ABC-Etüden – Woche 38 & 39 – Etüde 4: Der Zonk

.

Meine Fortsetzungsgeschichte im Rahmen der ABC-Etüden (auf dem Blog von Christiane) – mit den von Werner Kastens gespendeten Wörtern Prophezeiung, anständig und verkrümeln geht in eine weitere Runde.

Nach Etüde 1 mit dem Titel „Der Ausflug“, Etüde 2 zum Stichwort Filmriss und Etüde 3 „Das Resümee“ folgt nun Etüde 4 mit dem Titel „Der Zonk“. Wer wissen möchte, was ein Zonk ist, kann sich hier (auf Wikipedia) über diesen unerfreulichen Trostpreis schlau machen.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Der Zonk

Auf dem Zimmer bleiben? Von wegen.

Kaum war die Tüte mit den Erdnüssen leer und der knackige Sportler vom Laufband verschwunden, hatte ich auch schon den guten Vorsatz über Bord geworfen. Dazu brauchte es keine Prophezeiung – wer mich gut genug kannte, der wusste, dass mich im Urlaub nichts länger als nötig im Hotel halten würde: Der Abend war noch jung, und mit etwas Glück gab’s unten im Ristorante noch einen Platz für mich.

Gedacht – getan. Kurz darauf saß ich, strategisch günstig mit Blick auf den Eingang des Fitneßstudios, an einem Zweiertisch und genoss einen edlen Tropfen aus der Region Niagara. Diesen Punkt konnte ich nun auch von meiner Löffelliste abhaken: Fünfzig Dinge, die ich schon immer tun wollte, zu denen auch ein anständiger Urlaubsflirt gehörte. Mit meinem Partner in Crime für den vergurkten Kinonachmittag hatte ich geglaubt, den idealen Kandidaten gefunden zu haben. Leider zu früh gefreut! Da hatte ich mir vielleicht ein Herzchen angelacht. Aber mit etwas Glück würde mir die Zielperson vom Laufband über den Weg stolpern.

And the lucky winner is… Da ging die besagte Tür auf, und ich zwinkerte dem Studiobesucher zu, der prompt mein Lächeln erwiderte und sich anschickte, die Fahrbahn in meine Richtung zu überqueren. War der Tag also doch noch nicht verloren… Das hatte ich aber auch nur gedacht – wie aus dem Nichts flötete mir eine nur zu bekannte Stimme ins Ohr: „Na, wen haben wir denn da?“ Luca? Na toll. Warum konnte er sich nicht einfach verkrümeln? Aber da hatte ich leider ganz schlechte Karten. Mit einem rhetorisch gemeinten „Du hast doch nichts dagegen, oder…“ schwang er sich auf den freien Stuhl und breitete sich ungeniert aus.

Schönes Schlamassel: Innerhalb weniger Sekunden war der vermeintliche Hauptgewinn zum Zonk mutiert.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

290 Wörter für den aktuellen Teil der Geschichte, die ich wahrscheinlich mit der nächsten Etüde fortsetzen werde.

ABC-Etüden – Woche 38 & 39 – Etüde 3: Das Resümee

In den Kommentaren zu meinem letzten Beitrag zu den ABC-Etüden (auf dem Blog von Christiane) – mit den von Werner Kastens gespendeten Wörtern Prophezeiung, anständig und verkrümeln bin ich gefragt worden, ob ich eine Fortsetzung plane.

Et voilà – hier ist sie. Etüde 1 mit dem Titel „Der Ausflug“ machte den Auftakt zu einem erfundenen Reiseerlebnis – gefolgt von Etüde 2 zum Stichwort Filmriss. Nun sitzen sie und schau’n und schau’n – der Autorin ist nicht sehr zu trau‘n.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Das Resümee

Von Burgern und Cocktails im „Paradise“ geduscht, hatte ich wie ein Schwein ausgesehen und hätte mich vor Scham am liebsten in den Erdboden verkrümelt. Stunden später saß ich im Frotteebademantel mit Bini auf dem Balkon, das Fitneßstudio gegenüber im Blick, und nippte an einer Sprite. Prozente waren für den Rest des Tages tabu – und egal, was der Spaß mich kosten würde: Heute würde ich unser Zimmer nicht mehr verlassen.

„Gut, dass Du Bekanntschaft mit dem Inhalt des Portemonnaies gemacht hast und nicht mit der Motorhaube eines Geldtransporters – nach dieser  Glückskeksprophezeiung„, meinte Bini trocken.

„Tageshoroskop bitte!“

„Glückskeks oder Zeitungsgeschreibsel… ist doch eh alles das Gleiche“, erwiderte meine Freundin. „Mich wundert nur, dass Du Dir über so einen Blödsinn Gedanken machst.“

Gedanken machen… so hätte ich mein Resümee nicht bezeichnet, aber etwas positives musste es an diesem vermurksten Tag doch geben. War ich mir doch nach dem Reinfall mit Luca sicher: Ein anständiges Date hätte anders ausgesehen. Andererseits war so ein Geldregen nicht zu verachten, vor allem weil bei diesem Malheur eine hübsche Sonderprägung in meiner Jackentasche gelandet war, ein Fund, den ich niemandem gemeldet hatte, auch meiner Freundin nicht. Die hätte mich dafür bestimmt in den Senkel gestellt. Bei Diebstahl verstand sie keinen Spaß. Spaß: das Stichwort. Anstatt mich zu bemuttern, sollte sie lieber ausgehen. Alleine zu bleiben würde mir nichts ausmachen. Schließlich brauchte ich keine Bespaßung – schon, weil die Dröhnung allein auf mein Konto ging.

Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, holte ich mir eine Packung Erdnüsse und lehnte mich zurück, mit freier Sicht auf das Laufband, auf dem nun ein schnuckeliger Typ trainierte, gegen den Luca einpacken konnte. Was für eine Verschwendung, seufzte ich. Wo hatte ich nur meine Augen gehabt? Aber was nicht war, konnte noch werden. Schließlich war noch nicht aller Tage Abend.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Und auch bei diesem Teil der Geschichte sind es wieder genau 300 Wörter geworden.

ABC-Etüden – Woche 38 & 39 – Etüde 2: Filmriss

Auf einem Bein kann man schlecht stehen – diese Binsenweisheit ist vermutlich anders gemeint, aber ich wende sie einfach mal auf die aktuellen ABC-Etüden (auf dem Blog von Christiane) an – mit den von Werner Kastens gespendeten Wörtern: Prophezeiung – anständig – verkrümeln.

Ich hatte mal wieder Lust auf eine Fortsetzungsgeschichte. Etüde 1 mit dem Titel „Der Ausflug“ machte den Auftakt zu einem erfundenen Reiseerlebnis.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Filmriss

„Porca miseria!“ fluchte Luca, als das Licht erneut anging. Lag es an den durch die vorsintflutliche Technik verhinderten Anäherungsversuchen oder am entgangenen Filmgenuss? So viel zu „wir verkrümeln uns ins Kino“. Luca reichte es jetzt. Er stürmte zum Kassenhäuschen, um den Eintritt  zurückzuverlangen. Was für eine peinliche Vorstellung!

Natürlich sprach nichts gegen die Rückerstattung der dreißig Dollar – aber das wäre auch freundlicher gegangen. So ließen sich keine Punkte bei mir sammeln. Doch es kam noch dicker.

Nach dem Reinfall mit dem Nachmittag im ältesten Filmpalast Ontarios rührte sich mein Magen. Anstatt die unterwegs gekauften Macarons auf einmal zu futtern, hätte ich vielleicht doch etwas anständiges essen sollen. Aber Poutine in allen Variationen hatte mich einfach nicht locken können.

Jetzt hatte ich den Salat… und immer noch Hunger, und so gab ich die Marschrichtung vor – geradewegs in den nächsten Freßtempel. „The Paradise“ – die großen Lettern über dem Eingang verhießen ganz besondere Gaumenfreuden: „Cocktails, Burger & more“.

Kaum hatten wir bestellt, stießen wir auch schon an: mit einem Martini (gerührt) für mich und einem Gin-Tonic für Luca. Und weil man auf einem Bein so schlecht steht, genehmigte ich mir gleich noch einen. Aber hallo! Da hatte es jemand mit dem Wodka aber gutgemeint. Nun denn – nicht lang schnacken, Kopp in’Nacken, und ex…Es kam, wie es kommen musste: Vor dem Essen ist es ratsam, gewisse Räumlichkeiten aufzusuchen – weniger empfehlenswert dagegen, zu forsch aufzustehen; vor allem nicht mit der Bedienung im Genick.

„I was standing – you were there – Two worlds collided.“ – Mein ungespieltes Lieblingslied untermalte diese Szene: Ein Rums, und es regnete nicht nur Burger, sondern auch den Inhalt des Kellnerportemonnaies mit dem Münzgeld.

„Heute kommt eine große Geldmenge auf Sie zu“ – das hatte die Prophezeiung in meinem Tageshoroskop heute Morgen ganz bestimmt nicht gemeint.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Die Fortsetzung des cineastischen Erlebnisses in exakt 300 Wörtern ist eine unbeabsichtigte Punktlandung geworden.

ABC-Etüden – Woche 38 & 39 – Etüde 1: Der Ausflug

Huch, schon wieder Sonntag? Es gibt drei neue Wörter für die aktuellen ABC-Etüden (auf dem Blog von Christiane), und diesmal wurden sie von Werner Kastens gespendet: Prophezeiung – anständig – verkrümeln.

Vielleicht schaffen ja diesmal die Worte, meinen Knoten im Hirn zu entwirren, und die zur Zeit für mich mehr als passende Illustration hat zumindest für diese Etüde die Inspriation geliefert.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Der Ausflug

„Warum verkrümeln wir zwei Hübschen uns nicht ins Kino?“

Vorgestern Stadtrundfahrt, gestern ein Museumsmarathon, und heute war die unterirdische Stadt dran – das würde ein langer Nachmittag werden… Am liebsten hätte ich meine Füße hochgelegt, aber unsere Reiseleiterin kannte keine Gnade. Kanadas Städte im Schweinsgalopp – da war Frau Fischer unerbittlich. Meine Freundin, die ich zu dieser Reise überredet hatte, sah das ähnlich. Ihrer Meinung nach hatte uns der Spaß eine anständige Stange Geld gekostet (über Details schweige ich lieber) – da wollte sie so viel wie möglich mitnehmen. Aber hatte da auch nicht etwas von Zeit zur freien Verfügung gestanden?

Und jetzt kam Luca, mit dem ich schon im Bus heimliche Blicke ausgetauscht hatte, mit dieser Idee an. Natürlich im Flüsterton, damit es die Fischer nicht mitbekam. Aber warum eigentlich nicht? Wir waren ja schließlich keine minderjährigen Schüler mehr. Hauptsache, wir waren rechtzeitig vor dem nächsten Programmpunkt zur Stelle, der diesen Tag krönen sollte. Aber bis dahin waren es noch vier Stunden.

Soso, ins Kino wollte er unser Spontandate verlegen? Gespannt darauf, welchen Film ihm für unser klammheimliches Ausbüxen vorschwebte, verdrückten wir uns in einen Hauseingang und warteten, bis die Gruppe unseren Blicken entschwunden war. Dann steuerten wir den nächsten Filmpalast an. Fassungslos fiel mein Blick auf das Plakat. „Dune“ – ein überlanger Film um ein Wüstenvolk mit einer Prophezeiung, dass einst einer kommen würde, der die Freiheit bringen möge… und dann auch noch in französischer Sprache, na das konnte ja heiter werden und ganz neue Chancen für einen gewünschten Verlauf des Dates eröffnen, in welcher Form auch immer.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Das cineastische Erlebnis, abgehandelt in 257 Wörtern. Ich glaube, ich stehe noch immer unter dem Einfluss dieses Films, den ich in Wirklichkeit tatsächlich gestern Abend gesehen habe.

ABC -Etüden – Woche 36 & 37 – Etüde 1: Wasser marsch!

Die ABC-Etüden gehen nach der Sommerpause in eine neue Runde, um erneut am 1. Advent zu enden – dann folgen die Adventüden. Kaum zu glauben, dass wir uns schon in der 36. Woche befinden – so schnell ist das Jahr vorangeschritten…

… dennoch – die von Ludwig Zeidler für die ABC-Etüden auf Christianes Blog gespendeten Wörter (Schlick – ominös – putzen) machen mir wieder richtig Lust auf neue Schreibübungen (irgendwie habe ich das Gefühl, diesen Sommer nicht sehr produktiv gewesen zu sein). Deshalb geht das Charakterrecycling an dieser Stelle weiter.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Wasser marsch!

Frühstück in der Heidekate – wie sich Schrödinger darauf freute: Extrastarker Kaffee, wachsweiche Frühstückseier, knusprige Brötchen und Erdbeermarmelade, Morgenzeitung inbegriffen – und auf den Spaziergang am Timmendorfer Strand, bei dem er trotz der Kälte seine Zehen in den Schlick bohren konnte. Aber ein Blick auf die zugefrorene Ostsee sagte ihm, dass er diese Wette mit den Kollegen schon bei seiner Anreise verloren hatte.

Ächzend schlurfte er ins Bad. Die heiße Dusche tat seinen Muskeln, die nach der zwölfstündigen Anreise des Grauens rebellierten, sicher gut. Ihnen nachzugeben, war jedoch keine Option. Dazu schrie der verlockend funkelnde Schnee unter einem veilchenblauen Himmel viel zu sehr nach einem ausgiebigen Spaziergang. Gähnend legte Schrödinger den Schalter um und tapste unter dem Summen der funzeligen Beleuchtung durch den rosé gefliesten Raum. Halbverschlafen zog er den Duschvorhang zur Seite. O Graus! Rostfleckige Armaturen und das ominöse Quietschen der Metallringe ließen ihn nichts Gutes erahnen. Dennoch beschloss er, den Start in den Morgen wie geplant fortzusetzen. Nach einer schönen Dusche und einer Tasse Kaffee würde er sich wie neugeboren fühlen. Auch wenn die Eigentümer der Pension wohl schon länger nichts mehr gemacht hatten – von einer altmodischen Einrichtung wie dieser ließ er sich nicht abschrecken. Ha, das wäre ja noch schöner!

Schwungvoll drehte er beide Wasserhähne gleichzeitig auf. Zuerst geschah nichts, dann ging ein Ruckeln durch die Leitung, und wie in Zeitlupe macht sich der Duschschlauch selbständig. Entgeistert musste er mitansehen, wie das Ungetüm geradezu explodierte und die eruptionsartige Wasserfontäne das Badezimmer unter Wasser setzte. Wasser marsch!

Egal, wie schnell er dieses Pandämonium abstellte – er würde erst einmal putzen müssen, um zu verhindern, dass das ganze Haus geflutet wurde. Doch dazu musste er erst einmal an dem peitschenden Schlauch vorbei kommen. Ein schier aussichtsloses Unterfangen. Übernachtung mit Frühstück waren ihm unschlagbar günstig vorgekommen? Jetzt wusste er warum.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Die Freuden des Reisens, verpackt in 300 Wörter – hier erwarten sie Schrödinger, der seinen ersten Auftritt im Etüdensommerpausenintermezzo hatte. Bei dem Wort ominös handelt es sich übrigens um ein von dem Substantiv „Omen“ abgeleitetes Verb – und darunter versteht man ein Vorzeichen (meist unheilvoller Art) auf ein kommendes Ereignis.

Etüden-Sommerpausen-Intermezzo #4: Summer in the city

Offiziell geht die Sommerpause der ABC-Etüden noch bis zum 5. September, und wenn ich gedacht hatte, dass meine Inspiration nach drei Etüden bereits zum Erliegen gekommen ist, so war das ein Irrtum, der mich vorschnell ereilt hat. Schön, dass wir von den folgenden zwölf Wörtern mindestens sieben in einen Text von beliebiger Länge einbauen dürfen:

Dachbegrünung – Eigentor – Fliegenklatsche – Glühwürmchen – Konzert – Lebensgeister
Regen – Similaungletscher – Sommerloch – Wasserläufer – Wetterleuchten – Willkür

Nach drei natürlichen Gewässern (Fjord, Meer und Weiher/Teich) geht es heute um eine künstlich angelegte Wasserfläche (schließlich sind ja auch Badewannen erlaubt).

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Summer in the city

„Wer ist denn bitte so blöd und fährt im August nach Toronto!“

Marios Urteil war vernichtend. Ich quittierte es mit einem verächtlichen Schnauben. Der Typ hatte doch keine Ahnung, aber so war das nun mal mit der buckligen Verwandtschaft – immer gab es einen, der es besser wusste und einem die schönen Pläne vermiesen wollte. Aber was ärgerte ich mich eigentlich über diesen Nasenbären – alle anderen Freunde und Verwandten hatten ihre Begeisterung über meine Pläne in Form von Glückwünschen verpackt und gratulierten mir zu meinen Plänen. Andere gingen sogar noch weiter und gaben mir gutgemeinte Ratschläge, was unbedingt in mein Gepäck gehörte.

„Du brauchst einen Tagesrucksack für Eure Wanderungen“, kam es von Kevin. Welche Wanderungen? „Und nimm Dich in acht vor Bären!“ Bären in Ontario? Die einzigen, die hier eventuell des Wegs kamen, waren Gummibärchen. Sabine, die schon viele Busreisen mitgemacht hatte, war fest von der Notwendigkeit eines Nackenhörnchens überzeugt, während Silke mir eine Fliegenklatsche ans Herz legte. „Gegen die nervigen Plagegeister am See“, wie sie sagte. Innerlich zeigte ich ihr den Vogel, weil ich mich mit soviel Ballast und zusätzlichem Krempel nicht belasten wollte. 

Zugegeben, ein wenig nervten mich die vielen ungebetenen Tips schon, dennoch war ich im Grunde doch gerührt, dass sie sich so mit mir freuten. War doch nach so langer Zeit bei mir endlich so etwas wie das Erwachen neuer Lebensgeister zu spüren, auch wenn die neu entdeckte Lebensfreude noch als Funke in der Luft hing, nicht größer als ein Glühwürmchen – aber der Anfang war gemacht. Und nun so eine Reaktion? 

„Außerdem – was willst Du denn in der Stadt? Warum fährst Du nicht in die richtige Wildnis?“ 

Ja, ja. Seine  Einstellung kannte ich. Für ihn war eine Reise nach Kanada gleichbedeutend mit Abenteuern in den Rocky Mountains, kristallklaren Seen und Wäldern, so weit das Auge reichte. Aber ein Citytrip? Seine Frau konnte ein Lied davon singen. Einmal hatte sie ihn auf einer seiner stundenlangen Wanderungen durch den Westerwald begleitet, und ihre Entscheidung noch unterwegs bitter bereut.

Mit diesem Fiasko von einem Ausflug hatte sie sich selbst ein Eigentor eingebrockt. Denn als Hobbyfotograf war der Herr einzig an dem perfekten Foto interessiert gewesen und hatte Cordula mit seinem Zwang, jeden Stein und Baum aus allen erdenklichen Winkeln zu knipsen, beinahe in den Wahnsinn getrieben. Dabei wollte sie doch nur die Stille des Waldes genießen. Gerettet hatte sie der einsetzende Regen. Danach hatte sie Mario für lange Zeit nicht mehr gesehen, weil der noch am selben Tag aus seiner Ausbeute mit einem speziellen Programm das Beste herausholen wollte. Man war ja schließlich Profi. Was der Profi wohl sagen würde, wenn er hörte, dass ich nicht vorhatte, die Spiegelreflexkamera mitzunehmen, sondern meine Eindrücke mit meinem uralten Smartphone festzuhalten? Da es ihn im Grunde nichts anging, behielt ich meine Ideen für mich. 

Das war vor einem halben Jahr gewesen – nun stand ich auf dem weitläufigen Platz im Herzen Torontos zu Füßen des Rathauses und war fasziniert von dem Gewimmel rund um das Bassin mit den sprudelnden Fontänen, das sich auch im Winter großer Beliebtheit erfreute, denn wo sich im Sommer die Wasserläufer tummelten, verwandelte sich die zugefrorene Wasserfläche in ein Eislaufparadies.

Nachts leuchten die Buchstaben in der Dunkelheit in bunten Farben.

Jetzt war bei gefühlten dreiunddreißig Grad natürlich nicht daran zu denken, ganz zu schweigen davon, dass mir bei mit extremer Schwüle gepaarter Hitze das Denken generell schwerfiel, besonders wenn noch Remmidemmi vom Feinsten hinzukam. Um halb elf hatte die Sonne ihren Zenit noch nicht erreicht, doch für Straßenmusiker war es allerhöchste Zeit, sich ihren Platz zu sichern, damit alle, die hier eine Pause auf ihrer Stadtrundfahrt einlegten, auch in den vollen Genuss ihrer Konzerte kamen. Schade nur, dass wir hier nur kurz verweilen durften. Doch damit stand ich anscheinend alleine da, denn einige meiner Mitreisenden scharrten bereits deutlich mit den Hufen. 

Seufzend warf ich noch einen letzten Blick auf die funkelnde Wasserfläche, in der sich der Name der Stadt spiegelte. Doch aufgeschoben war nicht aufgehoben, und ich wusste, sobald unser Besichtigungsprogramm vorbei war, würde ich nach einem Nickerchen zur Bekämpfung des Jetlags und einer Tasse Kaffee auf dem Balkon meines Zimmers so langsam meine persönliche Erkundungstour starten. Zu entdecken gab es hier bereits schon so einiges auf den ersten Metern: angefangen bei den Tannenbäumchen als Dachbegrünung auf dem Haus gegenüber, über das Fitneßstudio im selben Haus, dessen sportliche Besucher für mich schon optisch eine Augenweide waren, sowie dem lauschigen Innenhof des scheinbar so unscheinbaren Hotels mit seinen siebenundzwanzig Stockwerken, bis hin zu der Tafel in einer Seitenstraße, die auf einen legendären Musikclub hinwies, der sich hier einst befunden hatte.

Noch ein kleines Bierchen zur Entspannung, und ich war bereit für die Rückkehr an den quirligen Ort vom Vormittag, der am Abend mit seiner Illumination bestimmt noch viel interessanter war.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Verwendet habe ich die Wörter Eigentor, Regen, Lebensgeister, Glühwürmchen, Konzert, Fliegenklatsche, Dachbegrünung und Wasserläufer. Auf Similaungletscher, Sommerloch, Wetterleuchten und Willkür habe ich bei meiner 784 Wörter langen Urlaubserinnerung dagegen verzichtet. Von dem Dachgarten mit seinen eingepflanzten Bäumchen habe ich leider kein Foto parat.

Etüden-Sommerpausen-Intermezzo #3: Die ideale Abwehr

In der Sommerpause der ABC-Etüden dürfen wir trotzdem weiter kreativ sein, denn aus den folgenden zwölf ausgelosten Wörtern sollen wir uns mindestens sieben herauspicken, um eine Etüde von beliebiger Länge zu schreiben:

Dachbegrünung – Eigentor – Fliegenklatsche – Glühwürmchen – Konzert – Lebensgeister
Regen – Similaungletscher – Sommerloch – Wasserläufer – Wetterleuchten – Willkür

Und weil aller guten Dinge drei sind, gab es diesmal gleich drei wunderschöne und inspirierende Illustrationen – außerdem habe ich nicht umsonst so eine volle Mediathek 🙂 – Sicherlich könnte ich noch mehr Bilder von Gewässern in weiteren Etüden unterbringen, aber mit diesen drei möchte ich es erst einmal belassen.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Die ideale Abwehr

Nebel, nichts als Nebel… man hatte uns gewarnt: Nicht von ungefähr trug die größte Insel der inneren Hebriden den wunderschönen Namen „Isle of Skye“, die Andy und ich uns als vorletzte Etappe unserer vierwöchigen Reise durch Schottland ausgesucht hatten. Fünf Tage auf dieser Insel, deren Umrisse auf der Landkarte mich an den Fußabdruck eines Sauriers erinnerten, bevor es weitergehen sollte zu den weltberühmten Highlandgames von Braemar, bei denen die Queen stets einen Ehrenplatz hatte. Fünf Tage in wildromantischer Natur mit einer wahren Bandbreite an einander rasch abwechselnden Wetterphänomenen: Strahlender Sonnenschein konnte binnen kürzester Zeit in heftigen Regen umschlagen, nur um kurz darauf von dichtem Nebel abgelöst zu werden. Fehlte nur noch ein ordentliches Gewitter: Wetterleuchten über dem Meer – eine faszinierende Vorstellung.

Auf alles waren wir vorbereitet gewesen, nur nicht auf diese Horden von Midges. Midges: Stechmücken, fünfmal so klein wie unsere heimischen Plagegeister, aber zwanzigmal so fies!

Keine Fliegenklatsche der Welt konnte ihnen etwas anhaben. Glühwürmchen und Wasserläufer waren mir um einiges lieber als diese Heerscharen von durstigen Blutsaugern. Was war ich doch froh, dass wir bei der Urlaubsplanung penibel darauf geachtet hatten, dass alle Zimmer unseres Bed & Breakfast mit Moskitogittern vor den Fenstern ausgestattet waren. So gern mein Mann auch zeltete, aber hier hatte ich mich durchgesetzt. 

Mir tat die Gruppe von Motorradfahrern leid, die wir im White Lion, dem urigsten Pub von Portree kennengelernt hatte. Die drei Herren befanden sich auf einer Tour durch Europa, auf der sie sich nicht nur den Montblanc und den Similaungletscher angesehen, sondern auch ein paar Tage auf dem Glastonbury Festival zugebracht hatten. Bis ans Nordkap hatte es sie verschlagen, nun wollten sie noch ein paar Tage in Schottland dranhängen und hatten zu diesem Zweck ihr Lager an einem der malerischsten Flecken, mit Blick über die Bucht mit den Muschelbänken aufgeschlagen. Leider reklamierten dieses traumhafte Plätzchen auch die gefürchteten Midges für sich, und nun waren Harry, Jon und Lucas verzweifelt auf der Suche nach einem wirksamen Mittel gegen diese Höllenbrut.

Portree (Port Rìgh) auf der Isle of Skye – ♁ 57° 25′ N, 6° 12′ W

An Freitagabenden spielten im White Lion Amateurmusiker auf traditionellen Instrumenten zum Tanz auf, und bei ihren energiegeladenen Konzerten war es völlig egal, wenn man zwei linke Füße hatte – ihre mitreißenden Klänge allein genügten, um unsere Lebensgeister neu zu beleben. Die drei Herren waren sichtlich angetan – war das riesige Musikfestival in Somerset nur teilweise nach ihrem Geschmack gewesen, so ging bei diesem Ceilidh von Anfang an die Post ab, und in einer Spielpause mischten sich die Musikerinnen unters Volk. Mein Mann, der alte Charmeur versuchte zwar, ein Gespräch mit Amy in Gang zu bringen, doch der rothaarigen Violinistin hatte es anscheinend Harry angetan, der es plötzlich auffallend eilig hatte, mit ihr nach draußen zu verschwinden. Achselzuckend widmete sich mein Mann wieder dem Rest seines Biers, während ich an der Theke die nächste Runde für unseren Tisch holte. 

Auf dem Rückweg fiel mein Blick auf Amy und Harry, die draußen die Köpfe zusammensteckten und angeregt tuschelten. Zurück am Tisch, erklang das markerschütternde Tröten einer Drucklufthupe, und die Musiker machten sich bereit, die zweite Hälfte ihrer Session in Angriff zu nehmen: Das Zeichen für Amy, eilig und außer Atem an ihren Platz auf der winzigen Bühne zurückzukehren – nicht aber ohne dem ein wenig zerzaust wirkenden Harry ein Küßchen auf die Wange zu hauchen und ihm einen Leinensack in die Hand zu drücken. 

Ungläubig machten wir große Augen, als Harry eine große Flasche selbst angesetzten Elixiers zur Abwehr der Mücken aus dem Beutel zog und sprachlos auf den Tisch stellte. 

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Acht Begriffe (Dachbegrünung, Eigentor, Sommerloch und Willkür fehlen) stecken in dieser 576 Wörter langen Etüde. Diesmal ist es eine Widmung an Schottland geworden.

Midges: Man sollte diese winzigen Stechmücken niemals unterschätzen – ich habe noch zwei Wochen lang trotz aller Vorsicht „meine helle Freude“ an den Resultaten ihrer Attacken gehabt – und ein Ceilidh ist eine Tanzveranstaltung, auf der es recht lebhaft und bunt zugeht. Wir hatten unseren Spaß dabei in Dufftown in den Highlands.

Etüden-Sommerpausen-Intermezzo #2: ab in den Norden

In der Sommerpause der ABC-Etüden dürfen wir trotzdem weiter kreativ sein, denn aus den folgenden zwölf ausgelosten Wörtern sollen wir uns mindestens sieben herauspicken, um eine Etüde von beliebiger Länge zu schreiben:

Dachbegrünung – Eigentor – Fliegenklatsche – Glühwürmchen – Konzert – Lebensgeister
Regen – Similaungletscher – Sommerloch – Wasserläufer – Wetterleuchten – Willkür

Spielen sollte die Etüde an einem Gewässer unserer Wahl.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Ab in den Norden

„Das darf doch alles nicht wahr sein!“ stöhnte Schrödinger genervt  vor sich hin und hätte beinahe vor Wut in sein Lenkrad gebissen. „Da will man einmal zur Erholung an die See fahren, denkt bei dem milden Wetter an nichts böses, und dann das!“

Es war zum Aus-der-Haut-Fahren… Über Nacht waren die für Februar ungewönlich hohen Temperaturen buchstäblich in den Keller gestürzt und hatten für ein Verkehrschaos allererster Güte gesorgt. Der Willkür des Wetters konnte sich niemand entziehen.

Regen hatte sich irgendwo vor Lübeck in Blitzeis verwandelt, und sofort hatten sich mehrere Laster quergestellt. Nun verstopften sie die Autobahn seit Stunden. Er konnte von Glück sagen, dass ihm dank seines Abstechers mit Übernachtung und Weinkauf in Sommerloch der Ausbruch dieses Pandämoniums erspart geblieben war, doch nun durfte er, wie hunderte andere auch, dessen Folgen in einer kilometerlangen Schlange ausbaden. Die edlen Tropfen, die er in diesem winzigen Ort in der Nähe des Nahetals bei einem befreundeten Winzer erstanden hatten, nützten ihm in seiner misslichen Lage nichts, denn Alkohol am Steuer, auch wenn sie noch so lange hier festhingen, das ging gar nicht.

Warum war er nicht ins Ötztal gefahren? Da hätte er wenigstens Ski fahren und sich den Similaungletscher, von dem ihm Ingrid schon so lange vorschwärmte, aus der Nähe ansehen können. Statt dessen starrte er ins eintönige Grau, das nur dann und wann von den flackernden Rücklichtern seines Vordermanns in leuchtendes Rot getaucht wurde. Blendendes Rot – je weiter der Nachmittag fortschritt, desto trüber entwickelten sich seine Aussichten. Wenn er mit dieser Höllenfahrt bei minus 20 Grad nicht ein Eigentor geschossen hatte.

Österreich wäre so viel näher gewesen – er hätte jetzt bei einer schönen Tasse Tee kuschelig im Warmen sitzen und sich an dem Bergpanorama der Ötztaler Alpen erfreuen können. Mit dem dazu passenden Krimi über die Gletschermumie hätte er sich wohlig gruseln und dann ins Reich der Träume hinübergleiten können, so sanft und lautlos wie die Wasserläufer, die sich im Sommer in seinem Gartenteich tummelten.

Doch nun lief er Gefahr, sich in dem alten Volvo mit seinen vielen Macken und der spinnenden Heizung selbst in eine Gletschermumie zu verwandeln – so wie er in seinen überdimensionalen Schal in allen möglichen Weißtönen eingewickelt war, konnte man leicht auf diesen Gedanken kommen. So ein Unsinn, wies er sich selbst zurecht – so betagt, als dass man ihn als Mumie bezeichnen konnte, war er doch nun wirklich nicht. Das bewies schon der Sender, den er vorhin erst gewechselt hatte, weil ihm das Schlagergedudel zunehmend auf die Nerven gegangen war.

Der Stau war schon schlimm genug, da musste er sich nicht auch noch Helene Fischer oder Florian Silbereisen geben. Anscheinend hatte man sein stummes Flehen erhört, als er schon nach wenigen Sekunden fündig wurde: ein Mitschnitt von Rock am Ring. Das Konzert vom Anfang hatte er verpasst, jetzt dröhnten ihm Rammstein in voller Lautstärke entgegen – der „Radau“, wie Ingrid seine Lieblingsmusik nannte, weckte seine Lebensgeister

Erst Rammstein, in der nächsten Sendung dann AC/DC, und zum Schluss die Hard’n’Heavy Top 40 – zwischenzeitlich von den aktuellen Verkehrsmeldungen unterbrochen – ja, so war der Stau schon nicht mehr ganz so nervig, und grenzenlose Erleichterung brach sich bei Schrödinger Bahn, als die Abfahrt zur A20 nach Rostock immer näher kam und sein Ziel in greifbare Nähe rückte. Das Wetterleuchten hinter Lübeck nahm er schon gar nicht mehr wahr, als er nach fast zwölf Stunden vor seiner Pension zum Stehen kam.

Der Wind war mörderisch und hätte ihn um ein Haar von den Füßen gerissen. Faszinierend, dass die Dachbegrünung der Heidekate, in der ein mollig warmes Zimmerchen auf ihn wartete, dem tosenden Wind überhaupt standhielt, aber er war viel zu erledigt, um sich über dieses kleine Wunder Gedanken zu machen. Endlich angekommen – jetzt war nur noch eines wichtig: sein weiches Bett, und um alles weitere würde er sich morgen Gedanken machen. 

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Bis auf die beiden Wörter „Fliegenklatsche“ und „Glühwürmchen“ habe ich jahreszeitenbedingt habe ich fast alle Wörter untergebracht: Herausgekommen ist eine, auf eigenen Erfahrungen beruhende Etüde mit einer Länge von 634 Wörtern. Auch wenn es jetzt Sommer ist, habe ich mich bewusst für ein winterliches Thema entschieden, in dem sogar das Sommerloch seinen Platz hatte – als 400-Seelen-Dorf bei Bad Kreuznach, wo es immerhin sieben Winzer gibt.

Die Bilder zeigen die Ende Februar auf einen halben Kilometer Breite zugefrorene Ostsee in der Nähe von Scharbeutz und Timmendorfer Strand. Es war eine schöne Woche, nur auf die doppelt so lange Anfahrt von zwölf statt sechs Stunden dank der drei Staus hätte ich gerne verzichtet.

Etüden-Sommerpausen-Intermezzo #1: Still ruht der See

Die ABC-Etüden gehen in die wohlverdiente Sommerpause, doch was wäre eine Sommerpause ohne das Etüden-Intermezzo ? Alle eingereichten Wörter hat Christiane in den Lostopf geworfen und daraus die folgenden zwölf gezogen, von denen wir sieben auswählen dürfen:

DachbegrünungEigentorFliegenklatscheGlühwürmchenKonzertLebensgeister
RegenSimilaungletscherSommerlochWasserläuferWetterleuchtenWillkür

Die Länge ist diesmal egal, aber die Geschichte sollte an einem echten Gewässer spielen und darf gerne Aufnahmen des besagten Gewässers enthalten – Zeit haben wir dafür bis zum 5. September, aber ich wollte nicht so lange warten.

Da ich letztes Jahr eine Erinnerung an Toronto im Gepäck hatte, bleibe ich heute in der Heimat.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Still ruht der See

Schrecklich, diese Hitzewelle! 

Das einhellige Stöhnen meiner Kollegen im letzten Team-Meeting über den ersehnten, Abkühlung versprechenden Regen im Ohr, grinste ich zufrieden in mich hinein. Nein, Sommer in der Stadt war kein ungetrübter Spaß. Der viele Beton, das viele Grau – wohl dem, der eine kühle Oase sein Eigen nennen konnte. Vielleicht kam deshalb der Trend zur Dachbegrünung, Bienenstöcke inbegriffen, nicht von ungefähr. Aber warum sollte ich mich mit einem grünen Dach begnügen, wenn auf mich ein ganzes Idyll wartete? Ein Stückchen Land, das mir keiner nehmen konnte und bei dem ich mich nicht wie meine Kollegen fragen musste, ob ich meine Urlaubsreise wie geplant durchziehen konnte und welche Überraschungen nach der Rückkehr auf mich warteten. Ganz entspannt konnte ich mich auf den Weg machen und es mir im Liegestuhl auf der Terrasse gemütlich machen, ohne dass mich jemand nach meinem aktuellen Status fragte. Hier konnte ich die Seele baumeln lassen, und das beste daran war der Weiher in nächster Nähe. 

Gutgelaunt machte ich mich schon wenige Tage später auf den Weg ins Wochenende. Gleich nach Feierabend warf ich eine kleine Tasche ins Auto, verriegelte die Haustür und legte meine Lieblingsmusik ein. Der Seerosenteich! Im Geiste sah ich mich schon mit einem Glas Wein in der Hand auf einer Bank am Weiher sitzen und den Wasserläufern beim Flitzen über die spiegelnde Oberfläche zusehen, während die Frösche zu einem Konzert der ganz besonderen Art anstimmten. Ohrenbetäubend und überwältigend – für andere kam das Zusammenspiel ihrer sonoren Stimmen einer Kakophonie gleich, für mich war es Musik in meinen Ohren, die stets aufs neue meine Lebensgeister weckte. Wenn dann noch der Vollmond in sattem Orange über dem Horizont hing und dem großen Auftritt der Fledermäuse die vollkommene Kulisse bot, dann war ich in einer anderen Welt. Eine Welt, wie für mich gemacht. 

Das Wetterleuchten über dem Feldberg, das sich jäh in mein Blickfeld schob, ließ mich nichts Gutes erahnen. Ein Sommergewitter an meinem ersten Abend dieses verlängerten Wochenendes, noch dazu ohne Regen, hatte mir gerade noch gefehlt; eine solche Kombination konnte verheerende Folgen nach sich ziehen – wenn Blitze in die zundertrockenen Wälder einschlugen, konnte man nur noch beten. Dann doch lieber vom Himmel stürzende Wassermassen, auch wenn es im ungünstigsten Fall nach einem solchen Spektakel noch schwüler war als in tropischen Regenwäldern… Trockenen Fußes erreichte ich meine Hütte und schloß gerade noch rechtzeitig das Tor im Zaun, bevor die ersten Tropfen den ersehnten Wolkenbruch einleiteten. Gebannt verfolgte ich das Schauspiel am stockdunklen Himmel und erfreute mich an dem Stakkato der Blitze, die paarweise die Wolken im Sekundentakt in weißes und violettes Licht tauchten. Aus dem Glas Wein am See würde heute nichts mehr werden. Ermattet sank ich auf mein Bett. Noch Stunden später war das Grollen in weiter Ferne zu vernehmen.

Verschieben wir’s auf morgen… Der Gedanke war tröstlich und Motivation zugleich. Mit einem besonders edlen Tropfen, Korkenzieher und meinem schönsten Kristallglas in der Tasche, zog ich los, als sich meine Nachbarn ringsum in ihre Wohnwagen, Hütten und Wohnmobile zurückgezogen hatten. Die Pause zur blauen Stunde – diese Tageszeit war mir die liebste. So langsam kam um mich herum alles zur Ruhe; jetzt hatten die Kreaturen der Nacht ihre Zeit.

Als erste begannen die Glühwürmchen ihren lautlosen Tanz. In hauchzartem Grün irrlichterten sie die in samtblaues Zwielicht getauchten Wege entlang, und ich folgte ihnen andächtig. Welch ungeahntes Glück, die Stille genießen zu dürfen. Eine Stille, die ich noch nie als so greifbar empfunden hatte. Nur noch wenige Schritte trennten mich von dem Platz meiner Träume. 

Still ruht der See – für meinen Geschmack etwas zu still, denn etwas Entscheidendes fehlte an diesem Abend: das Froschkonzert. Nicht einer der quakenden Gesellen war zu hören. Hatte ich mich im Monat geirrt, und die Zeit ihrer alljährlichen sommerlichen Sinfonie war noch gar nicht gekommen? Ratlos stellte ich meine Tasche auf der nagelneuen Bank ab, die ein edler Spender gestiftet haben musste, und ließ meine Blicke über das Ufer schweifen. Es dauerte eine geraume Weile, doch dann sah ich es: Pflöcke aus Metall, die vor Wochen noch nicht dagewesen waren. 

Den ehemals frei zugänglichen Weiher umgab nun ein solider Maschendrahtzaun mit einem abschließbaren Tor in dessen Mitte. Die mit Getöse verbundenen Bauarbeiten hatten die Tiere vertrieben.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Sieben Begriffe, verpackt in 700 Wörter – das ist meine Sommerpausen-Etüde. Vielleicht schreibe ich noch eine mit den übriggebliebenen Wörtern, von denen ich nicht wusste, wie ich sie sinnvoll unterbringen kann.

PS: Wie gerne hätte ich meine Füße noch ein letztes Mal in diesen Seerosenteich getunkt, aber wie so viele Teiche und Tümpel, ist auch dieser inzwischen umzäunt. Vermutlich wollte die Stadt, die dafür verantwortlich ist, ganz sichergehen und verhindern, dass dort unbeaufsichtigt spielende Kinder hineinfallen und ertrinken. An lauen Abenden kann man dort immer noch sitzen, sogar auf neuen Bänken, dennoch ist für mich das Flair unwiederbringlich dahin. Was jedoch bleibt, ist die Erinnerung daran. Übrigens sind mir die Koordinaten des Weihers nicht bekannt, aber dafür die des benachbarten Ortes (50° 21′ 25“ N – 8° 32′ 13“ O).

ABC -Etüden – Woche 25 & 26 – Etüde 2: Grüße aus Usingen

Aus aktuellem Anlass gibt es von mir eine Erinnerungs-Etüde mit den von Allerlei Gedanken gespendeten Wörtern Pralineherzhaft und wandern für die letzte Runde vor der Sommerpause auf Christianes Blog,

weil man schöne Momente doch gerne mit anderen teilt.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Grüße aus Usingen

Drei Wochen habe ich ganz unbeschwert gelebt – denn wie schon vor drei Jahren, nahm ich meinen Urlaub wieder einmal  im Juni. 

Besser konnte es nicht laufen:  Lange Abende auf meiner Terrasse am Rande des Naturschutzgebietes, Ausstellungen besuchen, spontan auf den Feldberg hinauf fahren, auf den Spuren der Römer und Kelten wandeln… Nur nach herzhaftem Essen stand mir nicht der Sinn. Leichte oder sogar ganz ausgefallene Mahlzeiten waren angesagt – ganz zu schweigen von den allerseltsamsten Tageszeiten, zu denen mich Gelüste überkamen. 

Trotz fehlender Möglichkeit zur Kühlung bei dieser Affenhitze verschlang ich zum Mittagessen ganze acht, mit Schokolade umhüllte Pralinen auf einmal – deren Schachtel „süße Grüße aus Usingen“ verkündete… Süßes, und sonst nichts. Dafür gab’s dann die gebratenen Tomaten mit geschmolzenem Mozzarella und die Lammlachse um vier Uhr nachmittags. 

Faulheit war Trumpf! Statt zu wandern, ging ich lieber gemächlich spazieren – belohnt wurde ich mit Glühwürmchen, die sich um mich scharten. 

Drei Wochen habe ich unbeschwert gelebt und zum krönenden Abschluss eine Radtour mit dem frisch überholten Drahtesel unternommen – doch dann hatte mich die Realität wieder. Der Frust, der mich eiskalt aus dem Hinterhalt überkam, wurde mir von meinem streikenden Laptop beschert – es weigerte sich standhaft, sich in Gang zu setzen und drehte mir dreist eine lange Nase: es fühlte sich genauso falsch an wie der mit Senf gefüllte Kreppel oder die während der Sommerpause eingetrocknete, einst mit Kirschlikör gefüllte Praline.. ein kleiner GAU. 

Aber trotzdem habe ich mich köstlich amüsiert.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

So, nach diesen 244 Wörtern ist die Luft raus, und ich nutze die Sommerpause für andere kreative Schandtaten.