Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 10

Kapitel 10 : Blog Post #666 – Bringt großen Appetit mit und eure Meinung

Jetzt wär es Zeit, daß Götter träten aus bewohnten Dingen…
Und daß sie jede Wand in meinem Haus umschlügen. Neue Seite.

-Rainer Maria Rilke „Die Welt steht auf mit euch“-

Äpfel. Pilze. Holunder – alles frisch! Ich glaub‘, mein Schwein pfeift. Wir haben noch nicht mal Mitte Juni, und doch ist das Zeug schon reif. Das glaubt mir doch kein Mensch! Das wird mir gerade alles zu viel hier, und ich muss raus aus dieser Waldhütte. Bloß weg von hier und hinauf zu dem Platz, den ich mir ausgesucht habe, wenn ich allein sein möchte. Gerade kann ich von den anderen niemanden ertragen, nicht Flo, nicht Finn und auch nicht Feli, mein liebes Schwesterherz, so wie die sich im Moment aufführen. Kein Wunder, dass sie sich gebauchpinselt fühlen, bei der Verehrung, die man ihnen auf Schritt und Tritt entgegen bringt. Finn hier, Feli da. Im Gegensatz zu euch traue ich diesen Leuten nicht.

Gar nicht mehr einkriegen konnten die sich, als sie mitbekommen haben, wie Feli aus purer Langeweile sich durch die bisher geschossenen Bilder gescrollt hat. Ja, haben die noch nie eine Digitalkamera gesehen? Anscheinend nicht – und plötzlich muss ich wieder an den Film denken, den wir irgendwann im Fernsehen gesehen haben und in dem eine Gruppe zurückgezogener Mönche so eine Kamera wie einen Schatz hüten – „Das Jesus Video“ oder so ähnlich: So, wie sie uns alle anhimmeln, grenzt das ja schon an Heldenverehrung. Vorsprung durch Technik? Wir sind doch keine Götter!

Was ein paar hundert Meter schon ausmachen können. Je mehr Abstand ich zwischen sie und mich bringe, desto besser. Aus der richtigen Entfernung kann ich das seltsame Treiben und das aufgeregte Hibbeln doch viel besser beobachten – welch herrliche Ruhe hier oben! In der frischen Luft hier oben lässt sich doch gleich viel freier atmen. Bei der hektischen Betriebsamkeit da unten wusste ich zuletzt echt nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Dass die aber auch immer gleich so hohldrehen wegen eines Festes… Mannomann.

Eigentlich könnte ich jetzt mal einen Gang runterschalten, doch so einfach ist es nicht. Die Gedanken sind frei… und rotieren, denn wenn ich schon mal dabei bin, kann ich genauso gut auch schon meinen nächsten Beitrag für unser Blog vorbereiten – Titel: „666 The Number of the Beast“, schon allein wegen Feli, die meinte, ein Songzitat am Anfang jedes neuen Beitrags würde unsere Texte unheimlich aufpeppen, und was wäre da passender als Iron Maiden? Also in etwa so:

„Blog Post #666 : ‚Let him who hath understanding reckon the number of the beast, for it is a human number, its number is six hundred and sixty-six‘

Ich habe ja mit allem gerechnet, doch diese Ansammlung von Späthippies in Weiß toppt alles bisher Dagewesene. Nicht mal die Walpurgisnacht an den Externsteinen kann da mithalten. Zurück zur Natur? Selbst in der Mittelalterszene nehmen sie das Thema ‚Lagern‘ nicht so ernst wie die Erben Avalons hier: Sammeln von Früchten und Beeren, jagen von Kleinwild mit Pfeil und Bogen und Aufstehen mit den Hühnern ist Teil ihrer täglichen Routine. Dazu die Gebete und Anrufungen. Wobei… einige scheinen so etwas wie ein Schweigegelübde abgelegt zu haben, so wie eine der jüngsten von ihnen, die auf den Namen Raven hört. Jeden Morgen schreitet sie vor Sonnenaufgang hinab zur heiligen Quelle von Ynis Witrin und schöpft das Wasser für die Herrin des Steinkreises.

Oh ja, ich habe den Kreis aus unbehauenen Steinen gesehen, der uns bei unserer Ankunft gar nicht aufgefallen ist. Die Aussicht von dort oben ist spektakulär, und wenn erst mal zur Sommersonnenwende die Feuer entzündet werden…“

Schreiben kann man viel, wenn der Tag lang ist. Nur ist es mit dem Schreiben so eine Sache. Mein 666. Blog Post muss leider noch warten, aber nicht, weil ich als abergläubischer Mensch diesen Humbug von der Zahl des Teufels für bare Münze nehmen würde, sondern weil ich mein Laptop leider gerade nicht zur Hand habe. Und selbst wenn, würde es mir nichts nützen. Wir haben nämlich schlicht und einfach keinen Strom. Der Akku, den wir gerade erst aufgeladen haben, wäre innerhalb kürzester Zeit tot.

Houston, wir haben noch ein ganz anderes Problem. Durch den Dunst unterhalb des Steinkreises sehe ich eine Gestalt den Steinweg hinauf hasten. Flo. So aufgeregt, wie er mir entgegengelaufen kommt, muss irgendwas mit Lilly sein. So schnell kann es mit dem Frieden vorbei sein.

Als wir die Hütte betreten, nippt Lilly an einem Becher. Nach Kräutern duftender Dampf steigt auf. Was auch immer vorher mit ihr los war, jetzt wirkt sie geradezu entspannt. Für einen Moment frage ich mich, ob ich nicht vielleicht doch zu misstrauisch war; denn so, wie sie sich hier um sie kümmern, scheint ihnen Lillys Wohlergehen wichtig zu sein. Nach diesem offensichtlichen Fehlalarm müsste Flo sich doch nun so langsam wieder beruhigen, doch so wie er seine Hände in den Taschen zu Fäusten ballt, spüre ich, dass er sich immer noch in Alarmbereitschaft befindet. Daran können auch all die vielen Kräuter um uns herum nichts ändern.

Er traut den Erben Avalons also genauso wenig über den Weg wie ich. Das ist ja mal eine Überraschung. Nachdenklich folge ich ihm nach draußen.

Kaum sind wir außer Hörweite, legt er auch schon los – davon, dass all das hier nicht normal wäre und dass hier irgendwas ganz und gar nicht stimmen würde.

Von wegen bringt großen Appetit mit und eure Meinung:  „… seit wann sind Äpfel und Holunder schon im Juni reif? Und dann noch die Sache mit den Pilzen…“

Auf einmal weiß ich, was er meint. Frühestens im September dürfte es mit der Pilzsaison losgehen. Wusste ich es doch: Zeitlich kommt das überhaupt nicht hin. Entweder befinden wir uns in einer anderen Zeitzone, oder aber

„… oder aber, und das kommt jetzt wie ein Schock: Auf dieser Insel vergeht die Zeit anders als auf der anderen Seite des Sees.“

Hä? Zuerst verstehe ich nur Bahnhof, doch dann dämmert es mir so langsam. Er spricht von Avalon oder zumindest von dem, was er noch aus dem Roman und dessen unsäglichen Verfilmung in Erinnerung hat.

„… Marion Zimmer-Bradley hätte ihre wahre Freude an uns gehabt!“

Nee, oder?

„Vielleicht würde das erklären, warum sie uns hier Früchte servieren, die eigentlich noch gar nicht reif sein dürften. Oder warum Felis Kamera von jetzt auf gleich den Geist aufgegeben hat.“

Kein Strom? Kann sein, aber womit Flo jetzt rausrückt, verschlägt selbst mir die Sprache: Lilly gehe es schlecht, weil die Zeit hier anders als in unserer Welt verstreiche. Willkommen auf der Ynis Witrin, der Insel der Glückseligen, dem Sitz des Feenvolkes und dem Zugang zu Annwn, der Anderwelt. Ja, dreht er denn jetzt total am Rad? Will er mir ernsthaft weismachen, dass wir in einem Paralleluniversum gelandet sind? Noch dazu in einem, das wir alle bisher für einen Mythos gehalten haben? Oder besser gesagt, für eine Sage aus dem Mittelalter, die auch durch die x-te Neuauflage einer amerikanischen Fantasyautorin nicht glaubhafter wird?

„Erinnere dich: Du hast gesehen, was passiert, als Anjelica Huston auf dem Boot steht und die Nebel mit einer Geste ihrer Arme teilt…“, fängt Flo mit seinem Lieblingsthema an. Ach ja, die alte Leier. Mittlerweile kann ich Lilly verstehen, wenn ihr Liebster ihr auf den Keks geht. Und dabei bin ich noch nicht mal schwanger.

Genervt winke ich ab. Den Spruch kann ich schon auswendig: Als sich die Nebel teilten, kam Avalon in Sicht; und so gebe ich meinen Senf dazu, den vermutlich auch er nicht mehr aufs Brot geschmiert bekommen möchte: „Ja, ja, das Gleiche, das auch Julianna Margulies – pardon, Morgaine – wollte, aber bei der Aufgabe kläglich versagt hat.“

Aber wenn ich geglaubt habe, dass der Keks damit gegessen ist, habe ich nicht mit Flo gerechnet, der mir lauernd an den Lippen gehangen hat.

„Ach ja? Dann sag mir doch mal, Miss Superhirn, wie es sein kann, dass wir das fertig gebracht haben, woran Morgaine gescheitert ist?“

Auf meine Antwort wartet er gar nicht erst, sondern legt, ohne mit der Wimper zu zucken, nach: „Mensch Fiona, mach die Augen auf. Die Kamera ist denen völlig wumpe. Ich sage dir, dieses ganze Gefasel von Göttern, die angeblich zu ihnen gekommen sind, liegt bestimmt nicht daran – nein, es ist der Stein.“

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Die Vorlage zum 10. Kapitel: Jugendliche lernen die spezielle Kultur kennen, stellen fest, dass die Leute sie für Gottheiten halten, weil sie den Schatz haben; einem Mädchen geht es schlecht (schwanger). Jugendliche kommen zu altem Stamm (ähnlich wie Indianer), finden bei den religiösen Siedlern Zuflucht (leben nur mit Material und Nahrungsmitteln aus dem Wald).

Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 9

Kapitel 9 : So weit die Füße tragen

I watched the world float to the dark side of the moon
I feel there’s nothing I can do, yeah
. -3 Doors down „Kryptonite“-

In schlechten Horrorfilmen laufen sie in den Keller oder nach ganz oben. Immer. Niemals versuchen sie, ein Fenster aufzubekommen, und was dann passiert, kann sich jeder denken – nämlich das gleiche, das Fiona und Feli in dieser Sekunde durch den Kopf gehen muss: Warum zum Henker rennen wir wie die Irren blindlings in den Wald hinein?

Lauft!

Ellies Schrei war meilenweit zu hören. Die berühmte Schrecksekunde? Hatten wir nicht – Jo, der mit Ellie im Schlepptau an uns vorbeischoss, ließ uns keine Zeit dazu. Der Wald steht schwarz und schweiget? Jetzt nicht mehr – vierzehn Füße bahnen sich im Affenzahn ihren Weg über Moose und Flechten hinweg und hechten zwischen den Bäumen hindurch. Wege? Sind überbewertet, also auch der Weg, auf dem wir hergekommen sind. Natürlich könnten wir auch so versuchen, uns zum Bulli zurückzuschlagen und zusehen, dass wir Land gewinnen. Ich habe nämlich keine Ahnung, wie lange mein Schatz in ihrem Zustand dieses Hetzen über Stock und Stein noch durchhält, aber da bin ich bei Jo an der falschen Adresse.

„Klar, man könnte auch morgens mit dem Pferd zur Arbeit reiten!“

Und wenn’s geht, noch an den Klippen entlang oder durch den Nebel? Da hat wohl eindeutig jemand zu viele schlechte Werbespots gesehen. Wenn das in diesem mörderischen Tempo noch länger so weitergeht, dann…

„Macht mal langsamer“, höre ich Finn schnaufen, aber nicht aus Rücksicht gegenüber Lilly. Nö, unserem Supersportler geht so langsam der Atem aus; die Puste, aber nicht die Fragen: „Dein Ernst jetzt?“

„Sehe ich so aus, als ob ich Witze mache?“ kommt es von Jo zurück, der nun tatsächlich sein Tempo drosselt. „Schon mal darüber nachgedacht, dass es vielleicht noch mehr von denen geben könnte und sie wissen, dass der Bus uns gehört…“

… Irrtum, es reicht schon die Vermutung, und dann könnte es gut sein, dass sie uns abpassen und wir ihnen geradewegs in die Arme laufen, ergänze ich in Gedanken. Aber ob das, was wir da gerade tun, so viel schlauer ist? Hat von uns auch nur einer irgendeine Ahnung, ob uns die Typen in Schwarz überhaupt noch auf den Fersen sind? Die Gelegenheit ist günstig, als in dem dunstigen Licht Felsen in Sicht kommen.

Sich hinter einem dieser riesigen Blöcke zu sammeln und so leise wie möglich zu atmen, ist immer eine gute Idee. So fehlt uns zwar die Sicht auf das Gebiet, durch das wir wie bekloppt gerast sind, doch dafür sperren wir unsere Lauscher umso aufmerksamer auf. Ob es am immer dichter werdenden Nebel liegt oder nicht, ringsum knackt es gedämpft mal hier, mal da: Nach diesen wildgewordenen Möchtegern-Ninjas klingt das nicht, eher nach einem Tier. Die Luft scheint tatsächlich rein zu sein – das wäre jetzt doch die Gelegenheit, die Strategie zu wechseln.

An sich kein übler Gedanke, aber wenn ich in die ratlosen Gesichter der anderen blicke, haben die genauso wenig einen Plan wie ich. Zum Bulli zurück? Jo ist immer noch dagegen und hat Ellie und Finn auf seiner Seite. Zur nächsten Ortschaft? Ich wette, von uns weiß keiner, wo die ist. Und ohne funktionierendes GPS oder vernünftige Karten? Schwierig. Und durch die Schwaden einfach aufs Geratewohl weiter laufen? Ein Blick auf Lilly neben mir, und ich weiß, dass diese Option bei ihr auf wenig Gegenliebe stößt. Damit hält sich die Anzahl unserer Möglichkeiten in Grenzen. In ziemlich engen Grenzen sogar. Und immer wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her? In Fantasyfilmen naht in solchen Momenten ganz gerne mal die Rettung, wodurch auch immer.

Doch das hier ist kein Fantasyfilm, sondern die Wirklichkeit. Und in der wird das  vorhin noch gedämpfte Knacken immer lauter und lässt in meiner Vorstellung die Ninjas von vorhin hinter dem nächsten Gebüsch erscheinen, und unwillkürlich drücke ich Lillys Hand fester – bereit, mich vor sie zu stellen und zuzuschlagen, falls die Typen auf uns losgehen.

Aber da ist nichts.

Dennoch… ich hätte schwören können, dass da was war. Etwas oder jemand.

Annwn Annwn Annwn…   

„Psst, habt ihr das auch gehört?“ kommt es von Feli. Waren die Stimmen von neulich am Feuer doch keine Einbildung. Wie viele außer mir hören dieses Geraune noch? Oder leiden wir alle unter einer gewaltigen Sinnestäuschung?

Annwn Annwn Annwn…   

Es sollen sich schon ganz andere in diesen Wäldern verlaufen haben und spurlos verschwunden sein. Auch ohne Gangster, die hinter ihnen her sind. Wobei… wenn man vom Teufel spricht… das ist es wieder, das Knacken, und es wird dichter. Schritte im Unterholz, Stimmen im Wind. Das können nur die Typen aus der Burg sein, und inzwischen müssen sie gemerkt haben, dass der Stein weg ist. Und wenn das so ist, dann wissen sie auch, dass wir ihn haben. Jetzt kann uns nur noch ein Wunder retten.

Oh, bitte, bitte, bitte, flehe ich und stolpere hakenschlagend, mit Lilly an der Hand, wie ferngesteuert vorwärts und mitten in die Suppe hinein, die anderen dicht hinter uns. Kalte und feuchte Luft hüllt uns ein. Die Orientierung haben wir in dem schimmernden Weiß längst verloren, ab und zu kommt von vorne Wellengeplätscher. Komisch, an einen See kann ich mich gar nicht erinnern. Aber darüber kann ich mir später immer noch Gedanken machen, jetzt muss ich erst mal Lilly über die sumpfigen Stellen hinweghelfen.

„Da!“ tönt es vom Ende der Schlange, und als ich mich irritiert Lilly zuwende, setzt Jo hinzu: „Jetzt bleibt doch mal stehen.“

Was glaubt der denn, was das hier werden soll? Sollen wir wie die Ölgötzen so lange im Morast stillstehen, bis wir darin versunken sind? Als Moorleichen, die man nach Hunderten von Jahren findet, wollten Lilly und ich eigentlich nicht enden.

Leider aber lässt er nicht locker. „Mensch Leute, da vorne – seht ihr das denn nicht?“

Schön, wenn Leute in Rätseln sprechen – so kryptisch drückt sich ja noch nicht mal Lilly aus, wenn sie mal wieder eine ihrer Schwangerschaftslaunen hat. Dann aber schaue ich genauer hin, und tatsächlich taucht aus dem sich lichtenden Nebel das Ufer eines Sees auf, und mittendrin eine Insel. Trotzdem traue ich dem Frieden nicht – ja, sollen wir denn hinüber waten oder gar tauchen? Inzwischen ist es nämlich merklich kühler geworden, und der Gedanke an eine Nacht im Freien und mit nassen Klamotten lässt mich vor Kälte bibbern.

Alles, bloß nicht das! Ja, gibt es denn keinen anderen Weg?

Als ob jemand meine Gebete erhört hätte, zieht sich plötzlich das Wasser zurück und gibt einen unregelmäßig und grob gepflasterten Weg frei. Wer auch immer den angelegt hat, muss sich an den alten Römerstraßen orientiert haben, oder an dem Fußweg, auf dem man bei Ebbe zum Mont-Saint-Michel hinüber laufen kann.

Annwn Annwn Annwn…   

Jetzt können wir es ganz deutlich hören. Es kommt von der Insel im See. Für Jo eindeutig ein Zeichen, denn als das Wasser auch die letzten Steine freilegt, überholt er uns und reißt die Führung an sich. Do you believe that you can walk on water? Ehe Lilly und ich piep sagen können, finden wir uns am Ende der Gruppe wieder und heften uns an Ellie, die mit ihren rosa und türkisen Strähnen wie leuchtende Zuckerwatte aus dem Nebelgrau heraussticht. Keine Minute zu früh: kaum haben wir die im fahlen Licht silbergrau glänzenden Ufersteine hinter uns gelassen, beginnt auch schon das Wasser zu steigen und verschluckt den hinter uns liegenden Teil des Wegs.

Endlich angekommen, stöhne ich. Eigentlich ginge der Weg sogar noch weiter. Vor uns tut sich eine endlos scheinende Treppe auf, doch erschöpft von dem Gänsemarsch übers Wasser, lassen wir uns einfach fallen. Mir schmerzt jeder Muskel im Leib. Kein Wunder, wenn sich gerade eben noch jeder Schritt so angefühlt hat, als kämpfe man sich durch eine Schicht aus Wackelpudding. Lilly geht es nicht anders, doch mehr als sie in meine Arme zu nehmen, kann ich auch nicht tun, bevor mich eine nie gekannte Müdigkeit überfällt.

Als ich wieder zu mir komme, fällt mein Blick als erstes auf einen in aller Eile und mehr schlecht als recht zusammengezimmerten Tisch mit Hockern drum herum. Beim Anblick des hölzernen Geschirrs, auf dem sich Pilze, Nüsse und Holunderbeeren türmen, macht sich mein Magen bemerkbar. Wann haben wir eigentlich zum letzten Mal etwas gegessen?

Ein Apfel rollt vom Tisch und stößt an ein Paar Füße. Füße mit kupfernen Reifen um die Knöchel, dann schiebt sich eine Kutte in schmutzigem Weiß in mein Blickfeld, und nachdem ich die vor mir stehende Gestalt von unten nach oben gemustert habe, bleibe ich an der Tätowierung hängen, die die Stirn der Fremden ziert. Graues Haar, gebieterische Haltung, ein kupferner Reifen um den Hals… allein der Schmuck muss Tonnen wiegen, doch seine Trägerin bewegt sich mit einer Leichtigkeit durch den Raum unter dem Blätterdach, als ob sie schweben könnte.

Als sie das Wort ergreift, verstummt das Vogelgezwitscher um uns herum und mir wird flau im Magen, aber nicht mein Hunger ist daran schuld. Man muss mich nicht kneifen, damit ich erkenne, dass dies kein Traum ist; auch wenn sich das hier wie ein Alptraum anfühlt: Bedenke wohl, worum du bittest, denn es wird dir gewährt werden, stöhne ich innerlich gequält auf, denn hinter den Nebeln von Avalon aufzuwachen, hat mir nicht vorgeschwebt, als ich um ein Wunder gebeten habe.

Marion Zimmer-Bradley hätte ihre wahre Freude an uns gehabt.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Die Vorlage zum 9. Kapitel: Jugendliche kommen zu altem Stamm (ähnlich wie Indianer), finden bei den religiösen Siedlern Zuflucht (leben nur mit Material und Nahrungsmitteln aus dem Wald).

Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 8

Kapitel 8 : Fang mich, wenn du kannst

In a room above a busy street
The echoes of a life
The fragments and the accidents
Separated by incidents

-INXS „The stairs“-

Wusste ich doch, dass es keine gute Idee war, mich von Gary bequatschen zu lassen, bei der alten Crew wieder mitzumachen. Weiß der Geier, wie er es hinbekommen hat, Connor davon zu überzeugen, dass ich der Richtige für den Job bin, obwohl wir alle wegen meines Blackouts beim letzten Coup geschnappt und eingebuchtet worden sind. Jeff und der Richtige für den Job? Ich kann mir Connors Gesicht vorstellen, das er gezogen haben muss, als Gary damit angetrabt war. Der ist doch zum *** zu blöd! Nicht mal den Fluchtwagen steuern kann der…

Den Fluchtwagen steuern – das wird mich bis an mein Lebensende verfolgen. Wie in Zeitlupe sehe ich den Tag der Schande wieder vor mir.

Drei, zwei, eins – go… den Wagen verlassen, die Filiale am Ende der Fußgängerzone stürmen, alle Anwesenden in Schach halten, während zwei Mann sich um das Ausräumen von Kasse und Tresor kümmern: Der durchdachte Plan hatte so herrlich einfach geklungen, doch so aufgeregt wie Gary an seiner Wollmütze herumnestelte und Josh beinahe die Munition fallenließ, war ich mir plötzlich gar nicht mehr so sicher. Ob es half, wenn Josh und ich die Plätze tauschten? Nicht mit Connor! Der hatte den Coup in einem Zimmerchen, hoch über einer belebten Geschäftsstraße, haarklein ausgetüftelt. Bei dem Lärm würde man von unserem Treffen nichts mitbekommen.

„Reißt Euch gefälligst zusammen“, knurrte er genervt. „An dem Plan wird nichts mehr geändert!“

Wenn Connor unter Strom stand, war er immer so: gereizt und unausstehlich. Erst, wenn sich abzeichnete, dass man uns auch diesmal nicht schnappen würde, war mit Besserung seiner Laune zu rechnen. Mutter, der Mann mit dem Koks ist da? Wo sich andere vorher noch schnell eine Line aus allerfeinstem kolumbianischem Schnee gezogen oder ein paar Pillen zur Beruhigung eingeworfen hätten, verzichtete er lieber. Einen klaren Kopf bewahren, nannte er das – „kristallklar“, um seine Worte exakt wiederzugeben, „so klar wie unser Plan“ – der Plan, den wir eins zu eins durchziehen würden, komme was wolle. Unser Plan, nach dem sich niemand darum scheren würde, dass ich den Motor laufen ließ, wenn ein paar Meter weiter die Musik spielte. Unser Plan, den ich so gründlich vergeigt hatte. Aber warum hatte das auch so lange dauern müssen?

Wie Kaugummi zog sich das Warten. Wie ich das hasste! Keine Ahnung, wie lange sie nun schon da drinnen waren: sechs Minuten? Acht? Oder elf? Wenn Connor mal bloß nicht durchdreht oder sich einer von ihnen zu früh die Maske übers Gesicht gezogen hat, dachte ich, während ich nervös auf das Lenkrad eintrommelte. So viel stand fest: Warten war das Schlimmste.

Da. Jetzt. Endlich tat sich was! Im Rückspiegel hasteten drei schwarze Schatten auf mich zu. Die Türen flogen auf und ich gab Gas. Bloß weg von hier und ab durch die Mitte.

 „Drück auf die Tube“, keuchte Connor, während die anderen beiden auffallend still blieben. Mit durchgetretenem Gaspedal schoss der Ford die Hauptstraße hinunter.

„Fünfzigtausend für jeden – nicht schlecht“, gab Josh irgendwann von sich, als er wieder einigermaßen atmen konnte. Zweihunderttausend Pfund. Und wir waren weit genug vom Tatort weg! Wie geil war denn das bitte? Ich konnte es immer noch nicht fassen, dass wir so viel Glück gehabt hatten.

Hätte er mal bloß das Maul gehalten, denn sonst hätte ich das Lenkrad nicht verrissen und es wäre nicht zum Crash gekommen. Vollends die Nerven verlor ich aber nicht beim Zusammenstoß mit dem verf****en Panzerfahrzeug, sondern im Kugelhagel gleich darauf und kam erst wieder zu mir, als sie uns einen nach dem anderen in den Streifenwagen verfrachteten.

Geschiedene Leute? Für Connor auf jeden Fall – wer so blöd ist, das Fluchtauto ausgerechnet in einen Geldtransporter krachen zu lassen, hat bei ihm verschissen und ist nur noch für Hilfsarbeiten gut. Also für die Jobs, die keiner machen will.

So wie den hier jetzt: irgendein armes Schwein in den Brunnenschacht abseilen, das dann den Stein aus dem Dreck aufsammeln soll. Allein schon bei der Vorstellung, dass das Seil reißen und er im freien Fall in die Tiefe sausen könnte, ist bei Gary der Schweiß ausgebrochen. Noch dazu der modrige Gestank! Und selbst wenn nicht: Keine zehn Pferde würden Gary dazu bringen, diesen Teil des Jobs zu machen. Höhenangst – damit hatte er schon im Knast jede Menge Spaß, weil sie ihn in eine Zelle im obersten Stock gesteckt hatten. Also ist die Wahl auf mich gefallen, als es darum ging, wer den Schatz bergen soll, schließlich war ich derjenige, dem er diesen „Spaß“ zu verdanken hat. Und schon ist sie wieder zusammen, die alte Crew – mit einem Unterschied: Statt Josh, den es damals beim Schusswechsel mit den Bullen erwischt hat und der seitdem nicht mehr laufen kann, ist jetzt sein Kumpel Derek mit von der Partie. Erstens schuldet Josh ihm noch was, und zweitens hat Derek praktischerweise gleich diesen Harry mit an Land gezogen – zum Verticken des Steins. Den wir erst mal haben müssen. Und wehe, das wird wieder nichts!

„Ach nee, wen haben wir denn da?!“ schallt es da durch die Ruine. Garys Stimme trieft nur so vor Hohn und Spott. Und ich dachte schon, wenn es um Sarkasmus geht, kann niemand Connor toppen. Kein gutes Zeichen – denn so, wie der die letzten Tage drauf war, kann ich froh sein, dass er mich besonders gründlich anseilt und nicht einfach so als Freeclimber in die Tiefe scheucht. Ein Auge auf mich haben, hat es genannt, nach dem, was ich mir im Club geleistet habe. Seine Worte – seine Laune. Die wird nicht besser, als wir sehen, womit Gary und Derek um die Ecke kommen. Besser gesagt, mit wem.

„Das ist doch die Kleine aus dem Club!“ entfährt es Connor und lässt entsetzt das Seil los. Ich kann mich gerade noch festhalten, sonst wäre ich in den Schacht gefallen. Auf Nimmerwiedersehen. Was zum?!!!! Rosa Haare, meine Fresse. Die Kleine aus dem Club? Daran würde ich mich ja wohl noch erinnern. War ich an dem Abend wirklich so dicht? Aber hat darauf jemand ernsthaft eine Antwort erwartet?

Und selbst wenn – durch mein Stolpern und verzweifeltes Festkrallen am Brunnenrand sind Derek und Gary für einen Moment abgelenkt, und der reicht, dass die Kleine aus dem Club und ihr Begleiter Derek einen Stoß versetzen und wie die Bekloppten losrennen.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Die Vorlage zum 8. Kapitel: schwarze Leute treffen plötzlich auf die Gruppe, wollen den Schatz, Gruppe muss fliehen..

Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 7

Kapitel 7 – Don’t worry Darling

A clouded dream on an earthly night
Hangs upon the crescent moon
A voiceless song in an ageless light
Sings at the coming dawn

-Loreena McKennitt „The Mystic’s Dream“-

Kommt, wir finden einen Schatz!

Ja, sind wir denn bei Janoschs Traumstunde? Kinderbücher sind ja so wichtig. Bla bla bla. Aber jetzt mal im Ernst: Schatzsuche, wie sich das anhört! Flo kennt meine Meinung dazu. Aber was er nicht weiß: Dass ich mich bei dem Thema gesperrt habe, weil ich so kurz vor der Geburt unnötige Aufregung und Anstrengung nicht gebrauchen kann, war nur die halbe Wahrheit. Erstens war das „so kurz vor der Geburt“ leicht übertrieben, denn bis dahin sind es noch fast zwei Monate, und zweitens kann ich mir nichts langweiligeres vorstellen als das, was Flo mit Marcus und seinen  Freunden immer an den Wochenenden veranstaltet hat, wenn sie mit ihren Skateboards gerade mal nicht die Halfpipe unsicher gemacht haben.

Weil Geocaching ja auch so viel ungefährlicher ist. Erst latschen sie stundenlang durch den Wald wie wir gestern nach unserer Panne, dann fangen sie an, irgendeinen wertlosen Müll zu suchen – aber wehe, sie geraten an welche, die in derselben Gegend nach dem gleichen „Schatz“ suchen. Einmal hat so ein Trupp Marcus und Flo doch glatt Prügel angedroht und die beiden in die Flucht geschlagen. Ab da war Ruhe im Karton. Denn als werdender Vater, was übrigens so auch nicht geplant war, wollte er wegen nichts dann doch keinen Aufenthalt im Krankenhaus oder noch schlimmeres riskieren, und das Thema war gegessen.

Jedenfalls bis jetzt, denn bei den Stichworten „Mondstein“, „uralt“ und „besonderer Schliff“ war die die alte Leidenschaft sofort wieder da und sein Hang, mich von vorne bis hinten zu betüddeln, zum Glück für einen Moment vergessen. Wie seine Augen geleuchtet haben… oder waren es die Pfundzeichen darin, die ihn seinem Traum ein Stück näher bringen könnten? Damit war er nicht der einzige, und so trabten wir los, nachdem der Bulli wieder fahrtüchtig war und wir wieder da hin zurückgefahren waren, wo unsere Fahrt unterbrochen worden war.

Flo und seine Fürsorglichkeit in allen Ehren, aber mit seinem ständigen „Mach dir keine Sorgen, Schatz“ treibt er mich noch in den Wahnsinn. Manchmal wünschte ich, er wäre ganz woanders. Wenigstens ab und zu. Da ist er mir im Jagdfieber tausendmal lieber. Nur an seinem Orientierungssinn sollte er noch arbeiten, denn ohne GPS-Tracker ist er nämlich so gut wie aufgeschmissen. Ganz schön blöd, wenn die Technik im entsprechenden Moment versagt. Wie beruhigend, dass wir Feli mit ihrem fotografischen Gedächtnis dabei haben – die hätte den Weg zur Burg blind gefunden, auch ohne ihre tolle Kamera.

Apropos „Schutz und Sicherheit im Zeichen der Burg“ – als ich meine Ausbildung bei der Versicherung erst wegen Corona und zum Schluss auch noch wegen Mutterschutz für länger unterbrechen musste, hätte ich nicht gedacht, dass ich irgendwann selbst in einer landen würde. Besser gesagt, in einer Ruine mit eingefallenem Turm und Wänden, von denen eigentlich nur noch Steinhaufen übrig sind – manche davon mannshoch – und einem moosüberwucherten Brunnenrand. Wäre es nicht mitten am Tag gewesen und dazu strahlender Sonnenschein, hätte ich erwartet, die gruselige Figur aus „The Ring“ herauskrabbeln zu sehen.

Herausgekrabbelt kam jedoch nichts – statt dessen hatte Flos Taschenlampe einen Lichtreflex ausgelöst, und weil alle davon überzeugt waren, das Gesprächsthema Nummer Eins seit diesem vermaledeiten Clubbesuch endlich gefunden zu haben, fing die große Diskussion an, wer in den Brunnenschacht hineinkrabbeln sollte.

Jo, der Tag für Tag an sein Brüderchen Bericht über den Verlauf unserer Reise erstattet? Oder lieber Ellie, die als kleinste von uns am wenigsten im Schacht steckenbleiben würde? Oder Finn, unsere Sportskanone? Nö, lasst doch einfach das Los entscheiden: Stein, Schere, Papier – aber ohne das böse Obi-Hörnchen – and the lucky winner is…

„Mensch, Finn – wird das heute noch was?“ hatte Ellies leicht gereizter Sopran durch die Ruine geschallt. Dass die Wände an dieser Stelle auch so hallen müssen!  

Doch außer Schaben und Kratzen und dem ein oder anderen Schnaufer unseres Supersportlers war verdächtig wenig zu hören gewesen. Den besserwisserischen Ratschlag von Fiona, die halb über dem Brunnenrand hing, dass wir doch besser alle mal tief durchatmen sollten, überhörte ich lieber. Ich war auch so aufgeregt genug. Inzwischen hatte mich Flo mit seiner Vorfreude auf den Fund angesteckt, und so fieberte ich jetzt auch mit der Mehrheit mit. Hoffentlich filterte Flo Ellies Gezeter weg. Auch wenn sie mit ihrem Genörgel bei mir einen Nerv traf, was die Dauer der Zeit anging, in der Finn nun schon in diesem Brunnen unterwegs war, so wollte ich mir lieber nicht vorstellen, was passieren würde, wenn Flo die Konzentration verlor und das Seil losließ.

Mein Gott, wie tief war denn dieser Brunnen? Reichte das Seil überhaupt? Wie lange war Finn jetzt schon da drin? Nur gut, dass wir bald Mittsommer hatten und es an diesem Nachmittag noch lange hell war, sonst hätte es für uns und ganz besonders für Finn zappenduster ausgesehen. Auch wenn er eine Lampe dabei hatte, im Sommer bei völliger Dunkelheit am Grund eines Brunnens nach einem Stein zu suchen, war für ihn bestimmt alles andere als angenehm.

Ich hätte an seiner Stelle schon längst einen Anfall bekommen. Aber um mich ging es zur Abwechslung zum Glück mal nicht, sondern um Flo und Fiona, die das Seil sicher hielten – und natürlich um Finn, der nach einer gefühlten Ewigkeit doch noch fündig geworden war und sich völlig erschöpft auf den mit vertrocknetem Eichenlaub übersäten Boden neben dem Brunnen fallen ließ, als sie ihn schließlich über den Rand zogen.

Und nun stehen wir dicht zusammengedrängt und starren fasziniert den Stein an, der da vor uns auf dem Boden liegt, nachdem er aus Finns Hand gerollt ist, während der noch immer versucht, zu Atem zu kommen. Weißlich im Sonnenlicht schimmernd, wirkte er wie nicht von dieser Welt und überirdisch schön. Wer auch immer ihn geschliffen und Runen in ihn eingraviert hat, muss ein wahrer Meister gewesen sein.

Was dieses Juwel wohl wert sein mag? In einem Punkt hatte Finn wohl recht: Wir müssen erst mal jemanden finden, der uns dieses schöne Stück abkaufen will. Doch bis dahin kann es noch dauern, und es hat wenig Sinn, wenn wir uns jetzt schon über die Aufteilung des Gewinns die Köpfe zerbrechen und von dem wir nicht mal wissen, wie hoch der sein wird.

Jetzt müssen wir erst mal weg von hier, und zwar so schnell wie möglich.

Leichter gesagt als getan, wenn Finn am Ende seiner Kräfte und mir mein Bauch im Weg ist. Außerdem bin ich dadurch auch nicht gerade die Schnellste, und die Meute trampelt wie eine Herde Elefanten durch die Ruine, dass es nur so knirscht. Ach, wären wir doch bloß etwas leiser! Denn dann hätten wir noch rechtzeitig mitbekommen, dass wir nicht mehr alleine sind.

So ein Mist.

Jo, der gerade unter dem eingestürzten Bogen hindurch laufen will, durch den wir gekommen waren, bleibt wie angewurzelt stehen und gibt uns wortlos ein Zeichen, jetzt bloß keine falsche Bewegung zu machen oder auch nur den geringsten Laut von uns zu geben. Ich weiß genau, was in ihm vorgeht.

Duckt euch!

Gerade noch rechtzeitig, denn als ich zu Jo rüber sehe, nehme ich wahr, wie er tonlos mit den Lippen ein „Jeff“ formt. Wer auch sonst? Der Kerl ist zwar bis über die Ohren maskiert, aber das Schlangentattoo ist unverkennbar. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn hier noch ein zweiter Typ mit demselben Tattoo von dem Schatz wüsste und sich hier herumtreiben würde. Und dieser Vogel ist nicht allein. Das muss dieser Connor sein, von dem Jo und Ellie erzählt haben. Beide komplett in schwarz, und beide sind bewaffnet. Selbst der Dümmste kann sehen, dass das keine Polizisten sind, denn die hätten sich ihre Pistolen nicht hinten in den Hosenbund geklemmt.

Uns bleibt nur noch eines: Zu hoffen, dass von diesen Gangstern keiner mehr nachkommt, und zu beten, dass wir an den Typen unbemerkt vorbeikommen.

Die Frage ist nur, ob wir nicht schon zu lange gewartet haben, als wir uns einer nach dem anderen und mucksmäuschenstill immer weiter ins wild um die Mauern herum wachsende Dickicht zurückziehen, um uns ihrem Blickwinkel zu entziehen, sollte doch einer von ihnen auf die Idee kommen, sich umzudrehen.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Die Vorlage zum 7. Kapitel: Gruppe will gehen, entdecken dann aber Gruppe komischer schwarz angezogener Personen mit Sonnenbrillen und Waffen (der besoffene Typ dabei), Gruppe schleicht sich an den Leuten vorbei aus der Burg.

Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 6

Kapitel 6: Stimmen im Wind

…I always feel like somebody‘s watchin‘ me
Who‘s playing tricks on me?… – Rockwell „somebody’s watching me“

Ich weiß genau, wenn sich jemand schlafend stellt. Und bei Ellie bin ich mir hundertprozentig sicher, dass sie wie ich kein Auge zu tut, bei den vielen Geräuschen um uns herum. Dazu müsste sich nämlich ihr Brustkorb gleichmäßig heben und senken wie bei Lilly, die selig unter einer Decke vor sich hin schlummert. Das hätte ich unserem kleinen Angsthasen gar nicht zugetraut. Von Jo, der entspannt in seiner Ecke vor sich hin atmet, will ich gar nicht erst anfangen. Der kann sich freuen, dass sein Schlaf mal zur Abwechslung nicht von mir und meinem Gesäge gestört wird. Ha ha. Ich wette, ich könnte neben ihm einen ganzen Wald zu Kleinholz verarbeiten. Er würde es nicht merken, denn so erschöpft wie er, Flo und Lilly waren, gehe ich davon aus, dass ihnen alles andere egal ist. Auch die Frage, wer sich in welches Zelt legt. Die sowieso für die Füße ist, wenn wir in Schichten Nachtwache halten.

Nachdem ich den Platz mit Flo getauscht hatte, weil ich Fionas Meinung nach zu nichts zu gebrauchen war, hätte ich es wie die anderen machen und versuchen können, noch ein paar Stündchen zu schlafen. Aber der Gedanke, dass da draußen Eulen ihr Unwesen treiben, hat mich ganz kribbelig gemacht.

Ja, ja, der große Held… ha ha ha – ich weiß genau, was sie denken. Nur dass der „große Held“ jetzt hellwach ist und immer wieder einnickt, so wie vorher Fiona. So wie sie und Flo miteinander tuscheln, ist es unwahrscheinlich, dass es nochmal dazu kommt. Ich könnte mich ja jetzt dazu setzen, aber davon will Fiona nichts wissen.  Also schließe ich die Augen und hoffe, dass der Schlaf doch noch irgendwann kommt. Was er wahrscheinlich nicht tut. Oder vielleicht doch? Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich eingeschlummert und wieder aufgewacht bin, aber als ich aufwache, bin ich alles andere als erfrischt. Vielleicht liegt es auch an dem immer stärker werdenden Gefühl, dass wir nicht alleine sind. Da kann ich noch so sehr nach draußen spähen und in die Nacht hinein lauschen: Außer diesem seltsamen und tonlosen Gesäusel tut sich nichts. Annwn Annwn Annwn…

Normalerweise erinnere ich mich nur selten an das, was ich bei so einem Power Napping geträumt habe, doch erstens kann von Power bei diesem Napping keine Rede sein, und zweitens ist diese Aneinanderreihung von Szenen so sinnlos und unzusammenhängend, dass ich den Film in meinem Hirn auch später noch jederzeit beschreiben könnte, sollte mich jemand danach fragen. Aber am besten nicht im Morgengrauen, da ist mir nämlich generell nicht nach Reden, also auf keinen Fall vor acht.  Überhaupt schmeckt mir der Kaffee morgens am besten, wenn alle ihr Maul halten. Das Dumme ist nur: Es gibt keinen Kaffee, und die anderen veranstalten einen Krach für zehn. Noch Fragen?

Annwn Annwn Annwn… Aha. Flo hat es also auch gehört. Fiona und ich haben uns also dieses Gewisper nicht eingebildet, und mit dem Gefühl, dass uns irgendwer oder irgendwas beobachtet hat, bin ich auch nicht alleine. Aber sag das bloß nicht Ellie oder Lilly (ganz besonders nicht Lilly), die drehen sonst noch völlig durch.

Annwn Annwn Annwn…  diese monotone, körperlose Stimme verfolgt mich seit der letzten Nacht noch den ganzen Morgen hindurch. 51841-24155 51841-24155 51841-24155…

Es wird auch nicht besser, als wir uns, bepackt mit Zelten und unserem ganzen Kram, den wir nicht im Bulli zurücklassen wollten, erneut auf den Weg machen. Wie durch ein Wunder, haben wir plötzlich wieder Empfang und können uns endlich wieder anhand der GPS-Daten orientieren. Jo kann sich seine blöde Karte sonst wohin stecken.  Ich habe keine Ahnung, wie lang wir schon unterwegs sind, aber wenn ich mir mein Display so anschaue, dürfte es nicht mehr weit sein. Auch wenn wir nur sehr langsam vorwärtskommen, müssten wir die drei Meilen bis zum nächsten Campingplatz bald geschafft haben.

Irgendwann nach Mittag sind wir endlich da. Old Oaks Touring Caravan Park. Der Name passt wie die Faust aufs Auge. Während Ellie und Jo die beiden Zelte unter einer alten Eiche aufbauen, setze ich mich zu Feli und Fiona, die doch tatsächlich eine Sitzecke mit Stromanschluss gefunden haben und nun ihr Laptop auftanken. Flo massiert inzwischen seiner Liebsten die Füße, bevor er sich ebenfalls zu uns setzt und sein Smartphone einstöpselt.

„Gut, dass ich mir die Nummer von der Werkstatt noch rechtzeitig abgespeichert habe“, seufzt er und macht sich eine Cola von der Rezeption des Caravan-Parks auf. „Auch eine?“ stupst er Fiona an und schiebt ihr das Fläschchen rüber. Die greift geistesabwesend danach, als sie hochkonzentriert durch die Bilder der letzten Tage geht, aus denen besonders das letzte, das Feli von dem Turm geschossen hat, heraussticht. „So, und jetzt noch die Koordinaten“, sagt sie zu Feli, die auf das Display ihrer Kamera starrt.

„51°8‘41‘‘N, 2°41‘55“W“, kommt es nach einer kurzen Pause wie aus der Pistole geschossen zurück, und ich erstarre: 51841-24155? Das ist doch die Zahlenkombination, die sich mit diesem Gesäusel in Dauerschleife abwechselt, und mit einem Mal bin ich wieder in meinem Traum, der auch einem Plan für Escape Rooms entsprungen sein könnte.

Die körperlose Stimme schwebt über die Nebel am Seeufer hinweg, bis hin zu einer sich aus dem See erhebenden Insel, die vorher noch nicht dagewesen ist. Folge dem Schrei der Eule… folge den Stimmen, die dir singen… die den Stein zum Klingen bringen… folge der Stimme in mondheller Nacht… die dir den Weg weist, bis es vollbracht. Bei der Münze dritter Seite.  Und während ich dem wiederkehrenden Annwn Annwn Annwn folge, perlen aus den Bäumen die Klänge eines Liedes, von denen ich nur noch wenige Zeilen behalten habe: clouded dream on an earthly night hangs upon the crescent moon, a voiceless song in an ageless light… where the heart moves the stones… Ich wüsste nur zu gerne, wer diesen Song gesungen hat. Ich..

„Hey, Finn, träumst du?“ holt mich Felis Stimme in die grelle Mittagssonne zurück.

„Wir brauchen noch jemanden, der mit Flo zur Werkstatt fährt und ihn bei den Gesprächen unterstützt. Der Bulli holt sich schließlich nicht von alleine ab.“

Klar, sag einfach Bescheid, wann es losgeht, will ich gerade sagen, als ich sehe, was Fiona so fleißig getippt hat: „Den Hügel, Ynis Witrin genannt, kennt man auch unter dem Namen „die Glasinsel“, was daher kam, dass er einer sich aus den Wassern erhebenden Insel glich, sobald die Ebenen überschwemmt waren. In alten Zeiten glaubte man, das Feenvolk habe hier seinen Sitz und nannte die Anderwelt auch Annwn“.

Nachdem ich diese Neuigkeit nicht länger für mich behalten konnte, ist alles ganz schnell gegangen. Plötzlich ist die Vorstellung, dass dieser Jeff nicht doch bloß Müll von sich gegeben hat und es den Stein wirklich geben könnte, gar nicht mehr so abwegig. Scheint, als liefert mein Traum auf der Suche nach ihm das Rätsel und die Lösung zugleich. Denn die Koordinaten zu Felis Bild von dem geisterhaften Turm über den Nebeln gleichen aufs Haar denen des Klosterturms von St. Michaels auf dem Glastonbury Tor – nur dass dieser hier noch viel älter ist. Mehrere Jahrhunderte, um genau zu sein, wie es scheint. Wenn der Stein, von dem Jeff gefaselt hat, tatsächlich dort liegen sollte, wäre das wie ein Sechser im Lotto. Aber seit wann hat eine Münze drei Seiten? Sie reden sich in Rage, versuchen, alle Fakten miteinander abzugleichen. Die Insel aus meinem Traum? Check. Die Koordinaten? Check. Die Ruine, die dort gar nicht sein dürfte? Check.

„Oh Mann, Flo“, mosert da Ellie dazwischen. „Jetzt halt doch mal den Rand.“

Den Rand halten… Mensch, Ellie, ich könnte dich knutschen (aber ich vergaß, du willst ja nichts von mir. Noch nicht)… Was trennt bei einer Münze die Vorder- von der Rückseite? Richtig, der Rand! Und was hat in einer Burg einen Rand?

Sobald der Bulli wieder startklar ist, gibt es für uns nur ein Ziel. Zurück zu der Burg. Wenn mich nicht alles täuscht, müsste es dort einen Brunnen geben. Vorausgesetzt, die Burg war keine Fata Morgana und steht immer noch, wenn wir an den Ort der furchtbaren letzten Nacht zurückkehren.

Es war nur der blöde Keilriemen. Unseren Kram hatten wir ruckzuck verstaut und konnten den Nobelcampingplatz endlich wieder verlassen. Das wäre sonst echt ins Geld gegangen. Ein dickes Minus in der Reisekasse ist das letzte, was wir jetzt noch brauchen können. Da nützt uns auch der schönste Stein nichts. Denn auch für den müssen wir erst mal einen Käufer finden, und so lange laufen unsere Kosten wie gewohnt weiter. Der Stein… Ein wirklich schönes Stück. Hell schimmernd, irisierend zwischen milchigweiß und pastellblau, mit einem besonders schönen Schliff. Geradezu lächerlich einfach war es, ihn zu finden, nachdem uns Ellie mit ihrem genervten Jetzt halt doch mal den Rand auf die richtige Spur geführt hat. Ein Mondstein, wie aus einem Traum. Doch was ihn wirklich kostbar macht, ist sein schieres Alter. Und die eingravierten Runen.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Die Vorlage zum 6. Kapitel: suchen Schatz, müssen kompliziertes Rätsel lösen, finden Schatz (muss tragbar sein, z.B. großer Edelstein, geht aber auch anders, muss aber ein Unikat und gut erkennbar sein)..

Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 5

Kapitel 5 : Tretet ein, freut euch, kommt alle

„Das ist doch genau der Enthusiasmus, den ich erwarte“ -Emily Gilmore (Gilmore Girls)-

Nicht die Technik ist das Problem, sondern der Inhalt unseres Blogs. Ich bin schon länger nicht mehr damit zufrieden; und nicht nur, weil die Zahl unserer Follower noch immer nicht größer geworden ist. An den Bildern kann es nicht liegen, dafür hat Feli ein echtes Händchen. Sie will es mir ja nicht glauben: Wenn dir das fotografische Auge fehlt, schießt du auch mit der besten Ausrüstung keine interessanten Fotos. So gesehen, würde es ihre alte Kamera oder sogar ihr Smartphone tun. Es ist das, was ich schreibe. Wenn ich überlege, mit welchem Enthusiasmus (um Jo zu zitieren) wir unser Blog gestartet haben… und was ist daraus geworden? 08/15-Reiseberichte, die ja so austauschbar sind. Wie die mir zum Hals raushängen. Andere Themen müssen her, aber wenn ich nur wüsste, welche…

„Sagt mal, seht ihr das da vorne etwa auch?“

Neun Worte, und unser Streit ist Schnee von gestern. „Das da vorne“ entpuppt sich als eine Burg, besser gesagt als Teil einer Ruine. Wallende Nebel in der Dämmerung: Mich schaudert, und nicht nur, weil es immer kühler wird. Der Turm, vielleicht kaum hundert Meter von uns entfernt, wirkt in dem gruseligen Licht besonders bedrohlich. Mich würde es nicht wundern, wenn es hier nachts spuken würde (obwohl doch jeder weiß, dass es so etwas wie Geister nicht gibt).

„Oh je, das ist ja wie auf den Bildern von Simon Marsden“, wispert Lilly in die plötzliche Stille hinein und bringt mich auf eine Idee.

„Mensch Feli, das ist es“, rufe ich aus und scheuche sie nach vorne, damit sie den Anblick im Bild festhält, bevor der geisterhafte Moment verschwunden ist.

Nur mal angenommen, Feli könnte diese Szene mit ihrer gebrauchten Casio so düster und geheimnisvoll einfangen, dass man automatisch an eine der vielen Infrarotaufnahmen dieses Künstlers denken muss, plötzlich bekämen unsere Blog-Posts einen ganz neuen Charakter. Bilder, wie aus einem Horrorfilm entsprungen, in Kombination mit dem entsprechenden Text und (wenn ich das will) den GPS-Daten des jeweiligen Objekts, für die Statistiker und Zahlenfreaks unter uns. Dass ich da nicht schon viel früher darauf gekommen bin! Vor allem, weil wir hier alle naselang über haufenweise mysteriöses Zeugs stolpern.

Südengland, das Land der Sagen und Mythen, der Feen und Druiden. Stonehenge wäre erst der Anfang davon gewesen.

Die Sache hat nur einen Haken: Obwohl ich gute Gruselgeschichten liebe, glaube ich nicht an Geister, und so ein Angsthase wie Lilly bin ich schon lange nicht. Es grenzt ja schon an ein Wunder, dass sie die Strapazen einer vierwöchigen Reise in ihrem Zustand überhaupt auf sich genommen hat und sogar beim Thema Campen in der Wildnis über ihren Schatten gesprungen ist. Doch bei dem Gedanken, die Nacht mitten im Wald oder gar in dieser Ruine zu verbringen, gehen beinahe die Nerven mit ihr durch.

„Und hier sollen wir übernachten?“

Entsetzen macht sich breit, doch wir haben keine andere Wahl. Mit jedem Schritt, den wir uns dem Turm nähern, knackt es unter unseren Füßen. Doch nicht nur hier, auch ringsum in den Tiefen des Waldes. Wir haben keine Ahnung, was uns erwartet, doch wir haben keine andere Wahl. Burgen und ihre Mauern (oder das, was von ihnen womöglich noch übrig ist) bieten uns wenigstens ein Minimum an Schutz. Mehr jedenfalls, als im Wald auf einer offenen Fläche zu campieren.

Annwn. Annwn. Annwn.

„Was war das?“ zischt mir Finn während unserer Nachtwache zu. Huch?! Verflixt, für einen Moment muss ich weggenickt sein.

Annwn. Annwn. Annwn.

„Da! Schon wieder!“

Och nö, sein Ernst? Um es mal mit seinen Worten zu sagen. Was weiß ich denn, was er gehört hat. Vielleicht eine Eule?

Oh je – ganz falsche Ansage. Bei diesem Thema wird er so klein mit Hut. Ach was? Unserem großen Helden, der bei Ellie um keinen Spruch verlegen ist, geht bei einem harmlosen Vogel die Muffe? Und richtig, kurz darauf sehe ich meine Annahme bestätigt, als etwas lautlos über unseren Köpfen hinweg streift, Finn daraufhin zusammenzuckt und ich gerade noch verhindern kann, dass er aufspringt und kopflos die Flucht ergreift. Zitternd wie Espenlaub sitzt er da wie ein Häufchen Elend, und wir einigen uns darauf, dass er seine Schicht abbricht und er sich zu Jo und Lillys Freund ins Zelt verkriecht.

Zum Glück verläuft der Rest meiner Schicht zusammen mit Flo unkompliziert. Aber man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Oder den Morgen nicht vor Ende der Nacht. Denn das hatte ich bloß gedacht. Von wegen Stille der Natur. Nachtluft trägt Töne weit. Selbst das, was noch ewig weit weg ist, scheint hier hinter jeder Ecke und jedem Busch zu lauern. In der Stadt sind das Rauschen der Autobahn, die Signalhörner an der Bahnstrecke und sich zoffende Katzen das höchste der Gefühle, aber hier… Weiß der Geier, was sich da nachts alles im Wald herumtreibt und gegenseitig die Pfote gibt. Eulen sind da vermutlich noch das kleinste Problem. Die schleichen sich wenigstens nicht von der Seite an und geben dir das Gefühl, permanent belauert zu werden.

Annwn. Annwn. Annwn.

Richtig übel wird’s, wenn auch der Ersatzwachmann anfängt, Gespenster zu hören, anstatt sie bloß zu sehen.

„Hast Du das gehört?“

So langsam frage ich mich, ob ich noch alle Sinne beisammen habe. Nach Finn ist Flo nun schon der Zweite, der in dem  Wispern des Windes Stimmen zu erkennen glaubt. Stimmen, die einander unverständliches Zeug zuflüstern.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Die Vorlage zum 5. Kapitel: gehen in die Burg, übernachten, viele gruselige Geräusche, nicht alle können gut schlafen, fühlen sich beobachtet.

Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 4

Kapitel 4 : Das ist doch genau der Enthusiasmus, den ich erwarte

…Come closer and see
See into the dark
Just follow your eyes…
-The Cure „A forest“-

Vier zu drei, ich gebe mich geschlagen: Was meine liebe Schwester denkt, kann ich ihr an der Nasenspitze ablesen. Das fängt ja gut an – wenn ich sehe, wohin uns diese nervige Dauerdiskussion geführt hat. Schlechte Stimmung zwischen Fiona und mir, das hatten wir noch nie. Vielleicht wäre der Tag anders zu Ende gegangen, wenn der übrigens vollkommen berechtigte Spruch nicht von Ellie, sondern von Fiona gekommen wäre.

Aber so war mir schon von vornherein klar, dass Finn Ellies Einwand, beim Geld würde die Freundschaft aufhören, mit einem genervten Augenrollen abtun würde; und nur, weil er bei ihr nicht landen konnte. Die gleiche Grimasse zog er übrigens auch bei Lillys Gejammer, so hätte sie sich unseren Urlaub nicht vorgestellt. Ja, ja, gemütlich bis an den südlichsten Punkt durch England zuckeln, abends eingehüllt in ihre Kuscheldecke und mit hochgelegten Füßen am Lagerfeuer Tee nippen – und Glastonbury als Gipfel der Aufregung? Wie sagt Ellie so schön: Am Arsch?

Okay, na gut, im sechsten Monat sollen sich Schwangere ohnehin nicht so verausgaben. Und wie ich Flo kenne, wird er schon darauf achten, dass es für seine Liebste nicht zu anstrengend wird. Leider wirkt sich seine Fürsorglichkeit auf seinen Fahrstil aus, denn an diesem sonnigen Frühsommermorgen frisst der Bulli Kilometer um Kilometer wie auf einem Sonntagsausflug, bei dem Oma und Opa genüsslich dahin tuckern und beim Schälen einer Mandarine die sanft gewellte Landschaft bewundern. Mit anderen Worten: Flo könnte ruhig mal einen Zahn zulegen: ist mir doch egal, ob es nicht mehr weit zum nächsten Campingplatz ist. Ich möchte noch was vom Tag haben und nicht erst unser Zelt bei Anbruch der Nacht aufbauen.

„Mensch Flo, jetzt gib doch mal Gas“, reicht es jetzt auch Fiona hinter der nächsten Kuppe, der dieses Geschleiche mittlerweise genauso auf den Zeiger geht wie mir. Ja, ja, der Weg ist das Ziel – auf Jos altkluge Sprüche (nur weil der schon auf die Dreißig zugeht) kann ich heute morgen verzichten. Ach ja, was für ein zauberhafter Morgen. Die Vöglein singen ihr liebliches Lied durch die weit geöffneten Fenster zu uns herein, begleitet von dem Chorgeschrei aus der Spotify-Playlist, die Lilly beigesteuert hat.

… oh-oh, do you believe that you can walk on water…

Oh ja, mit 30 Seconds to Mars kann man nicht nur mich begeistern, sondern auch Lilly. Die vergisst zur Abwechslung mal ihre tausend Wehwehchen und singt begeistert mit. Leider nicht sehr melodisch, also dreht Flo die Musik lauter auf, um von dem Song wenigstens noch halbwegs etwas mitzubekommen, allerdings ohne nennenswerten Erfolg.

… do you believe that you can win this fight tonight…

Gegen Jared Leto ziehen zwar die morgendlichen Vogelstimmen und Lillys schräge Töne den kürzeren, doch gegen das Geröchel des VWs, das bald schon in ein andauerndes Klopfen und Hämmern wie ein Specht beim Nestbau übergeht, ist selbst der Sänger meiner Lieblingsband machtlos. Oh oh oh, das hört sich gar nicht gut an. Bitte, bitte, stirb an einem anderen Tag: Gebannt halten wir die Luft an und beten, dass er nicht vor der Kuppe schlappmacht. Vollbeladen rückwärts eine kilometerlange Landstraße hinabzurollen, wäre der Hyper-GAU.

Drei, zwei, eins, keins…

Kaum haben wir das Hindernis überwunden, stirbt der Motor einen leisen Tod. Keinen Mucks gibt der Bus mehr von sich, und Flo kann jetzt nur noch eines tun: den Bulli von der abschüssigen Straße weg und in den nächsten Feldweg hinein lenken, wo er unter den überhängenden Ästen einer Weide zum stehen kommt. Wiederbelebungsmaßnahmen sind sinnlos, so viel steht fest. Ein kurzer Blick von Flo auf seinen GPS-Tracker genügt, um uns die bittere Wahrheit zu verkünden: Wir sind meilenweit ab vom Schuss.

Sagte ich vorhin noch, bis zum nächsten Campingplatz wäre es nicht mehr weit? Das Dumme mit Entfernungen ist: Sie sind relativ, denn was auf der Karte so nah und wie ein Treffer im Lotto ausgesehen hat – Mensch, gleich zwei Campingplätze, und beide sind nicht ausgebucht. Was sind wir doch für Glückspilze – entpuppt sich als grandioser Irrtum. Der eine Platz befindet sich in der Nähe der A39, der andere dafür weiter östlich und mitten in der Pampa. Und wir sind irgendwo südlich der Isle of Avalon gestrandet. Von der Sehenswürdigkeit, die Google Maps als „Historical Landmark“ bezeichnet und mit einem weißen Turmsymbol auf rotem Grund versehen hat, trennt uns nur ein Wald.

Nur ein Wald? ♪ … oh-oh, do you believe that you can walk on water… ♪ – ach, wie gerne würde ich jetzt auch übers Wasser wandeln können.

Was uns nun bevorsteht, ist ein Fußmarsch, den auch die angebliche Abkürzung durch den Wald nicht besser macht. Eine Abkürzung, die es in sich hat, wie mir mit Erschrecken klar wird, als ich sehe, wie Jo einen Kompass und eine abgenutzte Wanderkarte aus seinem Rucksack zieht. Mir schwant übles, und tatsächlich: Wir stecken in einem Funkloch. Google Maps ist genauso tot wie alle übrigen Handys und unser fahrbarer Untersatz.

„Wenn du noch einmal mit diesem dämlichen Song kommst, trete ich dir in den Arsch“, faucht Ellie Jo an. „Aber so richtig!“

„Na, das ist doch genau der Enthusiasmus, den ich erwarte“, ätzt unser Mann mit der Karte zurück.

Gilmore Girls zitieren? In dieser Situation? Echt jetzt?

Aber was andere können, kann ich schon lange. Von wegen Just keep walking: Ich frage mich ja schon eine ganze Weile, aus welcher Mottenkiste er diese Kamelle gezogen hat. Wahrscheinlich aus der seiner Eltern, bei denen diese Band in den Achtzigern vermutlich ständig rauf und runter gelaufen ist. Was hier aber keiner hören will, auch wenn der von Mister Oberschlau ständig wiederholte Titel zu unserem Gestolpere durch den Wald passt wie die Faust aufs Auge.

„Ja, ja. Oh Mann, Jo. Getretener Quark wird breit. Nicht stark!“ gehe ich mit Unterstützung durch Goethe dazwischen. Deutlich genervt übrigens, weil Ellies Laune nicht als einzige im Keller ist. Ganz ehrlich? Seinen blöden Song kann er sich sonst wohin stecken, denn machen wir uns doch nichts vor: Mit Karte und Kompass muss man halt umgehen können, und in diesem Punkt haben seine angeblichen Survivalkenntnisse kläglich versagt. Ich will ja nichts sagen, aber es wird nicht heller, und in dem diffusen Licht sehen die Baumstümpfe und Büsche einander immer ähnlicher. Da kann man leicht das Gefühl bekommen, dass man an einer bestimmten Gabelung jetzt schon zum dritten Mal vorbeigelaufen ist. Mein Orientierungssinn ist genauso wie Hund wie der von Jo, auch wenn der immer noch nicht zugeben will, dass wir uns trotz „erstklassigem weil analogem Equipment“ schlicht und einfach verlaufen haben.

„Ich kann nicht mehr!“

Lillys Gewimmer und Flos Versuche, seine schluchzende Freundin zu beruhigen, bringen das Fass zum Überlaufen. Zeter und Mordio. Alle gegen alle. Laut und lauter. Könnten zornesrote Gesichter in der Dämmerung glühen, würde man uns von oben doch glatt für tanzende Glühwürmchen halten. Nur dass dies hier absolut kein Freudentanz ist. Schließlich ist es dann ausgerechnet Finn, der die Bombe platzen lässt: „Hey, Leute, stopp. Seid doch mal kurz still!“

Huch, was ist denn nun los?

„Sagt mal, seht ihr das da vorne etwa auch?“

Verblüfft über seine Frage, denn er hat bis jetzt noch keinen brauchbaren Output geliefert, stellt sich tatsächlich der gewünschte Effekt ein und wir folgen seinem ausgestreckten Arm mit unseren Augen: Da wo vorher eine leere und von dichten Brombeersträuchern umsäumte Lichtung zu sehen war, ragt nun aus den über den Boden wallenden Nebeln ein Turm empor. Dabei dürfte es den an dieser Stelle gar nicht geben, falls die Karte in Jos zitternden Händen überhaupt noch stimmt.

Es sei denn, wir sind ganz woanders gelandet. Doch das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Die Vorlage zum 4. Kapitel: Reise beginnt, Gruppe verläuft sich im Wald, finden Burg, wenn es dunkel wird.

Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 3

Kapitel 3 : Am ***** vorbei ist auch ein Weg

Das sind Dinge, von denen ich gar nichts wissen will
Lass mich doch in Ruh‘
Und texte mich nicht zu
Das sind Dinge, von denen ich keine Ahnung haben will

-Die Ärzte „Dinge von denen“-

Was glaubt dieser Finn eigentlich, wer er ist? Denkt der etwa, ich merke nicht, wie er mir die ganze Zeit über auf den Arsch glotzt? Oh Mann. Ich bin vielleicht blond, aber nicht so blöd. Erst dieser Besoffene an der Bar, der mir mit seinem Geblubber fast den letzten Nerv geraubt hat, und dann auch noch Finn. Wirklich, ich hätte bei Lilly und Fiona bleiben sollen. Mit den beiden Canasta zu spielen, wäre trotz alkoholfreier Drinks tausendmal lustiger, als auf Jo zu hören und diesen seltsamen Club zu besuchen.

Aber wenn man vom Teufel spricht: Wo will denn Jo auf einmal hin? Doch nicht etwa dem Idioten von vorhin einen Einlauf verpassen? Ach nee, wenn er das wirklich vorgehabt hätte, wäre er längst auf ihn zugegangen und hätte ihn noch am Tresen in den Senkel gestellt. Oder aber… Bitte kneif mich einer und sag‘ mir, dass es nicht das ist, wonach es aussieht. Kippen? Na, der Vorsatz, mit dem Rauchen aufzuhören, hat ja echt lange gehalten. Drei Wochen, um genau zu sein, hat mir Feli im Vertrauen erzählt: „Besser jetzt als irgendwann, wo doch in England die Zigaretten ein Schweinegeld kosten – seine Worte!“ Ach ja? Er muss ganz schön gefrustet sein, wenn er sich jetzt eine ansteckt und ihm die Wette, die er mit Finn und Marcus am Laufen hat, anscheinend pupsegal ist.

Worum er mit den beiden auch immer gewettet hat, aber so wie Finn die ganze Zeit über grinst, habe ich ein ganz komisches Gefühl dabei. Finn den Sieg überlassen? Am Arsch! Da hilft nur eins: Nix wie raus und Jo hinterher. Vielleicht kann ich ihn gerade noch davon abhalten, etwas völlig Dummes zu tun.

Ich weiß ja nicht, ob es anderen auch so geht, aber von den grell flackernden Stroboskoplichtern noch immer geblendet, kann ich mich in der nachtschwarzen Dunkelheit, die alles aufsaugt wie ein Schwamm, nur schwer orientieren. Dass Jo heute Abend ausgerechnet (bis auf das T-Shirt) komplett in Schwarz unterwegs ist, macht es nicht leichter. Verdammt, wo steckt er bloß! Das Glimmen einer Kippe wäre jetzt nice. Obwohl das ja eigentlich eher suboptimal wäre. Ach was, wenn Finn wegen der Wette seine Klappe aufreißt, stelle ich mich einfach dumm und behaupte das Gegenteil. Wäre doch gelacht, wenn er…

Ach du Sch*** – was zum ***

Noch ehe ich piep sagen kann, zerrt mich jemand in eine Nische, drückt mich gegen die Wand und hält mir den Mund zu. Jo, du Idiot – geht’s noch? schießt es mir durch den Sinn, als ich erkenne, wer mich da aus dem Nichts überfallen hat und der plötzliche Schreck langsam abklingt.

„Sei still und mach, was ich sage“, zischt er mir ins Ohr, „glaub mir – du wirst es mir noch danken. Aber jetzt müssen wir weg von hier, und zwar schnell.“

Wie wir es geschafft haben, die anderen einzusammeln und abzuhauen, ohne dass uns jemand folgt? Keine Ahnung, aber nun sitzen wir im schummrigen Licht der Campingleuchte, bei abgedunkelten Scheiben des Bullis, während Jo endlich mit der Sprache herausrückt, warum wir unseren Clubabend so plötzlich abbrechen mussten.

Natürlich hätte ich es mir denken können, dass es mit dem Betrunkenen aus dem Club zu tun hatte – der übrigens schlagartig nüchtern wurde, nachdem sein Kumpel das Handy zückte und sich mit einem mysteriösen Harry austauschte. Mit dem ist anscheinend nicht zu spaßen. In acht nehmen muss man sich vor dem! Wenn der seine Kontakte spielen lässt, drehen sich woanders ganz viele Räder, und wenn man es schlau anstellt, kommt das ganz große Geld wie von ganz allein. Aber wehe, du machst auch nur den kleinsten Fehler, dann darfst du dich warm anziehen.

„Also, Leute, wenn ich es richtig mitbekommen habe, dann muss diese Burg oder Ruine hier irgendwo in der Nähe sein“, kommt Jo so langsam zum Ende. „Es war wohl doch nicht alles Blech, was dieser Jeff daher gefaselt hat, und der Stein, mit dem er geprahlt hat, existiert anscheinend wirklich.“

Der Stein? Ist zwar nur ein Mondstein, doch der muss ein ganz edles Juwel sein.

„Nur ein Mondstein? Wenn ich diesen Connor richtig verstanden habe“, spinnt Jo seinen Gedanken fort, „ist dieses Juwel so alt und so außergewöhnlich geschliffen, dass es seinem Besitzer einen Haufen Kohle einbringt.“

Oh ja: jede Menge Kohle, aber auch mindestens genauso viel Ärger. Dieser Meinung ist auch Lilly, die sich auf vier entspannte Wochen gefreut hat, abgesehen von den paar Tagen Ausnahmezustand beim Glastonbury Festival.

Leider hat das Universum beschlossen, den Ausnahmezustand jetzt schon auszurufen. Die leuchtenden Pfundzeichen in Finns, Felis und Flos Augen sprechen eine deutliche Sprache.

„Was man sich von dem Geld alles kaufen kann, endlich eine bessere Kamera…“

„… oder damit später sein Bafög zurückzahlen…“ Jo ist da ganz pragmatisch

„… oder endlich einen eigenen Laden aufmachen.“ Ein eigener Laden, Florians Traum.

Über das, was er mit dem vielen Geld anstellen würde, schweigt Finn sich aus, angelt sich aber schon mal den Laptop unserer Reisebloggerinnen, um sich mit geeignetem Kartenmaterial der Umgebung vertraut zu machen.

Schon morgen soll die große Suche starten, und je mehr sie sich für ihren Plan begeistern, desto größer werden Lillys und meine Bedenken. Schon allein, weil Fiona zum ersten Mal nicht in die Euphorie ihrer Zwillingsschwester mit einstimmt und genau wie Lilly und ich zu der Überzeugung gelangt, dass das Ergebnis unserer Abstimmung am Ende nicht gerade zur besten Idee seit Beginn unserer Reise geführt hat.

Vier zu drei? Mögen die Spiele beginnen.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Die Vorlage zum 3. Kapitel: Diskussion über Schatzsuche in der Gruppe, dann Planung etc.

Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 2

Kapitel 2 : Dinge von denen

It’s just a jump to the left
And then a step to the right
Put your hands on your hips
You bring your knees in tight

-Richard O’Brien „The Time Warp“ (The Rocky Horror Show)-

… I just want to slide away and come alive again…

Mit dröhnenden Bässen werden wir beim Betreten des Clubs empfangen. Club Merlin presents: The Time Warp.

Ich hätte ja alles erwartet: eine dröge Hippie- oder New-Age-Veranstaltung, passend zu dem Festival. Aber das hier? Hätte ich mal bloß den Flyer gründlicher studiert. Dann wäre mir nämlich aufgegangen, dass DJ Lance & DJane Gwen Meister ihres Fachs sind, was mir ganz schnell klar wird, als ich beobachte, wie die beiden da oben Gas geben. Aber jetzt mal von vorne: Wer kommt bitte auf die Idee, Songs von gestern und vorgestern, die noch nicht mal was miteinander zu tun haben, mit dem Sound der Zukunft zu verschmelzen? Was für eine Mischung aus pulsierenden Beats, elektrisierenden Rhythmen, treibenden Bässen und flächig-wabernden Synthesizerklängen! O Gott, jetzt höre ich mich schon selbst an wie einer dieser Marketingfuzzis, denen wir so ein irreführendes Geschwurbel verdanken.

Irreführend?

Mag sein, aber als sich „die Stimme der Vernunft“, wie mich Feli seit der Fahrt durch Frankreich nennt, durchgesetzt hat, wollte ich doch einfach nur zur Besserung der Stimmung beitragen. Wer achtet auch schon auf Details, wenn man einfach nur die Nacht durchtanzen will? Vorglühen hat Feli dieses „Warm-Up“ fürs große Festival genannt, zu dem mich Marcus mehr oder weniger überredet hat. Die Nanny für seine Freunde zu spielen, fand ich schon damals nicht prickelnd, als er mit der Idee ankam. Die fünf Jahre, die mich von meinem kleinen Bruder und seiner Clique trennen, waren in genau diesem Moment deutlich zu spüren. Ein anderer hätte die Karte an den Meistbietenden verkauft, nicht aber Marcus.

„Die Karten haben ein Schweinegeld gekostet, und du bist der einzige, der Zeit hat…“

Klar. Und deswegen fahren wir mit, obwohl wir im sechsten Monat schwanger sind und fangen gar nicht erst an, nach einem weiteren Ersatzspieler zu suchen. Muss Liebe schön sein. Also hat Flo beschlossen, das Risiko einzugehen und mit seiner Lilly im Bulli zu nächtigen und den Rest von uns auf zwei Zelte zu verteilen.

„Schau Dir doch lieber mal die Liste an“, hat er dann so lange weiter gebohrt, bis er mich hatte. Plötzlich war die Idee dann doch nicht mehr so übel.

Hey, die Aussicht, Legenden wie Nightmares on Wax oder die Stimme von Moloko endlich mal live erleben zu dürfen, ließ mein Electroherz höher schlagen. Bei Roisin Murphy bekomme ich Sternchen in den Augen. Das kann Finn zwar nicht nachvollziehen, hält sich aber glücklicherweise mit Kommentaren zurück. Vielleicht, weil er genau weiß, wie genervt ich inzwischen davon bin, dass er schnarcht wie ein Bär. Halleluja. Notiz an mich selbst: Bei der nächsten Gelegenheit ein eigenes Zelt kaufen, doch dann kommen am Ende noch unsere beiden Unzertrennlichen wegen ihrer Mitbewohnerin auf dieselbe Idee, und dann dürfte es im Bulli eng werden.

♪ … Give up yourself unto the moment… The time is now… Give up yourself unto the moment… Let’s make this moment last…♪

Die Zeit ist jetzt? Roisin Murphy! Wenn man vom Teufel spricht… Aber wo sind auf einmal bloß alle hin?

Feli ist irgendwo in der Menge verschwunden, weil sie gerade irgendwas von 30 Seconds to Mars durch den Mixer jagen, und Ellies blonden Schopf mit den pinken und türkisen Strähnen sehe ich in der Nähe des Tresens. Finn und Flo haben es sich in einer der Sitzecken gemütlich gemacht und sie anscheinend zum Getränkeholen losgeschickt. Jetzt warten sie darauf, dass sie mit einem vollen Tablett zurückkehrt. Gut, dass sich die Menge in überschaubaren Grenzen hält, da Lilly gar nicht erst mitgekommen ist und Fiona ihr Gesellschaft leistet. Unzertrennlich unterwegs? Wie auch Feli gestern schon, musste sie mir kurz und knapp unbedingt verklickern, dass sie und ihr Zwilling nicht 24/7 zusammenkleben müssen. Von wegen Feliona – heute Abend sind sie Feli und Fiona, oder hätte ich lieber auf den Spaß verzichten und auf unsere Schwangere aufpassen wollen?

Spaß? Allmählich beginne ich mich zu fragen, wo der Spaß bei manchen anfängt und bei anderen aufhört. Der Gruppe Mittdreißigerinnen, die ihren Junggesellinnenabschied feiert und jedem Vorbeikommenden seltsame Spielchen aufnötigt, geht es jedenfalls blendend. Obwohl es die meisten hier wie ich halten und einen großen Bogen um diese Hühner machen, erwischt es leider doch den ein oder anderen armen Tropf. In solchen Fällen helfen nur noch eine gewisse Portion Humor und die Devise „Augen zu und durch“

He’s on God’s Top Ten where Heaven never ends…

O Gott, ein Bier, und zwar schnell, bevor’s noch peinlich wird. Keine Ahnung, wessen Idee es war, diesen in der Versenkung verschwundenen Song wieder ans Tages- äh, künstliche Mondlicht zu zerren, aber ich fürchte, wenn diese musikalische Flaute anhält, wird nichts aus unserem Plan, Ellie aus ihrem Tief zu holen.

Die steht noch immer an der Bar und wartet auf ihre Bestellung. Da, endlich, der Barkeeper hat sie wahrgenommen und zapft, was das Zeug hält. Drei Guinness. Groß und extra kalt. Wahrgenommen hat sie leider auch jemand anderes.

Ein Kerl mit Schlangentattoo auf dem linken Unterarm ist jetzt schon ein paarmal durch mein Sichtfeld gelaufen und hat eine nach der anderen angequatscht, um sie zuzutexten, womit auch immer. Blondinen bevorzugt? Jedes Mal der gleiche Typ Frau, jedes Mal die gleiche Abfuhr. Jede Abfuhr zieht den unvermeidlichen Drink nach sich und den nächsten schrägen Anmachspruch, immer ein Stückchen länger als der davor. In Verbindung mit einer immer finsterer werdenden Visage eine eher suboptimale Kombination.

I’m bullet proof, nothing to lose, fire away, fire away…

Hoffentlich gerät Ellie nicht genau in seine Schusslinie, durchfährt es mich siedend heiß, doch da kreuzt sie mit dem vollen Tablett auch schon seinen Weg. Höchste Zeit einzugreifen. Das habe ich aber auch bloß gedacht. Ein Zwei-Meter-Schrank auf zwei Beinen schiebt sich dazwischen und verdeckt die Sicht auf den schon lange nicht mehr nüchternen Typen, während Ellie die Gläser vor Finn und Flo abstellt. Jetzt noch hinsetzen, und der Abend kann nur noch besser werden? Leider Fehlanzeige, denn Finn scheint es für eine gute Idee zu halten, Ellie erneut auf den Weg zum  Tresen zu schicken. Bier reicht wohl nicht? Shots müssen her?

Idiot!

Dafür, dass er offenbar auf sie steht, fährt er bei ihr damit gerade keine clevere Taktik. Herr, lass Hirn regnen! Dieses Hin und Her von seiner Seite lässt jegliches Feingefühl für die soeben noch brenzlige Situation vermissen. Sonst hätte er sich selbst darum gekümmert, der faule Hund. Und alles nur, weil er den Anblick ihrer Kehrseite genießen will? Das kann er vergessen.

I’m talking loud, not saying much…

Ja, ja, von wegen laut reden und nichts sagen. Ich bekomme gerade noch mit, wie der Typ sich neben Ellie an den Tresen klemmt und gebetsmühlenartig eine Litanei vom allerfeinsten auf sie loslässt (wobei letzteres eher ironisch gemeint ist). Ellies genervtes Augenrollen bei Dingen, von denen sie nichts wissen möchte, scheint er nicht zu bemerken. Vielleicht will er es auch gar nicht bemerken und ignoriert absichtlich ihren Gesichtsausdruck im Sinne von „Behalt den Kram für dich, es interessiert mich nicht“. Die Ärzte hätten ihre helle Freude an ihr gehabt.

Dafür bin ich jetzt umso wacher und versuche, den Inhalt seines abgehackten und sich gleichzeitig sehr in die Länge ziehenden Gelalles in verständliche Happen zu zerlegen. Worte aus einem andauernden Schwall sinnlosen Gewäschs herausfiltern? Kann ich.

Immer ich… Drecksarbeit machen… das Lachen schon noch vergehen…

Hoppla. Das klingt aber ganz und gar nicht nach der üblichen Anmache. So glasig, wie seine Augen inzwischen sind, frage ich mich, ob er überhaupt noch wahrnimmt, auf wen er hier die ganze Zeit über einredet.

… dann kaufe ich den ganzen Laden mit dem, was der Stein wert ist. Und ihr guckt so richtig blöd aus der Wäsche. Dann ist es vorbei mit ‚Jeff mach dies, Jeff mach das, Jeff‘ …

Ich hoffe, Ellie rechtzeitig von diesem Jeff absondern zu können, bevor er die Endlosschleife vollenden und mit der aus dem Ruder laufenden Story von einem mysteriösen Stein und einer noch mysteriöseren Ruine in die vierte oder fünfte Runde gehen kann.

The time is now?

Bevor ich mich unauffällig dazwischen stellen kann, naht das Unheil für Jeff in Form eines bulligen Typen, ganz in schwarz und mehr breit als hoch. Anscheinend kennt man sich. Doch Wiedersehensfreude sieht anders aus.

Das ist die Gelegenheit, Ellie von hier fort zu lotsen, und der Moment, mich über den gelungenen Abgang zu freuen. Doch irgendetwas sagt mir, es wäre klüger, unter einem Vorwand an der Bar stehen zu bleiben. Dazu wäre nicht einmal ein Vorwand nötig, denn bei dem Geräuschpegel können sich Jeff und sein mehr als nur verärgerter Bekannter in vermeintlicher Sicherheit wähnen, dass man sie nicht belauscht.

Doch da haben sie die Rechnung ohne mich und mein ausgezeichnetes Gehör gemacht.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Die Vorlage zum 2. Kapitel: ein Mädchen wird in der Disco von betrunkenem Typen angesprochen, der von einem Schatz in einer alten Burg erzählt (lang, mit Wiederholungen und sehr ausführlich).

Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 1

Kapitel 1 : Blog Post # 665

„Give me a festival and I’ll be your Glastonbury star
The lights are shining everyone knows who you are
Singing songs about dreams about hopes about schemes
Ooooh, they just came true“
-Amy MacDonald „Let’s start a band“-

Hey Guys… let’s go. Diesmal mit einem kurzen Lebenszeichen, bevor’s richtig losgeht. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie aufgeregt wir sind. Stonehenge, Dartmoor, Cornwall, Glastonbury. Vier Wochen Freiheit und Abenteuer. Zu siebt im Bulli – und dann das Highlight: Glastonbury Festival! Das wird ganz groß, Leute! Die Stimmung könnte nicht besser sein…

„Nicht euer Ernst“, platzt Finn so plötzlich ins Zelt, dass Fiona vor Schreck beinahe ihr Laptop fallen lässt. „Draußen ist das schönste Wetter, und ihr hängt hier drinnen ab? Genug gedaddelt jetzt!“

Klappe, sonst Beule!

Mein Schwesterherz sichert ihr Status-Update auf unserem Blog und klappt das Gerät zu, dann zeigt sie dem Kumpel von Jo den Stinkefinger, steht dann aber augenverdrehend auf und krabbelt aus dem Zelt. Bei aller Liebe, aber manchmal bin ich froh, fünf Minuten für mich alleine zu haben. Unzertrennlich unterwegs? Es heißt zwar, Zwillinge hält ein unsichtbares Band zusammen wie Pech und Schwefel, aber deswegen müssen wir noch lange nicht rund um die Uhr zusammenkleben, auch wenn der Untertitel unseres Blogs was anderes sagt. Gespannt, was Fiona geschrieben hat, klappe ich den Laptop wieder auf und falle fast von der Luftmatratze. Die Stimmung könnte nicht besser sein? In Wahrheit ist sie schon jetzt im Keller.

Kein Wunder, wenn es nach fast sechs Stunden Fahrt auf der Fähre nicht wirklich voran geht und Flo von den vielen Staus genervt ist. Aber wir mussten ja unbedingt die Nachtfähre nehmen und mitten in der Rush Hour auf der M27 landen. Dazu Lillys ständiges Gejammer, sie müsste ganz dringend. Auf dem Motorway waren wenigstens noch Raststätten. Jetzt hocken wir hier mitten in der Pampa, irgendwo zwischen Ringwood und Stonehenge.

„Downtown! Yay… komm, lass uns hier ‘nen Platz zum Campen suchen.“ Was Finn eigentlich als Witz gemeint hatte, weil sich ja angeblich Fotos von diesem Kaff auf unserem Reiseblog so wahnsinnig toll machen würden, kam bei dem Rest der Truppe so gut an, dass sie spontan bei einem Farmer anklopften, der uns ein Eckchen für die Nacht überlassen hat. Zelten für eine Nacht, bevor es morgen früh weitergeht – nach Stonehenge… so habe ich mir das nicht vorgestellt.

Die Krönung aber ist Ellie mit ihrer miesen Laune. Ein Traum! Dabei hat alles so schön angefangen, mit Karten für DAS Festival zum Abi, als Geschenk von unseren Eltern für uns sieben: Fiona und ich, unser glückliches Pärchen Flo und Lilly (im Moment nicht ganz so glücklich), Ellie, und schließlich Marcus und sein Kumpel Finn. Schon vor zwei Jahren wollten wir los – wir sieben gegen den Rest der  Welt. Ha ha – das blöde Sch***-Corona hat dabei keiner von uns auf dem Schirm gehabt.

Als dann für dieses Jahr das grüne Licht vom Veranstalter kam, gab es kein Halten mehr. Und dann noch das Line-Up! Ellie hatte sich vor Freude gar nicht mehr eingekriegt, hatte laut „Billie Eilish“ gejubelt und die Sektkorken knallen lassen. Jetzt noch ein Meet & Greet, und alles war gut. Hatte sie aber auch nur gedacht. Endlich sieht sie ihre Chance gekommen, Marcus näherzukommen, für den sie schon so lange schwärmt – und dann dieser Unfall: Man sollte sich halt nicht mit einem besonders riskanten Move in die Halfpipe stürzen, wenn man sein Skateboard nicht voll im Griff hat.

„Klugscheißer“, hatte der für Wochen ausgeknockte Marcus gebrummt und das Ticket seinem älteren Bruder Jo überlassen. Nur zu verständlich bei dem, was der Spaß gekostet hatte. Eine echte Win-Win-Situation für die beiden Jungs, doch leider nicht für Ellie.

„O Shit“, hatte Fiona geseufzt, „vier Wochen Regenwetter – das kann ja heiter werden.“

Fiona…  war da nicht was?  überlege ich und lege den Laptop weg. Bilder bearbeiten und hochladen kann ich morgen immer noch. So verführerisch, wie es nach Kaffee duftet, hocken die anderen bestimmt schon alle zusammen und versuchen, sich in der Sonne zu entspannen. Als ich  mich dem Bus nähere, kommt mir Jo entgegen. „Die reden sich die Köpfe heiß. Läuft ja heute mal wieder wie geschnitten Brot.“

Lass mich raten: Ellie! Wahrscheinlich versucht Finn wieder mal, sie aufzumuntern, mit einem Besuch von Stonehenge zum Beispiel.

„Stonehenge… wie romantisch!“ höre ich sie auch schon mosern, mit einem Flunsch von hier bis sonstwohin.

Bingo! Ich hätte es wissen müssen. Mit seinem Vorschlag stößt Finn bei ihr auf taube Ohren. Dabei war der Steinkreis sogar ihre eigene Idee. „Echt jetzt? Vor dem Eingang stapeln sich die Busse, an der Kasse drängen sich die Leute und im Hintergrund rauscht der Verkehr übern Highway.“

Auf dem Highway ist die Hölle los? Man kann’s auch übertreiben. Obwohl Ellie ja eigentlich Recht hat: Abgesehen von dem horrenden Eintrittspreis, sieht man auf den vielen „mystisch“ angehauchten Bildern nie, was tatsächlich Sache ist: Die A303, die direkt daran vorbeiführt. Wirklich… total mystisch. Dabei weiß doch jeder, dass die Steine nur deshalb genau so dastehen, weil einer sie im letzten Jahrhundert festzementiert hat. Also nix mit „Druiden brachten sie hierher und stellten sie nach einem geheimnisvollen Plan im Kreis auf“.

Als ich mein Wissen ungefragt breit trete, rollt die Hälfte meiner Freunde mit den Augen –  „O Mann, Feli – Du und Deine Weisheiten vom letzten Diavortrag“ –  und ich ahne es bereits: Meine Idee, statt dessen in das vierundzwanzig Meilen weiter nördlich gelegene Avebury zu fahren, kommt gar nicht gut an.

„Aber warum nicht? Da ist wenigstens der Eintritt frei, und du kannst die Steine sogar anfassen.“

Die Woge der Begeisterung, ich spüre sie schon – den Strand verlassen. Auf den „Riesenumweg“ hat keiner Bock. Und nun?

Es ist schließlich Jo, der mit einem Flyer in der Hand zurückkommt. Werbung für irgendeinen Club in der Nähe von Glastonbury. Club Merlin presents: The Time Warp. Na, wenn das nichts ist. Einfach mal wieder die Nacht durchtanzen, als Vorglühen fürs große Festival sozusagen. Wenn Ellie da nicht auf andere Gedanken kommt, dann weiß ich auch nicht weiter. Aber es scheint, als hätte sich zur Abwechslung endlich mal die Stimme der Vernunft durchgesetzt.

Noch eine Nacht in Downton, und dann heißt es: Ab nach Glastonbury und nix wie hin. Club Merlin – die kommende Nacht wird unvergesslich.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Die Vorlage zum 1. Kapitel: befreundete Gruppe von Jugendlichen (mind. 5, max. 9 Leute) plant einen Discobesuch und geht hin. In der Gruppe: mind. 1 Pärchen, 1 Person der/die heimlich in ein anderes Gruppenmitglied verknallt ist, Zwillinge, Rest ist frei.