entgegen gezischt hätte. Ha! Das würden wir ja noch sehen, dachte ich aufgebracht und versuchte, die verlorene Fassung wiederzugewinnen. Mist. Mir war immer noch mulmig, aber nach und nach legte sich meine Aufregung.

„Alles okay?“ fragte mich Bradley besorgt.

Nach dieser Aktion war ihm nun endlich klar, wie die Aktien standen. Aber viel Zeit, um uns damit weiter auseinanderzusetzen, hatten wir nicht. Bus und Pick-Up-Truck mussten komplett abgeladen und die gesamte Ausrüstung am Veranstaltungsort abgeladen werden. Auf uns warteten noch einige Stunden konzentrierter Arbeit. Wie hatte Leslie uns so schön genannt? Nachteulen? Damit hatte sie gar nicht so falsch gelegen.

„We are Night Owls: We work at night and sleep all day, but beware of the small hours when the sleep is leaving you.“ Daraus sollte man mal ein Lied machen, dachte ich so für mich und hatte Zeilen eines meiner Lieblingssongs im Kopf.

My life in a nutshell: „Without sleep there are no dreams, without dreams we fall apart at the seams…“ Wie passend, aber „Sleep“ von Conjure One als Ohrwurm? Ernsthaft? Ohrwürmer bekämpft man am besten, indem man sie laut mitsingt oder sie mit voller Power durch die Boxen der Stereoanlage schickt. Aber ob das eine gute Idee war?

„Sleep with me tonight.“ Solche persönlichen Fragen stellte man besser nicht öffentlich, es könnte bei den falschen Leuten falsche Erwartungen wecken. Was für eine Spinnerei! Zum Glück war nicht ich für den Soundcheck verantwortlich, sondern Leslie.

Test. Test. Test.“ Leslies Stimme tönte laut und voll aus den Boxen. An Mikrofon Nummer Eins war schon mal nichts auszusetzen, wenn die anderen genauso gut funktionierten, dann würde es beim Soundcheck weniger Probleme geben. Bevor die Band aber antrat, waren erst einmal wir gefordert.

Hey, Leslie“, rief Kevin vom Gerüst herunter, auf dem er gerade stand und an den Strahlern herumfummelte, „gib doch mal ordentlich Stoff.“ Nanu? So gesprächig kannte ich ihn gar nicht. Irgendwas führte er doch im Schilde.

Wenn Du meinst?!“ rief Leslie grinsend zurück, „was darf’s denn sein? ‚Hells Bells‘ von AC/DC oder ‚Enter Sandman‘ von Metallica?“

Weder noch“, rief ich dazwischen, ohne nachzudenken, „nimm lieber Conjure One oder Florence & The Machine! Die knallen auch nicht schlecht.“

Beide hatte ich gerade erst auf meinem mp-3-player wiedergefunden und hörte sie in jeder freien Minute. Das Handy war zwar futsch, aber wenigstens hatte ich den noch. Kunststück, er war ja an dem besagten Abend im Hostel geblieben. Manchmal war es gar nicht so schlecht, wenn man seine Playlists überarbeitete. Immer nur U2 und INXS oder andere Highlights der 80er Jahre zu hören, wurde auf Dauer irgendwann auch langweilig; schließlich waren wir inzwischen im 21. Jahrhundert angekommen, da durfte die Musik das ruhig widerspiegeln.

Okay. Hells Bells kann ich nämlich so langsam echt nicht mehr hören. Ich glaub‘, ich versuch’s mal mit Conjure One – die kenne ich noch nicht.“ brüllte sie zurück.

Gute Wahl, auch wenn es sich um einen Er handelte, der noch dazu aus Vancouver kam. Wie passend! Den orientalisch angehauchten Teil konnte sie ja locker überspringen, aber ich hatte ein paar richtig fette Remixe auf dem Player, da würde sie schon das passende finden.

„Hey, Andie. Stell dich doch mal ans Mikro!“

Was hatte sie denn jetzt vor? Doch hoffentlich nicht das, was Mark neulich auf unserer Fahrt mehr aus Blödsinn vorgeschlagen hatte: ‚Hey, Leute, beim nächsten Soundcheck lassen wir unseren Frontmann durch Andrea vertreten‘. Aber genau das hatte sie vor: Karaoke 2.0 – mit mir am Mikrofon, da der eigentliche Sänger gerade nicht zur Verfügung stand, denn er würde mit seinen Kollegen erst am frühen Nachmittag auftauchen, um die Songs des heutigen Abends nochmal durchzugehen.

Ein bißchen spät, aber bisher hatte sich dieses Prinzip bewährt. Warum auch nicht? Die Anlage funktionierte, wir waren hier nur zu fünft, und keiner außer uns würde mitbekommen, wenn ich mich auf der Bühne blamierte.

„Broken Strings“ : Chapter 9 – The strangest party

Elektromaus?! Ich hatte mich wohl verhört. Mit ihren Bemerkungen, wen ich wem gegenüber bevorzugte, hatten Sue und Mark ins Schwarze getroffen: sie in Bezug auf die Stars der 80er Jahre; er, was seine eigene Band betraf. Aber Elektromaus?! Na, schönen Dank auch für diesen „tollen“ Spitznamen. Wenn der erst mal die Runde gemacht hatte, nahm mich doch keiner mehr ernst. Sue konnte sich bereits jetzt schon nicht mehr einkriegen vor Lachen.

Elektromaus… ich kann nicht mehr!“

Ihr Lachen war so ansteckend, dass Dave, der sich aus dem verbalen Schlagabtausch bisher herausgehalten hatte, nicht mehr an sich halten konnte. Eigentlich hatte ich an dieser Stelle mit „Vorsicht, meine Liebe – die Vorsilbe ‚Elektro‘ kommt schließlich nicht von ungefähr“ kontern wollen; doch dann setzte Mark noch einen drauf mit seinem dämlichen Spruch „Welcome to the ministry of silly jokes“, frei nach Monty Python’s Flying Circus.

Da musste selbst ich kichern, weil sich mir plötzlich ein ganz anderes Bild aufdrängte: Stell Dir vor, neben Dir hält ein schwarzer Chevrolet, und Du erwartest, darin zwei Typen zu sehen, die auf Geister- oder Dämonenjagd sind; aber statt dessen gackert ein Haufen Bekloppter, die wider Erwarten kein Gras geraucht haben, wild durcheinander und schaukelt sich mit dämlichen Witzen gegenseitig hoch. Some jokes are sillier than others. Wie das auf Außenstehende wirken musste, wollte ich mir nicht vorstellen; denn ehrlich gesagt, war es mir egal.

Wenn ich geglaubt hatte, dass mit unserem Eintrudeln am Zielort die Party zu Ende war, hatte ich mich geirrt. Dave und Mark wuchteten den Marshall aus dem Kofferraum.

„Schatz, geh ruhig schon mal duschen und ruh‘ dich aus“, nahm Mark sein Herzblatt beiseite. „Bis wir fertig sind, kann das noch etwas dauern“.

Noch ein Küsschen und eine Umarmung für Sue, dann war auch er startklar und kam uns hinterher. Dave und ich hatten uns den Verstärker geschnappt und trugen ihn schon mal zum Hintereingang. Jetzt, wo sich Sue und Mark wieder prächtig verstanden, hatte ich eigentlich gedacht, dass ihr Intermezzo länger dauern würde.

Das ging aber schnell“, zog Dave ihn auf.

Je früher wir hier fertig sind, desto eher bin ich wieder bei meiner Süßen. Dann können wir uns alle Zeit der Welt lassen…“ seine Antwort ließ er unvollendet, aber wir waren auch so im Bilde.

Kleiner Irrtum, Mark Kelly, Ihr habt heute Abend noch einen Auftritt, schon vergessen? Das Happy End zu ihrem Beinahe-Drama würde noch warten müssen.

Und je eher wir hier fertig sind, desto schneller kann ich unter die Dusche“, fügte ich hastig hinzu, bevor Dave noch mehr flapsige Bemerkungen machen konnte.

Ich wollte wirklich nur noch eins: das Gerät anschließen, duschen, und mich umziehen. Wurde ja auch langsam Zeit, das schon lange nicht mehr taufrische INXS-Shirt, das mir Jenny geschenkt hatte und das ich seit gestern Abend getragen hatte, loszuwerden. Wenn ich mir zur Feier des Tages schon ein eiskaltes Bier gönnte, dann bitte in anständigen Klamotten und nicht zerrissenen Jeans und einem ausgeleierten Shirt. Als ob ich nicht genug Kleidung dabeigehabt hätte. Außerdem ließ uns der Tourneeplan noch genug Zeit für Besuche in den örtlichen Waschsalons.

Im Geiste ging ich meinen Vorrat an Oberteilen und Hosen durch. Hatte ich tatsächlich nichts anderes dabei als Jeans und Shirts? Wenn man wegen begrenzter Transportmöglichkeiten nur mit einem Rucksack reist, kann es mit dem Platz schon knapp werden, und man beschränkt sich auf das Wesentliche: eine überschaubare Anzahl untereinander kombinierbarer, hauptsächlich praktischer Kleidungsstücke und maximal drei oder vier Paar Schuhe. Was in meinem Fall Chucks, Sandalen, Bikerboots, drei Paar Jeans und ein knappes Dutzend, vorwiegend schwarzer T-Shirts bedeutete. Schick auszugehen, war in diesem durchdachten Plan nicht einbezogen. Leslie war mir auch keine Hilfe. Selbst wenn sie den Wunsch gehabt hätte, mir etwas zu leihen – wir hatten nicht dieselbe Größe.

Eingewickelt in ein riesiges Duschtuch und mit einem Handtuchturban um den Kopf, hielt ich mich gar nicht erst damit auf, in meinem Rucksack herumzuwühlen. Kurzerhand kippte ich den gesamten Inhalt auf den Boden. Das Suchen ging so bedeutend schneller, und innerhalb weniger Minuten hatte ich etwas gefunden, was nicht ganz so trist war: eine schwarze Jeans, ein rotes Shirt mit dem Logo der italienischen Metalband Lacuna Coil und schwarze Sandalen mit schwarz-weiß gemustertem Keilabsatz – die einzigen schicken Schuhe, die ich mitgenommen hatte, abgesehen von dem Paar, das ich in Vancouver verloren hatte. Getragen hatte ich die bisher noch nicht sehr oft, in Ermangelung passender Gelegenheiten. Und heute war so eine Gelegenheit; jedenfalls nach dem Konzert.

Einige von uns wollten noch in den Pub, um etwas zu trinken und eine Runde Darts oder Billard zu spielen. Wenn also nicht heute, wann dann? Doch jetzt war erst mal Arbeiten angesagt. Seufzend stellte ich die Sandalen neben das Bett und stopfte meinen ganzen Krempel wieder in den Rucksack zurück. Die Party würde noch etwas warten müssen… aufgeschoben, aber nicht aufgehoben.

Warum machte ich mir ausgerechnet jetzt Gedanken über meine Garderobe, wo ich es doch sonst nicht tat? Überhaupt war heute Abend so einiges anders. Am Publikum und an der Band konnte es nicht liegen. Dank des neuen Verstärkers konnten sie wieder so spielen, wie sie es gewohnt waren… irgendwie schade, fand ich, denn der Akustikabend vom Tag davor hatte etwas besonderes gehabt.

Wie war das nochmal? Wer ohne Strom spielen konnte, hatte wirklich etwas auf dem Kasten und war bestens gewappnet für den GAU? Wer mir diese Weisheit bei einem Glas Bier näherzubringen versucht hatte, wusste ich jetzt auch nicht mehr, tat aber auch nichts zur Sache und war im Grunde völlig irrelevant.

Die Stimmung war genau so, wie sie sich jede Band gewünscht hätte, und doch schien meine Feierlaune gerade eine Pause zu machen. Zu tun gab es für mich vorerst nichts, also schlenderte ich zum nächsten Getränkestand, um meinen Flüssigkeitshaushalt auszugleichen. Dass ich mich so seltsam fühlte, lag bestimmt nur daran, dass ich zu wenig getrunken hatte. Heute Nachmittag hatte ich mich doch noch so blendend amüsiert, und die Tatsache, dass an diesem Abend mehr Leute als sonst zu dem Konzert gekommen waren, wäre ein weiterer Grund zum Feiern gewesen.

Ich ließ mir eine große Cola geben und beschloss, mir einen Teil des Konzerts vom Rand aus anzusehen.

Der Mix von OxyGen aus eigenen Songs und Klassikern anderer Bands aus den 80er Jahren kam bei den rund 600 Leuten, die sich vor der Bühne drängten, prima an. Das würde man auf den Bildern, die Miss Cooper von diesem Auftritt schoss, unzweifelhaft erkennen. Der Jubel war unbeschreiblich, als das mir wohlbekannte Intro von „By my side“ erklang und ich im selben Moment ein Déjà-vu hatte: Aber diesmal war es nicht ich, die in der Menge mitten in einem grellen Lichtkegel stand und von der Bühne aus angesungen wurde – heute hatte eine andere das große Los gezogen, sichtlich beseelt von der Art und Weise, wie der Sänger sie anschmachtete. Jetzt fehlten nur noch die fliegenden Teddys, Rosen oder BHs! Wie peinlich!

Wie hatte ich nur auch nur einen Moment lang denken können, dass ich beim letzten Auftritt dieser Art persönlich gemeint sein konnte? Andrea McAllister, Du dumme Nuss – das hier gehört zur Show: Gebt auch den weiblichen Fans was fürs Auge und fürs Herz. Nach der Show ist die Dame, die für fünf Minuten im Scheinwerferlicht gestanden hat, sowieso aus den Augen und aus dem Sinn verschwunden. In dieser Hinsicht hatte ich mich wohl gründlich geirrt.

„Wer aus der Band bei unserer Elektromaus wirklich einen Stein im Brett hat…“ –  In diesem Zusammenhang klangen Marks Worte vom Nachmittag in meinen Ohren wie blanker Hohn. Ja, wer wohl? Der Gitarrist jedenfalls nicht, und wenn er ein noch so heißes Auto fuhr. So you’ve got a car?

Fine, but that don’t impress me much. Because the lead singer of this band is so much hotter, even if he’s not the one who has beaten Steve Perry in the competition by far.

Huch! Da war wieder meine alte Angewohnheit, dieser deutsch-englische Kauderwelsch, ein eindeutiges Zeichen, dass ich komplett durch den Wind war, und eine deutliche Warnung. Eine Warnung – aber wovor? Das blöde Herumgehampel unseres „Ministry of silly jokes“ im Auto war schuld daran, dass ich mir jetzt ernsthaft über so einen Quatsch den Kopf zerbrach.

Oh Mann, Andrea, komm wieder auf den Teppich! Jetzt gab es nur noch eins zu tun: Warten, bis das Konzert vorbei war, den Strom abschalten, alles abschließen und auf direktem Weg in den Pub. Das würde mich auf andere Gedanken bringen.

Als Dave und ich im Pub eintrudelten, waren die meisten, die wir kannten, schon da, und an der Theke gab es erfreulicherweise auch noch Platz. So, die Arbeit war getan, jetzt konnte der gemütliche Teil kommen. Endlich stand es vor mir, das ersehnte Feierabendbierchen. Schön kalt und frisch vom Fass. Genüsslich ließ ich es mir die Kehle hinunterrinnen und reckte mich wohlig der Länge nach. Besser gesagt, ich versuchte es. Autsch! Mein Gott, war ich eingerostet!

Nach dem anstrengenden Tag und der viel zu kurzen Nacht davor, spürte ich jeden Knochen im Leib und war froh, dass ich am Ende doch auf einen Schuhwechsel verzichtet und meine schicken Sandalen im Hotelzimmer zurückgelassen hatte. Für das, was der Rest der Truppe noch vorhatte, wären sie sowieso ungeeignet gewesen. Ein Turnier sollte es sein. Wer war denn auf diese groteske Idee gekommen? Kandidaten, die begeistert dabei sein wollten, gab es auch schon, nur über die Sportart war man sich noch uneins. Darts oder Billard – mir war es gleich; in beiden war ich so la la.

Erst einmal in meinem Leben hatte ich das Bull’s Eye getroffen, und das auch nur mehr durch Zufall. Wenn ich zusammenrechnete, wie viele mitmachen wollten, hielt ich den Wettkampf im Pfeilwerfen für keine gute Wahl. Darts spielte man am besten zu dritt oder viert, aber nicht zu sechst. Nun also ein Billardturnier. Aber wer sollte gegen wen antreten? Road Crew gegen Band, war Leslies Vorschlag, aber den fanden Madlyn und Ryan unfair, weil dann vier gegen zwei gespielt hätten.

Warum losen wir nicht?“ fragte ich, bevor jemand mit dem abgedroschenen Vorschlag „Girls versus Boys“ ankommen konnte, denn das wäre die nächste, viel zu offensichtliche Möglichkeit gewesen: Team Eins aus Leslie, mir und Madlyn gegen Team Zwei, bestehend aus Dave, Ryan und Bradley.

Ja, super Idee,“, rief Bradley, „hat mal jemand ’ne Münze? Außerdem brauchen wir noch ’nen Schiedsrichter“.

Suchend schaute er sich um. Och, nö. Wozu das denn! Warum fingen wir nicht einfach an und warfen die besagte Münze? Aber er schien das Motto „Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht“ zu lieben oder wollte einfach nur, dass es fair und sportlich zuging. Tatsächlich fand er jemanden an der Bar, der sich den Spaß nicht entgehen lassen wollte. In der Zwischenzeit hatte Dave bereits den nächsten Billardtisch mit Kugeln und Queues für uns reserviert. Jetzt musste nur noch das Los entscheiden, wer in welchem Team spielte.

Okay Leute, aufgepasst!“ Endlich ging es los. „Hier nochmal die Regeln: Jacques“ – so hieß der Kerl, der sich bereit erklärt hatte, den Schiedsrichter zu spielen – „wirft jetzt gleich diese Münze…“

Aufgeregt fuchtelte er mit einer Dollarmünze herum.

„Die Queen steht für Team Eins – der Loonie steht für Team Zwei“.

Wie jetzt – „Loonie“ wie in Looney Tunes? Nee, kleiner Irrtum – mit „Loon“ oder „Loonie“ war das Bild eines Eistauchers gemeint. Ein hübsches Vögelchen. Mal sehen, wem von uns es zuzwitscherte. Mir jedenfalls nicht: Ich landete zusammen mit Bradley und Ryan im Team „Queen Elizabeth II“, Leslie, Dave und Madlyn im Team „Eistaucher“.

Das Ergebnis war nach vielen Versuchen zustande gekommen, weil so ein Münzwurf normalerweise niemals 50/50 aufgeht. Im ersten Durchgang hätte das eine Team vier Spieler und das zweite Team nur zwei gehabt, also wiederholten wir die ganze Prozedur, und am Ende lief das ganze Theater darauf hinaus, dass zwei Spieler nochmal untereinander die Teams tauschten. Im Prinzip war es mir egal, mit wem ich eine Mannschaft bildete – Hauptsache, es ging endlich los.

Es war zwar schon eine Weile her, dass ich Billard gespielt hatte, aber eine Einweisung, wie man den Queue handhabt, brauchte ich deswegen noch lange nicht, auch wenn Ryan diese Aufgabe nur zu gerne übernommen hätte. Ha, mein Freund, das hättest Du wohl gerne: mit mir auf Tuchfühlung gehen.

Oh je, das wird schiefgehen, dachte ich für einen Moment, als ich sah, welche Kugel Leslie anvisierte. Ihr Geturtel mit Dave hatte wohl ihr Urteilsvermögen beeinflusst, und das nicht gerade zu ihrem Vorteil. Nicht auf die Acht, schien auch Madlyn zu denken, aber es war zu spät… Sie hatte zwar die Zehn angesteuert, aber den Drall nicht berechnet, und nun trudelte die Zehn unweigerlich auf die Acht zu. Die kurz vor der Ecktasche stehenblieb. Äh, ja, da hatte sie aber enormes Glück gehabt. Blöd nur für unser Team.

So, und nun zeig ich Dir mal, wie man das macht“, klopfte sich Bradley gönnerhaft auf die Brust.

Wenn er sich dabei nicht verschätzt“, flüsterte mir Ryan, der verdächtig nah an mich heran gerückt war, ins Ohr.

Entschlossen, dies zu ignorieren, zuckte ich mit den Schultern und erwiderte scheinbar unbeeindruckt, dass er bloß den Teufel nicht an die Wand malen solle. Denn wenn er Pech hatte, dann landete die Acht genau da, wo wir sie nicht haben wollten. Wenn wir gewinnen wollten, dann sollten wir uns jetzt besser zusammenreißen, auch wenn es um nichts ging. Einen Wetteinsatz hatte es nicht gegeben, so weit ich mitbekommen hatte, und auch ein Preis war meines Wissens nicht festgelegt worden.

Ich wüsste zu gerne“, um was wir spielen, sinnierte ich halb abwesend ins Blaue hinein…

Oh, das erkläre ich dir gerne…“, flüsterte er weiter und rückte noch näher…

Hey, Andrea – it’s your turn!“

Leslie – meine Rettung! Ganz geheuer war mir Ryans Nähe nämlich nicht. Entschlossen schnappte ich mir den Queue und inspizierte den Tisch. Puh, die Acht lag noch immer unberührt an der Stelle, wo sie zuletzt liegengeblieben war. Was es mir nicht einfacher machte, zumal ich alles andere als gelassen war. Äußerlich wirkte ich zwar cool, aber innerlich… what a mess. Das Pokerface zu wahren, war das Schwierigste in dieser Situation, und hinzu kam noch, dass ich jetzt keinen Fehler machen durfte. Nachdem Bradley zwar die Acht nicht versenkt, aber auch keinen Treffer gelandet hatte, war auch Daves Versuch, eine andere Kugel ins Ziel zu befördern, erfolglos geblieben. Nun sollte ich es richten.

Viele Kugeln lagen nicht mehr auf dem Tisch. Und keine davon günstig. Tief durchatmen, einmal um den Tisch gehen und die Lage genau unter die Lupe nehmen. Die Fünf? No way, wenn ich die anstieß, träfe die die Zwei und kollidierte automatisch mit der Acht. Diese verfluchte Acht. Da hatte Leslie ganze Arbeit geleistet. Welche Kugel hatte Dave nochmal nicht getroffen? Vielleicht versuchte ich es mal mit der und überließ Madlyn die Arschkarte… Mit etwas Glück würde es klappen – concentration, please! Oh ja, und wie konzentriert ich war: Luft anhalten, Augen schließen, ein letztes Mal tief durchatmen.. es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte dem Queue im Geiste ein Luftküsschen zugeworfen, aber das wäre dann doch zu viel des Guten gewesen.

Halbwegs gefasst, öffnete ich die Augen, beugte mich nach vorne und plazierte meinen Queue so, dass ich Daves um Haaresbreite verfehlte Kugel genau im Fokus hatte und gab der weißen Kugel den erforderlichen Schwung. Scheinbar wie in Zeitlupe, rotierte die Kugel auf das Objekt der Begierde zu und… traf gegen besseres Wissen tatsächlich. Und näherte sich unaufhaltsam der verflixten Acht. Dieses Fiasko wollte ich mir nicht länger ansehen und legte einen U-Turn hin.

„Tja, Leute, that’s it!“ konstatierte ich mit dem Ausdruck der vollständigen Niederlage in meiner Stimme, denn so wie es aussah, hatte Team „Loonie“ gewonnen. Dank meines Unvermögens, uns aus der misslichen Lage herauszumanövrieren, besser gesagt, ich Loser hatte die Acht, um die alle halbwegs erfolgreich herumgekommen waren, als Einzige sauber eingelocht. Oh, diese Blamage.

Hast Du sie noch alle?“ gab Bradley verständnislos zurück. „Schau mal genauer hin.“

Was wollte er denn jetzt? Mich veräppeln? Dennoch drehte ich mich um und schaute mir die neue Konstellation mit der Acht am Rand an. Am Rand? Meine Drei war förmlich an der Acht klebengeblieben und hatte diese am Rand festgenagelt.

What the…?“ rief ich entgeistert aus. „Aber das ist doch….“

Nicht möglich?“ grinste Ryan mich an. „Andrea McAllister, Du erstaunst uns immer mehr.“

Wow. Mit so viel sportlicher Anerkennung hätte ich jetzt nicht gerechnet, vor allem nicht von ihm. Auch Bradley war sichtlich beeindruckt. Mit einem „Hier, für Dich.“, reichte mir eine Flasche Guinness. „Das hast Du Dir verdient. Jetzt können die anderen nur noch verlieren. Und wir haben den Sieg in der Tasche.“

Hoffentlich hatte er damit Recht. Aber wenn ich mir Sorgen gemacht hatte, dass unser Team verlieren könnte, dann hatte ich mich gründlich geirrt. Die nächste Runde war auch zugleich die letzte. Dave als bester Spieler des Teams „Loonie“ konnte die drohende Niederlage auch nicht mehr abwenden. Er traf zwar die letzte Kugel im Spiel, doch die landete an der Stelle, an der die Acht gelegen hatte – und die rollte in nervenzerreißender Langsamkeit auf die Ecktasche zu, wo sie mit einem sanften Plopp! verschwand. Aus. That’s it! Aber diesmal wirklich. Und zwar für das andere Team. Ich konnte kaum glauben, dass wir um Haaresbreite gewonnen hatten.

Bradley konnte sich vor Begeisterung kaum mehr einkriegen – er warf seinen Queue auf den Tisch, riss mich an sich und wirbelte mich herum.

„Der Wahnsinn! Wir haben echt gewonnen. Mensch Andie, wieso hast Du uns nicht verraten, dass Du wie ein Profi spielst?“

Uiuiuiuiui… you make me dizzy… Und daran war nicht das Guinness schuld. Bisher hatte ich nur daran genippt. An meinem Schwindelgefühl war allein Bradley Schuld. Dass er damit Ryan in die Hände spielte, hatte ich in diesem Moment nicht auf dem Radar. Das einzige was ich wahrnahm, war ein „Wow! Das müssen wir feiern!“

Feiern… das war das Stichwort, denn dazu waren wir ja schließlich hergekommen; nicht nur die gewonnene Runde Billard, sondern das eigentliche Highlight des Tages – das erfolgreich abgeschlossene Geschäft. Da war unser kleiner sportlicher Wettbewerb eher Nebensache und eine nette Zugabe. Und da das Team „Loonie“ sowieso keinen Wert mehr auf eine Revanche legte, sondern lieber etwas trinken wollte, konnte ich genauso gut die nächste Runde spendieren. Guinness für alle erschien mir angemessen – the only real thing – für die teuren Shots wollte ich mein sauer verdientes Geld nicht gleich wieder rauswerfen.

„Hey Andrea, heb Dir lieber noch ein paar Münzen für die Jukebox auf“, rief mir Bradley entgegen, als ich mich zur Theke umdrehte, um die Bestellung aufzugeben, „etwas Musik könnte nicht schaden.“

Im Prinzip keine schlechte Idee, nur fragte ich mich, ob das, was da schon den ganzen Abend im Hintergrund lief, etwa für ihn keine Musik war. Schade, dass sie nicht nach seinem Geschmack war. Aber darum würde ich mich kümmern, sobald alle mit Getränken versorgt waren.

♪♫ ♪ Let’s dance! Put on your red shoes and dance the blues!“ ♪♫ ♪

David Bowie. Rote Schuhe trug ich keine, aber es musste auch so gehen. In Boots. Die waren zum Arbeiten prima, aber zum Tanzen denkbar ungeeignet. Aber groß darüber nachzudenken, dass ich dabei eine wenig graziöse Figur machen würde, blieb mir nicht, denn Ryan zog mich unvermittelt auf die Tanzfläche, mitten in die Menge hinein. Hoppla, mein Freund, heute haben wir es aber besonders eilig… wenn ich eines nicht mochte, dann waren es abrupte Szenen- oder Tempowechsel: Denen folgte ich meist nur widerstrebend. Normalerweise. Denn wie ich schon vor ein paar Stunden festgestellt hatte, war an diesem Abend einiges anders als sonst.

Well, my friend, I am not totally clueless about what you are going to do. Aber warum sollte ich es ihm leicht machen? Davon war nie die Rede gewesen. Welche Taktik er genau verfolgte, konnte ich beim besten Willen nicht sagen. Anscheinend hatte er beschlossen, die Zeit für sich arbeiten zu lassen und den Stein nur langsam ins Rollen zu bringen. Manche glauben ja nur zu gerne, dass sie mit Beharrlichkeit am ehesten ans Ziel kommen. Was ich darüber denke, behalte ich lieber für mich, denn mit sogenannten Patentrezepten sind schon so einige böse auf die Nase gefallen. Aber nun war ich schon mal hier, zwischen all den anderen, die zur Musik aus der Box tanzen wollten. Da konnte ich auch das beste draus machen und versuchen, den ganzen Stress zu vergessen. Wenigstens war die Musik nicht so laut, dass man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte.

Dann haben wir also Dir zu verdanken, dass wir endlich wieder vernünftiges Equipment haben?“ rief mir Ryan zu. Das war zwar stark übertrieben, dennoch nickte ich ihm durch den Lärm zu.

Konversation mitten im stärksten Gewühl betreiben zu wollen, während um uns herum die Menge nichts anderes im Sinn hat, als zu tanzen und ein wenig Spaß zu haben, really? Während die Jukebox einen Klassiker nach dem anderen spielt? Tatsächlich? Ist das wirklich Ihr Ernst, Mr. Miller? Lange Pausen gab es nicht – an Kandidaten, die die Jukebox mit einer Münze nach der anderen fütterten, bestand kein Mangel. Wie hatte Bradley mir nochmal zugerufen? Auch ich sollte mir noch etwas Kleingeld dafür aufheben; die Sache hatte nur einen Haken – andere waren bei der Musikauswahl schneller als ich. Zack! Schon hatte der nächste für Nachschub gesorgt.

♪♫ ♪ „Clean shirt, new shoes, And I don’t know where I am goin‘ to…“ ♪♫ ♪

Sharp dressed man, oh yeah. Ja, dieser Titel war absolut geeignet, etwas mehr Stimmung in den Laden zu bringen. ZZ Top? Weit gefehlt. Was hier durch den Raum schallte, war die Coverversion von Nickelback. Das passte ja wie die Faust aufs Auge. Mit Coverversionen kannten sich Ryan und seine Kollegen bestens aus. Seine Kollegen?

Wenn man vom Teufel spricht… kommen sie auch schon herein. Unser unzertrennliches Pärchen zuerst. Natürlich. Dann der Bassist. Dicht gefolgt von Danny und John, dem Keyboarder; beide plauderten angeregt mit dem Sänger. So, wie es aussah, hatten sich die drei bereits woanders ein paar Drinks genehmigt. Deswegen hatte es also so lange gedauert. Aber so wie es aussah, war das nur der Auftakt gewesen, denn ihr nächstes Ziel war die Bar, wo es wider Erwarten doch noch ein paar freie Plätze gab.

Und unser verliebtes Pärchen? War in der Menge verschwunden. Hatte Mark nicht am Nachmittag noch verkündet, er und seine Süße würden sich alle Zeit der Welt lassen? Natürlich nach dem Konzert, wann auch sonst. Hach, muss Liebe schön sein, auch wenn ab und zu die Eifersucht dazwischenfunkt. Nanu, wo kam denn dieser seltsame Gedanke her? Wenn ich den nicht schnellstens abschüttelte, war’s das mit dem entspannten Abend. Schlechte Stimmung brauchte heute kein Mensch! Für meinen Geschmack war es sowieso an der Zeit, die Musik zu wechseln.

Das war meine Chance, nicht ohne noch einen kurzen Umweg an der Bar vorbei zu nehmen und mir einen Single Malt zu genehmigen. Einen Caol Ila, und zwar einen Doppelten, denn doppelt genäht hält besser. Oder sollte es nicht eher „doppelt eingeschenkt, dröhnt besser“ heißen? Auch wenn das meinem Urteilsvermögen nicht sonderlich auf die Sprünge half. Entscheidungsfreudigkeit sah anders aus. Schade, dass sie nicht Florence & the Machine im Angebot hatten – „Queen of Peace“ oder „Ship to Wreck“ wäre jetzt genau das Richtige gewesen. Fehlanzeige! Leider… dafür aber jede Menge Scheiben aus den 80er Jahren. Was sollte ich bloß wählen? Das aktuelle Lied war gleich zu Ende, da musste der passende Anschluss her, und zwar schnell.

Doch so richtig bei der Sache war ich nicht. Zerstreut ließ ich meinen Blick zuerst in Richtung Tür, dann hinüber zur Bar schweifen. Danny und John hatten längst den Ort gewechselt, mit einem Satz Pfeile, aber ohne Mike. Der stand, mit einem Drink in der Hand, lässig an den Tresen gelehnt. Dressed in Black. Unsere Blicke trafen sich, blieben aneinander hängen – zwar nur für Sekunden, aber das genügte. ‚Oh Lord, won’t you leave me just like this…‘

Verdammte Axt, ich war ja völlig durch den Wind. Hatte ich nicht die Musik aussuchen wollen? Ja, toll! Jetzt stand ich hier wie vom Blitz getroffen und jeglicher Inspiration beraubt. Statt dessen machte es sich ein Teufelchen auf meiner Schulter bequem und trieb mich dazu, Dinge zu tun, die ich in nüchternem Zustand niemals getan hätte. Die wenigen Sekunden, in denen ich in meiner Hosentasche nach Münzen fischte, dehnten sich scheinbar zu Minuten aus. Erneut hob ich den Kopf und blickte ihn diesmal direkt und mit voller Absicht an, während ich die Münzen einwarf.

Ich drückte die Taste und bewegte mich mit provozierender Langsamkeit zurück zu meinem Tanzpartner, den ich für meinen kurzen Ausflug zur Jukebox alleingelassen hatte.

♪♫ ♪ „Don’t you forget about me…“ ♪♫ ♪

Ryan war begeistert; dass ich mit den Simple Minds einen Nerv bei ihm getroffen hatte, war nicht meine Absicht gewesen und dass er mich in seine Arme zog, noch viel weniger. Geplant war das nicht, aber es ebnete spontan einer ganz neuen Taktik den Weg, denn ich wusste ganz genau, dass Mike uns beobachtete. Wie gut, dass ich meinen Drink noch hatte. Die rauchige Flüssigkeit erzeugte ein wohliges Wärmegefühl, das mir ein trügerisches Gefühl von Sicherheit gab.

Andrea McAllister, you’re walking on thin ice! Du begibst Dich auf verdammt dünnes Eis mit deinem spontan gefassten Entschluss, den Typen, den Du die ganze Zeit am liebsten gar nicht mehr aus den Augen lassen würdest, eifersüchtig zu machen. „Don’t you forget about me“ als Denkzettel? Das würde er sicherlich überhaupt nicht lustig finden, und wenn ihm wirklich etwas an mir lag, dann würde er diesem Theater ein Ende machen. So weit die Theorie. Die Realität sah anders aus.

Wenn ich heute so darüber nachdenke, frage ich mich, wie ich damals so dämlich sein konnte, zu glauben, dass der Versuch, Mike zu provozieren, zum gewünschten Ergebnis führen würde. Wenn ich ehrlich bin, haben solche Versuche noch nie funktioniert. Ich hätte wissen müssen, dass dieser Plan von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Anstatt dazwischenzugehen und die Farce zu beenden, kippte er seinen Drink in einem Zug hinunter und verließ den Ort des Geschehens sichtlich wenig begeistert, während sein Kollege nun beim Flirten erst so richtig Gas gab.

Wäre ich nüchtern gewesen und Ryan mir nicht so sympathisch, hätte ich es erst gar nicht erst so weit kommen lassen und mich wie eine Idiotin aufgeführt. Aber ich dumme Nuss musste ja sein Spiel unbedingt mitspielen und auf seinen Annäherungsversuch eingehen. Im Nachhinein betrachtet, ist das womöglich genau der Grund, warum ich seitdem Caol Ila in Faßstärke meide wie der Teufel das Weihwasser.

In nüchternem Zustand hätte ich spätestens an dieser Stelle die Reißleine gezogen und wäre gegangen, anstatt auch dann noch bei ihm zu bleiben, als die Musik langsamer wurde… wir wären uns nicht noch näher gekommen; und ganz bestimmt wären wir nicht in einer schummrigen Ecke gelandet. Oh yes, please kiss me…

Media Monday # 459 : Frohe Ostern

Ostern ohne Hasen? Seit längerem habe ich schon kein Verlangen nach Schokohasen mehr, da verschenke ich sie lieber selbst. Auch auf andere Naschereien oder Snacks habe ich, seit ich im Home Office arbeite, nur sehr wenig Lust. Aber auf Obst! Das war früher anders.

Anders ist auch, dass ich jetzt öfter meinen Bestand an DVDs durchkämme, um mir mal wieder die Filme anzusehen, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. So lange wir nicht ausgehen können, weil alles geschlossen ist, werde ich dann halt über meine Heimkinoabende berichten anstatt über Besuche diverser Lichtspielhäuser.

Nicht geschlossen ist der Media Monday – den kann sich jeder im stillen Kämmerlein zurechtbasteln, und die Zusammenkunft auf Wulfs Blog ist garantiert ungefährlich, da virtuell (und nicht virulent).

Media Monday # 459

1. Das Erfinden eigener Storys ist für mich Eskapismus pur, denn die darin auftretenden Figuren haben mit meinem Leben nicht das Geringste zu tun.


2. Nun, wo das Wetter besser wird, könnte man sich ja mit einem Buch auf den Balkon, die Terrasse oder in den Park begeben. Anbieten würde sich da meines Erachtens für mich entspanntes Abhängen in der Hängematte, mit einem Glas Wein und endlich die angefangene Biografie über AC/DC zu lesen, die ich mir vor längere Zeit auf dem Büchereiflohmarkt für 50 Cent gekauft habe.


3. Enorm umfangreiche Videospiele mit offenen Welten und ordentlich Abenteuer-Flair haben mich früher mal gereizt, aber dann bin ich doch bei Jump-and-Run-Games hängengeblieben. Aber diese Zeiten sind schon lange vorbei.


4. Die Krimiserie „Castle“ hat mich ja aufgrund der immens vielen Staffeln immer abgeschreckt, aber auch wenn acht Staffeln jetzt nicht überdurchschnittlich viel sind, sendet sixx nun alle Folgen von vorne, so dass ich jetzt auch in den Genuss kommen kann. Außerdem sind die Folgen in sich abgeschlossen, so dass ich nicht viel verpasse, wenn ich mal eine Folge nicht sehen kann.


5. Würde man sonst vielleicht – beispielsweise – gemeinsam ins Kino gehen, bietet es sich im Moment ja geradezu an, den Fokus aufs Heimkino zu legen. In meinem Fall zählen Konzertfilme mit dazu, und so bin ich in den letzten Tagen in einen langersehnten Genuss gekommen – mit dem für mich vermutlich besten Konzertaufzeichnung der letzten Jahre: Loreena McKennitts Konzert von 2005 in der Alhambra.


6. So eine Art der Alltags- (oder auch Freizeit-)Entschleunigung bringt es zuweilen auch mit sich, dass ich mit wacheren Sinnen durch unseren Garten gehe und Dinge erblicke, die mir sonst verborgen geblieben wären. Eine einzelne Kamelienblüte zum Beispiel oder Tulpen in anderen Farben als das allgegenwärtige Rot.


7. Zuletzt habe ich weiteren Kapiteln einen Feinschliff verpasst, weil sich einige Schreib- und Formatierungsfehler eingeschlichen hatten, und das war eine Heidenarbeit, weil ich dachte, dass die Texte jetzt endlich soweit sind, dass ich sie komplett hochladen kann. Und dabei habe ich mir dann überlegt, dass ich die Hochladefrequenz erhöhen könnte, weil mir für ein Kapitel pro Woche die Geduld fehlt und ich das Ende der Erzählung auf meinem Blog früher sehen möchte als erst im nächsten Frühjahr; deshalb dann auch Mittwochs und an allen Feiertagen, mögliche Kollisionen mit dem „Dienstagsgedudel“ nehme ich dabei gerne in Kauf.

 

PS: Die süßen Schokohasen auf dem Foto (Quelle: https://www.op-online.de/region/langen/condit-courture-langen-landet-corona-hasen-einen-volltreffer-13642576.html) gab es zu gewinnen, aber ich wurde nicht gezogen.

Die 5 Besten am Donnerstag – Ergothek : Die schaurigsten Momente in Horrorfilmen

 

 


 

Das wird ein Vorgriff auf meinen für Ende Oktober geplanten Rückblick auf den Horrorctober. Nachdem ich bis jetzt elf Horrorfilme gesehen habe, kann ich daraus eine brauchbare Auswahl treffen – und zwar für die aktuelle Ausgabe von den Besten am Donnerstag“ bei passionofarts mit den schaurigsten Momenten in Horrorfilmen, wie jetzt schon öfters bei mir in chronologischer Reihenfolge (Quelle des Startbildes: https://i.ytimg.com/vi/7Vm5mM2_6p8/maxresdefault.jpg)

 

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Psycho (1960) – wenn der Zuschauer die Mutter von Norman Bates zum ersten Mal sieht.

The Ring (2002) – wenn Samara durch die Mattscheibe des Fernsehers ins Wohnzimmer eindringt.

Ghost Ship (2002) – wenn zu Beginn des Films die zum Zerreißen gespannten Stahlseile zur Todesfalle für die Menschen an Deck werden.

Black Water (2007) – wenn die beiden überlebenden Schwestern auf dem Baum in der Dunkelheit dem Salzwasserkrokodil beim Fressen zuhören müssen.

The Visit (2015) – wenn die Großmutter mit ihren Enkeln unter der Veranda spielt und sich dabei auf groteske Weise fortbewegt.

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Media Monday # 434 : Das angenehme Gruseln geht weiter

 

Habe ich neulich noch verkündet, dass mir die Anzahl der für den Horroctober vorgesehenen Filme zu hoch sei und ich nur auf einen Bruchteil käme, muss ich heute meine Meinung revidieren. In den letzten Wochen war ich ständig in der Stadtbücherei, um mich mit Filmen des Horrorgenres einzudecken und habe auch schon einige Filme gesehen. Vermutlich werde ich am Ende des Monats doch 13 Filme gesehen haben und werde einen Rückblick auf dieses Experiment folgen lassen. Das Thema passt ja auch super in den 7. Lückentext des Media Monday, der auch diesmal spannend bleibt.

Media Monday # 434

1. Schön, wenn einen Filme noch so richtig überraschen können, wie es mir letztens mit „House at the end of the street“ passiert ist, denn mit diesem Ende hätte ich nun wirklich nicht gerechnet.

2. Ich verstehe durchaus, weshalb viele mit Filmen, in denen verhältnismäßig wenig Blut fließt, nicht viel anfangen können, doch für mich persönlich wird es dann interessant, wenn der eigentliche Grusel über die psychologische Schiene hereinkommt.

3. Es wird mir wohl auf immer unverständlich bleiben, wie man sich bei etwas wie „Blair Witch Project“ oder „Katakomben“ nur gruseln kann, schließlich ist für mich dieses unsägliche Kameragewackel eine Belastungsprobe für die Augen. Und wenn dann auch noch alles so richtig schön ausgeleuchtet wird, fehlt mir eindeutig das Geheimnisvolle.

4. Eine der angenehmsten Begleiterscheinungen des Herbst ist es, dass sich die Natur in den buntesten Farben zeigt und das Licht zum Fotografieren weicher wird.

5. Was habe ich mich gefreut, als angekündigt wurde, dass es gleich zwei Filmdokumentationen über von mir sehr geschätzte bzw. verehrte Künstler geben würde… mal keine als Spielfilm aufgezogene Biopics, sondern eine Kombination aus privatem Material und Interviews mit Menschen, die den Portätierten nahestanden  – und schon war meine Neugier geweckt, mit dem Ergebnis, dass ich zwei unvergessliche Filmabende hatte. Schade nur, dass ich für den einen durch die halbe Republik gondeln musste. Trotzdem bleibe ich dabei: Manche Städte immer eine Reise wert.

6. Eines meiner Hobbys habe ich eigentlich schon viel zu lange vernachlässigt oder ignoriert, aber wenn ich am Wochenende gar nicht mehr vor die Tür komme, sind das doch gute Voraussetzungen, das Nähen wieder aufzunehmen. Schnittmuster und Stoffe sind in ausreichender Menge jedenfalls vorhanden. Fehlt nur noch die Motivation, wieder damit anzufangen.

7. Zuletzt habe ich eine Liste aufgestellt, wie viele Horrorfilme ich mir im Oktober ausgeliehen habe, und das war doch mehr, als ich erwartet hatte, weil ich gar nicht damit gerechnet hatte, doch so viel Zeit dafür erübrigen zu können. Meine Liste, die ein ganzes Spektrum im Horrorfilm abdeckt, lautet:

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01 – „The Visit“  +++   02 – „House at the end of the street“   +++   03 – „Spring“   +++   04 – „Fright Night“   +++   05 – „Katakomben“   +++   06 – „10 Cloverfield Lane“  +++   07 – „Ghost Ship“+++   08 – „Lights Out“   +++   09 – „Der Babadook“    +++ 10 – „Regression“   +++   11 – „Ma – sie sieht alles“   +++   12 – „Fear Island“   +++   13 – „Black Water“

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Die Filme in schwarzer Schrift habe ich noch nicht gesehen, und vom Rest finde ich einige eher so lala (Regression / Katakomben), aber das wird durch die Filme die für mich top sind (Fright Night / Ghost Ship) mehr als aufgewogen.

Das Werk zum Wort 42/52 : Wald

 

Willkommen zur 42. Woche des Projekts Das Werk zum Wort“ von Stepnwolf:

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Ein Jahr lang jede Woche ein Wort. Dazu ein passendes Werk. Musikalisch, filmisch, literarisch. Alles geht. Alles darf. Solange sich das Werk dem Wort widmet. Und einige Worte zum Werk entstehen. Mitmachen darf jeder. Eine Woche lang. Bis zum nächsten Wort. Einfach in den Kommentaren euer Werk zum Wort verlinken. Und hier jede Woche das nächste Wort erwarten.“

***

 

In Märchen ist der

Wald

 

ein geheimnisvoller Ort. In dem Video zu Björks Song „Bachelorette ist er der Ausgangspunkt für die Geschichte der Heldin, die dort ein Buch findet, das tief vergraben in der Erde liegt und das sich selbst zu schreiben beginnt. Wie von Zauberhand füllen sich die Seiten ganz von alleine. Sie nimmt es an sich, um darin zu lesen und es zu einem Verlag in der Stadt zu bringen, wobei ich mir die Frage stelle: Folgen die Worte im Buch den Handlungen der „Autorin“ oder folgen ihre Taten dem Erzählten im Buch? Was dann kommt, lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Ruhm, kometenhafter Aufstieg, aus dem Bestseller wird ein Musical, und alle sind begeistert, bis das Ende kommt. Sobald Verleger und Autorin das Aus ihrer Beziehung verkünden, geht es steil nach unten, und die Sätze auf den Buchseiten lösen sich in Luft auf, bis zum Schluss alle mit leeren Büchern dastehen (Quelle – https://http://www.youtube.com/watch?v=x5nNfbTS6N4) …

 

 

… Das Werk in die Tonne zu werfen, ist verständlich aber nutzlos, denn alle, die mit dem Buch und dem Musical in Berührung gekommen sind, werden zu Bäumen bzw. zu Wald – ein Wald, der alles verschlingt und sich das ausgegrabene Buch zurückholt, um es wieder in der Erde verschwinden zu lassen. Der Wald als besitzergreifendes Wesen und als Symbol für einen ewigen Kreislauf – ein unendlicher Wald als Alptraum, der nicht enden will, und die Geschichte, die sich selbst enthält: Das Konzept erinnert mich an Fraktale und ist mir in der Literatur in „Die Unendliche Geschichte“ von Michael Ende zum ersten Mal begegnet.

Verantwortlich für das surreal wirkende Video mit in sich verschachtelter Handlung ist Michel Gondry, der neben einigen Spielfilmen auch Werbespots und vor allem sehr viele Musikvideos gedreht hat, u.a. „Mad World“ für den Film „Donnie Darko“ und „Come into my world“ von Kylie Minogue.  

 

Das nächste Wort = Geburtstag.

 

 

Die 5 Besten am Donnerstag – Ergothek : Die schaurigsten Figuren aus Horrorfilmen

 

Nachdem auch ich mir meine eigene Ladung an Horrorfilmen ins Haus geholt habe, beschäftigt sich die aktuelle Ausgabe von den Besten am Donnerstag“ bei passionofarts mit den schaurigsten Figuren in Horrorfilmen. Die müssen nicht immer identisch sein mit den größten Bösewichtern. Manchmal sind es ganz andere Figuren, bei denen es mir eiskalt den Rücken hinunterläuft. Wie zum Beispiel die Statue des Winddämons Pazuzu in „Der Exorzist“. 

In meinen Top Five habe ich mich auf die konzentriert, die garantiert noch in keiner von meinen Listen aufgetaucht sind, und wie schon letzte Woche, habe ich sie in chronologischer Reihenfolge aufgeführt… Nun denn – ich wünsche allseits ein (un)angenehmes Schaudern:

 

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Das Mädchen aus dem Brunnen – The Ring (2002)

Ein Fernseher wird ausgeschaltet und schaltet sich von selbst ein. Dann erscheint auf dem Bildschirm das Bild eines Brunnens, und ein Mädchen krabbelt heraus, bewegt sich auf groteske Weise auf den Zuschauer zu und durchdringt schließlich die Mattscheibe, um real zu werden und den Zuschauer zu töten – das dabei ins Zimmer strömende Wasser erhöht den schaurigen Effekt für mich noch. Da muss ich mir nicht auch noch die zu Fratzen verzerrten Gesichter der Toten anschauen – das Mädchen Samara ist auch so schon schrecklich genug anzusehen (Quelle – https://www.blairwitch.de/wp-content/uploads/2017/01/newsbild-rings.jpg):

Die unheimliche Crew und Combo – Ghost Ship (2002)

Noch ein Film aus demselben Jahr. Diesmal steckt hinter der Blutorgie kein anderer als ein Diener des Teufels, der einen Teil der Crew und die Musikcombo eines Luxusliners dazu bringt, sämtliche Passagiere und den Rest der Besatzung umzubringen. Ein echter Seelenverkäufer, den man nicht besiegen kann (Quelle – https://i.pinimg.com/originals/1d/c6/e3/1dc6e3f33d7b41f13c0edb91bcd9ce96.jpg):

Die Wesen aus dem Wald – The Village (2004)

Ein abschottetes Dorf in Angst vor den sogenannten Unaussprechlichen, die von der Farbe Rot angelockt werden. Der Grusel, den sie auf mich ausübten, wurde durch unheimliche Geräusche nur noch verstärkt (Quelle – https://i.pinimg.com/originals/a1/74/36/a17436e0108643d3e22d17bdfc25eda2.jpg):

Die tote Seekuh – Long Weekend (2008)

Ein Ehepaar in der Krise fährt für ein langes Wochenende an einen abgeschiedenen Strand zum Campen: Diesen australischen Horrorfilm hatte ich schon ein paar Mal in unterschiedlichen Kategorien. Diesmal ist es eine tote Seekuh, die den beiden Umweltfrevlern im wahrsten Sinne auf die Pelle rückt. Wenn man plötzlich einen Kadaver neben sich hat, ist das schon ganz schön gruselig (Quelle – https://media.outnow.ch/Movies/Bilder/2008/LongWeekend/dvd-film.ws/10.jpg):

Die Menschenkette – Us (2019)

Man falte ein Blatt Papier ziehharmonkamäßig zusammen, schneide kleine Männchen aus und falte den Bogen wieder auseinander. Et voilà – schon hat man eine hübsche Kette von Figürchen, die einander an die Hand nehmen und eine Kette bilden. Wenn man sich aber einer regungslos verharrenden und schweigenden Kette von echten Menschen gegenüberstehen sieht, die einfach nur so dasteht und sich quer durch das ganze Land zieht, hat das für mich etwas beklemmendes. Und das sind nicht bloß vier Menschen wie auf dem Foto (Quelle – https://img.br.de/3e667c64-90ca-451d-9ff2-995db0644dba.jpeg):

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