„Broken Strings“ : Chapter 36 – Second Life

Wir sehen uns später? Wenn Du glaubst, dass ich das Thema auf sich beruhen lasse, hast Du Dich gründlich geirrt. Und wieso soll ich meine Stimme schonen? Denk nicht mal dran! – Gut gelaunt ging anders.

Der Rüffel vor versammelter Mannschaft war deutlich genug gewesen: Mr. Obercool versus hysterisches, unterkoffeiniertes Miststück. Blamage hin oder her – wenn es etwas zu klären gab, dann jetzt. Mit meiner Vermutung, ihn draußen auf dem Parkplatz zu erwischen, lag ich richtig.

Kaum brennt die Camel, kommt der Bus – aber passen Sie bloß auf, dass der Sie nicht überrollt. Vor allem dann, wenn Sie in der richtigen Laune sind, also auf Krawall gebürstet.

Um fair zu sein, war das stark übertrieben, aber so ähnlich fühlt es sich an, wenn man die noch immer fehlende Antwort einfordern will, aber auf Hundertachtzig ist und außer Kaffee noch nichts im Magen hat. Wie es aussah, war ich nicht die einzige, was das Nüchternsein anging.

Ein französisches Frühstück und ein Anschiss am Morgen, ist das für Dich die ideale Kombination, um den Tag zu beginnen, wenn es mit dem Quickie nach dem Erwachen nicht geklappt hat? – diese Bosheit lag mir auf der Zunge, aber sollte ich mich wirklich auf dieses Niveau hinunter begeben?

Einen solchen Spruch hätte ich noch am ehesten Frank zugetraut, und allein schon das verhinderte, dass ich Mike, der sich gerade die nächste Kippe angezündet hatte, Worte an den Kopf warf, die ich später mit Sicherheit bereut hätte.

Hey, wusste ich doch, dass ich Dich hier finden würde“, eröffnete ich statt dessen die Konversation, allerdings ohne Gewähr auf Erwiderung.

Aber der erste Schritt war gemacht. Jetzt war er am Zug. Und damit meinte ich nicht den nächsten Nikotinschub aus seiner Lucky Strike. Aber außer einem „Hm“ kam erst mal nichts. Der Herr hüllte sich in Schweigen? Mist. Ein sicheres Zeichen, dass seine Laune auch schon mal besser war, dank meines grandiosen Auftritts von vorhin. Da war wohl eine Entschuldigung fällig.

„Sorry, dass ich vorhin so ausgetickt bin. Aber wenn Du wüsstest…“

Wenn ich was wüsste?“

Das lief ja echt wie geschnitten Brot. Nämlich gar nicht. Also eher besch***en. The Devil’s Party would be a so much nicer place.

„Äh. Hm…“ verdammt, warum druckste ich eigentlich so herum?

Jetzt war ich diejenige, die das tat, was ich bei anderen so hasste. Mensch, Andrea, komm endlich zur Sache. Hol meinetwegen nochmal tief Luft, aber dann sag endlich, was Du auf dem Herzen hast.

„Also schön. Das klingt jetzt ziemlich dämlich, aber wenn zum x-ten Mal die gleiche Story ausgebreitet wird… und dabei habe ich ihm schon ein paar Mal gesagt, wie scheiße ich es finde, dass meine Probleme mit Frank vor allen breitgetreten werden. Und jetzt auch noch vor Steve, den das gar nichts angeht.“

Wenn ich schon in Fahrt war, konnte er ruhig den Rest hören und warum ich so aus der Haut gefahren war, als Bradley alle Beteiligten aufgezählt hatte.

„Das war echt nicht persönlich gemeint. Manchmal bin ich so eine blöde Kuh!“

Ja, Süße. Lass alles raus. Mach aus Deinem Herzen keine Mördergrube.“ Der Spott war nicht zu überhören. Nur weiter so. Das lief ja blendend.

Ich machte mich hier gerade zum Obst, und er genoss das Spektakel auch noch. Hatte ich aber auch nur gedacht, denn schon im nächsten Augenblick ließ er die zur Hälfte gerauchte Lucky einfach fallen, und seine Gesichtszüge entspannten sich.

Danke, und ich dachte schon, Du würdest gar nicht mehr zu mir kommen und …“

Was? Mich bei ihm entschuldigen? Ihm hinterherlaufen, weil ich diesen Unfrieden zwischen uns nicht aushielt? Ihm in die Arme fallen? Shit happens – genau das tat ich nämlich gerade, und als Krönung der Inkonsequenz war ich auch noch so „clever“, ihn zu küssen. Hä? Ich hatte wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank.

… wow! Was war das denn?!“ keuchte er genauso atemlos wie ich, als ich ihn losließ.

Schön, dass ich Mr. Obercool aus der Fassung gebracht hatte. Diese Methode musste ich mir unbedingt für später merken. Mein Triumphgefühl währte jedoch nur kurz. Von wegen aus der Fassung bringen. Das war nur der Auftakt zu einer weiteren Umarmung, und diesmal ging sie von ihm aus.

Was mich wirklich beruhigte, war das sonore Brummen des Motors. Nichts gegen Marks Liebe zu Oldtimern und das schwarze Schätzchen, in dem ich jetzt schon ein paar Mal mitgefahren war, aber das Platzangebot im Ford war unschlagbar, egal wie die neue Anordnung der Passagiere aussah. Oder war es doch wieder die alte? So langsam verlor ich den Überblick, wie oft ich schon Bäumchen wechsle Dich bei der Wahl meines Transportmittels gespielt hatte.

Meinen Kram hatte ich schnell verstaut. So langsam hatte ich den Bogen raus, wie man Gepäcktetris spielte, wenn die Claims abgesteckt waren – sowohl im Kofferraum als auch bei der Verteilung der Sitzplätze: Ryan hatte es sich bereits auf dem Beifahrersitz bequem gemacht, und Brian als unser Fahrer schlürfte noch einen Kaffee, bevor es losging. Da Mike und ich einen Teil der Strecke, die über Richmond und Sidney führte, bereits kannten, hätten wir ein ausgezeichnetes Navigationssystem für unseren Fahrer abgegeben, aber warum sollten wir?

Wenn Brian den Weg erklärt haben wollte, konnte er sich gerne an seinen Beifahrer wenden, oder an John, der dafür strategisch günstiger saß, weil er hinter Ryan Platz genommen hatte. Je weniger sie uns beachteten, desto besser.

Aus dem Smalltalk hatten wir uns schon bald ausgeklinkt. Im vorderen Teil wurde lautstark über die kommende Eishockeysaison debattiert, und da konnte ich nicht mitreden. Was war ich froh, dass die beiden uns ignorierten, denn mit Sport jeglicher Art konnte man mich jagen; ganz im Gegensatz zu Mike, der sich zwar für Autorennen begeisterte, aber ebenso wie ich der falsche Gesprächspartner für Eishockey und anderen Mannschaftssport war.

Nach Reden war uns beiden nicht, und dass John in seiner Ecke hinter dem Beifahrer vor sich hin döste, wirkte nicht gerade gesprächsfördernd. So langsam breitete sich die Schläfrigkeit auf den hinteren Plätzen aus und führte dazu, dass ich mich lieber an Mike kuschelte anstatt mich gegen die harte Fahrzeugwand zu lehnen.

Okay, Süße, wenn man’s genau nimmt, habe ich nicht ganz die Unwahrheit gesagt, aber lass uns später weiter reden“, flüsterte er mir zu, „wo wir unter uns sind. Dann erkläre ich Dir alles…“ – für fremde Ohren war das, was er mir sagen wollte, garantiert nicht bestimmt.

Dabei wäre es gar nicht notwendig gewesen, seine Stimme zu senken, bei dem Lärm, den unsere beiden Hockeyexperten veranstalteten, fühlte ich mich wie von einem Wahrnehmungsfilter umgeben. Ach ja, ’später‘ – das klang gut, denn dank der Wärme, die von Mike ausging, wurde ich nur noch schläfriger. Seine Worte „…. nachher, auf der Fähre…“ waren das letzte, was ich wahrnahm, als ich mich noch enger an ihn schmiegte, back into your arms and drifting to Morphia’s Waltz…

Mag jemand Kaffee?“ hatte Brian in die Runde gerufen, und diesmal hatte ich nicht nein gesagt, denn aus meiner vorschnellen Fehlentscheidung zugunsten einer teeähnlichen Plörre hatte ich gelernt. Here we go again… Dieselbe Fähre auf derselben Strecke nochmal. Nur war es diesmal hell, freundlich und sonnig und längst nicht so windig wie am Vortag.

Mit einem Pott Kaffee ließ es sich an Deck durchaus aushalten, vor allem, wenn man wie ich einen mollig warmen Doctor-Who-Schal um den Hals trug, den ich mir vergangenen Winter gestrickt hatte. Ja, wenn es so geschneit hat, dass man tagelang nirgendwo durchkommt und man sonst nicht viel zu tun hat… Jetzt war ich froh, dass ich das Teil hatte. Trotzdem wunderte ich mich, warum hier oben so wenige Leute die frische Luft genossen.

Alles Memmen, oder was? Oder gab’s unten eine Gratisaktion, von der ich wieder einmal nichts mitbekommen hatte? Mir war das herzlich egal, auch wenn es so gewesen wäre; eigentlich wartete ich nur auf die Gelegenheit, den Faden da wieder aufzunehmen, wo wir ihn zuletzt verloren hatten, nämlich auf dem Hotelparkplatz. Bei dieser Erinnerung wurde mir ganz anders. Gut, dass wir mühelos Plätze ganz weit vorne am Bug ergattert hatten, so waren wir wenigstens ungestört.

Ich war froh, dass ich saß und mich an meinem Becher festhalten konnte, denn ich wurde das Gefühl nicht los, dass dies hier länger dauern konnte. Ein Snickers wäre jetzt schick gewesen, aber man kann ja nicht alles haben, und zunächst klang das was er sagte, so einfach: Nachdem ich ihn mit meiner direkten Art unmittelbar nach dem Aufwachen dermaßen überrumpelt hatte und aus dem Zimmer gestürmt war, hatte er sich erst einmal überlegen müssen, was er mir eigentlich sagen wollte. Leider aber war ich am Tisch so in die Luft gegangen, dass ihm die Lust darauf vergangen war.

Mein aufgebrachter Zustand hatte sein Vorhaben torpediert, und in meinem Zustand wäre sowieso kein vernünftiges Gespräch zustande gekommen. Irgendwann hätte ich mich bestimmt beruhigt, und bis zum Abend allemal – und deshalb also auch die Bemerkung, ich würde meine Stimme noch brauchen. You’ve already finished before it began… Aber was jetzt folgte, hörte sich nicht nach einem Spaziergang für ihn an. Achtung, es wird kompliziert, dachte ich, als er für einen Moment innehielt.

Okay Süße, leider hast Du vorhin ja schon geschlummert,“ fing er an.

Das konnte ja heiter werden! So umständlich war er doch sonst nicht.

„Und vielleicht hast Du’s ja nicht mitbekommen… Wenn man nach dem Kalender geht, hast Du nicht ganz unrecht, und ich kann verstehen, wenn Du deswegen sauer auf mich bist.“

Aha! Wenn ich deswegen sauer auf Dich bin. Wenn jetzt wieder die Leier kommt, von wegen, wenn das mein ganzes Problem ist… Er wollte mich jetzt nicht wirklich als hysterische Bitch, die aus einer Mücke einen Elefanten macht, hinstellen?

Also gut. Der 10. September. Es war 2016. Da haben John und ich gedacht, jetzt ist alles vorbei.“

Ooookayyy… deshalb sollte ich also unseren Keyboarder fragen, falls ich Mike nicht glaubte. Nach diesem etwas holprigen Einstieg, fasste er sich ein Herz, und ich sollte endlich die Wahrheit erfahren.

Der 10. September 2016 war genau so ein schöner Tag wie heute gewesen: trocken und sonnig. Sie hatten auf ihrer Fahrt von Craigellachie nach Vancouver den Trans-Canada Highway hinter sich gelassen und nur noch ein kurzes Stück auf der 5N vor sich. John hatte seinen Van auf der Mittelspur dahinrollen lassen und sich auf den Feierabend gefreut. Dass sie sich dabei am Rande der zulässigen Höchstgeschwindigkeit bewegten, gefiel Mike, der auf dem Beifahrersitz seine Checkliste abhakte, zwar weniger, aber im Grunde war auch er froh, dass es nach dieser sich ewig in die Länge ziehenden Fahrt endlich nach Hause ging.

Johns Familie wohnt da oben, und bei der Entrümpelung ihrer Garage waren Teile aufgetaucht, die wir bei der nächsten Gelegenheit zu Geld machen wollten. Mark sollte einen Blick drauf werfen, schließlich ist er unser Experte für Autos.“

Ihr Van war zwar gut gefüllt gewesen, aber nicht überladen. Es gab also nichts, über das sie sich hätten Sorgen machen brauchen.

Wir hätten vorher rausfahren und einen Kaffee trinken sollen.“, fuhr er fort, dann geriet er ins Stocken. „Bridal Falls Waterpark. Ein Paradies für Familien.“

Seine Stimme zitterte. Nanu, so nah war er doch sonst nicht am Wasser gebaut. Etwas war ganz und gar nicht in Ordnung, aber ich hütete mich, ihn zu unterbrechen. „Ein Paradies für Wochenendausflügler.“

Stimmt. Die Bilder hatte ich im Internet gesehen, als ich auf der Suche nach Freizeittipps für die Region gewesen war. Zu verlockend hatte diese gigantische Landschaft aus Pools und Wasserrutschen ausgesehen, idyllisch gelegen zwischen bewaldeten Bergen und dekorativ verschönert durch blaue Plastikdelphine, rote Riesenwasserhähne und quietschgelbe Enten. Wahrlich, ein Paradies für Familien, die richtig viel Spaß haben wollten…

Leider aber auch für Idioten, die mit ihrer ungesicherten Ladung auf dem offenen Pickup durch die Gegend rasen. Was dann kam, hat keiner von uns beiden kommen sehen…“

Oh, Shit, das hatte ich nicht gewollt. Mike war völlig fertig. Was immer auch dann geschehen war, es hatte ihn aus der Fassung gebracht und ihm so zugesetzt, dass er jetzt …

Nimm ihn in die Arme, Andrea, und dann gib ihm ein paar Minuten, meinetwegen auch noch länger, und so hielt ich ihn für eine Weile, bis er die Kraft fand, weiterzureden. Der größte Alptraum eines jeden Autofahrers war wahrgeworden: Der Fahrer des Pickups auf der rechten Spur hatte seine Ladung nur unzureichend gesichert und bei dem hohen Tempo, mit dem er unterwegs war, hatten sich Teile des hinten aufgehäuften Schrotts gelöst und waren fröhlich durch die Gegend gesegelt.

Nicht ganz so fröhlich für John, der den Schreck seines Lebens bekommen hatte, als ihnen ein riesiger Bottich aus verrostetem Metall entgegen geflogen kam, auf die Motorhaube aufschlug und bei diesem Aufprall noch die Windschutzscheibe touchierte, bevor das Objekt nach hinten weiterflog und aus dem Sichtfeld geriet.

Hätte Mike den Van gesteuert, wäre dieser Zwischenfall nicht so glimpflich abgelaufen. Er hätte wahrscheinlich den Kopf verloren und das Fahrzeug irgendwo dagegengesetzt, und so war es John, der am Ende die Kontrolle behalten und den Van trotz heftigen Schlingerns auf dem Seitenstreifen zum Stehen gebracht hatte. Kalkweiß und völlig am Ende mit den Nerven, waren sie ausgestiegen und hatten sich ein gutes Stück vom Straßenrand entfernt in Sicherheit gebracht.

Keine Minute zu früh, denn kaum waren sie von der Straße runter, kam auch schon der nächste Vollidiot angebrettert und schrammte haarscharf an dem Van vorbei. Oh Mann, wie ich solche Möchtegern-Hamiltons hasste. Die beiden hätten tot sein können. Und der Unfallverursacher hätte davon nichts mitbekommen, denn der war längst über alle Berge. Mir das vorzustellen, war für mich der reinste Alptraum. Ich konnte nicht anders, als sein Gesicht mit beiden Händen zu umfassen und ihn behutsam zu küssen. Dann nahm ich ihn in meine Arme und wiegte ihn wie ein kleines Kind. Wie einen Dreijährigen.

Diesen Tag jetzt noch einmal durchleben zu müssen, hätte jeden aus der Bahn geworfen. Wie in diesen Videos auf youtube, in denen der Blitz dort einschlägt, wo kurz zuvor noch jemand gestanden hat, dachte ich, und im übertragenen Sinn hatte es sogar zwei Einschläge dicht hintereinander gegeben. An diesem Tag hatte sein Leben ein zweites Mal begonnen, was vielleicht auch erklärte, dass Mike seit drei Jahren seinen eigentlichen Geburtstag im Juni nicht mehr feierte und John sich seitdem nie wieder ans Steuer gesetzt hatte. An seiner Stelle hätte ich sogar den Beifahrersitz gemieden und nur noch hinten Platz genommen, aber mit traumatischen Ereignissen ging wohl jeder anders um.

Manche gehen bewusst bestimmten Situationen aus dem Weg, andere verdrängen das Erlebte so lange, bis eines Tages die Erinnerung aus dem Hinterhalt zuschlägt und sie nicht mehr ausweichen können – bei den einen früher, bei den anderen später. Mike hatte es jetzt erwischt. Drei Jahre danach. Es konnte kein Zufall sein, dass er ausgerechnet jetzt damit herausgekommen war.

Klar, ich konnte mir ruhig weiter einbilden, dass unser albernes Herumgeblödel beim Chinesen zu diesem Ergebnis geführt hatte. Dennoch, wäre ihm Tage zuvor nicht diese Story wegen seines angeblichen Geburtstages entschlüpft, hätten die Dinge niemals so ihren Lauf genommen. Hätte er geschwiegen, wäre die damit zusammenhängende Geschichte nicht ans Licht gekommen; früher oder später bringt die Sonne so manche unserer Geheimnisse an den Tag, so sehr wir uns auch bemühen, sie unter Verschluss zu halten.

Vielleicht war es aber auch nicht von ungefähr gekommen, dass er diese Entwicklung mit der inszenierten Privatparty ins Rollen gebracht hatte. Von all dem, was mir durch den Kopf ging, sagte ich jedoch nichts. Keiner von uns sprach auf der zweistündigen Überfahrt auch nur ein Wort; sein Rücken an meine Brust gelehnt, hielt ich ihn in meinen Armen und hüllte uns in meinen überdimensionalen Schal ein wie in einen Kokon.

Reglos ineinander versunken, blickten wir in die gleiche Richtung und ließen die in bunten Herbstfarben leuchtende Inselwelt unbeachtet an uns vorbeiziehen. Vielleicht war es mein Herzschlag, den er durch die Stofflagen hindurch in seinem Rücken spürte oder meine gleichförmigen Bewegungen, mit denen ich ihm durchs Haar strich, aber nach und nach wich seine Anspannung, und als der Hafen in Sicht kam, hatte er sich einigermaßen gefangen.

Komm, lass uns zu den anderen gehen“, sagte er mit halbwegs fester Stimme und reichte mir die Hand, um mir beim Aufstehen zu helfen.

Hach, muss Liebe schön sein“, empfing uns Ryan an der Treppe nach unten, als wir uns eng umschlungen näherten.

Hätte er nicht so dämlich gegrinst, wäre ihm sicher aufgefallen, dass Mike stiller war als sonst und auf diesen blöden Spruch von wegen einer modernen Neuauflage von Titanic mit vertauschten Rollen zu den Klängen von „My Heart will go on“ nicht einging.

„So ruhig, Mitchell? Sind wir etwa seekrank?“

Ha ha, toller Witz, Miller. Du kannst es einfach nicht lassen. Wie schön, dass wir heute alle so fröhlich sind, aber nun wundert mich gar nicht, dass sich Euer Sänger bei so viel Einfühlungsvermögen nicht anmerken lässt, wie beschissen es ihm geht. Und damit wäre er in eurem Team dann schon der zweite Kandidat mit Kurs auf den nächsten Zusammenbruch.

Dementsprechend frostig fiel der Blick aus, den ich ihm zuwarf. Wie gut, dass wir nur noch zwei Stunden Fahrt vor uns hatten, während denen er sich gerne weiterhin mit Brian über sein hochspannendes Lieblingsthema in aller Ausführlichkeit unterhalten durfte. Hauptsache, er ging uns beiden bis Parksville nicht auf die Nerven.

Mein stiller Wunsch fand Gehör, denn er wandte sich tatsächlich von uns ab und schloss sich John und Brian an, die sich zum Einsteigen bereit machten. Unserem Fahrer konnte es nicht schnell genug gehen, weiterzufahren.

Na endlich, schrie sein nervöses Trommeln auf dem Autodach förmlich.

Das wunderte mich, denn ein Blick auf meine Uhr sagte mir, dass wir noch gut in der Zeit lagen. Nach meiner Rechnung würden wir am frühen Abend ankommen, die anderen waren lange vor uns losgefahren, und aufgebaut werden sollte erst morgen – Proben inbegriffen. Wozu also diese Eile? Vorhin war Brian doch noch so entspannt gewesen, und jetzt war er wie ausgewechselt. ‚Auf glühenden Kohlen‘ traf es am besten, und ihn in diesem Zustand zu reizen, hielt ich nicht für empfehlenswert.

Mike im Schlepptau, pfiff ich auf die vorherige Sitzordnung und ließ mich auf den Platz in der Mitte der Rückbank fallen. Kaum hatte der die Tür hinter sich zugezogen, drückte Brian aufs Gaspedal und legte einen formidablen Kavalierstart hin. Kunststück, wir waren ja auch die ersten in einer langen Reihe von Autos, die darauf warteten, endlich von der Fähre herunter zu können. Den drohenden Stau zu vermeiden, indem er als erster die empfohlene Umleitung nahm, war seine Devise. Eine weitere Verzögerung wollte er nicht riskieren, ihm reichte bereits die Tatsache, dass aus den zwei Stunden vermutlich drei bis vier Stunden würden, wenn er nicht gewaltig auf die Tube drückte.

Mir war immer noch nicht klar, warum es so ein Drama war, wenn wir statt um sechs erst um acht Uhr ankämen. Auch John, der bisher am ruhigsten von uns allen geblieben war, begann sich zu fragen, was mit unserem Manager los war. Die einzigen, die unbeteiligt aus dem Fenster schauten, waren Mike und Ryan. Der eine, weil er in Gedanken immer noch bei unserem Gespräch an Deck war und meine Hand umklammert hielt – der andere, weil ihm gar nichts anderes übrig blieb und dem Fahrer nicht noch zusätzlich auf die Nerven fallen wollte.

Meine Ansage auf dem Schiff hatte also gewirkt. Doch dadurch wurde die Atmosphäre im Ford nicht besser. Wie John, hatte ich das Gefühl, dass irgend etwas vorgefallen war, das Brian die Stimmung verhagelt hatte. Wir sollten es bald schon erfahren.

„Broken Strings“ : Chapter 35 – Geboren am 18. Juni

♪♫ Liar, liar, you’re such a great big liar. With the tallest tales that I have ever heard.

Ein Ohrwurm zum unpassendsten Zeitpunkt, aber nur allzu wahr. Oh ja, diese Tischrunde war grandios gesprengt worden. Der erste, der den Raum verlassen hatte, war Mike. Danach war ich aufgestanden und hatte mich bei Mark und Sue entschuldigt, um einen Ort aufzusuchen, an den mir niemand folgen würde, um auf mich einzureden. Verwirrt schloß ich die Kabinentür und ließ mich auf der Schüssel nieder. Was hatte ich da bitte gerade gehört? In mir ging es drunter und drüber.

♪♫ Fire, fire, you set my soul on fire, Laughing in the corner as it burns, Right between the ribs it’s sinking in.

Flashback: Hier kommen sämtliche guten Eigenschaften von Dir zusammen! Was für ein abgeschmackter Witz, den keiner von uns komisch gefunden hatte, schon gar nicht nach Mikes Reaktion darauf.

♪♫ Oh, oh, the siren sang so sweet and watched the sailors going down. Oh oh, you talk to me in siren song; yeah, anyone would drown

Liar. Liar. Oh, oh, Deinen Worten habe ich nur zu gerne gelauscht. Sie waren Musik in meinen Ohren. Musik, an der ich mich berauscht.. and the ships go down, following the sound…

Hear. That. Sound. Eine WhatsApp-Nachricht von Jenny war gerade frisch hereingekommen: „Was ist los, Süße?“

Süße? Jetzt du nicht auch noch, stöhnte ich gequält, There’s nothing sweet about me, und im Moment ist eure ‚Süße‘ ziemlich sauer. Augenrollend textete ich zurück: „Ich weiß nicht weiter, Jenn…“

Jenn. O je – wenn Du meinen Namen abkürzt, ist es wirklich ernst.“

Ist es auch. Jenn, wo fängt die Lüge an? Wenn man jemandem nicht die ganze Wahrheit sagt – oder bereits, wenn man jemanden anhand kryptischer Andeutungen die falschen Schlüsse ziehen und ihn in dem Glauben lässt, dass…“

Äh, ich glaube, kryptische Andeutungen machst Du gerade…“

Damit hatte sie zwar recht, aber tiefer ins Detail wollte ich nicht gehen. Tallest tale, auch besser bekannt als Seemannsgarn oder größter Schwindel aller Zeiten… Beim Geburtsdatum zu schummeln, war nur eine kleine Lüge, aber ihre Wirkung konnte ich mir nicht schönreden oder gar -trinken. Vor allem war sie unnötig wie ein Kropf. Hollywooddiven vergangener Zeiten waren bekannt dafür, sich um Jahre jünger zu machen; aber das waren, wohlgemerkt, Jahre und nicht bloß ein paar läppische Monate wie bei Mike.

Ich verstand nicht, wo darin der Witz liegen sollte. Eine Privatparty anlässlich des Beginns seines neuen Lebensjahres, den seine Bandkollegen sowieso nicht feiern wollten? Auch nicht mit einer Überraschungsparty? Der Grund dafür war simpel: September war der falsche Monat, und der Zehnte der falsche Tag. Geboren am 18. Juni. Und dann war es noch nicht mal ein runder Geburtstag.

Neundundzwanzig, Halleluja – wenigstens stimmte das Alter. Und spätestens hier drehte ich mich im Kreis, von wegen Hollywooddiven, ihr Alter, und so… Und wenn er schon bei so einer Lappalie geflunkert hatte, wobei dann noch? Von all dem schrieb ich Jenny natürlich nichts. Stark verkürzt teilte ich ihr mit, dass es schon eine Weile her war, dass mich jemand so verschaukelt hatte, und ich mich fragte, warum.

Da es bei ihr zu Hause schon spät war, schob ich noch ein „Lass uns morgen telefonieren“ hinterher und zog mich aus dem Chat zurück. Aber etwas musste ich dabei falsch gemacht haben, denn auf dem Display öffnete sich ein Fenster und zeigte mir den Text, an dem Mike zuletzt stehengeblieben war: „Schlangen-Menschen sind materialistisch und schielen gerne nach dem Besitz anderer. Sie besitzen von allem gerne das Beste, empfinden allerdings keine Leidenschaft für Shopping.“

Keine Leidenschaft für Shopping… Okay, nicht jeder Blödsinn war es wert, vor versammelter Mannschaft wiedergegeben zu werden, und das hier hätte ich an Mikes Stelle auch weggeklickt. Aber à propos Mike… wie ich ihn kannte, war er garantiert zum Rauchen nach draußen gegangen.

Jeder hatte so seine Methoden, sich zu beruhigen, und ich gehörte zu denen, die nicht auf Nikotin zurückgreifen wollten. Das hatte ich früher oft genug getan. Mit dem Ergebnis, dass irgendwann meine Kondition immer schlechter geworden war: Wo ich davor locker zwanzig Bahnen oder mehr im Schwimmbecken heruntergerissen hatte, war ich zum Schluss nur noch auf einen Bruchteil der im Wasser zurückgelegten Strecke gekommen und hatte der elenden Qualmerei endgültig abgeschworen.

Ein anderes Mittel musste her, denn so konnte ich auf keinen Fall vor die Tür treten; die anderen würden sofort merken, dass etwas nicht stimmte – beste Voraussetzungen für eine harmonische Rückfahrt.

Ironie off!, Andrea, und denk scharf nach. Irgendwo auf Deinem Handy hast Du doch bestimmt die passende Musik gespeichert, die Du wählen würdest, wenn Du die Herzfrequenz senken wolltest. Settle, relax and chill out. Here we go: Zola Jesus? – Zu viele Beats drin, und die Stimme kann ich jetzt nicht ertragen… Conjure One?

Schon besser, aber als Schlaflied eignet sich kein Lied davon… Goldfrapp. Tales of Us? – That’s it. Und tatsächlich: Alison Goldfrapp, begleitet von ruhigen Klängen, erreichte mit ihrer Stimme, dass sich meine Atmung und mein Puls verlangsamten und ich nicht länger mein Herz bis zum Hals klopfen hörte. Schön, ich war angeschmiert worden, aber sollte ich mir dadurch wirklich den Rest des bisher so angenehmen Tages, verderben lassen? Einen Indian Summer würde ich so schnell kein zweites Mal erleben, und jetzt war definitiv nicht die Zeit für einen Streit, vor allem nicht vor den anderen. Ich würde mir Mike vorknöpfen, wenn wir unter uns waren.

Alles verlief nach Plan, aber der Plan war der größte Mist aller Zeiten – um im Voraus wissen zu können, dass wir für den Rückweg ewig brauchen würden, hätte ich im Besitz einer Kristallkugel sein müssen. Staus sind grundsätzlich der blanke Horror für mich, auch ohne den Druck, eine bestimmte Fähre erreichen zu müssen. Mit Hängen und Würgen ergatterten wir einen Platz auf dem letzten Schiff nach Richmond zurück, und nur die Tatsache, dass mir Mark die Musikauswahl überließ, bewahrte mich davor, innerlich die Wände hochzugehen.

Er wunderte sich, warum ich mit Sue die Plätze tauschen wollte, und dass ich meine Sendersuche abbrach, als ich bei Countrymusik hängenblieb, rief bei ihm ein weiteres Stirnrunzeln hervor. Aber er hielt sich mit Kommentaren wohlweislich zurück und konzentrierte sich aufs Fahren. Auf dem Schiff war ich dann auch die Erste, die den Impala verließ. Sollten die anderen sich um einen Platz kümmern; ich erklärte mich für die Getränke zuständig und stellte mich in der Schlange an. Zehn Leute vor mir, das konnte dauern. Nicht so gut für Mark, der dringend einen Koffeinschub benötigte, und auch nicht für Sue, deren Hals sich sicher gefreut hätte, wenn ich ihr einen Becher heißen Tee gereicht hätte.

Ich war dagegen froh, erst einmal etwas zu tun zu haben und auch räumlich etwas Abstand zwischen Mike und mich zu bringen. Was im Auto trotz des begrenzten Platzes funktioniert hatte, war auf der Fähre nicht ganz so einfach. Sich hier aus dem Weg zu gehen, war nahezu unmöglich, wenn ich mich nicht die ganze Fahrt über im Klo einschließen wollte. Meine Mitfahrer würden sich schön bedanken und wissen wollen, warum ich mich so anstellte. Erklärungsbedarf gut und schön, aber nicht jetzt und nicht so. Dafür war ich noch nicht in der richtigen Stimmung, ihnen meine Befindlichkeiten haarklein auseinanderzuklamüsern, und schon gar nicht Mike – sollte der doch erst mal…

Zu spät! Wenn ich gedacht hatte, dass mir mein Platz in der Schlange einen Puffer verschafft hatte, war ich gewaltig im Irrtum. Jemand drängte sich zwischen mich und meinen Hintermann, schlang beide Arme um meine Taille und legte seinen Kopf auf meine Schulter. Na super – wenn man vom Teufel spricht… Mist. Weglaufen war nicht drin. Ob Mike den Braten gerochen hatte? Vermutlich nicht, so anlehnungsbedürftig, wie er war. Oder vielleicht doch? Jetzt hatte er mich, und ich konnte ihm nicht mehr weglaufen; seit heute Nachmittag hatte er sich nämlich schon gefragt, ob er sich nur einbildete, dass ich ihm aus dem Weg ging. Bingo. Volle Kanne. Was sollte ich darauf antworten?

Jemanden auf ‚ignore‘ zu setzen, funktioniert vielleicht in Internetforen, aber im echten Leben? Und dabei hatte ich einen so tollen Plan gefasst: Pokerface aufsetzen, nichts Unüberlegtes sagen und ihn in dem Glauben lassen, dass ich meine Stimme schonen wollte. Einen idiotischen Plan zu haben, der funktioniert, war schon schlimm genug – aber was, wenn man einen guten Plan hat, der im richtigen Leben versagt?

Meine Ausrede war plausibel, wenn man danach ging, wie oft ich mir das Ungetüm von Schal um den Hals geschlungen hatte… und jetzt kam er mir so. Ja, mach nur einen Plan – und so zerbröselt der Keks… Resistance is futile? Nicht ganz. Wenn er sich vorgenommen hatte, mich durch sein Anschmusen aus dem Hinterhalt weichklopfen und am Ende doch noch herumkriegen zu können, würde er nicht weit kommen. Heute Nacht würde sich mit Sicherheit nichts mehr zwischen uns abspielen.

♪♫ Bring on the headless horses, wherever they may roam – shiver and say the word of every lie you’ve heard...

Eleven o’clock tick tock? Von wegen – es war kurz nach sieben. Wer um alles in der Welt hatte den Radiowecker bloß auf so eine unmenschlich frühe Uhrzeit gestellt? Ich war’s nicht gewesen; und nach den wenigen Stunden, die ich mehr schlecht als recht geschlafen hatte, wäre ich niemals auf eine so bescheuerte Idee gekommen. Dass derjenige sich die Mühe gemacht und einen Sender gesucht hatte, der morgens genau die Songs im Programm hatte, die ich liebte, obwohl ich zu ihrer Entstehungszeit noch gar nicht geboren war, tröstete mich auch nicht.

Es war ja nicht die frühe Stunde allein. Die Stimme, die mir aus der winzigen Konservendose von Lautsprecher entgegen schepperte, musste ausgerechnet meinen Lieblingssong aus dem Film „Pretty in Pink“ singen. Welche Ironie. Der Text fasste unser ganzes Dilemma in wenigen Zeilen zusammen und klang genau deshalb wie der blanke Hohn in meinen Ohren: „First I’m gonna make it, then I wanna break it till it falls apart. Hating all the faking and shaking while you’re breaking my brittle heart.“

Kleine Sünden bestraft der Herrgott sofort. Für meine gefakten Halsschmerzen revanchierte sich das Universum mit der Holzkeule. Zaunpfähle sind out – nimm ’nen Baseballschläger, auch wenn der nur akustisch daherkommt und sich als New-Wave-Klassiker tarnt.

Morgens um sieben war die Welt vielleicht für andere in Ordnung. In mir aber köchelte es; nur ahnte Mike davon noch nichts. Mit Echo & The Bunnymen nach vier Stunden tiefsten Schlafs geweckt zu werden und sich an die Liebste zu kuscheln, war seine Traumvorstellung von einem gelungenen Start in den Tag. Die Liebste entzog sich seinen Zärtlichkeiten? Blöd gelaufen, aber warum nicht weiter probieren…

Dass jedoch alle Bemühungen in dieser Richtung für die Katz waren und die Süße heute morgen so gar keine Lust auf einen Quickie verspürte, dämmerte ihm erst nach und nach. O Lord, let it rain some brain. Ja, wenn man morgens zunächst nur in der Lage ist, mit anderen Teilen des Körpers zu denken, die tatsächliche Schaltzentrale erst mit fortschreitendem Grad des Wachseins aktiviert wird, und erst am End‘ der Groschen fällt…

Oh, was war ich fies. Oder ‚gut drauf‘, wie Jenny jetzt gesagt hätte. Ich bin klein und gemein! Aber so gemein, ihn aus dem Bett zu schubsen, auch wieder nicht. Da reichte schon ein ganz anderer Schubs. Auf die Frage, was mit mir los wäre, weil ich ja schon seit gestern so komisch drauf sei, hatte ich schon gewartet und die Antwort in Form einer simplen Gegenfrage vorbereitet: „Warum hast Du mich angelogen?“

Seine Augen wurden schmal: „Ich Dich angelogen?“

Offenbar begriff er nicht, wovon ich sprach. Auch gut, Mr. Mitchell. Dann wollen wir mal nachhelfen und das Geheimnis lüften.

Oh, jetzt enttäuschst Du mich aber. Wer ist denn gestern Nachmittag so plötzlich vom Tisch aufgesprungen und hätte Mark um ein Haar rund gemacht?“

Aber es klingelte immer noch nicht bei ihm. Wenn dezente Hinweise nicht zur Klärung beitrugen, musste ich wohl deutlicher werden. Der Zwilling und seine zwei Gesichter… seinen Stimmungsumschwung hatte ich noch ganz deutlich in Erinnerung, genau wie diesen Schweizer Käse, den Mark zitiert hatte – und genau den gab ich jetzt wieder: „Der Zwilling. Problemlos findet er die richtigen Worte, um das Objekt seiner Begierde glücklich und in sich verliebt zu machen. Er flirtet wie ein Weltmeister, ohne jedoch ernsthaft an eine feste Beziehung zu denken…“

Okay, das mit der Beziehung war irrelevant, und das schob ich auch sofort hinterher, bevor ich mit dem Rest fortfuhr: „Wie war das nochmal? Sternzeichen Zwilling mit Aszendent Zwilling. Da sind sie gleich doppelt ausgeprägt. Deine Eigenschaften.“

Und?“

Und?“ Jetzt war ich diejenige, die nicht verstand, wie jemand so begriffsstutzig sein konnte. Oder handelte er nach dem Motto ‚Einmal dumm gestellt, hilft einem durchs ganze Leben‘?

„Dann erklär mir doch mal, wieso wir im September Deinen Geburtstag feiern, wenn der schon seit Monaten vorbei ist? Nur wegen unserer kleinen ‚Privatparty‘ hättest Du nicht so einen Aufriss machen müssen, von wegen ’neues Lebensjahr‘ und so. Wer weiß, was Du mir noch verschweigst, wenn Du schon bei so einer Kleinigkeit …“

Aha. Kleinigkeit…“ – Mike starrte mich an, als ob ich nicht ganz bei Trost wäre. „Und das ist Dein ganzes Problem?“ Mein ganzes Problem? Komm mir jetzt bloß nicht so, dachte ich. „Echt jetzt?“

Ja, redete ich denn chinesisch? Woran er bei mir war, hatte er von Anfang an gewusst – anders herum war ich mir da nicht mehr so sicher, erklärte ich noch einmal. Wenn das Schummeln schon bei solchen ‚Kleinigkeiten‘ anfängt, wo hört das dann auf? Vermutlich würde ich es nicht mehr erfahren, weil ich dann schon im Flieger nach Deutschland säße, aber diese Bemerkung schluckte ich hinunter. „

Also schön. Da Du mir ja offenbar nicht glaubst – frag John.“

John? Was hatte denn der jetzt damit zu tun? Das wurde mir jetzt eindeutig zu blöd hier.

Okay, jetzt raus mit der Sprache. Dass der elfte September seit 2001 kein Tag zum Jubeln ist, weiß ich auch. Aber was soll dieses Theater um den Zehnten? Und warum soll ich John fragen? Der ist erstens nicht hier, und zweitens will ich keine zweite Meinung einholen, sondern es von Dir hören. Und zwar jetzt.“

Ich wartete noch ein, zwei, drei Sekunden. Dann hatte ich endgültig genug. Wie mich dieses Herumgedruckse nervte! Aus dem Bett freigeschaufelt hatte ich mich schon, und auch damit begonnen, mich anzuziehen. Schlafen war jetzt sowieso nicht mehr drin, also konnte ich genauso gut auch aufstehen und für eine geregelte Koffeinzufuhr sorgen. Ohne Kaffee fühlte ich mich nur wie ein halber Mensch.

Na, hattet Ihr einen schönen Tag?“ wurde ich von Madlyn begrüßt. Klar, Sue war noch nicht wach, aber sie hätte ihr auch so nicht viel erzählen können. Also hielt sie sich an mich.

Frag bloß nicht.“, stöhnte ich und holte mir einen großen Becher extrastarken Kaffee.

Keinen Bissen brachte ich hinunter, denn der Appetit war mir gründlich vergangen. Außer Kaffee und meiner Ruhe wollte ich nichts, aber dieser Wunsch sollte nicht in Erfüllung gehen. Madlyn war nämlich der Meinung, dass mich ein detaillierter Bericht über ihren vergangenen Tag brennend interessierte. Im Normalfall schon, aber mir war nicht danach, mir die Erfolgserlebnisse anderer Leute anzuhören: zuerst beim Bowling, wo sie und ihr Schatz mehrmals hintereinander alle Pins abgeräumt und Ryan und John haushoch geschlagen hatten; danach hatten sie sich ein mehrgängiges Menü in einem indischen Restaurant gegönnt und die kulinarische Entdeckung des Jahres gemacht – worin auch immer die bestand.

Zuletzt hatten sie in einem Pub Darts gespielt. Das war Dannys Idee gewesen, aber leider hatten er und John erleben müssen, dass sie und Ryan auch hier richtig abräumten und bei der Revanche ebenfalls gewannen. Und das bei den Meistern des Darts! Na, da hatte ja jemand Erfolg auf der ganzen Linie gehabt, war mein Gedanke dabei, und wenigstens war für eine der Tag besser gelaufen. Wie sich die anderen mit nicht ganz so viel Glück fühlten, fragte ich besser nicht. Manche nehmen das Verlieren nicht so locker und schießen sich aus Frust die Lichter aus. Wie ich mich überzeugen konnte, war das große Besäufnis jedoch ausgeblieben. Puh! Da hatten wir nochmal Schwein gehabt.

A propos Schwein. Kaum war Madlyn aufgestanden, um sich noch einen Teller Pancakes zu holen, setzte sich auch schon der nächste neben mich: Steve. Genüsslich begann er damit, seine Portion Schweinswürstchen zu verspeisen. Och nö, musste das jetzt sein, so direkt vor meiner Nase? Mir wurde ja von dem Geruch schon schlecht, aber auch die Rühreier und die gebackenen Bohnen konnten diesen olfaktorischen Angriff nicht abmildern. Wie konnten die Leute am frühen Morgen nur schon so viel essen? Und dann noch glauben, dass dies die ideale Zeit für ein Gespräch war, das über Smalltalk hinausging?

Okay, ich war ja selbst keinen Deut besser, dass ich Mike kurz nach dem Wachwerden zur Rede gestellt hatte. Nun aber meinerseits von Steve über meine Antipathie gegenüber Frank ausgequetscht zu werden, entsprach nicht dem, was ich mir unter einer angenehmen Unterhaltung vorstellte.

Ich verstehe nicht, was er für ein Problem mit Dir hat“, fasste er seinen Monolog abschließend zusammen. „Ich meine, es war doch von Anfang an klar, dass ich wiederkommen würde. Mein Job war nie wirklich in Gefahr.“

Ich glaube, das versteht keiner“, mischte sich Bradley ein. „Ihm hat Andie doch nichts weggenommen. Im Gegenteil – er kann doch froh sein, dass er nicht die ganze Arbeit alleine machen soll. Wenn sich vielleicht einer zu beschweren gehabt hätte, dann wäre das Steve gewesen, aber das Thema ist ja nun vom Tisch.“

Ich glaube, da kann ich Licht ins Dunkel bringen.“ Erstaunt blickten wir auf. Vor uns stand Kevin mit einem Teller Rührei mit Speck und zog sich den letzten freien Stuhl an Land. „Ich habe zwar nicht das ganze Drama mitbekommen, aber ich glaube, da gibt es etwas, das Ihr wissen solltet.“

Nun waren wir alle gespannt, welche News uns erwarteten. Wenn er es nur nicht so spannend machen würde, dachte ich. Aber Kevin zog es vor, erst einmal einen langen Schluck aus seinem Kaffeebecher zu nehmen.

Oh Mann, Stewart – komm endlich zur Sache“, stöhnte Bradley genervt in die Runde.

Keep cool, Jackson, gönn Deinem Kollegen doch wenigstens seinen Kaffee, solange er noch heiß ist.“

Typisch Stewart. Erst die Leute heiß machen und dann im Regen stehen lassen“

Ja, bitte“, sprang ich Bradley bei, denn auf die Folter ließ auch ich mich nicht gerne spannen. Mein Bedarf an Männern, die mit der Sprache nicht herausrückten, war für heute gedeckt.

Achtung, jetzt ging es los. Kevin setzte den Becher ab und beugte sich nach vorne. Mit verschwörerischer Miene und gesenkter Stimme erzählte er von einem Telefonat, das er vor einiger Zeit rein zufällig aufgeschnappt hatte. Zunächst hatte er sich keinen Reim darauf machen können, und eigentlich gingen ihn Franks Gespräche auch gar nichts an, aber dann war Steves Name gefallen; also hatte er genauer hingehört und damit begonnen, den Roadie genauer unter die Lupe zu nehmen. Und schließlich hatte er die Bestätigung: Frank hatte sich lang und breit bei jemandem aus seinem Dunstkreis darüber ausgekotzt, wie sehr es ihn immer noch wurmte, dass ich den Job nur wegen meiner Affäre mit Mike bekommen hatte. – Oh, wow! Was für eine Neuigkeit, lasst uns diese Sensation feiern!

Oh Mann, Stewart. Und ich dachte, wir würden mal was wirklich Neues erfahren“, reagierte ich dann auch prompt entsprechend.

Die Story von meiner angeblichen Bevorzugung kannte doch inzwischen jeder; und Steve wahrscheinlich auch schon längst. Neu für uns aber war, dass Frank lieber selbst jemanden aus seinem eigenen Dunstkreis an meiner Stelle platziert hätte. Der Typ, mit dem Frank so ausgiebig telefoniert hatte, war selbst scharf auf den Job gewesen, weil er hoffte, auf diese Weise einen Fuß in das Business zu bekommen und eine steile Karriere hinzulegen. Schön blöd!

Ich konnte mir sehr gut vorstellen, welche Worte bei dem Gespräch zwischen Frank und dessen Kumpel gefallen waren – ‚dahergelaufene Tussis, die glauben, dass der Weg nach oben durchs Bett führt und mit dieser Masche auch noch durchkommen…‘ Neid, Dein Name ist Parker, in giftgrünen Buchstaben vor schwefelgelbem Hintergrund. Der Weg nach oben. Aha. Klar, ich hatte mir Mr. Mitchell an Land gezogen, um einen schlechtbezahlten und zeitlich begrenzten Aushilfsjob zu ergattern, und da mir der Womanizer Number One so unglaublich schwer widerstehen konnte…

Was glaubst Du denn, wie oft Brian ihm verklickert hat, dass das nie zur Debatte stand?“ Ja, wie oft wohl, ging es mir bei Kevins Gegenfrage an Steve durch den Kopf. Der hatte nicht glauben können, was Kevin ihm zu erklären versucht hatte. Gut, dass ich davon nicht jedes Wort mitbekommen hatte, sonst wäre ich so rot angelaufen wie eine Bloody Mary.

Ich glaube, er will das nicht verstehen“, warf Bradley ein und wendete sich nun mir zu: „Typen wie er brauchen jemanden, den sie schikanieren und an dem sie ihren Frust ablassen können. Und da bist Du ihm gerade recht gekommen.“

Okay, fein. Lasst uns Franks Mobbing mir gegenüber zum Thema machen.

„Aber weißt Du, was ich am wenigsten kapiere? – O nein, bitte nicht – „Dass Du das so lange für Dich behalten hast.“

Verdammt nochmal, sollte das ein Verhör werden? Wie schlimm konnte der Tag noch werden? Dabei hatte er doch gerade erst angefangen. Verstimmt verschränkte ich meine Arme vor der Brust und schob meinen Becher von rechts nach links. Genervtes Trippeln mit der Fußspitze unter dem Tisch.

„Musst Du diese alte Geschichte schon wieder aufwärmen?“ nörgelte ich dann auch prompt zurück.

Ja, weil es ja sonst keiner tut. Wir alle haben die blauen Flecken und die Schrammen gesehen. Ich, Ryan, Mike…“

Oh Mann!“ fuhr ich dazwischen, „Hör mir bloß auf mit denen!“

Vielleicht kam meine Antwort eine Spur zu scharf bei ihm an, oder ich war zu laut gewesen – plötzlich wurde es um mich herum ganz still. Shit. Das war genau die Situation, die ich schon in Filmen so peinlich finde: Jemand lästert über einen anderen vor versammelter Mannschaft, und dieser steht dann ohne Vorwarnung in Hörweite und bekommt alles brühwarm in aller Ausführlichkeit mit. Der formvollendete Sprung in den nächsten Fettnapf. In Wannengröße.

Lasst mich raten – entweder Ryan oder Mike waren aufgetaucht und waren Zeuge meines Ausbruchs in voller Lautstärke geworden. Meinetwegen. Sollten sie doch. Spätestens jetzt wusste der letzte Blöde, dass ich geladen war. Oh ja, das kann ich gut: Mich so richtig in etwas hineinsteigern. The Queen of Drama Queens.

Schon Deine Stimme, Süße. Du brauchst sie heute Abend noch“, ließ Mike trocken in die Runde fallen. „Wir sehen uns später.“

Der Meister des Sarkasmus hatte gesprochen und den Raum verlassen, und er hatte mich ganz schön blöd dastehen lassen. Was ich vor allem nicht verstand: Wieso würde ich meine Stimme heute Abend noch brauchen? Wollte er mit seiner ausstehenden Antwort, die mir zu lange gedauert hatte, wirklich bis zum Abend warten und mich so lange schmoren lassen? Das Singen konnte er nicht gemeint haben, denn die nächste Show war für den 17. September geplant. Ein Dienstag – Vive la France! An Dienstagen war das Publikum ohnehin schon kleiner als an anderen Tagen, und bei unserem Konzert im ersten Kaff auf Vancouver Island konnten wir uns ausrechnen, wie gut besucht die Hütte wirklich war.

Nein, mein Freund – das wollte ich dann doch schon vorher geklärt haben. Welche Ausmaße Schwelbrände annehmen konnten, hatte ich während meiner Ausbildung gelernt, und darauf konnte ich getrost verzichten.

„Broken Strings“ : Chapter 34 – Chinakracher

Da sich der Esel immer zuerst nennt, fing ich auch sofort mit dem Jahr 1998 an, denn da habe ich kurz nach Weihnachten das Licht der Welt erblickt. Als Kind haben mich alle bedauert, weil ich doch bestimmt nur ein Geschenk zu Weihnachten und nichts mehr zum Geburtstag bekommen habe. Aber da musste ich bisher jeden enttäuschen. Das schönste Geschenk für mich war immer, dass Ferien und beide Eltern zu Hause waren, dank der Weihnachtsferien. Ja, wenn man noch klein ist…

Was ich in der Speisekarte über den Tiger las, klang nicht übel: „Abenteuerlustig und realistisch, mit starkem Glauben…“

Bis auf das mit dem Glauben, lag der Schreiber dieses Textes gar nicht mal so falsch; so richtig interessant wurde es aber erst an der Stelle, die sich mit den Konstellationen für Romanzen beschäftigte: „Beste Übereinstimmung bei Drache, Pferd oder Schwein – geringste Übereinstimmung bei Schlange oder Affe.“

Jetzt musste ich nur noch herausfinden, welches dieser Zeichen zu welchem „Baujahr“ gehörte. Bei Mike war es einfach: 1990 war das Jahr des Pferdes, so viel hatte ich schon mit Hilfe einer bekannten Suchmaschine ermittelt.

Gespannt scrollte ich über die Seite: ‚Pferd: Gutherzig, konservativ, lebhaft und enthusiastisch. Beste Übereinstimmung: Tiger, Ziege oder Hund. Geringste Übereinstimmung: Ratte Büffel oder Hahn.“ So so. Tiger und Pferd waren also ein super Gespann.

Wie war das nochmal mit dem Humbug, an den ich angeblich nicht glaubte? Was wir hier hatten, war ein typischer Fall von selektiver Wahrnehmung: Während mich die ganzen Silvesterbräuche nicht die Bohne interessierten, sah es mit diesem Geschreibsel anders aus.

Okay, das meiste wie „Beste Karrieremöglichkeiten: Übersetzer, Bibliothekar und Pilot“ oder „Pferde sollten nicht zu oft Überstunden machen und nicht zu spät nach Hause kommen“ nahm ich nicht für bare Münze. Vor allem dann, wenn auf der gleichen Seite verkündet wurde, dass Menschen dieses Tierkreiszeichens Bestätigung von anderen Menschen brauchten, weil sie extrovertiert und natürlich bei Anlässen wie Konzerten, Sportveranstaltungen und Partys anzutreffen seien, weswegen sie sich gut als Darsteller und Barkeeper eigneten.

„Sie lieben es, im Mittelpunkt zu stehen und das Publikum zu erfreuen“… wie wahr. Mike würde bestimmt einen guten Barkeeper abgeben – aber sagen Sie mal einem Barkeeper, dass er früh zu Hause sein soll – das funktioniert niemals im Leben. Aber was erwartete ich auch von einer Seite, die sich mit Rundreisen durch China beschäftigte…

Wollt Ihr mal wissen, was chinarundreisen dot com über den Tiger zu sagen hat?“, fragte ich in die Runde, nachdem unser Essen gebracht worden war. „Aber verschluckt Euch nicht, denn das ist einfach nur zum Brüllen!“

Amüsiert scrollte ich weiter nach unten. Den Teil mit dem Mangel an Romantik übersprang ich und ging gleich zum beruflichen Teil über: „Für Tiger, die um ihre Arbeitsstelle kämpfen, wird es ein Jahr sein, in dem sie befördert werden und eine Lohnerhöhung bekommen.“

Die Beförderung hatte ich schon hinter mir, allerdings ohne Lohnerhöhung; aber das allein war es nicht, warum ich so grinsen musste; es ging ja noch weiter: „Sie sind geeignet für alle Berufe, die Führungsqualitäten erfordern. Das sind Werbevertreter, Büromanager, Reiseakquisiteur, Schauspieler, Schriftsteller, Künstler, Pilot, Fluglotse, Musiker, Komiker und Chauffeur.“ Reiseakquisiteur – Pilot – Fluglotse: Da hatten wir ja schon die halbe Touristikbranche beisammen. „Schauspielerin oder Musikerin… ernsthaft? Wollt Ihr das wirklich der Welt zumuten?“

Jetzt mach Dich mal nicht schlechter, als Du bist“, unterbrach mich Mark. „Bisher ist noch niemand schreiend weggelaufen.“

Und Mike tutete in das gleiche Horn: „Stimmt. Ich weiß gar nicht, was Du hast, Süße. Deine Stimme ist doch super.“

Eine Ansicht, die Mark erstaunlicherweise teilte: „Da muss ich Mitchell mal ausnahmsweise recht geben Ich warte ja heute noch auf das Duett, von dem er mir die ganze Zeit erzählt.“

Hä? Welches Duett? Doch nicht etwa das aus „A Star is born“?

Du als Lady Gaga und Mitchell als Bradley Cooper. Das käme bestimmt gut auf einem unserer nächsten Konzerte.“

Ach nein. Musste ich wirklich noch einmal extra betonen, wie gaga ich diese Idee wirklich fand? Und dass diese ausgerechnet von Mark kam? Das brachte mich auf einen neuen Einfall.

Welcher Jahrgang bist du nochmal?“ Mit dieser Frage hatte Mark nicht gerechnet.

1987 – wieso?“ Tja, warum wohl? Gleich werden Sie es erfahren, Mr. Kelly, rieb ich mir innerlich die Hände.

Darum: 1987 = Hase…“ Jetzt bitte nicht diesen blöden Witz vom Easter Bunny oder dem Rabbit in the Headlights aus der Toyota-Auris-Werbung auf ITV. „… Hasen tendieren immer dazu sanft, ruhig sowie elegant und wachsam, freundlich und geduldig sowie besonders verantwortungsvoll zu sein.“

Na ja, immer wäre doch jetzt stark übertrieben“, räusperte sich Mark zwischen zwei Bissen, und ich hatte nicht übel Lust, ihn zu fragen, ob ich ihm noch weiter schmeicheln sollte, auch auf die Gefahr hin, dass Mike das nicht so witzig fand. Ach, egal – no risk, no fun, oder wie er sich auf der Fähre ausgedrückt hatte.

Okay, halt dich gut fest – es geht noch weiter: ‚Generell gesprochen, haben Menschen, die zum Tierkreiszeichen des Hasen gehören, einen sehr liebenswürdigen Charakter. Hasen sind loyal zu den Menschen ihrer Umgebung.‘ Ach ja, einen hätte ich noch: ‚Wenn sie mit Ärger in Berührung kommen, können sie damit in friedlicher Weise umgehen. Begegnen sie starken Schwierigkeiten, sind sie niemals mutlos und bemühen sich beharrlich um eine Lösung des Problems. So erreichen sie möglicher Weise auch beneidenswerte Erfolge.‘ Möchtest Du jetzt noch wissen, welcher Beruf der ideale für Dich ist?“ Nach diesem Geschleime wollte er bestimmt nicht wissen, was der Erfinder dieses Horoskops sich noch so alles aus den Fingern gesogen hatte.“

Aber klar doch“, höhnte Mike. „Gib alles, Süße. Nach dieser Lobhudelei würde mich nicht wundern, wenn dieses ‚Horoskop‘ herausfindet, dass Mark der bessere Manager ist.“

Nanu, woher kam denn diese Anwandlung? Wahrscheinlich ärgerte er sich bloß über das nichtssagende Bla Bla, das ich über ihn herausgefunden hatte.

Okay, dann schieß mal los“, grinste Mark mir quer über den Tisch zu.

Na schön. Auf Deine Verantwortung. Aber denkt dran – auf meinem Mist ist das nicht gewachsen. Also: ‚Menschen die zum Tierkreiszeichen Hase gehören, sind für Berufe im Agrarbereich, der Aufzucht, dem Erziehungswesen, Religion, Gesundheit und Medizin, Kultur, Polizei und Justiz sowie der Politik gut geeignet.‘ Soll ich aufhören?“ unterbrach ich meinen Vortrag, als ich sah, wie Mike nach Luft schnappte. Oh je, das war wohl doch zu starker Tobak für ihn. „Alles in Ordnung mit Dir, Schatz?“

Am besten, Du klopfst ihm auf den Rücken, bevor er sich noch verschluckt“, warf Mark ein.

Yes, Sir.“ japste mein Patient und fing an, albern zu glucksen, „Officer Kelly. Der Witz war gut.“

Na schön, mein Freundchen, sann ich in Gedanken auf Revanche, Du kommst auch noch dran, aber erst mal bringen wir diese Lektion zu einem sauberen Abschluss: “Beste Übereinstimmung in Liebesdingen – Ratte, Ziege, Hund oder Schwein. Geringste Übereinstimmung – Hahn oder Schlange.“

Da hörst Du’s“, wendete sich Mark seiner Liebsten zu, „Ziege und Hase ergänzen sich prima“

Ich staunte und lernte immer mehr dazu. Wenn Meckern zu den wesentlichen Charakterzüge einer Ziege gehörte, dann war jetzt definitiv nicht ihre Zeit, bei so viel schriftlich bestätigter Übereinstimmung von dritter Seite. Rasch sprang ich zu der Stelle, die sich mit den Charaktereigenschaften von Ziege-Geborenen beschäftigte.

„Menschen, die in diesem Jahr geboren sind, haben ein sanftmütiges Temperament, sind pessimistisch, scheu und mitfühlend. Sie sind noch angenehmer, wenn man ihnen ihre Ruhe lässt oder sie zuhause bleiben können. Ziegen geben gerne Geld für modische Kleidung aus, die ihnen ein erstklassiges Äußeres verleiht. Obwohl sie es genießen Geld für feine Dinge auszugeben sind sie nicht versnobt.“

Aber das las ich lieber nicht vor, da ich die gute Stimmung nicht trüben wollte. Außerdem war da noch das Pferd, das sich gleich nicht mehr so gebauchpinselt fühlen würde.

Pass auf, das hier wird Dich ganz besonders interessieren, mein Schatz“, begann ich und las vor: „Manchmal sind Pferde ein bisschen egozentrisch, was aber nicht bedeutet, dass sie sich nicht für die Probleme anderer interessieren. Jedoch sind Pferde etwas listiger als intelligent, was vermutlich daran liegt, dass es den meisten Menschen dieses Tierkreiszeichens an Vertrauen mangelt.“

Das hatte gesessen; jetzt waren ein paar nettere Worte angebracht: „Mit einem gewandten Sinn für Humor sind Pferde Meister der Schlagfertigkeit. Sie lieben es im Mittelpunkt zu stehen und das Publikum zu erfreuen. Sie können den Gedanken ihres Gesprächspartners folgen, noch bevor man sie geäußert hat.“

Den Gedanken des Gesprächspartners folgen… In der Hinsicht ergänzt ihr zwei euch tatsächlich prima“, warf Mark trocken ein. „Jetzt fehlt nur noch ein kluger Satz über die größte oder niedrigste Übereinstimmung.“

Damit konnte ich dienen. „Hier, bitte: ‚Beste Übereinstimmung – Tiger, Ziege oder Hund. Geringste Übereinstimmung – Ratte, Büffel oder Hahn.‘ – Mehr hab ich leider nicht.“

Tiger, Ziege und Hund!“ echote Mark, „Hey, Leute, das wird ja immer besser. Jetzt fehlt noch, dass 1994 das Jahr des Hundes ist.“ – Ich sprang zurück zur Gesamtübersicht. Hund: 1982, 1994, 2006… stimmt: 1994 ist das Jahr des Hundes.“

Ich werd‘ nicht mehr. Kein Wunder, dass Mike und McIntyre sich so gut verstehen. Komm, Andie, jetzt lies schon vor, was die für einen Blödsinn über John verzapfen.“

Jetzt war auch ich gespannt: „Hund, Jahrgang 1994, Element Holz – Ehrlichkeit, Vertrauenswürdig, Überlegt, Verständlich und geduldig; sie handeln niemals unmoralisch oder gegen ihr Gewissen. Hunde verlieben sich nicht leicht in jemanden. Aber wenn sie sich verlieben sind sie sehr treu, loyal und bringen sich ganz in die Beziehung ein. Allerdings haben ihre Gefühle in der Beziehung Hochs und Tiefs.“

Das wurde ja immer besser. Treu und loyal – typisch Hund? Welche Sprichwörter zu tierischen Eigenschaften gab es denn noch? Jemanden eine blöde Ziege oder einen eitlen Gockel zu nennen, zeugte nicht gerade von Sympathie für die betreffende Person, und auch die Anrede ‚Du Ratte“ war nicht als Kompliment gemeint, und noch viel weniger die „falsche Schlange.“

Eine von den letzten beiden würde ausnahmsweise zu diesem unangenehmen Roadie passen, aber da musste mich Mike enttäuschen. Er hatte mir das Telefon aus der Hand genommen und fing jetzt selber an, auf dieser Seite ein Jahr nach dem anderen abzugrasen: „1991 – Ziege. 1990 – Pferd. 1989 – Schlange. Ah ja, da haben wir es ja.“

Fasziniert las er sich den Text durch, dann brach er in schallendes Lachen aus. „Das ist zu schräg, Leute, das müsst Ihr euch anhören… ‚Schlangen ziehen es vor alleine zu arbeiten und sind daher leicht gestresst. Wenn sie ungewöhnlich angespannt sind, ist es besser ihnen Freiraum zum Rückzug zu geben und ihnen dabei Zeit zu lassen zur Normalität zurückzufinden. Schlangen haben gerne ein friedvolles Leben und mögen keine geräuschvolle Umgebung.‘ Schlagzeug spielen und keine geräuschvolle Umgebung mögen – dieser Witz ist bisher der beste!“

Spätestens jetzt hätte ich das Teil in die Tonne kloppen bzw. die Seite aus dem Browserverlauf löschen sollen, aber manchmal liegen Blödsinn und Wahrheit dicht beieinander. Seltsam fand ich nur, dass Mike an dieser Stelle mit Lesen aufhörte und mir das Handy zurückgab, ohne einen weiteren Blick daran zu verschwenden. Ein wenig zu schnell, wie ich fand. Aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Auf jeden Fall würde ich später noch einmal in einer ruhigen Minute nachsehen, was er tatsächlich gelesen hatte. Den anderen reichte jedoch dieser eine Satz, um sich halb tot zu lachen. Selbst Sue musste grinsen.

Als Drummer eine geräuschvolle Umgebung meiden. Echt jetzt? Das war ungefähr genau so sinnvoll, wie wenn ein Schwimmer sich eigentlich lieber von Wasser fernhielt. Auch das mit dem alleine Arbeiten war ein Widerspruch. Schlagzeuger waren nun mal keine Solokünstler. Es sollte noch besser kommen. Inzwischen hatte Sue ihr Telefon aus der Tasche gezogen und ihrerseits eine Suchmaschine aktiviert. Wollte sie jetzt etwa auch noch den Rest der Band mit Hilfe dieser dämlichen Seite durchleuchten?

So viel ich wusste, hatten wir Brian, Madlyn und Danny noch nicht in unsere Nachforschungen eingeschlossen, und wenn es nach mir ging, war das auch nicht notwendig. Aber was ihre Suche betraf, so hatte ich mich gründlich geirrt. Laut Lesen ging nicht, also schob sie das Handy mit einem verschwörerischen Funkeln in den Augen ihrem Liebsten zu.

Ach, sieh mal an, doppelt genäht hält wohl besser“, bemerkte er sarkastisch. „Deine Vorliebe für alles Asiatische gut und schön, liebe Andie. Aber die herkömmlichen Horoskope sind auch nicht von schlechten Eltern.“

Meine Vorliebe für alles Asiatische? Wie kam er denn darauf? Aber darüber konnte ich später nachdenken, jetzt ging es darum, dass Sue während Mikes Vortrag irgend etwas Tolles im Internet gefunden hatte und Mark nun derjenige war, der es vorlas: „Niemand geht mit der Liebe so locker und luftig leicht um wie der Zwilling.“

Ein Liebeshoroskop? Na, das konnte ja heiter werden. Vor allem war ich neugierig, auf wen sich dieses Geschwurbel beziehen sollte. Mark hatte jedoch erst angefangen.

Problemlos findet er die richtigen Worte, um das Objekt seiner Begierde glücklich und in sich verliebt zu machen. Er flirtet wie ein Weltmeister, ohne jedoch ernsthaft an eine feste Beziehung zu denken…“

Vielleicht war der Er ja auch eine Sie? Das roch nach Drama, das man am besten bei einer Tüte Popcorn genoss. Entspannt nahm ich mir noch eins der Sushi-Teilchen, die Mike übrig gelassen hatte.

… Die Liste mit Telefonkontakten eines Single-Zwillings ist ellenlang. Dabei kann er sehr kreativ werden, wenn es darum geht, den einen Schatz von dem anderen nichts merken zu lassen.“

Hey, Leute, stop! Das geht jetzt eindeutig zu weit. Meinst Du, ich merke nicht, dass jetzt schon wieder dieser uralte Schwachsinn von meiner angeblichen mehrgleisigen Fahrt ausgepackt wird. Und ich hatte doch tatsächlich gedacht, das wäre längst geklärt und endlich vom Tisch. Interessant, dass Sue so dachte. Die Sache hatte nur einen Schönheitsfehler: Ich war kein Zwilling.

Schon allein deswegen konnte das, was Mark von sich gab, nicht stimmen: „Doch gerade solche Spielereien können ihm zum Verhängnis werden. Der Zwilling sucht vielleicht nur erotische Abenteuer, seine Liebhaber hingegen würden am liebsten den Hafen der Ehe ansteuern. Hier ist also besondere Vorsicht geboten.“

Dass sich Mike oder irgend ein anderer auf Brautschau befinden sollte, waren ja ganz neue Töne.

Der typische Zwilling bindet sich nur dann, wenn man ihm die lange Leine lässt“

Wer hat’s erfunden? Ach ja, die Schweizer mal wieder, wie mir der Blick auf ihr Display zeigte, als Mark das Teil zu mir herüberschob, damit ich mich auch wirklich überzeugen konnte, wie er sich ausdrückte: horoskop minus paradies Punkt ch – das war ja noch scharfsinniger als der von mir ausgegrabene Chinakracher! Nur, dass die hier nicht versuchten, den Besuchern aufregende Reisen in das Reich der Mitte schmackhaft zu machen.

Der Zwilling redet gern und viel, der Steinbock macht dagegen keine grossen Worte, er handelt lieber“ – das war doch mal eine kurze und knackige Beschreibung, nach der ein Zwiling und ich ein tolles Paar abgeben würden. Blöd nur, dass außer mir das niemand las und mich die anderen anscheinend für einen Zwilling hielten – Zeit, dieses Missverständnis aufzuklären, und genau das hatte auch Mark vor.

„Tja, ich schätze, hier kommen ja sämtliche guten Eigenschaften von Dir zusammen, Mitchell“, grinste er, „Wie war das nochmal? Sternzeichen Zwilling mit Aszendent Zwilling – da sind sie gleich doppelt ausgeprägt.“

Ha ha, Kelly – sehr witzig“, brummte Mike und erhob sich vom Tisch. „This joke isn’t funny anymore.“

Ooookay… damit war Mark wohl doch etwas zu weit gegangen, denn mit der soeben noch so guten Stimmung war es plötzlich vorbei. Selbst Sue konnte darüber nicht mal schmunzeln. Vielleicht hätte Mike einfach so darüber hinweg gehen und mit einem lockeren Spruch kontern sollen, aber nun hatten wir den Salat. Aber so oder so, es änderte nichts daran, dass Mike gelogen hatte. Und zwar wegen einer völlig banalen Sache.

„Broken Strings“ : Chapter 33 – Volle Kanne

Drei stressige Tage lagen hinter uns. Und weil er ihnen nicht den gleichen Marathon wie Celine Dion mit ihrem Engagement in Las Vegas zumuten wollte, hatte Brian für seine Leute bereits zu Beginn der Tournee einen Ruhetag eingeplant. Wobei Ruhe relativ war. Für die Crew und einen Teil der Band kam diese Pause gar nicht so ungelegen, Sue allerdings zeigte sich wenig begeistert. Hatten sie die Ärzte zu strengstem Sprechverbot verdonnert, so machte sie die Aussicht, an diesem langweiligen Ort herumzusitzen, noch unzufriedener als zu Beginn der Woche.

Sie hatte jetzt schon nichts zu tun. Und jetzt noch so ein Tag? Ein Alternativprogramm musste her, und zwar schnell. Es war Mark, der die Idee zu einem Ausflug in die Inselwelt zwischen Vancouver Island und dem Festland hatte. Seattle, das auf meiner Sightseeing-Liste immer noch nicht abgehakt war, musste warten. Keiner hatte große Lust, den halben Tag durch die Gegend zu fahren, nur wegen eines Selfies zu viert auf der Space Needle, und in die Vereinigten Staaten wollten sie schon aus Prinzip nicht einreisen. Mir war das ganz recht, denn bis nach Sidney war es für meinen Geschmack schon weit genug, und die Strecke hatte auch so landschaftlich einiges zu bieten.

Google Maps zeigte sogar den Verlauf der Fährlinie von Richmond nach Sidney an. Vom Fähranleger irgendwo südlich von Richmond aus nahm die Fähre Kurs auf mehrere, nicht näher benannte Inseln und legte ein Stück weiter nördlich von Sidney an. Dass wir die unsichtbare Grenze zum Nachbarstaat genau zweimal kreuzen würden, weil diese in einem spitzen Winkel mitten in die Bucht hineinragte, behielt ich schön für mich.

Für die Planung unserer Freizeitgestaltung war diese Tatsache sowieso irrelevant. Es sei denn, mitten auf hoher See würden Grenzkontrollen durchgeführt, was ich aber für unwahrscheinlich hielt. Streng genommen verließen wir Kanada ja nicht, und ein Ausstieg mitten auf der Strecke wäre das Dämlichste, was man machen konnte. Worauf wir ebenfalls verzichteten, war die zweieinhalbstündige Weiterfahrt mit einem anderen Schiff von Sidney nach Anacortes, der amerikanischen Partnerstadt.

Von dort waren es zwar nur noch 120 Kilometer bis nach Seattle, aber diesem unnötigen Stress wollten wir uns nicht aussetzen. Dann doch lieber mit dem Auto auf die Fähre, sich dort den Wind um die Nase wehen lassen und den Ausblick auf die atemberaubend schöne Landschaft und dem sich verfärbenden Laub genießen, an der amerikanischen Ostküste auch bekannt als Indian Summer. Endlich bekam auch ich dieses Naturereignis zu sehen. Als ich mein Work-und-Travel-Jahr begonnen hatte, war es bereits Oktober gewesen, und die Zeit der bunten Blätter lange vorbei.

Statt dessen Temperaturen im Minusbereich, Schnee und heftiger Wind. Kein Wunder, dass ich so schnell einen Platz in diesem Programm bekommen hatte. Aber bei einem Jahr Aufenthalt wäre mir so oder so der Winter nicht erspart geblieben, also konnte ich die ungemütliche Jahreszeit auch gleich hinter mich bringen. Dass sich andere schlauer angestellt hatten als ich, indem sie sich für das Jahr von August bis Juli entschieden hatten, war mir dann irgendwann auch aufgegangen. Aber darüber zu jammern, brachte mich nicht weiter, und das einzige Gute an dieser Erfahrung war, dass ich so abgehärtet war, dass mir das wechselhafte herbstliche Wetter nicht mehr viel anhaben konnte.

Wer bei der Arbeit im Freien zweistelligen Minusgraden und starkem Wind ausgesetzt war, den haute das bißchen Wind beim Warten auf die Fähre so schnell nicht um. Für Sue war das zwar nicht so ideal, aber hieß es nicht, dass Seeluft besonders gut bei Atemwegserkrankungen helfen sollte? Bei ihr waren es zwar die Stimmbänder, aber dem allgemeinen Wohlbefinden konnte so ein Bootstrip mit anschließender Einkehr in einem gemütlichen Lokal nicht schaden, und der selbstgestrickte Schal, den ich ihr geliehen hatte, hielt sie schön warm.

Mit seinen Streifen in allen möglichen Farben war er nicht das stylischste Kleidungsstück und passte als Accessoire eher zu meinem komplett schwarzen Erscheinungsbild als zu dem, was sie trug. Aber modische Outfits waren für meinen Geschmack sowieso überbewertet, und zum Glück sah das Mark wie ich: „An einem bunten Schal und zusammengewürfelten Outfit ist noch niemand gestorben, aber an einer Lungenentzündung schon.“

Dagegen gab es nichts einzuwenden, und da Protest zwecklos war, gab Sue sich einsichtig. Dein Glück, dachte ich und betete, dass sie bald ihre Stimme wiedererlangte – je eher, desto besser. Nicht, dass es mir nicht gefiel, sie am Mikrofon zu vertreten, aber so langsam lief mir die Zeit davon. Und was, wenn sie in fünf Wochen immer noch nicht einsatzfähig war? Ich erklärte ja ungern anderen, wie sie ihren Job zu machen hatten, aber so langsam sollte sich Brian mit dem Gedanken anfreunden, eine andere Backgroundsängerin zu finden, falls sich Sues Zustand nicht bald besserte.

Vorsicht Leute – heiß und fettig!“ verkündete Mike, als er wieder an Deck kam, und drückte Mark und mir jeweils einen Hotdog mit Pommes in die Hände.

Sue saß drinnen, wo es weniger zog und war bereits mit einem Burger beschäftigt. Einen dampfenden Becher hatte sie auch vor sich stehen, sie war also bestens versorgt.

Bevor ich wieder reingehe, soll ich uns ’ne Runde davon mitbringen?“ Er meinte das, woran Sue gerade nippte, und es war mit Sicherheit kein Kinderpunsch. Oh Mann, warum mussten alle Getränke, die er ausgab, ständig irgendwelche Umdrehungen haben?

Solange es nicht irgend so ein schauderhafter Punsch ist, gerne!“ gab ich zu bedenken.

Schon allein bei dem Gedanken an dieses Zeug, das ich letztes Weihnachten an meinem Arbeitsplatz am Arsch der Welt hatte kosten dürfen, gruselte es mich. Ob es an der Unfähigkeit dessen lag, der diese Scheußlichkeit zubereitet hatte, oder ob Eier- und Rumpunsch oder Hot Toddys generell so furchtbar schmeckten, hatte ich bisher noch nicht herausgefunden und wollte es auch so schnell nicht mehr. Ein Versuch auf dieser Ranch hatte gereicht, und das Erwachen am nächsten Morgen, das dem Wort ‚Morgengrauen‘ eine ganz neue Bedeutung gegeben hatte, war fürchterlich gewesen. Keine Ahnung, wie ich den Boxing Day überstanden hatte…

Okay, dann also Tee?“ vergewisserte sich Mike, nur um sicherzugehen, dass ich nicht doch vielleicht ein alkoholisches Heißgetränk bevorzugte.

Warum eigentlich nicht?, überlegte ich. Immer nur Kaffee wurde auf Dauer auch langweilig, und außerdem hatte die schwarze Brühe, die durch den Filter gelaufen war, auf mich nicht gerade einladend gewirkt. Die Kaffeemaschine hatte auch schon bessere Tage gesehen, aber da war ich wohl die einzige, der so etwas auffiel, sonst hätte Mark nicht auf Kaffee bestanden, weil er derjenige war, der den Impala fuhr. Etwas anderes kam ihm nicht in die Tasse, und Tee war sowieso nicht sein Fall.

Auf alkoholische Getränke verzichtete er unterwegs aus Prinzip. Andere ans Steuer lassen? No way, nicht nach dem Erlebnis von neulich, das dazu geführt hatte, dass ich sein Baby in der Einöde erfolgreich repariert hatte. Auf eine Wiederholung und auf angesäuselte Mitfahrer legte er keinen Wert. Dann also einmal Tee und zweimal Kaffee. Aha, noch jemand, der das Risiko liebte!

Du weißt doch, Süße…“, zwinkerte er mir zu, bevor er wieder verschwand „No risk, no fun.“

Mir war zwar ein Rätsel, worin der Fun bei Magenkrämpfen oder dem zweifelhaften Genuss einer Tasse Bodensehkaffee bestand, aber die beiden brauchten sich hinterher nicht bei mir über das gräßliche Gesöff beschweren.

What the hell is Bodenseekaffee?“ kam es verständnislos von Mark zurück, der mich anschaute, als ob ich nicht mehr alle Tassen im Schrank hätte. Blümchenkaffee sagte ihm genauso wenig. Oh my – ich und mein deutsch-englischer Mischmasch! Zeit für eine kleine Lektion in Deutsch.

Bodensehkaffee bedeutet, dass man den Boden der Tasse sehen kann, weil der Kaffee so dünn ist“, klärte ich ihn auf und fügte hinzu, dass das auch für den berüchtigten Blümchenkaffee galt, der das florale Dekor des Porzellans durchschimmern ließ.

„It’s another word for a very thin coffee, tasting awfully.“

Now I get it“, nickte er zustimmend, „so let’s hope for not getting served the brew of the weak.“ – Wie meinen? Jetzt war ich diejenige, die auf dem Schlauch stand: Kaffee der Woche? – da war jetzt aber eine Erklärung nötig, die dann auch prompt kam: „Nicht ‚week‘ für Woche, sondern ‚weak“ für schwach: W-E-A-K.“

Yay, Sie haben die Wechstaben verbuchselt – was für ein Brüller!

Aber eine passendere Übersetzung von meiner in seine Muttersprache fiel auch mir nicht ein. Mich juckte es in den Fingern, diesen dämlichen Insiderjoke gleich mal an Mike auszuprobieren. Aber das würde nur funktionieren, wenn der Kaffee so schlimm war, wie ich vermutete. Eine Spezialität, auf die wir doch gerne warteten. Aber nicht so lange!

Auch Mark wurde das jetzt zu dumm: „Komm, lass uns reingehen und mal nachsehen, was da so lange dauert.“

Gute Idee, denn meinen Hot Dog und die Fritten hatte ich längst verputzt, und so richtig gemütlich war es in diesem elenden Wind schon seit einer Weile nicht mehr. Da konnten die Ausblicke auf die vorüberziehenden Inselchen noch so atemberaubend sein. Von drinnen sah man sie bestimmt genauso gut, aber dort war es wärmer. Außerdem hatte Sue bestimmt schon die Nase voll davon, alleine herumzusitzen.

Wie ich sah, hatte Mike den gleichen Gedanken gehabt wie ich. Anstatt am Tresen zu stehen und auf unsere Getränke zu warten, hatte er sich zu ihr gesetzt. Ich wusste ja nicht, wie das hier mit den Bestellungen lief, aber angesichts des knappen Platzangebotes war es sicher sinnvoll, nicht den engen Gang zu verstopfen, sondern an den Tischen zu warten. Die Tickets in seiner Hand ließen nur diesen Schluss zu.

Das war ja wie bei McDonald’s, nur dass hier die Pommes besser waren. Die Burger aber auch. Sue hatte ihre Portion komplett vernichtet, und jetzt stand eine Platte mit Cupcakes zwischen ihr und Mike. Wollten die beiden jetzt echt diesen riesigen Berg sich selbst einverleiben und uns leer ausgehen lassen?

So nicht, Freunde, Ihr solltet wissen, dass vor mir kein kakaohaltiges Dessert sicher ist.

„Schokotörtchen! Yammi!“ rief ich erfreut aus, und meine Augen wurden tellergroß.

Okay, das war stark übertrieben, aber ganz ehrlich: Welcher Schokoholic konnte bei einem solchen Anblick schon widerstehen?

Oh ja, Süße“, schnurrte Mike und zog mich zu sich auf den Schoß. „Dieser Anblick ist wirklich unwiderstehlich. Vor allem, wenn Du mich so ansiehst.“ – und damit meinte er nicht die Törtchen.

Aber hallo! Ein klassisches Beispiel für Gedankenübertragung. Diesmal konnte es nicht daran liegen, dass mir meine Gedanken ungewollt entschlüpft waren. Das war wirklich reiner Zufall, außerdem wusste ich, wie gerne er mit mir flirtete; da war es nur eine Frage der Zeit, bis so ein Spruch kam. Die Situation wäre nur noch zu toppen gewesen, wenn er darauf anspielte, wie unwiderstehlich ich ihn fand.

Äh, ja, so außerordentlich spannend das Knistern zwischen uns auch war, so fragte ich mich, ob es nicht doch klüger war, wenn wir uns dezent zurücknahmen, da wir nicht die einzigen Passagiere hier unten waren. So gesehen, hatten wir richtig Glück gehabt, überhaupt noch einen Platz zu ergattern. Das sah Mark entspannter als ich: „Ja aber deswegen müsst Ihr Euch aber auch nicht stapeln.“

Für was hielt er uns? Für ein Doppelwesen mit zwei Köpfen? Frei nach dem Motto ‚Schatzis teilen sich generell alles, das Geschirr, das Besteck, und manchmal sogar einen gemeinsamen Stuhl.‘

In unserem Fall eine gemeinsame Bank…Scharfsinning beobachtet, Kelly, aber da bin ich anderer Meinung. Hast Du Dich mal umgesehen?

Der Raum hatte sich nämlich nach und nach gefüllt. Die anderen Passagiere fühlten sich da oben genauso unwohl wie ich. Und ich Schaf hatte mich auch noch damit gebrüstet, dass das heute ein richtig geiler Tag sei und mir das bißchen Wind überhaupt nichts ausmache. Dass das Wetter so umschlagen würde, hatte ich jedenfalls nicht bedacht, und kam mir dennoch wie die allerletzte Memme vor, die wegen eines lauen Lüftchen den Aufenthalt im Freien beendete und lieber unter Deck ausharrte. Aber ganz ehrlich? Es war wirklich bitterkalt und zugig wie gefühlt Windstärke zehn.

Das ist der Wind Chill“, warf Mark ein. „Gut dass wir reingegangen sind.“ – jetzt tu nicht so, als ob das meine Idee gewesen wäre…

Wind Chill?“ wiederholte ich, „Hallo? Das ist doch kein Trip auf den Everest, sondern nur ein kleiner Ausflug unter Freunden.“

Unter Freunden. Hatte ich das gerade wirklich gesagt? Nicht Kollegen, sondern Freunde? Die Erkenntnis traf mich wie ein Blitz: Es war nicht allein der bevorstehende Abschied von Mike, der mir so zu schaffen machte; auch ein paar andere waren mir in den letzten Wochen ans Herz gewachsen, und auch die würde ich nicht mehr wiedersehen.

Du sagst es. Ein Ausflug auf den Everest würde Mark im Traum nicht einfallen.“ stichelte Mike.

Dir aber auch nicht, Mitchell… Dann doch lieber einen Trip zum nächsen Diner…“, holte Mark aus, und ich dachte Oh nein. Nicht schon wieder diese Geschichte. Stoppt den Wahnsinn. Aber schnell… bevor sich Mike zu einer Retourkutsche hinreißen lässt, die nur zu Stress führt und die er später bereut.

Time Out, Leute“ ging ich auch schon im selben Augenblick dazwischen. „Schaut Euch doch mal um: Wer braucht denn schon den Everest, wenn wir die tollsten Berge vor der Tür haben? Und immer nur ins Diner wird auf Dauer auch irgendwann langweilig. Irgendwie hab ich heute Lust auf irgendwas vom Chinesen.“

Sollten sie mich ruhig für verfressen halten, aber so ein Hot Dog hielt nicht ewig vor. Sue ging es mit dem Genuss ihres Burgers ebenso.

„Hunger“, signalisierte sie, und so stand das nächste Ziel fest: Erst mal nach Sidney, und danach auf die Suche nach einem Chinarestaurant. Bei diesem Schlüsselreiz geriet der blöde Witz über die dünne Plörre mit einem Hauch von Koffein ins Hintertreffen, und so wie sich unsere beiden Herren gegenseitig aufzogen, würde der ohnehin ins Leere laufen. So weit die Theorie, die Praxis war noch simpler: Mit seiner Bestellung hatte Mike ins Schwarze getroffen, während ich das Nachsehen hatte: Das, was der Inhalt meiner Tasse darstellen sollte, hatte nur entfernt Ähnlichkeit mit Tee, wie ich ihn normalerweise trank.

Drei oder maximal fünf Minuten ließ ich ihn ziehen. Der hier dagegen hatte nicht nur viel zu lange gezogen, sondern sah aus wie ein zweiter Aufguss aus übriggebliebenen Teebeuteln, die in der warmen Küche zu lange ohne Verpackung im Schrank gelegen hatten. Wir brühen ihn nur dünn, aber dafür gleich mehrmals auf, und zum Ausgleich lassen wir ihn dreimal so lange wie üblich ziehen?

Sofort musste ich an Marge Simpson denken, die versucht, beim Kuchenbacken die zu hohe Backtemperatur durch entsprechende Verkürzung der Backzeit zu kompensieren und nur einen Haufen Asche dabei herausbekommt, den sie mit extrem viel Zuckerguß übertüncht.

In diesem Fall konnte man aber das Teefiasko nicht mehr mit Milch schönfärben, denn das wäre schade um die schöne Milch gewesen. Sehnsüchtig starrte ich die beiden Tassen an, die Mike zwischen sich und Mark aufteilte. Ich kam mir vor wie in dem Song „Ironic“ von Alanis Morrisette: Kaum hat man sich entschieden, von Kaffee auf Tee umzusteigen, wird die Maschine ausgetauscht, und schon wird aus dem „brew of the weak“ das Highlight des Tages, während man mit seiner Wahl voll ins Klo gegriffen hat. Mich aber jetzt in den Kreis all derer einzureihen, die auch noch etwas konsumieren wollten, erwies sich als sinnlos, da sich unsere Fahrt dem Ende zuneigte.

Zu meinem Kaffee kam ich zwar auch bei unserem Restaurantbesuch in Sidney nicht, aber dafür durfte ich mich an einem Kännchen erstklassigen Jasmintees erfreuen, das mir an den Tisch gebracht wurde, während die anderen fleißig die Speisekarte studierten. Im Golden Phoenix gab es kein Mittagsbuffet und auch kein All-you-can-Eat-Angebot. Das fand ich ungewöhnlich, fast schon Oldschool – so wie ich es aus Erzählungen meiner Eltern kannte. Die waren noch nie davon begeistert gewesen, sich für ein Essen in einer langen Schlange anzustellen und liebten es, mehrgängige Menüs auszuwählen und sich die passenden Getränke dazu empfehlen zu lassen.

Chinesische Menüs hatten bei ihnen dagegen nicht so hoch im Kurs gestanden, obwohl sie das ein oder andere Mal auch dieses kulinarische Experiment gewagt hatten. Aber das war schon sehr viele Jahre her. Wie grundverschieden waren dagegen meine kulinarischen Vorlieben. Für Jenny und mich gab es nichts schöneres, als sich durch alle möglichen Leckereien zu futtern und von allem zu kosten. Von fast allem.

Roher Oktopus mit seinen Fangarmen kam mir nicht auf den Teller; diesen Meeresbewohner sah ich lieber lebendig und in Freiheit. Sushi war auch okay, doch was ich am liebsten aß, war Rinderleber mit Zwiebeln. Beim Chinesen, wohlgemerkt. Wie oft hatte mich Jenny damit aufgezogen, dass ich dazu kein chinesisches Restaurant besuchen müsste. Aber wenn es mir doch nun mal schmeckte… Ja, wo die Liebe hinfällt, da ist mit Vernunft kein Blumentopf zu gewinnen.

Ja, wo die Liebe hinfällt… Wie wählerisch konnten Leute sein? Mike und Sue brüteten jetzt schon geschlagene zwanzig Minuten über der Karte und konnten sich nicht entscheiden, während Mark seine Karte bereits zugeklappt hatte und sichtlich mit den Hufen scharrte.

Ungeduld, Dein Name ist Kelly. Zwar konnte ich von mir auch nicht behaupten, dass mich mein Hunger eine ruhige Kugel schieben ließ, aber ich hatte wenigstens meine Teetasse, an der ich mich festhalten konnte, während wir auf die Bedienung warteten. Wenn ich mit den Fingern auf dem Tisch herumtrommeln möchte, wäre ich Drummer geworden, dachte ich und studierte die umfangreiche Speisekarte und deren Design. Seite um Seite, gefüllt mit Gerichten in allen Variationen.

Da wunderte es mich gar nicht, dass Mike und Sue sich nicht entscheiden konnten. Dabei war es im Grunde so einfach: Das gleiche Gericht nur mit verschiedenen Fleischsorten zu präsentieren, bläht jede Speisekarte zu beeindruckender Größe auf; das war auch das Prinzip des indischen Restaurants, das ich zu besonderen Anlässen besuchte.

Dass ich so schnell eine Entscheidung getroffen hatte, lag daran, dass ich in der Abteilung Schwein bei Kokosmilch und Rotem Curry meine Suche beendet hatte, während Sue mehr für Garnelen zu haben war und Mike eine Vorliebe für Ente hatte. Wenn sie sich jetzt noch für eine Zubereitungsart entscheiden würden, konnte der Spaß beginnen.

Am schnellsten hatte sich übrigens Mark entschieden, denn er hatte von uns allen die unorthodoxeste Methode, ein Gericht auszuwählen, das mehr einem Glücksspiel glich: Er bestellte grundsätzlich die Nummer Siebenundzwanzig und als Vorspeise einen Teller Frühlingsröllchen und eine Schale Wan-Tan-Suppe. Tolle Wahl! Die ließ nämlich Spielraum für Überraschungen, denn ich fragte mich, was er wohl machen würde, wenn sich die Siebenundzwanzig ausgerechnet als Frühlings- oder Sommerrollen entpuppte.

Lieber nicht so genau darüber nachdenken – lasst uns doch mal lieber schauen, welchen Grad des Kitsches dieses Etablissement erreicht…Vergoldete Schnitzereien, rote Lampions an der Decke, Aquarien mit den überall beliebten Neonfischen, Guppys und – surprise, surprise – der schwarze Wels, der aus dem Nirwana kommt. Ich werde ihn Wally nennen. Und er muss nicht befürchten, von mir verspeist werden – genauso wenig wie die obligatorischen Glückskekse, die in Schalen dekorativ über den gesamten Gastraum verteilt sind…

Moment mal: Welche Glückskekse? Jetzt wusste ich, was hier anders war. Die Glückskekse mit ihren Sprüchen aus dem Zufallsgenerator fehlten. Statt dessen war das gesamte Chinesische Horoskop in den Speisekarten verewigt. Hui, das war ja mal was ganz neues. Welch überaus spannende Lektüre, die ich mir zu Gemüte führen wollte, nachdem die freundliche Bedienung unsere Essenswünsche notiert hatte.

Einmal die Siebenundzwanzig, einmal Schwein mit Kokosmilch und rotem Curry, einmal gegrillte Garnelen und eine große Portion Sushi. Ach, war die Ente nicht nach Ihrem Gusto, Mr. Mitchell? Das überraschte mich jetzt aber.

Doch noch überraschender fand ich, welche Weisheiten das über die gesamte Speisekarte verteilte Horoskop zutage förderte.

„Broken Strings“ : Chapter 32 – I’m locked out and it’s my fault

Darauf warst du nicht gefasst: Jenny und Nico.

Nicht dass ich ihnen ihr Glück nicht gönnte, aber irgendwie konnte ich mir die beiden nicht als Paar vorstellen. Auch nicht, wie sie zueinander gefunden hatten. Schon blöd, wenn man nicht von Anfang an dabei ist. Tja, Freunde der Nacht, so ist es, wenn man den Kontakt zu seinen Leuten daheim verliert. Sich ausgesperrt zu fühlen, ist nicht lustig. I’m locked out and it’s my fault?

Natürlich ist es nicht Dein Fehler – niemand ist schuld, und selbstverständlich dreht sich die Welt auch ohne Deine Abwesenheit weiter. Und sie dreht sich vor allem nicht um Dich. Dennoch…

Trotzdem fühlte ich mich so alleine wie schon lange nicht mehr. Dabei hatte mich kein Mensch verlassen. Herumzusitzen und Gedanken zu wälzen, die nirgends hinführten, bekam mir gar nicht. Verdammt, Andrea, reiß Dich zusammen und sieh zu, dass Du unter Menschen kommst, und zwar schnell.

Unter Menschen… Nur ein Katzensprung trennte mich von ihnen, und allmählich wurde es Zeit, aufzubrechen, denn wenn ich Brian richtig verstanden hatte, erwarteten uns drei Konzerte in Folge, ganz in der Nähe von Vancouver, bevor es weiterging in Richtung Vancouver Island. Nach dem Norden war jetzt der Süden dran.

Donnerstag, Freitag und Samstag: Und schon wieder war ein Konzert an einem Werktag dabei. Für alle, die am nächsten Morgen früh raus mussten, konnten solche Termine die Hölle sein, das wusste ich aus eigener Erfahrung. Allerdings konnte einem so ein Konzert mitten in der Woche so viel Auftrieb verleihen, dass man den neuen Morgen mit unerwarteter Energie begann und die gute Laune den ganzen Tag und für den Rest der Woche vorhielt.

Auch das hatte ich bereits erlebt, aber bei Luke, der so wild darauf gewesen war, uns live zu sehen, konnte ich mir das nicht so recht vorstellen. Sich einen Abend lang von Musik beschallen zu lassen, die weit außerhalb seines Radars lag, zeugte schon von besonderer Risikofreudigkeit und ließ mich vermuten, dass er es bei dem einmaligen Experiment belassen würde. Als ich dann auf die restlichen Versprengten unserer Gruppe traf, fand ich Luke ins Gespräch mit Mike vertieft. Die beiden verstanden sich bestens.

Ich weiß ja nicht, ob Du die hundert Kilometer auf Dich nehmen willst,“ hörte ich Mike sagen.

Den Anfang hatte ich zwar nicht mitbekommen, aber es konnte nur um den vergangenen Abend gehen. Luke wollte sich doch nicht etwa ein weiteres Konzert antun? Anscheinend wohl doch, vorausgesetzt OxyGen würden ihre Setlist in Richtung Iron Maiden oder AC/DC verschieben. Aber das würden sie schon aus zwei Gründen nicht tun: Brian und der Rest der Band würden die Liste der Songs nicht schon wieder ändern, wo sie jetzt endlich die ideale Kombination gefunden hatten, und für diesen Musikwunsch eines einzelnen Besuchers war Mikes Stimme nicht geeignet.

Ebenso gut hätte man von Bruce Dickinson verlangen können, wie Johnny Cash zu singen. Zum Glück sah Mike das genau so, denn er musste zu seinem und Lukes Bedauern ablehnen.

Schade“, war dessen abschließendes Urteil, „Deine Lady hatte recht: Ihr wart richtig gut, auch wenn’s nicht meine Musik ist.“

Aber hallo! Das war das letzte, was ich erwartet hätte: Applaus, Applaus, für Deine Worte – die gingen runter wie Öl, und nicht nur mir. Wenn Fans bei Konzerten regelmäßig aus dem Häuschen gerieten, war das wunderbar, und dass es jetzt schon besonders Hartgesottene gab, die ihnen überall hin folgten, ließ erahnen, was passieren würde, wenn sie bei dem richtigen Plattenlabel unterkamen, aber ein solches Kompliment von jemandem zu erhalten, der mit ihrer Art von Musik so gar nichts anfangen konnte, war eine ganz andere Hausnummer.

Nur zu gerne hätte ich mich in das Gespräch eingeklinkt und den Plausch weitergeführt, aber so langsam drängte die Zeit, und wir waren noch nicht reisefertig. Bei mir würde es schnell gehen: Duschen, Kaffeetrinken, meinen Kram in den Rucksack stopfen. Und das Ganze in Rekordzeit. Die Aufgabe, den Abschied zu organisieren, war erneut Mark zugefallen, denn Brian wartete bereits an der neuen Location auf uns. Bäumchen, wechsel Dich: Mark hatte Brian den Impala überlassen, damit der zuerst Danny, Sue und Madlyn am Hotel absetzen und dann gleich darauf Steve abholen konnte.

Alle anderen waren auch schon weg, und so gehörten wir dank Mikes Trödelei wieder mal zu der Gruppe, die als letztes in die Gänge kam. Mitdenken ist Glückssache, dachte ich. Anstatt mich schlafen zu lassen, hätte er mich wecken können, damit ich bei den beiden Mädels mitfahren konnte. So wären wir zwar auch zu fünft unterwegs gewesen, aber Madlyn und ich hätten noch etwas üben können und mir wäre erspart geblieben, in einem vierrädrigen Pulverfass durch die Gegend zu rollen.

Was stark übertrieben klang, war gar nicht so weit hergeholt; bei der nächsten unpassenden Bemerkung unseres Drummers würde der Ford zum Achterbahnwagon mutieren. Aber bitte: Wenn die Damen es eilig hatten und der Meinung waren, dass wir am Zwölften noch genügend Zeit für das Proben unserer Gesangslinien hatten…

Sieh’s doch mal so“, sagte Mark beim Einsteigen zu mir, und hielt mir die Beifahrertür auf, „Dein Ehrgeiz ist ja gut und schön, aber dass Ihr Mädels ohne uns übt, macht ja wohl nicht viel Sinn.“

Das war nicht von der Hand zu weisen und ich zwei zu eins überstimmt. Die Stimme der Vernunft hatte gesprochen, und mit seiner Entscheidung, mich im Ford vorne zu plazieren und damit die Rückbank seinen drei Kollegen zuzuweisen, hatte er dafür gesorgt, dass die Fahrt für mich nicht zum Alptraum geriet. Ein Schweigekloster wollte ich allerdings auch nicht betreten, und weil von der Rückbank auch nicht ein Mucks zu hören war, suchte ich im Radio nach einem Sender, der nicht nur das übliche Hitprogramm abspulte.

Das war um Längen spannender, als darauf zu warten, dass Ryan, John und Mike damit aufhörten, sich gegenseitig anzuschweigen. Aber da konnte ich lange warten, denn John lag mehr, als dass er saß und schnarchte bei geöffnetem Fenster vor sich hin. Auf meiner Seite das Fenster zu öffnen, konnte ich vergessen, wenn ich keinen Durchzug riskieren wollte. Den muteten wir unseren Stimmbändern besser nicht zu, wenn wir nicht Sues Schicksal teilen wollten, auch wenn die Fenster nur einen Spalt breit geöffnet waren. Noch einen Ausfall konnten wir nun wirklich nicht gebrauchen.

Ein Ausfall war heute auch Ryan, der hinter mir saß, und zwar als Sprücheklopfer. Da auch er Schnarchgeräusche von sich gab und er außerdem eine Fahne hatte, brauchte ich nur eins und eins zusammenzuzählen, um zu erkennen, dass die beiden nach dem Konzert noch weitergefeiert hatten, während Mike und ich…

Stop! Seit wann gingen John und Ryan zusammen feiern? Das – und einen über den Durst trinken – die beiden? Na klasse! Noch etwas, auf das ich gerne verzichtet hätte. Wenn Brian davon erfuhr, gab es gewaltigen Ärger.

So viel zu der Aufgabe, die uns Brian gegeben hatte und an der wir beide grandios gescheitert waren. Falsch gedacht, und nun haben wir den Salat dafür, dass wir uns zu wenig um ihn gekümmert haben. Jetzt hängt er ausgerechnet mit dem ab, den du am liebsten auf den Mond schießen würdest, und wenn Du nicht aufpasst, dann seid Ihr die längste Zeit Best Buddys gewesen. Dramen, die die Welt nicht braucht!

Wenn Mike nicht merkte, was hier gespielt wurde, war ihm auch nicht zu helfen. Aber hatte er wirklich keine Ahnung von dem, was um ihn herum vorging? Ihm über den Rückspiegel einen Blick zuzuwerfen, hatte wohl nicht viel Sinn, wenn er wieder mal seine Sonnenbrille trug.

Alles okay, Schatz?“ Da half wohl nur die direkte Ansprache, auch wenn er sich wunderte, warum ich ihn nach seinem Wohlergehen fragte.

„Warum auch nicht“, gab ich zurück, es konnte ja durchaus sein, dass auch er so ruhebedürftig war wie seine beiden ihn flankierenden Kollegen, die beiden Nachteulen. We are night owls, we work all night and…

Willkommen im Club, und er war die Obernachteule, was ich ja gewiss bestätigen könnte – oh ja, wie wahr, wie wahr, aber deswegen musst Du nicht gleich wieder so anzüglich grinsen – doch das Radio störte ihn nicht im Geringsten. Seinetwegen konnte ich gerne weiter nach einem Sender suchen, der außer Musik auch Nachrichten zu bieten hatte.

Einfach war das bei dem Geschaukel nicht, und als ich dann endlich einen gefunden hatte, hätte ich mir die Mühe auch sparen können, denn es gab nichts Neues, was den Streik anging. Einig war man sich noch nicht geworden, und so langsam machte ich mir Sorgen, ob es bei dem geplanten Termin für meine Rückreise bleiben würde. Fünf Wochen konnten ein verdammt kurzer Zeitraum sein. Und dann?

Plötzlich war das vermeintlich so weit gesteckte Ziel, der 22. Oktober, gar nicht mehr so großzügig bemessen. Hatte ich das nicht schon mal gehabt? Welcome to the déjà-vu. Hilfe, wir drehen uns im Kreis! Mark war ich geradezu dankbar, dass ihm das Dilemma nicht entgangen war und er mich von meinen düsteren Gedanken ablenkte. Fein, die Konversation kam mir nur zu gelegen, wenn sich Mike schon nicht mit mir unterhalten wollte, weil ihm sein Nickerchen lieber war.

Wenn ihm sein Nickerchen lieber war? Oh oh, Andrea, jetzt klingen wir aber so richtig zickig, gib zu, Du bist bloß neidisch. Neidisch worauf? Dass ich im Gegensatz zu ihm vor Übermüdung so aufgekratzt war, dass ich kein Auge zu bekam? Dass ich das Leben nicht so locker nahm wie er? Dass ich mich gerade kurz vor meinem persönlichen Tiefpunkt befand und Angst hatte, die Kurve nicht zu kriegen? Dass ich …

Kopf hoch, bald haben wir es geschafft,“ meldete sich Mark, dem die ungemütliche Stille um ihn herum auch schon aufgefallen war. „Du kannst die anderen schon mal wecken. Es sind nur noch ein paar Kilometer.“

Smalltalk trifft auf Beschäftigungstherapie. Aber warum nicht? Mike anzuschubsen, war noch am einfachsten. Aber um seinen linken Nachbarn zu erreichen, hätte ich die Arme eines Gibbons haben müssen, und mein Hintermann saß so ungünstig, dass ich als Schlangenmensch bessere Karten gehabt hätte.

Faule Ausreden, Andrea, in Wahrheit hast Du einfach nur keinen Bock, mehr als drei Worte mit Ryan zu wechseln. Je weniger direkten Kontakt, desto besser. Deswegen warst Du auch froh darüber, dass Du nicht neben ihm sitzen musstest und Du ihn während der ganzen Fahrt nicht zu Gesicht bekommen hast. Wenn Du ihn jetzt weckst, ist es mit der schönen Ruhe vorbei. Lass das ruhig mal Deinen Liebsten machen.

Was er zu meiner Erleichterung tat. Schön, das Nachteulentrio war wach und konnte sich beim Ausladen nützlich machen. Gepäck aufs Zimmer bringen, einen Happen essen und dann ab in die Koje. So sah der Plan aus. Mein Plan. Aber der war leider nicht mit dem der anderen kompatibel. Jetzt rächte sich der fehlende Schlaf der letzten Nacht, so schön der Grund dafür auch gewesen war. Ja toll. Das Nachteulentrio war wach und wieder fit, um noch einen draufzumachen, während ich kurz davor war, im Stehen einzuschlafen.

Geh ruhig“, brachte ich, begleitet von herzhaftem Gähnen, hervor und überzeugte Mike davon, dass es mir nichts ausmachte, wenn er mit den beiden anderen etwas trinken ging.

Je eher sich das verkorkste Verhältnis zwischen ihm und Ryan wieder einrenkte, desto besser für alle, und vielleicht war es gar nicht so schlecht, wenn der Keyboarder dabei war. Aber tu mir nur einen Gefallen, ja? Nicht, dass ich Euch kontrollieren will, aber habt ein Auge auf John.“

Den Teil, dass sie aufpassen sollten, dass er sich nicht zu sehr die Kante gab, ließ ich unausgesprochen, obwohl ich das Resultat der vergangenen Nacht während unserer Fahrt nach Südwesten ausgiebig hatte bewundern können. Wenn Mike schlau war, ließ er es gar nicht erst zu solchen Exzessen kommen.

Den geselligen Abend so ausufern zu lassen, dass die Hälfte der Band am Tag des Auftritts als Schnapsleichen endete und das zweistündige Konzert verkatert durchzuziehen, war eine Erfahrung, auf die keiner von uns sonderlich wild war. Besonders nicht an diesem Abend, an dem nicht nur die alte Mannschaft wieder komplett war, sondern an dem es für die Band um die Wurst ging.

Brian war schon lange auf der Suche nach einem vernünftigen Plattenlabel, und nun bestand zum ersten Mal seit langem eine reelle Chance dazu. Oder würden die Leute, die er zu treffen hoffte, sich doch erst am nächsten oder übernächsten Abend blicken lassen? Ich musste auch gar nicht mehr sagen, denn um diese Aufgabe hatte sich bereits Mark gerissen. Welchen Erfolg er mit seiner Ansage hatte, würden wir jedoch erst am nächsten Morgen mit Sicherheit wissen.

♪♪♪ „Sweet sweet sweet, could you taste it,“ ♪♪♪ plärrte es aus dem Radio, das zu dieser frühen Stunde jemand eingeschaltet hatte.

Mit ersten Gästen rechnete man um kurz nach sechs Uhr noch nicht. Es konnte ja keiner wissen, dass ich auch in dieser Nacht nicht vernünftig geschlafen hatte. Aber nicht, weil es mit meinem Liebsten so heiß hergegangen war, sondern weil mein Schlafrhythmus machte, was er wollte. Und im Augenblick wurde ich durch das kleinste Geräusch wach. Natürlich fand ich es rührend, dass Mike sich bemüht hatte, beim Betreten des Zimmers aus Rücksicht auf mich besonders leise zu sein.

Leider war er im Dunkeln so blind wie ein Maulwurf, und weil er kein Licht anmachen wollte, war er über seine eigenen Füße gestolpert und mit dem Bettpfosten kollidiert, um schließlich unsanft neben mir zu landen. Jeder hätte da geflucht, denn wie sich das anfühlte, wusste ich aus eigener Erfahrung; und es reichte schon, dass ich mir das vorstellte, um endgültig wach zu sein. Irgendwann zwischen zwei und drei Uhr zurückzukehren und dabei noch stocknüchtern zu sein… really? Are you kidding me? Ärger, Dein Name ist Mitchell…

Jedenfalls war ich danach so schnell nicht mehr eingeschlafen, nach mehrmaligem, schier endlosem Wälzen von der einen auf die andere Seite, untermalt von seinen Schnarchgeräuschen, hatte ich irgendwann meine verzweifelten Versuche, wieder einzuschlafen, schließlich aufgegeben – nur um festzustellen, dass beim nächsten Blick auf das Handydisplay einige Stunden vergangen waren. Resigniert musste ich mir eingestehen, dass für mich die Nacht nun definitiv vorbei war und ich besser daran tat, meinen Allerwertesten aus dem Bett zu schwingen.

Ein kurzer Spaziergang zur nächsten Tankstelle, auf der Suche nach Kaffee, würde das Gefühl der Zerschlagenheit bestimmt vertreiben. So gesehen, war frische Luft, bestimmt nicht das verkehrteste; so empfindlich kühl, wie es draußen war. Ja, Mitte September war das Klima schon nicht mehr so sommerlich. Aber ich hatte schon größere Kälte ausgehalten. Strömenden Regen wie den, der mich vor der Tür erwartete, fand ich dagegen nicht so prickelnd. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Aber zu meiner Erleichterung brannte im Frühstücksraum schon Licht, auch wenn es noch kein Frühstück gab. Die Kaffeemaschine war jedoch bereits in Betrieb, um die Frühaufsteher zu versorgen. Leute wie mich, die so früh noch keinen Bissen herunterbrachten und nur eines brauchten: Kaffee – extra stark und heiß wie die Hölle; nur süß durfte er nicht sein. Sauer natürlich auch nicht.

♪♪♪ You’ll never, never, never… taste it.♪♪♪

Von daher passte das Lied aus dem Radio ausgezeichnet. Nur war mir an diesem Morgen leider nicht danach. Üblicherweise begann ich den Tag nicht mit Totenstille, und zum Wachwerden waren schnellere Songs für mich genau das Richtige, aber heute hätte es eine ruhigere Nummer auch getan. Wie ging der Spruch nochmal? ‚Kaffee schmeckt am besten, wenn man ihn morgens trinkt und alle ihr Maul halten‘. Ha ha, wem das eingefallen war, der war mit Sicherheit niemand, der laut trällernd den neuen Tag umarmte. Im Stillen sympathisierte ich mit ihm, ließ mir aber nichts anmerken.

Morgenmuffel gut und schön, aber schlechte Laune an anderen auszulassen, nur weil sie morgens besser in die Gänge kommen als ich, bringe ich dann doch nicht über mich. Lieber ziehe ich mich dann zurück, um noch ein paar Minuten für mich zu haben. In öffentlichen Verkehrsmitteln ist das dann ganz gerne ein Fensterplatz am Ende des Waggons. Also setzte ich mich im Schneidersitz auf eine der Bänke im hinteren Bereich, wo mich nicht gleich jeder sah und ging auf Tuchfühlung mit meiner extragroßen Kaffeetasse.

Wenigstens ein Pluspunkt in diesem Etablissement, das wegen der Konferenzräume und des großen LKW-Parkplatzes schräg gegenüber bei Geschäftsleuten und Fernfahrern sehr beliebt war; was nicht zuletzt auch an den moderaten Preisen lag. Eines musste ich Brian lassen: Bei der Organisation unserer Unterkunft für die nächsten Tage hatte er nicht daneben gegriffen.

Die Aussicht aus dem Panoramafenstern war zwar nicht berauschend, aber damit konnte ich leben, denn am Essen gab es nichts auszusetzen. Auch am Kaffee nicht – und genau davon reichte mir heute morgen eine einzige Tasse nicht. Nachschub musste her. Mit diesem Wunsch war ich trotz der frühen Stunde inzwischen nicht mehr die Einzige.

Vor mir an der Maschine stand Steve und zapfte sich seelenruhig eine ganze Kanne ab. Wow – eine ganze Kanne! Selbst ich hätte mich das nie getraut, dabei war ich bei meinen Freunden als Coffee-Junkie verschrien, zumal der Mann einen Herzinfarkt überstanden hatte. Das lag bereits zwar ein paar Wochen zurück, trotzdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass die Ärzte, die ihn behandelt hatten, das gutheißen würden. Ich hatte jedoch das Gefühl, in ein Wespennest zu stechen, wenn ich ihn gezielt darauf ansprechen würde.

Abwarten und Tee trinken, war in solchen Fällen mein bevorzugtes Motto. Natürlich war das nur symbolisch gemeint, aber so wie es aussah, mochte auch Mr. Harris Tee, und zwar wörtlich. Erst Kaffee – jetzt Tee… was hatte er damit vor? Und schon stand ich mit einem Fuß an der Schwelle zu meinem nächsten Fettnäpfchen.

Bloß jetzt nichts dummes von mir geben… aber da war es schon zu spät. Ja, der Tee sei besser, als er gedacht hatte, und mit Kaffee hätte er es nicht so, auch wenn es nicht so aussah. Ja, ja, es ist nie so, wie es aussieht, dachte ich. Aber in diesem Fall stimmte es sogar. Die Kanne war für seine Kollegen am Set. Stimmt. Wie hatte ich bloß Dave, Paul und Frank vergessen können. Aus den Augen, aus dem Sinn… Aber vielen Dank für die freundliche Erinnerung…

Meine nicht vorhandene Begeisterung bei der Erwähnung des zuletzt genannten Namens konnte ich darum nur sehr schlecht verbergen, aber Steve war zu taktvoll, um darauf einzugehen. Statt dessen nahm er unser Zusammentreffen am Kaffeeautomaten zum Anlass, um mir noch einmal zu danken. Leider war ja mein Besuch im Krankenhaus so kurz vor unserer Abreise doch etwas knapp ausgefallen. Viel Zeit war nicht für ein ausführlicheres Gespräch gewesen.

Ja, komm du nur erst mal an – und dann viel Spaß beim Begutachten der Schäden; ich wette, Frank lässt keine Gelegenheit verstreichen, Dir meine Unfähigkeit aufs Brot zu schmieren.

Viel konnte er ihm in der kurzen Zeit nicht erzählt haben, dennoch musste eine Planänderung her. Dieser falschen Schlange das Feld überlassen? Never! Nur sollte ihm ein anderer als ich die Augen öffnen, dann dazu war ich zu stark involviert, und da der Typ von Anfang an ein rotes Tuch gewesen war, stand zu befürchten, dass ich mich im Ton vergriff oder komplett vergaß. Objektivität sah anders aus. Höchste Zeit für einen Themenwechsel.

Nichts leichter als das, denn wir waren schon bald nicht mehr alleine; nach und nach trudelten meine Kollegen ein. Oder sollte ich ‚meine ehemaligen‘ sagen? So richtig angekommen war ich an meinem neuen Platz noch nicht. Dazu hätte ich mich als Teil der Band fühlen müssen; tat ich aber nicht. Auf irgendeine Weise fühlte ich mich eher mit Leslie, Dave und Bradley verbunden als mit Sue oder Madlyn, obwohl die beiden wirklich nett waren.

Dennoch waren nicht sie es gewesen, mit denen ich stundenlang auf Landstraßen unterwegs gewesen war oder Dutzende von Sicherungen überprüft und kilometerweise Kabel verlegt hatte. Das sahen die drei ähnlich und setzten sich mit ihrem Geschirr zu uns an den Tisch. Schön, dass Dave einen großen Stapel Pancakes mitgebracht hatte, an dem wir uns bedienen durften; eine Einladung, die mich mit einschloss. Kaffee musste ich auch keinen mehr holen, das hatte Steve mit seiner Kanne schon getan.

Sollte noch etwas fehlen, so konnte ja ich losziehen. Obst oder Joghurt zum Beispiel für Leslie oder Croissants für Bradley. Oder mich… Wie lange hatte ich schon keine Croissants mehr gegessen? Oder Scones? Mit Erdbeermarmelade und Clotted Cream. Ach ja, morgens um sieben konnte die Welt doch noch in Ordnung sein. Bei diesem riesigen Angebot an leckeren Speisen konnte selbst ich nicht widerstehen.

Bis ich mein Tablett mit allem, was das Herz begehrte, beladen hatte und an den Tisch zurückgekehrt war, hatte der Stapel Pancakes deutlich an Höhe eingebüßt, und Dave war gerade dabei, Steve über den Verlauf der letzten Wochen ins Bild zu setzen, wobei er auch unsere Startschwierigkeiten nicht ausließ, den kaputtgegangenen und inzwischen reparierten Verstärker inklusive.

Mir war klar, dass genau das Stichwort war, das ich insgeheim befürchtet hatte. Nun würde sich zeigen, ob der Versuch erfolgreich gewesen oder völlig danebengegangen war.

„Broken Strings“ : Chapter 31 – Happy Birthday

So ein Humbug, dachte ich.

Mit solchen Bräuchen, die dem Aberglauben entsprangen, hatte ich noch nie etwas anfangen können. Der Genuss einer bestimmten Anzahl von Weintrauben verheißt Glück? Bleigießen ist das Zukunftsorakel schlechthin, und wer beim Start ins neue Jahr Dessous in einer bestimmten Farbe trägt, wird vom Glück geradezu verfolgt? Dank Google war ich jetzt wieder ein Stückchen schlauer:

„Der Brauch in den besagten Ländern verspricht, dass jene, die die Nacht ins neue Jahr mit roter Unterwäsche begehen, Glück, Erfolg und vor allem Liebe erfahren werden. Auch Gesundheit und Leidenschaft werden in Aussicht gestellt (…) Eine Einschränkung bleibt jedoch: Sie dürfen die Unterwäsche nicht selber gekauft haben, sondern sie muss geschenkt worden sein.“

Donnerwetter, was t-online.de alles wusste! Trotzdem konnte ich nicht behaupten, dass mich so viel geballtes Wissen aus dem Internet schlauer machte. Im Gegenteil: Rote Wäsche? An Silvester? Ernsthaft? Hast Du mal auf den Kalender geschaut? Heute haben wir den 10. September und nicht den 31. Dezember. Von wegen neues Jahr. Es sei denn…

Erwischt! In gewisser Weise beginnt für mich heute ein neues Jahr…“, rückte er später mit der Sprache heraus, als wir alleine waren, „… ein neues Lebensjahr.“

Das war ja mal eine großartige Nachricht. Heute war sein Geburtstag, und niemand hatte darüber auch nur ein Wort verloren. Weder er selbst noch die anderen. Es sei denn, sie hatten sich wegen einer geplanten Überraschungsparty nichts anmerken lassen. Doch selbst die hatte es nicht gegeben. Tusch und Konfettiparade? No way! Auf das Feiern seines Geburtstags legte er keinen Wert? Warum nur? Es sollte ja Menschen geben, denen das Feiern am 11. September seit 2001 gründlich verleidet war, aber zu denen zählte ich Mike nicht. Und außerdem war immer noch der Zehnte.

Ganz ehrlich? Ich hasse Überraschungspartys!“

In gewisser Weise konnte ich das sogar verstehen. Auch mir waren spontane Überfälle dieser Art ein Graus, die nur noch von geplanten Partys mit peinlichen Überraschungen für den Gastgeber übertroffen werden konnten.

Andererseits hätte ich nichts gegen eine kleine Privatparty mit einer sexy Lady in Red.“

So, so, eine kleine Privatparty… mit mir…

here I am, lost in the light of the moon that comes through my window, bathed in blue….

Das Blau des hereinfallenden Mondlichts reichte aus, um nicht vollends von der Finsternis verschlungen zu werden, aber es verbarg, dass mich seine Worte zum Glühen brachten, und nicht nur innerlich – Worte, die kaum mehr als ein Flüstern waren: „My beautiful lady in red“.

Picture your thoughts: In the heat of the moment… Ich leuchte wie das Licht an einem beschrankten Bahnübergang. Ein Signal. Rot blinkend. Gefahr! I can hear the train coming. My rabbit heart under your spell. Like deer in the headlights. On a railroad track.

„My beutiful sexy lady…“ – und dann: Stille.

Stille? Wer’s glaubt! Wir befanden uns im Auge des Sturms. Unmöglich für mich, noch klar zu denken. Sinnvolle oder zusammenhängende Sätze? Fehlanzeige! Das hier war längst noch nicht vorbei

… down to a whisper, in a daydream, on a hill…

Doch der kurze Moment vor dem Sturm war kein Tagtraum auf einem sonnigen Hügel. Poetische Romantik war einmal – hier war es heller als tausend Sonnen und heißer als die Hölle.

I am at the center at the sun and waiting for hell to break loose. Worte stören da nur. Enjoy the silence…

♪♫ ♪♫ ♪♫ Enjoy the silence ♫ ♪♫ ♪♫ ♪

WAS? – What the hell! Wer störte jetzt um diese Zeit? Jenny? Nein, Madame, sonst gerne, aber nicht jetzt. Nicht um drei Uhr nachts, und vor allem nicht, wenn ich gerade zum nächsten Schritt angesetzt habe. Dieses Gedudel war der Stimmungskiller. Es abzuschalten war die einzige Lösung, aber die Magie des Augenblicks war unwiederbringlich dahin. Dennoch… Wenn nicht so, dann anders.

„Oh Andie… you’re so… “ – Nein, so würde das nicht funktionieren. .. „hot!“

So nicht. Jedenfalls nicht, nachdem sich das nervige Phone dazwischen gedrängelt hatte. Eine andere Lösung musste her. Schalt. Dein. Hirn. Ab. Und zwar schnell. Das ist nicht der Moment, wo ihr weglaufen müsst, sondern der Moment, um zum Angriff überzugehen.

Der Moment, um zum Angriff überzugehen? Oh ja, das Auge des Sturms war weitergezogen, und jetzt ging alles weitere von mir aus. No more words! Ich wollte nichts mehr hören. Nicht davon, wie sexy er mich fand oder wie perfekt sein Geschenk, das ich trug, meine Kurven umhüllte und ihn allein dieser Anblick an den Rand des Wahnsinns trieb. Noch ein Wort, und ich würde durchdrehen.

Shut up“, zischte ich ihm zwischen zwei Atemzügen zu, bevor ich ihn an mich zog und ihm mit einem langen Kuss die Lippen verschloss. „A little less conversation… a little more action …“ A little more action? „and a lot more than that!“

My stars! So fordernd kannte ich mich gar nicht. Ich war eindeutig nicht mehr ich selbst, oder besser gesagt, nicht mehr so, wie ich mein altes Ich kannte. A lot more action? Oh Lord! I want a perfect body, I want a perfect soul…

In den Beschreibungen anderer Leute entweicht an dieser Stelle die Luft schlagartig aus dem Raum. Aber das traf es hier nicht annähernd. Wir hatten immer noch alle Luft der Welt, aber sie war wie Benzin, und es brauchte nur noch einen Funken, der zur Explosion führte.

Here we go, we’re so close to it. Und dann, wie aus dem Nichts: Winter is coming!

Statt glühender Lava oder eines alles verzehrenden Brandes fand ich mich mitten in einen Eissturm geschleudert. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nicht auf Skiern gestanden oder war eine Sprungschanze hinuntergesaust. Doch genau so musste es sich anfühlen: ein bodenloser Fall in die Tiefe und nach unzähligen Metern… der Absprung… das Abheben… der Blackout. Wie in dem einen Song von Amy Winehouse: „My blood running cold – I stand before him … When he comes to me I drip for him tonight – Drowning in me, we bathe under blue light… and I wake up alone.“

Nur dass ich nicht alleine war, als ich wieder zu mir kam.

Hey Süße, Du zitterst ja…“

Ja, aber nicht vor Kälte, doch das verriet ich ihm nicht, denn sonst wäre mir das Beste danach entgangen. Am liebsten wäre ich für immer so mit ihm liegengeblieben; oder wenigstens so lange wie möglich diesen Augenblick auskosten, bevor er zur obligatorischen „Zigarette danach“ griff und nach draußen verschwand. Aber so wie aussah, verzichtete er heute auf sie. Statt dessen schlossen sich seine Arme noch enger um mich.

Wenn er mich wärmen wollte, hatte ich nichts dagegen. Ich fühlte mich so herrlich träge, und vielleicht wirkte Wärme ja doch muskelentspannend. Dummerweise setzte bei mir die Muskelentspannung jedoch Tränen frei, aus denen er die falschen Schlüsse zog. Genau deshalb hasse ich bei mir solche Gefühlsausbrüche: dem anderen erklären zu müssen, dass er nichts falsch gemacht hat oder schlimmeres, sondern dass das genaue Gegenteil der Fall ist. Und das an seinem Geburtstag… Happy Birthday, konnte ich da nur sagen.

Time Out: Anstatt bei meiner Schilderung der Ereignisse auf den Punkt zu kommen und mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, lasse ich meine Gedanken frei umherschweifen, nur damit ich nicht an diesen verdammten 11. September denken muss. Der gärt schon seit längerem in mir. Aber ich meine nicht das New Yorker Desaster von 2001, sondern den Tag, an dem das Ende seinen Anfang nahm.

Ja, die Nacht war für uns beide unvergesslich gewesen, und an Mikes Stelle hätte sein neunundzwanzigster Geburtstag nicht schöner anfangen können. Natürlich hatte er mir das Geschenk nicht ohne Hintergedanken gemacht, denn das zählte zu der Sorte, bei der vor allem die schenkende Person etwas davon hat.

Siehst Du“, hatte er mir schläfrig ins Ohr gemurmelt, nachdem Ruhe eingekehrt war, „von wegen Aberglauben. Am Ende hat der Zauber doch gewirkt.“

An welchen Zauber er auch immer dachte, ich war viel zu müde, um mir darüber noch Gedanken zu machen, und fiel auf der Stelle in einen tiefen Schlaf ohne Träume, aus dem ich erst zu vorgerückter Stunde erwachte.

Das Bett war zerwühlt, aber leer. Anscheinend war Mike aufgestanden und hatte mich weiterschlafen lassen. Kein Wunder, es war ja auch schon elf Uhr. Gut gemeint, mein Schatz, aber das Gegenteil von gut. Denn schon beim Erwachen wusste ich, dass es spät war. Sehr spät sogar, denn ich fühlte mich trotz der vermeintlichen Erfüllung aller meiner Träume so knatschig wie an den Tagen, an denen ich erst nach neun Uhr aus den Federn krieche.

Verkatert kann man das nicht nennen, vielmehr so ein Gefühl, dass ich vom Tag nicht mehr viel habe, und wenn dann noch mein Schlafrhythmus aus den Fugen gerät, kann ich sogar richtig ungenießbar werden. Wie motzig ich dann werden kann, davon kann Jenny ein Lied singen.

Jenny! Oh Shit! Sie hatte angerufen, und ich sie weggedrückt, weil mir ihr Anruf um ein Haar die Tour vermasselt hätte. Hoffentlich war es nichts Wichtiges gewesen. Noch war es nicht zu spät, mich bei ihr zu melden.

Beep – beep – beep – ♪♫ ♪♫ ♪♫ Words like violence, break the silence, come crashing in, into my little world ♫ ♪♫ ♪♫ ♪ „Hi, hier ist Jenny. Ich bin momentan nicht da, wo mein Phone ist, aber ich ruf Dich später gerne zurück. Hinterlass doch einfach Deine Nummer nach dem BEEP. Ciao.“

War ja klar, dass sich wieder mal nur die Sprachbox meldete. Gerade wollte ich ihr aufs Band sprechen, da wurde doch noch abgenommen. Hektisches Schnaufen in der Leitung, wie kurz nach dem Chase-Lauf: 5,6 Kilometer Joggen quer durch Frankfurt bei Temperaturen wie in der Sahara.

„Hi Jenny, hier ist Andie.“

Andie! Damit… hätte… ich jetzt nicht… gerechnet.“ Atemlose Pausen zwischen den einzelnen Worten – so klinge ich, wenn ich die Treppe hoch stürme und gleichzeitig dabei zu telefonieren versuche. Schön, wenn man multitaskingfähig ist, aber diese Kunstfertigkeit besitzen weder Jenny noch ich.

Wieso das denn? Du hast wohl schon vergessen, dass Du heute Nacht versucht hast, mich zu erreichen.“ Um drei Uhr nachts, wohl gemerkt. „Was gab’s denn so Wichtiges?“

Dass mir ihr Anruf gerade sehr ungelegen gekommen war, musste ich ihr ja nicht aufs Brot schmieren. Aber sie roch den Braten auch so.

Ach! Habe ich Euch etwa gestört?“

Na toll. Das wollte ich jetzt nicht mit ihr durchhecheln, aber bitte schön. Meinetwegen. „Na ja, ich sag’s mal so: Um die Zeit liege ich eigentlich schon im Bett.“

Und uneigentlich?“ Waaaa?! Och nee, nicht schon wieder dieses Spielchen! Das war ja so pubertär. Und ich Schaf hatte geglaubt, dass wir aus diesem Alter längst heraus wären. Jenny benahm sich ja schlimmer als während unserer Teenagerzeit.

Okay. Ja, ich war schon im Bett.“

Alleine?“ – Nee, mit dem Osterhasen, dumme Nuss! Natürlich nicht. Aber bitte: Was Du kannst, kann ich schon lange. Ha ha.

Was denkst Du denn?“ – So, jetzt war Schweigen angesagt. Und jetzt schnell den nächsten Satz hinterherjagen, damit sie gar nicht erst mit diesem dummen Spielchen weitermachen konnte.

Zeit war schließlich Geld, und mein Guthaben längst nicht mehr so prall wie an dem Tag, als Mike mir das Telefon geschenkt hatte. „Okay, Jenny. Spaß beiseite. Wenn Du mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf reißt, dann möchte ich doch sehr hoffen, dass es etwas Wichtiges war.“

Gewonnen. Also, pass auf. Die Sache ist die…“

Ich mache es an dieser Stelle kurz, denn ich hatte es schon geahnt: Madame hatte den Zeitunterschied vergessen und nicht mehr daran gedacht, dass an der kanadischen Westküste tiefste Nacht war; also hätte ihre Mitteilung ruhig noch ein paar Stunden warten können.

Breaking News: Streik geht in die nächste Runde.“

Dafür hätte auch eine einfache WhatsApp-Nachricht gereicht. Bei der hätte es nichts ausgemacht, wenn ich sie erst später zu Gesicht bekommen hätte, zum Beispiel jetzt. Dass der Streik der Piloten so schnell nicht vorüber gehen würde, hatte ich zwar geahnt, nicht aber, dass sich den Piloten die Flugbegleiter auf allen nordamerikanischen Fluglinien anschließen und zu allem Übel, frei nach der Devise „Spread the Word“, auch noch die Fluglotsen am Rhein-Main-Airport auf dieselbe Idee kommen würden.

… das heißt, Du sitzt da drüben fest. So eine Scheiße. Und wir hatten so fest damit gerechnet, dass Du in ein paar Tagen zurück bist…“

Wie rührend, dass sie mich so vermisste. Dabei kam es auf ein paar Tage mehr oder weniger doch bestimmt nicht an, und normalerweise hätte sie diesen Fall von höherer Gewalt als Chance gesehen, mir zu dem gewährten Aufschub zu gratulieren. Von ihr wäre sicherlich der heiße Tipp gekommen, ich solle die geschenkte Zeit mit meinem Liebsten in vollen Zügen genießen. Ja, normalerweise, aber da nichts in der Art von ihr kam, schien sie irgend etwas anderes auf dem Herzen zu haben.

Dieses globale Ereignis so hochzustilisieren, als ginge es um Leben oder Tod, sah ihr gar nicht ähnlich. Aus dem Heimflug am elften September, wurde nichts. Das hätte sie auch gar nicht von mir verlangt. Dass ich aber jetzt mein Visum bis zum Schluss ausreizte, anstatt meinen Aufenthalt vorzeitig abzubrechen, war leider Pech für sie.

Auch am Dreizehnten oder allerspätestens am Vierzehnten würde ich noch nicht wieder zurück sein, und das passte ihr gar nicht. Meine Güte, warum war ihr das so wichtig?

… und Du hast wirklich vor, noch bis zum 22. Oktober zu bleiben?“ – Ja, zum Kuckuck. Wie oft denn noch? Vielleicht rückte sie jetzt endlich mal mit der Sprache heraus und hörte auf, um den heißen Brei herumzureden. Hatte ich etwa einen wichtigen Termin verpasst?

Aber dann ist es zu spät!

Oh Mann, Jenny“, stöhnte ich, der Verzweiflung nahe. „Wofür ist es dann zu spät?! Wenn Du nicht gleich damit rausrückst, was Du…“

Für die große Feier!“

Was denn bitte für eine Feier?! Auf ihr Gestammel konnte ich mir keinen Reim machen, da konnte ich noch so sorgfältig alle meine Hirnwindungen durchkämmen – ich fand einfach nicht den Schlüssel zu dem streng gehüteten und mir entgangenen Geheimnis. Denn genau so fühlte es sich für mich an. Alle anderen wussten mehr als ich, der aus irgend einem Grund die wichtigen Informationen vorenthalten worden waren.

Ja. Nun. Ähm…“ – was für ein Anfang! – „Okay, anscheinend weißt Du wirklich nichts.“ Aaaaaaargh. Wovon wusste ich mal wieder nichts? Mensch, Jenny, komm endlich in die Gänge und pack aus!

Na gut, deswegen musst Du nicht gleich so genervt stöhnen.“ Ach, wie schön, dass ich meine Gedanken mal wieder laut formuliert hatte anstatt sie für mich zu behalten. Aber schön, dass sie jetzt endlich zur Sache kam. „Also: ich habe etwas zu feiern. Besser gesagt: Nico und ich…“

Moment mal – mein Bruder und sie? Die beiden waren zusammen? Wieso wusste ich nichts davon? Und dass sie etwas zu feiern hatten, ließ mich dann doch stutzen.

„… wir – Oh mein Gott! – wollen an dem Wochenende unsere Verlobung bekanntgeben.“

Bäng! Mein Bruder und meine beste Freundin. Verlobt. Nico und Jenny – einen schrägeren Witz hatte ich schon lange nicht mehr gehört. Hatte Jenny ihn nicht immer extrem ätzend gefunden? Na super, da ist man mal länger nicht zu Hause, und schon ändern sich die Verhältnisse um 180 Grad. Es war völlig unerheblich, wann es zwischen den beiden gefunkt hatte und wann sie erkannt hatten, dass sie den Rest ihres Lebens zusammen verbringen wollten…

Ausgerechnet mein Bruder, der Heiraten immer für spießig hoch zehn gehalten hatte, hatte sich ausgerechnet mit der verlobt, die für ihn immer nur die alberne Tussi gewesen war. Und Jenny, der sein Getrommel, wie sie es respektlos nannte, so auf den Geist gegangen war, dass sie geschworen hatte, sie würde irgendwann noch sein Schlagzeug zertrümmern und ihm die Drumsticks um die Ohren hauen oder schlimmeres damit anstellen…

STOP! Get those pictures out of my head. Ich konnte es einfach nicht fassen. Die Idee war doch nicht erst gestern entstanden – das schwelte schon länger. Dass sie am Vierzehnten feiern wollten, weil dieser auf einen Samstag fiel, bot sich ja geradezu an, und wenn meine letzten Wochen nicht so ein Chaos gewesen wären, könnte ich bei dieser Feierlichkeit dabei sein.

Blöd nur, dass der 13. September auf einen Freitag fiel. Ich war zwar nicht abergläubisch, aber Jenny dafür umso mehr, und gerade von ihr hätte ich den Wunsch, ich möge doch an genau diesem Tag zurückkommen, niemals erwartet. Die Liebe der beiden musste schon sehr groß sein, um diesen Teil einfach auszublenden. Wie beruhigend, dass sie wegen eines erfreulicheren und um einiges aufregenderen Themas angerufen hatte, und nicht wegen der allerneuesten Nachrichten zu den weltweiten Streiks.

Das wäre übrigens Brians Aufgabe gewesen, aber der war bereits unterwegs nach Vancouver, um Steve abzuholen – den Elektriker, den ich während seiner Genesung vertreten hatte. Dieser war nun wieder einsatzbereit und scharrte wahrscheinlich schon seit Tagen mit den Hufen, endlich wieder in den Job zurückkehren zu dürfen, bei dem ich ihm vertreten hatte, so gut ich konnte.

Trotz des positiven Feedbacks, das ich von meinen direkten Kollegen und sogar einem Außenstehenden erhalten hatte, erwartete ich kein Arbeitszeugnis von Brian. So schätzte ich ihn nicht ein. Und was sollte in einem solchen Zeugnis denn auch drinstehen?

Miss McAllister war unentbehrlich, als Temp eine wertvolle Stütze für unser Team und hat in wechselnden Einsatzgebieten großes Engagement gezeigt. Mit durchwachsenem Erfolg. Besonders in sozialen Belangen war sie eine echte Bereicherung. Schade nur um die Kollateralschäden.“

Oh oh, mit solchen Referenzen konnte ich mich nirgends blicken lassen. Niemand, der bei Trost war, würde mich damit einstellen wollen. Außer vielleicht ein paar Freaks, die mich über meine wechselnden Arbeitsgebiete liebend gerne ausquetschen würden. Aber auf eine solche Horrorshow verzichtete ich gerne.

Dann lieber gar keine Empfehlung als eine solche, und wenn es hart auf hart kam, dann würde ich lieber meinen einjährigen Auslandsaufenthalt und die Perfektion meiner Sprachkenntnisse in den Vordergrund stellen, auch wenn der erste Job katastrophal geendet hatte und meine Beschäftigung danach auch kein Traumjob gewesen war.

Den Traumtypen ließ ich besser unerwähnt, der war Privatsache, und ob mir mein kurzzeitiger Einsatz als Backgroundsängerin zum Vorteil gereichen würde, war eher unwahrscheinlich. Obwohl „kurzzeitig“, gleichzusetzen mit „vorübergehend“, ein dehnbarer Begriff war. Durch eine Laryngitis schachmatt gesetzt zu werden, war etwas, das ich Sue am wenigsten gewünscht hätte; und wenn ich es richtig mitbekommen hatte, würde sich ihr Zustand so schnell nicht bessern.

Sucht euch besser schnell ’ne andere für diesen Job, denn von meiner Rolle als Lückenfüller hatte ich so langsam die Nase voll. Another temp to fill the void – das wäre doch mal eine Idee für einen neuen Song. Besser nicht, am Ende wurde noch so eine kitschige Ballade draus oder eine Mischung aus „Another Brick in the Wall“ und „Another one bites the dust“, aber das war das falsche Jahrzehnt und eine andere Liga.

„Broken Strings“ : Chapter 30 – The Lady in Red

Wünsch. Mir. Glück.“

Wir waren gerade erst losgefahren, und schon hatte er wieder Sehnsucht nach mir. Eigentlich solltest Du mir ja Glück wünschen, schüttelte ich amüsiert den Kopf, und mir nicht eine Textnachricht nach der anderen schicken.

So gern ich mit ihm auch per WhatsApp kommuniziert hätte, aber dafür hatte ich im Moment überhaupt keinen Kopf, da Madlyn und ich mitten in Arbeit steckten. Vor uns lagen zwei Stunden Fahrt, und wir wollten die Zeit nutzen, um uns intensiv auf das Einsingen vorzubereiten. Die acht fraglichen Songs hatte ich längst als mp3-Datei auf meinem Smartphone abgespeichert. Was mir jetzt noch fehlte, waren die von uns beiden einzustudierenden Textpassagen.

Die entsprechenden Sätze hatte sie mit Marker auf den Kopien angestrichen, die ich nun vor mir auf dem Schoß liegen hatte, damit ich sie mir besser einprägen konnte, während ich dazu die entsprechenden Lieder mit meinem Phone hörte. Kopfhörer waren schon eine feine Sache, andernfalls hätte Mark einen Koller bekommen, weil ich wieder und wieder auf „Repeat“ drückte.

Es war dieser eine verdammte Song, den ich mir nicht merken konnte. Dabei war der Text noch nicht mal besonders kompliziert; aber es war wie verhext – die Worte wollten einfach nicht bei mir bleiben.

We’re riding on the freeway, seeing our lives rolling by. Sometimes the road is rocky and not so easy, sometimes it’s making you cry. ♪

O Gott, was hatte ich getan, dass man mich so grausam bestrafte? Ein gelungenes Versmaß hörte sich in meinen Ohren anders an. Vor allem hätte ich gerne gewusst, wer diesen holprigen Alptraum zu Papier gebracht hatte. Wenn Mike das sang, klang das eventuell gar nicht mal so übel, aber die Worte ablesen und im eigenen Kopf hören zu müssen, war etwas ganz anderes, und in meinem Innern klang das alles andere als professionell.

Küchenpoesie von 13jährigen Mädchen, die für die Schule ein Gedicht schreiben müssen, hätte nicht schlimmer sein können. Nur gut, dass ich bei diesem folkig vertonten Roadmovie nicht den kompletten Text ins Mikrofon säuseln musste, sondern nur die unterstrichenen Stellen. „Roadholes in the tarmac“, „U-Turns“ und falsche Abzweigungen, die man mit voller Absicht bei „full speed“ nahm, kamen darin ebenfalls vor.

Wer diesen Text verbrochen hatte, musste ein arg deprimierendes Leben führen. Und das wollten sie heute Abend wirklich bringen? Da war ja „Creep“ von Radiohead fröhlicher, und vor allem einfacher zu lernen. Außerdem wäre mir das Lernen leichter gefallen, wenn nicht schon wieder eine Textnachricht eingetrudelt wäre.

MM: ♪♫ ♪♫ ♪♫ Live baby live …. ♫ ♪♫ ♪♫ ♪ – „Und Süße, schon aufgeregt?“

Ihn zu ignorieren, würde mir nur telefonischen Dauerbeschuss bescheren, also textete ich so knapp wie möglich. AM: ♪♫ ♪♫ ♪♫ I’m standing here on the ground… ♫ ♪♫ ♪♫ ♪ – „Yepp.“

MM: „Nanu, so kurz angebunden?“

AM: „Der Song ist ein Alptraum!“

MM: „???“

AM: „Freeway. Mit dem Text komm ich einfach nicht klar.“

MM: „So schlimm?“

Jetzt bloß nichts falsches schreiben; am Ende war noch er der Urheber dieses Werks, und ich sprang womöglich mit Anlauf in den nächsten Fettbottich.

AM: „Ich will’s mal so sagen: ‚Creep‘ wäre eine leichtere Aufgabe.“

MM: „???“

Wie jetzt? Er kannte ‚Creep‘ nicht? Wenn ich ihm jetzt nicht sofort den Link zu dem entsprechenden Video schickte, würde er niemals Ruhe geben. Zu blöd, dass ich auf die Schnelle nicht das Original, sondern eine mit Inbrunst gesungene Coverversion im Stil der Swing- und Rockabilly-Ära fand. Die würde sich sogar noch besser für meine Zwecke eignen, denn gesungen wurde das Stück von einer Frau.

AM: „Bitte schön! Das hier würde ich tausendmal lieber singen: youtube.com/watch?v=m3lF2qEA2cw … PMJ at its best.“

Wenn er schlau war, würde er nach den Künstlern mit diesen Initialen googeln, und damit das Texten langsam ein Ende fand, schickte ich ihm noch die Information, dass wir jetzt gerne in Ruhe weiterarbeiten würden, garniert mit einem virtuellen Küßchen.

MM: „Ein Küßchen von Dir? Fein, dann lass ich Dich bis nachher in Ruhe. Aber ich hätte da auch noch was für Dich… Lass dich überraschen! Bye.“

Na prima. Jetzt war zwar Ruhe im Karton, aber deshalb verschwand meine Nervosität noch lange nicht. Im Gegenteil: Nun hatte ich nicht nur Lampenfieber wegen des bevorstehenden Auftritts, sondern zerbrach mir den Kopf über Mikes Überraschung. Das Ganze noch in Kombination mit dem Video, das ich ihm gerade geschickt hatte, und das Chaos war perfekt.

Warum hatte ich mich nur dazu hinreißen lassen? Jetzt hatte ich einen Ohrwurm, den ich nicht gewollt hatte und der sich nur auf eine Art bekämpfen ließ: Ich musste genau diese Schnulze beim Soundcheck singen; und zwar so, als ob ich selbst die Leadsängerin dieser großartigen Combo wäre.

Zuckersüß die Verpackung…

 When you were here before, Couldn’t look you in the eye, You’re just like an angel, Your skin makes me cry

… aber bitterböse der Inhalt: You float like a feather, In a beautiful world, And I wish I was special, You’re so fuckin‘ special

Ich schloß die Augen, holte tief Luft und ließ die Töne fließen: But I’m a creep, I’m a weirdo. What the hell am I doing here? I don’t belong here.

Und plötzlich war da seine Stimme, die die nächste Strophe übernahm und mich aus meiner Versenkung riss: I don’t care if it hurts, I want to have control, I want a perfect body, I want a perfect soul – I want you to notice When I’m not around, You’re so fuckin‘ special, I wish I was special

Wieso hatte ich ihn nicht hereinkommen hören und mitbekommen, wie er sich an das zweite Mikrofon gestellt hatte? Ich öffnete die Augen, löste das Mikrofon aus seiner Halterung und ging wie in Trance auf ihn zu. Der Refrain spiegelte genau das wider, was ich in diesem Augenblick fühlte: ♪ But I’m a creep, I’m a weirdo. What the hell am I doing here? I don’t belong here…

Dann versagte mir die Stimme, und ich musste abbrechen. Nein, ich gehörte nicht hierher. Ich war hier fehl am Platz, meine Anwesenheit ein Witz, und zwar einer von der grausamen Sorte. Das Universum hatte einen Clown gefrühstückt und ließ seine Launen an den völlig Falschen aus.

Würde ich das jetzt in eine WhatsApp verpacken, könnte ich erkennen, wie absolut schräg diese Worte auf den Leser wirken müssen, erkannte ich. Aber was nützte mir das? Diesen Fluch zu brechen, erfordert eine ungeheure Energiemenge – oder jemanden, der genau in diesem Moment, als ich mit dem Singen aufhörte, mir das Mikrofon aus der Hand nahm und mich an sich zog.

Glaub mir, Baby, Du gehörst absolut hierher…“  

Oh ja, bitte sprich weiter… und hör nicht auf, mich zu küssen…

„Für mich bist Du kein Creep. To me you are special. So very special…“

Oh Darling, wenn das die versprochene Überraschung sein sollte, dann ist sie Dir gelungen…

Andrea, Süße, ich hatte Dir doch noch eine Überraschung versprochen…“

Ach? Jetzt war ich aber neugierig. Mike räusperte sich, dann zog er ein Päckchen aus den Tiefen seiner Lederjacke. Etwas Weiches, kein Schmuckkästchen (Gott sei Dank), verpackt in schwarzes Seidenpapier und verschnürt mit einem schwarzen Geschenkband.

„Vielleicht hilft Dir das ja gegen Dein Lampenfieber.“

Lampenfieber. Wow! Dass das so offensichtlich war…

„Trag es heute abend für mich.“ Diesmal hatten die Wände und unsere Umgebung keine Ohren, und was er sagte, konnte niemand hören, außer mir, denn seine Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern. „… Baby“

Ach wie süß: A Star is Born!

Huch! Erschrocken fuhren wir auseinander. Jemand war herein gekommen, und der Spott war unüberhörbar. Natürlich – der fiese Frank; wer auch sonst. War ja klar, dass er immer dann auftauchte, wenn ihn keiner brauchen konnte. Hastig stopfte ich das Päckchen in meinen Hosenbund. Das weiche Seidenpapier schmiegte sich an meinen nackten Rücken. Gut, dass nichts darin war, was zerbrechen konnte, aber ich kam nicht dazu, mir weiter darüber Gedanken zu machen, denn Frank nervte weiter.

Anstatt die Lady Gaga zu geben, könntest Du ruhig mal mit anpacken.“

Wie bitte? Mit anpacken? Na, der traute sich ja was! Hatte er nicht kapiert, dass ich dafür nicht mehr zuständig war? Ich wusste ja, dass er nicht die hellste Kerze auf der Torte war, aber damit lehnte er sich weiter denn je aus dem Fenster. Bisher hatte er mich immer dann schikaniert und seinen Ärger an mir ausgelassen, wenn wir alleine waren und es in Gegenwart anderer Personen bei verbalen Ausfällen belassen.

Indem er die Abreibung von neulich bewusst ignorierte, überschritt er jedoch diese Grenze, und ich wusste nicht, ob ich das unsagbar dreist oder einfach nur dumm finden sollte. Wenn man keine Probleme hat, macht man sich welche.

Und anstatt uns auf den Sack zu gehen, könntest Du auch einfach nur Deinen Job machen, Parker. Aber ohne uns zuzutexten“, gab Mike verärgert zurück. „Oder brauchst Du eine Extra-Aufforderung?“

Die zusätzliche Untermalung mit einer angedeuteten Maulschelle war nicht notwendig. Frank verkniff sich weitere Kommentare und verzog sich hinter die Bühne.

Ich sehe, Du bist genauso entzückt über sein Auftauchen wie ich“, spottete ich.

Oh, irgendwann schieß ich diesen Typen auf den Mond.“ stöhnte er gequält auf. „That f*****‘ pain in the ass.“

Ich sehe schon, wir sind uns einig, dachte ich und antwortete trocken: „Aber bitte ohne Rückfahrkarte.“

Das brach den Bann, und ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass gleich der Rest der Band für die Generalprobe erscheinen würde. Uns blieb nicht mehr viel Zeit bis zum Auftritt, und ich spürte, wie ich immer nervöser wurde, denn nun wurde es ernst. Wir waren schon halbwegs durch mit dem Programm, da bat Mike um unsere Aufmerksamkeit: „Lasst uns nochmal die Setlist durchgehen.“

Oh no!“ Das klang alles andere als entzückt, denn wenn Mike so anfing, konnte das nur heißen, dass irgendetwas im Busch war. „Sag jetzt nicht, dass Du das Programm nochmal umschmeißen willst!“

Nicht direkt umschmeißen. Nur eine kleine Änderung.“

So, so. Jetzt wurde es interessant, denn seine ‚kleinen Änderungen‘ hatten es in sich. Er wollte einen Song weglassen? Fein. Aber womit gedachte er, die Lücke zu füllen?

Auch John war auf einmal hellhörig geworden: „Du willst jetzt allen Ernstes einen Song aus dem Programm nehmen? Und welchen, wenn ich mal fragen darf?“

Bitte, bitte, lass es nicht ’someone somewhere‘ sein – jetzt, wo ich meinen Part endlich drauf habe, flehte ich in Gedanken.

Ich dachte an Freeway“.

Ein Glück, dachte ich erleichtert, aber damit war John wiederum nicht einverstanden.

Sag mal, hast Du sie noch alle? Weißt Du, wie lange ich daran geschrieben habe?“

Ach, Du warst das? ging mir ein Licht auf. Jetzt wurde mir so langsam einiges klar. Ich hatte ja schon einen gewissen Verdacht gehabt, aber nun bekam ich die Bestätigung, dass es unter der stets nach außen hin gelassen wirkenden Oberfläche bei unserem Keyboarder ganz anders aussah.

Er wird von allen unterschätzt. Immer ausgeglichen, immer freundlich: Nein Freunde der Nacht, der Schein trügt. Er schaut weder aus Frust noch aus Langeweile so oft und so tief ins Glas. Eurem Freund geht es beschissen; und keiner merkt, wie unglücklich er eigentlich ist?

Glaubst Du, das weiß ich nicht? Ich sag ja auch nicht, dass wir die Nummer komplett für den Rest der Tournee streichen sollen. Ich rede ja auch nur von heute Abend“, versuchte Mike, ihn zu beschwichtigen, was seine Kollegen zu der Frage führte, was sie dadurch gewinnen würden.

Die Antwort lag auf der Hand: Zeit – und zwar so viel, bis entweder ich meinen Part zu einhundert Prozent drauf hatte oder Sue wieder fit war. Nur was, zum Henker, sollten sie statt dessen spielen? Nachdenklich schaute er mich an.

„Warst Du nicht der Meinung, dass ‚Creep‘ eine leichtere Aufgabe wäre und Du das tausendmal lieber singen würdest?“

Oh nein. Wenn es das war, worauf er hinaus wollte, dann war das eine ganz schlechte Idee. Creep als Duett? Fröhlicher und einfacher zu lernen? Ja, danke, dass Du mich daran erinnerst, aber ich wollte niemals im Rampenlicht stehen, und Deinen Kollegen wäre es auch nicht recht, wenn … wie hatte Frank nochmal gelästert … wir beide Lady Gaga und Bradley Cooper gaben. Komm bloß nicht auf dumme Gedanken, Mike Mitchell.

Zum Glück konnten sie ihm diese Schnapsidee austreiben und entschieden sich für ein Instrumentalstück als Lückenfüller. Puh! Dieser Kelch war nochmal an mir vorbeigegangen. Viel Zeit blieb uns nicht mehr bis zum Konzert, und umgezogen waren wir auch noch nicht, vom fehlenden Styling gar nicht erst zu reden.

Komm, Andrea“, sprach Madlyn, „lassen wir die Jungs in Ruhe und machen uns fertig.“

Mich vorher noch zu duschen, hätte ich jetzt schick gefunden, außerdem wollte ich für einen Moment alleine sein, um Mikes Geschenk zu öffnen.Trag es heute abend für mich‘ – bei diesem Glücksbringer hatte ich ganz stark das Gefühl, dass er nur für meine Augen bestimmt war. Vielleicht ein bestimmtes Schmuckstück, das er zur Tarnung in ein Tuch eingewickelt hatte oder aber…

Etwas Rotes? Hektisch riß ich das Papier in Stücke, und zum Vorschein kam ein Wäscheset aus deunkelrotem, matt schimmerndem Satin. Wann hatte er die Zeit gefunden, eines für mich auszusuchen, das mir nicht nur auf Anhieb gefiel, sondern vor allem auch noch passte? Die passende Größe zu ermitteln, ist eine Wissenschaft für sich, die viele Frauen, die ihre Konfektionsgröße eigentlich kennen müssten, vor ungeahnte Herausforderungen stellt.

Von einem Kerl, den ich erst verhältnismäßig kurze Zeit kannte, hätte ich daher nicht erwartet, dass dieser Traum im Vintagestil, an dem überflüssige Verzierungen fehlten, so ausgezeichnet sitzen würde. Einen Mann mit perfektem Augenmaß hielt ich für genauso selten wie einen Fünfer im Lotto. Perfektes Augenmaß – oder einfach nur ein gutes Erinnerungsvermögen an die von Hand ermittelten Maße? Mir schwante so langsam, wann er die Sachen, in denen ich mich fühlte wie ein anderer Mensch, gekauft hatte.

Von wegen Zigarettenpause, während wir schon mal vorgehen sollten… Der Laden mit den Pseudo-80s-Outfits; während Madlyn und ich uns durch die Garderobenständer gewühlt hatten, musste er sich seinerseits umgesehen haben, mit dem Ergebnis, das ich wohlwollend im Spiegel begutachtete. Ich musste zugeben, der Mann hatte Geschmack. Was störte es mich da, dass die Träger unter dem Ausschnitt meines Tops hervorblitzte. Niemand würde darauf so genau achten…

Hatte ich aber auch nur gedacht. Unter meinem asymmetrischen Eighties-Outfit war ich die Lady in Red, und da Madlyn direkt neben mir stand, war sie die Erste, der die Veränderung an mir auffiel.

Ich wusste es“, flüsterte sie mir in einer Pause zwischen zwei Songs zu, „Wenn Du erst mal auf der Bühne stehst, und im Flow bist, verfliegt das Lampenfieber.“

Ach, Madlyn, wenn Du wüsstest, dass es nicht alleine daran liegt. Ich ließ sie weiter in dem Glauben. Die verräterischen roten Träger hatte sie noch nicht gesehen, und so lange ich darauf achtete, dass der Ausschnitt des Tops dort blieb, wo er hingehörte, würde sie sie auch nicht sehen.

Einen Tip hätte ich noch: Am besten schaltest Du alle überflüssigen Gedanken ab und konzentrierst Dich nur noch auf den Rhythmus.“

Heidi Klum lässt grüßen. Aber ganz so verkehrt war ihr Ratschlag nicht; wenn ich sah, wie fließend sie sich hinter dem Mikrofon bewegte, war bei mir noch Luft nach oben. Mich an ihr zu orientieren, war bestimmt nicht das Dümmste. Und nun rasch wieder ans Mikrofon, denn die Pause neigte sich ihrem Ende entgegen. Jetzt war nur noch die Musik wichtig, nichts anderes zählte mehr.

Nun zahlten sich unsere intensiven Übungsstunden aus, und bei „Don’t stop believing“ spürte ich, wie sich auch der letzte Rest meiner Aufregung verabschiedete…

A singer in a smokey room, The smell of wine and cheap perfume, For a smile they can share the night, It goes on and on and on and on ♪

Den konnte ich zwar auswendig, aber damit der mehrstimmige Gesang diesem Klassiker das gewisse Etwas gab, musste ich trotzdem auf die richtige Umsetzung achten.

♪ Strangers waiting. Up and down the boulevard, Their shadows searchin‘ in the night ♪

unsere Silhouetten im Halbschatten, die sich im Gleichtakt bewegten, rundeten das Gesamtbild ab. Nur Synchronschwimmer konnten diesen Anblick toppen. Aber die waren in der Regel nicht bloß zu zweit unterwegs. Und im Gegensatz zu uns blieb bei denen wenigstens das Kostüm an seinem Platz: Durch die Bewegungen zu den Klängen von Journey glitten mein Halsausschnitt zur Seite und gab meine linke Schulter frei. Ein Nebeneffekt, den ich nicht einkalkuliert hatte. Dabei hatten wir so darauf geachtet, in einheitlichen Outfits auf der Bühne zu stehen, aber an die farbliche Abstimmung des Untendrunters hatte keine von uns gedacht. Rouge et Noir? Mist, diesen Fauxpas würde mir meine Kollegin bei der nächsten Gelegenheit bestimmt unter die Nase reiben. Es würde auch bestimmt nicht mehr lange dauern, bis das auch dem Rest der Band auffallen würde, und was den Sänger anging… Der wusste es auch so, denn er war sich absolut sicher, dass ich ihm seinen unter vier Augen geäußerten Wunsch nur allzu gerne erfüllt hatte.

Rooms full of strangers, Some call me friend, But I wish you were so close to me ♪

Ich wusste, nun kam der Teil, an dem Madlyn und ich bei den Worten „By my side“ im Refrain nochmal alles geben mussten und dass nun der Teil kam, bei dem eine Konzertbesucherin das Gefühl bekommen würde, dass die Ballade des Abends allein ihr gelten würde.

In the dark of night, These faces they haunt me. But I wish you were So close to me ♪

Holy Mary! He’s turning away from the crowd and turning around in my direction… Oh bitte, nein, Mr. Mitchell, drehen Sie sich bitte wieder ganz schnell um und bespaßen Sie Ihre weiblichen Fans, aber bitte, bitte, lieber Gott – bitte schick Bradley und Kevin eine Eingebung, damit sie den Lichtkegel nicht über die Bühne wandern lassen und mich in dieses grelle, weiße Licht tauchen. Wetten, dass es niemals geplant gewesen war, mich zu einem Bestandteil der Show zu machen…

In the dark of night. ♪

Von wegen ‚Dark of Night‘ – das gleißende Flutlicht fiel gnadenlos auf mich und gab mich mehr als tausend Leuten preis.

♪ By my side.In the dark of night, By my side I wish you were, I wish you were so close to me ♪

Aber war das wirklich nur Show? Sein Blick, der sich in meinem versenkte, sprach eine andere Sprache, mochten die anderen auf der Bühne diese Einlage auch für einen Running Gag und das Publikum für den Inbegriff der Romantik halten – ich wusste es besser. Und so, wie er mich ansah, wusste er, dass ich es wusste.

Dass ich das Kunststück fertigbrachte, trotz weicher Knie und flatternder Nerven beim Refrain mit Madlyn mitzuhalten, erschien mir im Nachhinein wie ein Wunder. Nur um sich davon zu überzeugen, dass mir sein Geschenk gefiel und ich die neuen Sachen nicht nur ihm zuliebe trug, hätte diese Spezialeinlage nicht sein müssen.

Ja, haben wir denn schon Silvester?“ lautete dann auch prompt ihre Frage, als wir während unserer Pause bei ‚Sunday bloody Sunday‘ und ‚New Year’s Day‘ ins Dunkel abtauchte und unsere leergelaufenen Reserven mit Wasser auffüllten.

Ratlos blickte ich sie an. Ich hatte keinen Schimmer, was sie meinte. Silvester? Hä? „Na, ganz einfach. Es gibt da einen Brauch zu Silvester, nach dem das Tragen von neuer, eigens für diesen Anlass angeschaffter Unterwäsche im neuen Jahr Glück bringen soll.“

Selbstredend mussten diesem Aberglauben zufolge die Dessous rot sein. Und worauf sich das Glück bezog, konnte ich mir denken: finanzielle Dinge zählten nicht dazu.

„Broken Strings“ : Chapter 29 – Shopping Queen

 

Das bißchen Shopping? Was konnte denn daran so schwer sein! Ich hatte schon wirklich einige Rockpalast-Sendungen gesehen, um zu wissen, dass nicht jede Band auf übertrieben gestylte Sängerinnen im Hintergrund Wert legte, nur einheitlich gekleidet sollten sie sein und nach Möglichkeit nicht dem Leadsänger die Schau stehlen.

Ich wusste ja nicht, welches Outfit Madlyn vorschwebte, aber mir reichten durchaus schwarze Hosen und schlichte Oberteile, die sich farblich nicht groß von dem Rest der Band unterschieden. Zwei Stunden für eine schnelle Shoppingtour für zwischendurch zu veranschlagen, hielt ich für realistisch.

Madlyn dagegen hielt das Doppelte davon für angebracht, und ich bekam den Eindruck, dass sie bei dieser Gelegenheit viel lieber ausführlich durch sämtliche Läden der Stadt gezogen wäre.

Ich hab‘ den ganzen Schrankkoffer voll, aber finde trotzdem nichts zum Anziehen?

Zu dieser Sorte mochte zwar sie gehören, aber doch nicht ich. Für mich waren stundenlange Einkaufsbummel der wahre Horror, und ich konnte nicht verstehen, was so toll daran sein sollte, sich in überfüllten Läden bei dröhnender Musik, vorzugsweise R&B oder Hip Hop, durch knallvolle Kleiderständer zu wühlen, um dann in einer winzigen Kabine mit Vorhang in Outfits zu schlüpfen, die einander wie ein Ei dem anderen glichen. Grässliche Beleuchtung inklusive.

Lieber durchstöberte ich Buchhandlungen und setzte mich mit meinen Käufen in das nächste Straßencafé. Früher hatte ich mich am liebsten in Plattenläden aufgehalten, doch die Möglichkeit dazu hatte ich nur noch selten.

Ihr könnt euch ruhig Zeit lassen“, kam Brian um die Ecke.

Sonst war er doch immer derjenige, der mit der Stoppuhr hinter uns stand und uns zur Eile antrieb. Als einer, der sonst äußerst penibel auf die Zeit achtete, wunderte es mich, dass er jetzt auf einmal die Zügel schleifen ließ, wo wir doch heute noch… Kleiner Irrtum: Das von ihm gebuchte Hotel fiel für unsere Übernachtung vor dem Gig flach. Wie er soeben erfahren hatte, hatten ein Hygieneproblem in der Küche und Schimmel in einem Großteil der Wände dazu geführt, dass das Gesundheitsamt den Laden von jetzt auf gleich dichtgemacht hatte.

Gut, dass er nicht im voraus bezahlt hatte. Leider war eine Ausweichmöglichkeit nicht mehr zu bekommen, aber zum Glück hatte sich Jake bereit erklärt, uns für eine weitere Nacht dazubehalten. Das hieß aber auch, dass der nächste Morgen für die Crew einige Stunden früher beginnen würde, damit der Aufbau so zeitig wie möglich vonstatten gehen konnte. Aber laut unserem Manager musste mich das ja ab sofort nicht mehr kümmern.

Aber seht zu, dass Ihr die Kassenbons nicht wieder verschusselt wie letztes Mal.“

Ach ja? Das hätte mich jetzt schon interessiert, aber Madlyn hatte es plötzlich auffallend eilig, wegzukommen. Etwas zu eilig. Da blieb einem ja nicht mal mehr Zeit, die anderen zu fragen, ob sie mitkommen wollten oder wir ihnen etwas mitbringen durften; vielleicht eine neue Sonnenbrille für Mike… oder ein neues Shirt für unseren Keyboarder, dessen Garderobe im Vergleich zu den anderen sehr reduziert wirkte.

Jede Modebloggerin hätte sich vor Entzücken über diese sogenannte Capsule Wardrobe kaum mehr eingekriegt, aber wenn ich mir seine Tasche so ansah, schien er nach dem Prinzip „Weniger ist leer“ zu leben. Ob das Madlyn auch schon aufgefallen war?

Ach, Mensch, Johnny Boy“, rief sie und stieß ihn freundschaftlich an, „komm doch einfach mit. Das wird spaßig.“

Spaßig? Welcher Kerl zieht schon freiwillig mit zwei Frauen los, um Klamotten zu kaufen? Höchstens, wenn es unterwegs die Möglichkeit gibt, das Equipment aufzustocken, mit neuen Drumsticks oder dem ein oder anderen Plektron für die Künstler an den Saiten; aber einzig und allein wegen Mode?

Da war ich skeptisch, genau wie bei meinem Einwurf, dass ja noch ein Zweiter mitkommen könnte, solange es sich dabei nicht um Euren Schlagzeuger handelt – aber das dachte ich nur. Als ob mein stilles Gebet erhört worden wäre, bot sich Mike an, uns zu fahren. Damit wir nicht den ganzen Weg alleine laufen müssen? Wer auch immer ihm diese Ausrede glaubte, ich war es jedenfalls nicht.

Kann es sein, dass Du nicht gerne läufst?“ kam ich dann auch sofort auf den Punkt.

Ach was“, tat er erstaunt und wollte wissen, wie ich auf diese absurde Idee gekommen war, „ich will nur nicht, dass ihr euch totschleppt, Süße.“

Wie zuvorkommend von Dir. Aber glaubst Du wirklich, dass das so ein Großeinkauf wird?“ Die paar Tüten konnten wir auch selber tragen, dazu hätte es den Ford nicht gebraucht.

Na ja, sieh’s mal positiv: zu Fuß würde das ewig dauern…“ – er senkte seine Stimme, in der Hoffnung, dass es außer mir niemand hörte, „… aber so sind wir schneller wieder zurück, und wir beide haben mehr Zeit für uns.“ Wie das gemeint war, konnte ich mir vorstellen, meine Kollegin aber leider auch.

Daraus wird nichts, Ihr Hübschen.“

Hier hatten nicht nur die Wände Ohren, sondern auch die Luft. Da war es besser, wenn man sein Temperament zügelte.

„Für Andrea und mich gibt es noch genug zu tun.“

Da hatte sie wohl recht, aber ihm dies so unverblümt vor den Latz zu knallen, hätte auch nicht sein müssen. Achselzuckend wandte er sich ab und setzte sich ans Steuer. Damit war das Gespräch beendet, und es konnte losgehen. Leider zog sich unser Ausflug dann doch länger hin. Aber nicht, weil Madlyn so wählerisch war, was die Qualität anging, sondern die beiden Herren sich nicht einigen konnten, welche Art von Oberteil sie zu den schwarzen Skinny Jeans heißer fanden: ärmellos und bauchfrei in Schwarz – oder weiß mit tiefem V-Ausschnitt.

Ich glaube, Du hast heute morgen zu heiß geduscht“, zeigte ich ihm den Vogel.

Ich und bauchfrei? Das kam erst gar nicht in die Tüte. Dagegen hatten meine Speckröllchen und ich definitiv etwas, und Madlyn graute vor der Vorstellung, in der knackig engen weißen Bluse auszusehen wie eine Bedienung in einem nicht ganz so erstklassigen Diner. Männer! Am liebsten hätte Mike mich in einem genauso engen Rock gesehen oder in einer hautengen Lederhose. Warum nicht gleich in einem Einteiler à la ‚Matrix‘ oder Kate Beckinsales Outfit aus ‚Underworld‘?

Amüsiert grinste Mike mich an: „Das wäre definitiv mal was anderes.“, um noch von John, der jetzt auch aufhorchte, noch getoppt zu werden: „Ja, das wäre aber mal wirklich ein echter Hingucker.“

Ich war sprachlos. Ich wusste ja, dass stille Wasser tief sind, aber dass er in die gleiche Kerbe hauen würde wie sein Freund oder ihn gar noch übertreffen würde, darauf war ich nun wirklich nicht gefasst. Im Gegensatz zu mir, quittierte sie diese Bemerkung mit der entsprechenden Antwort: „Ja klar – so seht Ihr aus. Lasst das bloß Danny nicht hören.“

Ja, der hätte wahrscheinlich noch besser gekontert, auch wenn er sie heiß und innig liebte. Höchste Zeit für mich, das Kino in meinem Kopf zu unterbrechen für eine sinnvolle Ansage, die zum eigentlichen Thema zurückführte.

Schön, dass Ihr so einen exquisiten Modegeschmack habt und wisst, was uns am besten steht“, begann ich und ließ meinen Blick zwischen den beiden hin und her wandern, „nur würde das so gar nicht zu unserem Programm passen.“

Wie gut, dass ich die Setlist zu Gesicht bekommen hatte, bevor wir losgefahren waren. Wie schon erwartet, stammte das meiste des zum Großteil aus Fremdmaterial bestehenden Programms von U2 und den Simple Minds; ein oder zwei Stücke waren von anderen Künstlern, und als Ballade des Abends hatte man wieder „By my side“ ausgewählt. Die Klamotten dagegen, die unseren beiden ‚Einkaufsberatern‘ so vorschwebten, hatten mit den 80er Jahren nichts zu tun. Skinny Jeans zwar auch nicht, aber ich zog dann doch einen dezenteren Look den bisher vorgeschlagenen betont sexy Outfits vor. Zu betont, für meinen Geschmack, und wenn ich die Wahl hatte, war mir ‚Pretty in Pink‘ dann doch um einiges lieber als ‚Pretty Woman‘.

Am Ende fiel unsere Wahl auf asymmetrische schwarze Oberteile und schlichte Shirts aus rotem Satin; und schließlich, als einziges Zugeständnis an die von unseren Begleitern gewünschte Sexiness, figurnahe Tops mit transparenten Querstreifen an den unverfänglichen Stellen.

So viel zum Thema ‚meine Speckröllchen und bauchfrei‘: Burger formten zwar diesen hübschen Body, aber das musste ja nicht gleich jeder sehen. Für mich reichte es schon, dass nur einer in den Genuss kam, und der versicherte mir, dass meine Sorge unbegründet sei, weil wir sowieso viel zu weit hinten auf der Bühne stehen würden. An das Scheinwerferlicht, das öfters auf uns fallen würde, hatte er wohl nicht gedacht, und ich ließ ihn in dem Glauben, denn sonst hätte der Einkauf noch länger gedauert. Jetzt, wo wir alles hatten, konnten wir doch genauso gut fahren, aber da hatten wir nicht mit Mike und seiner Zigarettenpause gerechnet.

Geht Ihr nur schon mal vor“, sagte er und drückte uns die Tüten in die Hand. „Ich brauch‘ noch eine Weile.“

Warum er seine Zigarette nicht auch am Auto rauchen konnte, erschloss sich mir zwar überhaupt nicht, aber bitte schön – kamen wir seiner Aufforderung halt nach und fanden es zumindest löblich, dass er so rücksichtsvoll war, auf das Rauchen im Auto zu verzichten. Qualm vertrug sich so schlecht mit unseren Stimmen, und die brauchten wir nicht nur morgen Abend, sondern auch gleich bei unserer Übungsstunde.

Das meiste davon kennst Du ja bereits“, bereitete mich Madlyn vor.

Ich nickte. Bis auf die eigenen Songs kannte ich sie alle. Die meisten Songs wie „Pride“, „Sunday bloody Sunday“ oder „Belfast Child“ stellten keine größere Herausforderung dar. Auch mit den beiden Stücken von INXS und „Alive and kicking“ würde es keine Probleme geben, und bei „Don’t stop believing“, „New Year’s Day“ und „All I want is you“ hätten wir ohnehin Pause. Die wahren Hürde lauerte dagegen bei „Someone Somewhere in summer time“, und bei „I still haven’t found what I’m looking for“ musste ich höllisch aufpassen, dass ich nicht den Fehler machte, unisono derselben Gesangslinie wie der des Leadsängers zu folgen oder mich an der Gospelversion zu orientieren.

Was wir aber von Grund auf einstudieren mussten, waren die acht eigenen Songs, die immer wieder zwischen den Coverversionen auftauchten. Von den Eigenkompositionen hatte ich leider nicht alles mitbekommen und musste mit dem Lernen bei Null anfangen.

Autsch! Irgendwie hatte ich mir das leichter vorgestellt, aber ich konnte kaum erwarten, dass man mir zuliebe das gesamte Programm umstellte und ausschließlich Coverversionen von Songs der Achtziger Jahre auf die Setlist setzte. Die las sich wie Kraut und Rüben, und eine Struktur konnte ich darin erst recht nicht erkennen, das einzige, was mich aufatmen ließ, war das Fehlen von „Don’t you forget about me“, dabei hätte es bestimmt einige gegeben, die sehr angetan davon gewesen wären. Ich begann, den Zettel eingehender zu studieren und unterstrich die Songs, die mir die größten Magenschmerzen bereiteten, mit Bleistift:

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U2 – Pride (in the name of love)

OxyGen – Thief on the run, No exit left, Life on the Freeway

Simple Minds – Alive and kicking, Belfast Child

OxyGen – Jars of Whiskey, Downtown Eastside

U2 – All I want is you

OxyGen – Hidden Treasure, You’re the one

U2 – I still haven’t found what I’m looking for

-Pause-

Journey – Don’t stop believing

OxyGen – Night Owls Working

INXS – By my side (Ballade des Abends)

U2 – Sunday bloody Sunday, New Year’s Day

Simple Minds – Someone Somewhere in summer time

INXS – Don’t Change

-Zugabe-:

Highland Cathedral – Extra extended version for two guitars

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Das meiste davon würde sich im ersten Teil des Konzerts abspielen, aber dass nur wenige der mir noch nicht in Fleisch und Blut übergegangenen Songs im zweiten Teil auf mich warteten, machte es nicht besser. Hier bestand die nicht zu unterschätzende Gefahr, dass meine Aufmerksamkeit nachließ und ich prompt meinen Teil verpatzte. Da hatte mir Danny ja was eingebrockt.

„Das schaffe ich nie“, stöhnte ich gequält auf und ließ den Zettel sinken.

Rede Dir das bloß nicht ein“, sprach Madlyn. „Du wirst sehen, das klappt. Wir beide üben jetzt noch zwei Stunden, dann machen wir eine Pause und gehen was essen. Achte darauf, zwischendurch viel zu trinken.“

Ja, heute vielleicht, liebe Madlyn, aber was mache ich morgen? Je mehr ich trinke, desto häufiger muss ich aufs Klo, und das wird beim Konzert schwierig.

Aber auch dafür wusste sie eine Lösung, und die bestand darin, auf der Bühne gar nichts zu trinken und wenn es doch nötig sein sollte, immer dann, wenn unser Einsatz nicht gefordert war, kurz hinter der Bühne zu verschwinden, abgesehen von der Pause, die dafür locker reichen würde.

Bete lieber, dass die Herren nicht auf die ach so geistreiche Idee kommen, die Liste der Songs nochmal umzustellen.“

Aber das glaubte ich wiederum nicht. Mike, der die anderen damals dazu angestiftet hatte, würde sich das kein zweites Mal trauen, es sei denn, er wollte es sich mit mir gründlich verscherzen. In dieser Hinsicht mussten wir uns keine Sorgen machen. Was mir dagegen Kopfzerbrechen bereitete, war die wenige Zeit, die uns bis zum Konzert am morgigen Abend blieb.

Wie stellte sich Madlyn das eigentlich vor? Sollten wir die ganze Nacht hindurch jeden einzelnen Song nochmal bis zum Erbrechen durchexerzieren? Schon die zweistündige Probe der Stücke, die uns beiden bekannt waren und die am ehesten sitzen würden, war für mich mit höchster Konzentration verbunden und dementsprechend anstrengend gewesen. Madlyn und ich hatten uns in ein Café zurückgezogen, um unsere Kraftreserven wieder aufzufüllen und den weiteren Plan durchzusprechen.

Natürlich schaffen wir das heute keinesfalls mehr. Und darum fährst Du morgen auch bei uns mit und nicht bei den anderen Chaoten im Ford.“

Congratulations – Ryan durfte wieder bei den anderen Herren der Band mitfahren, während der Impala zum rollenden Probenraum umfunktioniert wurde.

Ehrlich gesagt, ist mir das auch lieber so. Du glaubst gar nicht, wie der Typ mich genervt hat.“

Oh ja, ich konnte es mir vorstellen: dumme Sprüche und permanentes Getrommel mit den Fingern. Dumme Sprüche konnte man geflissentlich ignorieren, aber wenn jemand ohne Unterlass mit den Fingern trommelt oder mit einem Kugelschreiber klackert, kann das einen ohne weiteres in den Wahnsinn treiben.

Ach, das war es noch nicht mal. Aber dieses ständige Augenrollen, wenn Sue und ich noch einmal eine Passage durchgehen wollten, oder dieses ewige ‚Bing‘ beim WhatsAppen… Grau-en-haft.“

Da hatte sich jemand ja so richtig Freunde gemacht. Aber ob die Freude bei seinen Kollegen im Ford größer war? So, wie er und Mike aneinandergeraten waren, bezweifelte ich das. Ändern konnte von uns daran jedoch niemand etwas. Am Wichtigsten war jetzt, dass ich unseren Teil nicht versemmelte.

„Broken Strings“ : Chapter 28 – Driving me away

 

 

Du bist mir nicht egal – das war die Untertreibung des Jahres, die einen wesentlichen Part ausklammerte: mich. Was danach geschah, sehe ich jetzt noch wie im Zeitraffer an mir vorbeiziehen. Erst nach meinem Erwachen aus dem Rausch verläuft meine Erinnerung wieder in der üblichen Geschwindigkeit weiter.

Hinterher ist man immer schlauer, diese Binsenweisheit wurde mir in dem Moment wieder einmal so richtig klar, als ich wieder zu mir kam und mich aufrichtete. Ich hatte keine Ahnung, wo wir hingefahren waren, und es war auch völlig unwichtig für mich. Fest stand nur, dass wir es bis zu unserem Nest über der Garage nicht mehr geschafft hatten.

Warum sich ein Zimmer nehmen, wenn es draußen in der freien Natur viel lauschiger ist und es die Rückbank des Ford genauso tut, wenn man das beste am Streit erleben möchte? Auch wenn Mike gesäuselt hatte, dass er auf den Streit davor generell gut verzichten könne, war ich in unserem Fall nicht sicher, ob man das, was unserem Akt der Versöhnung vorausgegangen war, überhaupt einen Streit nennen konnte.

Dass ich Dich zuerst beschimpft habe und dann abgehauen bin, ist für Dich echt ein Streit? Nein, mein Herzblatt, bei einem richtigen Streit fliegen normalerweise die Fetzen und beide werfen sich Dinge an den Kopf, die sie später bereuen, rekapitulierte ich die letzten Stunden.

Ja, normalerweise – Mike dagegen war kaum zu Wort gekommen, während ich meinem Herzen Luft gemacht hatte. Zu Recht, wie ich immer noch fand. Man brauchte wirklich eine gehörige Portion guten Willens, wenn man meinen Ausbruch noch zu dieser Art von Auseinandersetzung zählte. Was lange gärt, wird endlich Wut? Die logische Konsequenz, wenn man gewisse Probleme zu lange unter dem Deckel köcheln und brodeln lässt, und in diesem Fall glaubte ich ganz genau zu wissen, wo der Hund tatsächlich begraben lag.

Sag mir, was Deine persönlichen Schwächen sind, und ich sage Dir, wer Du bist, ging es mir durch den Kopf, aber jetzt einen erfundenen Psychotest aus dem Hut zu ziehen, sobald er mit seiner Zigarette danach fertig war? Ich war doch nicht die Therapeutin von Lucifer Morningstar, und Mike auch nicht Lucifer, denn der war zwar ebenfalls sexy wie die Hölle, aber längst nicht so eifersüchtig wie Mike. Aber war wirklich die Eifersucht sein Problem? Ich tippte eher auf einen Mangel an Vertrauen, und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr bekam ich das Gefühl, dass noch mehr dahinter steckte.

Ausgerechnet jemand, der sich früher vor gewissen Angeboten kaum hatte retten können, gab jetzt eine unschöne Seite an sich preis, die noch niemand bisher an ihm kennengelernt hatte. Dieser gelbgrüne Teufel, der die ganze Zeit über unter der Oberfläche geschlummert hatte und wegen der Kürze und Häufigkeit, mit der Mikes Affären gewechselt hatten, nicht erwacht war? Der dafür jetzt umso heftiger ans Licht kam, und dann ausgerechnet bei mir?

Andrea, hör auf, so einen Stuss zusammen zu fantasieren. Du hast nicht das Zeug zur Therapeutin, also lass es.

Dafür fielen mir nach und nach ganz andere Kandidaten ein. Nicht nur, dass John anscheinend ein Alkoholproblem hatte, die wahre Ursache allen Übels war für mich der Verursacher dieses Dilemmas, dem ich bereits an den Kopf geworfen hatte, dass er keine Grenzen kannte. Hätte ich meine Worte doch besser an eine Parkuhr gerichtet.

Dabei wäre zwar etwas Kleingeld draufgegangen, aber dafür hätte die wenigstens darauf verzichtet, auszuprobieren, wie weit sie noch gehen konnte und hätte nicht Danny zum Beteiligten in einem neuen Beziehungsdreieck gemacht und ihm eine Affäre mit mir angedichtet. Ausgerechnet dem Gitarristen musste jetzt zum Verhängnis werden, dass er sich nicht wie der Rest der Band in seiner Freizeit ausruhte, sondern versuchte, sein Spiel durch stetes Üben und eine spontane Session mit Musikern aus einer ganz anderen Richtung zu verfeinern.

So viel künstlerischer Ehrgeiz ist ja ganz schön, aber wenn die Freundin sich durch gehäufte Abwesenheit vernachlässigt fühlt, ist es kein Wunder, wenn Ryan seine Chance wittert und so ein Gerücht in die Welt setzt. Ein Gerücht, an dem natürlich nichts dran ist.

Aber wie hatte ich ihn beim Grillen irgendwelchen Leuten von den Knights gegenüber prahlen hören? „Manchen Leuten kannst du echt alles erzählen. Wenn du nur überzeugend genug auftrittst, glauben sie dir alles.“

Seine Worte hätten Danny, Madlyn und mich warnen müssen, aber so hatten wir ihnen kaum Beachtung geschenkt, und nun hatten Mike und ich den Salat. Ja, hätte, hätte… Ohrfeigen hätte ich mich auch für meine Hilfsbereitschaft können.

Vielleicht sollte ich von nun an weniger freundlich sein. Freundlichkeit wird ohnehin überbewertet und noch dazu falsch ausgelegt. Vielen Dank, Mr. Mitchell, für den tollen Tip, doch mehr zu lächeln. Wenn das dabei herauskam, setzte ich in Zukunft lieber den „Du-bist-für-mich-gestorben-Blick“ auf, den Lily aus ‚How I met your mother‘ so exzellent beherrschte. Am besten fing ich schon mal an zu üben, und ich wusste auch schon genau, wer mein erstes Versuchskaninchen sein würde.

Dass am Ende ich das Versuchskaninchen sein würde, ahnten wir beide noch nicht, als wir lange nach Einbruch der Dunkelheit zurück kehrten. Dass uns niemand über den Weg lief, wunderte mich schon etwas, kümmerte mich aber nicht sonderlich. Nach diesem Tag, der es faustdick hinter den Ohren gehabt hatte, sehnte ich mich nach einer ruhigen Nacht. Allzu ruhig vielleicht nicht, aber bitte eine ohne Drama. Von Dramen hatte ich erst einmal gründlich die Nase voll, und ich wollte mir jetzt nicht ausmalen, was theoretisch noch alles passieren konnte.

Pilotenstreik? Lief noch und war auf absehbare Zeit noch nicht ausgestanden. Zerstörte Ausrüstung? War Geschichte. Love Triangle oder gar ein anderes Polygon? Ein Schelm, wer Polyamorie dabei denkt – das war dermaßen lächerlich, dass ich fest davon überzeugt war, dass mein Liebster das nun auch endlich verstanden hatte. Wenn es jemals existiert hatte, dann nur in der Fantasie, von wem auch immer; okay, das war dann die einzige Baustelle, die es noch zu beheben galt, aber das hatte zu warten.

Was für ein diesiger Tag! Welcher Gegensatz zu gestern. Am liebsten wäre ich ja noch länger liegengeblieben und nicht schon aus den Federn gekrochen wie Mike, der sich auf dem Weg ins Clubhaus befand, um dort zu duschen. Nachdenklich blickte ich ihm nach, wie er gelassen über den Hof schlenderte. Oh, wie gerne hätte ich jetzt zusammen mit ihm geduscht, aber das gab die Winzigkeit unseres Gästequartiers über der Garage nicht her.

Und um so eine Aktion im Gebäude gegenüber zu bringen, wo die Wände Ohren hatten, fehlte mir heute morgen die Courage. Seufzend brachte ich das zerwühlte Bett in Ordnung, nachdem er aus meinem Blickfeld verschwunden war. In das gerieten nun das im Hof lagernde Gerümpel und diverse Kisten. Ein Anblick, der die Trostlosigkeit der grauen Atmosphäre dieses Morgens noch unterstrich. Und doch fühlte ich mich so leicht und unbeschwert wie schon lange nicht mehr.

Morgens mit einer Kuschelrunde liebevoll geweckt zu werden, ließ mein Herz doch gleich eine halbe Oktave höher schlagen, und wenn ich erst einen Pott mit meinem morgendlichen Lieblingsgetränk vor mir stehen hätte, würde nichts meine gute Laune mehr schmälern können, auch die Arbeit nicht. Da ich während der letzten Tage nicht auf der faulen Haut gelegen hatte, so wie gewisse andere Leute, denen das Nichtstun offenbar nicht bekam, vermisste ich auch nichts. Die einzigen, die sich am Tresen tummelten, waren meine Kollegen von der Technik und Mark, der mit Kelly ins Gespräch vertieft war.

Und wie geht es ihr heute morgen?“ schnappte ich im Vorbeigehen auf. „Wirken die Mittelchen wenigstens endlich?“

Welche Mittelchen meinte Kelly? Das Paket, das ich für sie aus der Apotheke mitgebracht habe? Und was hatte Mark damit zu tun? Nichts lag ihm ferner, als mich lange auf die Folter zu spannen, und darum rückte er auch gleich mit der Sprache heraus und mit einer Handvoll Dollarnoten, die er mir noch schuldete: für die Medikamente, die für Sue bestimmt gewesen waren. Ach herrje, eine Erkältung hatte uns gerade noch gefehlt. Wenn sie mal bloß niemanden ansteckte!

Genau das war auch ihre Sorge gewesen, weshalb sie sich diskret zurückgezogen hatte, in der festen Absicht, sich bis zum nächsten Auftritt nicht mehr blicken zu lassen. Ihre Triefnase und ihre Halsschmerzen waren inzwischen ja auch schon viel besser geworden, dank der Versorgung mit literweise Ingwertee, Kellys Geheimrezept bei Erkältungen und allgemeinem Unwohlsein.

Besonders wohl war mir bei diesem neuen Drama gar nicht. Sue wollte die Heldin spielen und sich trotz ihrer schlechten Verfassung ans Mikrofon stellen? Na, das konnte ja etwas geben. Innerlich drückte ich ihr die Daumen und wünschte ihr Glück. Hoffentlich erlebten ihre sechs Kollegen und das Publikum keine böse Überraschung.

Time Out!“ zog Brian die Notbremse in Form einer vorgezogenen Pause.

Sue gefiel ihm in diesem Zustand gar nicht: Heiser und zugedröhnt mit starken Grippemitteln. „Das hältst Du nie durch.“, redete er auf sie ein, während er ihr die nächste halbe Kanne Tee einflößte. „Du gehörst ins Bett. Und zwar sofort. Aber auf keinen Fall mehr ans Mikrofon.“

Eine Band mit nur einer Backgroundsängerin war genau das Drama, mit dem niemand gerechnet hatte und das keiner brauchte. Es hatte im Hintergrund gewartet und sah nun seinen großen Auftritt gekommen, um seinen Lauf zu nehmen und andere mit sich zu reißen. Vive la France! Jetzt musste eine Lösung her, aber schnell.

Erste Möglichkeit: Wir bauen das Set um und verzichten auf die zweite Backgroundsängerin. Bei dem Akustikset neulich hat das auch funktioniert. Möglichkeit Nummer Zwei: Wir belassen die Abfolge der Songs wie geplant und tricksen mit Hilfe von Technik, was die Frage aufwirft, wie man eine menschliche Stimme gekonnt simuliert. It’s your part, Mr. McIntyre. Dritte und letzte Möglichkeit: Wir suchen nach einem temporären, adäquaten Ersatz.

Oh nein, Leute – das könnte ihr euch gleich von der Backe putzen. Ich mache mich doch da hinten nicht lächerlich und löse eine Stampede aus, weil das Publikum das kalte Grausen bekommt.

Zum Glück war ich die nicht die einzige, die über diese Scheinoption so dachte. Und technisch den Sound so hinzubiegen, dass niemandem der Unterschied auffiel, wäre unter Umständen möglich gewesen, ergab aber keinen Sinn, weil jedem, der seine Augen auf der Bühne und nicht auf dem Display eines Smartphones hatte, sofort das verwaiste Mikrofon aufgefallen wäre. Es sei denn, man hätte an der Beleuchtung für diesen Bereich gespart, aber das hätte wiederum Madlyn nicht gut gefunden. Hätte ich an ihrer Stelle auch nicht. Das Publikum zu beschummeln, empfand ich als Respektlosigkeit und war irritiert, dass er mit diesem Gedanken auch nur für kurze Zeit gespielt hatte.

Meiner Meinung nach war es sowieso das Beste, den Fans reinen Wein einzuschenken. Die krankheitsbedingte Programmänderung wurde dann auch direkt nach der viel zu schnell vorüber gegangenen Pause verkündet und von den Leuten besser aufgenommen als befürchtet. Dass Madlyn über die verordnete Zwangspause nicht entzückt war, konnte ich verstehen, aber da Sue ihre ganze Aufmerksamkeit benötigte, hielt ihre Verstimmung nicht lange an, dazu war die Sorge um ihre erkrankte Kollegin dann doch größer.

Dass diese berechtigt war, zeigte sich am frühen Morgen des 9. September. Sues Stimme war komplett hinüber, besser gesagt: Sie hatte keine mehr, und wann sie zu ihr zurückkehren würde, stand noch in den Sternen. Nun war guter Rat teuer. Reine Akustikkonzerte konnten die Lösung nicht sein, Option Zwei war ja schon am Abend zuvor komplett verworfen worden, und über die dritte Möglichkeit schwiegen wir lieber.

Aber warum eigentlich nicht?“ warf an dieser Stelle Danny ein.

Oh nein, bitte alles, nur das nicht! Nicht Du! Ausgerechnet von Dir muss jetzt so ein Vorschlag kommen. Aber nach der Nummer mit Luke, Jay und Pete in deren Probenraum hätte mir das ja schon klar sein müssen.

„Kommt schon, Leute, schaut mich nicht so entgeistert an. Ihr tut ja gerade so, als ginge es um eine Vertretung für Mike. Ganz ehrlich: Woher sollen wir bis morgen einen passenden Ersatz für Sue finden?“

Ja, woher auf die Schnelle eine mit Madlyn harmonierende Stimme nehmen? Ratlose Gesichter und die Erwartung, dass der Chef eingriff…

Ich hatte es kommen sehen: Brian war skeptisch, genau wie Mark und John, Mike zog spöttisch die Augenbraue hoch, und Ryan legte die Stirn in Falten, so als ob er angestrengt über irgend etwas nachdachte. Klar, der Vorschlag war in aller Arglosigkeit von Danny gekommen, dem unsere Jam Session nicht aus dem Kopf gegangen war. Blöd nur, dass ich an dieser Stelle Ryans taktlose Bemerkung ebenfalls nicht aus dem Gedächtnis bekam und mich abwendete, bevor hier noch eine Bombe hochging.

Hatte ich nicht Lilys Du-bist-für-mich-gestorben-Blick an dem Drummer ausprobieren wollen? Jetzt schoss ich ihn Danny zu, der davon aber nichts davon zu bemerken schien, so wie alle anderen… alle, außer dem Drummer, dessen Blicke ich wie Messerstiche in meinem Rücken spürte.

Mensch, Miller, dich brauche ich nun wirklich nicht. Rutsch mir doch einfach den Buckel runter.

Was hätte ich jetzt für einen würdevollen Abgang, für eine Empfehlung auf französisch gegeben, aber dieser Wunsch sollte sich heute nicht erfüllen.

Ja. Warum eigentlich nicht?“ ließ sich da Brian vernehmen.

Wie bitte? Ich hatte ich wohl verhört! Ausgerechnet Mr. Perfect ließ sich zu so einer halbgaren Idee verführen?

„Ich meine, Du wirst schon einen Grund für diesen Vorschlag haben…“

Au weia, ganz falsches Stichwort, Mr. Kelly, ich sehe nämlich jetzt schon bei Deinem Kollegen Miller die Rädchen unter der Schädeldecke rotieren. Wetten, dass er es nicht lassen kann und wir alle gleich in den Genuß seiner Erkenntnisse der zweideutigen Art kommen?

Das war meine Chance, ihn jetzt mit meinem Killerblick zum Schweigen zu bringen. Diesen Part übernahm dann allerdings Bradley, der sich von Anfang an, wie der Rest der Crew, im Hintergrund gehalten hatte.

Klar hat Rodriguez den!“ rief er unerschrocken dazwischen. „Kevin, Leslie und ich hatten mehr als einmal Gelegenheit dazu, uns davon zu überzeugen….“

Meinte er jetzt tatsächlich unsere unzähligen Soundchecks, bei denen einige von uns zu privaten Karaokevorstellungen mutiert waren, mir mir am Mikrofon?

„… dass Andrea stimmlich locker mit Madlyn mithalten kann.“

Das war’s. Mehr musste Brian nicht hören, um zu wissen, wie der nächste Schritt aussehen würde. Sue musste noch eine Weile ihre Stimme schonen, und bereits morgen Abend und zwei Tage später standen die nächsten Auftritte an. Madlyn fing seiner Meinung nach am besten gleich damit an, mit mir zu üben; je früher, desto besser.

Ungläubig starrten ihn Ryan, Mark und John an; Mike hatte ein Pokerface aufgesetzt, bestimmt dachte er sich sein Teil. Bei einem aber war ich mir ganz sicher: Der Name Elektromaus würde von nun an Geschichte sein. Wenn das der Preis war, dass mir Hohn und Spott dieses Kalibers erspart blieb, dann biss ich gerne in den sauren Apfel. Hatte ich mir nicht geschworen, dass ich mir für keinen legalen Job zu schade sein würde? Andere würden sich die Finger danach lecken, mit einer Band, die sich gerade im Aufwind befand, auf Tournee zu stehen und dann noch die Chance geboten bekommen, selbst auf der Bühne stehen zu dürfen.

Davon träumten doch alle Youtuber und Influencer oder wie sie sich alle nannten. Selbst Jenny wäre begeistert gewesen. Ihr hatte ich sowieso schon viel zu viel über die neueste Entwicklung meiner Love Story verraten, und wahrscheinlich wussten es auch schon längst der halbe Freundeskreis. Wenn sie erfuhren, welchen Job ich nun wieder ergattert hatte, würden sie komplett ausflippen.

Oh Mann, Andrea, der Typ ist ja der Hammer! Und Du mit ihm zusammen auf der Bühne???? Das ist ja soooo romantisch!

Oh ja, auf dieses Gekreische freute ich mich schon tierisch, nämlich wie die Sau aufs Messer. Der erste Satz mit dem Hammertypen war tatsächlich so beim letzten WhatsAppen gefallen, als ich ihr ein Selfie von mir und Mike geschickt hatte, das wir aus Jux irgendwo unterwegs geschossen hatten. Der zweite Satz war dagegen reine Theorie. Ich kannte doch meine Schweinchen am Gang. Wir waren zwar gerade aus dem Teenageralter raus, konnten aber beim Blödeln und Jubeln locker mit ihnen mithalten. Aber das hier war keine Romanze im Stil von Lady Gaga und Bradley Cooper, und ein neuer Star würde hier garantiert nicht geboren werden.

Na, herzlichen Glückwunsch“, war dann auch Ryans trockener Kommentar, als ich mich Madlyn anschließen wollte, die genauso ungern Zeit verlor wie unser Manager.

Oha, Andrea, bei dieser Art von Glückwunsch wäre ich vorsichtig! Und richtig, nur wer in allernächster Hörweite stand, wie zum Beispiel meine Kollegin, konnte verstehen, was diesen Worten folgte.

Gleich von zwei Seiten protegiert zu werden, erlebt man auch nicht alle Tage.“

An Sarkasmus war ich ja schon einiges gewohnt, aber das hier verschlug mir dann doch die Sprache. Wie nachtragend konnten Leute bitte noch sein?

Sag mal, Miller, geht’s noch? Mit dem falschen Fuß zuerst aufgestanden?“ ging dann Madlyn folgerichtig auch dazwischen und hakte sich bei mir unter. Mit den Worten „Am besten, wir ignorieren den Blödmann einfach.“ zog sie mich weiter und versuchte, mich aufzumuntern. „Der ist doch nur angepisst, weil er nicht von selbst auf diese brillante Idee gekommen ist.“

Damit lag sie gar nicht so falsch, denn auf das, was bisher an Ideen von ihm gekommen war, konnte ich getrost verzichten. Gerührt über so viel Kollegialität von ihrer Seite, konnte ich mir nur selbst dazu gratulieren, dass ich beim Grillen zugegriffen hatte, als die Chance zu einer Aussprache mit ihr gekommen war.

Die besten Freundinnen würden wir wahrscheinlich nie werden, aber wie sie war ich der Meinung, dass wir Frauen zusammenhalten mussten – besonders, wenn wir es mit solchen testosterongesteuerten Pfosten zu tun hatten wie Miller und Parker. Autsch! So weit war es also schon gekommen, dass die beiden für mich beinahe auf der gleichen Stufe standen, aber nur beinahe. Dass sie nicht auf demselben Level spielten, verhinderte allein die Tatsache, dass Miller zwar ein ziemlicher Maulheld war, aber noch ein gewisses Maß an Anstand besaß, während ich Parker nicht im Dunkeln begegnen wollte und ihm bis heute nicht über den Weg traute.

Der fiese Frank hatte mich zwar seit geraumer Zeit nicht mehr behelligt, dennoch fühlte ich mich nicht sicher vor ihm. Dass der neue Status mir da eine Hilfe war, wiegte mich nicht in Sicherheit, denn sobald Sue wieder fit und einsatzbereit war, konnte ich den Platz am Mikrofon wieder mit dem an der Kiste mit dem Material eintauschen. Und dann war da ja auch noch die nicht zu unterschätzende Sonderaufgabe als Nanny für das Herz von OxyGen. Jetzt aber konzentrierte ich mich erst einmal auf die Gesangsprobe an der Seite von Madlyn, meiner weitaus erfahreneren Kollegin am Mikrofon, die von Danny schon über die wesentlichen Fakten in Kenntnis gesetzt worden war.

Da sie wusste, dass seine Begeisterung auf reinem musikalischen Sachverstand beruhte und nicht darauf, dass er mich angeblich so unwiderstehlich fand, übersprang sie den überflüssigen Smalltalk, wie überrascht sie doch wäre, was für ein Talent in mir steckte, und kam gleich zu den Punkten, die sie am meisten interessierte: wie gut ich das Repertoire kannte und über welche Tonlagen sich mein Stimmumfang erstreckte. Doch bis wir es mit der Generalprobe soweit war, gab es noch eine Sache, über die wir bisher nicht gesprochen hatten: unsere Bühnenoutfits.

Sue würde mir wohl kaum freiwillig ihre Klamotten leihen, und selbst wenn sie das gewollt hätte, sie passten mir nicht. Shopping war angesagt, aber der Auftritt war bereits am nächsten Tag, und heute wären wir mit der Abfahrt am frühen Nachmittag, der zweistündigen Anreise und dem Einchecken im Hotel beschäftigt, so dass wir keine Ahnung hatten, wie wir dazu die Zeit finden sollten.

„Broken Strings“ : Chapter 27 – Jam Session

Es geht nicht darum, wie Du den Tag beendest, sondern wie Du ihn beginnst.“ Dieses Zitat aus ‚Seattle Firefighters – die jungen Helden‘ hätte mich eigentlich beruhigen sollen, denn an diesem Morgen war Mike wieder ganz der Alte.

Dennoch hatte ich immer noch dieses ungute Gefühl, das mich für längere Zeit am Einschlafen gehindert hatte; aber ihn jetzt zu fragen, was ihm gegen den Strich gegangen war, hätte wenig Sinn gehabt, denn er konnte sich nicht mehr an seinen anscheinend alkoholbedingten Stimmungsumschwung nach der Party erinnern. Hatte er sich letzte Nacht einfach aufs Ohr gehauen, ohne mich weiter zu beachten, so war ich an diesem Morgen nun diejenige, die zu weiterführenden Zärtlichkeiten nicht aufgelegt war. Sex um sechs? No way.

Statt dessen huschte ich in das winzige Gästebad, unterzog mich einer Katzenwäsche und durchwühlte meinen Rucksack nach frischen Sachen. Viel Auswahl war mir nach der fehlenden Gelegenheit zum Besuch des Waschsalons nicht geblieben.

Wir sind noch bis übermorgen hier, da müsstest Du das doch locker schaffen, überlegte ich mir, während ich im Geiste den vor mir liegenden Tag durchspielte: zuerst eine schöne Tasse starken Kaffee, bevor Luke, Danny und ich mit dem Verstärker zu seinem Bassisten fahren würden. Danach stand Wäschewaschen auf dem Plan.

Und auf dem Rückweg könnt Ihr dann auch gleich noch an der Apotheke vorbeifahren“, fügte Kelly einen weiteren Punkt meiner Liste hinzu, als sie mir einen großen Becher, dampfend heißen Kaffee vor die Nase stellte.

Da hatte wohl jemand einen gewaltigen Kater! Aber das war ein Irrtum. Gebraucht wurden keine Aspirintabletten oder Alka Seltzer, sondern Halstabletten und die üblichen rezeptfreien Mittel gegen Erkältung. Dass jemand aus ihrem Club eine Grippe ausbrütete, hatte ich gar nicht mitbekommen. Wie sich später zeigen sollte, lag ich aber auch damit gewaltig daneben. Fürs erste war Warten angesagt, und zwar auf Lukes Bandkollegen.

Ich mache drei Kreuze, wenn er endlich auftaucht, seufzte ich und sah meinen Zeitplan bereits in Gefahr. Ein verdächtiges Rumpeln überzeugte mich jedoch vom Gegenteil. ‚P & J Gallagher – experts in removals & haulage since 1979‘: Mit quietschenden Reifen hielt der Transporter auf dem Hof, und ein Kerl wie ein Schrank sprang aus der Fahrerkabine.

Danny, Andie – das ist Jay,“ übernahm Luke die Vorstellungsrunde, „Jay, das sind Andie und Danny… und das hier der Verstärker, um den es geht.“

Mit langen Vorreden hielt sich Jay gar nicht erst auf – er öffnete den Laster und wuchtete das Gerät auf die Ladefläche, dann konnte es losgehen. Weit hatten wir zum Glück nicht zu fahren.

Das Gallagher’sche Firmengelände lag ein wenig außerhalb, und hier hatte die Garagenband auch ihren Probenraum. Der ideale Ort, um unseren Patienten auf Herz und Nieren zu prüfen. Dass es aber mit einer einfachen Spannungs- und Signalmessung nicht getan sein würde, erkannte ich an Jays vermeintlich harmloser Frage, warum wir das Gerät nicht längst unterwegs getestet hätten.

Dazu sagte ich lieber nichts; es war ja nicht mein persönliches Equipment, und wenn dessen Eigentümer nicht rechtzeitig aus dem Quark kam, konnte ich ihm auch nicht helfen. Aber den Schlamassel ausbaden, in den er sich und mich gleich mit hinein manövriert hatte, obwohl es nicht so weit gekommen wäre, wenn nicht ein anderer…

Hey, Spitzenidee!“ rief Danny. „Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen?“ Na toll, da passt man für einen Moment mal nicht auf, und schon sind die anderen ein ganzes Stück weiter als ich.

Huch? Hab ich was verpasst?“ bremste ich die Herren aus. „Vielleicht klärt mich mal jemand auf, was ihr vorhabt…“ Damit war ich bei Danny und Jay genau an der richtigen Adresse.

Allerdings. So abwesend, wie Du wieder mal gerade bist“, stichelte Danny.

Aber hallo! Nach Mike noch einer, der sich plötzlich komisch verhält. Habe ich irgend etwas wichtiges nicht mitbekommen? Außerdem: Jay interessiert es einen feuchten Kehricht, was mit mir oder Dir oder sonst wem von unseren Kollegen los ist. Wir sind hier zum Arbeiten. Schon vergessen?

Doch davon kam kein Wort über meine Lippen. Vielleicht brachte ein angemessen finsterer Blick Danny dazu, seine schlechten Witze bleiben zu lassen. Leider nicht.

Wahrscheinlich ist sie in Gedanken gerade bei ihrem …“ Oh nein, das fehlte gerade noch, dass er mich jetzt damit aufzog. Mein Liebesleben interessierte doch nun wirklich niemanden!

Von wegen“, fiel ich ihm ins Wort. „Eher bei dem Idioten, dem ich das stundenlange Gefummel an diesem Kasten zu verdanken habe. Und wenn ihr nichts dagegen habt, würde ich jetzt wirklich gerne anfangen.“

Ja, gute Idee! Sag ihnen, wo der Hammer hängt. Sonst kommen wir heute überhaupt nicht mehr zu Potte, und meinen schönen Zeitplan kann ich gepflegt in die Tonne treten.

Offenbar hatten meine Worte gewirkt, und schon im nächsten Augenblick schnappte sich Jay eine seiner Gitarren und drückte sie Danny in die Hand.

Hier – stöpsel das Ding ein und dann zeig mal, was Du kannst.“

Na endlich! Und ich hatte schon befürchtet, wir würden hier Wurzeln schlagen. Blieb nur noch zu hoffen, dass meine ganze Mühe nicht umsonst gewesen war. Als die ersten Töne klar und deutlich durch den schlecht isolierten Raum schwebten, war mein erster Impuls, mir die Ohren zuzuhalten, denn wer auch immer an den Reglern gedreht hatte, er schien es mehr auf ohrenbetäubenden Krach angelegt zu haben als darauf, seinem Publikum ein annehmbares Hörerlebnis zu bescheren – zumal jetzt sich auch noch Jay dazu berufen fühlte, zu seinem Bass zu greifen und das Instrument an einen weiteren Verstärker anzuschließen.

Jetzt war mir auch klar, was genau Danny für eine Spitzenidee gehalten hatte: nämlich eine gemeinsame Jam Session, wenn auch ohne Drummer. Der war von Luke schnell herbei telefoniert. In der Zwischenzeit spielte sich Danny mit seinem geliebten schottischen Instrumentalstück warm. Für ihn war das natürlich die Gelegenheit, vor dem Auftritt am nächsten Tag schon mal ein wenig zu üben.

Bei Jake auf dem Hof ging das so schlecht; dazu hätten meine Kollegen nämlich alles aufbauen müssen, was in Ermangelung an Stromkapazitäten wenig Sinn gehabt hätte. Einen wirklichen Vorteil hatte er gegenüber Mark allerdings nicht, weil er theoretisch auf seiner Akustikgitarre spielen konnte, im Gegensatz zu John. Der war ohne Strom komplett aufgeschmissen, und da Ryan mit seinem Schlagzeug den unhandlichsten Part in der Band hatte, ging ich davon aus, dass er mit dem Proben so lange wartete, bis wir am nächsten Tag alles aufgebaut hatten.

Irgendwann war Lukes Band mit Danny als Gastmusiker komplett. So wie ich die Herren einschätzte, konnte das hier noch einige Zeit dauern. Also schwang ich mich seufzend in einen alten Sessel, der in der Ecke stand, um dem Geschrammel zu lauschen. Wenn drei der vier Anwesenden eine Vorliebe für Heavy Metal haben, aber der vierte im Bunde fast ausschließlich Folk, Rock und Wave spielt, dann erwarte ich eine krude Mischung, falls man sich überhaupt einigen kann, denn ihre Geschmäcker sind in der Regel wenig kompatibel.

Mist, ich hätte mir Ohropax mitnehmen sollen. Die Dinger sind klein und bewahren mich nicht nur vor einem Hörschaden, sondern auch vor dem Durchdrehen. Aber warum fingen sie nicht endlich an und brachten das Unvermeidliche hinter sich? Worauf, zum Teufel, warteten sie noch? Doch nicht etwa darauf, dass ich das Startsignal gab? Mitnichten. Ich glaubte, nicht recht zu hören, als Danny allen Ernstes verkündete, dass so eine Session ohne Gesang nichts Halbes und nichts Ganzes sei.

Ja, klar – das sahen alle ein. Das Dumme daran aber war, dass ich für die besondere Note in diesem spontan zusammengewürfelten Quintett sorgen sollte. Wer hatte denn diese Schnapsidee gehabt? Danny? Bradley hatte doch nicht etwa gepetzt? Hatte er natürlich nicht – Danny war ganz von selbst darauf gekommen.

Na super. Und welches Lied darf es sein? Im Zweifelsfall nehmen wir einfach eins von der Band, die Andie heute auf ihrem Shirt spazieren trägt.

Rein zufällig waren das heute mal wieder Lacuna Coil, die längst kein Geheimtip mehr waren. Nur bei Jay, Luke und Pete, dem Drummer, klingelte da leider gar nichts. Aber wozu hatte ich mein Smartphone? In den letzten Tagen hatte sich meine Playlist stetig vergrößert, und für genau diesen von mir als unwahrscheinlich eingestuften Fall konnte ich ihnen nun als Vorschlag den Song „Nothing stands in our way“ präsentieren.

Der hatte wenigstens den Vorteil, dass ich mich am Mikrofon nicht alleine zum Affen machen musste, wenn es für mich schon keinen Weg aus dieser Nummer heraus gab. Stimmlich besaß keiner von uns auch nur entfernte Ähnlichkeit mit Cristina Scabbia und Andrea Ferro, aber wir wollten damit ja auch kein Publikum unterhalten, sondern nur einen Test durchführen.

Euer Risiko, Leute“, krächzte ich.

Zum Glück war einer der Herren darauf gekommen, den Songtext aus dem Internet mit Hilfe eines Beamers an die Wand gegenüber zu werfen, so dass der Shouter der Band problemlos in das Duett einstimmen konnte. Wie beim Karaoke, aber in Metall. Auf einer richtigen Bühne hätte man uns jetzt ausgebuht, hier aber waren wir unter uns, und wenn ich geglaubt hatte, dass dieses Duett schon alles gewesen war, so hatte ich nicht mit dem OxyGen-Gitarristen gerechnet, der das Ergebnis, das wir unseren Kehlen und Instrumenten entlockt hatten, gar nicht so übel fand. Der Herr war offenbar anspruchslos und wollte eine Zugabe?

Wie wär’s mit ‚Titanium‘ in der Version von Within Temptation?“

Ihr wolltet eine Diva am Mikrofon? Bitte schön, die könnt ihr gerne haben. Und dann können wir eigentlich auch gleich mit ‚Shake it off‘ von Taylor Swift weitermachen…

Das würde sie hoffentlich von der Idee kurieren, dass ich eine hervorragende Sangeskünstlerin war. Im Gegensatz zu Florence Foster Jenkins war ich nämlich nicht so größenwahnsinnig zu glauben, dass ich mich als Sängerin für einen ganzen Abend eignen würde. Und schon gar nicht als Frontsängerin für OxyGen. Dass dies ein Vorgeschmack auf kommende Ereignisse war, sollte ich erst später begreifen.

Hey Leute, rief Pete uns von hinten zu, „wenn wir schon Popmusik durch den Fleischwolf drehen, hätte ich noch Britney Spears im Angebot.“

Oh no. Baby, hit me one more time? Dann doch bitte lieber ‚Time to say good-bye‘, wobei mir dies das Stichwort lieferte.

Ich will ja nicht drängeln, aber habt ihr mal auf die Uhr geguckt?“

Dezente Hinweise waren hier fehl am Platz; wenn wir noch in die Apotheke wollten, bevor diese schloss, sollten wir langsam mal unsere Hintern hochkriegen und zusammenpacken. In den Waschsalon wollte ich auch noch, und so langsam lief uns die Zeit davon.

„Getestet haben wir den Verstärker ja jetzt, und ich hab noch einiges zu erledigen…“

Das wirkte, und bald schon saßen wir wieder in Jays Wagen. Brian würde sich freuen, wenn wir ihm die gute Nachricht überbrachten, dass die von mir durchgeführte Reparatur an dem Teil nicht vergebens gewesen war. Er freute sich sogar so sehr, dass er Luke und seine beiden Freunde zu unserem Konzert einlud. Okay, wenn ich von ‚uns‘ spreche, meine ich mich nicht mit – auch wenn ich doch irgendwie dazu gehörte, wobei ich immer noch nicht genau wusste, wie man meine Rolle in diesem Spiel definierte.

Mehrere Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten, bringen nur wirklich ausgezeichnete Jongleure fertig, und auch das nur für eine gewisse Zeit. Die Frage war nur: wie lange? So langsam kam ich mir nämlich vor wie jemand, der auf zwei oder drei Hochzeiten gleichzeitig tanzen möchte; Crewmitglied und temporäre Partnerin eines Bandmitglieds.

Du setzt Dich gerne zwischen alle Stühle, Andrea? Und natürlich bist Du auch diejenige, die die Kerze von beiden Seiten anzündest… aber brennt der Docht erst einmal, während Du zum Untätigsein verdammt bist, weil Dir die Hände gebunden sind und Du nicht eingreifen kannst, dann kannst Du in Zeitlupe dabei zusehen, wie sich die Flammen in der Mitte treffen und die Kerze auslöschen, bevor sie auseinander bricht. Dann, ja dann.. dann kommt das Erwachen.

Na, auch schon da?!“ – da war es, das Erwachen: Mikes Frage klang alles andere als nett.

Der Sarkasmus in seiner Stimme war Absicht. Es passte ihm nicht, dass wir später als geplant zurückkehrten. Nachdem ich die Medikamente abgeliefert hatte, wollte ich eigentlich die Wäsche einsammeln und mich dann damit auf den Weg zum Waschsalon machen. Aber so, wie er sich mir in den Weg stellte und den Kontrolletti raushängen ließ, würde daraus wohl so schnell nichts werden.

Mittlerweile nervten mich diese ständigen Stimmungsumschwünge und konnte nachvollziehen, wie es Mikes Kollegen damit ging. Sorry, Sweetheart, aber das ging gar nicht! Irgendeinen Grund musste es doch dafür geben. Schon am Abend vorher war er so komisch gewesen. Was auch immer es war, das ihm auf der Seele brannte, so tat er besser daran, endlich Farbe zu bekennen, denn für solche Spielchen war mir die Zeit zu schade.

Spielchen? Das sagt genau die richtige!“

Das verstand ich überhaupt nicht. Ja, war ich denn im falschen Film gelandet? Nichts lag mir ferner, als Spielchen mit ihm zu veranstalten, auch wenn er das anscheinend von mir glaubte. Zum Donnerwetter! Rück endlich raus mit der Sprache, damit wir die Sache klären und ein für alle Mal aus der Welt schaffen können! Aber wehe, es ist wieder so ein hirnrissiges Eifersuchtsding…

Leider war es das. Seine permanenten Sticheleien, dass Danny und ich seit neuestem mehr und mehr Zeit miteinander verbrachten, kamen nicht von ungefähr. Was für eine Übertreibung!

Best friends and more? With benefits, oder was?“ Verärgert starrte ich ihn an. „Sag mal, geht’s noch? Wie kommst Du denn auf dieses schmale Brett?“

Innerlich ging ich die Wand hoch und verfluchte den Tag, an dem ich mir den Falschen ausgesucht hatte, um meinen Auserwählten zu reizen. Was war ich blöd gewesen! Anzunehmen, dass sich Mike vom Gegenteil überzeugen ließ, wenn ihm erst mal jemand einen gewissen Floh ins Ohr gesetzt hatte: ‚Aber übertreibt es nachher nicht mit eurer Siegesfeier.‘ Ha ha. Danny und ich? Das war ja lächerlich.

Ich sehe schon, Eure Aussprache von neulich hat ja viel gebracht – ich fass‘ es nicht, dass Du mir so eine Scheiße zutraust! Hoffentlich ist Ryan glücklich mit dem, was er mit seinen dämlichen Sprüchen angerichtet hat.“

Jetzt heul bloß nicht, versuchte ich, mich zusammenzureißen. Leider ohne Erfolg.

Es gibt Momente, da lässt man mich besser in Ruhe, besonders wenn ich mich so in Rage geredet habe, dass vernünftigen Argumenten nicht mehr zugänglich bin. Dies war so ein Moment. Aufgebracht ließ ich ihn einfach stehen und stopfte wahllos irgendwelche Klamotten, von denen ich wusste, dass sie es nötig hatten, in einen Beutel. Auf mich wartete ein Fußmarsch von mindestens vier Blocks – die ideale Methode, um Abstand zu bekommen und Dampf abzulassen.

Die erste von mehreren Ladungen rotierte bereits geraume Zeit in der Tommel, da musste ich mir eingestehen, dass ich mich kein Stück besser fühlte. Normalerweise half es mir gegen schlechte Laune, wenn ich mich richtig auspowerte. Nur heute nicht. Meine sechs Blocks lange Wanderung hatte nichts dagegen ausrichten können, dass es in meinem Inneren noch immer rumorte.

Mann, war ich geladen – dementsprechend schwungvoll pfefferte ich den restlichen Inhalt des Sacks in eine der Plastikwannen zum Transport der Schmutzwäsche; die hellen Stücke stopfte ich zurück in den Beutel. Die gewaschenen Sachen landeten mir genauso viel Schwung im Trockner, bevor ich den Rest der schwarzen Textilien in die Waschtrommel verfrachtete. Gut, dass sonst außer mir niemand anwesend war; so konnte wenigstens niemand sehen, dass mir immer noch Tränen in den Augen standen. Tränen der Wut.

I’m madly in anger with you! und meine Playlist lieferte genau das richtige Stück dazu …

I feel my world shake – Like an Earth Quake – It’s hard to see clear – Is it me? Is it fear? ♪

Warum ich mir ausgrechnet ‚St. Anger‘ von Metallica ausgesucht hatte, aber zu meiner rabenschwarzen Stimmung passte es ausgezeichnet. Ich musste beim Draufspielen eine Vorahnung gehabt haben, dass mir es irgendwann so die Brust zuschnüren würde, dass mir nur noch aggressives Gedresche helfen konnte.

Das hier hätten wir bei unserer Jam Session bringen sollen: ♪ F*** it all and f***in‘ regrets – I hit the lights on these dark sets – I need a voice to let myself – To let myself go free ♪

Let myself go free… was hier frei umherschweifte, waren meine Gedanken, während ich die inzwischen trockenen Shirts und Hosen zusammenlegte. Natürlich war das nicht nur mein eigener Kram, denn damit hätte ich nie eine der riesigen Sechzehn-Kilo-Trommeln füllen können. Nicht kleckern, sondern klotzen, lautete die Devise, da ich wusste, dass die kleineren Maschinen als erste belegt waren und ich ewig würde warten müssen, bis ich an die Reihe kam. Also hatte der ursprüngliche Plan darin bestanden, als Füllmaterial für die große Trommel nicht nur meine Sachen mitzunehmen, sondern auch die von Mike…

So viel zum Thema, dass ich nicht die Putz- und Waschfrau für die ganze Band war… War ich auch nicht, denn das würde ich nicht für jeden tun… St. Anger, see my tears of rage! … Wäsche zu falten kann ja so meditativ sein. Besonders, wenn man dabei erkennt, dass hinter der Wut etwas ganz anderes steckte: Ryan konnte mir jetzt endgültig gestohlen bleiben, denn für jemanden, der meiner nicht viel besseren Hälfte in Bezug auf Stimmungsschwankungen einen völlig absurden Floh ins Ohr gesetzt hatte, würde ich keinen Finger krumm machen.

Dass er damit immer noch durchkam und sich immer noch genug Dumme fanden, die auf sein Gerede hereinfielen, ärgerte mich daran am meisten. Was, wenn hinter seinen scheinbar nur so dahingesagten Sprüchen eine Absicht steckte? Wenn ich nur wüsste, was er mit dieser perfiden Zermürbungstaktik bezweckt… Unwillkürlich kamen mir Bradleys Worte in den Sinn „Pass bloß auf, dass er sich nicht zwischen euch drängt“.

Mit einem Mal wurde mir eiskalt, denn genau darauf begann es gerade hinauszulaufen – von wegen Tränen der Wut – der Gedanke daran versetzte mich in eine Traurigkeit, wie ich sie noch nie gekannt hatte. Let the river run. Mir war egal, dass die gerade erst aus dem Trockner gekommenen Shirts meines Liebsten wieder nass wurden, ich war gerade dabei, unter dem grellen Licht von bläulich flackernden Leuchtstoffröhren zu zerfließen, und es gab nichts, was mich und die Fluten meines Elends aufhalten würde.

Nichts oder niemand, bis auf… Hände, die sich mir scheinbar aus dem Nichts auf die Schulter legten.

Ich erstarrte, unfähig mich zu rühren oder aufzuschreien. Nicht einmal den Kopfhörer konnte ich entfernen, während die Musik weiter auf mich eindudelte. Musik, die ich schon gar nicht mehr wahrgenommen hatte, als ich erkannte, was genau mich bedrückte. Statt dessen der vertraute Duft eines ganz bestimmten Aftershaves, das ich unter Dutzenden blind wiedererkennen würde; seine Arme, die mich vorsichtig an ihn heranzogen, hin zu der Wärme, die der mir vertraute Körper ausstrahlte; Finger, die mir genauso sanft die Stöpsel aus den Ohrmuscheln zogen, so dass ich nicht länger Florence Welchs Stimme flehen, sondern seine flüstern hörte…

Baby, don’t cry… die Stimme, die ein Déjà-vu heraufbeschwor, indem die mir schon so bekannten Worte fielen: „Es tut mir leid, Andrea, Süße. Ich bin so ein Idiot.“

Ja, hinterher tut euch immer alles leid, und manche Dinge ändern sich so schnell nicht, auch wenn ich das nicht zu Dir, sondern zu Deinem Sparringspartner gesagt habe. Manche Dinge ändern sich nie? Etwas war diesmal komplett anders. Diesmal schrie ich ihn nicht an, sondern sagte gar nichts. Das verunsicherte ihn komplett.

Andie, bitte, rede mit mir.“

Seine Verzweiflung wirkte echt. Auch das kam mir bekannt vor, nicht aber, wie ich darauf reagierte. Wie in Zeitlupe drehte ich mich um und blickte ihm direkt in die Augen, griff ohne ein Wort nach den Ohrstöpseln, die er in den Händen hielt und drückte sie ihm in die Ohren: ♪ Come on is this what you want ‚cause you’re driving me away ♪

Dieses Muster, dass in bestimmten Momenten das passende Lied erklang, konnte kein Zufall sein. Und wie dieser Song passte: diese verdammte Eifersucht würde uns über kurz oder lang auseinander treiben.

Willst Du das wirklich?“ holte ich ihn in die Realität zurück, als ich ihm den Kopfhörer wieder wegnahm.

Bevor er etwas darauf antworten konnte, ertönte ein lautes Signal. Die Maschinen waren fertig. Zeit, aufzustehen und die noch heißen Klamotten aus dem Trockner zu nehmen, damit ich sie zusammenlegen und diesen ungastlichen Ort mit der gruseligen Beleuchtung verlassen konnte. Mechanisch erhob ich mich und spürte seine Blicke förmlich, als ich an den Trockner herantrat, um diesen zu öffnen. Dazu kam es nicht, denn er war mir gefolgt und stellte sich genau so hinter mich, dass ein Weglaufen unmöglich war.

Hatten wir das nicht schon einmal gehabt? Und wollte ich das überhaupt? Ich war es doch gewesen, die ihm diese mehr rhetorisch gemeinte Frage gestellt und auf die ich keine Antwort erwartet hatte. Die gab er mir dafür jetzt, indem er seine Hand auf meine legte, mich zu sich herumdrehte und sich zu mir herunterbeugte. „Let me kiss away all your tears.“

Du willst mir jetzt nicht wirklich die Tränen wegküssen, durchströmte es mich siedend heiß, als mir aufging, dass er bereits dabei war, genau das zu tun. Mich zerriss es beinahe innerlich, und so murmelte ich „Die Wäsche…“ in einem letzten Versuch der Abwehr. Vergeblich.

Vergiss die blöde Wäsche…“

Wenn das die Lösung sein sollte, dann… natürlich nicht, aber warum fühlt sich das dann so gut an? Ich… – „… die ist mir sowas von egal.“ – ja, das glaube ich Dir gerne – und dann, nach einer Pause „Aber Du bist mir nicht egal.“