# Writing Friday 2020 – Juli, 28. Woche : Die blaue Tür

 

Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass es diesen Monat beim #Writing Friday auf dem Blog von elizzy – nur schwierige Themen für mich gibt. Zeitreisegeschichten mag ich ja ganz besonders, aber „altes Ägypten“? Da bleibe ich doch vorerst lieber bei reiner Fantasy mit Narnia-Feeling… denn die zweite Aufgabe lautet:

Emma ist gerade in ein neues Haus gezogen, als sie dort den Wandschrank öffnet weht ihr ein kühler Wind entgegen, sie tritt hindurch und ist in einer anderen Welt… (Erzähle die Geschichte weiter)

Welche Welt könnte das wohl sein? Höchstwahrscheinlich keine reale…

 

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Die blaue Tür

Was für ein Schock: nach übermäßigem Gin-Tonic-Genuss in meinem neuen Ferienhäuschen aufzuwachen, ins Freie zu treten und sich in Dorset, England, im Mai des Jahres 1941 wiederzufinden. Muss ich noch betonen, dass das Ferienhäuschen verschwunden ist, als ich mich umdrehe, um mich zu vergewissern, dass dies kein Traum ist?

Wer sich in Geschichte auskennt, weiß, dass sich zu diesem Zeitpunkt das Deutsche Reich mit der halben Welt im Krieg befunden hat, England eingeschlossen. Was für ein Witz! Und ein schlechter noch dazu, denn was ich für einen Traum gehalten habe, nämlich mitten in einem meiner Lieblingsromane aufzuwachen, fühlt sich verdammt echt an – willkommen in meinem höchstpersönlichen, Wirklichkeit gewordenen Alptraum.

Ausgeschlossen, dass ich hier auch nur einen Menschen nach dem Weg fragen darf, denn sobald ich den Mund aufmache, wird man erkennen, dass ich nicht von hier bin. Da hilft es mir auch nicht, dass ich keine Papiere bei mir habe. Wenn ich jedoch genauer darüber nachdenke, kann ich froh sein, dass ich sie zu Hause gelassen habe, eine Plastikkarte aus dem Jahr 2015 würde im Jahr 1941 nur unbequeme Fragen aufwerfen. Am besten gehe ich nicht nur auf Abstand, sondern verstecke mich ganz. Fürs erste bin ich hinter meiner Hecke auf dem Boden sicher, aber man kann nie wissen, wann der nächste Traktor übers freie Feld gefahren kommt. Außerdem muss ich auch irgendwann etwas essen. Denk nach, Emma, versuche ich, mich zusammenzureißen, verschaff Dir einen Überblick und lege Dir für den Notfall einen Plan B zurecht. Die Sache hat nur einen Haken: Für einen Plan B müsste ein Plan A existieren, und genau den habe ich nicht. Dafür aber die freie Sicht an der sich schier endlosen Hecke.

Kleiner Irrtum: Die natürlich gewachsene und von Farmern in Form gebrachte Grenze zwischen Straßen und Ackerland erstreckt sich vielleicht höchstens 500 Meter, dann kommt ein Wäldchen in Sicht, und davor ein Farmhaus, nicht größer als eine Kate. Wenn ich nicht falsch liege, dann dürfte sich jetzt niemand darin aufhalten. Das Leben eines Farmers spielt sich zwischen Sonnenauf- und -untergang vorwiegend im Freien ab, und wenn ich Glück habe, ist die Frau des Hauses mit anderen Dingen beschäftigt als der Zubereitung des Mittagessens. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt – nur dass es bei mir nicht ums Gewinnen geht, sondern um die Wurst; das Verbergen meiner wahren Identität, denn wenn die rauskommt, bin ich geliefert. Aber ich wiederhole mich.

Nachdem sich die paar hundert Meter ewig in die Länge gezogen haben, bin ich tatsächlich am Ziel und blicke mich um: Ich stehe inmitten eines großen Raums, in dem gekocht, gegessen und geschlafen wird. A propos gegessen: So langsam meldet sich mein Magen, doch bevor ich mit meiner Suche nach der Speisekammer beginnen kann, höre ich von draußen Schritte näherkommen. Hektisch blicke ich mich nach einem Versteck um. Ich würde mich gerne unter eines der Betten schieben, doch das kann ich vergessen; in die Wände eingelassen, sind diese Alkoven genau so massiv wie der blaue Schrank, der mitten im Raum steht. Wo ist der denn so plötzlich hergekommen? Viel Zeit mich über seine Existenz und seine Farbe zu wundern, bleibt mir nicht. Mit drei Schritten bin ich bei dem Möbelstück, und zwänge mich in die Dunkelheit, bevor ich die Tür beinahe lautlos hinter mir zuziehe, keine Minute zu früh. Jemand hat die Kate betreten, und ich bin entkommen… fragt sich nur wohin. Eigentlich müssten hier jetzt Kleider, Schuhe und eventuell noch irgendwelcher Krimskrams sein. Statt dessen umfängt mich kalte Zugluft, und am anderen Ende des leeren Raums, in dem ein rötliches Zwielicht herrscht, bewegt sich etwas. Seltsame Geräusche kommen von dort. Kann mein Alptraum noch schlimmer werden? Ein normaler Schrank ist das nicht – denn der hätte nicht solche gewaltigen Ausmaße. Von innen größer als von außen… das darf doch nicht wahr sein!

Aber alles Kneifen ändert nichts an der Tatsache, dass ich nach mehreren Metern vor einer Konsole stehe, die diese Geräuschorgie produziert; es ändert auch nichts daran, dass ich nicht mehr alleine an diesem surrealen Ort. Zwischen zwei dumpfen Glockenschlägen spricht eine Stimme zu mir: „Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Trust me – I’m a doctor.“

(Fortsetzung folgt)

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

 

Ich musste etwas tricksen und räumliche Distanz zwischen das Häuschen und den Schrank legen, damit die Fortsetzung zu Landmädchen, Du bist bekloppt aus dem Juni hinhaut und ich einen Ausgangspunkt für einen halbwegs vernünftigen Abschluss habe.

Die Schreibthemen im Juli lauten: 1) Du gerätst über eine Zeitmaschine ins alte Ägypten, erzähle von diesem Abenteuer. +++ 2) Emma ist gerade in ein neues Haus gezogen, als sie dort den Wandschrank öffnet weht ihr ein kühler Wind entgegen, sie tritt hindurch und ist in einer anderen Welt… (Erzähle die Geschichte weiter) +++ 3) Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Hund, Badeanzug, rosarot, gehüpft, Eiscreme. +++ 4) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz “Kurt war zum Mörder geboren, könnte man meinen, wenn da nicht…” beginnt. +++ 5) Berichte aus dem Alltag von Simon – ein kleiner bunter Spatz, mit Pilotenbrille und einem mutigen und grossen Herzen.

Und hier sind die Regeln dazu: Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte/ein Gedicht/ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.

# Writing Friday 2020 – Juli, 27. Woche : Als der Regen kam – Kapitel 5

 

Es ist Juli, und es winken fünf neue Schreibthemen – für fünf Freitage – beim #Writing Friday auf dem Blog von elizzy – das Sauwetter im Juni war Inspiration für eine Fortsetzungsgeschichte mit dem Titel „Als der Regen kam“. Hier geht es nun weiter mit der Forsetzung:

Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Hund, Badeanzug, rosarot, gehüpft, Eiscreme

Ein Wochenende mit Hindernissen, und das Drama eskaliert, bevor nächste Woche endgültig der Countdown eingeläutet wird…

 

 

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

05 – Music for the masses

Der Regen fiel in Strömen auf sie herab, nun hatten sie den unangenehmen Teil vor sich.

Kein guter Tag für einen Einsatz, dachte Britta Selzer, als ihr Kollege Jan Ritter den Schlüssel im Zündschloss des Streifenwagens umdrehte. Sie hätte jetzt gemütlich im Badeanzug entspannen können – in einem Liegestuhl im Sunny Island, und mit einem kühlen Drink in der Hand. Statt dessen hatte man sie zu einer Extraschicht mit Jan verdonnert. Britta schüttelte sich.

Bei so einem Wetter jagte man doch keinen Hund vor die Tür: Wie eine Wand stand das Wasser in der Luft, man konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Gutes Sehen war ohnehin überbewertet, wir fahren nach Gehör – Sarkasmus bestimmte ihre Gedanken, als sie sich dem Einsatzort näherten.

Man musste schon schwerhörig sein, um die wummernden Bässe nicht wahrzunehmen, die ihnen aus der Schlange vor ihnen entgegen schallten. Wagen an Wagen reihte sich auf zwei Kilometern Länge die Ausfallstraße zum See entlang. Was die hier bloß alle wollten? Eine Demo schien das nicht zu sein, von einer Anmeldung hätten Britta Selzer und ihr Kollege sicher rechtzeitig etwas mitbekommen, und auch von anderen Veranstaltungen im näheren Umkreis wusste sie nichts. Da sich die Schlange keinen Millimeter vorwärts bewegte und dies auch in nächster Zeit nicht tun würde, wusste Jan Ritter genau, was zu tun war, auch wenn es unangenehm werden würde.

Sie konnten nur hoffen, dass der Regen bald nachließ. Sicherheitshalber griff Britta Selzer schon mal nach hinten und streckte ihre Finger nach der Regenbekleidung aus, die sie für alle Fälle dort gestern Abend schon deponiert hatte. Auf Streife konnte es manchmal ungemütlich werden.

Während Jan Ritter das Fahrzeug am Straßenrand hinter dem letzten Fahrzeug der Schlange gemächlich ausrollen ließ und die Warnblinkanlage einschaltete, schlüpfte Britta Selzer in ihre Regenjacke und schnappte sich ihre Mütze. Rein optisch war sie als Polizeibeamtin in dieser Montur nicht auszumachen, worüber sie froh war, denn sie zog es vor, möglichst unauffällig erst einmal die Lage zu sondieren. Alle schienen dasselbe Ziel zu haben, und den Kennzeichen nach zu urteilen, waren die wenigsten von hier. Das kam ihr verdächtig vor. Aus dem Augenwinkel bot sich ihr bei den meisten der Wartenden das gleiche Bild: Die Personen auf den Beifahrersitzen scrollten sich angeregt durch Facebook. Nach sieben weiteren Fahrzeugen war für sie die Lage klar – alle hatten dasselbe Ziel, und der Schlüssel dazu war Facebook.

Das wird die Party des Jahres! Coole Drinks, hübsche Girls und fette Beats! Überall der gleiche Spruch, soweit Britta erkennen konnte. Und wenn schon zehn, elf, zwölf Fahrzeuge zu dieser Party unterwegs waren, so waren es die übrigen in dieser kilometerlangen Schlange ebenfalls. Mit einem Mal kam ihr wieder die Hamburger Schülerin in den Sinn, die ihre Freunde über Facebook zu ihrer Geburtstagsparty hatte einladen wollen, und die Einladung aus Versehen öffentlich ausgesprochen hatte. Statt Eiscreme in rosarot hatte es einen Polizeieinsatz gegeben. Für Britta bestand kein Zweifel, dass hier gerade etwas ähnliches passiert war. Mit einem einzigen Streifenwagen, darin war sie sich mit Jan einig, würden sie hier nicht viel ausrichten können. Während Jan mit der Fahrzeugkontrolle begann, forderte Britta Verstärkung an. Es dauerte nicht lange, bis die Kollegen ausrückten.

Wir nehmen sie in die Zange und zerlegen die Masse in kleine Häppchen. Dank Davids „genialem“ Einfall, die Kühlung bis an den Gefrierpunkt herunterzufahren, damit der Wodka schneller kalt wurde, bildete das Grillgut einen einzigen Klumpen. Den aufzutauen, würde eine Weile dauern. Aber wegen der Wassermassen hatte sich das Thema ohnehin vorerst erledigt. Wenn Alex und Lucy schlau waren, dachte Laura, hatten sie sich irgendwo untergestellt. Ihre Gedanken behielt sie lieber für sich, denn bei Tom würde sie damit nur in ein Wespennest stechen, so geladen, wie der inzwischen war. Was nicht nur an dem Besäufnis seiner Kumpel lag, sondern auch an dem ins Wasser gefallenen Barbecue. Mit Andy, das spürte sie instinktiv, würde ihr Herzblatt früher oder später noch ein Hühnchen rupfen; jemanden einzuladen, den er kaum kannte.

Wir nehmen sie in die Zange und zerlegen die Masse in kleine Häppchen. Partywütiges Volk konnte rabiat werden, da durfte man beim Einsatz nicht zimperlich sein. Das Feld von hinten aufrollen, damit es nicht zu Wendemanövern mit kostspieligen Folgen kam, und die Meute zerstreuen… mit dieser Vorgehensweise hatten sie bisher kaum falsch gelegen, aber da war die jeweilige Menschenmenge um einiges überschaubarer gewesen. Hier halfen gute Worte nur bedingt, und wer wusste schon, wie groß die Anzahl derer war, die sich einsichtig genug zeigten, dass sie erkannten, wie blödsinnig die Idee gewesen war, zu einer Party bei Unbekannten aufzubrechen? Hier war ein Großeinsatz fällig, in deren Verlauf es nicht beim Aufnehmen der Personalien bei den ganz Hartnäckigen bleiben würde. Nach und nach erstarben die Beats aus den Lautsprechern und wurde hier und da von unwilligem Stimmengewirr verdrängt. In Britta Selzers Funkgerät knackte es, als sie und Jan Ritter nach vorne gerufen wurden. Man hatte den Verursacher dieses Ansturms endlich ausfindig gemacht.

Jemanden einzuladen, den man kaum kennt? Facebook macht’s möglich, oder besser gesagt: Wenn man einen im Tee hat und nicht mehr zwischen privat und öffentlich unterscheiden kann, darf man sich nicht wundern, wenn nicht nur die zehn besten Freunde samt Freundinnen anrückten, sondern Hunderte, auch von weiter her. Dumm ist es nur dann, wenn das Facebook-Account außer Rand und Band gerät, man das Gerät, auf dem man noch sternhagelvoll herumgedaddelt hat ausschaltet und das Bombardement zu unüberschaubarer Menge aufgelaufener Nachrichten ungelesen verhallt. Das wird die Party des Jahres! Coole Drinks, hübsche Girls und fette Beats! Vor allem die Beats… Das war doch niemals Andys Soundanlage, die da draußen aus dem Toyota wummerte. Vor Schreck wäre ihr um ein Haar das Messer aus der Hand gehüpft.

Irritiert warf Laura einen Blick aus dem Fenster und blieb fassungslos und mit offenem Mund wie angewurzelt stehen, als sie erkannte, was das Chaos am See zu bedeuten hatte. Wir nehmen sie in die Zange und zerlegen die Masse in kleine Häppchen? Wohl kaum, wurde ihr schlagartig klar, denn sie waren kurz davor, überrollt zu werden. Um Himmels Willen, tut doch etwas. Hoffentlich war es dazu noch nicht zu spät.

(Fortsetzung folgt)

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Ende gut, alles gut? Die ersten vier Kapitel dieser Geschichte behandeln das Schreibthema „Schreibe eine Geschichte mit dem Anfang Der Regen fiel in Strömen auf sie herab, nun …“ aus dem Juni – im Juli habe ich mich dem Thema mit den fünf einzubauenden Wörtern gewidmet. Das Finale dieses Kurzromans folgt am Ende des Monats – was bisher geschah, kann man hier noch einmal nachlesen:   Kapitel 1Party of seven +++ Kapitel 2 Barbecue on the rocks  +++ Kapitel 3Easy Rider +++ Kapitel 4 Zeter und Mordio

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Die Schreibthemen im Juli lauten: 1) Du gerätst über eine Zeitmaschine ins alte Ägypten, erzähle von diesem Abenteuer. +++ 2) Emma ist gerade in ein neues Haus gezogen, als sie dort den Wandschrank öffnet weht ihr ein kühler Wind entgegen, sie tritt hindurch und ist in einer anderen Welt… (Erzähle die Geschichte weiter) +++ 3) Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Hund, Badeanzug, rosarot, gehüpft, Eiscreme. +++ 4) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz “Kurt war zum Mörder geboren, könnte man meinen, wenn da nicht…” beginnt. +++ 5) Berichte aus dem Alltag von Simon – ein kleiner bunter Spatz, mit Pilotenbrille und einem mutigen und grossen Herzen.

Und hier sind die Regeln dazu: Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte/ein Gedicht/ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.

# Writing Friday 2020 – Juni, 26. Woche : der Spin-Off

 

 

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

04 – Zeter und Mordio

Der Regen fiel in Strömen auf sie herab, nun lagen die Würstchen auf der Erde und der Grill war durchweicht.

Tom war stinkwütend. So hatte er sich das nicht gedacht: Seine Freundin war beleidigt, seine Kumpel hackedicht, und das Barbecue grandios abgesoffen. Doch am meisten machte ihm Sorgen, dass seine Schwester da draußen immer noch unterwegs war. Auf dem Soziussitz mit jemandem, den er nicht näher kannte. Warum hatte Andy den bloß eingeladen? Am liebsten hätte er seinen Freund auf der Stelle zur Rede gestellt, aber ob das in seinem Zustand so clever war?

Eine komische Stimmung war das heute. „Vielleicht fährt dich ja unser Easy Rider!“ hatte David gegrölt. Was für ein Idiot! Am liebsten hätte Tom ja seine Schwester selbst gefahren, aber nach seinem zweiten Bier traute er sich nicht mehr hinters Steuer. Außerdem kam er nicht an die Schlüssel vom Toyota heran. Wie gesagt, in Andys Zustand… Hoffentlich kamen Lucy und dieser Alex bald wieder. Er hasste Unterbrechungen, und am meisten hasste er es, untätig herumzusitzen, während er warten musste. Ob er mal nach Laura sehen sollte? Die war ja schon am Morgen so seltsam gewesen, und jetzt war sie schon seit Urzeiten in der Hütte verschwunden.

Ihr könnt mich mal im Mondschein besuchen!“ hatte sie bei ihrem Abgang gefaucht. Mondschein! Was auch immer für ein Problem sie hatte, die nächtliche Wanderung zu den Felsen würde sie schon auf andere Gedanken bringen. Das und das von ihm geplante Picknick. Picknick? Sein Magen meldete sich knurrend und verdrängte seine Vorstellung von Romantik im Mondenschein. So langsam konnte er nun wirklich den Grill startklar machen, damit die ersten Würstchen fertig waren, sobald Lucy und dieser Kollege von Andy von ihrem Shoppingausflug zurück waren. Wenn Andy und die anderen beiden wussten, dass es bald losgehen würde, packten sie bestimmt mit an. Den Grillmeister wollte er nicht alleine geben. Entschlossen erhob er sich aus seinem Deckchair. Andy folgte ihm, anders als Julian, der auf seinem Tablet herumdaddelte, und David, der auf der Decke lag und alle Viere von sich gestreckt hatte. Eine komische Stimmung war das hier. Inzwischen hatte der Wind aufgefrischt und brauste durch die Bäume rund um den See. Deren Blätter hatten die Unterseite nach oben gekehrt und schimmerten silbrig.

Die Unterseite nach oben gekehrt hatten auch die Würstchen auf dem Rost. Ihre verführerisch duftenden Schwaden zogen in alle Richtungen und ließen Laura das Wasser im Munde zusammenlaufen. Neugierig spähte sie nach draußen, wo sich ihr Freund hingebungsvoll seiner Aufgabe als Grillmeister mit einer Flasche Bier in der Hand widmete. Wenn es bald losging, konnte sie ja schon mal den Kartoffelsalat aus dem Kühlschrank holen. Bis Alex und Lucy zurück waren, hatte der hoffentlich eine angenehmere Temperatur als diese Eiseskälte. Bestimmt hatte dieser Blödmann David an den elektrischen Geräten herumgefummelt. Die Kühlung war doch viel zu stark eingestellt! An ihren Zähnen wollte sie Blitz und Donner nicht erleben.

Blitz und Donner… Noch war am See weit draußen nur wenig davon zu spüren, aber die Donnerschläge rollten fast schon im Sekundentakt über die Stadt hinweg und waren über dem Bushäuschen besonders gut zu hören. Bei jedem Krachen schnellte Lucys Puls in die Höhe. So ein hartnäckiges Gewitter hatte sie noch nie erlebt. Die meisten gingen relativ schnell vorbei. Aber wenigstens fror sie nicht mehr so erbärmlich in ihrem dünnen und klammen Ringelshirt; irgendwie hatte es Alex geschafft, ihr seine Jacke überzustreifen und hielt sie nun fest in seinen Armen. Eingehüllt wie in einen Kokon, dachte sie, hörte sie sein Herz gleichmäßig schlagen. Gleichmäßig und ruhig. Ihr Fels in der Brandung inmitten des Donners, der ihr noch den Verstand rauben würde. Donner. Getöse und kein Blitz…

Getöse und kein Blitz… wo war der verdammte Kartoffelsalat? Natürlich – Laura ahnte es schon: Vor lauter Tamtam und Getöse um Lucys Schuhe hatte kein Mensch an die Beilagen gedacht. Den Fünf-Liter-Eimer suchte sie vergeblich, doch außer haufenweise Energydrinks und ein paar Steaks war nichts im Kühlschrank. Nicht einmal Grillsoßen. Na prima, da hatte jemand ganze Arbeit geleistet. Verärgert zog Laura einen Flunsch. Der Ausdruck in ihrem Gesicht war filmreif. Das fand auch Julian, der ihre Grimasse mit dem Tablet festhielt. Mit Blitz. Kandidat Nummer Zwei, der bei ihr unten durch war.

Ach ja, es war ihm doch immer wieder eine Freude, anderen behinderlich zu sein, feixte Julian. Lauras dummes Gesicht war Gold wert. In seiner Galerie peinlicher Bilder war ihr ein Platz weit oben sicher. Blitz und Donner… inzwischen war Julians Tablet außer Rand und Band, die Schlagzahl eingehender Nachrichten auf seinem Facebook-Account erhöhte sich stetig und nervte ab einem gewissen Punkt nur noch. Den Überblick hatte Julian längst verloren – ihm wurde es zu dumm, und er schaltete das Gerät ab. Er konnte nicht ahnen, dass das Sperrfeuer erst begonnen hatte.

Blitz und Donner! Zeter und Mordio. Das Gerumpel über ihren Köpfen wollte schier kein Ende nehmen. So langsam konnte dieses Unwetter doch mal nachlassen, knirschte Alex innerlich mit den Zähnen. So viel Ritterlichkeit gut und schön, und dass Lucy sich beruhigt zu haben schien, erleichterte ihn ungemein; aber ihre Nähe machte ihn so langsam nervös. Und nervös würden auch die anderen werden, wenn er Lucy nicht bald zurückfahren würde. Aber solange es dermaßen schüttete, war an Weiterfahren nicht zu denken. Blitz und Donner? Das einzige, was er blitzen sah, war das Blaulicht der vorbeirasenden Streifenwagen.  

(Fortsetzung folgt)

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Was bisher geschah:    Kapitel 1Party of seven  +++ Kapitel 2 Barbecue on the rocks –  +++ Kapitel 3Easy Rider

 

# Writing Friday 2020 – Juni, 26. Woche : Herrchen gesucht

 

Auch ein weiteres Schreibthema im Juni beim #Writing Friday auf dem Blog von elizzy hat mit dem Urlaub zu tun, allerdings nicht mit meinem eigenen. Zum Abschluss des Junis findet das Drama um Suzanne und die Enttäuschung ihres Lebens eine Fortsetzung, und zwar mit der dritten Aufgabe, die folgendermaßen lautet:

Schreibe eine Geschichte und flechte darein folgende Wörter mit ein: Sonne, Stimmung, Freunde, liebevoll, Verständnis

Um ihren Liebeskummer zu verarbeiten, ist Suzanne an die Ostsee gefahren und hat beim Spazierengehen einen ausgesetzten Hund gefunden. Schon damals habe ich mich gefragt, wie es wohl weitergegangen ist. Die Auflösung kommt heute.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Herrchen gesucht

Drei Wochen Sonne und Wind hatten aus ihr zwar keinen neuen Menschen gemacht, aber ihre täglichen Wanderungen über den Deich zwischen Kalifornien und Brasilien hatten ihr trotzdem gutgetan. War sie anfangs überhaupt nicht in Stimmung dazu gewesen, so hatte sich nach und nach der Schmerz etwas gelegt und nur noch dumpf auf ihr gelastet. Eigentlich hatte sie es hier doch gar nicht so schlecht getroffen. Die Pension war gemütlich, ihre Zimmerwirtin hatte sie herzlich empfangen, und das Frühstück konnte man auch weiterempfehlen. Das Achtern Diek lag zwar nicht direkt am Strand, aber zum Deich hatte sie es nicht weit, und die frische Brise war eine wahre Wohltat im Vergleich zu der drückenden Luft zu Hause, die in den engen Gassen nur mit Mühe zirkulieren konnte. Außerdem hatte sie sich den Ort nicht ohne Grund ausgesucht: Ihre Freunde zu Hause hatten bestimmt gekichert, als sie die Karte „Schöne Grüße aus Kalifornien“ in der Post gefunden hatten. Nein, um nach Kalifornien zu fahren, musste man nicht um die halbe Welt reisen. Dazu reichte auch schon ein Intercity nach Kiel.

Es war purer Zufall gewesen, dass sie genau während der letzte Tage der Kieler Woche angereist war. Und ein glücklicher obendrein, dass es mit dem Zimmer geklappt hatte. Die meisten Urlauber bevorzugten eine Unterkunft direkt am Strand oder zumindest mit Meerblick, und so war im Strandräuber oder Hotel California bestimmt schon alles ausgebucht. Ja, hätte sie sich für Camping im 700 Meter entfernten Brasilien entschieden… Dann hätte ihr wohl nicht der Zufall ein weiteres Mal in die Hände gespielt und sie zu dem Kleinen geführt, den irgend so ein mieses Schwein am Strandkorb 1492 angebunden hatte. Ausgesetzt! Vergessen war Suzannes Liebeskummer – wenn es um Grausamkeit gegenüber Tieren ging, konnte sie glatt auf die Barrikaden gehen. Ohne zu zögern, hatte sie den Hund losgebunden und mitgenommen. So freundlich, wie sie im Achtern Diek begrüßt worden war, hatte sie keine Sekunde daran gezweifelt, dass ihre Zimmerwirtin Verständnis zeigen würde, wenn sie plötzlich einen zusätzlichen Gast bekam. Einen mit vier Beinen.

Und richtig: Mit ihrer Vermutung, oder besser gesagt: Hoffnung, hatte sie nicht falsch gelegen. Frau Jensen zauberte einen Wassernapf aus der Abstellkammer hervor und telefonierte mit dem Tierarzt, der den Neuankömmling gründlich untersuchen sollte. Verwahrlost oder krank war er zum Glück nicht, nur etwas ausgezehrt, aber mit etwas Geduld würde sie ihn schon bald so weit aufgepäppelt haben, dass er die lange Zugfahrt überstehen würde. Wie schön, dass ihre Eltern ihr erlaubt hatten, den kleinen Hund, den keiner mehr haben wollte, zu behalten – es wurde Zeit, dass er ein neues, liebevolles Zuhause bekam.

 

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Ende gut, alles gut. Da hat sie nun einen Freund fürs Leben gefunden. Und ganz kurz und schmerzlos. So kann’s auch gehen. Der Abschluss einer Trilogie in 432 Wörtern, an einer normalen ABC-Etüde knapp vorbei, aber durchaus geeignet für eine Extra-Etüde.

Die Schreibthemen im Juni lauteten: 1) Jasmin trifft eine mutige Entscheidung. Erzähle, welche dies ist und was Mut für sie bedeutet +++ 2) Du wachst auf und stehst mitten in deinem aktuellen (oder vor kurzem gelesenen) Buch, was geht da vor? Und welches Buch ist es? +++ 3) Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Sonne, Stimmung, Freunde, liebevoll, Verständnis. +++ 4) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz „Der Regen fiel in Strömen auf sie herab, nun…“ beginnt. +++ 5) Deine vier Wände unterhalten sich darüber, dass Du nun so viel zu Hause bist. Über was plaudern sie? Schreibe einen kreativen Dialog.

Und hier sind die Regeln dazu: Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte/ein Gedicht/ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.

# Writing Friday 2020 – Juni, 25. Woche : der Spin-Off

 

 

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

03 – Easy Rider

Der Regen fiel in Strömen auf sie herab, nun konnten sie unmöglich weiter, und das mitten auf offener Strecke.

Die einzige Möglichkeit, sich unterzustellen, war das Bushäuschen aus Holz. Aber ob das wirklich so eine gute Idee war? Ein Bushäuschen war genauso wenig ein Faradayscher Käfig wie ein Unterstand für Golfer oder eine japanische Enduro. Im Gewitter wären sie den Blitzen schutzlos ausgeliefert…

Vielleicht fährt dich ja unser Easy Rider!“ hatte David am Nachmittag gegrölt, als sie festgestellt hatte, dass sie nochmals in die Stadt musste.

Easy Rider? Alex hatte diese Bemerkung, im Gegensatz zu Julian nicht besonders lustig gefunden. Schließlich fuhr er weder eine Harley noch eine Indian, sondern ein japanisches Modell. Sayonara, liebe Leute: ein Spitzenprodukt aus dem Land der aufgehenden Sonne… Sonne? Während ihres Herumalberns am See, kurz nach ihrer Rückkehr, hatte keiner der sechs – Laura hielt sich in der Hütte auf – mitbekommen, dass diese inzwischen verschwunden und schwefelgelben Wolkentürmen mit Rändern in Anthrazit gewichen war. Lucy schlüpfte derweil in Jeans und Ringelshirt, nachdem ihr beim Baden im See doch etwas frisch geworden war. Sie öffnete ihren Rucksack und bekam einen Schreck: kein Ersatzpaar!

Anscheinend hatte sie beim Packen nicht nur die Luftpumpe vergessen. Mit einem Mal erinnerte sie sich wieder, wo sie das zweite Paar Schuhe stehengelassen hatte. Dann lief sie eben für den Rest des Wochenendes barfuß oder in Flip Flops herum. Leider falsch gedacht – Tom hatte nämlich Pläne für den Abend: eine Nachtwanderung. Laura würde nicht begeistert sein. Im Dunkeln, nur mit Taschenlampen ausgerüstet, durch den Wald und zu den Felsen, die wie der Schicksalsberg am Rande einer mondbeschienenen Lichtung aufragten? Wirklich, ein romantischer Platz für ein Mitternachtspicknick. Für ein verliebtes Paar vielleicht, aber nicht, wenn man Typen wie David und Julian im Schlepptau hatte. Wirklich, eine tolle Gesellschaft! Aber er wollte ja unbedingt vor seiner Liebsten den Helden herauskehren, falls sie im Wald Angst bekam. Andy sollte die Rolle des Beschützers für die kleine Schwester spielen? Höchst unwahrscheinlich, wenn der lieber mit David und Julian abhing. Wie gesagt, eine tolle Gesellschaft.

Lucy hätte den Abend lieber in der Hütte verbracht und die anderen alleine losziehen lassen, aber Tom war anderer Ansicht: Lucy musste mit, ob sie wollte oder nicht. Aber ohne Schuhe? Der Laden in der Stadt hatte noch geöffnet. Jemand würde sie fahren müssen, denn Lucy hatte noch keinen Führerschein, und Laura ihren nur auf Probe. Begleitetes Fahren, von einem Elternteil auf dem Beifahrersitz: Ihr Freund zählte als Begleitperson nicht, auch wenn er schon volljährig war. Und der einzige, der bisher noch nichts getrunken hatte, war Alex. Leider galt seine Fahrerlaubnis nur für Motorräder.

Vielleicht fährt dich ja unser Easy Rider!“ Was für eine Flachpfeife! So langsam fragte sich Alex, was er hier eigentlich tat und warum Andy ihn überhaupt eingeladen hatte. Dass er den Babysitter für Toms kleine Schwester spielen sollte, war bestimmt nicht geplant gewesen. Oder hatte Andy gehofft, der Peinlichkeit, von dem Mädchen angehimmelt zu werden, mit dieser Aktion entkommen zu können? Alex hatte sich in einen Liegestuhl – von Tom hochtrabend Deckchair genannt – geworfen und sehr wohl die Blicke wahrgenommen, die Lucy Andy zugeworfen hatte. Der zog es vor, ihnen mehr oder weniger gekonnt auszuweichen und lieber mit David und Julian zu zocken. Nach einer Weile hatte Lucy genug und verschwand nach drinnen. Der Pegel in den Flaschen sank, während die Menge der leeren Red-Bull-Dosen zunahm.

Alex verstand nicht, warum Andy sie nicht längst beiseite genommen und mit ihr Klartext geredet hatte. Statt dessen verschanzte er sich hinter den anderen und vermied den Blickkontakt mit Lucy – eine Taktik, die auf lange Sicht keinen Erfolg versprach. Was für ein Held! Höchste Zeit, dass Alex dieses Trauerspiel beendete und Lucy in die Stadt fuhr. Schließlich brauchte sie dringend Schuhe, weil ihr Bruder darauf beharrte, dass sie bei dieser dämlichen Wanderung mitmachte. Je eher von hier fort kamen, desto besser.

Dann waren sie genau in das Gewitter hineingefahren. Beim ersten Donnerschlag hatte Lucys Herz einen Satz gemacht, und sie hatte sich förmlich an Alex festgekrallt. Als die ersten dicken Tropfen auf sie niedergingen, kam das Wartehäuschen in Sicht. Gerade noch rechtzeitig konnte er die Maschine am Straßenrand auslaufen lassen. Dann brachten sie sich vor der Sturzflut in Sicherheit.

Sicherheit ist relativ, dachte Lucy, schließlich war so ein Bushäuschen kein Faradayscher Käfig. Kälte durchdrang langsam ihre feucht gewordene Kleidung, und sie begann zu zittern; doch dass sie fror, war nicht der einzige Grund dafür. Erst als sie die Wand des Wartehäuschens im Rücken spürte, entspannten sich ihre Muskeln ein wenig. Lucy zog die angewinkelten Beine dicht zu sich heran und umschlang sie mit ihren Armen. Was hatten ihre Eltern ihr immer eingeschärft? Such dir bei Gewitter im freien Feld eine Mulde und mach dich so klein wie möglich; eine Regel, die sie hier jedoch vergessen konnte. Weit und breit gab es nichts, das sich dafür eignete. Aber wenigstens war das Dach ihres Unterstandes nicht der höchste Punkt in der Umgebung. Zusammengerollt und mit genügend Abstand von ihrem Fahrer, kauerte sie in ihrer Ecke und hoffte, dass es bald vorbei war.

Die Donnerschläge kamen jetzt in immer dichteren Abständen. Plötzlich stand Alex vor ihr, um ihr seine Jacke über die Schulter zu legen. Sie hatte bei dem Krachen über ihren Köpfen davon nichts mitbekommen und kam vor Schreck, wie von der Tarantel gestochen, auf die Füße. Ihr Schrei ging im Poltern am Himmel unter. Sie so zu erschrecken, hatte Alex nicht gewollt. Es geschähe ihm ganz recht, wenn er jetzt zu Boden ging. Doch dazu kam es nicht; um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, umfingen seine Arme Lucy, und er zog sie an sich. „Du musst wirklich keine Angst vor mir haben“, wollte er sie beruhigen.

Es war nicht Alex, vor dem sie sich fürchtete, sondern das Gewitter.

(Fortsetzung folgt)

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Was bisher geschah:    Kapitel 1Party of seven    +++   Kapitel 2 Barbecue on the rocks

 

 

# Writing Friday 2020 – Juni, 25. Woche : Landmädchen, du bist bekloppt

 

Heut gieß ich mir ein Glas Gin mit Limone ein – diesen Gedanken hatte ich während meines Urlaubs auf dem Land. Und dann fiel mir ein Buch in die Hände, das ich schon länger nicht mehr gelesen habe und das mir das Faulsein versüßen sollte. Darin kommt der bevorzugte Cocktail Gin mit Limone vor. Wenn das nicht Schicksal ist, dann weiß ich auch nicht… Vielleicht habe ich mir deshalb habe ich mir als nächstes das zweite Schreibthema des #Writing Friday auf dem Blog von elizzy ausgesucht:

Du wachst auf und stehst mitten in deinem aktuellen (oder vor kurzem gelesenen) Buch, was geht da vor? Und welches Buch ist es?

Begleitet mich auf eine Reise, zurück in eine Zeit der Entbehrungen, denn heute geht es aufs Land.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Landmädchen, du bist bekloppt

Hätten sie den Krieg gestoppt, Wär sie, wo sie vorher war – Landmädchen, du bist bekloppt …

 

Was für ein Radau am frühen Morgen! Stöhnend schlage ich die Augen auf. Ist spät geworden, gestern Abend. Beim Gin Tonic mit Limette habe ich ungehemmt zugeschlagen. Einer hätte es doch auch getan. Jetzt habe ich so einen Schädel. Aber wenigstens ist mir nicht übel. Jedes Geräusch von draußen dröhnt mit Verstärkung. Kann ein Morgen noch schlimmer werden? Schlafen? Vergiss es. Stöhnend krieche ich aus dem Bett.

Acht Uhr? Schon im nüchternen Zustand geht diese nachtschlafende Zeit gar nicht, aber was muss ich mir auch dermaßen die Lichter ausschießen, weil es mit der für Ende Mai geplanten Cornwall-Reise nicht geklappt hat? Und das, wo ich nach wochenlangem Home Office Urlaub dringend brauche! Also ab in den Taunus, in mein Ferienhäuschen ohne Komfort, mitten in der Natur. ohne fließend Wasser, dafür mit Solarstrom. Zurück zur Natur. Blöd, dass ich keinen Whisky mehr habe, weil ihn mir ein Einbrecher geklaut hat. Und die kaputte Kühlanlage muss jetzt das Regenfass ersetzen. Fängt ja super an. Frust auf der ganzen Linie? Ertränken wir ihn in Gin.

Genervt greife ich nach Handtuch und Duschgel. Zu den Duschen sind’s nur hundert Meter zu Fuß. Das bringt meinen Kreislauf auf Touren. Und wenn ich schon dabei bin, kann ich doch gleich mal nachsehen, wer da draußen so laut und unmelodisch singt. Aber etwas ist nicht okay. Schon dass mich die Sonne blendet. Seit wann geht meine Haustür nach Osten raus?

Und dann der Weg: Normalerweise bin ich in wenigen Schritten auf einem mit Schotter bedeckten Asphaltweg, jetzt aber schlängelt sich ein unbefestigter Feldweg zwischen schulterhohen Hecken hindurch. Die trennen die Felder voneinander – Felder mit schwarzbunten Kühen und Schafen. Und dann diese Farm. Mit Schweinestall, vor dem sich ein riesiger Misthaufen türmt. Auf dem steht jetzt eine junge Frau in Cordhosen und Pulli, mit einer altmodischen Frisur und bunter Schleife im Haar, und singt dieses Lied. Landmädchen, du bist bekloppt.

Ich glaube, so langsam werde auch ich bekloppt – was ist das denn bitte für ein seltsamer Traum? Das hier ist doch nie und nimmer mehr der Taunus! Jedenfalls kenne ich ihn nicht so. Kopfschüttelnd schleppe ich mich vorwärts. Noch eine Biegung. Dann kommt der Löschteich in Sicht, dann der Minigolfplatz, und an den grenzen die Sanitäranlagen an – mit WC und Duschen, alles unter einem Dach. Da ist sie, die Biegung, gleich ist es soweit. Freudige Erwartung… Endlich duschen, damit ich mich wie ein neuer Mensch fühlen kann.

Doch was ist das? Kein Teich. Kein Minigolf. Und keine Duschanlagen. Dafür aber ein Mast. An dem hängt ein Plakat – eher ein Anschlag in Din A 4. Meine Augen registrieren gerade noch das Datum – der 8. Juni – und die Illustration einer Spitfire rechts oben und drei fünfzackige Sterne unten in der Mitte, dann nähern sich Schritte und angeregtes Geplauder. Verschwinde besser im Gebüsch!, ruft mir eine innere Stimme zu, nur zu gerne folge ich ihr und ducke mich hinter der Hecke hinter mir. Keine Minute zu früh, denn drei junge Frauen kommen näher. Ihr Geplapper kann ich klar und deutlich verstehen.

Hey, Mädels, schaut mal!“ Sie haben den Aushang entdeckt.

Tanztee am 8. Juni“, liest die Schwarzhaarige vor. „Es spielt die Kapelle der Royal Air Force von Blandford“

Blandford. Ich bin eindeutig nicht mehr im Taunus. Ihre ganze Sprechweise und wie es rings um mich aussieht, deutet ganz stark auf England hin. Was, zum Teufel, war in dem Gin drin? Ich sollte wirklich an meinen Dosierungen arbeiten.

8. Juni?“, ruft die Brünette aus, „das ist ja schon in zwei Wochen.“

Denk bloß, Stella“, jubelt die Blonde, die ich vorhin noch auf dem Misthaufen habe stehen sehen, „das wird das Ereignis des Jahres!“

Ihre schwarzhaarige Freundin stimmt ihr zu: „Ach, wie schön. Endlich mal andere Musik als das, was Mr. Lawrence abends immer im Radio so hört“

Sehnsüchtig lässt sie ihre Blicke in die Ferne schweifen, und ihre brünette Freundin ergänzte „… und tanzen… wie lange das schon wieder her ist, das Philip und ich…“

Aber den Vogel schießt das Schlusswort ihrer blonden Freundin ab: „Und das Wichtigste überhaupt: Männer!“

Die Stille in diesem Augenblick wäre mit Händen greifbar, wäre nicht eine Feldlerche aufgestiegen und hätte hoch über unseren Köpfen jubiliert. Ich muss mir auf die Lippen beißen, um nicht so zu reagieren, wie Stella.

Prue, Du bist unverbesserlich“, lacht sie und steckt die Dritte im Bunde mit ihrem Lachen an.

Seien wir doch mal ehrlich. Haben wir etwas anderes erwartet?“

In den Heiterkeitsausbruch, der dieser gespielten Entrüstung folgt, stimmt nun auch Prue ein.

Oh, Ag, warum denn auch nicht?“ keucht sie und scheint sich gar nicht einzukriegen vor Lachen, „was ist denn schon dabei. Und etwas Abwechslung können wir doch alle gut gebrauchen.“

So, so, Abwechslung…“ grinst Stella, und die drei prusten erneut los, „wie das wohl gemeint war?“

Ich werde es wohl nicht mehr erfahren, denn Prue, die anscheinend wirklich hinter allem her ist, was Hosen trägt und nicht bei drei auf dem nächsten Baum ist, wechselt das Thema, nachdem sie von dem Lachflash erholt hat. Ein Lachflash, der mich um ein Haar angesteckt hätte. Ich musste doch sehr an mich halten, um meine Tarnung nicht auffliegen zu lassen.

Ihr habt ja recht, und die Aussicht, dort jede Menge aussichtsreicher Kandidaten zu treffen, hat ihren Reiz. Aber so komisch sich das auch anhört und so sehr ich mich auch darauf freue, aber wisst Ihr, was ich tatsächlich kaum noch erwarten kann?“

Ja?“ Gebannt starren Stella und Ag ihre Freundin an. Jetzt bin auch ich neugierig.

Dass Sly endlich wirft!“

Damit hat wahrscheinlich niemand gerechnet.

Sly?“ Ag blickt verständnislos in die Runde. Stella, nicht minder verblüfft, fügt unnötigerweise „das Schwein, wirklich?“ hinzu. „Dass wir das noch erleben dürfen: Prue hat ihr Herz verloren. An ein Schwein, und an ein trächtiges noch dazu.“

Auch Ag braucht eine Weile, bis sie erkannt hat, wer bei ihrer Freundin tatsächlich an erster Stelle kommt: „Sly? Tatsächlich?“ Dann lacht sie schallend: „Landmädchen, Du bist echt bekloppt. Das Lied ist wie für Dich gemacht.“

Mag sein“, erwidert Prue, „aber Ihr könnt Euch über mich lustig machen, soviel Ihr wollt, doch eins sag ich Euch – Die Menschen sollten sich mehr damit befassen, ob Tiere denken können, anstatt Bomben zu bauen und die ganze Welt damit zu bedrohen.“

Dann gehen sie weiter, und als sie endlich verschwunden sind, wage ich mich aus meinem Versteck hervor. Ich kann immer noch nicht fassen, was ich gerade gehört habe. Das Ereignis des Jahres… schon in zwei Wochen. Das Ereignis des Jahres: Welchen Jahres? Ein Blick auf den Aushang lässt keine Zweifel mehr zu: Wir haben Mai. So weit komme ich noch mit, aber wir haben nicht mehr 2020, sondern das Jahr 1941. Ich bin nicht nur in einem anderen Jahrzehnt aufgewacht, sondern in einem anderen Land… in einem Land, das sich mit meinem – so wie der Rest der Welt auch – im Krieg befindet. Willkommen in Dorset. Shit.

Willkommen in Dorset, United Kingdom – mitten auf dem Land. Sämtliche entbehrlichen Männer hat man eingezogen, nun muss ihre Arbeitskraft ersetzt werden, durch das Landmädchenprogramm der britischen Regierung, offiziell nennt man die weiblichen Hilfkräfte auch WLA – Women’s Land Army. Bis 1944 zählt dieses 1949 aufgelöste Programm der britischen Regierung 80.000 Freiwillige. Ganz großes Kino.

So weit die Realität, aber dies hier kann unmöglich real sein, obwohl es sich ganz so anfühlt. Die drei Mädchen, die sich so angeregt unterhalten und sich gefragt haben, ob Joe sie zu dem Tanz fährt, sind Figuren in einem Roman, den ich gerade lese. Und ich mittendrin – das kann nicht real sein, denn wäre es das und es käme heraus, wer ich bin und woher ich komme, was anhand meines Akzents nicht schwer zu erraten ist, dann kann ich mich warm anziehen. Gnade mir Gott, wenn sie mich für eine deutsche Spionin halten, oder gar schlimmeres… ich muss hier weg. Aber wie?

(Fortsetzung folgt)

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Den Dialog zwischen den drei Romanheldinnen habe ich frei erfunden, obwohl er sich so oder ähnlich abgespielt haben könnte in Angela Huths Roman „Brombeertage“. In ihm geht es um drei unterschiedliche junge Frauen aus der Großstadt, die 1941 auf eine Farm in Dorset (England) kommen, um dort als Hilfskräfte die eingezogenen Männer zu ersetzen. Dass die Farmarbeit ungeahnte Tücken mit sich bringt, hindert sie nicht daran, ihr bestes zu geben. „Liebe und Freundschaft in den Zeiten des Krieges“? Jede der drei macht unterschiedliche Erfahrungen auf diesem Gebiet, und an diese erinnern sie sich bei ihren jährlichen Treffen in einem Londoner Restaurant immer wieder gerne.

Der Textauszug in roter Kursivschrift zu Beginn der Erzählung ist aus einem Lied auf Seite 128 des aktuell von mir gelesenen Buches „Brombeertage“ (Land Girls) von Angela Huth, als Taschenbuch mit 382 Seiten erschienen bei Piper, ISBN 3-492-22607-8. Der letzte Satz des Dialogs über das Schwein und die Tiere im Allgemeinen ist einer Passage auf Seite 125 des Romans entliehen. Ich hoffe, Ms Huth verzeiht mir diese Leihgabe in insgesamt 1336 Wörtern.

Die Schreibthemen im Juni lauten: 1) Jasmin trifft eine mutige Entscheidung. Erzähle, welche dies ist und was Mut für sie bedeutet +++ 2) Du wachst auf und stehst mitten in deinem aktuellen (oder vor kurzem gelesenen) Buch, was geht da vor? Und welches Buch ist es? +++ 3) Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Sonne, Stimmung, Freunde, liebevoll, Verständnis. +++ 4) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz „Der Regen fiel in Strömen auf sie herab, nun…“ beginnt. +++ 5) Deine vier Wände unterhalten sich darüber, dass Du nun so viel zu Hause bist. Über was plaudern sie? Schreibe einen kreativen Dialog.

Und hier sind die Regeln dazu: Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte/ein Gedicht/ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.

# Writing Friday 2020 – Juni, 24. Woche : der Spin-Off

 

 

 

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

02 – Barbecue on the rocks

 

Der Regen fiel in Strömen auf sie herab, nun hatten sie ein Problem.  Geschieht euch recht, dachte Laura.

Gut, dass sie nicht zum Einkaufen mitgefahren war. Zusammen mit der ganzen Gruppe in dem Pickup? Natürlich waren diese blöden Idioten bei ihrer Rückkehr nicht mehr nüchtern gewesen und hatten schon die nächste Flasche am Start, während sich der Rest im See tummelte. Lauras Bikini war nur zum Sonnenbaden geeignet, und einen zweiten hatte sie nicht dabei. Baden fiel also für sie flach. So hatte sie sich das „romantische Wochenende am See“ nicht vorgestellt. Es hätte so schön werden können, nur sie vier – ihr Liebster und sie, Andy und Lucy. Obwohl Toms kleine Schwester um Längen erträglicher als diese beiden Typen war, denen – anders als Laura – die sich zusammenballenden Gewitterwolken schietegal waren.

Sie schaute den anderen zu, von denen ein paar im Wasser planschten. Lucys unbeholfene Flirtversuche kommentierte sie, nur für sich selbst und unhörbar für die anderen, mit einem mitleidigen Schnauben. Leider sah Toms kleine Schwester nicht, dass Andy an ihr nicht interessiert war. Schade um die vertane Zeit. Mit einem genervten Seufzen griff Laura nach ihrer Tasche und verschwand nach drinnen, um sich umzuziehen, denn so langsam wurde es unangenehm kühl. Sich für das passende Outfit zu entscheiden, dauerte schier ewig.

Sie wusste nicht, wie lange sie sich schon in ihre Garderobe vertieft hatte, aber als plötzlich die ersten Donnerschläge durchs Tal krachten, war das der Startschuss für die jäh einsetzende Sintflut. Es dauerte eine Weile, bis David und Julian auf die Beine kamen. Wie durchweichte Ratten sahen sie jetzt aus. Ratten, ertränkt in Wodka Red Bull. Das Zeug zog ihr persönlich ja die Schuhe aus, aber Toms Kumpel waren da aus härterem Holz geschnitzt. Dabei hatte der Vormittag so unspektakulär begonnen…

Während Lucy die paradiesische Ruhe am See genoss, hatte sich Laura nochmal auf die andere Seite umgedreht. Paradiesische Ruhe? Das Knattern eines Motorrads hatte diese jäh zerrissen, und kurz darauf war Andys Freund in der Hütte erschienen. Wer hatte ihn bloß eingeladen? Unter dem Tritt seiner schweren Stiefel erzitterten die Dielenbretter. Geht’s noch lauter, stöhnte Laura innerlich. Ihr Schädel brummte von zu wenig Schlaf. War spät geworden, letzte Nacht. Nach der Vorstellungsrunde nahm sich Andys Freund Alex einen Becher mit Kaffee und verzog sich wieder nach draußen, zu den anderen. Laura schloss sich der Gruppe an und bekam aber schon auf der Türschwelle Schnappatmung.

Wir quetschen uns alle in den Toyota! Der durchdachte Plan von David hatte einen Haken: Mehr als fünf Leute passten nicht in den Wagen, und sie waren zu siebt. Darauf hatte Laura keine Lust. Sie zog es vor, die Sonne zu genießen und ihre Bräune zu pflegen. Die Bemerkung Julians, sie solle sich nicht so anstellen, quittierte sie, indem sie ihm den Vogel zeigte. Wenn es auf der Rückbank selbst für Lucy noch Platz gab, dann würde sie doch auch noch locker reinpassen?

Du hast sie doch nicht alle“, warf sie ihm an den Kopf und schnappte sich ihre Badesachen und ein Taschenbuch.

Viel Spaß noch mit deinen Fifty Shades“, rief ihr Julian hinterher. Ohne Erfolg. Laura reagierte gar nicht erst auf diesen blöden Witz, den niemand außer Julian komisch fand, während Tom irritiert die Stirn runzelte.

Fifty Shades of Veilchen, dachte Lucy beim Blick in sein genervtes Gesicht. Schön, dass Lucy nicht die Einzige war, der dieser Idiot auf den Zeiger ging und dass sie im Toyota nicht direkt neben ihm sitzen musste. Andy hatte sie auf die Rückbank gescheucht, wo sie sich zwischen David und Alex quetschen musste. Tom rief vom Beifahrersitz aus Laura ein letztes Mal zu, ob sie wirklich nicht mitkommen wolle. Doch die hatte sich bereits in ihren Schmöker vertieft.

Viel Spaß mit deinen Fifty Shades? Wohl eher fifty shades of Sonnenbrand. Schon bei der Vorstellungsrunde war Lucy eine verräterische Rötung an Lauras Schultern aufgefallen. Wenn diese nicht aufpasste, wäre sie bei ihrer Rückkehr oben herum pink statt bronze, und sie würde Toms Umarmungen weniger leidenschaftlich als letzte Nacht erwidern. Den Gedanken verfolgte Lucy nicht weiter, schon allein wegen Andys Fahrstil. Ob es wirklich so eine gute Idee war, sich mit Restalkohol ans Steuer zu setzen und einen Kavalierstart mit quietschenden Reifen hinzulegen? Sie konnte sich nirgends festhalten und wurde unsanft gegen Alex gedrückt. Aber wenigstens waren die Fenster geöffnet. So war die von David ausgehende Schnapsfahne nicht ganz so unerträglich. Wer hatte eigentlich das Gerücht in die Welt gesetzt, dass man exzessiven Wodkakonsum vom Abend zuvor anderntags nicht wahrnahm? Noch ein Grund, das Zeug zu meiden.

Warum hatte sie sich bloß dazu überreden lassen, mitzukommen? Steaks, Würstchen und Bier konnten Toms Freunde auch alleine kaufen, dazu brauchten sie sie nicht. Hatte ihr Bruder Angst, dass sie sich alleine zu Tode langweilte? Sie konnte sich wirklich Spannenderes vorstellen, als umringt von Schnapsleichen in die Stadt zu fahren… Der Fairness halber musste sie sich korrigieren: zwei Schnapsleichen, ein halbwegs nüchterner Fahrer und drei Passagiere, die noch gar nichts getrunken hatten. Aber das konnte sich jederzeit ändern.

Eigentlich hätte sie es sich schon vorher denken können. Eine fußbetriebene Pumpe für ihre Luftmatratze war nirgends aufzutreiben und Ohropax anscheinend auch nicht. Klar, an diesem Wochenende war die halbe Republik unterwegs nach Wacken – kein Wunder, dass sie den See für sich hatten. Das Grillgut und den Fünf-Liter-Eimer Kartoffelsalat hatten sie Lucy aufgehalst, denn David und Julian hatten eine viel wichtigere Fracht zu tragen: den Wodka. Nimm sechs, zahl fünf. Schnaufend wuchtete Lucy die schwere Ladung hoch, nachdem sie sie zum wiederholten Male absetzen musste. Tom war ihr natürlich auch keine Hilfe, denn er und Andy schleppten einen Kasten Bier. Und Alex?

Der stand plötzlich neben ihr und sprach zu ihr: „Komm, lass mich Dir mit dem schweren Zeug helfen.“ Aha, der Herr konnte reden. Und Manieren hatte er anscheinend auch. „Du bist Toms kleine Schwester., richtig?“

Lange Haare, kurzes Gedächtnis? Kleine Schwester? Na super, reibt es mir ruhig unter die Nase, dass ich für euch alle nur das Küken ohne erinnerungswürdigen Namen bin. Die Kleine. Das Anhängsel. Das fünfte Rad am Wagen. Ein schöner Kavalier war das. Sollte er doch ruhig den schweren Eimer schleppen!

Vielleicht war die Übergabe doch mit etwas zu viel Schwung vor sich gegangen, aber kaum hatte sie den Eimer an Alex ausgehändigt, landete Lucy mit dem Fuß in einem Schlagloch und verlor das Gleichgewicht. Wie auf Kommando ließ ihr Kavalier den Eimer fallen, um Lucy aufzufangen und zu verhindern, dass sie der Länge nach hinschlug. Die Ladung ging zu Boden und zerbrach mit einem unschönen Knirschen. Der Kartoffelsalat war sprichwörtlich für den Eimer und zu nichts mehr zu gebrauchen. Gebrochen war auch die Sohle von Lucys Turnschuh.

Da kann man wohl nichts machen“, stellte Alex fest, als er Lucys Füße inspizierte. „Und du bist wirklich in Ordnung?“

Vorsichtig trat Lucy auf. Gebrochen war nichts, verstaucht und gezerrt auch nicht. Da hatte sie nochmal Glück gehabt. Außer einem kaputten Schuh fehlte ihr nichts. Nur gut, dass sie ein Ersatzpaar dabei hatte. Das hatte sie aber auch nur gedacht.

(Fortsetzung folgt)

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Was bisher geschah:

Kapitel 1Party of seven

# Writing Friday 2020 – Juni, 24. Woche : Double X – ein Schluck für die Engel

 

Heute habe ich mir als Beitrag für den #Writing Friday auf dem Blog von elizzy die vierte Schreibaufgabe ausgesucht:

Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz „Der Regen fiel in Strömen auf sie herab, nun…“ beginnt

Das wird kein erneuter Aufguss einer Begebenheit, die ich 2008 auf meiner Reise durch Schottland erlebt habe. Aber eine Fortsetzung mit 1358 Wörtern, die sich gewaschen hat.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Double X – ein Schluck für die Engel

Der Regen fiel in Strömen auf sie herab, nun konnte es losgehen. Das Wasser hing wie eine undurchdringliche Wand in der Luft. Niemand würde etwas sehen, also auch sie nicht. Zuschauer konnte sie keine gebrauchen, und dank des Wolkenbruchs, wegen dem alle wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen nach drinnen verschwunden waren, konnte sie nun ihren Plan in die Tat umsetzen. Besser kann es doch gar nicht laufen, dachte Lara.

Das bisschen Regen? Sie war doch nicht aus Zucker! Gut, dass sie mit sieben Jahren ohne Schirm das perfekte Training hatte, das ihr jetzt zugute kam. Gefahr, dass jemand von der Hochzeitgesellschaft aus dem Fenster blickte, bestand nicht; so wie die Band da drinnen spielte, war die Tanzfläche gut gefüllt. Und selbst wenn… In ihrer olivgrünen Tarnkleidung war sie auf diese Entfernung hin kaum auszumachen. Über den Rasen huschen und das Spalier auf der Rückseite des Gebäudes hochklettern: So sah der Plan aus. Hineinzukommen wäre ein Kinderspiel, aber ganz oben bei den Schlafkammern der Dienstboten begann der schwierige Teil.

Wenn Seine Lordschaft nichts hatte umbauen lassen, würde sie die auf dem Plan mit einem X markierte Stelle im Nu finden. Der Mensch war ein Gewohnheitstier, und für Seine Lordschaft galt das erst recht. Sein Pech! Mitleid hatte sie mit Sir Randolph und seiner feinen Sippschaft nicht im geringsten. Krumm geackert hatte sie sich, und dann reichte ein Fehltritt, damit Mylady einen hysterischen Anfall bekam und Lara hochkant hinauswerfen ließ. Das war ja schlimmer als bei Downton Abbey. Und das 2013.

Ja, etwas war schiefgegangen bei ihrem zehnten und letzten Kontakt mit dem Weinenden Engel, das hatte ihr der Blick auf eine Zeitung im nächsten Papierkorb verraten. Der Blitz aus ihrem Tablet hatte nicht nur Paolo für immer versteinert, sondern so viel Energie freigesetzt, dass sie weiter als üblich in die Vergangenheit zurückgeschleudert worden war. Ohne Papiere, hatte sie gedacht, das wird schwierig. Wie sie es geschafft hatte, sich fern der Heimat durchzuschlagen, war ihr immer noch ein Rätsel. Eine ganze Reihe von Festlichkeiten auf diesem herrschaftlichen Gut, da wurde jede Hilfskraft gebraucht. Manche Leute sparten gerne Geld, indem sie am Fiskus vorbei wirtschafteten, da nahmen sie es mit Papieren nicht so genau und drückten gerne ein Auge zu. Leider hatte ihre Glückssträhne ein jähes Ende gefunden, als sie im Pub auf diesen Typen – Gavin – getroffen war und sich später herausstellte, in welcher Beziehung er zu ihren Arbeitgebern stand.

Wir haben zwar die Zehner Jahre, aber wenn man selbst im einundzwanzigsten Jahrhundert angekommen ist, die Herrschaft anscheinend aber immer noch im neunzehnten lebt, ist es keine so gute Idee, wenn man sich mit deren Neffen einlässt. Wenn der Traumtyp dann auch noch das schwarze Schaf der Familie ist und nichts Gutes im Schilde führt, ist es an der Zeit, getrennte Wege zu gehen; selbstredend ohne Arbeitszeugnis oder ähnlich geartete Referenzen – von einer Abfindung ganz zu schweigen. Was erwartete sie auch von Seiner Knickerigkeit, äh Lordschaft? Aber die würden sich noch wundern! Niemand servierte Lara einfach so und ohne angemessene Entschädigung ab. Dafür würde sie schon selbst sorgen. Heute.

Barfuß erklomm sie das Spalier und ließ sich durch das ein Spaltbreit hochgeschobene Fenster in den spärlich beleuchteten Gang gleiten. Die Stiefel baumelten mit zusammengebundenen Senkeln um ihren Hals, denn Schuhabdrücke wollte sie nicht hinterlassen, und der Läufer würde das von ihr herabtropfende Wasser schon aufsaugen, ohne dass es groß auffiel.

Wie sie richtig vermutet hatte, waren alle Dienstboten unten, und keiner würde sie aufhalten. Nahezu lautlos huschte Lara über den ausgetretenen Läufer, der auch schon bessere Tage gesehen hatte, bis sie vor der Wandvertäfelung stand. Auf dem Plan hatte Gavin hier das X eingezeichnet. Forschend schaute sie sich um. Irgendwo musste sich der Auslöser für den Mechanismus befinden, der ihr Zutritt zum geheimen Treppenhaus verschaffen würde. Hoffentlich kam jetzt niemand die Treppe hoch. Horch! Schritte näherten sich. Verdammt Lara, denk nach – wo würdest Du den Schalter positionieren? Hektisch glitten ihre Augen über die Vertäfelung – da! Gerade noch rechtzeitig fand sie das winzige Astloch, in dem sie suchend mit dem Finger herumstocherte, bis sie endlich das sehnlich erwartete Klick hörte. Jetzt aber husch, husch, hinein und das Paneel wieder von innen festgedrückt, damit niemand Verdacht schöpft. Finsternis umfing Lara, aber sie traute sich nicht, die Taschenlampe anzuknipsen. Man soll ja das Schicksal nicht unnötig herausfordern. Es dauerte ewig, bis sie sich nach unten vorgetastet hatte.

Im Kellergeschoss ließ sie den Lichtkegel ihrer Taschenlampe über den Boden wandern und folgte dem niedrigen Gang bis zu einer Wand mit andersfarbigen Ziegeln in der Mitte. Mit etwas Glück saßen diese so locker, dass Lara sie nur noch durchschieben und in den nächsten Kellerraum einsteigen konnte, hatte Gavin ihr erklärt. Wenn er so ein Genie war, hatte sie erwidert, warum stieg er nicht selbst über den Geheimgang in den Kellerraum ein und verschaffte sich Zugang zu dem kostbaren Fass, das Seine Lordschaft dort aufbewahrte. Die Antwort hatte nicht lange auf sich warten lassen: Mit seinen einsdreiundachtzig war er zu groß, um in dem engen Gang vorwärts zu kommen, aber Lara wäre klein und wendig genug, um das Werk der Bosheit zu vollenden.

Die Idee hatte Gavin als einfach aber genial beschrieben: In den Keller einsteigen, dem Fass mehrere Flaschen abzapfen, die entsprechende Menge an Wasser nachfüllen und auf dem gleichen Weg wieder verschwinden, ohne größere Spuren zu hinterlassen. Inspiriert zu diesem Coup hatte ihn der Film „Angels‘ Share – ein Schluck für die Engel“, in dem sich vier junge Leute in die Highlands aufmachen, um sich in einer Whiskydestillerie das kostbare Nass im Wert von über einer Million Pfund unter den Nagel zu reißen und an einen Sammler zu verkaufen, der alles geben würde. Das konnte er auch!

Onkel Randolph hatte von Whisky doch sowieso keine Ahnung, und hieß es nicht, dass Wasser manchmal den Geschmack des edlen Destillats durchaus verbessern konnte? Außerdem hatte er seinem Vater den Floh ins Ohr gesetzt, dass der liebe Gavin sich ruhig seine Brötchen selbst verdienen und sich schon mal mit dem Gedanken vertraut machen konnte, dass sein späteres Erbe vielleicht nicht ganz so üppig ausfallen würde. Mehr als den Pflichtteil brauchte er gar nicht erst zu erwarten, der Hauptteil wäre in einer Stiftung besser aufgehoben. Sich die Brötchen selbst verdienen? Und wie er sie sich verdienen würde. Ganz groß absahnen würde er – mit Laras Hilfe.

Dass er die im Pub getroffen hatte, war wie ein Wink des Schicksals gewesen. Sie war nicht nur verdammt hübsch und hatte eine Bombenfigur, sondern war auch noch bei Onkel Randolph angestellt. Besser konnte es doch gar nicht laufen… Tja, hatte er gedacht, zumindest bis zu dem Tag, an dem ihre Liebelei aufgeflogen war. Welch freudige Überraschung, dass sie es seinem Onkel und ihrem ehemaligen Brötchengeber heimzahlen wollte. Ein Schluck für die Engel? Wie passend, hatte Lara in Gedanken ergänzt.

Da stand es, das Fässchen. Sie hatte ihr Ziel erreicht. Zwei weiße Kreuze flankierten das Spundloch. Mit einem Schlauch beförderte Lara die bernsteinfarbene Flüssigkeit in die mitgebrachten Flaschen aus ihrem Rucksack und kippte schadenfroh das mitgebrachte Wasser aus dem Kanister hinterher. Mit Wasser konnte man jedes Getränk verhunzen, auch teuren Whisky. Einen fünfundzwanzig Jahre alten Glenfarclas hatte sie einmal bei einem Tasting aufwerten wollen, ein Versuch, der gründlich misslungen war, weil die Qualität des völlig überbewerteten und überteuerten Grundstoffs eine solche Verbesserungsmaßnahme gar nicht erst zuließ. Fünfundzwanzig Jahre! Da lachten ja die Hühner.

Wetten, dass dieses „edle Wässerchen“ vom selben Kaliber war und dank ihrer Aktion Sir Randolph nicht mehr ganz so viel Spaß an seinem bei der Auktion erstandenen Fäßchen haben würde? Innerlich sich die Hände reibend, verstaute sie die von Gavin zum Verkauf bestimmten Flaschen und den Schlauch im Rucksack und machte sich zum Gehen bereit. Im Geiste zählte sie schon die Scheinchen und freute sich auf eine heiße Nacht mit ihrem Geliebten. Oh ja, sie würden es bei der Feier ihres gemeinsamen Coups ordentlich krachen lassen. Doch es sollte nicht mehr dazu kommen.

Den leeren Kanister in der einen Hand und die Taschenlampe in der anderen, erstarrte sie sprichwörtlich zu Stein, als die Deckenbeleuchtung anging und Sir Randolph die Tür zum Kellergewölbe aufstieß, dicht gefolgt von seinen Freunden.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Auf frischer Tat ertappt. Wer hätte das gedacht? Mit Laras Geschichte ist an dieser Stelle Schluss. Und mit ihrer Karriere als Zeitreisende und Gangsterliebchen ebenfalls. – Die Schreibthemen im Juni lauten:

1) Jasmin trifft eine mutige Entscheidung. Erzähle, welche dies ist und was Mut für sie bedeutet +++ 2) Du wachst auf und stehst mitten in deinem aktuellen (oder vor kurzem gelesenen) Buch, was geht da vor? Und welches Buch ist es? +++ 3) Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Sonne, Stimmung, Freunde, liebevoll, Verständnis. +++ 4) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz „Der Regen fiel in Strömen auf sie herab, nun…“ beginnt. +++ 5) Deine vier Wände unterhalten sich darüber, dass Du nun so viel zu Hause bist. Über was plaudern sie? Schreibe einen kreativen Dialog.

Und hier sind die Regeln dazu: Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte/ein Gedicht/ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.

# Writing Friday 2020 – Juni, 23. Woche : der Spin-Off

 

Im Juni sind es fünf Themen beim #Writing Friday auf dem Blog von elizzy – zu einem davon ist mir nichts eingefallen, dafür aber hatte ich bei einem anderen gleich zwei Ideen. Die erste wird es demnächst hier als regulären Beitrag geben – die zweite ist mein Spin-Off zum Thema „Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz „Der Regen fiel in Strömen auf sie herab, nun...“ beginnt. Sie besteht aus mehreren Teilen und heißt  „Als der Regen kam

 

 

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

01 – Party of seven

Der Regen fiel in Strömen auf sie herab, nun endlich nach wochenlangem Sonnenschein und blauem Himmel, an den nur Kondensstreifen regelmäßig etwas Weiß zauberten, bekam das ausgetrocknete Land das, was ihm so dringend fehlte.

Aber warum erst jetzt, an diesem Wochenende, ärgerte sich Lucy. Da will man einmal campen gehen, und dann so was! Ja, wenn es der Samstag davor gewesen wäre; da hatte sie im Laden stehen müssen, natürlich bei dreißig Grad und Sonnenschein. Wer kauft da schon Klamotten? Ihre Freundin Sarah, ja, die hatte den idealen Job ergattert, in der italienischen Eisdiele, mit netten Kollegen. Wenn Lucy dagegen an ihre zickige Kollegin dachte, die sich für die größte Modeexpertin unter der Sonne hielt und bei jeder Gelegenheit raushängen ließ, wie wenig Ahnung Lucy ihrer Meinung nach hatte… Wer solche Kollegen hat, braucht keine Feinde mehr. Aber warum dachte sie überhaupt an diese dumme Nuss? Sie sollte lieber diesen Campingausflug genießen. Eigentlich war es ja noch nicht einmal richtiges Camping. Eher „Glamping“. Die Idee war nicht auf dem Mist ihres Bruders gewachsen, sondern der Vorschlag war von Andy gekommen, dem einzigen von Toms Freunden, der sein Hirn einschaltete, bevor er den Mund aufmachte. Tom hatte sie ausgelacht, was sie denn um Himmels willen mit dem ollen Zelt wollte.

Oh Mann Lucy, wir haben ein richtiges Haus“, hatte er geprahlt. Der alte Angeber. Von wegen Haus – eher eine Blockhütte mit offenem Wohnbereich, Kochecke, Nasszelle und drei Schlafzimmern mit Platz für eine Volleyballmannschaft plus Coach. Dennoch hatte Lucy sich nicht davon abbringen lassen: Das Zelt musste mit. Und wenn sie sich die Zimmerverteilung so ansah, war sie auch gottfroh darüber. Warum nur hatte Tom David und Julian auf den letzten Drücker einladen müssen? Es hätte so schön werden können, nur sie vier – Tom, seine Freundin, Lucy und Andy, dem sie endlich näherzukommen gehofft hatte. Doch nun hatte sie seine nervigen Kumpel am Hals. Aber als ob das nicht schon reichte, war Laura, Toms Freundin und das zweite Mädchen in der Gruppe, auch keine angenehmere Gesellschaft. Die beiden sollten sich das Zweibettzimmer direkt neben dem Eingang teilen, aber Laura hatte nur Augen für Tom und beachtete Lucy kaum.

Wenn das mit den beiden so weiterging, hatte Lucy gedacht, dann würde es nicht mehr lange dauern, bis die ausgetüftelte Zimmerverteilung für die Katz war und der Rest zusehen konnte, wo er sich stapelte. Wenn alle Stricke rissen, konnte sie immer noch ihr Zelt unten am See aufschlagen, schön weit weg von der Blockhütte, bevor ihr das Geturtel der beiden und die damit verbundenen nächtlichen Geräusche ihnen allen den Schlaf raubten. Das war am Freitagnachmittag gewesen. Niemand hatte kommen sehen, dass sich am Samstagmorgen etwas zusammenbraute. Und selbst wenn, hätte es nichts geändert, denn keiner von ihnen schenkte dem Wetterumschwung Beachtung.

Es kam, wie von Lucy vorhergesehen: Noch am späten Freitagabend hatte sich Laura aus dem Zimmer geschlichen und sich bei Tom im Doppelzimmer einquartiert. Andy hatte nur vielsagend gegrinst und war im mittleren der drei Schlafzimmer verschwunden, wo die beiden anderen sich auf das Stockbett verteilt hatten und ihr Gepäck auf der Notpritsche stapelten. Der Lärm, den Andy und die beiden anderen Typen beim Pokern veranstalteten, war ja fast noch schlimmer als die quietschenden Sprungfedern in Toms Zimmer. Es war zum Wahnsinnigwerden. Und dann konnte Lucy noch nicht einmal ihr Zelt aufbauen, weil sie nicht an die Schlüssel zu dem Pick-Up herankam. Die befanden sich in Andys Jacke, und der war wie seine Zechkumpane nach zwei Flaschen Wokda bereits sternhagelvoll. Außerdem hatte sie zwar das Zelt mitgenommen, aber nicht die Pumpe für die Luftmatratze, und Ohropax hatte sie auch nicht dabei. Als erstes, schwor sie sich, würde sie eine vernünftige Luftpumpe und Ohrenstöpsel besorgen. Doch dann kam es anders. Dabei hatte der Vormittag so unspektakulär begonnen…

Während sich Laura nochmal auf die andere Seite umdrehte, goss sich Lucy einen Kaffee ein und schlenderte hinunter zum See. Eines musste sie Andy lassen: Dieser Kaffee taugte etwas, und die Humpen waren auch groß genug. Ein Pluspunkt für ihn. Nur beim restlichen Proviant mussten sie noch nachbessern. Die paar Steaks und Würstchen würden niemals für sechs Leute reichen. Für sechs? Siedend heiß fiel ihr ein, dass sich noch jemand siebtes angekündigt hatte. Ein Freund von Andy, der später mit seinem Motorrad eintrudeln wollte. Einkaufen war angesagt, aber alles zu seiner Zeit. Paradiesische Ruhe umfing sie.

Versunken in den Anblick des Sees, genoss sie den Moment der Vollkommenheit. Warum gab es solche Augenblicke nicht öfters? Ruhe – ein seltenes Gut, dank der dritten und zur Hälfte geleerten Wodkaflasche, hatten sich Andy, David und Julian endgültig ins Land der Träume katapultiert und würden wohl so bald auch nicht von dort zurückkehren. Ruhe, ein seltenes Gut, das nach dem Gequietsche und Gestöhne aus dem dritten Zimmer, auffallend schnell eingekehrt war. Ruhe, ein seltenes Gut – jäh unterbrochen durch das Knattern eines Motorrads. Jetzt schon?

Polternd stapfte der Motorradfahrer, Lucy ignorierend, mit seinen schweren Stiefeln auf die Hütte zu. Vielleicht hatte er sie auch nicht gesehen, doch im Grunde war Lucy froh darüber, denn der Kerl war ihr unheimlich. Wer hatte den bloß eingeladen?

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

… Fortsetzung folgt …

 

 

# Writing Friday 2020 – Juni, 23. Woche : My home is my castle

 

Auch im Juni bietet der #Writing Friday auf dem Blog von elizzy vier Möglichkeiten, sich kreativ beim Schreiben zu betätigen. Meinen Urlaub habe ich dazu genutzt, Ideen zusammenzutragen. In der ersten Woche habe ich tatsächlich einen Tapetenwechsel vorgenommen, weil ich mal raus wollte aus den berühmten eigenen vier Wänden – dank HomeOffice wird mir dieser Spaß noch bis Anfang September erhalten bleiben, und selbst dann wird noch nicht klar sein, wie viele Kollegen zurück ins Büro dürfen. Und darum wird sich mein erster Beitrag mit der fünften Aufgabe beschäftigen, die da lautet:

Deine vier Wände unterhalten sich darüber, dass Du nun so viel zu Hause bist. Über was plaudern sie? Schreibe einen kreativen Dialog.

Was könnten sich die Wände des Hauses, in dem ich lebe, wohl zu erzählen haben? Schlafzimmer, Wohnzimmer, Bad, Treppenhaus und Küche – das sind fünf Persönlichkeiten, und jede ist anders gestrickt. Aber lasset uns nun hören, was sie uns verkünden. Corona hilf!

 

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

My home is my castle

Schlafzimmer: Leute, hört die frohe Botschaft. Unsere Herrin hat sie mir heute im Vertrauen zugeflüstert. Home Office noch bis September!

Wohnzimmer: Ach, du Sch*** …

Bad: Fieso?

Wohnzimmer: Wieso was, du Naßzelle?!

Bad: Wieso du fluchst. Ob Madame jetzt hier ist oder im Büroturm, macht doch keinen Unterschied.

Wohnzimmer: Für dich vielleicht nicht, du…

Schlafzimmer: Peace, Leute! Kommt mal wieder runter. Tut das denn Not, dass …

Küche: Genau! Endlich ist es mal ruhig, wo sie in Urlaub gefahren ist, und was macht ihr? Keift euch an wie auf dem Fischmarkt. Mir hat das Gebrüll von der echt gereicht. Also, ich bin froh, dass hier mal niemand rumtobt. Außerdem habe ich das mit der Verlängerung als erste von ihr erfahren. Hier war nämlich Team-Meeting am Telefon, und da hat der Chef es ihr und ihren Kollegen verraten.

Treppenhaus: Stimmt. Ihr da oben kriegt das ja nicht so mit, ihr habt ja die Türen zu – und der ihr Geschrei hallt hier so richtig.

Wohnzimmer: Ach Gottchen, du Armes. Eine Tüte Mitleid bitte.

Treppenhaus: Ha ha. Sehr witzig. Dabei hast Du’s doch noch am besten von uns allen. Südwestseite. Immer Sonne. Einen netten, ruhigen Mitbewohner.

Wohnzimmer: Houdini? Die liegt doch den ganzen Tag nur zusammengerollt auf ihrem Ast und macht nix. Döst vor sich hin. Oder die eingegangene Zimmerpalme und die Aloe Vera in ihrem zu kleinen Topf? Wenn das so weitergeht, stirbt die noch an Austrocknung. Oder an Langeweile. Und den ganzen Tag auf die Plattensammlung starren, bringt’s auch nicht.

Schlafzimmer: Ach, neidisch?

Wohnzimmer: Sei du bloß ganz ruhig. Ich möchte nicht wissen, wie’s bei dir aussieht. Ich wette, noch chaotischer als bei mir. Ein Vögelchen hat mir da so einiges zugezwitschert.

Treppenhaus: Alte Petze!

Wohnzimmer: Von wegen Petze. Bei mir sind’s die ganzen Schallplatten von ihrer Lieblingsband, die vor sich hinstauben. Und die DVDs, die sich stapeln, aber nie bei mir geguckt werden, sondern immer nur bei Dir; aber da stapeln sich die Klamotten. Auch nicht besser.

Schlafzimmer: Ha ha. Sehr witzig. Da ist aber jemand eifersüchtig. Dabei besteht gar kein Grund dazu. Hier hängt zwar der Kalender mit den hübschen Kerlen an der Wand….

Treppenhaus: Hübsche Kerle (fängt an, hysterisch zu lachen und kriegt sich gar nicht mehr ein). Der war gut.

Wohnzimmer: Ach, nicht? Jetzt bin ich aber echt mal gespannt, wer das aktuelle Kalenderblatt schmückt.

Treppenhaus: Na, die Feuerwehrleute von Station 19 sind’s schon mal nicht. Eher so Vögel aus den Achtzigern.

Schlafzimmer: Wie war das nochmal mit der Petze, du Punk?

Treppenhaus: Macht nur so weiter und ich sage gar nichts mehr. Ich lass mich doch von euch beiden nicht beleidigen.

Wohnzimmer: Komm schon, Alter. Du weißt doch, dass wir dich nur aufziehen wollen und es nicht so meinen. Niemals würde ich dich beleidigen. Schließlich hast du von uns allen die schönste Bildergalerie. Bei mir hängt nur ein popeliger van Gogh, der Rest stapelt sich auf dem Regal.

Treppenhaus: Das auch mal wieder abgestaubt werden könnte. Ich sag nur eins: Teddys.

Bad: Oh ja, die Teddys. Madame hat schon länger nicht mehr die Jäckchen von denen bei mir von Hand ausgewaschen. Dabei hatte sie die Bären schon als kleines Kind und hat die seitdem gehütet wie ihre Augäpfel.

Wohnzimmer: Hast du auch was zu melden, du WC-Ente!

Treppenhaus: Hey, du, keine Beleidigung. Der Kleine hat doch recht. Außerdem ist er der einzige im Haus ohne Wandschmuck, da kann man schon mal kirre werden.

Küche: Ja, genau, bei mir hängt auch so ein Van Gogh, aber als Puzzle. Aber Doppel-Null hat gar nix. Außer zwei Besuchen täglich von ihr, en nature. Wie Gott sie schuf. Schon blöd, wenn er sich den Anblick noch mit jemand zweitem teilen müsste.

Bad: Naßzelle. WC-Ente. Doppel-Null. Ihr könnt mich mal. Menno.

Küche: So, jetzt habt ihr’s geschafft. Jetzt ist er fratzig. Geschieht euch recht.

Treppenhaus: Wieso wir? Du musst grad was sagen. Wer ist denn mit der Doppel-Null angekommen?

Küche: Guter Punkt. Aber wisst ihr was? Liebes Bad, hiermit möchte ich Dich feierlich um Verzeihung bitten. Ich habe es nicht so gemeint. Das war nicht fair von mir. Schließlich siehst du sie nur kurz, aber ich habe sie den ganzen Tag zur Gesellschaft. Vielleicht habe ich durch das viele Home Office und das Geschrei, weil da unten mal wieder alles zusammenbricht, auch bloß leichte Erscheinungen von Lagerkoller. Ist ja so abgeschottet wie ’ne Burg mit Wassergraben hier. My home is my castle, oder was?

Treppenhaus: Okay Leute, bevor das ganze jetzt völlig aus dem Ruder läuft, ein Vorschlag zur Güte. Jetzt, wo sie erst mal ’ne Weile weg ist, wie wär’s, wenn wir ihr ’nen Brief schreiben, dass das so kein Zustand auf Dauer ist. Hat irgendwer Vorschläge?

Bad: Also, ich… äh… nicht so wirklich. Sie kann ja schlecht ihren Job vom Klo aus erledigen. Und bevor jetzt einer mit dem blöden Spruch von wegen „zu einem guten Geschäft gehören immer zwei“ kommt… sag‘ ich nur ‚lasst es‘. Oder ich trete in den Streik.

Wohnzimmer: Soll ich dir helfen und das Klopapier verstecken?

Bad: Ach nee… damit das Genörgel von wegen ‚kein Papier – alles weggehamstert‘ von vorne losgeht? Ich war ehrlich gesagt, echt froh, als es wieder welches gab.

Wohnzimmer: Ich hätte dafür gerne Madame wieder öfters zu Gast bei mir.

Treppenhaus: Das wird schwierig, wenn der DVD-Spieler immer noch nicht geht.

Wohnzimmer: Aber ich hab ’nen tollen Plattenspieler.

Schlafzimmer: Stimmt. Dann könnte sie wenigstens die Kerle vom aktuellen Kalenderblatt auch mal wieder hören, anstatt sie nur als Wandschmuck zu bewundern.

Wohnzimmer: Ach, die sind das. Und ich habe mich schon gefragt…

Schlafzimmer: Alles easy. Der wahre Grund, warum sie nach der Arbeit erst in den Garten und dann direkt zu mir verschwunden ist, liegt ganz woanders.

Treppenhaus: Aha. Jetzt bin ich aber gespannt.

Bad: Ich auch. Ich auch.

Schlafzimmer: ich bin der coolste Typ im Haus, mit Blick nach Osten… Ha ha. Nee, war nur Spaß. Südwestseite am Abend und deine kuschelige Wärme sind nicht der Grund dafür.

Wohnzimmer: Jetzt mach’s nicht so spannend.

Treppenhaus: Ich glaube, ich weiß es.

Schlafzimmer: Klappe. Sonst Beule. Also gut, dann lüfte ich das Geheimnis. Könnt ihr euch noch an den Sommer 2018 erinnern?

Treppenhaus: Oh ja, da haben sich plötzlich die leeren Flaschen wie von Geisterhand bei mir vermehrt.

Schlafzimmer: Yepp. Hat damit zu tun. Da hat es angefangen – sie hat bei einem Schreibprojekt mitgemacht und sich für ihr eigentliches Projekt warmgeschrieben. Ein Gläschen Rotwein am Abend, die passende Musik dazu, und jeden Abend ein, zwei Stunden mit dem Laptop im Bett… und 18 Monate später ist ein Roman draus geworden. Das ist der wahre Grund, warum sie und ich…

Wohnzimmer: Na toll, und bei mir ging das nicht (Zieht beleidigt einen Flunsch)?

Schlafzimmer: Ich sag’s nur ungern, doch das Bett scheint irgendwie doch bequemer zu sein. Aber da sie das Projekt abgeschlossen hat und ihren Kram jetzt auf dem neuen Smartphone liest, hast du gute Chancen, dass du sie bald wieder öfters siehst.

Treppenhaus: So ist es. Außerdem habe ich was läuten hören, dass sie dich demnächst gründlich während ihres Urlaubs aufräumen und gemütlicher herrichten möchte, weil sie beschlossen hat, dass sie mit ihrer Freundin einen DVD-Abend veranstalten möchte, sobald die Coronakrise vorbei ist.

Wohnzimmer: Na dann. Aber den Brief schreiben wir trotzdem.

Küche: So machen wir’s.

 

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Au wei, das war jetzt doch länger als beabsichtigt, aber so ist das, wenn nicht nur ein Zimmer aus seinem Herzen keine Mördergrube machen möchte, sondern gleich fünf davon. Das wird dann eben fünfmal so lang wie geplant (nämlich 1215 Wörter).

Die Schreibthemen im Juni lauten:

1) Jasmin trifft eine mutige Entscheidung. Erzähle, welche dies ist und was Mut für sie bedeutet +++ 2) Du wachst auf und stehst mitten in deinem aktuellen (oder vor kurzem gelesenen) Buch, was geht da vor? Und welches Buch ist es? +++ 3) Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Sonne, Stimmung, Freunde, liebevoll, Verständnis. +++ 4) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz „Der Regen fiel in Strömen auf sie herab, nun…“ beginnt. +++ 5) Deine vier Wände unterhalten sich darüber, dass Du nun so viel zu Hause bist. Über was plaudern sie? Schreibe einen kreativen Dialog.

Und hier sind die Regeln dazu: Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte/ein Gedicht/ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.