„Broken Strings“ : Letzte Worte

Was ich im August 2018 als Experiment begann, hat sich schon bald in eine Richtung entwickelt, die mich selbst überrascht hat. Andere zählen Schäfchen, um besser einschlafen zu können – ich lasse vorm Schlafengehen die Gedanken schweifen; nur aufgeschrieben habe ich sie nie.

Dabei habe ich mir schon öfters überlegt, wie denn mein persönliches Traumtagebuch aussehen könnte. Ein Buch, in dem ich alle Gedanken inclusiver in Erinnerung gebliebener Träume notiere. Dabei war es nur in der Theorie geblieben.

Konkret nahm diese Idee Formen an, als ich mit dem Schreiben loslegte. Der späte Abend war meine Zeit dafür: zwischen 22 und 24 Uhr. Da hatte ich Zeit und meine Ruhe. Einen festen Plot hatte ich noch nicht, also schrieb ich einfach auf, was mir in den Sinn kam und holte mir die Inspiration von der Musik im Hintergrund.

Irgendwann hatte ich dann plötzlich eine Geschichte im Kopf, die ich „Surprise Channel“ nannte, aber wie das mit Überraschungen so ist, verwarf ich die ursprüngliche Idee, als ich an den Mittelteil in Form einer Rückblende kam, denn ich merkte plötzlich, dass mich der eigentliche Erzählstrang nicht mehr reizte und ich die „Rückblende“ viel spannender fand, und so sind daraus 54 Kapitel geworden, und nicht nur einige wenige.

Wer würde was als nächstes tun? Wird es bei dem geplanten Ende bleiben oder entscheide ich mich zuletzt doch noch für ein Happy End? Passen alle Puzzleteile auch wirklich zusammen oder bleiben am Schluss doch noch lose Enden übrig?

Diese Fragen haben mich monatelang begleitet.

Überrascht hat mich, dass ich die Flinte nicht ins Korn geworfen habe, obwohl es Zeiten gab, in denen ich fast soweit war. Doch am Ende machte es dann doch noch Klick, und eins fügte sich zum anderen – wie ein Puzzle, das man nach vielem Herumprobieren endlich löst. Nicht der Genuss von Rotwein hat meinem Vorstellungsvermögen auf die Sprünge geholfen, sondern meine zweiwöchige Kanadareise letzten Sommer. Dank ihr konnte ich die gröbsten Schnitzer ausbügeln. Man fährt dort rechts und nicht auf der linken Straßenseite, Entfernungen werden in Kilometern angegeben, und weder das „Home of the Whopper“ noch das „Gasthaus zum Goldenen M“ sind dort die beliebtesten Fast-Food-Restaurantketten.

Aus „Surprise Channel“ ist eine Story mit fast 170.000 Wörtern geworden, aufgeteilt in 54 Kapitel. Und da die Musik eine wesentliche Rolle darin spielt, schon allein wegen der Songtitel in vielen Kapitelüberschriften, habe ich sie „Broken Strings“ genannt, nicht zuletzt wegen des fehlenden Happy Ends. Und egal, ob das Buch als „Romance“, „Romantic Tragedy“ oder als Kitschroman mit Logiklöchern durchgeht, das Schreiben hat mir Spaß gemacht, und es war mir ein Vergnügen, das Projekt bis zum Ende durchzuziehen, auch wenn ich dazu mehr als eineinhalb Jahre gebraucht habe. Einschließlich Fehlerkorrektur und Editieren. Gut, dass ich so schlau war, alles vorzudatieren, denn da ist mir das Arbeiten mit dem neuen Editor erspart geblieben, der diese Reise zu einem Höllentrip gemacht hätte.    —    Fürs Lesen bedanke ich mich recht herzlich bei allen, die so fleißig gevotet haben.  —

„Broken Strings“ : Chapter 54 – Separate Ways

ᴥᴥᴥᴥᴥᴥᴥᴥᴥ

Michael Vincent Mitchell

18.061990 – 05.11.2019

Rest in peace

ᴥᴥᴥᴥᴥᴥᴥᴥᴥ

Diese Annonce hat es nie gegeben, aber so, wie die Dinge lagen, hätte er ebenso gut auch tot sein können. Oder ich. Denn genauso fühlte ich mich, als sie mich in den Flieger setzten: innerlich abgestorben. Ein nicht vorhandenes Visum war es, was mir letztendlich den Hals brach. Natürlich nicht wortwörtlich, sondern nur bildlich.

Im Grunde ist Computerisierung etwas Feines. Man gibt alles direkt am Bildschirm ein und muss nur noch auf „send“ drücken. Dann geht alles an die Einwanderungsbehörde, und wenn die Antwort da ist, dass die Daten mit dem Reisepass verknüpft sind, ist alles in Butter.

Im Normalfall und wenn man konzentriert bei der Sache ist – was in meinem Fall Brian Kelly leider nicht gewesen war. Dieser eine Anruf, der ihm dazwischen gekommen war und der dazu geführt hatte, dass er vergessen hatte, sich davon zu überzeugen, dass alle Daten auch tatsächlich übermittelt worden waren, und die Antwort der Behörde. Welche Antwort?

Die Erneuerung meines Visums war im Nirgendwo gelandet, ohne dass auch nur einer von uns davon erfahren hatte. So entspannt ich die meisten Kanadier bisher auch erlebt hatte, so wenig Spaß verstand man hier beim Thema „illegale Einwanderung“. Der Officer, dem im Krankenhaus beim Abgleich der Daten die fehlende Verknüpfung in meinem Pass aufgefallen war, bildete da keine Ausnahme.

Und so stand ich unter ständiger Überwachung, ehe ich mich’s versah; aber diesmal nicht durch die Ärzte des General Hospital, in das man mich eingeliefert hatte, weil es von der Unfallstelle nur wenige hundert Meter entfernt lag, sondern durch Uniformierte, die außer den Ärzten niemanden zu mir ließen.

Meine Sachen, dir mir durch das Klinikpersonal ausgehändigt wurden, hatte jemand von der Band vorbeigebracht. Wer das war, konnte ich nur raten. Mike war es vermutlich nicht gewesen. Welchen Grund hätte er auch dazu gehabt? Ich tippte auf Brian, der meine Aufenthaltserlaubnis verschlampt hatte. Aber mir genaueres mitzuteilen, dazu sah sich keiner bemüßigt. Genau so stellte ich mir Quarantäne vor, auch wenn die Dauer meines Aufenthalts nur eine Frage von wenigen Tagen war und nicht von Wochen. Kontakt zur Außenwelt hatte ich außer zu den Ärzten keinen.

Für mich waren sie die einzigen mit Herz. Ihrer Ansicht nach stand ihnen ein Urteil über mich nicht zu, und niemand durfte mir die notwendige Behandlung verweigern. Schon weil sie mich nicht wie eine Kriminelle behandelten, fühlte ich mich etwas weniger wie eine Aussätzige, wofür ich ihnen dankbar war. Mein Anspruch auf ein Minimum an medizinischer Versorgung, bis es für mich nach Hause ging: Was an Kosten alleine dafür zusammenkommen würde, wollte ich mir lieber nicht vorstellen. Dazu war ich viel zu niedergeschlagen.

Ich würde es noch früh genug erfahren und finanziell bestimmt noch lange genug daran zu knabbern haben. Rein äußerlich sah man mir nicht viel an, doch schlimmer als die Prellungen und Schnittwunden waren meine inneren Verletzungen, besser gesagt die Blutungen, die der Zusammenstoß mit dem SUV ausgelöst hatte.

Um mich vor dem kompletten Zusammenbruch zu bewahren, hatten sie mir starke Beruhigungsmittel verabreicht, und angesichts meiner Schmerzen war die Dosis höher als im Normalfall, doch zur Ruhe zu kommen, fiel mir nur schwer, denn meine Gedanken fuhren Achterbahn.

Ihr seid echt das Letzte“ Mikes Verachtung, die er mir nur zu deutlich gezeigt hatte. Wenn Du wüsstest, wie lange ich darauf schon gewartet habe…“ Ryan und seine Worte, mit denen er versucht hatte, mich zur größten Dummheit zu verführen. „Wenn er das mit Euch beiden vermasselt, ziehe ich ihm höchstpersönlich die Ohren lang.“, „Ihr seid so ein tolles Paar!“ John, wie er mir seine Bewunderung für uns gestand. Du weißt was man über Schlangen sagt?“ „Sie sind kein Fan von Shopping?“ „Nein, das andere – dass sie sich gerne an dem bedienen, was anderen gehört“ Unser Ausflug zu viert, bei dem wir im Chinarestaurant hemmungslos herumgealbert hatten…

Und so ging es endlos weiter, wie eine tibetanische Gebetsmühle… Der Hamster im Laufrad… Irgendwann fiel ich in einen Schlaf, schwer wie Blei und ohne Träume.

Wie viele Tage braucht man, um halbwegs wieder so weit hergestellt zu sein, um einen zehnstündigen Flug zu überstehen? Unter normalen Umständen hätte ich „zwei Wochen, wenn nicht noch mehr“ geantwortet, aber normal war an der ganzen Situation gar nichts. Angefangen bei der Befragung, die anfing, nachdem die Wirkung der Medikamente abgeklungen war.

Die immer gleichen und einander ähnelnden Fragen: Wieso ich das Land nicht sofort nach Ablauf meiner Work-and-Travel-Genehmigung verlassen hatte… Weshalb ich mich nicht rechtzeitig um ein normales Touristenvisum gekümmert hatte… Warum ich mir ausgerechnet den Winter als Reisezeit ausgesucht hatte… Und die spannendste Frage, die den Officer am meisten beschäftigte: Wie ich bloß auf die Idee gekommen war, trotz des entsprechenden Verbots einer bezahlten Beschäftigung nachzugehen…

Eigentlich wollte ich es nur noch hinter mich bringen, aber worauf diese Fragen abzielten, konnte ich mir denken: Wenn ich jetzt das Falsche sagte, war nicht nur ich dran wegen Verstoßes gegen Einwanderungsgesetze, sondern auch Brian und seine Kollegen wegen Schwarzarbeit.

Ohne einen Anwalt sag ich nichts, dieser Ratschlag aus amerikanischen Krimiserien half mir nur bedingt weiter. Welchen Beweis hatten sie denn schon?

Offiziell war ich immer noch privat in Vancouver. Als Mikes Freundin, jetzt wohl eher seine Ex-Freundin. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass von ihm eine brauchbare Aussage kommen würde, falls man ihn befragte. Und ob man sich die Mühe machen würde, umfassende Ermittlungen einzuleiten… nein, da war es doch die günstigere, schnellere und elegantere Lösung, mich in meine Heimat abzuschieben, nachdem ihnen die Ärzte grünes Licht gegeben hatten.

Meine Heimat: Offiziell wurde diese durch meinen Pass definiert, doch im Grunde hatte ich immer die Meinung vertreten, dass sie da war, wo mein Herz sich zu Hause fühlte. Home is where the heart is.

Jetzt aber fühlte ich mich wie entzwei gerissen, mein Herz zersprungen und seine Stücke über die ganze Welt verteilt… Wie sich das anhört, weiß ich ganz genau: Früher hätte ich mit den Augen gerollt, wenn ich so etwas zu lesen bekommen hätte. Aber nun steckte ich selbst mittendrin.

Einen Teil ließ ich gerade für immer hinter mir, ein anderer wartete in Frankfurt auf mich. Wussten sie dort überhaupt von meiner plötzlichen Rückkehr? Meine Leute hatte ich schon seit über einem Jahr nicht mehr gesehen, da war es das Mindeste, dass ich sie darüber informierte.

Durch die Aufregung und Ungewissheit der letzten Tage hatte ich nicht daran gedacht, aber noch war es nicht zu spät. Aber mein Telefon war tot und ich musste warten, bis der Akku wieder aufgeladen war.

Anzahl ungelesener Nachrichten…“ ungeduldig wartete ich auf das Signal meines Smartphones, „… Null.“

Nach gefühlten Stunden des Wartens erschien das ersehnte „100%“ auf meinem Display. Normalerweise wäre jetzt eine Kaskade von Signaltönen auf mich eingeprasselt – als Zeichen, dass eine Nachricht nach der anderen in meinen Speicher strömte. Aber so sehr ich auch wartete, es tat sich nichts. Ungläubig starrte ich auf das Gerät: Nichts! Keine SMS, keine WhatsApp. Nicht von Mike. Nicht von Brian. Von niemandem. Nicht einmal von Jenny oder Nico, aber das hatte ich nicht anders erwartet. Schließlich konnten sie ja nicht hellsehen. Höchste Zeit, das zu ändern.

Ruf sie an, sagte ich mir und scrollte mich durch meine Kontakte.

Wohlweislich mied ich die Favoritenliste. Mikes Namen ganz oben vor Augen zu sehen, würde mir nur einen weiteren unnötigen Stich versetzen. Wegen des miserablen Handyempfangs hatte es nur wenig Sinn, Jenny anzurufen. Eine schriftliche Nachricht war die einzig brauchbare Alternative. Gerade hatte ich eingegeben, wann ich voraussichtlich in Frankfurt ankommen würde, da ertönte ein Signal. Endlich. Ein Lebenszeichen…

♪♫ ♪♫ ♪♫ How you remind me ♫ ♪♫ ♪♫ ♪ in Form eines Klingeltons, den ich auf Anhieb erkannte: Mark.

Sorry, Andrea, das hätte nicht passieren dürfen. Dass es so endet, tut mir unsagbar leid. Ich weiß, dass es Dich nicht tröstet, dass ich Brian deswegen zusammengefaltet habe, Mike für einen Idioten halte und Ryan zum Teufel wünsche…“

Seine Entschuldigungsarie war tatsächlich kein Trost für mich, genauso wenig wie die Nachricht, dass Mike dem Drummer eine verpasst hatte und danach ohne ein Wort verschwunden war. Wohin, das konnte sich jeder denken, aber ich wäre jetzt die Letzte gewesen, von der er angerufen werden wollte. Es wäre auch völlig sinnlos gewesen, denn als ich die Kontaktliste öffnete, fehlte sein Name. Diesen hatte er aus dem Speicher gelöscht, bevor er Mark meine Sachen ausgehändigt hatte.

… such nicht nach den Nachrichten, die Ihr Euch gegenseitig geschickt habt. Auch den Chatverlauf hat er komplett bereinigt….“

Oh ja, Mike hatte ganze Arbeit geleistet. Dieser Zug war endgültig abgefahren, und die abgekoppelten Waggons auf einem toten Gleis zum Stehen gekommen.

… er wollte sogar, dass wir alle Dich aus unseren Kontakten werfen, aber das erscheint mir nicht fair. Schließlich war ich nicht dabei und kann mir deshalb kein Urteil erlauben. Und was eventuell eingehende Nachrichten angeht – falls Dich unser Drummer anfunkt, lösch es. Und zwar ungelesen. Mit dem sind wir fertig!“

Der Rest bestand aus den in solchen Situationen üblichen Worten; und auch wenn es vermutlich die letzten waren, rechnete ich es Mark hoch an, dass er den Anstand besaß, sich von mir zu verabschieden und mich vor weiteren Unannehmlichkeiten zu warnen, insbesondere von Ryan, diesem elenden Heuchler.

Auf unglaubwürdige Entschuldigungsversuche konnte ich verzichten – oder auf Links zu Videos auf youtube, womöglich zu Songs wie „Separate Ways“ von Journey, was eigentlich Mikes Spezialität gewesen war. Aber damit war es ein für alle Mal vorbei. Ungelesen löschen? Mit Vergnügen, denn jegliche Versuche von seiner Seite würden ohnehin zu nichts führen.

Hatte nicht damals jemand gespottet, dass Mark der bessere Manager als sein Bruder sei? Vielleicht hatte er oder sie damit gar nicht so falsch gelegen, aber diese Erkenntnis war im Nachhinein betrachtet, für mich nutzlos. Genauso nutzlos wie die Frage, wie es für OxyGen weiterging, falls es die Band überhaupt noch gab. Mark hatte Ryan zum Teufel gewünscht? Na hoffentlich. Und wenn das hieß, dass er hochkant bei OxyGen rausflog, umso besser; auch wenn ich wusste, dass meine Genugtuung darüber nicht lange anhalten würde.

Am meisten schmerzte mich der erlittene Verlust und die Gewissheit, dass von Mike nichts mehr kommen würde. Von ihm nicht, und auch nicht von seinem besten Freund. Das wurde mir mit jedem Kilometer, den ich meinem Bestimmungsort näher kam, so richtig bewusst, und ich wollte nur noch eines: diesen Alptraum hinter mir lassen und den Flug endlich hinter mich bringen, auch wenn ich der Begegnung mit Jenny mit gemischten Gefühlen entgegen sah. Ich nahm noch eine von den Tabletten, die man mir im Krankenhaus mitgegeben hatte und schloss die Augen.

Noch etwas benommen durch das langsam abklingende Beruhigungsmittel und die Auswirkungen der Zeitverschiebung, erwachte ich aus meinem Schlummer und folgte mechanisch den Anweisungen des Kabinenpersonals. Den Weg durch den halben Flughafen, die Gepäckabholung und durch den Zoll legte ich wie ferngesteuert zurück. Erst der Anblick des vertrauten Gesichts meiner besten Freundin in der Ankunftshalle brachte einen Funken Leben in mich zurück.

Ohne dass auch nur ein Wort nötig war, blieben wir voreinander stehen und sahen uns lange an. Die Frage, wer nach den letzten Wochen nun den ersten Schritt machen sollte, spielte keine Rolle mehr. Jenny verstand meinen Kummer auch so, ohne dass ich etwas sagte. Behutsam nahm sie mich in den Arm und hielt mich so lange, bis Nico mit einem Transportwagen für mein Gepäck auftauchte.

Auch auf der Fahrt nach Hause und in meinem alten Zimmer, das mir während meiner langen Abwesenheit fremd geworden war, wich sie nicht von meiner Seite und hielt meine Hände, bis mich nicht nur die Müdigkeit einholte, sondern auch die Gewissheit, dass ich zwar vieles verloren hatte, das mir alles bedeutet hatte, ich aber immer noch Menschen hatte, die mich liebten: Freunde und Familie. Mein sicherer Hafen, auch wenn ich eine zeitlang etwas anderes geglaubt hatte. Menschen, die zu mir hielten, egal wie groß der Mist auch war, den ich gebaut hatte. Und das würde mir keiner nehmen. Dafür würde ich sorgen, auch wenn es dafür Zeit brauchte. Viel Zeit.

Ende

„Broken Strings“ : Chapter 53 – Revenge is not the answer

 

Wie war das nochmal mit dem Teufel und dem größten Haufen? Ein Gedanke, der sich mir nicht zum ersten Mal aufdrängte. Diesmal hatte es nicht nur die Problemsicherung erwischt, an der ich bereits zweimal herumgedoktert hatte, sondern auch noch zwei andere – eine davon an einer höhergelegenen Stelle, an die ich nur unter großen Schwierigkeiten herankam.

Das konnte kein Zufall sein. Eine Leiter oder einen Hocker hatte ich hier auch nicht gesehen. Das grenzte ja schon an Sabotage. Als ob irgend jemand da oben sich vorgenommen hatte, meine geplante Aussprache mit Mike schon im Vorfeld zu sabotieren. Fluchend streckte ich mich. Meine Finger berührten gerade so den Knauf aus Porzellan. Sicher würde es auch so gehen, aber in diesen Katakomben hätte ich jetzt doch lieber meinen Deputy bei mir gehabt. Doch ob der noch den Weg zu mir herunter finden würde, stand in den Sternen. Noch ein kleines Stückchen, dann hatte ich es.

Die Musik setzte ein und mit einer kleinen Verzögerung auch die flackernde Beleuchtung im Gang. Na also, geht doch! Und jetzt nichts wie hoch! Vielleicht hatte ich ja nun etwas mehr Glück und fand Mike endlich nach dem dritten Anlauf. Ich knipste die Lampe aus und machte mich zum Gehen bereit, als ich Schritte näherkommen hörte. Typisch: Kaum ist der Markt verlaufen, fällt John ein, dass er Dir eigentlich helfen sollte.

Aber es war nicht John, dem ich in die Arme lief. Sondern Ryan.

Hey“, sagte er, „ich dachte, ich schau mal, wo Du bleibst.“

Was für eine Begrüßung. Wo ich die ganze Zeit über steckte, war ja nicht schwer zu erraten. Wo sollte ich auch sonst schon sein! Mehr noch als seine falsche, aufgesetzte Fürsorglichkeit ärgerte mich, dass er so tat, als wüsste er von nichts.

Schätze, Du darfst jetzt den Rest des Abends den Laden von hier unten aus am Laufen halten.“

Ja, reib noch tüchtig Salz in die Wunde, Sherlock! dachte ich, Clever kombiniert, dank Deines genialen Einfalls…

Ach, echt? Da wäre ich ja nie von selbst drauf gekommen, und ich schätze, Du würdest mir nur allzu gern dabei Gesellschaft leisten“, hörte ich mich sagen. Die Extraportion Zickigkeit – mehr Ironie ging nicht.

„Aber ich fürchte, daraus wird nichts. Ich bin erstens nicht zum Spaß und zweitens nicht alleine hier.“

Das und die Anspielung auf meinen Partner würden ihm hoffentlich ein Dämpfer sein, aber er dachte gar nicht daran, denn er rückte bedenklich näher.

So, so, Du fürchtest….“

Au weia, so wie er dieses Verb betonte, schwante mir nichts Gutes. Das hatte ich nun davon, dass ich einfachste Floskeln der Höflichkeit von mir gab. Jetzt erweckte ich auch noch den Eindruck, dass ich es bedauerte, ihn so bald schon wieder verlassen zu müssen, obwohl ich mich gerne noch länger mit ihm unterhalten hätte.

Na, das läuft ja heute wieder super, Andrea, höhnte ich in Gedanken. Das ist doch genau das, was Du zum Abschluss eines gelungenen Tages noch gebraucht hast.

Aber was das ’nicht alleine hier‘ angeht – falls Du Mike suchst, der ist verschwunden. Mit Lee. Und so, wie ich ihn kenne, kann das länger dauern.“ fuhr Ryan fort.

Jeder Schuss ein Treffer, jeder Satz eine Detonation: Für einen Augenblick war ich dankbar, dass er in dem sparsamen Licht meinen entgeisterten Gesichtsausdruck nicht sehen konnte, denn jeder einzelne seiner genüsslich plazierten Sätze ließ vor meinen Augen ein Bild entstehen, das mir ganz und gar nicht gefiel.

Mit Lee. Das kann länger dauern. Am besten verdrängte ich es ganz schnell, bevor es sich endgültig in meinem Kopf einnistete. Doch schon seine nächsten Worte machten dieses Vorhaben zunichte.

Aber noch besser kenne ich sie, glaub mir. Wir waren zwar nur kurz zusammen, aber ich weiß, wie sie tickt…“

Pass auf, dass er sich nicht zwischen euch drängt. Ich weiß, wie sie tickt…

Da waren sie wieder: einzelne Sätze von verschiedenen Leuten, die zur falschen Zeit aus der Erinnerung auftauchten und sich wunderbar dazu eigneten, mich in den Wahnsinn zu treiben, auch ohne Ryans Mutmaßungen. Ich wusste nur eines: Raus hier und zwar schnell! Die Tasche mit dem Werkzeug donnerte zu Boden, und ich drängte ihn zur Seite, schneller als er ‚piep‘ sagen konnte.

Oben angekommen, sah ich erst mal… nichts. Dann erspähte ich Lee inmitten der kostümierten Menge, am anderen Ende des Saals, in der hintersten Ecke, damit auch ja niemand mitbekam, wie innig sie und Mike sich umarmten. Ja, alle außer mir.

all those stars that shine upon you will kiss you every night ♪

Dass sie sich küssten, war unausweichlich. Der Text des Songs, der gerade durch den Saal dröhnte, war purer Hohn.

Entspannt konnte ich bei diesem Anblick nun wirklich nicht mehr bleiben; das Gegenteil war der Fall. Statt funkelnder Sterne sah ich rot. Von wegen „Wie schön, dass Du nicht eifersüchtig bist“ – oh, wie schlecht mich John doch kannte. Wenn es etwas gab, das ich überhaupt nicht ausstehen konnte, dann war, wenn man mich unterschätzte und für dumm verkaufen wollte.

Pass auf, dass er sich nicht zwischen euch drängt? Im Moment sah ich nur eine Person, die sich zwischen Mike und mich zu drängen versuchte, und die hieß nicht Ryan.

Wir waren zwar nur kurz zusammen, aber ich weiß, wie sie tickt.

Tick-Tock! Was hier tickte, war die sorgfältig gelegte Zeitbombe, jederzeit bereit zum Hochgehen. So langsam wurde das Bild klarer. Lee hatte ihren Freund damals ja wirklich schön verarscht. Und alle anderen gleich mit. Nicht Danny hatte damals etwas mit Lee am Laufen gehabt, sondern Ryan.

Deshalb hatte er auch so komisch reagiert, als sich herausgestellt hatte, dass der Deal mit Spirit Chase Records nur mit Lee zustande kommen würde. In diesem Moment war es mir völlig egal, von wem der beiden damals die Initiative ausgegangen war, aber genau jetzt waren sie und Mike… oh nein, dieses Bild wollte ich mir nicht vorstellen. Aber das brauchte ich auch gar nicht. Was ich sah, war eindeutig.

eternally wild with power to make every moment come alive ♪

Wild with power? Zorn wallte in mir auf. Wenn die Flamme der Eifersucht außer Kontrolle gerät, werden ungeahnte Kräfte wach.

Wenn er das mit Euch beiden vermasselt, ziehe ich ihm die Ohren lang.

So viel zu Johns Rede von vorhin. Dass er seinem besten Freund kräftig einheizen würde, wenn er Mike und Lee auf frischer Tat ertappte, stand außer Frage. Aber dazu würde es nicht kommen, denn das würde ich nun tun. Und zwar jetzt.

Ein Tablett mit Tequila Shots wanderte an mir vorüber. Ich griff mir einen und trank ihn auf ex. Vorbei waren alle guten Vorsätze, bei nur einem Bier zu bleiben, so lange ich von Lee auf Ryans Vorschlag hin als Ersatz für den abwesenden Hausmeister fungierte.

Glaubst Du, ich habe Dich nicht durchschaut? Mich aus dem Weg zu bekommen, um bei ihm freie Bahn zu haben?

Doch damit war jetzt Schluss. Noch einen weiteren, und es konnte losgehen. Doch noch bevor ich mich in Bewegung setzen konnte, hatte mich Ryan eingeholt und hielt mich zurück.

Und, glaubst Du mir es jetzt?“ stieß er hervor, gerade so laut, dass ich ihn hören konnte, es aber von den Umstehenden niemand mitbekam. Fehlte nur noch das selbstgefällige ‚Habe ich es Dir nicht gleich gesagt‘, das ich so hasste.

Wenn ich erst mal in Rage war, brauchte ich nicht auch noch einen Oberlehrer, der Öl ins Feuer goss oder mich noch weiter die Palme hinauftrieb. Doch genau das tat Ryan jetzt.

„Komm schon, Andrea, Du hast doch nicht wirklich geglaubt, dass Dein Mike Dir ewig treu sein wird!“

Doch. Doch, genau das hatte ich geglaubt. Obwohl ich es hätte besser wissen müssen. Words are weapons, sharper than knives… vor allem, wenn sie in Form von rhetorischen Statements daherkommen, die mir signalisieren sollen, wie naiv – nein – dämlich ich doch gewesen war.

Nur Gutgläubige oder Traumtänzer klammern aus, dass wir alle früher oder später in unsere alten Gewohnheiten zurückfallen. So unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt zu werden, und dann auch noch ausgerechnet von Ryan, war wie eine kalte Dusche. Ich musste mich korrigieren: das waren keine ungeahnten Kräfte, die in mir wach wurden, sondern Rachefantasien, angefangen bei dem ins Gesicht gekippten Drink bis hin zur Indian, die meiner Zerstörungswut zum Opfer fiel.

Anstatt den Abend mit mir zu verbringen, hatte er es vorgezogen, nicht nur mir aus dem Weg zu gehen, sondern sich obendrein auch noch auf einen Flirt mit Lee einzulassen, der über das normale Maß hinausging.

Hier lag eindeutig mehr in der Luft, denn nach einem Ziehen der Notbremse sah mir das hier nicht aus. Und nachdem, wie lange er sich schon mit ihr in dieser schummrigen Ecke herumdrückte, ging ich nicht davon aus, dass er erkannte oder erkennen wollte, wohin die Reise ging. Sich einmal dumm gestellt, hilft Dir durchs ganze Leben? Wohl eher nicht!

Als ich ihn zuletzt gesehen hatte, war die Flasche in seiner Hand nicht sein erster Drink an diesem Abend gewesen, und auch bestimmt nicht sein letzter.

Hör auf, ihn als armes Opfer zu sehen, das von Lee ausgenutzt wird, er weiß selbst sehr gut, was er tut, oder müsste es zumindest wissen. Selbst wenn er sich mit voller Absicht die Kante gibt, macht es das Ganze nicht besser.

Von wegen Seitensprung im Suff. Alles faule Ausreden. Anstatt sich volllaufen zu lassen oder ziellos durch die Gegend zu fahren, hätte er nach dem Familiendrama auch zu mir kommen können. Aber wenn er nicht wollte…. fein, seine Sache! Kann man machen, aber ein Vertrauensbeweis oder gar ein Zeichen der Zuneigung war das nicht.

Da konnte er noch so oft beteuern, wie sehr er mich liebte. Aber mich einfach außen vor zu lassen, wenn es wirklich schlimm wurde, zeigte mir etwas anderes. Ihm die Hölle heiß zu machen und ihn vor allen zur Rede zu stellen, lag zwar nahe und war für Mike bestimmt unangenehm, aber als Denkzettel vermutlich nicht geeignet, denn am Ende fiel eine solche Szene, vor allem vor anderen, womöglich noch auf mich zurück.

the devil inside, the devil inside, every single one of us the devil inside ♪

The devil inside? Oh ja, Lee würde es genießen, wenn ich als hysterische Bitch dastand. Nein, um ihn wirklich aus der Fassung zu bringen, bedurfte es einer wirkungsvolleren Methode.

Dass teuflische Ideen, angeheizt durch Tequila Shots, nicht gerade die besten sind, blendete ich in diesem Augenblick vollkommen aus – frei nach dem Motto „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.“ Aber hinterher ist man ja immer schlauer. Mein Beinahe-Ausrutscher mit Ryan nach dem Billardturnier hätte mir eine Lehre sein sollen. Statt dessen zeigten die Drinks, mit denen ich mir Mut hatte antrinken wollen, ihre fatale Wirkung, indem ich meine damalige „Heldentat“ unter Einfluss von Caol Ila kurzerhand zum Grundstein für jene Racheaktion erklärte, die ich später bitter bereuen sollte.

Angetrieben von Eifersucht und beflügelt von den beiden Kurzen, ließ ich mich von Ryan einwickeln, der der Meinung war, dass das jetzt doch genau die perfekte Gelegenheit wäre, es Lee und Mike so richtig heimzuzahlen, und zwar mit ihm. Wie Du mir, so ich Dir? Warum eigentlich nicht? Schließlich hatte ich ihn ja schon einmal benutzt, um Mike eifersüchtig zu machen. Wie leicht es mir doch gefallen war, ihm eine Komödie vorzuspielen… die dann doch anders verlaufen war.

Ich lass mich auch gerne ein zweites Mal von Dir benutzen, Baby“, flüsterte er mir ins Ohr und rückte so dicht an mich heran, dass zwischen uns keine Luft mehr passte. „Aber diesmal richtig!“

Aber diesmal richtig? Im nüchternen Zustand hätte ich ihm für diese eindeutige und dreiste Anmache eine geschmiert und mich gleichzeitig gefragt, woher dieser Sinneswandel so plötzlich kam, wenn ich an seine Reaktion auf dem Parkplatz dachte, nachdem ich ihn unsanft über seine wahre Rolle nach unserem verhängnisvollen Billardturnier aufgeklärt hatte.

Leider hatte aber mein Urteilsvermögen Pause, und so ließ ich mich auf das von ihm vorgeschlagene Spielchen ein. Allein die Genugtuung, dass Mike die Show, die wir ihm liefern würden, bis aufs Blut reizen würde… mehr als eine Show war es für mich im Grunde nicht. Und weiter als bis zu diesem Punkt dachte ich nicht. Einer der Fehler, die ich heute am liebsten rückgängig machen würde. Aber wie heißt es so schön? You can’t turn back the time.

So so, alles nur Show?“ Anscheinend sah Ryan das anders als ich, aber das war mir in meinem aufgebrachten Zustand egal. „Bist Du Dir da wirklich so sicher?“

Stell keine Fragen und halt die Klappe, bevor ich’s mir noch anders überlege, dachte ich, so weit meine Gehirnzellen dazu noch fähig waren. Aber zu glauben, dass sich unsere Vorstellung für die beiden direkt vor ihren Augen abspielen würde, war ein Irrtum. Mein Sparringspartner bevorzugte eine abgeschiedenere Ecke, und ehe ich mich versah, zog er mich in eine Nische, wo wir uns leidenschaftlich umarmten.

Wenn Du wüsstest, wie lange ich darauf schon gewartet habe, Baby“, flüsterte er mit heiserer Stimme, dicht an meinem Ohr.

Sein Atem in meinem Nacken ließ meinen Puls rasen, seine Berührungen brachten meine Haut zum Glühen, und mir wurde schwindelig. Die Schuld des Tequilas war das nicht: Es war nicht der Tequila, der mich hochhob, auf einem Mauervorsprung absetzte und sich an mich drängte, und es war auch nicht der Tequila, der säuselte, wie verdammt sexy er mich fand und dass er mich jetzt endlich da hatte, wo er mich schon seit jenem Abend hatte haben wollen.

Der Abend, an dem ich versucht hatte, Steve wiederzubeleben. So weit kam ich noch mit, aber das Denken fiel mir mit jedem seiner Atemzüge auf meiner Haut zunehmend schwerer. Die in mir aufsteigende Hitze kam nicht vom Tequila allein.

Ich wusste, ich bin Dir nicht egal“, flüsterte er. „sonst hättest Du mich nicht gewarnt, als ich nach dem Konzert…“

Bilde Dir mal nicht zu viel ein, meldete sich meine innere Stimme, aber inzwischen war ich viel zu sehr in Fahrt, um darauf das Passende zu erwidern. Jeden anderen hätte ich genauso versucht, aus der Schusslinie zu bringen. Aber meine Lippen blieben stumm und küssten ihn statt dessen noch leidenschaftlicher zurück.

Oh Mann, Du fühlst Dich so gut an, Baby… Du treibst mich noch in den Wahnsinn…“

Zwei Dumme, ein Gedanke. Mir ging es da nicht anders, und ja – Wahnsinn war das richtige Wort. Ich hatte eindeutig nicht mehr alle Sinne beisammen. Denn sonst wären meine Hände nicht unter sein Shirt und seinen Rücken hinauf gewandert.

Statt dessen hatte ich das, was man Tunnelblick nennt: Konzentration auf einen Punkt; alles andere ist Nebensache. Auch wenn es vermutlich ein Fehler war. Lass uns abhauen, bevor noch ein Unglück passiert, rumorte es in mir, lange halte ich das hier nicht mehr aus. So gemütlich war dieses Gemäuer nämlich wirklich nicht. Warum gehen wir nicht zu…

Der Gedanke brach so plötzlich ab, wie er gekommen war. Die klassische Frage, wer zu wem, verpuffte in Bruchteilen von Sekunden.

Erwischt! Mayday! funkte statt dessen mein Hirn.

Erschrocken machte ich einen Satz von ihm weg: Keiner von uns beiden hatte die Schritte tatsächlich wahrgenommen, bis sie vor uns zum Stillstand kamen. Mit einem Schlag war ich nüchtern und bei vollem Bewusstsein.

Sag, dass das nicht wahr ist!“

Johns fassungsloses Gesicht und seine ungläubigen Blicke, die zwischen Ryan und mir hin und her sprangen, werde ich nie vergessen. Was sollte ich darauf auch antworten? Nun war es zu spät, der Schaden angerichtet und Leugnen zwecklos. Dazu war die Situation zu eindeutig: ausgerechnet mich mit einem seiner Kollegen zu erwischen. Mich… Und dann auch noch mit Ryan!

Wie hatte er mir doch vorhin noch in den höchsten Tönen vorgeschwärmt, für welch ein tolles Paar er Mike und mich doch hielt. So viel zum Thema „vermasseln“ und „die Ohren langziehen“. Das Vergeigen hätte er eher seinem besten Freund zugetraut, und nun war es genau anders herum.

Der Schock stand ihm ins Gesicht geschrieben, und bei dem Blick, den er mir zuwarf, wurde mir eiskalt, während ich innerlich vor Scham und Aufruhr glühte. Wie schlimm konnte es noch werden?

Sag jetzt nichts, flehte ich stumm und hoffte, dass sich Ryan wenigstens jetzt und mir zuliebe zurücknehmen würde, aber da hatte ich zu viel erwartet. Während ich wie gelähmt mitten im Gang stand und noch nach den richtigen Worten suchte, obwohl ich genau wusste, dass es die nicht gab, konnte es Ryan nicht lassen. Eine peinliche Situation wird nicht dadurch entschärft, wenn einer der Beteiligten der Ansicht ist, dass Frechheit siegt.

Nach was sieht’s denn Deiner Meinung nach aus, Johnny-Boy?“

An Johns Stelle hätte ich Ryan schon allein für diese Anrede gekillt, aber der rang noch immer um Fassung. Das beste wäre gewesen, wir hätten uns ohne großes Aufhebens in alle Winde zerstreut, aber Ryan musste ja unbedingt noch einen draufsetzen.

Nein, Mr. Miller, niemand findet es in so einer Situation besonders hilfreich, wenn Sie verkünden, dass die liebe Andie zur Abwechslung mal mit jemandem Spaß haben will, der ihr zeigt, wo’s lang geht. Sonst hätte sie sich ja nicht so schnell auf Sie eingelassen. Wie hatte Sue noch so schön gesagt?

Wenn er seine Felle wegschwimmen sieht, zeigt er seinen wahren Charakter. Oder war es Madlyn gewesen? Auch egal; für einen Gentleman hatte ich Ryan noch nie gehalten, aber das schlug echt dem Fass den Boden aus. Wie hatte ich nur so blöd sein können? Der nächste klare Moment folgte auf dem Fuße, denn dass die aus einem Moment der Eifersucht geborene Idee schwachsinnig von A bis Z war, ging mir im nächsten Augenblick auf, als Mike um die Ecke kam und wie angewurzelt vor uns dreien stehenblieb.

Dabei hatte ich mir das Ganze in der Theorie so einfach vorgestellt: Wie Du mir, so ich Dir. Leider sah die Praxis anders aus.

Was, zum…“ entfuhr es ihm.

Zu erraten, was hier los war, konnte er sich bei meinem verzweifelten Versuch, meine außer Kontrolle geratene Kleidung wieder in Ordnung zu bringen, problemlos zusammenreimen. Damit war er schon einen Schritt weiter als John, der seinen Augen anscheinend noch immer nicht trauen wollte.

Zeitlupe reloaded: Während John Ryan angewidert anschaute und der nur hämisch grinste, nahm mich Mike mit einem Blick ins Visier, bei dem ich nichts Gutes ahnte. Diesen Blick hatte ich zuletzt am Mittag an ihm gesehen, als er seinen Vater zum Teufel gewünscht hatte.

Wie konntest Du nur?!“ schleuderte er mir entgegen, während ich noch immer nervös an meinen Klamotten nestelte. „Und ausgerechnet mit ihm????!“

Auf die anderen konnte ich nicht zählen, auf keinen von ihnen. Im Gegenteil. Als ich sah, wie gelassen sich Ryan an die Wand lehnte und süffisant lächelte, während er nach meiner Hand griff, fiel mir plötzlich einer seiner Sprüche ein, dem ich damals keine Bedeutung zugemessen hatte.

Manchen Leuten kannst Du echt alles erzählen: Wenn Du nur überzeugend genug auftrittst, glauben sie Dir alles.

Anscheinend zählte ich für ihn ebenfalls zu jenen Leuten. Wie hatte ich nur auf ihn und seine Manipulationsversuche hereinfallen können? Nur wenige Minuten im Rausch hatten genügt, um das, was Mike und mich jemals verbunden hatte, zu zerstören. Zu retten gab es nichts mehr – diese Erkenntnis in seinen Augen zu sehen, nahm mir die Luft zum Atmen.

Zu erleben, wie er mit kreidebleichem Gesicht wie in Zeitlupe vor mir zurückwich, war zu viel. Sterne tanzten vor meinen Augen. Mikes Schockstarre, Johns vorwurfsvolles Gesicht… Ich musste raus, und zwar so schnell wie möglich. Die Schadenfreude auf Ryans Gesicht brachte das Fass zum Überlaufen.

Wag es ja nicht“, fauchte ich ihn an und entriss ihm meine Hand. Er war für mich gestorben, und so wie es aussah, war ich das auch für Mike.

Ihr beide seid echt das Letzte!“

Die Verachtung, mit der er mich ansah und seine Worte ausspie, gab mir den Rest. Ihm jetzt noch etwas erklären zu wollen, war sinnlos. Ich war eine Fremde für ihn. Mit brennenden Wangen drehte ich mich auf dem Absatz um und stürzte blindlings ins Freie.

Lauf, Andrea, lauf! schrie alles in mir… Weg von hier, egal wohin. Hauptsache nur weg von hier, lauf am besten ganz weit weg von hier. Und komm nicht mehr zurück…

Ohne Ziel rannte ich in die Nacht hinein. Meine Umgebung nahm ich kaum wahr. Das Licht der Straßenlaternen verschwamm zu diffusen Flecken, die einzigen Geräusche, die ich deutlich hören konnte, waren die meiner Absätze, als ich wie mechanisch immer weiter lief. Mir war gleich, ob ich jemanden bei meiner kopflosen Flucht streifte.

Was man mir hinterher rief, verstand ich nicht, und es kümmerte mich auch nicht. Ich drehte mich nicht um. Auch nicht, als ich auf die Fahrbahn stolperte und jemand entsetzt aufschrie. Hände griffen nach mir, Reifen quietschten, es gab einen dumpfen Schlag und um mich herum wurde es endgültig tiefste Nacht.

Eine heulende Sirene begleitete die Dämmerung, gelb-rot flackerndes Licht. Zitternd und stöhnend vor Schmerz, schlug ich die Augen auf und erblickte in meinem Arm den Schlauch, der zu einer Infusionsflasche führte.

„Broken Strings“ : Chapter 52– The Blackout

lift up the receiver, I make you a believer ♪

Eine Runde Depeche Mode für alle, bitte! Der DJ war ganz in seinem Element.

Aber zum Tanzen war ich nicht aufgelegt, denn ich war auf der Suche nach Mike, und mir blieb nicht mehr viel Zeit, um ihn zu finden. In wenigen Minuten würde es mit der angekündigten Premiere unter dem Motto „All the Stars“ losgehen, und die wollte ich nicht verpassen. Verdammt, wo steckte er bloß? Ratlos ließ ich meine Blicke über die kostümierte Menge schweifen. Zum Glück stand ich leicht erhöht und hatte so den idealen Überblick.

Da! Auf der anderen Seite stand er, in der hintersten Ecke, und unterhielt sich mit John. Ich seufzte – mich quer durch die Menge zu schieben, Mike einzusammeln und ihn nach draußen zu lotsen, würde ewig dauern. Wink ihn doch her zu Dir, Du kannst ihm ja trotzdem schon mal entgegen gehen – wenn wir uns auf halbem Weg trafen, würden wir den Beginn der Show noch rechtzeitig mitbekommen. Es waren ja nur ein paar Meter.

Nur ein paar Meter. War mir vorher kaum ein bekanntes Gesicht über den Weg gelaufen, gaben sie sich jetzt bildlich die Klinke in die Hand. John und Mike hatten Gesellschaft bekommen. Von Lee. Wenn es mir nicht gelang, ihn jetzt von ihr loszueisen, würde mein schöner Plan ins Wasser fallen. Doch nur wenige Schritte, und die nächste Hürde tauchte auf.

Bierchen gefällig?“ sprach mich jemand von der Seite an und schwenkte eine geöffnete Flasche.

Ryan. Dass er mich ausgerechnet jetzt auf einen Drink einladen wollte, kam mir äußerst ungelegen und war auch nicht besonders clever obendrein. Aber ihn abzuwimmeln, war zwecklos. Doch vielleicht musste ich das gar nicht, und er war genau der Richtige, um Lee abzulenken. Der Moment war günstig. Jetzt hatte sie John im Visier. Mike hatte die Flasche zurückgestellt und griff nach der nächsten.

„Hey“, sagte ich beiläufig, „da bist Du ja. Lust auf ’ne kleine Showeinlage?“

Showeinlage? Mike runzelte die Stirn. So wie er mich ansah, hatte er keine Ahnung, wovon ich sprach.

„Na, die Lightshow von Bradley und Kevin. Der DJ regelt schon die Lautstärke runter.“ Das Zeichen, dass es gleich soweit war. Das Zeichen zum Aufbruch.

All veils and misty. Streets of blue … ♪

Das Intro – da war es. „All the Stars“ nahm seinen Lauf. Und wir standen noch immer hier herum. Planänderung!

„Warum gehen wir nicht raus und schauen uns alle zusammen das Spektakel an? Je mehr, desto besser.“

Bradley würde enttäuscht sein, wenn sich keiner von uns blicken ließ, vor allem wenn ich fehlte. Schließlich hatte ich es ihm versprochen.

Ja, lasst uns gehen“, pflichtete mir Ryan bei. „Das wird bestimmt interessant.“

Gut erkannt, Watson. Vor allem wegen der Musikauswahl, die für das Programm Pate gestanden hatte.

some silken moment goes on forever. And we’re leaving bro- ♪

Genau an dieser Stelle sollten in dem Songtext eigentlich haufenweise gebrochene Herzen zurückgelassen werden. Statt dessen waren wir plötzlich alle von Dunkelheit umgeben. Von wegen „Streets of Blue“: Der Schlachthof war auf einen Schlag zur Gruft mutiert. Mit lebendig begrabenen Zombies. Oder Mumien. Oder Morticias. Stromausfall! Yay, genau das, was uns noch zu unserem Glück gefehlt hatte.

Für Bradley und Kevin sah ich schwarz. Im wahrsten Sinne. Willkommen in der schwarzen Zone, wir schießen Sie ins All. Aber ohne Sterne.

Nicht schon wieder die Sicherung!“ stöhnte Lee, der Verzweiflung nahe.

Okay, die Störung war also nur vorübergehend – aber was hieß ’schon wieder‘? Hier fehlte eindeutig eine Fachkraft, die sich darum kümmerte. Jemand der Ahnung von der Materie hatte. Jemand wie ich. Ach ja? Jemand, der sich in dem Laden hier auskannte. Ich dann doch wohl eher nicht. Leider hatte ich umsonst gehofft, dass der Kelch an mir vorbeigehen würde, denn im selben Moment verkündete Ryan auch schon die frohe Botschaft.

„Na, da haben wir doch genau die Richtige für diesen Job!“

Ja, klar! Für das Reindrehen rausgeflogener Sicherungen aus der Steinzeit war ich doch geradezu prädestiniert, in welcher modrigen Höhle sie sich auch immer verbargen.

In meinen Augen war das trendige Ambiente der Location mit Retro-Feeling nur eine weitere Fassade, hinter der sich in Wahrheit vorsintflutliche Technik verbarg. Die Kirsche auf der Sahnehaube eines suboptimal verlaufenen Tages. Aber im Vergleich, was Mike gerade mitmachte, eine eher lächerliche Kleinigkeit. Warum stellte ich mich eigentlich so an?

Wer hier gebraucht wurde, war der Hausmeister. Der kannte zum einen den genauen Lageplan des Gebäudes und wusste daher, wo sich die zentrale Stromversorgung befand. Und zum andern besaß er das passende Werkzeug. Aber genau der war nirgends aufzutreiben.

Na schön“, erwiderte Lee, die wohl oder übel in den sauren Apfel biss, weil sie sich den elektrischen Notdienst sicher auch anders vorgestellt hatte. „schnapp Dir das Werkzeug und komm mit. Am besten mit Verstärkung.“

Gute Idee, vorausgesetzt mir assistierte die richtige Person; und dass der Falsche an dieser Stelle „Hier!“ schrie, konnte ich nur verhindern, indem ich John einen Satz Taschenlampen in die Hand drückte und ihn zu meinem Deputy erklärte. Als Keyboarder hatte er von den Umstehenden noch am ehesten Ahnung von der Materie.

Zwei Fliegen mit einer Klappe. Schade nur, dass ich Ryans dummes Gesicht nicht sehen konnte, der mir nur zu gern zur Hand gegangen wäre, in welcher Form auch immer; eine Hilfe, auf die ich dankend verzichtete. Denn nach diesem Tag war ich zu dieser Art von Spielchen nicht aufgelegt. Ich konnte ja nicht ahnen, welche Überraschungen mich noch erwarten würden.

Überraschung! Mit der modrigen Höhle hatte ich falsch gelegen, aber die Sicherungen waren tatsächlich von der Sorte, wie man sie noch in den Sechziger Jahren verwendet hatte. Alles Vintage, oder was? Mich wunderte, dass der Betreiber dieses angesagten Veranstaltungsortes dafür überhaupt noch eine Genehmigung erhalten hatte.

Na, dann viel Spaß beim Suchen.

Da stand ich nun und staunte über die schiere Größe des Sicherungskastens, dicht bestückt mit antiquierten Sicherungen aus Porzellan. Das Corpus Delicti zu finden, würde eine Weile dauern. Aber wenigstens war es nicht ganz so finster, wie ich befürchtet hatte. Reste von Neonlicht fielen durch die schmutzigen Fensterluken.

Wie gut, dass ich John mitgenommen hatte. Er leuchtete nicht nur genau die richtigen Bereiche aus, sondern verzichtete auf überflüssiges Geschwafel. Zu erleben, wie Mike seit diesem Nachmittag auf Distanz ging und kaum ein Wort mit mir sprach, machte den Abend für mich nicht angenehmer, aber in Momenten wie diesem war Schweigen doch Gold wert.

Umso verblüffter war ich, als ich inmitten der Stille plötzlich Johns Stimme hörte.

… er hat mich angerufen…“

Wie bitte? Hatte ich vor lauter Konzentration auf die vorsintflutliche Elektrik irgend etwas nicht mitbekommen? Irgendwie fehlte mir gerade der Anfang; ich hatte keine Ahnung, worauf er hinaus wollte.

… ich kenne Mike jetzt schon eine ganze Weile, aber so habe ich ihn noch nie erlebt!“

Okay, nun wird ein Schuh draus, dämmerte es mir. So wie es aussah, hatten die beiden miteinander gesprochen; seine stundenlange Fahrt mit dem Motorrad war also nicht alleine die Ursache dafür gewesen, dass er sich weitestgehend gefangen hatte, als er wieder aufgetaucht war, um mich abzuholen.

Allerdings hatte er seinem Freund wohl doch nicht alles erzählt. Also war nicht nur mir gegenüber so einsilbig. Von dem Streit am Nachmittag hatte John offenbar keine Ahnung, und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Einerseits hätte ich ihm nur zu gerne das fehlende Puzzleteil geliefert, aber andererseits… würde ich nicht genau damit Mike in den Rücken fallen? Eine solche Indiskretion würde er mir so schnell nicht verzeihen.

Andrea, bitte… Du weißt doch etwas. Irgendwas ist doch heute vorgefallen…“

Stress mit der Familie, war meine Standardantwort in solchen Fällen, aber würde John sich damit zufrieden geben? So wie er klang, machte er sich Sorgen um Mike. Was für ein Durcheinander. Vor allem verstand ich eines nicht: Was um Himmels Willen war in Mikes Mutter gefahren, dass sie sich darauf eingelassen hatte, sich nach der langen Zeit wieder mit ihrem Ex-Mann zu treffen und einen neuen Versuch mit ihm zu starten.

Menschen können sich ändern, weißt Du… Zweite Chance schön und gut, aber irgendwie konnte ich nicht so recht glauben, dass sich Mikes Vater geändert haben sollte.

Du hast keine Ahnung, wie er damals war! Ich war skeptisch. Ihm zu verzeihen, wäre mir an ihrer Stelle im Traum nicht eingefallen. Was für ein Chaos!

Dagegen war meine eigene Familie ein Hort des Friedens und der Harmonie. Auch wenn wir nicht immer einer Meinung waren, war ich doch froh, dass ich Dramen dieser Art bisher noch nicht erlebt hatte; zwar hatte meine Mutter ein paar Jahre nach dem Tod meines Vaters jemand neues kennengelernt, aber wenigstens hatte ich den Namen meines Vaters auch nach der Hochzeit der beiden weiterhin behalten dürfen. Meine Mutter hätte so einen Egoisten wie Mikes Vater nicht mal mit dem Allerwertesten angeguckt.

Zwischen Euch ist doch alles in Ordnung?!“

Bitte was? War das so offensichtlich? Nahm er tatsächlich an, dass Mike und ich uns zerstritten hatten?

Klar, so abweisend, wie er heute Abend drauf ist, dachte ich, aber um zu streiten, müsstest Du erst mal mit mir reden, Mr. Mitchell. Ich sehe schon: Mir wird nichts anderes übrig bleiben, als den ersten Schritt zu tun. Mal wieder.

Mal wieder? Irgend etwas lief zwischen uns beiden gerade gründlich schief. Je eher wir das Thema klärten, desto besser, doch bis dahin durfte John unter keinen Umständen glauben, dass Mike und ich kurz vor dem Aus standen. Also doch die Standardantwort, die ich mir auf Fragen dieser Art zurechtgelegt hatte. Die Erleichterung, dass Mike und ich nicht dabei waren, uns zu trennen, konnte ich seiner Stimme deutlich anhören.

Gott sei Dank. Wenn er das mit Euch beiden vermasselt, ziehe ich ihm höchstpersönlich die Ohren lang. Jetzt, wo er zur Abwechslung mal endlich jemand vernünftiges gefunden hat…“

Ich und ‚jemand vernünftiges’… ich wusste nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen sollte: in Johns Augen war ich die ideale Partnerin für Mike, weil ich mich nicht nur mit seinen Kollegen super verstand, sondern obendrein auch nicht zum Klammern oder gar zu Eifersuchtsanfällen neigte.

Gut, dass er in dem dürftigen Licht nicht sehen konnte, wie peinlich mir diese Lobeshymne war. Fehlte jetzt nur noch, dass er schon die Hochzeitsglocken läuten hörte und sich als Trauzeuge anbot. Oder, noch schlimmer, dass er mir eine Liebeserklärung machte, so wie der beste Kumpel des frischgebackenen Ehemannes in „Tatsächlich… Liebe“.

Love triangles are for losers, great authors use love hexagons… Love hexagons – echt jetzt?

Was für einen Bullshit reimte sich da mein Hirn bloß gerade zusammen? Manche Kommentare aus dem Internet waren echt daneben.

and we’re leaving broken hearts behind ♪

Heureka! Und es ward Licht: All the stars that shine upon you? Hey, wer sagt’s denn? Ich brauche keine Betriebsanleitung, ich drücke so lange Knöpfe, bis es klappt. Und wenn es noch so lange dauert.

Ja, und wenn man sich nur lange genug durch den Sicherungskasten hindurch arbeitet, kann der Strom wieder fließen und die Show weitergehen. Zu blöd, dass ich den Anfang von „All the stars“ verpassen würde, denn so sportlich, dass ich den Rückweg in weniger als zehn Sekunden geschafft hätte, war ich bei weitem nicht. Ich war zwar eine begeisterte Schwimmerin, aber mit Sprints und Kurzstreckenläufen hatte ich es eher nicht so.

Geh schon mal vor, ich komme gleich nach“, wandte ich mich an John und räumte das Werkzeug zusammen. Für Strom hatte ich gesorgt, den Rest würde ich auch alleine schaffen. Wenigstens hatte ich das gedacht. Den Rest schaffst Du auch alleine? Ach ja?

Hatte ich wirklich geglaubt, dass man mir begeistert applaudieren würde? Von Lee, die mich hinter die Kulissen geschickt hatte, war weit und breit nichts zu sehen. Und der Rest? Kannte mich nicht. John war dabei, sich unters Volk zu mischen, Mike war verschwunden, und wo der Rest der Band steckte, konnte ich nur vermuten, nämlich auf dem Hof, um endlich die Lightshow zu sehen, die Bradley uns versprochen hatte.

Die hatte nämlich bereits angefangen, wie ich an dem Refrain erkennen konnte, der mir entgegen schallte.

mystify me ♪

Doch kaum hatte ich die Tür nach draußen erreicht, nahm das Drama seinen Lauf. „Oh no, not again!“ entfuhr es mir, als Licht und Sound von jetzt auf gleich erneut abbrachen.

Lee würde mich zur Schnecke machen. Von Kevin und Bradley, die auf mich zählten, ganz zu schweigen. Scheiß vorsintflutliche Technik, fluchte ich innerlich und knirschte mit den Zähnen. Also das ganze nochmal: Umdrehen, hinabsteigen in die Kellergruft und hoffen, dass die reingedrehte Sicherung diesmal länger hielt als von hier bis Läuten. Den Weg kannte ich ja nun.

Wie gut, dass ich die Taschenlampe an mich genommen hatte. Den Übeltäter hatte ich schnell gefunden. Dieselbe Sicherung wie vorhin. Wenn das in einer Tour so weiter ging, konnte ich gleich ganz hier unten bleiben. Aber so ohne Jacke würde das eine unterkühlte Angelegenheit werden.

Hoffentlich war das der letzte Ausfall heute Abend, betete ich und wartete sicherheitshalber noch ein paar Minuten. Noch so einer, und die Party wird der Reinfall des Jahres.

Aber die Musik lief – wenigstens ein Erfolg! Aber wie war das nochmal: Den Rest schaffst Du auch alleine? Ich wusste, es war ein Fehler, den Tag vor dem Abend zu loben. Denn nachdem ich an diesem Abend zum zweiten Mal dafür gesorgt hatte, dass die Party weitergehen konnte, kamen mir auf dem Weg zur Garderobe Danny und Ryan entgegen.

Du willst doch nicht etwa auch schon gehen?“ rief Ryan mir zu.

Toller Joke! Er wusste doch ganz genau, dass ich hier nicht weg konnte. Und was sollte ‚etwa auch schon‘ heißen? Ein Blick in Dannys Gesicht lieferte mir die Antwort. Ich wollte ihn fragen, was denn um Himmels Willen los war, aber Danny kam mir zuvor.

Mir reicht’s! Ich hau ab. Ich wünsch‘ Euch noch viel Spaß auf der Party!“

Nach Spaß klang das nicht. Eher nach gewaltigem Ärger, und zwar auf der ganzen Linie. Verwundert blickte ich ihm nach.

A propos Party“, holte mich Ryans Stimme zurück. „Wie sieht’s aus, Sweetheart? Wollten wir uns nicht zusammen die Show ansehen?“

Die Show ansehen: Da sagte er was. Liebend gerne, aber nicht so: Was er mit „wir“ meinte, konnte ich mir lebhaft vorstellen.

Keine Angst, Honey“, flötete ich zurück, „so schnell verschwinde ich nicht von hier. Ich hab hier schließlich noch einen Job zu erledigen.“ Den ich ihm zu verdanken hatte.

Aber das musste ich ihm ja nicht nochmal extra unter die Nase reiben. „Wenn Du mich begleiten willst – tu Dir keinen Zwang an. Aber ich hab mit unseren beiden Künstlern ganz dringend was zu besprechen. Und das wird nicht lustig…“

‚Krisensitzung‘ hätte Brian eine solche Besprechung genannt. Kevin und Bradley warteten sicher noch immer auf eine Erklärung, warum ihre Show zum Fiasko zu geraten drohte und auf eine Einschätzung meinerseits, ob sie mit einer weiteren Störung dieser Art zu rechnen hatten.

„… aber wenn Du mir einen Gefallen tun willst, dann sag schon mal meinem Deputy Bescheid, dass er sich bereit halten soll, während ich meine Jacke hole.“ Vielleicht half mir ja das, ihn auf elegante Weise loszuwerden.

Ach, Dir ist kalt? Dagegen hätte ich was.“

Spaßvogel! 

„Netter Versuch, aber schlechte Idee.“ Erwarte aber nicht, dass ich Dir die Gründe dafür auseinander klamüsere.

Netter Versuch… Aha. Aber Du weißt ja, wie man so schön sagt… Never say never…“

Zu meinem Glück erschien plötzlich Madlyn, auf der Suche nach ihrem Freund, und weil sie diesen zuletzt mit Ryan gesehen hatte, wähnte sie sich bei ihm an der richtigen Adresse. Ihre Hartnäckigkeit verschaffte mir die Gelegenheit, zu verschwinden und meinen Plan in die Tat umzusetzen. Ryan würde nun leider doch nicht so bald John ausrichten können, dass ich seine Hilfe eventuell noch einmal brauchen würde, aber das bekam ich zur Not auch selbst hin.

Eingehüllt in Jacke und Schal, beratschlagte ich mich mit Bradley und Kevin, von deren Lichtshow ich nun doch noch den letzten Teil erleben würde, wenn alles gutging. Dennoch konnte man nie wissen…

all those stars that shine upon y… ♪

Darkness falls! So ein Mist! Lange würden die Partygäste das nicht mehr mitmachen. Der GAU war eingetreten. Ich hatte es befürchtet: Bradleys und Kevins Show war zuviel für die auf so eine Belastung nicht ausgelegte Elektrik, und so leid es mir für die beiden auch tat – sie gewöhnten sich am besten schon mal an den Gedanken, ihr Equipment jetzt schon abzubauen. Den DJ zu vergraulen und auf diese Weise die Party abzubrechen, bevor sie überhaupt begonnen hatte, käme das Label teurer zu stehen als das vorzeitig beendete Abschiedsgeschenk der beiden Crewmitglieder.

The show must go on? Noch nie hatte sich ein Spruch für mich so zynisch angefühlt.

„Broken Strings“ : Chapter 51 – Try walking in my shoes

Sag mir Bescheid, wenn das Datum für die Hochzeit feststeht. Damit ich an diesem Tag ganz weit weg bin!

Mikes Worte hallten in meinem Kopf wider. Hektisches Hin- und Herlaufen, die halb gerauchte Zigarette wegwerfen… wenn er glaubte, dass ich ihn in diesem Zustand auf sein Bike steigen ließ, kannte er mich schlecht. So aufgebracht, wie er war, würde es zu nichts führen, wenn ich ihm sagte, er solle sich beruhigen.

Lass ihn am besten ganz in Ruhe, und wenn es nur für ein paar Minuten ist. Aber in der Verfassung kann er unmöglich fahren!

Dass ich mit Streit nicht besonders gut umgehen konnte, hatte mir die Episode mit Jenny gezeigt, doch dank Mikes Eingreifen waren wir endlich auf dem Weg zu einer Annäherung. Und ausgerechnet jetzt musste das Essensdate mit seinem Vater dermaßen eskalieren und in einem Fiasko enden! Das hier ging über einen gewöhnlichen Streit weit hinaus und war ein anderes Kaliber, denn mich beschlich das ungute Gefühl, dass die Atmosphäre zwischen allen Beteiligten nicht erst seit gestern vergiftet war.

Trevor Mitchell hatte etwas zu feiern? Yay! Alles nur Fassade – was für ein Heuchler. Dieser Konflikt gärte schon länger, und zwar auf allen Ebenen. Niemand liebt es, den Bruder oder die Schwester vorgezogen zu bekommen und auch noch um die Anerkennung des Vaters kämpfen zu müssen, wenn der einen längst abgeschrieben hat. Einen solchen Kampf gegen Windmühlen konnte niemand gewinnen.

Ja, reibt es mir noch unter die Nase“, fauchte er. „Der erfolgreiche Anwalt! Dass ich nicht lache! Wie der Vater, so der Sohn…“

Der Apfel fiel nicht weit vom Stamm? Wo Mike schon äußerlich ganz nach seiner Mutter kam, war die Ähnlichkeit zwischen Mr. Mitchell und James Robert auch charakterlich nicht zu leugnen: verwöhnte, verzogene Blender, denen es stets um ihre eigenen Interessen geht und die sie ohne Rücksicht auf andere durchsetzen. Anderen gegenüber fühlen sie sich haushoch überlegen. Zwischen J.R. und seinem jüngeren Bruder lagen Welten. Mit meiner Meinung stand ich nicht alleine da.

… Papas Liebling? Was auch sonst!“ schob er frustriert hinterher „Ja, darin ergänzen sich die beiden echt prima – Glückwunsch! Das gleiche selbstgefällige Arschloch wie Dad. Für den bin ich doch nur der Versager, der nichts auf die Reihe bekommt! Und ich Idiot bin auch noch so freundlich und gratuliere ihm zu seinem Erfolg.“

Mike ließ sich auf ein Mäuerchen fallen und versuchte, sich eine Zigarette anzuzünden – vergeblich. Seine Hände zitterten, und er war weiß wie die Wand.

Kein vernünftiger Schulabschluss. Kein richtiger Beruf. Keine vorzeigbare Karriere. Nichts.“

Kein Beruf? Keine Karriere? Nichts? Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte, und noch viel weniger, was sich vor meinen Augen abspielte: Mikes Selbstsicherheit von neulich abends – Tja, da kannst Du mal sehen – ich bin eben ein Universalgenie – war verschwunden. Statt dessen saß vor mir ein zusammengesunkenes Häufchen Elend, das sich selbst fertig machte.

Das schaute ich mir auf keinen Fall noch länger an. „Stop!“ rief ich und ging vor ihm in die Hocke.

Dann umfasste seine zu Fäusten geballten Hände vorsichtig mit meinen. „Er ist es nicht wert!

Was bildeten diese beiden arroganten Typen sich eigentlich ein? Arme Würstchen waren das, die sich nur gut fühlten, wenn sie andere niedermachen konnten. Das hatte Mike nicht verdient.

„Sie. Sind. Es. Nicht. Wert. Hörst Du? Alle beide nicht!“

Aber…“

Nichts aber“, schnitt ich ihm das Wort ab und nahm ihn in die Arme. „Von wegen ‚Nichts auf die Reihe bekommen‘ – Wenigstens kannst Du Dir morgens beim Blick in den Spiegel noch selbst ins Gesicht schauen. Und Du hast Menschen, die Dich gern haben. Mich zum Beispiel. Und deine…“

Meine Mutter – schon klar…“ kam es verbittert von ihm zurück.

Die hatte ich zwar nicht gemeint, sondern seine Freunde, wollte ihn aber nicht unterbrechen. „… wie gern sie mich hat, wissen wir ja nun alle spätestens jetzt!“

Da war sie, die Antwort auf die Frage, was ihm am meisten an der ganzen Situation zu schaffen machte. Blessed are the lies for the truth can be awkward? Diese Heimlichtuerei. Die Dates mit seinem Vater, die Mariangela mit keiner Silbe erwähnt hatte. Auch wenn sie sich nicht allzu oft sahen, wäre es an ihr gewesen, Mike die Neuigkeiten halbwegs schonend beizubringen.

Dass sein Vater, zu dem er ohnehin kein gutes Verhältnis hatte, damit als erstes herausgerückt war, musste für ihn wie der berühmte Schlag in die Magengrube gewesen sein. This is what we least expected? Nach dem Pokerface, das seine Mutter aufgesetzt hatte, auf jeden Fall, was das Ganze nur noch umso schlimmer machte.

Try walking in my shoes? Stop, Andrea, hüte dich davor, sein Chaos zu Deinem zu machen – schön, dass Du weißt, wie er tickt, aber so verhalten sich in der Regel Co-Abhängige, und das willst Du nicht sein.

Oh ja, wie gut ich mich doch in ihn hineinversetzen konnte; Hätte man mir eine solche Mitteilung vor den Latz geknallt, wäre ich längst in die Luft gegangen. Von Null auf Hundert in nur wenigen Sekunden.

TNT – watch me explode! Nicht Mike. Er blieb ruhig, verdächtig ruhig. Zu ruhig dafür, dass es immer noch in ihm gärte. Ich kannte diesen Zustand von mir: Etwas zerbrechliches zertrümmern oder alles, was auf dem Tisch steht, voller Wut mit einem Schlag hinunter fegen. Bloß eines nicht: mich hinters Steuer klemmen. Oder, wie in Mikes Fall, aufs Motorrad schwingen. Denn wäre ich an seiner Stelle gewesen, hätte ich wie eine Irre Gas gegeben. Silence will fall…

Diese Ruhe nach dem Sturm war mir nicht geheuer. Sie war trügerisch. Toxisch. Gespenstisch.

when routine bites hard and ambitions are low and resentment rides high ♪

Die Musik dröhnte uns in ohrenbetäubender Lautstärke entgegen, als die schwere Tür aufging und uns Brian entgegen kam. „Nanu, kein Kostüm? An Halloween? Nicht euer Ernst.“

Leider doch, Mr. Kelly, wollte ich antworten. Wie sollte er auch wissen, was sich in den letzten Stunden ereignet hatte.

An unserer Stelle wäre ihm die Lust am Verkleiden auch vergangen. Erst das völlig aus dem Ruder gelaufene Treffen mit Vater und Bruder am Mittag, und dann auch noch die Auseinandersetzung mit seiner Mutter, zu dem es nach unserer Rückkehr am Nachmittag gekommen war, kaum dass Mariangela ihren Transporter vor der Tür abgestellt und die Küche betreten hatte. Um zu erkennen, was Mike vorhatte, musste ich keine Hellseherin sein.

Wie konntest Du nur?!“ hatte er sie zur Rede gestellt, ohne Zeit zu verschwenden. „Hast Du denn gar keinen Stolz? Schlimm genug, dass Du Dich auf diesen Deal überhaupt eingelassen hast!“

Deal? Ich wurde das Gefühl nicht los, dass die Sache, um die es ihm ging, schon länger zurücklag.

Deal?“ Die gleiche Frage warf nun auch Mariangela in den Raum. „Nicht schon wieder diese uralte Geschichte. Sag jetzt nicht, Du meinst die Vereinbarung zwischen Deinem Vater und mir!“

Ich konnte es mir denken. Genau diese „Vereinbarung“ meinte Mike. Ein Deal, der mehr als zwanzig Jahre zurücklag und der dazu geführt hatte, dass die beiden Brüder getrennt voneinander aufwuchsen. Während Mike bei seiner Mutter geblieben war, die dank der „großzügig“ bemessenen monatlichen Zuwendungen ihres Ex-Mannes ohne Job gerade so über die Runden kam, hatte Trevor Mitchell seinen Plan konsequent durchgezogen.

Ein Plan, der vorsah, das James die beste Ausbildung bekam, um danach Jura studieren und irgendwann in die Fußstapfen seines Vaters treten zu können. Das war schlimmer, als ich geahnt hatte.

Du warst acht, Michael!“ Mariangela standen die Tränen in den Augen. Aufgebracht lief sie in der Küche hin und her, von den Vorwürfen ihres Sohnes in die Enge getrieben. „Acht! Dio Mio! Was hätte ich denn machen sollen?“

Ja, was? Aber darauf erwartete sie keine Antwort. Denn was auch immer Mike erwidert hätte, es wäre so oder so das Falsche gewesen.

In der Küche wurde es totenstill. Das Ticken der Uhr hallte unangenehm in meinen Ohren wider. Am liebsten hätte ich den Raum verlassen, aber die in der Luft hängende Spannung machte es mir unmöglich, mich zu rühren oder auch nur einen Ton von mir zu geben. Etwas änderte sich, und mir lief es eiskalt den Rücken hinunter.

Try walking in my shoes? Ich wusste nicht, woher dieses unbestimmte Gefühl kam, dass ich ihre noch unausgesprochenen Worte bereits kannte. Mariangela schloss die Augen, atmete tief ein, dann wandte sie sich Mike zu, der offenbar die Sprache verloren hatte.

Du hast keine Ahnung, nicht wahr? Du hast keine Ahnung, wie er damals war. Wie auch? Mit acht… Mein Gott, Michael, er hat mich vor die Wahl gestellt. Es war eine ganz einfache Entscheidung. Entweder ich nehme das Geld, ziehe Dich alleine groß und ziehe raus aus Vancouver, egal wohin. Hauptsache, wir beide sind weit genug weg von ihm, und er kann sich ganz nach seinen eigenen Vorstellungen um James kümmern. Oder er nimmt mir Euch beide weg.“

Doch der Horrortrip war war noch nicht beendet.

„Ich weiß, was Du sagen willst. Aber glaub mir, ich hatte keine andere Wahl. Das Sorgerecht für Euch beide beantragen? Glaub mir, das hätte nie hingehauen. Dazu kennt er zu viele juristische Tricks. Oder was glaubst Du, warum er so erfolgreich ist?“

Mit seiner Kanzlei allein? Bestimmt nicht. Ich wusste nicht warum, aber auch diese Antwort ahnte ich bereits. Der nächste Schock für Mike, er stand kurz bevor, und er erfolgte mit Wucht. Trevor hätte nur die richtigen Kontakte spielen lassen müssen, und ihr Bruder wäre dran gewesen. Ein Tip an die richtigen Leute bei den Finanzbehörden, und Vito hätte seinen Laden dichtmachen müssen. Der Laden, den Mariangela heute führte.

Glaub mir, Michael, an meiner Stelle hättest Du genauso gehandelt. Für James gab es keine Hoffnung mehr, er war Trevor schon viel zu ähnlich. James würde sich nicht mehr ändern, auf ihn hätte ich keinen Einfluss mehr gehabt. Dieser Zug war abgefahren. Aber Dich sollte er nicht auch noch in die Finger bekommen!“

Vor eine tolle Wahl hatte der feine Herr Anwalt seine Noch-Ehefrau gestellt. Dieser miese Erpresser. Diese Erkenntnis gab Mike den Rest. Die normale Reaktionszeit bei unvorhergesehenen Bremsmanövern beträgt durchschnittlich drei Sekunden. Drei Sekunden, die sich zwischen uns dreien ins scheinbar Unendliche ausdehnten. Was sie natürlich nicht taten.

Während ich noch dabei war, das Gehörte zu verarbeiten, drehte sich Mike wortlos um, verließ die Küche und knallte die Tür hinter sich zu. Er wollte doch nicht? Leider doch, aber ich war nicht schnell genug, um ihn aufhalten zu können. Entsetzt hörte ich, wie er den Motor aufheulen ließ und Gas gab. Ich wusste, es war zwecklos, ihm nachzurennen, und dennoch tat ich es.

Alles, was ich von Mike und seiner Indian noch sah, waren ihre grell aufleuchtenden Rücklichter.

is my timing that flawed? Our respect run so dry? Yet there’s still this appeal. That we’ve kept through our lives ♪

Love will tear us apart? Wie passend! Willkommen in der Realität, ladies and gentlemen. Und die sah leider keine Partystimmung bei mir und Mike vor.

Während er ziellos mit seinem Bike durch die Gegend gefahren war, um sich abzureagieren, hatte ich gerade noch seine Mutter davor bewahren können, dass sie vollends zusammenbrach. Mike hatte das Haus verlassen, der Blick, mit dem er sie wie ein Fremder ansah, brachte sie schier um den Verstand. Während der Tee lange genug zog, um seine entspannende Wirkung zu entfalten, hielt ich ihre Hand und versuchte, sie zu beruhigen.

Erst nach Stunden war Mike zurückgekehrt, um mich abzuholen. Schließlich war da noch dieses Event, das von Spirit Chase Records organisiert worden war und bei dem man besser nicht fehlte.

Machen wir das beste draus, seufzte ich und versuchte, an etwas anderes zu denken als an die unsägliche Geschichte, die heute Nachmittag ans Licht gekommen war. Auch wenn mich Mikes verkorkstes Familienleben nicht direkt betraf, war mir zum Heulen zumute. An etwas anderes denken, wenn ich nur wüsste, an was…

Na ja, wie auch immer.“ räusperte sich Brian, als auch Mike auf diese Frage nicht antwortete. „schön, dass Ihr es doch noch geschafft habt. Für die Show seid Ihr jedenfalls noch früh genug da.“

Show? Von welcher Show redete Brian? Ratlos folgten wir ihm nach drinnen und kamen auf unserem Weg an der Bar vobei, wo ich Sue und Madlyn erblickte. Ihre sogenannten „besseren Hälften“ konnten also nicht weit sein.

Mark und Danny sind draußen auf dem Hof“, erklärte uns Brian, „und der Rest schwirrt hier auch noch irgendwo herum.“

Mit dem dezenten Hinweis, dass es für uns an der Zeit war, uns unters Volk zu mischen, schnappte er sich Mike und verschwand mit ihm an der Bar. Wortlos starrte ich den beiden nach. Mike ließ mich einfach stehen und ging, ohne sich nach mir umzudrehen. Es war, als ob ich für ihn nicht existierte. Mir einfach die kalte Schulter zu zeigen – ich konnte mir beim besten Willen nicht feststellen, was ich falsch gemacht hatte.

Je mehr ich über den vergangenen Tag nachdachte, desto weniger ergab sein Verhalten mir gegenüber Sinn. Seufzend drehte ich mich um und wäre um ein Haar mit einer Servicekraft zusammengestoßen. Die Getränke in schreiend bunten Farben auf dem voll beladenen Tablett wackelten bedrohlich, aber der zu erwartende Unfall blieb aus.

Drink gefällig?“ – Im Prinzip keine schlechte Idee, aber mir war nicht nach giftgrünen oder gar qualmenden Cocktails.

Der Hof war von historischen Fabrikgebäuden umgeben. Eine Sinfonie aus rotem Backstein und schwarzen Elementen aus Gusseisen: ein stillgelegter Schlachthof aus dem späten 19. Jahrhundert, der im Zuge umfangreicher Sanierungsmaßnahmen eines ganzen Stadtteils zu einer trendigen Location umgebaut worden war und sich seitdem als Veranstaltungsort für Firmenevents oder After-Work-Partys großer Beliebtheit erfreute.

Hey, rief Danny“, als er mich erblickte. „schön, Dich zu sehen. Und wir haben schon gedacht, Ihr kommt gar nicht mehr.“

Hä? Wieso das denn? Danny war nun schon der Zweite, der so merkwürdig fragte. War es so offensichtlich, dass wir eigentlich viel lieber ganz woanders gewesen wären?

Tolle Location“, erwiderte ich statt dessen und holte mit einer weitläufigen Handbewegung aus.

Ja, da haben sie sich echt nicht lumpen lassen“, antwortete Mark und ließ seine Blicke über das gesamte Areal schweifen.

Dann wandte er sich wieder mir zu und reichte mir ein Bier. Wo kam das denn auf einmal her? „Hier, für Dich. Bevor es ungenießbar wird.“

Wie gut, dass sich seine Freundin drinnen an der Bar festgequatscht hatte, so kam ich wenigstens in den Genuss eines Drinks, der ursprünglich wohl für Sue bestimmt gewesen war.

Coole Location, ein super DJ und Drinks bis zum Abwinken. War bestimmt nicht billig“, wurde seine Begeisterung gleich darauf von Danny gedämpft.

Seit wann machte sich Danny Gedanken um die Finanzen seines Brötchengebers? Das hatte er doch vorher nie getan.

„A propos Drinks, ich geh mal rein und hol uns Nachschub und schau mal nach unseren beiden Hübschen“ Gute Idee. Noch einer, der komisch drauf war – so hatte ich mir den Abend nicht vorgestellt war, auch wenn es sich um eine Pflichtveranstaltung handelte.

Was ist denn mit dem los?“ wunderte ich mich gegenüber Mark.

Keine Ahnung, was er hat. Sue und ich haben die beiden erst heute wiedergesehen. Dicke Luft, wenn Du mich fragst. Viel habe ich ja nicht aus ihm heraus bekommen.“

Aha. Und weil Mark bei Danny nicht weiterkam, versuchte jetzt Sue ihr Glück bei seiner Freundin? Good luck, konnte ich da nur sagen.

Aber ganz unrecht hat er nicht, wenn ich mich hier so umschaue. Vielleicht hätten sie woanders weniger für den Spaß bezahlt.“

Mir kam das Schild wieder in den Sinn, das ich auf unserer Fahrt von Seattle nach Richmond gesehen hatte: Welcome to Mitchell Island – new industrial sites for lease.

Ach ja?“ Verwundert setzte er die Flasche ab. „Und wo?“ Jetzt wird’s interessant, schien er zu denken.

Ich hatte grinsen müssen, als mir der Name zum ersten Mal auf unserer Fahrt von Seattle nach Vancouver aufgefallen war. Beim Anblick des Autofriedhofs war mir dann aber schnell das Grinsen vergangen. Jetzt erschien mir die Idee, dort für eine Halle zu mieten, gar nicht mehr so abwegig.

Mitchell Island?“ Es fehlte nicht mehr viel, und Mark verschluckte sich an seinem Bier. „Ernsthaft? Glaub mir, Andrea, da möchtest Du nicht tot überm Zaun hängen.“

Ach du Schreck, das klang ja nicht gerade verheißungsvoll.

Auch wenn unser lieber Mike so heißt… dort feiern? Zwischen Schrottplätzen und häßlichen Betonklötzen aus den achtziger und neunziger Jahren? Und gebrannt hat’s dort auch schon öfters. Okay, man kann dort prima Indoor-Beachvolleyball spielen, aber das war’s dann auch schon. Aber feiern möchte da keiner. Kein Halloween, keine Privatparty, kein Firmenevent.“

Firmenevent. Gut, dass er mich daran erinnert hatte, dass wir hier nicht unter uns waren und rein freundschaftlich miteinander abhingen. So dicke Freunde, mit denen man auch privat rund um die Uhr Zeit miteinander verbringt, waren seine Kollegen nun auch wieder nicht. Kumpel ja, eine große, glückliche Familie wiederum nicht. Und ich Dussel hatte Mike einen Vortrag darüber halten wollen, wie glücklich er sich schätzen konnte, so tolle Freunde zu haben.

Auch wenn unser lieber Mike so heißt… ich konnte mir vorstellen, wie sie ihn mit der Namensgleichheit aufzogen. Eine eigene Insel, Du Glückspilz. Ja, tolle Wurst, mit Residenz am Golfplatz, Nobel geht die Welt zugrunde. Sehr witzig. Und ich bin die Tochter von David McAllister, dem Ministerpräsidenten von Niedersachsen. Was sich liebt, das neckt sich?

Oh, wie ich solche Jokes hasste. Wenn ich so darüber nachdachte, dann fiel mir als wirklicher Freund nur John ein. Den hatte ich bisher überhaupt noch nicht gesehen, dafür aber erblickte ich am anderen Ende des Hofs Kevin und Bradley, die schwer beschäftigt wirkten.

Plötzlich fiel es mir wieder ein: „Am 5. November geht’s los… und an Halloween bekommt Ihr eine Kostprobe von unserem Programm.“

North Western Light & Sound. Unter diesem Namen wollten die beiden heute Abend der Halloweenparty in stilvollem Ambiente zu einem ein glanzvollen Highlight verhelfen. Ein Highlight, auf das mich Bradley bei unserer letzten Unterhaltung neugierig gemacht hatte und das ich mir so spektakulär vorstellte wie die Lightshow in Ottawa. So langsam versprach der Abend, doch noch einigermaßen angenehm zu werden.

Lange konnte es ja nun nicht mehr dauern, aber alleine wollte ich mir die Show auch nicht ansehen. Jetzt hätte ich gerne Mike bei mir gehabt, aber seit Brian ihn mit Beschlag belegt hatte, war er nicht wieder zu mir zurückgekehrt.

A propos Mike. Ich glaube, ich gehe ihn mal suchen“, sprach ich und verließ Mark, legte aber noch einen Abstecher ein, um Bradley und Kevin Glück zu wünschen. Das konnten die beiden Illuminationskünstler bei ihrer Premiere gut gebrauchen.

Und? Schon aufgeregt?“ ging ich auf Bradley zu. Lampenfieber war etwas, worunter nicht nur Sänger oder Schauspieler litten, sondern alle, die eine Aufführung inszenierten. Und da waren die beiden keine Ausnahme.

Hey, Andie. Du glaubst gar nicht, wie ich mich freue, Dich zu sehen.“

Die Freude war ganz auf meiner Seite. Der erste Mensch an diesem Abend, dem die Begeisterung ins Gesicht geschrieben stand, der sichtlich Spaß hatte und seinem großen Auftritt regelrecht entgegenfieberte. Ein echter Lichtblick. Eigentlich konnte doch jetzt, wo ich da war, nichts mehr schiefgehen. So die einhellige Meinung der beiden. Ja, eigentlich.

Wir sollten uns gründlich irren.

„Broken Strings“ : Chapter 50 – … for the truth can be awkward

Von Anfang an wusste ich: Das wird böse enden! Dabei hatte der Tag so gut angefangen. Jedenfalls für mich. Mikes Mutter hatte zwar etwas verwundert auf die Neuigkeiten reagiert, ritt aber auf dem Thema nicht weiter herum, als wir am Abend das von mir zubereitete Chili con Carne gelöffelt und dabei über Gott und die Welt geplaudert hatten, während im Hintergrund Mikes Lieblingssender dudelte.

is it over now… ? ♪ „Ja, Leute, hier sind sie… Live from Bristol: Kosheen! Mit einem echten Knaller“ ♪ … so tell me how does it feel ♪

Dreh doch mal lauter, hätte ich am liebsten gerufen, denn diesen Song liebte ich. Über die Musikauswahl des nervigen Moderators wunderte ich mich inzwischen schon gar nicht mehr; dennoch fragte ich mich, warum er einen zwölf Jahre alten Song, den kaum ein Schwein kannte, ausgegraben hatte und ihn nicht mal komplett ausspielte. Das war ja schlimmer als bei diesen unsäglichen Charts-Shows, in denen uninteressante „Promis“ ihre Weisheiten breit traten und in die Songs hinein quasselten.

I took my shoes off so I wouldn’t tread over the clean sheets wrapped around that dirty bed ♪ „Ladies and Gentlemen, merkt Euch das Datum vor: Am 15. Dezember kehren sie zurück auf die Bühne. The Homecoming Gig. In Bristol. Back to the roots!… “

Ja, ist klar! Hier die Werbetrommel rühren für ein Event, das nicht mal hier stattfindet, sondern Tausende von Kilometern entfernt. Geht’s eigentlich noch.

Und wir sind mittendrin statt nur live dabei – wir senden live aus dem Thekla – und nun endlich der Song in voller Länge – have fun!“

Na endlich – sie spielten“Overkill“ ja doch noch. Darauf einen Toast!

Ich leerte mein Glas, das mir gleich darauf nachgefüllt wurde. Zu viel Information und zu viel Wein: Angesichts Marias Schwärmerei für den größten Maler aller Zeiten bekam der Titel „meines“ Songs eine ganz neue Bedeutung. Hier hatten wir ihn: den Van-Gogh-Overkill, und er ging weiter, als ich dachte.

Ach, daher Dein zweiter Vorname“, sinnierte ich nach dem ersten Schluck Primitivo. Inzwischen hatte ich nämlich Mikes vollen Namen herausgefunden.

Für einen Moment herrschte am Tisch vollkommene Stille, dann verhallten auch die elektronischen Klänge aus dem Radio. Verblüfft starrte Mariangela mich an, dann brach sie in schallendes Lachen aus. Ihr Heiterkeitsausbruch war ansteckend, auch Mike konnte nicht mehr an sich halten.

Ganz großes Kino, Andrea, jetzt halten sie Dich beide für plemplem – aber schön, dass ich Sie auf andere Gedanken bringen konnte, Mr. Mitchell! Aber noch schöner fände ich es, wenn Ihr mich nicht dumm sterben lassen würdet…

Ein holländischer Maler als Inspiration für meinen Namen. Der war gut, schnappte Mike nach Luft. „Schade, dass Ihr beide euch bei James nicht auf Theo einigen konntet.“

Guter Punkt, und inzwischen hatte sich auch Mariangela wieder beruhigt. „Scusi, Andrea, dafür dass ich lachen musste, aber die Vorstellung war wirklich lustig, aber auch verständlich. Aber die Geschichte ist viel simpler.“

Ach was? Jetzt war ich aber gespannt.

Die Idee hat was, aber so weit geht meine Verehrung dann doch nicht. Vincente war der Name meines Vaters, und nachdem sich Trevor schon bei der Wahl des Namens für unseren ersten Sohn durchgesetzt hat…“

Ich verstand. So gesehen, hätte ich auch darauf bestanden, dass ich beim nächsten Mal den oder die Namen aussuchen durfte.

Von der gelösten Stimmung, in der der Abend geendet hatte, war bei uns nun nicht mehr viel zu spüren: Während wir auf Trevor Mitchell und James warteten, wippte ich nervös mit dem Fuß.

Im Gegensatz zu mir wirkte Mike zwar gelassen, aber das täuschte. Wir standen am Fuß des hässlichen Betonklotzes mit der sich drehenden Plattform auf der Spitze, gekrönt von einer Antenne und geschmückt mit Satellitenschüsseln. Das Ding erinnerte mich entfernt an den Henninger Turm vor seinem Umbau zu einem hippen Wohnsilo mit Restaurant auf dem Dach.

Klingt abgehoben? Das neue Schmuckstück von Sachsenhausen sah zwar schön aus, konnte aber von der Höhe her mit diesem grauen Ungetüm nicht mithalten, das mir von Minute zu Minute suspekter wurde. Genießen Sie den Blick aus 167 Metern Höhe über Vancouver? An den Fensterplatz, der mich erwartete, wollte ich jetzt noch nicht denken; allein vom Hochschauen wurde mir schon schwindelig, und mein Herz klopfte wie verrückt.

Vielleicht half es ja, wenn ich meinen Schatz in den Arm nahm, wenn wir schon warten mussten. Noch einen letzten Kuss, dann näherten sich Schritte.

James Robert Mitchell war mir auf Anhieb unsympathisch. Schon allein wegen der Blicke, mit denen er mich ungeniert von oben bis unten musterte, hätte ich den feinen Herrn im Anzug erwürgen können.

Respekt, Kleiner, wo hast Du denn diese Maus aufgegabelt? Bei der Arbeit? So, so, wer’s glaubt.

Diese Sorte kannte ich. Typen wie er dachten doch tatsächlich, dass sie sich alles erlauben konnten und ließen früher oder später eine respektlose oder anzügliche Bemerkung fallen. Wenn er das wagte, dann brannte die Luft, und es war mir egal, in wie vielen Metern Höhe über dem Meeresspiegel.

Sein Vater hielt sich dagegen vornehm zurück. Nach der kurzen Vorstellungsrunde händigte er dem Personal die Tickets für den Turm aus und winkte uns lässig zum Lift durch. Ladys first. Wenigstens hatte er Manieren. Was ich von seinem Sohn nicht behaupten konnte. Nach außen den Gentleman spielen, aber wenn keiner hinsieht, starren wir der Freundin seines Bruders aufs Hinterteil?

Ich konnte seine Blicke in meinem Rücken spüren und überlegte angestrengt, wie ich ihm möglichst unauffällig für diese Unverschämtheit eine Lektion erteilen konnte. Als der Aufzug mit einem Ruck zum Stehen kam, machte ich einen Schritt „ganz aus Versehen“ nach hinten und trat ihm mit aller Kraft auf den Fuß.

Behave!

Zu meiner Genugtuung registrierte ich nicht nur den staubigen Abdruck, den mein Stiefel auf seinen auf Hochglanz polierten Budapestern hinterlassen hatte, sondern auch, wie er zusammenzuckte. Anscheinend hatte meine Maßnahme gewirkt, denn von nun an ging er auf Abstand und verzichtete darauf, mich zu taxieren. Aber wesentlich besser fühlte ich mich dadurch nicht, denn im schwarzen Dufflecoat über meinem ebenso komplett schwarzen Outfit aus Minikleid, Leggins und Stiefeln kam ich mir nicht nur reichlich deplaziert zwischen den anderen Besuchern im Businessoutfit vor, sondern bekam auch noch feuchte Hände beim Anblick der Landschaft, die vor den Panoramascheiben langsam an uns vorbei zog.

Schön, dass auch bei der Wahl des Sitzplatzes für Mr. Mitchell das Prinzip ‚Ladys first‘ galt: „Wo möchten Sie sitzen?“

Am Gang, wenn’s geht.“

Dann rückte er mir meinen Stuhl zurecht und nahm anschließend auf der anderen Seite Platz. Neben mir ließ sich Mike nieder. Als letztes setzte sich James auf den Platz mir gegenüber. Das auch noch! Was für ein Traum…

Mike beäugte uns zwar kritisch und runzelte die Stirn, sagte aber nichts. Statt dessen griff er unter dem Tisch nach meiner klammen Hand, was James mit einem spöttischen Blick quittierte, um mir diesmal in den Ausschnitt zu glotzen. Wie dreist konnten Leute sein? Meine Maßnahme im Lift hatte offenbar nur für kurze Zeit gewirkt.

Mist, ich hätte doch das andere Kleid mit dem U-Boot-Ausschnitt nehmen sollen, das kam davon, wenn man danach ging, welches Modell der Liebste heißer fand. Instinktiv entzog ich Mike meine Hand, schnappte mir eine Speisekarte und hielt sie so, dass sie meinem Gegenüber die Sicht verdeckte. Dann vertiefte mich in die Getränkeauswahl.

Hey Süße, möchtest Du nicht lieber einen Tee bestellen?“ fragte er und legte mir einen Arm um die Schultern. „Du hast ja eiskalte Hände.“

Wie aufmerksam von ihm. Leider entging auch das seinem Bruder nicht. Seine Mundwinkel zuckten verdächtig. Welche Bosheit hatte er als nächstes im Sinn?

So aufmerksam warst Du doch früher nicht,“ fing er auch schon an und erntete einen missbilligenden Blick von seinem Vater, der sich den Einstieg in das Gespräch (worüber auch immer) sicherlich anders vorgestellt hatte.

Aber Mikes älterer Bruder dachte gar nicht daran, sich zu bremsen. „Mich würde ja mal interessieren, wann und wo Ihr beiden Turteltäubchen Euch kennengelernt habt,“ wobei er ausschließlich mir ins Gesicht sah und er das bewusst in die Länge gezogene Wort „Turteltäubchen“ zwischen zwei winzigen Kunstpausen fallenließ.

Mike ignorierte er mit voller Absicht. Doch damit nicht genug; die offene Provokation vor aller Augen reichte ihm anscheinend noch nicht, er besaß außerdem noch die Frechheit, unter dem Tisch zu mir Kontakt mit dem Fuß aufzunehmen. Was bildete der Kerl sich eigentlich ein?

Ganz schlechter Stil, mein Herr, schäumte ich innerlich.

Hoffte er, mit dieser plumpen Anmache bei mir zu punkten? Verärgert kickte ich seinen Fuß zur Seite. Das sollte helfen, und für einen Moment war Ruhe. Der ideale Moment für Trevor Mitchell, unsere Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken, bevor ihm sein älterer Sohn den großen Auftritt vollends ruinierte. Er hatte schließlich nicht nur etwas zu feiern, sondern außerdem noch Mike etwas mitzuteilen.

Kaum hatte Mitchell Senior mit einem Messer an sein erhobenes Glas geklopft und mit seiner Rede begonnen, setzte James zu einer neuen Runde an. Meinen finsteren Blick ließ er ungerührt an sich abprallen und seinen Fuß erneut zu mir herüber wandern, aber diesmal mein Bein entlang. Der Typ war doch das Letzte! Während Mr. Mitchell den glänzenden Universitätsabschluss seines Sohnes in den höchsten Tönen lobte und sichtlich stolz auf dessen Karriere in Übersee war, interessierte sich sein Sprössling nicht im mindesten für das, was sein Vater zu sagen hatte.

Das darf doch nicht wahr sein, gärte es in mir, feiner Zwirn und ein paar Jahre bei einer renommierten Kanzlei in London machen aus Dir eben noch lange keinen besseren Menschen.

Sein Fuß wanderte höher und höher. Wie in einem zweitklassigen Film. Anstatt auf Mike hinabzusehen, weil der in Jeans und Lederjacke unter den Gästen schon rein optisch aus dem Rahmen fiel, hätte er sich besser eine Scheibe von seinem „kleinen“ Bruder abgeschnitten, was sein Benehmen in der Öffentlichkeit anging.

Vielleicht zog ja diese Offensivtaktik im Gerichtssaal, mir gegenüber war seine aggressive Art des „Flirtens“ jedoch völlig unangebracht. Jetzt reicht’s: Wenn Mike das merkt, geht er in die Luft und Dir an den Hals, platzte mir der Kragen.

So fest ich konnte, trat ich ihm gegen das Schienbein. Mit einem Schlag verging ihm sein unverschämtes Grinsen, und sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, während er sich die Stelle, an der meine Stiefelspitze gelandet war, vor Schmerz mit der Hand rieb.

Ach, versuchen wir jetzt, möglichst wenig aufzufallen? Bleibt deswegen der zu erwartende Schrei aus? Schade, dass ich nicht fester zugetreten habe, denn viel hätte nicht mehr dazu gefehlt.

Gut so. Mit über der Brust verschränkten Armen lehnte ich mich zurück und betrachtete mit einem Anflug von Schadenfreude mein Werk. Schuhe kann man putzen, aber erklär dein dreckiges Hosenbein nachher mal deinem Boss, grinste ich in mich hinein. Den Denkzettel hatte er bekommen, auch ohne dass ich die Aufmerksamkeit der anderen Gäste auf uns gezogen hatte. Ja, wer zuletzt lacht…

… zwei gute Nachrichten und eine nicht ganz so gute….“, legte Mr. Mitchell eine Pause ein.

Seine Augen ruhten auf Mike, der sich bestimmt schon fragte, welche Überraschungen sein Vater heute noch für ihn parat hatte. Im Prinzip fragte ich mich das auch, aber inzwischen forderte der von unserem Gastgeber spendierte Champagner seinen Tribut. Das in Sicht kommende WC-Schild tat sein übriges. Mr. Mitchell um Entschuldigung bittend, erhob ich mich und versuchte, die wütenden Blicke, die James auf mich abfeuerte, zu ignorieren.

Na, dann herzlichen Glückwunsch“, gratulierte Mike seinem Bruder, als ich wieder zurückkam. Er war aufgestanden, um ihm auf die Schulter zu klopfen, „darauf einen Toast“. Den freudigen Anlass hatte ich zwar verpasst, aber Mike setzte mich noch im selben Moment ins Bild: „Du kommst gerade richtig zum Anstoßen auf James und seinen neuen Job. Am Montag fängt er bei Dad in der Kanzlei an.“

Ich erstarrte. Das war doch die Höhe. Hier stand James und ließ sich seelenruhig von seinem ahnungslosen Bruder alles Gute wünschen, während der von dem, was James sich mir gegenüber geleistet hatte, nicht das geringste mitbekommen hatte. Diese falsche Schlange. Ersticken sollte er an seinem Getränk! Am liebsten hätte ich James den Champagner, den mir Trevor während meiner kurzen Abwesenheit nachgeschenkt hatte, mitten in seine arrogante Visage gekippt. Contenance, Andrea!

War doch eine gute Entscheidung, nach dem Abschluss nach London zu gehen, Dad“, antwortete James selbstgefällig, „Endlich macht sich Deine Investition bezahlt.“ Der Kerl war unerträglich.

Investition – das ist das Stichwort“, hakte Trevor Mitchell ein und wandte sich wieder an Mike, „das war die gute Nachricht. Jetzt kommt der nicht ganz so erfreuliche Teil.“

Da war sie, die schlechte Nachricht. Und sie war nicht für James bestimmt. Trevor Mitchell hatte seinen Liebling nicht jahrelang gefördert und ihm einen Job verschafft, um ihn jetzt auflaufen zu lassen. Nein, er hatte vor, Mike den Geldhahn zuzudrehen, weil er dessen Faulenzerleben nicht länger alimentieren wollte. Natürlich hatte er ihn nie direkt finanziell unterstützt, sondern Mariangela monatlich einen Scheck über einen gewissen Betrag geschickt.

Seiner Meinung nach war Mike alt genug, um für sich selbst zu sorgen, und er bereute es längst, dass er die Zahlungen nicht schon vor ein paar Jahren eingestellt hatte. Aber das war ja jetzt auch nicht mehr nötig, wo Mariangela und er…

Wer richtig mitgezählt hatte, merkte spätestens jetzt, dass die angekündigte zweite „gute Nachricht“ nicht mehr lange auf sich warten ließ.

Du hast richtig gehört. Deine Mutter und ich wollen es noch einmal miteinander versuchen…“

Das saß. An unserem Tisch wurde es plötzlich unangenehm still. Mikes Hand, die meine die ganze Zeit über festgehalten hatte, wurde zum Schraubstock, seine Stimme eiskalt.

„Sag das noch mal. Ihr wollt was?“ Mich fröstelte, und ich wünschte mich ganz weit weg, denn das war der Moment, vor dem mir immer gegraut hatte. Alle Farbe war aus Mikes Gesicht gewichen, und er rang sichtlich um Fassung. „Das ist nicht Dein Ernst.“

Komm schon, Bruderherz. Freu Dich doch für Mum“, mischte sich James ein. „Die ganze Familie endlich wieder vereint – ist doch super.“

Wie in Zeitlupe drehte sich Mike zu ihm um. Seine Augen wurden schmal. Noch eine Bemerkung dieser Art, und mein Schatz würde explodieren.

„Du bist jetzt ganz ruhig“, warnte er ihn. Der drohende Unterton in seiner Stimme war nicht zu überhören.

James wich zurück und verstummte. Gut für ihn, Hauptsache, er hielt von nun an den Mund. Das war eine Sache zwischen Mike und seinem Vater, aus der er sich am besten ganz heraushielt. Trevor Mitchell war seinem Sohn noch eine Erklärung schuldig, und wie ich Mike kannte, würde er nicht lockerlassen, bis er sie bekam. Dabei ging es ihm wahrscheinlich noch nicht mal um das Geld, das seine Mutter für ihn zur Seite gelegt hatte, und auch die Meinung seines Vaters über ihn und sein Leben war für ihn zweitrangig. Ihn wurmte etwas ganz anderes.

Und wann seid Ihr beide zu dieser Erkenntnis gekommen?“ versuchte er, seinen Vater festzunageln. „Das wisst Ihr doch nicht erst seit gestern.“

Funkstille. Doch damit war er schlecht beraten. Mit dieser Nicht-Antwort gab Mike sich nicht zufrieden.

„Wie lange geht das mit Euch beiden schon?“ Keine Reaktion.

Ich an Ihrer Stelle, Mr. Mitchell, würde Ihren Sohn nicht reizen. Der geht nämlich gleich in die Luft, und das möchten Sie nicht erleben, denn schön wird das nicht. Für keinen von uns.

Doch mein stummes Gebet verhallte ungehört.

Antworte, verdammt nochmal!

Das war deutlich. Wenn Mr. Mitchell es darauf anlegen wollte, dass Mike noch lauter wurde und damit schlagartig die Aufmerksamkeit auf uns lenkte, konnte er sich natürlich auch weiterhin in Schweigen hüllen, aber das würde er nicht riskieren, dessen war ich mir sicher. Wenn Mike jemanden vor aller Augen verbal zusammenfaltete, durfte man sich warm anziehen.

Ryan und Sue konnten ein Lied davon singen. Wir erregten auch so bereits genug Aufmerksamkeit vom Nachbartisch, und wenn das so weiterging, auch noch von allen anderen Gästen. Mit großer Wahrscheinlichkeit waren Kollegen anwesend oder – noch schlimmer: die halbe Anwaltskammer. Mr. Mitchells Ruf wäre so ein Eklat gewiss nicht förderlich, von der Peinlichkeit für den frisch eingestellten Herrn Junganwalt abgesehen.

Na gut“, räusperte sich Trevor Mitchell mit Verzögerung. „Wenn Du es unbedingt wissen willst. Vor einem halben Jahr sind wir uns durch Zufall wieder begegnet. Wir haben uns danach noch ein paar Mal in unregelmäßigen Abständen getroffen, und dann… Na ja, Du weißt ja, wie das ist…“

Ach, weiß ich das?“ erwiderte er sarkastisch. „Spar Dir weitere Erklärungen. Andrea und ich gehen jetzt besser. Ach ja, und vielen Dank auch für die reizende ‚Einladung‘. Sag mir Bescheid, wenn das Datum für die Hochzeit feststeht… Damit ich an diesem Tag ganz weit weg bin.“

„Broken Strings“ : Chapter 48 – Sunset at the top

Du hast Dich um alles gekümmert…“ wiederholte ich seine Antwort. „… und warum habe ich davon nichts mitgekriegt?“

Tja“, räusperte er sich, „das haben Überraschungen so an sich. Aber ernsthaft: Ich glaube, das Ganze hat angefangen, als ich gesehen habe, wie Du Kellys Maschine bewundert hast. Ich wette, Du wärst selber gerne damit gefahren.“

Gut beobachtet, Mr. Mitchell, dachte ich bei dieser Eröffnung. Nun wollte ich auch den Rest hören, denn ich war neugierig, wie weit seine Beobachtungsgabe noch ging. Ich musste nicht lange warten: Ihm war meine Enttäuschung, dass sich Mark und Sue für meinen Vorschlag nicht begeistert hatten, nicht entgangen, und so hatte sein Plan konkrete Formen angenommen.

So, und jetzt mach die Augen zu. Auf Dich wartet nämlich noch der letzte Teil der Überraschung.“

Ach, du Schreck, was kam als nächstes?

„Nicht blinzeln, Süße.“

Jetzt mach’s nicht so spannend, hibbelte ich mit geschlossenen Augen und hörte Mike hinter mir mit einem Stück Papier knistern.

„So. Jetzt. Augen auf. Et voilà…“

Mein Blick fiel auf zwei ausgedruckte Online-Tickets. Aber wie zum…

„Sorry, dass es heute morgen nicht schneller ging, aber Chris hatte ein Problem mit dem Drucker. Beinahe hätte es nicht geklappt…“

Tickets für die Space Needle?“ stieß ich ungläubig hervor.

Ja, was dachtest Du denn?“ erwiderte er. Ob ich geglaubt hatte, dass er mit mir hierher gefahren war, nur um mir das Panorama zu zeigen? Ehrlich gesagt, wusste ich nicht, was ich glauben sollte.

„Ein Ausflug nach Seattle wird doch erst durch eine Besichtigung der Space Needle perfekt. Außerdem wäre das so, als würdest Du den Aufenthalt im Basislager der Expedition auf den Mount Everest vorziehen.“

Da kannte er mich aber schlecht. In meinen Augen war Perfektion ohnehin überbewertet. Und so, wie es Leute gab, denen allein die Trekkingtour zum Everest und dessen Anblick von unten reichte, war ich schon glücklich darüber, dass er mir diese Freude hatte machen wollen.

Der gute Wille zählte, und so hielt sich meine Enttäuschung, dass der romantische Abend zu zweit dann doch anders ablief als von ihm geplant, so ziemlich in Grenzen.

Schade. Ich hätte Dir so gerne das volle Programm geboten. 360 Sunset At The Top…“

Statt der Weinverkostung mit Häppchen bei Sonnenuntergang im Drehrestaurant saßen wir bei einer Tasse Kaffee an einem Fensterplatz im Café hoch oben im Turm und studierten die Karte mit ihren Burgern, Sandwichs und anderen Snacks. Etwas teuer, der ganze Spaß hier.

Ob sich hier etwas drehte oder nicht, war mir gleich; ich war froh, dass wir überhaupt noch einen Platz ergattert hatten, und dann noch einen so guten. Bestimmt war in der sogenannten Wine Bar auch nicht weniger los. Für ein romantisches Dinner wäre sie in meinen Augen der falsche Ort gewesen wie das Atmos Café.

Ich finde es ja unheimlich lieb von Dir, dass Du mich gerne zu diesem ‚Sunset Wine Experience‘ einladen wolltest, aber das hier ist Amerika, und da ich noch nicht 21 bin…“

Ich weiß, aber…“

Nichts ‚aber‘ – schau mal,“ deutete ich auf einen Punkt in der Beschreibung des Events, das ihm ursprünglich für unseren gemeinsamen Abend vorgeschwebt war,

Seating is limited and tables are shared… ich glaube, diesen Verlust kann ich verschmerzen.“ Und den Sonnenuntergang sehe ich mir sowieso lieber draußen an, fügte ich in Gedanken hinzu, wobei ‚draußen‘ relativ war.

Die sich drehende Aussichtsplattform war in meiner Vorstellung um Längen spannender als ein Tisch in der Bar oder im Restaurant. So überwältigend ich den Blick von dort oben auch fand, am Ende war ich dann doch froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Mann, war mir schwindelig, und dabei hatte ich doch gar nichts getrunken.

Es ist halt doch etwas anderes, sich in der Theorie den Gang über so einen Glasboden in luftiger Höhe vorzustellen oder dann tatsächlich dort drauf zu stehen. Die 184 Meter zwischen meinen Füßen und dem Straßenpflaster hatten völlig ausgereicht, um beim senkrechten Blick nach unten meinen Puls in die Höhe schnellen zu lassen.

Hey, Du siehst ja völlig fertig aus.“ stellte er erschrocken fest und nahm mich in die Arme.

Woher sollte er auch wissen, dass ich mich geirrt hatte, was mein gespaltenes Verhältnis zu großen Höhen betraf? Zwar konnte ich ohne Probleme aus einem Flugzeug schauen und stundenlang die Wolken unter mir betrachten oder beim Wandern den Blick vom Gipfelkreuz in die Ferne schweifen lassen, aber kaum setzte ich auch nur einen Fuß auf eine Gittertreppe, egal in welcher Höhe, zog sich in mir alles zusammen. Schon allein der Gedanke, dass unter mir nichts war als Luft, ließ mich transpirieren und mein Herz schneller schlagen.

Aber nicht vor Freude, sondern vor Unbehagen. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Wenn ich geglaubt hatte, dass ich mich mit einem Spaziergang über den Glasboden meiner Angst erfolgreich stellen würde, dann war dieser laienhafte Versuch einer Konfrontationstherapie gründlich danebengegangen.

Die Schweißperlen auf meiner Stirn und meine klammen Handflächen sprachen Bände. Soviel zum Thema ‚wir schießen ein Selfie ganz oben‘ – da hätte ich mich vor den anderen ja schön blamiert. So hatte ich mir unseren Ausklang des Nachmittags nicht vorgestellt, und Mike vermutlich auch nicht.

Lass uns ein Stück gehen, Süße“, sprach er, „so können wir unmöglich weiter fahren. Und dann sollten wir zusehen, dass wir irgendwann noch etwas Richtiges in den Magen bekommen.“

Wie gut, dass er nicht auf sofortige Einkehr in ein Restaurant bestand. Während wir langsam und eng umschlungen am Ufer des Sees entlang wanderten, verlangsamte sich mein Herzschlag, und ich wurde nach und nach ruhiger. Ob es an ihm lag oder an dem Panorama unter dem ins Schwarz gleitenden Himmel, ich hätte mit ihm noch ewig so weitergehen können. Hunger hatte ich keinen, auch wenn Mike das anders sah. Dass ich so wenig aß, gefiel ihm gar nicht.

Seiner Meinung nach hatte ich es nicht nötig, auf meine Linie zu achten. Speckröllchen? Papperlapapp, so ein Unsinn, ich liebe jedes Pfund an Dir. Ich dagegen war von seiner Schmeichelei nicht überzeugt. Wenn ich das mit den Burgern und flüssigen Zuckerbomben noch weiter einreißen ließ, würde ich noch mehr zulegen als in den letzten Wochen und Monaten.

Wann ich zuletzt auf einer Waage gestanden hatte, entzog sich meiner Erinnerung, aber so wie es aussah, durfte ich mir in absehbarer Zeit neue Sachen kaufen; eine wärmere Jacke brauchte ich ohnehin, wenn ich vorhatte, noch länger hier zu bleiben. Und neue Hosen eine Nummer größer waren bestimmt auch nicht von Nachteil. Bequem waren meine Jeans schon lange nicht mehr.

Entweder hatte ich sie zu heiß gewaschen oder das viele Fast Food hatte bei mir angesetzt. Probier’s mal mit gesünderer Ernährung, Andrea. Wie wär’s zur Abwechslung mal mit Salat?

Nur Salat?“ wunderte sich Mike, als der Kellner unsere Bestellungen aufnahm.

Für ihn ein Steak und für mich nur Salat, und dazu nur Wasser? Das ging in seinen Augen gar nicht.

„Na gut“, seufzte er, als er begriff, dass alles Zureden bei mir nichts half. „Dann probier doch wenigstens von meinem Steak. Nur einen Bissen. Mir zuliebe.“ – Bitte Bitte – Quengel – Drängel – Welpenblick… das konnte er ja so gut.

Na schön – weil Du’s bist. Bitte!

Lustlos kaute ich auf dem Stückchen Fleisch herum, das er mir von seinem Porterhouse-Steak abschnitt. Wenigstens war es nicht mehr blutig. Die Bezeichnung „Stückchen“ empfand ich als einen Witz. Probierportion XXL traf es angesichts der 800 Gramm auf seinem Teller da schon eher. Obwohl seine Bestellung ja wirklich verlockend aussah, verging mir beim Anblick dieser Menge fast schon wieder der Appetit.

Hast Du wirklich so großen Hunger oder reizt Dich eher das Angebot des Hauses „Wer unseren Top-Klassiker inklusive Beilagen restlos schafft, bekommt ihn gratis“?

Allerdings war bei dieser Herausforderung Hilfe nicht erlaubt, auch nicht in Form des Happens, den er mir zuschob. Noch so einen, und ich würde platzen.

Schon besser“, nickte er zufrieden. „So, und jetzt noch einen Bissen für…“ Erneut wanderte die Gabel zu mir herüber.

Stop! Bitte..“ bremste ich ihn und griff nach meinem Glas. „Ich kann nicht mehr.“ Meine Hände zitterten.

Nachdenklich musterte er mich: „Kann es sein, dass Du nervös bist? Das würde so einiges erklären…“

Nervös? Ich? Einiges erklären? Worauf wollte er hinaus? Ratlos aktivierte ich meine kleinen grauen Zellen. Vergeblich. Dafür trat ein Funkeln in seine Augen – die imaginäre Glühbirne, die in Comics immer dann erscheint, wenn jemandem ein Licht aufgeht. Jetzt sah auch ich sie.

Aber natürlich. Das ist es. Du bist aufgeregt wegen morgen…“

Wegen morgen… ach ja, wie hatte ich vergessen können, dass wir schon sehnlichst erwartet wurden. Mariangela Mitchell, die nach der Scheidung wieder ihren Mädchennamen di Mauro angenommen hatte und sicherlich nicht damit rechnete, dass ihr Sprössling sie in Begleitung besuchen kam.

„Wenn’s nur das ist,“ versuchte er mich zu beruhigen, „Mum wird Dich mögen. Hab keine Angst.“

Das glaub ich erst, wenn’s soweit ist… Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass das Kennenlernen der Familie für einen von uns zum Fiasko geriet.

Was in gewissen Hollywoodfilmen teilweise zum Schreien komisch wirkt, war im wahren Leben für mich schon öfters das Grauen gewesen, vor dem ich am liebsten schreiend davongelaufen wäre. Warum sollte es jetzt anders sein? Halloween stand vor der Tür – was für ein passender Zeitpunkt für eine solche Horrorshow.

Reiß dich zusammen, Andrea, so schlimm wird es schon nicht werden. Dementsprechend unruhig hatte ich geschlafen, der Kaffee am nächsten Morgen hatte mir auch nicht geschmeckt, und das spartanische Frühstück, das ich mir förmlich hineinzwängen musste, hätte ich am liebsten ganz übersprungen. Aber mit leerem Magen aufs Motorrad zu steigen, war auch keine Option.

Zwei Pancakes und ein Becher Kaffee, das muss für den Rückweg reichen, redete ich mir ein, und versuchte, das mulmige Gefühl, mit dem ich auf den Sitz hinter Mike geklettert war, auszublenden und mich einzig auf die vor uns liegende Fahrt zu konzentrieren. Diese zog sich länger hin als erwartet, und je näher wir Vancouver kamen, desto schlimmer wurde es.

Noch mehr Kaffee in diesem Zustand? No way. Aber dass ich zusammenklappte und von der Indian fiel, wollte mein Fahrer auch nicht riskieren, also steuerte er das nächste Schnellrestaurant hinter der kanadischen Grenze an. Fünfzehn Minuten, und nicht mehr. Hinter dieser Anweisung steckte ein durchdachter Plan.

Legen Sie ausreichend Pausen ein. Aus welchem schlauen Ratgeber hatte er das denn? Und stand darin auch, dass wir ein rollendes Verkehrshindernis auf zwei Rädern bilden sollten? Dass er aus Rücksicht auf mich heute zur Abwechslung mal langsamer fuhr, fand ich rührend, aber erstens hätte das Wetter nicht besser sein können, und wenn wir uns zweitens in diesem Schneckentempo fortbewegten, würden wir nie ankommen.

Sag bloß, Du hast es eilig, wunderte ich mich über mich selbst, heute morgen wünschst Du Dir noch, dass der Augenblick niemals kommt, und jetzt kann es Dir nicht schnell genug gehen?

Lass uns nur schnell tanken und dann weiterfahren“, bat ich Mike, als er zu einem weiteren Zwischenstopp ansetzte.

Ja, lass uns weiterfahren und es so schnell wie möglich hinter uns bringen… Dieser Wunsch kam nicht mehr bloß von meiner Aufregung; inzwischen begann es sich zu rächen, dass meine Garderobe auf ein Minimum zusammengeschrumpft war, denn ich fühlte, wie ich immer mehr zu einem Eiszapfen mutierte. Ich wollte nur noch eins: ins Warme.

Hey, es ist nicht mehr weit. Nur noch über den Fluß und dann die nächste Ausfahrt rechts nach Killarney“, erklärte mir Mike. „Dann am Golfplatz vorbei, und wir sind da.“

Golfplatz? Killarney? In meiner Vorstellung entstand ein Bild von grünen Hügeln und malerischen irischen Landschaften, doch die Realität sah anders aus: Links ein Schrottplatz und eine Holzhandlung, rechts ein Asphaltmischwerk und zwei Recyclinghöfe, damit hatte ich nicht gerechnet, als wir den Fluss überquerten.

Ich hatte schon schönere Aussichten genossen und sagte mir, dass es noch schlimmer wohl nicht werden würde. Und tatsächlich sah es auch ganz danach aus, als wir nach der stundenlangen Fahrt endlich in die kleine Seitenstraße in der Nähe des Parks einbogen und vor dem Haus am Ende der Straße einbogen.

Ding Dong! Kaum hatte Mike den Klingelknopf losgelassen, wurde auch schon die Tür aufgerissen. Willkommen im Hause di Mauro: Ein Schwall italienischer Worte prasselte auf Mike ein, und noch ehe er Piep sagen konnte, hatte sie ihn an ihre Brust gezogen und ihm links und rechts zwei dicke, fette Schmatzer auf die Wangen gedrückt. Viva la Mamma!

Noch hatte sie nicht realisiert, dass ihr heiß und innig geliebter Jüngster nicht alleine auf ihrer Schwelle stand – die nicht enden wollende Umarmung ließ darauf schließen, dass sie sich schon länger nicht mehr gesehen hatten. Aber es würde nicht mehr lange dauern, bis sie mich wahrnahm. Am besten wappnete ich mich für die Begrüßung, von der ich nicht wusste, wie sie ausfallen würde, aber wahrscheinlich nicht so stürmisch wie die zwischen ihr und Mike.

Solange ich nicht misstrauisch beäugt oder mir das Gefühl gegeben wurde, unerwünscht oder gar lästig zu sein, war ich schon zufrieden. Aber falls doch, würde ich lieber nach Vancouver zurücklaufen oder trampen, auch wenn ich nicht wusste, wohin. Irgendein billiges Hostel würde sich schon finden. Aber dazu bestand zum Glück kein Anlass.

Nachdem seine Mutter ihn losgelassen hatte, übernahm Mike kurzerhand die Vorstellungsrunde. In einem für meine Ohren perfekten Italienisch. Überrascht ließ ich meine Blicke zwischen Mutter und Sohn hin und her wandern. Gegen so viel Redegewandtheit, noch dazu in einer Sprache, die ich nicht beherrschte, würden meine wenigen aus dem Wörterbuch zusammengeklaubten Brocken nicht die geringste Chance haben.

Bongiorno, Signora di Mauro“, radebrechte ich in meinem schlechtesten Italienisch, dessen ich fähig war. Oh Gott, war dieser Moment peinlich! Please, let the earth devour me…

Mrs. di Mauro trat einen Schritt zurück und beäugte mich, dann hellte sich der Ausdruck in ihrem Gesicht auf. Mit einem herzlichen Lächeln schloss sie auch mich in ihre Arme, wenn auch nicht ganz so überschwänglich wie ihren Sohn.

„Signora? Aber nicht doch…“

Sie will mir doch nicht schon vor dem ersten Kennenlernen das Du anbieten? war mein erster Gedanke, aber wie heißt es doch so schön? Andere Länder, andere Sitten.

 „… warum so förmlich? Sag doch einfach Mariangela zu mir… aber was rede ich. Warum kommt Ihr nicht erst mal rein? Ihr seht so aus, als könntet Ihr einen Caffè vertragen.“

Ach ja, jetzt einen schönen starken Kaffee, das wär’s, geriet ich ins Träumen und folgte unserer Gastgeberin ins Haus, die sich mir kurz darauf erneut zuwandte.

„Bitte, nehmt Platz.“

Davon wollte Mike jedoch nichts hören. Mit den Worten, dass er heute schon genug gesessen hatte, geleitete er seine Mutter gentlemanlike an den Tisch und rückte ihr den Stuhl zurecht, damit sie es bequem hatte. Danach kam ich genauso formvollendet an die Reihe. Das Kaffeekochen übernahm er.

Wenn es mit der Gesangskarriere nichts wird, Mr. Mitchell, dann können Sie immer noch als Barista anheuern, dachte ich, als ich ihm dabei zusah, wie geschickt er mit dem achteckigen Topf hantierte, so als hätte er jahrelang nichts anderes getan. Kurze Zeit später standen vor uns auch schon drei unterschiedlich große Tassen, aus denen ein betörender Duft aufstieg. Mit jedem Schluck des schwarzen Muntermachers spürte ich, wie meine Befangenheit von mir wich. Entspannt ließ ich meine Blicke durch die gemütlich eingerichtete Wohnküche schweifen.

Gardinen gab es an den Fenstern ebenso wenig wie eine Decke auf dem Tisch, und doch wirkte der Raum nicht kahl oder nüchtern, sondern warm und einladend, dank der hier und da verteilten Vasen, gefüllt mit Sonnenblumen. Blumen in Gelb, Orange und Gold, zum Leuchten gebracht durch das hereinströmende Sonnenlicht. Wie hatte ich nur glauben können, dass ich hier nicht willkommen sein würde?

Es sollte ja Eltern geben, die ihre Kinder ganz für sich haben wollten, Mariangela gehörte zum Glück nicht zu dieser Sorte. An ihrem Strahlen konnte ich sehen, wie sehr sie sich freute, ihren Jungen endlich wieder einmal zu sehen. Liebevoll strich sie ihm eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht – noch etwas, das sie gemeinsam hatten. Jetzt, da ich die beiden so einträchtig nebeneinander sitzen sah, sprang mir ihre Ähnlichkeit geradezu ins Auge. Sein gutes Aussehen hatte Mike eindeutig von ihr geerbt.

Hey Süße“, flüsterte mir später am Abend Mike zu, als ich mich schläfrig auf der Wohnzimmercouch zusammenrollte. Seine Mutter hatte mir Kissen und Decken dagelassen und war längst zu Bett gegangen. „Was habe ich Dir gesagt? Sie mag Dich. Wen sie einmal in ihr Herz geschlossen hat…“

Während ich es mir unter den Decken gemütlich machte, ließ er sich auf dem Fußboden vor mir nieder und reichte mir ‚als letzten Absacker‘ eine Tasse von dem Tee, den seine Mutter vor dem Schlafengehen zubereitet hatte. Eine Gewohnheit, die sie trotz der Trennung von Mikes Vater beibehalten hatte, weil ihr Kaffee am Abend mit zunehmendem Alter immer schlechter bekam.

Tee am Abend – so very british, dachte ich, und definitiv kein italienischer Moment im Leben. Na, heute lassen wir aber kein Klischee aus, wunderte ich mich über mich selbst.

Typisch italienisch, weil es für meine Landlady nicht in Frage kam, dass Mike und ich uns ein Zimmer teilten? Unverheiratete Paare in einem Zimmer? Niente! In diesem Punkt kannte sie kein Pardon, so sehr Mike auch versuchte, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Hier biss er leider auf Granit, denn gegen seinen Charme war sie immun.

Na schön, hatte ich gedacht, meinetwegen. Dann schlafen wir für die Dauer unseres Aufenthalts eben getrennt. Für die paar Tage würde es schon gehen. Sollte er ruhig in seinem alten Zimmer wohnen. Besser er als ich, denn er kannte das Haus in- und auswendig. Ehe ich Gefahr lief, mich nachts auf dem Gang zur Toilette zu verlaufen oder im Gegensatz zu ihm nachts lose Dielenbretter zum Knarren zu bringen und das halbe Haus aufzuwecken, zog ich dann doch lieber den Platz auf dem Sofa vor.

Zum Gäste-WC waren es praktischerweise nur ein paar Schritte. Also alles easy. Herzhaft gähnte ich und nahm einen letzten Schluck, von dem ‚Absacker‘.

Du bist doch nicht etwa schon müde?“, kam es von ihm zurück.

Rhetorische Fragen waren sein Spezialgebiet. Seine Augen funkelten verdächtig. Diesen lauernden Blick kannte ich, und mir wurde klar, was er im Schilde führte. Tee mit einem Schuss Brandy als Absacker… extra lange aufgebrüht und mit einem extra großen Schuss. This is not ‚very british‘.

Alles easy? Wessen Einfall das wohl gewesen war? Aus Mariangela di Mauros Spezialitätenkabinett für besondere Anlässe stammte diese Geheimzutat doch bestimmt nicht!

Ach, ach, mir wird so wunderlich, so leicht und so absunderlich… Hicks! Schämen Sie sich, Mr. Mitchell! Haben Sie wirklich geglaubt, ich durchschaue Ihre rabenschwarzen Absichten nicht? Mich erst betrunken machen und dann zu mir unter die Decke kriechen, in der Hoffnung, dass ich keinen Widerstand leiste?

Widerstand gegen Ihre Hände, die Sie offenbar nicht von mir lassen können und auf Wanderschaft schicken… Und kommen Sie mir bloß nicht damit, dass Sie mich nur festhalten, damit ich nicht von der Couch falle – nicht, wenn es sich um alle möglichen und unmöglichen Stellen an mir handelt. Übung auf der Rückbank macht den Meister oder die Meisterin, denn das kann ich genauso gut wie Sie… Ja, ja, die Bosheit ist nicht nur Dein Hauptpläsier, mein Schatz…

Eek! Shriiieeeek! Die Sprungfedern quietschten. Das Geräusch ging mir durch Mark und Bein. Oh Shit! Mit einem Schlag war ich hellwach. Einer allein konnte unmöglich so einen Krach verursachen, dazu gehörten immer zwei. Wenn uns nun jemand gehört hatte?

Erschrocken fuhr ich in die Höhe und schob Mikes Hände weg. Ich hatte zwar einen leichten Schwips, aber wenn ich meine Ohren nur weit genug aufsperrte, würde ich bestimmt herausfinden, ob die Luft rein war. Viel Erfolg hatte ich damit nicht, denn einen Augenblick später zog mich Mike erneut zu sich herunter.

Entspann dich, Süße“, raunte er mir verführerisch ins Ohr. Oder was er dafür hielt. Entspann Dich? So betrunken war ich dann doch nicht, um nicht zu erkennen, wohin die Reise ging.

Wenn ich Dich schon nicht nach oben lotsen kann, dann müssen wir eben mit dem Sofa hier unten vorlieb nehmen,“ schnurrte er eine halbe Oktave tiefer und versuchte, mich zu sich herumzudrehen.

Ganz schlechte Idee. „Ach ja?“ Diese Position war mir nicht geheuer. Bestimmt würde ich auf dem Fußboden aufschlagen, und dieser Knall Tote aufwecken. „Und was, wenn Deine Mutter uns nun hört?“ Unter mir ächzte das Sofa. Nanu, werden wir jetzt etwa leicht panisch? Entspannen, entspannen… wie zum Teufel sollte ich mich denn dabei entspannen? Mike hatte leicht reden!

Keine Panik! Das wird sie nicht.“ Nicht? „Glaub mir, Mum hat einen gesegneten Schlaf. Wenn sie erst mal eingeschlummert ist, könnte nebenan eine Bombe einschlagen, und sie…“

Details waren nicht nötig. Ich konnte es mir auch so vorstellen. Der feste Schlaf, um den ich ihn beneidete, war eine weitere Gemeinsamkeit zwischen ihm und seiner Mutter.

„Broken Strings“ : Chapter 47 – Running in the family

Schlimmer geht immer.

Mit allem hätte ich gerechnet, nur nicht damit, dass Mike Nico anrufen würde. Hatte er wirklich gehofft, dass es meinem Bruder gelingen würde, Jenny und mich zur Vernunft zu bringen? Mal abgesehen, dass ich den Erfolg dieser Methode doch stark anzweifelte, war das doch der Gipfel!

Wie kam er dazu, Nico hinter meinem Rücken ins Boot zu ziehen? Einen unbeteiligten Dritten, und woher hatte er seine Nummer? Hörbar schnappte ich nach Luft. Das war doch…

Stop, Andie“, bremste mich Nico. „Bevor Du in die Luft gehst – ganz unrecht hat er nicht. Wir haben uns zwar nie getroffen, und bei dem wenigen, was Jenny über ihn vom Stapel gelassen, war ich auch skeptisch. Für jemanden, den Du erst kurze Zeit kennst, einfach alles aufzugeben …“

Alles aufgeben! Musste er damit auch noch anfangen? Klar wusste ich, was er wollte: Ins gleiche Horn wie Jenny tuten und mich damit zutexten, dass mir meine plötzliche Drehung um 180 Grad überhaupt nicht ähnlich sah? Auf eine Neuauflage dieser Tirade am Telefon konnte ich getrost verzichten. Aber Nico dachte gar nicht daran, in dieselbe Kerbe zu hauen.

… natürlich wäre es netter gewesen, wenn wir eine Chance gehabt hätten, Deinen Mike wenigstens vorher mal kennenzulernen…“

Tolle Wurst. Wie stellte er sich das vor, bei einer Entfernung von über achttausend Kilometern? Einen Video-Livechat mit allen Beteiligten?

… aber am Telefon klang er doch eigentlich ganz vernünftig.“

Vernünftig. Ach? Wenn Du wüsstest, dachte ich. Jetzt fehlte nur noch, dass Nico mir als nächstes erzählen würde, dass er Mike für einen netten Kerl hielt. Und zu dieser Erkenntnis war er nach einem einzigen Gespräch mit meinem Sweetheart gelangt? Wer’s glaubt, wird selig, war mein erster Gedanke. Die Zeit war reif, dass ich meinem Brüderchen mal etwas genauer auf den Zahn fühlte.

Wie schön, dass Ihr Euch so gut versteht. Worüber habt Ihr denn beide so nett geplaudert?“ Und vor allem, wann… aber diese Frage hielt ich vorerst zurück.

Ach, über dies und jenes…“ anscheinend erkannte er den schlecht verhüllten Sarkasmus in meiner Stimme nicht und deutete meine Frage als echtes Interesse.

Er holte tief Luft. Diese Angewohnheit kannte ich schon. Am besten sagte ich jetzt nichts mehr und hörte ihm lieber zu. Auch wenn er seinen Monolog mit abgedroschenen Binsenweisheiten im Stil von ‚wo die Liebe hinfällt‘ auflockerte. Das würde eine längere Sitzung werden.

… ich glaube, das mit Jenny und mir hat Dich wahrscheinlich genauso überrascht wie mich das mit Euch beiden.“

Darauf konnte er wetten! Aber worauf wollte er hinaus? Dass mein Bruder so etwas wie Verständnis für mich aufbringen würde, war so untypisch für ihn, aber es sollte noch besser kommen. Im Gegensatz zu Jenny, die zuerst völlig aus dem Häuschen über meinen ach so tollen Fang geraten war und nun kein gutes Haar an ihm lassen wollte, war es bei ihm genau umgekehrt.

Da sich Jenny lang und breit darüber ausgelassen hatte, wie unreif sie meinen Sinneswandel fand, hatte er mich für nicht mehr ganz dicht gehalten und von Mike keine hohe Meinung gehabt. Bis zu besagtem Anruf.

Zuerst hatte es ihn überrascht, dass es Mike war, der den Kontakt zu ihm gesucht hatte, und nicht ich. Doch im Laufe des Gesprächs wurde ihm Mikes Grund dafür klar: Er gab sich selbst die Schuld an dem Zerwürfnis zwischen mir und meiner bis dahin besten Freundin und wollte verhindern, dass ich alle Brücken hinter mir abbrach. Und darauf würde es hinauslaufen, wenn das große Schweigen zwischen mir und meinen Leuten zum Dauerzustand wurde.

Nachdem es ganz danach aussah, als ob keine von uns beiden aus dem Quark kam, um an der verfahrenen Situation etwas zu ändern, hatte er sich heimlich mein Smartphone geschnappt und interveniert. Ein Mann und seine Mission: Vielleicht konnte Nico uns dazu bringen, dass wir uns einander wieder annäherten, und wenn es nur ein kleines Stück war. Hauptsache, eine von uns machte endlich den ersten Schritt.

Das wird schwierig werden, dachte ich und sah auf die Uhr.

Seltsam, wie lange ich ihm jetzt schon ohne Unterbrechung zuhörte, aber das war nicht das einzige, worüber ich mich wunderte: Meine Verstimmung begann, sich zu legen. So sehr ich mich über Mikes Alleingang hinter meinem Rücken anfangs noch geärgert hatte, inzwischen war mir aufgegangen, dass er nur in bester Absicht gehandelt hatte.

Ja, ja, schon klar, Andrea – der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert, und anstatt einfach loszupreschen, hätte er wenigstens vorher mit Dir reden können. Time Out! Fangen wir etwa schon wieder damit an, uns im Kreis zu drehen? Stop it… zog ich innerlich die Notbremse.

Was, wenn er recht hatte und es nur deshalb eskaliert war, weil Jenny und ich überreagiert hatten? Ich erinnerte mich wieder einzelne Sätze unseres Telefondramas.

DAS IST NICHT DEIN ERNST!“: Jennys Ausraster, gefolgt von dem Vorwurf der Hundertachtzig-Grad-Drehung beim Auftauchen eines ‚heißen Typen‚. Den hatte ich nicht auf mir sitzen lassen wollen und entsprechend gekontert, um ihr nach ihrem dämlichen ‚Dir ist wohl der Erfolg zu Kopf gestiegen‘ am Schluss noch an den Kopf zu werfen, sie wäre nur deshalb beleidigt, weil sich zur Abwechslung mal nicht alles nur um sie drehte…

Eine Nummer kleiner, bitte – in einem Punkt hatte Mike recht: Wir hätten es nie so weit kommen lassen dürfen, zumal er keine Lust hatte, die Rolle des Zankapfels auszufüllen; aber was gesagt worden war, ließ sich nicht mehr zurücknehmen, und einzulenken, dazu hatte sich von zu jenem Zeitpunkt keine imstande gesehen.

Und je mehr Zeit ins Land ging, desto geringer wurde die Chance, dass eine von uns all ihren Mut zusammennahm und über ihren Schatten sprang. Der Klügere gibt nach? Vielleicht war dieses Sprichwort doch nicht so verkehrt? Und da Jenny anscheinend immer noch auf stur schaltete, war der Ball nun bei mir und wartete darauf, dass ich ihn übers Netz schlug. Was hatte ich schon zu verlieren?

Sag Jenny, dass es mir leid tut“, unterbrach ich seinen Monolog und wartete auf seine Antwort, die in der plötzlichen Stille allerdings auf sich warten ließ. Keine Reaktion.

Nanu? Hatte es Nico die Sprache verschlagen? Oder war die Verbindung tot? Für einen kurzen Augenblick dachte ich das wirklich, doch dann signalisierte mir ein Rascheln auf der anderen Seite des Ozeans, dass kein Funkloch zugeschlagen oder Nico das Gespräch abgebrochen hatte.

Ein kurzes Knistern, dann räusperte er sich: „Wie wär’s, wenn Du ihr das selber sagst?“ – Wie sollte ich denn das verstehen? Ihr selber sagen? Das hieß doch nicht etwa, dass…

Hallo Andrea…“ Doch. Genau das hieß es. Jenny saß daneben. Vermutlich hatte sie das schon getan, seit Nico meine Nummer gewählt hatte, und alles mit angehört. Nur ich war mal wieder ahnungslos gewesen. „… schön, Deine Stimme zu hören.“

Jennys Stimme klang gepresst und geriet ins Stocken, ein Zeichen, dass ihr diese Situation genauso schwerfiel wie mir. So kleinlaut, wie sie sich anhörte, musste ihr Nico gründlich den Kopf gewaschen haben. Genauso klang ich, wenn ich geweint hatte oder um Fassung rang. So zerknirscht hatte ich Jenny noch nie erlebt. Das nahm mir den Wind aus den Segeln.

Zeit für mich, einen Schlußstrich unter den ganzen Stress, den wir uns freiwillig angetan hatten, zu ziehen. Aber würde Jenny meine Entschuldigung auch annehmen? Denn wie ich sie kannte,würde sie von mir wissen wollen, was genau mir leid tat: Dass ich beschlossen hatte, fürs erste nicht nach Hause zurückzukehren? Mein Ausrasten am Telefon im Allgemeinen? Oder dass ich ihr Eifersucht und gekränkte Eitelkeit unterstellt hatte?

Für den zweiten und letzten Punkt bat ich sie gerne um Verzeihung, aber nicht für den ersten, auch auf die Gefahr hin, dass ihr das nicht gefiel. Aber es war meine Entscheidung, und an der konnte sie und wollte ich nichts ändern.

Ich bin überzeugt, das mit Jenny und Dir renkt sich wieder ein“, flüsterte Mike, als er mich später in seine Arme nahm. „Jetzt, wo der Anfang gemacht ist.“

Eigentlich sollte ich Dir ja böse sein, wollte ich erwidern, aber erstens wäre das gelogen gewesen und zweitens war ich mit dem Thema durch. Ich war ja schon froh, dass Jenny meinen Versuch, mich zu entschuldigen, nicht mit Wegdrücken des Gesprächs quittiert hatte. Und drittens und letztens konnte ich seine Beweggründe nur zu gut verstehen. Gegen Zwist und Hader innerhalb der Familie hatte er eine Aversion.

Kaum zu glauben, dachte ich, wenn ich mir vorstelle, wie oft Du Dich schon mit Brian, Mark oder Ryan gezankt hast, und jetzt suchst Du Dir eine neue Beschäftigung als Beziehungscoach? Familienzusammenführung im Hause McAllister? Mr. Mitchell, ich entdecke ganz neue Talente an Ihnen. Nur an Ihrem eigenen häuslichen Background sollten Sie noch etwas stärker arbeiten.

Dieser Gedanke sollte mich in den nächsten Tagen noch öfters heimsuchen, und zunächst schien auch alles in Ordnung zu sein. Oberflächlich gesehen, jedenfalls. Einen liebevollen Partner zu haben, der nach dem Stress der vergangenen Wochen besonders aufmerksam zu einem ist – kann man sich noch mehr wünschen? Die Antwort lautet: Ja, man kann.

Ein paar freie Tage, nur für uns, ohne anhängliche Bandkollegen, die wir an Halloween zur großen Party wiedersehen würden. Wohnen würden wir, so lautete Mikes Plan, irgendwo zwischen Richmond und Vancouver. Bei seiner Mutter, die schon seit einiger Zeit den Wunsch geäußert hatte, dass Mike wieder einmal zu Besuch kommen möge. Wenn sie schon zu ihrem älteren Sohn keinen Kontakt mehr hatte, konnte sich doch wenigstens das Nesthäkchen der Familie bei ihr blicken lassen.

Kein Kontakt mehr zu James,“ schnaubte Mike genervt. „Woran das wohl liegt?“

Fragend schaute ich ihn an. Das Gespräch mit seiner Mutter hatte er abrupt beendet und das Telefon in hohem Bogen zu seiner Lederjacke auf den Rücksitz befördert. Oh, oh, Zoff mit der Mutter – und jetzt sollten wir die nächsten Tage bei ihr wohnen? Das waren ja reizende Aussichten, aber ich hielt lieber den Mund. Sollte er sich erst mal beruhigen.

Wie ich ihn kannte, würde er mir schon noch erzählen, was ihm auf der Seele lag, da musste ich ihn nicht jetzt schon mit Fragen löchern. Und dass noch etwas nachkommen würde, davon war ich überzeugt.

Und Du bist Dir wirklich sicher, dass Du das willst?“ fragte Mark ihn, als er uns mit Sack und Pack auf dem Hof absetzte, wo Mikes Fahrzeug für die Dauer der Tournee stand und nun darauf wartete, dass es von seinem Besitzer abgeholt wurde.

Todsicher“, lautete Mikes Antwort. „schließlich habe ich meiner Süßen noch eine Überraschung versprochen, bevor es ernst wird.“

Bevor es ernst wird – das roch stark nach der Art von Besuchen, die einem schon lange vorher ein mulmiges Gefühl bescheren.

Antrittsbesuche nannte meine Oma sie; es sollte ja Leute geben, für die es ein Kinderspiel war, wenn man seinen Eltern den neuen Freund oder die Freundin vorstellte, aber zu denen gehörten weder Mike noch ich. Und bei ihm kam noch hinzu, dass der Spaß auf ihn im Doppelpack wartete, weil seine Eltern schon seit Jahren geschieden waren. Aber davon konnte jetzt keine Rede sein.

Alles zu seiner Zeit, jetzt fahren wir erst mal zu seiner Mum, und dann sehen wir weiter. Je eher, desto besser, und je schneller Mikes Neugier gestillt wurde, was wirklich dahintersteckte, dass sie ihren Jüngsten auf einmal so schmerzlich vermisste…

Nicht so schnell, Andrea, er hat Dir noch eine Überraschung versprochen, bremste ich mich. Worin die wohl bestand? Und warum dauerte das da drinnen so lange? Mike und sein Kumpel waren seit einer ganzen Weile in dessen Büro verschwunden. Mir war ein Rätsel, warum ich hier draußen auf ihn warten sollte. Typisch Mike und seine Heimlichkeiten. Wenn sich hier nicht gleich was tut, gehe ich da rein. Doch noch bevor ich mein Vorhaben in die Tat umsetzen konnte, ging die Tür auf und Chris kam heraus.

Alles klar, Kumpel! Hier hast Du die Schlüssel zu Deinem Maschinchen. Viel Spaß und gute Fahrt.“ Damit verschwand er um die Ecke.

Maschinchen? Kein normaler Mensch würde sein Auto so bezeichnen. Mir schwante nichts Gutes.

So, und jetzt zu uns“, rieb sich Mike erwartungsvoll die Hände. Na, da hatte jemand aber plötzlich gute Laune. „Nimm nur das Nötigste für die nächsten Tage mit. In die Seitenkoffer geht leider nicht mehr rein“.

Entgeistert starrte ich ihn an: Seitenkoffer? Wollte er mir damit sagen, dass die Reise auf zwei Rädern weitergehen würde? Mein Verdacht erwies sich als richtig, als Mike nach meiner Hand griff und mich in die Garage zog, wo sie stand: die Indian. Ein Traum in Schwarz und Silber, mit Seitenkoffern und Soziussitz – ein Traum, den Mikes Kumpel Chris bei sich untergestellt und gründlich gewartet hatten, während wir kreuz und quer durch British Columbia gereist waren.

Das hatte er sich ja fein ausgedacht. Ich hatte keine Ahnung, seit wann er diese Idee schon mit sich herumtrug. Nimm nur das Nötigste mit… und der Rest? Mein nicht gerade kleiner Rucksack wog so einiges, und bei dem vielen Kram, den Mike mit sich herumschleppte, sah es nicht viel besser aus.

Mach Dir darüber keine Sorgen, Süße.“ Alles, was wir nicht dringend brauchen, können wir bei Chris lassen.

Spontane Einfälle sahen anders aus! Wenn das seine Überraschung für mich sein sollte, dann war diese ihm gelungen. Ein Road Trip auf zwei Rädern. Der Duft von Freiheit und Abenteuer. Fassungslos starrte ich ihn an.

Born to be wild. Riding down the highway, keep the engine running…. Äh, Moment mal, Andrea, Du fängst doch jetzt hoffentlich nicht an, durchzudrehen? Das Wichtigste hat er Dir noch nicht verraten, und Du solltest Dich besser bremsen und eine Erklärung verlangen..

Und wohin soll die Reise gehen?“ hörte ich mich da auch schon fragen. Den Atem hätte ich mir sparen können, denn er dachte gar nicht daran, mir das Ziel zu verraten, denn mit einem verschwörerischen „Psst!“ legte er einen Zeigefinger an seine Lippen, bevor er mich mit einem vielsagenden Grinsen küsste. „Spoilers!“

Na toll, genau dann mit einer Doctor-Who-Parodie um die Ecke zu kommen, wenn er mich wie River Song den Doktor auf die Folter spannte, hätte ich jetzt auch nicht gebraucht. „Bitte zügeln Sie Ihre Ungeduld, Miss McAllister – Sie werden es bald erfahren.“

230 Kilometer und einen Grenzübergang später, näherten wir uns dem Ufer des Sees, der im weichen Sonnenlicht funkelte. Weit in der Ferne ragte aus dem Dunst der weiße Gipfel des Mount Rainier. „Und, habe ich Dir zu viel versprochen?“ fragte mich Mike, nachdem ich von meinem Sitz heruntergeklettert war und die von der ungewohnten Haltung während des Fahrens verspannten Muskeln lockerte. Die Nachmittagssonne tauchte die Skyline von Seattle in goldenes Licht; ein Anblick, den ich so lange wie möglich bewundern wollte.

Nur zu bald würde es Abend werden und die leuchtenden Farben dieses für Ende Oktober ungewöhnlich warmen Tages verblassen. Ja, Mr. Mitchell, diese Überraschung ist Ihnen in der Tat gelungen, und wenn wir uns jetzt noch die Stadt von oben anschauen könnten, ließ ich meine Gedanken schweifen, wäre das die absolute Krönung dieses wunderschönen Tages.

Glücklich?“ fragte er mich leise, als er mich in seine Arme schloss. Meine Antwort ließ ich unausgesprochen und schmiegte mich statt dessen noch enger an ihn. Seit wann kannst Du Gedanken lesen? dachte ich; aber natürlich konnte er das nicht. Er hatte sich an unseren gemeinsamen Ausflug mit Mark und Sue erinnert; der Tag, an dem wir Seattle aus Mangel an Zeit als Ziel verworfen hatten. Von meiner Liste hatte ich die Stadt endgültig gestrichen. Oder es jedenfalls gedacht. Aus dem Gruppenselfie hoch über der Stadt war zwar nichts geworden, aber jetzt lag das Wahrzeichen der Stadt zum Greifen nahe. Dass er tatsächlich noch fragen musste, ob ich glücklich war… Ach, wie gerne wäre ich länger geblieben. Seufzend löste ich mich aus unserer Umarmung.

Was ist los, Süße?“

Als ob Du das nicht ganz genau wüsstest, wunderte ich mich über seine Frage. War sie ernst gemeint oder rhetorisch? „Schade, dass wir schon wieder fahren müssen.“

Anscheinend konnte ich die Enttäuschung in meiner Stimme nur schwer verbergen, denn seine Reaktion überraschte mich.

Sagt wer?“ Hatte Mike schon vergessen, dass in Vancouver jemand auf uns wartete? „Der Tag ist noch nicht vorbei, Süße!“

Diese Antwort brachte mich vollends aus dem Konzept. Was hatte das zu bedeuten? Er tat ja so, als hätten wir alle Zeit der Welt. Schließlich würde die Sonne bald untergehen, und so romantisch die Vorstellung von einer Fahrt auf dem Motorrad in den Sonnenuntergang auch sein mochte, die Aussicht, mitten in der Nacht bei seiner Mutter einzutrudeln, behagte mir wenig. Und das nicht nur, weil es nach Einbruch der Dunkelheit empfindlich kühl wurde. Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinunter. Mike bemerkte mein Frösteln und zog mich an sich.

Falls es Dich beruhigt“, flüsterte er mir ins Ohr. „Das war nicht die einzige Überraschung, die ich Dir versprochen habe. Hast Du tatsächlich geglaubt, ich fahre mit Dir nach Seattle, nur um Dir das Panorama zu zeigen, und das war’s dann?“

Verblüfft starrte ich ihn an.

Das dachte ich mir.“ nickte er bekräftigend, nachdem er mich eingehend von oben bis unten gemustert hatte. „Natürlich bleiben wir über Nacht. Es ist alles arrangiert. Oder was dachtest Du, warum Chris und ich so lange in seinem Büro verschwunden waren?“

Ich traute meinen Ohren nicht. In Seattle übernachten? Ohne Visum? Wie hatte er denn das gedeichselt? Und vor allem wann? „Ach, und falls Du Dir Sorgen wegen unseres Abstechers in die Staaten machst, darum habe ich mich längst gekümmert.“

Wie lange hatte Mike diesen Ausflug tatsächlich geplant?

„Broken Strings“ : Chapter 46 – The Policy of Truth

 

Das kannst Du nicht machen!“ – Laut und deutlich war Frank Parkers Stimme durch die Tür zu hören, die er gleich darauf sperrangelweit aufriss. Er war außer sich vor Wut.

Und ob ich das machen kann.“ rief Brian ihm hinterher. „Ich will Dich hier nicht mehr sehen. Pack Deinen Kram und verschwinde!“

So verärgert hatte ich ihn selbst nach unserer Auseinandersetzung, bei der ich Parker gegenüber handgreiflich geworden war, nicht erlebt. Wie angewurzelt blieb ich stehen. Geschah gerade das, was ich vermutete, aber längst nicht mehr zu hoffen gewagt hatte? So, wie es aussah, bekam der fiese Frank gerade in diesem Moment die fristlose Kündigung, und er war auf Hundertachtzig.

Das wird Euch noch leid tun“, schrie der soeben Gefeuerte, dann sah er mich. „Und am allermeisten Dir!“ So wütend, wie er mich anfauchte, erstarrte ich zu Eis.

Oh Lord, dachte ich, bitte mach, dass sich die Erde auftut und…

So dicht, wie er vor mir stand, sah ich schon seine Hände an meinem Hals, doch bevor es dazu kommen konnte, hatte Bradley ihn bereits gepackt und ihm die Arme auf den Rücken gedreht. Nun hielt er ihn in einer eisernen Umklammerung fest, dass dieser sich nicht rühren konnte.

Wag‘ es ja nicht“, drohte er ihm, „noch ein falsches Wort oder eine falsche Bewegung, und Du wünschst Dir, dass dieser Tag nie begonnen hätte. Hast Du mich verstanden, Freundchen?“

Parker konnte nur nicken. Die Warnung war deutlich genug gewesen. Das genügte Bradley. So plötzlich, wie er ihn überwältigt hatte, ließ er ihn los.

„Und jetzt mach, dass Du mir aus den Augen kommst. Du hast Brian gehört. Abmarsch!“

Als er aus meinem Sichtfeld verschwunden war, konnte ich endlich durchatmen.

Was, um Himmels Willen, war das denn?“ entfuhr es mir, aber diese Frage hätte ich mir sparen können.

Was sich hier gerade abgespielt hatte, konnte selbst der Dümmste erkennen. Asking for the obvious, stating the obvious – Du rechnest doch nicht wirklich mit einer Antwort? Ich sollte sie trotzdem erhalten.

Wonach sieht es denn Deiner Meinung nach aus?“

Wie ich es liebte, eine Frage mit einer Gegenfrage beantwortet zu bekommen! Seit wann hatte Bradley denn eine Vorliebe für solche Spielchen?

Rausgeworfen hat er ihn natürlich. War ja längst fällig.“

Aber wieso? Ich habe doch nie…“

Nein, Andie. Du hast Dich nie über ihn beschwert. Aber das war auch nicht nötig.“

Das hatte ich zwar nicht gemeint, sondern eher meinen nie offiziell geäußerten Verdacht, dass es nicht wegen technischer Mängel zu dem Zwischenfall in Craigellachie gekommen war, sondern weil jemand am Bühnenaufbau herumgefummelt hatte.

Ein Verdacht, der mir erst an diesem Morgen so richtig bewusst geworden war und den ich aus Mangel an Beweisen für mich behalten hatte. Aber konnte ich wissen, wie lange dieser Gedanke schon in mir geschlummert und wieviel davon ich bei unserer rauschenden Fete zu später Stunde preisgegeben hatte?

Zerbrich Dir nicht den Kopf. Brian hatte ihn wohl schon länger auf dem Kieker. Mobbing ist das Eine, aber wenn dann noch Sabotage und Verleumdung hinzukommen…“

Aha – hatte ich mich also doch verplappert. Warum auch sonst hatte sich Parker zum Schluss vor mir aufgebaut, um seine Wut an mir auszulassen?

Sabotage? Aber ich dachte…“

Was? Dass Brian ihm die Geschichte, Du hättest den Verstärker absichtlich kaputt gemacht, damals tatsächlich abgekauft hat? Ehrlich gesagt, hat das keiner von uns.“

Dass diese alte Kamelle Frank zum Verhängnis werden würde, hätte ich niemals für möglich gehalten; auch nicht, dass er schon eine ganze Weile unter Beobachtung gestanden hatte und es jetzt wegen einer mir unbekannten Lappalie zum Eklat gekommen war.

Dummerweise war Frank dabei so unvorsichtig gewesen, eine unangemessene Bemerkung über jenen Abend in Craigellachie fallen zu lassen, und so war Brian plötzlich hellhörig geworden und hatte angefangen, sich zu wundern. Wie hatte Frank denn wissen können, dass das Gerüst früher oder später seinen Geist aufgeben würde?

Und hatte er deshalb den fraglichen Bereich auf der Bühne gemieden wie der Teufel das Weihwasser? Mit diesen Fragen hatte er ihn festnageln wollen, und Franks Gestammel mit hochrotem Kopf bestätigte seine Vermutung, für die er aber genau wie ich keinen Beweis hatte.

Aber den brauchte er nicht, denn mit Franks Abgebrühtheit war es nicht weit her. Als er sich dann noch verhaspelte, als Brian auf das beschädigte Schlagzeug zu sprechen kam, hatte dieser den Tropfen gefunden, der das Fass zum Überlaufen brachte. Das Maß war voll, und Lee sah das genauso.

Auch wenn sie ihn schon zu diesem Zeitpunkt für die kommenden Auftritte nicht mehr als Crewmitglied eingeplant hatte, so hielt sie es für besser, sich bereits jetzt von ihm zu trennen. Schließlich mussten sie sich blind aufeinander verlassen können, und wenn das Vertrauen unwiederbringlich dahin war…

Sieh den Tritt in seinen Hintern als mein Abschiedsgeschenk an Dich an“, beendete Bradley seine Zusammenfassung der Ereignisse dieses Morgens.

Abschiedsgeschenk? Hatte ich richtig gehört? Wieso das denn? Hier war mir jemand eindeutig eine Erklärung schuldig, und sie folgte auf dem Fuße: „Dachtest Du wirklich, dass das hier ewig so weitergeht?“

Ehrlich gesagt, hatte ich mir keine Gedanken gemacht, aber nein – so, wie sich das anhörte, hatte ich mir anscheinend wirklich etwas vorgemacht. Realistisch betrachtet, war die diesjährige Tournee beendet, und wann es die nächste geben würde, stand noch in den Sternen.

Lee hatte ihm zwar versichert, dass sie beim nächsten Mal gerne wieder auf seine Hilfe und die seiner Kollegen zurückgreifen würde, aber bis dahin mussten sie ja von irgend etwas leben. Wer da kein zweites berufliches Standbein hatte, für den sah es finster aus, und ich fragte mich, womit sie vorher ihre Brötchen verdient hatten.

Sagt Dir der Name ‚Northern Lights‘ etwas?“

Bradleys Frage stellte mich vor ein Rätsel. Garantiert hatte ich diesen Namen schon einmal gehört. Gab es da nicht so eine Lightshow in Ottawa, bei der die Geschichte Kanadas auf die Gebäude auf dem Parliament Hill projiziert wurde und bei die Bilder in jedem folgenden Jahr leicht verändert wurden? Aber die kanadische Hauptstadt lag auf der anderen Seite des Kontinents, und die Wahrscheinlichkeit, dass er …

Okay, ich will Dich nicht länger auf die Folter spannen. Am 5. November geht’s los – die ersten Termine stehen schon… und an Halloween bekommt ihr eine Kostprobe von unserem Programm. Das mit der gemeinsamen Firma war übrigens Kevins Idee. Er hat mal für die Veranstalter dieser Lightshow gearbeitet, und da dachte er, so etwas würde hier in Vancouver fehlen. Natürlich können wir nicht einfach deren Namen übernehmen.“

Natürlich hatten sie das nicht gekonnt. Für die Firma, die sie gegründet hatten, hatte zwar der Name ‚Northern Lights Canada‘ Pate gestanden, aber ‚North Western Light & Sound‘ hielt Bradley für viel eingängiger. Seine Meinung – doch mich interessierte viel mehr, wann die beiden dieser Geistesblitz getroffen hatte.

Ihr zwei habt eine Firma?“ Schlaue Frage, Andrea – nächste Frage, bitte.

Womit ich mein Talent, immer die dämlichsten Fragen im falschesten Moment zu stellen, wieder einmal unter Beweis gestellt hatte. Seine Antwort auf diese nicht sehr clevere Frage war die Bestätigung, dass ich schon intelligenteren Output geliefert hatte. Ihn über die geplante Kostprobe an Halloween auszuquetschen, ließ ich daher lieber ganz bleiben.

Ja, Andie, wir sind Partner. Und zwar nicht nur geschäftlich.“

Heute war anscheinend der Tag, an dem ich im Denken langsamer war als sonst. Und tatsächlich dauerte es eine Weile, bis bei mir der Groschen fiel. Entweder hatten die beiden ihr Privatleben erfolgreich vor allen verheimlicht oder mir fehlte die berühmte Antenne dafür. Jenny hätte den Braten sofort gerochen. Behauptete sie jedenfalls. In diesem Moment wurde mir klar, wie sehr ich sie vermisste. Wie lange war das jetzt her, dass wir uns am Telefon zerstritten hatten? Irgendwie lief gerade alles schief. Erst der Krach mit meiner besten Freundin, der mit kompletter Funkstille geendet hatte, dann der ganze Schlamassel in Craigellachie, und jetzt das.

Der Abschied von meinem besten Freund stand bevor, und ich erkannte: Das war erst der Anfang. Um mich herum zerfiel gerade alles, und ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Und nun? „Und so zerbröselt der Keks nun mal“, hätte Jenny jetzt gesagt, aber was brachte es mir, dass ich mir den Kopf darüber zerbrach, wer was in welcher Situation gesagt hätte. Piep, piep, Ritchie!

Ja, piep weiter, dachte ich, bis mir aufging, dass gerade etwas anderes piepte – kein Tamagotchi, sondern mein Smartphone: ein Anruf von einer unbekannten oder unterdrückten Nummer. Echte Spitzenklasse – das hatte mir gerade noch gefehlt; etwas, das ich so dringend brauchte wie einen Kropf.

Hallo Schwesterherz“.

Nico. Was zum…. Wie lange war es her, dass wir zuletzt miteinander gesprochen hatten? Seine Verlobung mit Jenny war ja nun auch schon wieder eine ganze Weile her, und seitdem…

Damit hättest Du nicht gerechnet, oder?“

Worauf Du wetten kannst, Bruderherz! Du bist nie der große Telefonierer gewesen, und wegen Dir haben sie die Handyflatrate bestimmt nicht erfunden.

Es musste schon einen guten Grund dafür geben, warum er mich aus heiterem Himmel heraus anrief. War zu Hause womöglich etwas passiert? Unruhe machte sich bei mir breit, und dass er nicht zur Sache kam, machte es nicht besser.

Verdammt, Nico, sag endlich, was los ist, oder ich beende das Gespräch. Nach schier endlosem nervtötendem Knacken und Rauschen fuhr er fort: „Bestimmt fragst Du Dich, was ich von Dir will.“

Der Kandidat hat hundert Punkte. Aber diese Umständlichkeit sah meinem Bruder so gar nicht ähnlich. Normalerweise kam er relativ schnell auf den Punkt. Aber jetzt? Verlegenes Räuspern. Dann rückte er endlich mit der Sprache heraus.

Äh. Hast Du in letzter Zeit was von Jenny gehört?“

Hä? Natürlich nicht!“ gab ich entgeistert zurück.

Was sollte das denn jetzt? Wenn er nicht völlig hinterm Mond lebte, hätte er wissen müssen, dass sich seit unserem aus dem Ruder gelaufenen Gespräch keine von uns beiden darum gerissen hatte, sich bei der anderen zu melden.

Das dachte ich mir“, kam es trocken von Nico zurück. „Zwei Stühle – eine Meinung. Wenn’s um Sturheit geht, gebt Ihr Euch beide nichts.“

Na, das konnte ja was werden. Nach lockerem Plaudern klang das nicht. Eher nach einem Fass, das gerade aufgemacht wird. Oder nach einer Runde „Wir lesen meiner Schwester am Telefon die Leviten“ – herrje, wenn er so anfing, konnte er es gleich bleiben lassen. Wie peinlich sollte diese Show hier noch werden? Warum, zum Teufel, musste er sich in meine Angelegenheiten einmischen? Das hätte nicht einmal Mike getan.

Ach, bist Du Dir da so sicher?“

Das konnte doch nicht wahr sein: Mit meiner inzwischen mehr als lästigen Angewohnheit, laut zu denken, hatte ich Nico das passende Stichwort geliefert.

„Broken Strings“ : Chapter 45 – Sunday, bloody Sunday

Es endet immer in einer Katastrophe. Die Kopfschmerzen, die ich von der Aftershow-Party hatte, waren mörderisch. Montag war definitiv kein Schontag, nicht nach diesem Wochenende…

Donnernder Applaus – da wackelt das ganze Haus. Vor allem, wenn zwei Mannschaften auf dem Eis gegeneinander antreten und für zwei unvergessliche Stunden bester Unterhaltung sorgen. Wozu dabei OxyGen gebraucht wurden, war die große Frage, die ich mir stellte, als ich mich mit Hilfe meines Smartphones über den beliebtesten Sport Kanadas schlau machte: „Eishockey ist eine Mannschaftssportart, die mit fünf Feldspielern und einem Torwart auf einer etwa 60 m langen und 30 m breiten Eisfläche gespielt wird. Ziel des Spiels ist es, das Spielgerät, den Puck, eine kleine Hartgummischeibe, in das gegnerische Tor zu befördern. Die Spielzeit beträgt üblicherweise dreimal 20 Minuten netto. Da bei jeder Spielunterbrechung die Uhr angehalten wird, dauert ein Spiel etwa zwei bis zweieinhalb Stunden.“

Ta-Daa! Hätten wir vorher bloß mal an der richtigen Stelle nachgefragt, dann wäre auch dem Langsamsten von uns der Fehler in der Gleichung aufgefallen. Wenn ich mich recht erinnerte, hatte die Band in den Pausen für Stimmung sorgen sollen – auf dem Papier. Oder in der Theorie. Tatsächlich aber war am Samstag keine Rede mehr davon gewesen, als wir gegen Mittag in Victoria eintrudelten: „Euer Auftritt ist vorverlegt worden, und nach dem Match spielt ihr dann noch drei Songs.“ Die kürzesten aus dem Repertoire.

Dass es an diesem 26. Oktober nur auf dem Eis heiß hergehen und ich ansonsten während der knapp vier Stunden erbärmlich frieren würde, hätte ich mir vorher auch nicht träumen lassen. Da konnten die Stände mit heißen Getränken auch nicht viel ausrichten, und ich ohrfeigte mich insgeheim für meinen Leichtsinn und die Nonchalance, mit der ich das vermeintlich überflüssige Gepäck bereits zu Beginn des Sommers nach Hause geschickt hatte, meinen Monsterschal mal ausgenommen.

Das kommt davon, wenn man sich den Floh ins Ohr setzt, mit möglichst leichtem Gepäck zu reisen. Bestimmten Leuten aus dem Weg zu gehen, war dagegen nicht ganz so einfach, zum Beispiel eishockeybegeisterten Bandmitgliedern im Wettfieber, die sich einander nun die Scheinchen zuschoben.

Sieben zu drei für die Grizzlies – tja, Miller, damit ist ja wohl klar, wer die Wette gewonnen hat.“

Dem Gesicht des Drummers nach zu urteilen, war der Einsatz nicht gerade klein gewesen. Im Gegensatz zu Mark, dem Dritten im Bunde, nahm er den Verlust der Wette alles andere als sportlich. Oops – Leuten, die so angepisst sind, gehst Du besser aus dem Weg, schwor ich mir und suchte das Weite. Wie gut, dass ich um Sportwetten generell einen großen Bogen machte. Wenigstens darin waren Mike und ich uns einig. Aber wenn man vom Teufel spricht…

Offiziell war das Spiel zwar vorbei, aber da gleich noch ein Konzert auf dem Plan stand, hatte sich die Halle nicht merklich geleert. Mich jetzt durch das Gedränge zu kämpfen, um in den Backstagebereich zu gelangen, hielt ich für keine schlaue Idee. Nach Mikes Retourkutsche („Ach – eifersüchtig? Na, dann weißt Du ja jetzt, wie’s mir geht“) hatten wir uns zwar relativ schnell wieder vertragen, aber deswegen mussten wir doch nicht rund um die Uhr wie zwei Kletten aneinander kleben.

Warum sollte ich also nicht fürs erste hierbleiben, bis sich die Reihen gelichtet hatten? Die meisten Standbesitzer hatten es ohnehin nicht eilig mit dem Aufräumen und Zusammenpacken. Also konnte ich genauso gut noch etwas trinken. In meinen Schal gewickelt, steuerte ich einen Stand an, der neben Kaffee und Tee auch Irish Coffee im Angebot hatte, und nicht nur Rum- oder Eierpunsch, bei dem es mich schüttelte. Aber zu Irish Coffee sagte ich nicht Nein.

Voller Wonne schloss ich die Augen und ließ die heiße Flüssigkeit langsam die Kehle hinunterrinnen. Das wohlige Gefühl in meinem Magen würde nicht lange anhalten, das wusste ich aus Erfahrung, aber jetzt wollte ich einfach nur den Moment genießen. Entspannt lehnte ich mich auf der Bank an einem der Tische zurück und wickelte den Schal noch etwas enger um mich, um in das Stimmengewirr um mich herum einzutauchen und für eine Weile die Zeit zu vergessen, aber die Weile währte nur kurz.

Aus der allgemeinen Geräuschkulisse hörte ich klar und deutlich zwei Stimmen heraus, die ich kannte: die von Lee Channing und Lindsay Cooper. Lauschen wollte ich ganz gewiss nicht, aber sie waren kaum zu überhören. Noch konnte ich verschwinden. Aber warum sollte ich? Von hier aus hatte ich einen hervorragenden Blick auf die Menge, die damit beschäftigt war, sich um ihr leibliches Wohl zu kümmern, und dank des gigantischen Grizzly-Maskottchens aus Pappe, das jemand neben dem Kaffeestand aufgestellt hatte, konnte ich das Treiben unerkannt beobachten.

Wäre das Ganze nicht so grotesk, könnte ich darüber lachen“, sagte Lee.

Das kannst Du laut sagen. Wenn es einen Preis für die Band mit den meisten Hürden gäbe, wären Deine Jungs ganz vorne mit dabei…“

Ihr sprecht in Rätseln, war mein erster Gedanke, aber vielleicht lag es auch an den Umdrehungen in meinem mit Sahne und Zucker angereicherten Kaffee. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, worum sich ihre Unterhaltung drehte. So viel zum Thema ‚wir wollen ja nicht lauschen, aber…‘

… noch mehr schlechte Publicity könnt ihr jetzt wirklich nicht gebrauchen“, fuhr Lindsay fort. Noch mehr schlechte Publicity? Worauf wollte sie hinaus? Im Prinzip hatte sie zwar recht, aber den heutigen Abend konnte sie unmöglich meinen, denn der war doch gut gelaufen. Jedenfalls war das mein Eindruck gewesen.

Meine Jungs? …“ gab Lee hustend zurück. Sie hatte sich doch nicht etwa verschluckt? Das verstand ich gar nicht, denn schließlich war OxyGen doch jetzt ihr Baby, „… da sagst Du was.  ‚Nen Sack Flöhe zu hüten, ist einfacher. Aber reine Frauenbands sind auch nicht ohne.“

Sprichst Du jetzt aus Erfahrung als Sängerin – oder als Assistentin des Managements?“

Jetzt war sogar ich ganz Ohr. Was würde sie wohl darauf antworten? Die Unterhaltung versprach, interessant zu werden. Wie interessant, das sollte ich gleich erfahren, wenn auch anders als gedacht. Lees Geschichte kannte ich bisher nur zum Teil. Dass sie OxyGen wegen Stress mit dem Partner Hals über Kopf verlassen hatte, wusste ich von Brian. Eine Neuigkeit für mich war jedoch, dass sie sich einer Frauenband angeschlossen hatte.

Öfter mal was neues – erst Rock, dann Wave, und zum Schluss landen wir bei einer Mischung aus Irish Folk und Punk?

Sechs Mädels, die in Pubs auftraten – bei dieser Konstellation fragte ich mich, wie lange das gutgegangen war, wenn ich an Lees Freund und dessen Eifersucht dachte. Ja klar, bei fünf männlichen Bandkollegen sah er rot, aber bei einem Publikum, in dem sich noch viel mehr Kerle tummelten, die hundertprozentig nicht mehr nüchtern waren, nicht? Really? Wer’s glaubt… Und richtig: Was ihr bei OxyGen nicht gelungen war, nämlich den Blödmann zum Teufel zu jagen, hatte sie schließlich doch noch über sich gebracht.

Allerdings hatte der neue Höhenflug dann leider nicht lange angehalten, und das hatte nicht nur daran gelegen, dass Harmonie untereinander nicht zu den Stärken ihrer neuen Kolleginnen zählte. Ein Zwischenfall bei einem ihrer unzähligen Pubkonzerte hatte dem Fass dann endgültig den Boden ausgeschlagen. Es sollte ihr letzter Auftritt werden.

„An dem Tag ist so ziemlich alles schiefgegangen, was nur schiefgehen kann.“, erzählte Lee. Murphy’s Law. „Dass unsere Schlagzeugerin an diesem Tag wieder mal viel zu spät zur Probe kam, war ja noch nicht das Schlimmste.“ –

So, so, die Schlagzeugerin? Wie sich die Bilder gleichen…

„Auch nicht, dass Stella, unsere Bassistin, sich deshalb mit ihr dermaßen fetzte, dass wir dachten, unser Gig würde platzen. Zum Glück aber nicht – das konnten unsere beiden anderen Mädels wenigstens noch verhindern, und bis zum Abend hatten sich die Gemüter wieder beruhigt. Aber dann…“ – sie räusperte sich und schluckte kurz und heftig, bevor sie weitersprach, „… diese sogenannten Déjà-vus habe ich bisher als Blödsinn abgetan. Als Urban Legend. Von wegen übernatürlich – bis jetzt…“

Oh, oh, oh – das klang gar nicht gut. Plötzlich wurde mir siedend heiß, und mich beschlich das ungute Gefühl, dass unsere Woche in Craigellachie irgendetwas mit ihrem letzten Auftritt in diesem Pub zu tun hatte.

… die Hütte war brechend voll, und wir standen zusammengepfercht auf einer winzigen Bühne. In dem Laden herrschte eine tropische Hitze, und das Publikum war mächtig in Fahrt. Die kurze Pause, in der wir das Bier in Rekordzeit abkippten, gönnten die Leute uns gerne, und dann konnte es auch sofort wieder weitergehen. Tja, theoretisch hätte es das gekonnt. Hat es aber nicht.“

Für einen kurzen Moment blieb Lee die Stimme weg, bevor sie stockend fortfuhr. Den von ihr beschriebenen Knall konnte ich mir bildlich vorstellen, und als ich hörte, dass sie durch einen elektrischen Schlag förmlich nach hinten in Francescas Drumkit hinein katapultiert worden war, sah ich wieder vor mir, wie mein Kollege Jack und ich uns hilflos über den armen Jungen gebeugt hatten, der mit dem geladenen Zaun in Berührung gekommen war.

Das ein zweites Mal zu erleben… jetzt verstand ich, warum Lee mit Befremden auf den Zwischenfall in Craigellachie reagiert hatte. Nach jenem Unfall, der nicht auf technische Mängel, sondern auf menschliches Versagen zurückgeführt wurde, war Lee nie wieder auf eine Bühne zurückgekehrt.

Jetzt wird mir langsam so einiges klar“, antwortete Lindsay nachdenklich, als Lee mit ihrer Schilderung der Ereignisse von damals fertig war. „Ich kann mir gut vorstellen, wie das für Dich ausgesehen hat – ein Unfall, bei dem es um ein Haar den Schlagzeuger erwischt hätte.“

Und Mikes Freundin“, fügte Lee mit bitterer Stimme hinzu. „Begraben unter einem tonnenschweren Berg von Metall. Das wünsche ich nicht mal meinem ärgsten Feind.“

Feind? Lindsay konnte offenbar genauso wenig glauben wie ich, was sie da hörte.

„Versteh mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Andrea persönlich, echt nicht. Aber in dem Moment, als ich den Schrotthaufen mit eigenen Augen gesehen habe…“

So war das also: In diesem Moment war er wieder da gewesen, ihr schlimmster Alptraum. Meine Anwesenheit erinnerte sie daran, und zwar jedes Mal, wenn sie mich sah. Das zu hören, war wie ein Schlag ins Gesicht.

Mit einem Mal spürte ich die mich umgebende Kälte kaum noch, und ich saß in mich zusammengesunken einfach nur da, nicht in der Lage, mich zu rühren. Mein Becher war längst leer, die Stimmen um mich herum flossen ineinander und verwoben sich zu einem undefinierbaren Hintergrundrauschen.

Du kannst rauskommen – sie sind weg!“

Was zum? Benommen öffnete ich die Augen.

Wie kam Bradley überhaupt auf die Idee, dass ich mich versteckt hatte? Wie sich das anhörte! Ein Außenstehender musste ja denken, dass ich nicht mehr alle beisammen hatte. Aber schön, dass er mich überhaupt gesucht hatte, auch wenn er vermutlich von jemandem geschickt worden war. Und seit wann legte ich Wert darauf, was Unbeteiligte von mir dachten?

Sie sind so weit fertig und wollen los.“

Ich konnte mir schon denken, wer ihn mit der Suche beauftragt hatte, aber wie sehr ich auf dem Holzweg war, sollte ich gleich darauf erfahren.

Hör mal“, begann er, „die letzten Tage sind ja alles andere als gut gelaufen…“

Das war zwar stark untertrieben, aber entsprach der Wahrheit. Ihm gefiel genauso wenig wie mir, dass wir uns gegenseitig aus dem Weg gingen, und nun hatte er die Gelegenheit gesehen, endlich reinen Tisch zu machen. Dass er nun den ersten Schritt tat, stellvertretend für seine beiden Kollegen, die einsahen, dass sie überreagiert hatten, rechnete ich ihm hoch an.

Niemand hatte ihn beauftragt, mich zu suchen: weder Mike, der es nicht erwarten konnte, mich in seine Arme zu schließen, noch Mark, dem ich die Erleichterung ansehen konnte, als er uns beide aus der Halle kommen sah. Der Impala mit geöffneter Motorhaube verhieß nichts Gutes, und tatsächlich – so sehr sich Mark auch bemüht hatte, es war ihm nicht gelungen, den Wagen zu starten. An seiner Stelle hätte ich ja längst einen Abschleppdienst gerufen.

Meine Reparaturkünste mussten ja einen gewaltigen Eindruck bei ihm hinterlassen haben, wenn er sein Baby meinen Händen anvertraute. Doppelt genäht hält besser, lautete die Devise, und ihr verdankte ich die zusätzliche Beleuchtung in Form der Warnlampe, die mir Bradley so hinhielt, dass mir kein Schlagschatten die Sicht blockieren konnte.

„Der OP ist ausgeleuchtet, Dr. Grey – bitte schreiten Sie zur Tat.“

Ja, vielen Dank für diesen überaus geistreichen Witz. Drückt mir lieber die Daumen, dass ich der Ursache des Problems möglichst schnell auf die Spur komme.

Aber gerne doch, Dr. Webber“, flachste ich zurück, „wenn Sie so gut wären, mir die Zange zu reichen…“

Operation geglückt – Patient tot! Nein, diese Schlagzeile würde es nicht geben, denn nach einer halben Stunde Gefummel unter der Haube vernahmen wir ein Zeichen – der Motor schnurrte wie ein Kätzchen.

Das müssen wir feiern“, rief Mark euphorisch, während ich nur dachte, dass ich an seiner Stelle als erste Maßnahme des kommenden Tages eine Werkstatt aufsuchen würde.

Die von mir durchgeführte Blitzreparatur war schließlich nicht mehr als ein Notbehelf, und mit einem echten Profi wäre er sicher besser dran gewesen. Obendrein musste ich mich doch sehr wundern. Im ersten Moment war mir das nicht aufgefallen, aber dieses Problem hätte er auch genauso gut selbst beheben können, wo er doch den Wagen angeblich selbst restauriert hatte.

Bei der nächsten Gelegenheit würde ich ihn auf diese Ungereimtheit ansprechen, und auf seine Erklärung war ich mehr als gespannt. Jetzt war in meinen Augen kein geeigneter Zeitpunkt, um darüber zu diskutieren. Ich wollte nur noch weg von hier, und das Stichwort ‚Feiern‘ hatte bei den anderen einen pawlowschen Reflex ausgelöst. Es war sicher besser, wenn ich mir mein Teil dachte und das Spielchen mitspielte.

Unter Feiern stellte sich Mark übrigens nicht vor, dass wir uns richtig schick machten und einen Club mit der entsprechenden Musik ansteuerten. Sein Ziel war ein riesiger Pub, in dem man nicht nur Darts und Billard spielen konnte, sondern eine Liveband auftrat. Schließlich konnte es nie schaden, sich davon zu überzeugen, was die Konkurrenz so drauf hatte.

Dass ich an den Händen und im Gesicht Spuren von Ruß und Öl zurückbehalten hatte, schien keinen der drei zu stören. Mich allerdings schon, und so verschwand ich als erstes im Waschraum für Damen, um mich wieder halbwegs vernünftig herzurichten. Mein Schatz fand mich auch mit Öl im Gesicht zum Anbeißen, das hatte er mir ja nun oft genug gesagt, aber wir waren schließlich nicht alleine hier, und von anderen angegafft zu werden, war nicht das, was ich mir unter einem gelungenen Abend vorstellte.

Während ich den Streifen auf meiner Stirn mit Seife und Papier zu Leibe rückte, schneite Sue herein, begutachtete mich und versuchte, mich zu einer Runde Billard zu motivieren. Mit den üblichen Verdächtigen. Ach nein, vielen Dank – die Aussicht auf eine Wiederholung reizte mich überhaupt nicht. Dann schon lieber eine neue Runde Darts mit Danny, John und Mike, denn ich ließ nur ungern eine Rechnung unbeglichen…

Donnernder Applaus – von dem Donner in meinem Kopf gar nicht erst zu reden.

Typisch – das Motto „was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“ hatte fröhliche Urständ‘ gefeiert und mich als einzige von uns vieren dazu verleitet, mehr zu trinken, als gut für mich war. Die Quittung dafür hatte ich jetzt. Vive la France. Nicht nur beim Konzert und der Party danach hatte das ganze Haus gewackelt.

Zuerst eine heiße Dusche, dann einen Kaffee und zum Schluss Bewegung an der frischen Luft, das sollte helfen.

Stöhnend drehte ich das heiße Wasser auf und zuckte kurz zusammen: I’m taking super hot showers to practice burning in hell. Doch das Gefühl, wie ein Teebeutel aufgebrüht zu werden, hielt nicht lange an. Schon bald trat der Gewöhnungseffekt ein. Schön, wenn der Schmerz nachlässt, das Dröhnen im Kopf leiser wird und man langsam wieder klare Gedanken fassen kann. Wozu auch gehört, dass man endlich auch wieder weiß, welchen Tag wir tatsächlich haben. Montag ist Schontag? So ein Quatsch!

Wieso ich so durcheinander war, konnte ich mir beim besten Willen nicht erklären, hatte ich doch schon wesentlich üblere Kater gehabt. Dieser hier kam von zu wenig Schlaf in unbequemer Haltung, begleitet von einer Wanderung durchs ganze Bett. So zerwühlt, wie das Laken an diesem Morgen aussah und wie ich mich nach dem Aufstehen gefühlt hatte, war ich mir sicher, dass die Nacht garantiert nicht so gelaufen war, wie Mike sich das vorgestellt hatte.

So sah meine Hälfte nur aus, wenn ich mich stundenlang von rechts nach links gewälzt und dabei konfuses, wenn nicht sogar ziemlich beunruhigendes Zeug geträumt hatte. Zeug, an das ich mich hinterher aber nicht mehr erinnern konnte.

An dem Abend davor hatte es nicht gelegen, davon war ich überzeugt, hatte er dann doch noch eine positive Wendung genommen. Erst die Aussprache mit Bradley, dann die Episode mit Marks Wagen, bei der mir Mark im gleißenden Licht der Warnlampe ein Werkzeug nach dem anderen gereicht hatte. Zange, Akkuschrauber, Schraubenschlüssel. Warum hatte er sich nicht selbst um sein Baby gekümmert? Oder einen Profi rangelassen? Aber doch nicht mich.

Du wirst niemals die perfekte KfZ-Mechanikerin, Andrea McAllister, denn wärst Du es, hätte Dein Werk wesentlich länger gehalten. Erwarte mal besser nicht zu viel, bevor Du…

BING! Das Signal des Wasserkochers schallte durch die geschlossene Badezimmertür und riss mich aus meinem Selbstgespräch. Wie aufmerksam von Mike, extra für mich so früh aufzustehen und sich um den Morgenkaffee zu kümmern.

Hey Süße – was den Kaffee angeht, schraub Deine Erwartungen besser mal runter“, hörte ich ihn rufen.

Schraub Deine Erwartungen besser mal runter? Komisch, das hatte ich doch schon mal gehört. Runterschrauben, Schraubenschlüssel, Schrauben, der Akkuschrauber... Der Akkuschrauber? Der Akkuschrauber! Es fiel mir wie Schuppen von den Augen – das, was mir schon die ganze Zeit so komisch vorgekommen war. Natürlich… Aber wie hatte ich nur so blind sein können?

Meine Kollegen und ich verstauten nach Gebrauch jedes Werkzeug stets wieder in den Kisten. Darin waren wir sehr gewissenhaft. Nichts nervte uns mehr, als ewig nach dem benötigten Teil suchen zu müssen, wenn es nicht da lag, wo es hingehörte. Vor dem Konzert hatten sie die Kisten wieder eingeräumt, doch als ich später noch einmal hineingesehen hatte, war der Akkuschrauber nicht darin gewesen. Jemand musste ihn herausgenommen haben.

Jemand, der schon längst gewusst hatte, wie instabil das Gerüst gewesen war und deshalb auf der Bühne auch einen großen Bogen um die betreffende Stelle gemacht hatte. Jemand, der selbst Hand an das Gestänge gelegt hatte. Und ich konnte mir auch denken, wer das gewesen war.

Aber ich hatte keinen Beweis.