ABC-Etüden 2022 – Wochen 38 & 39 – Etüde 4 – Der Dialog

Am liebsten hätte ich ja die erste der drei Illustrationen aus der letzten Runde genommen, aber das geht ja nun nicht.

Deshalb gibt‘s für die aktuelle Runde (hier, bei Christiane) eine eigene, die zu meinem aktuellen Ärgernis passt. Ich hätte lieber über angenehmere Themen geschrieben, aber was raus muss, muss raus. Bevor ich noch platze – denn bei manchen Zeitgenossen frage ich mich, was in ihren Köpfen vorgeht oder ob sie mit Absicht das ignorieren, was sich jenseits ihres Tellerrands abspielt und vor welchen Karren sie sich mit ihren Aktionen spannen lassen.

Ohne die echten Namen der beteiligten Personen und Vereinigungen zu nennen, habe ich einen Dialog um die von nellindreams gespendeten Wörter Regentonne, sensibel und schwanken herum gestrickt. Das Gespräch (in zwei Farben wegen der besseren Lesbarkeit) mag frei erfunden sein, der Anlass ist es leider nicht.

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Der Dialog

„Hast du schon gehört?“

„Was?“

„Der Jay ist jetzt zu den Impfgegnern und Maskenverweigerern übergelaufen.“

„Huch? Wo hast du das denn her?“

„Hier steht’s s schwarz auf weiß: Marsch auf die Hauptstadt. Tretet ein, freut euch, kommt alle. Jay, seines Zeichens Trommler bei Musiklegende *Extra-Large* ruft auf Social Media dazu auf, sich den Souveränen Bürgern anzuschließen, um die Massenimpfung von Kindern zu verhindern und ein klares Zeichen zu setzen. Seine Worte: ‚Wir haben Speis und Trank, und wir haben *Extra-Large*!‘ Der Veranstalter erwartet Tausende von Demonstranten.“

„*Extra-Large*? Tolle Wurst! Doch wohl eher aus der Konserve. Sag mal, geht’s noch? Das sind ja reichsbürgerähnliche Zustände. Das hätte ich dem Jay niemals zugetraut. Ist dem eigentlich klar, mit wem er sich da verbrüdert und dass er andere anstiftet?“

„Vielleicht ist es ihm ja egal.“

„Das wäre nun aber wirklich fatal. Was sagen denn seine Bandkollegen dazu? Das würde mich mal interessieren?“

„Ich glaube nicht, dass die das gutheißen. Wo der eine sogar noch öffentlich verkündet hat, er hätte sich impfen lassen.“

„Aber mal was anderes. Muss dieses Revolverblatt die Gilmore-Girls zitieren? The Guardian. Die sind ja noch unsensibler als unsere Krawallzeitung. Das kannst du doch in die Tonne kloppen!“

„Dann aber in die Regentonne! Misch Tapetenkleister drunter, und heraus kommt sogar noch etwas Kreatives. Aber apropos… Kreativen Output haben *Extra-Large* doch seit Jahren nicht mehr geliefert. Was machst Du eigentlich mit den ganzen CDs von denen? Wegschmeißen?“

„Oh Gott, da sagst du was. Ich stehe kurz davor. Aber dann denke ich: Die Aufnahmen sind uralt, und damals konnte niemand wissen, dass es ’22 so eskalieren würde. Außerdem können seine Kollegen nun wirklich nichts dafür. Aber ganz ehrlich? Ich schwanke noch. Und so lange wandern die Scheiben erst mal nach ganz hinten ins Regal.“

„Aus den Augen, aus dem Sinn?“

„So in etwa.“

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300 Wörter für den Rant der Woche, auf den ich garantiert nochmal zurück komme. In welcher Form auch immer.

ABC-Etüden 2022 – Wochen 38 & 39 – Etüde 3 – Der Anruf

Drei Illustrationen – drei Etüden für die aktuelle Runde (hier, bei Christiane). Für diese hat mir meine aktuelle Lieblingsserie die Inspiration geliefert. In ihr habe ich die von nellindreams gespendeten Wörter Regentonne, sensibel und schwanken versteckt. Viel Spaß beim Suchen.

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Der Anruf

„9-1-1, wie kann ich helfen?“

Aus dem Hörer dringt gehetztes Keuchen.

„Er. Ist. In. Die. Regentonne. Gefallen.“ Betretenes Schweigen, durchsetzt mit Verzweiflung. „Und. Nun. Kommt. Er. Nicht. Mehr. Raus.“

Die Stimme schwankt, dann bricht sie ab. Geht in Schluchzen über. Der ganze Jammer der Welt ergießt sich in den Hörer.

„Er…“

Noch hält sich die Praktikantin tapfer. Eine Adresse. Sie braucht eine Adresse. Doch der Anrufer kann sich kaum noch beruhigen.

Durchatmen. Puls runterfahren. Anrufer besänftigen.

Je sensibler Hilfesuchende sind, desto schwieriger wird es; und je länger es dauert, desto aussichtloser wird es für die in Gefahr Schwebenden.

Zu hülf!

Schweißgebadet erwache ich. Da liegt es, das weiße Badetuch und leuchtet mir in dem bläulichen Licht des nicht ganz vollen Mondes entgegen. Als ob ich geahnt hätte, dass ich es heute Nacht noch brauchen würde. Verwirrt halte ich das Babyfon in den Händen, aus dem aufgeregte Hickser quellen.

Das arme Kind kann wohl genauso wenig schlafen wie ich.

Ach herrje, da liegt der Kleine und greint ohne Unterlass. Der Platz neben ihm ist leer. Kein Teddy…

Kein Teddy? Einer Eingebung folgend, husche ich nach draußen und durchkämme den Platz neben dem Holzstapel. Heute Mittag war das Tier noch da, hatte ein Sonnenbad genommen. Jetzt aber ist sein Platz an der Sonne verwaist, braune Fusseln haben eine Spur zur Tonne hinterlassen.

Bis zu den Ellenbogen tauche ich ein in das eiskalte Nass, bis ich etwas Weiches unter den Fingern spüre.

Gefunden, aber durchweicht. Nass, aber heil und ganz. Umfangreiche Wiederbelebungsmaßnahmen liegen vor mir. Das wird eine kurze Nacht werden.

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258 Wörter sind es diesmal geworden.

ABC-Etüden 2022 – Wochen 38 & 39 – Etüde 2 – Der DVD-Abend

Gegen unterkühltes Frösteln helfen nur heiße Rhythmen. Fündig wurde ich mal wieder auf Youtube, die mir zur Abwechslung Live-Mitschnitte vorschlägt. Einer davon hat mir als Inspiration für meine zweite Etüde für die aktuelle Runde (hier, bei Christiane) gedient.

Die Wörter Regentonne, sensibel und schwanken sind diesmal von nellindreams gespendet worden.

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Der DVD-Abend

„Na, hast Du wieder Deinen Lieblingskonzertfilm laufen?“

Ich nicke zustimmend meiner Schwester zu und nehme mir ein Weingummi, doch dann zoomt die Kamera den hinteren Teil der Bühne heran und der Drops rutscht nicht mehr.

Röchel!

Da liegt es, das Handtuch, achtlos hingeworfen und pitschnass wie frisch aus der Regentonne. Ja, es ist Juli, und die Band gibt auf der Open-Air-Bühne alles: Eine energiegeladene Show. Nach einem kurzen Sprint in mörderischer Hitze lässt der Sänger sich zu Füßen des Schlagzeugers nieder und ergreift den Frotteeballen, um sich den Schweiß vom Gesicht zu wischen. Kein Wunder, so wie er sich unter dem grellen Scheinwerferlicht verausgabt.

Die Menge tobt begeistert.

Wäre ich Teil der Crew gewesen, hätte ich ihm und seinen Kollegen luftigere Kleidung verpasst, aber dann hätten sich wieder alle nur auf die attraktive Erscheinung des Sängers konzentriert, anstatt sich in die dargebotenen Songs zu vertiefen, deren Texte sein sensibles Inneres und das seines Co-Autoren widerspiegeln.

Und wieder der Griff (diesmal vom Bassisten) zu dem weißen Ungetüm aus Frottee. Eines für alle? Oder habe ich nicht mitbekommen, dass es zwischendurch doch ausgewechselt wurde? Falls nicht, dann Brrr! Doch so wie der Film geschnitten wurde, bin ich auch nach 98 Minuten nicht schlauer. Live, Baby. Yeah!

Eigentlich wollte ich die im Film dargestellte Show genießen, doch nun starre ich unablässig auf das durchtränkte Saunatuch, und die Bilder in meinem Kopf lassen mich zwischen Faszination und Unbehagen schwanken.

Seit wann bin ich denn so etepetete? Nicht ich musste in diesem Stadion vor siebzigtausend Leuten auftreten und wurde dabei von siebzehn Kameras für die Nachwelt festgehalten.

Sei’s drum. Kein Grund, mir den Film nicht nochmal anzusehen, beschließe ich und nehme mir noch ein Bier. Wohl bekomm’s. Schließlich hat’s dem Schlagzeuger ja auch geschmeckt.

„Bier und Weichgummidrops?“ – Jetzt ist es an ihr, sich zu schütteln.

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300 Wörter sind es diesmal geworden.

ABC-Etüden 2022 – Wochen 38 & 39 – Etüde 1 – Der Aufhänger

Zum herbstlichen Gebibber dürfen wir wieder neue Etüden beisteuern.

Für die aktuelle Runde (hier, bei Christiane) hat diesmal nellindreams die Wörter Regentonne, sensibel und schwanken gespendet. Keine Sorge, die kürzeste Etüde der Saison in einem Satz aus vier Wörtern zu schreiben, ist nicht mein Ziel. Obwohl die Kombination nur zu verlockend ist. Und darum musste er am Ende doch als Aufhänger herhalten.

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Der Aufhänger

„Die Regentonne schwankt sensibel?“ – Das schreib ich nicht in meine Fibel.

Eine Fibel voll Etüden erspart mir manchen Traum vom Süden. *** Gen Süden zieht’s mich wirklich nicht – da schreib ich lieber ein Gedicht. *** Eines, zwei oder gar drei? Lyrik ist nicht nur Reimerei.

Oft sehe ich meine Worte holpern und über Schreibblockaden stolpern. *** Droht meine Euphorie zu schwanken, hilft es, woanders aufzutanken. *** Sensibel pausiert und mit Bedacht kommt die Idee dann in der Nacht.

Doch ist sie fort am nächsten Morgen. Wo hat sie sich denn nur verborgen? *** Funkelt sie im Glanz der Sonne? Oder am Grund der Regentonne? *** Doch bis zu ihrer Wiederkehr nehm‘ ich den nächsten Einfall her.

Und auf einmal wird mir klar: Wildes Fabulieren ist wunderbar.

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120 Wörter für ein nicht immer glatt laufendes Gedicht (mit holprigen Stellen nach dem Motto „Reim dich oder ich fress dich“), bei dem es auch bei der Optik hapert.

ABC-Etüden 2022 – Wochen 36 & 37 – Etüde 3 – Zug um Zug

Der Herbst ist nah, drum denke ich mir selbst eine Wortspende aus… Okay, das war ein winziger Spoiler – jetzt aber sitze ich erst mal an meiner dritten Etüde, damit auch die dritte Illustration drankommt.

Und wieder gibt es eine weitere Kombination aus den von Ludwig Zeidler gespendeten Wörtern Brechreiz, anschmiegsam und buchstabieren eine schreibtechnische Fingerübung für die aktuelle Ausgabe der ABC-Etüden (hier, auf Christianes Blog) in die Tasten zu hämmern. Die Wörter habe ich aus stilistischen Gründen unterstrichen, anstatt sie fettgedruckt hervorzuheben.

Zug um Zug nur Lug und Trug? Nö. Leider war das folgende die unschöne Realität. – Achtung, Triggerwarnung: Wer in Bus und Bahn keine Maske tragen will, sollte besser nicht weiterlesen. Er oder sie könnte sich angesprochen fühlen.

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Zug um Zug

Bitte denken Sie an das Tragen einer FFP-2- oder medizinischen Maske, sonst sind Sie von der Beförderung ausgeschlossen.“

Aaaargh! Wie oft denn noch?

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe gegen diesen Satz überhaupt nichts. Doch nach meinem letzten Erlebnis in einem Intercity weiß ich gerade nicht, was mir stärkeren Brechreiz bereitet: Die Vorstellung, auf Langstrecken stundenlang mit so einem unangenehm anschmiegsam werdenden Lappen vorm Gesicht auszuharren oder mir diesen Spruch wieder und wieder anhören zu müssen, obwohl ich gerade wieder live mitbekommen durfte, mit welcher Konsequenz die Bahn ihr Hausrecht anwendet. Nämlich gar nicht.

Anstatt die entsprechenden Kandidaten von der Beförderung auszuschließen, ist man so „nett“, andere Mitreisende um eine Maske zwecks Weiterreichen an die Betroffenen zu bitten. Was für ein Service. Statt einer Kontrollperson vom Typ Stadion-Security, die im Zweifelsfall auch dem Verweigerer die eingangs erwähnte Beförderungsvorschrift noch einmal detailliert buchstabiert, schickt man jemanden los, der mit der Situation anscheinend heillos überfordert ist.

Auf den Einwand meiner Begleitung, dann solle man doch jene, die sich an diese simple, x-mal wiederholte Regel nicht halten wollen, des Zuges verweisen, kommt nur ein entsetztes „aber dann hätten wir ja noch mehr Verspätung“.

Huch?

Als ob Verspätungen im Zugverkehr etwas neues wären. Aber man will ja nicht so sein, händigt dem Kontrolleur einen Satz Masken aus und bekommt im Gegenzug freundlicherweise einen Gutschein, einzulösen in den kommenden drei Monaten in einem Bordrestaurant der Deutschen Bahn.

Dummerweise fehlt jedoch genau so ein solches in dem Zug, in dem wir gerade sitzen – wegen Personalmangel. Leider wird aber auch die edle Maskenspenderin dieses Jahr nicht mehr einen Intercity oder ICE besteigen.

Aber vielleicht ja ich?

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Das waren 270 Wörter als Aufarbeitung meiner letzten Reise mit der Bahn, von Frankfurt nach Münster und zurück, an einem Tag – reine Fahrtzeit mit IC und ICE: acht Stunden (die Fahrten mit Bus und S-Bahn zum Frankfurter Hauptbahnhof nicht mitgerechnet).

PS: Spaßig fand das auch nicht die Dame am Tisch neben mir, die irgendwann doch ihre Maske aus der Tasche friemelte und sich umständlich vor den Schnabel band. Nur um dann irgendwann festzustellen, dass es sich ohne besser reist: ohne Maultasche und ohne unsere Konversation, bei der sie genervt schnauben und mit den Augen rollen musste, um dann ganz zu verschwinden, als sie erfuhr, dass wir bis zur Endstation weiterreisen würden. Stand auf, verschwand und ward nicht mehr gesehen. Na, so ein Pech aber auch… wie dumm, dass so ein Großraumwagen im Intercity kein Schweigekloster ist.

ABC-Etüden 2022 – Wochen 36 & 37 – Etüde 2 – Was Du sagst und was Du denkst

Wer sich gefragt hat, was für ein zeitintensives Projekt ich mir jetzt schon wieder aufgehalst ausgesucht habe, das mir eventuell keinen Raum für Etüden lässt, wird die Antwort schon bald erfahren. Natürlich war die Panik völlig unbegründet – ich nehme die neue Etüdensaison (hier, auf Christianes Blog) als Möglichkeit wahr, für das nächste längere Werk ein wenig zu üben.

Gelegenheit dazu bieten die Wörter Brechreiz, anschmiegsam und buchstabieren, die der nicht mehr bloggende Ludwig Zeidler gespendet hat. Ich habe sie diesmal im Text unterstrichen, denn bei der folgenden, mit nicht ganz stubenreinem Jargon durchmischten Schilderung einer fiktiven Begegnung (wo auch immer) könnte die Erzählerin die meiste Zeit über nur schreien.

Schreien würde auch sicherlich meine Deutschlehrerin und sich die Haare raufen, so sie noch welche hat oder auf Erden weilt. A propos „auf Erden weilen“… trotzdem: Wer schon einmal von einem Betrunkenen belästigt wurde, sollte an dieser Stelle vielleicht nicht unbedingt weiterlesen.

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Was Du sagst und was Du denkst

„Holla die Waldfee! Ein Engelchen auf Erden. Magst Du nicht die Meine werden? Du bist die Sahne auf dem Kuchen. Komm, lass uns Deine Flügel suchen… Hicks!“

Huch?! Nein!! Bloß das nicht!!!

Doch die Horrorshow hat gerade erst angefangen. Die Schwallerei geht weiter, der Laberhannes hat Durst. Durst auf mehr. Aber halt, mein „Freund“: So nicht. Nicht mit mir.

Och nö! Welchen Teil des Satzes hast Du nicht verstanden? Muss ich es Dir wirklich nochmal von vorne buchstabieren? Boah ey, da bekomme ich doch echt Brechreiz und Fußpilz. Selbst Amöben haben mehr Substanz als Dein Geblubber von dem jetzt im Himmel fehlenden Engel.

Drei.. zwei… eins… Hau weg die Griffel! Dein Hirn geht in Stellung und eröffnet das Sperrfeuer. Achtung, fertig, los…

Aber das denkst du bloß.

Statt dessen verziehst du den Mund zu einem schmallippigen Grinsen und trittst dem anschmiegsamen Trunkenbold „rein zufällig“ und „ohne jeden Hintergedanken“ auf den Fuß.

Hoppla!“ Gedankenpause. „Ooooooch, das tut mir ja sooooo leid!“ Nicht.

Der Ausdruck auf dem Gesicht des Schmierlappens, als du in der Menge entschwindest, juckt dich nicht die Bohne, Hauptsache du hast deine Ruh‘.

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Das waren 184 Wörter für den Versuch, Gedachtes und Reales unter einen Hut zu bringen. Und ich merke gerade: von so einem Nervtöter wurde vor kurzem erst meine Geduld ziemlich strapaziert – dem bin ich dann verbal auf den Fuß gestiegen – und nicht physisch. Da war es naheliegend, dass ich mir die erste der drei Illustrationen ausgesucht habe.

ABC-Etüden 2022 – Wochen 36 & 37 – Etüde 1 – Jahrgangstreffen

Die Sommerpause ist vorbei, und wir starten in die neue Etüdensaison (hier, auf Christianes Blog) mit den folgenden von Ludwig Zeidler (der nicht mehr bloggt) gespendeten Wörtern Brechreiz, anschmiegsam und buchstabieren. Let’s go: Ein aktuelles, geradezu frisches Erlebnis liefert das Material für meine Etüde zum Auftakt der Saison.

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Jahrgangstreffen

Jahrgangstreffen nein danke? Fünfunddreißig Jahre nach dem Abitur die ehemaligen Mitschüler wiederzutreffen, hätte bei mir früher die Flucht ausgelöst. Erst nach und nach wurde mir bewusst, wie sehr sich Menschen ändern können, also heute nicht mehr dieselben sind wie damals, auch wenn sie sich äußerlich kaum verändert haben. Alle fünf Jahre ein Treffen? Heute freue ich mich sogar darauf.

O diese Spannung, wenn jemand vor dir steht und du herauszufinden versuchst, wer das wohl sein könnte! Da helfen Namensschilder nur bedingt, wenn man im entscheidenden Moment erst mal die Brille suchen muss. Der Gag zündet später umso besser, wenn zu vorgerückter Stunde trotz im Lauf des Abends stetig fallender Hinweise der Groschen fällt und die Nachbarin in ihrer Weinseligkeit immer anschmiegsamer wird. Donnerwetter!

Doch Erinnerungen sind eine Sache für sich. Während die einen unwichtigen Schulkram beizeiten entsorgt haben, hüten andere Fotos und selbst das kleinste Fitzelchen wie einen Schatz und haben ein Elefantengedächtnis.

Interessant übrigens, wie man damals manches buchstabiert hat, denke ich mir, als einer einen dicken Aktenordner mit maschinengetippten Redaktionsunterlagen der Schülerzeitung auspackt, den er erst Stunden vor dem Treffen gefunden hat. Ob nach gezielter Suche oder durch Zufall, diese Frage beantwortet mir allerdings niemand.

Wirklich zu denken jedoch geben mir jedoch Unterschiede in der Wahrnehmung.

Zu hören, dass ausgerechnet der Typ, wegen dem ich jahrelang Bauchschmerzen und Brechreiz verspürt habe, ein liebenswerter Chaot gewesen sein soll, lässt mich erstarren. Liebenswerter Chaot? Vielleicht in einem anderen Leben… In meinem jedenfalls nicht. Doch zu meiner eigenen Verwunderung bleibe ich ruhig und grinse vor mich hin und in mich hinein. Wie gut, dass ab 22 Uhr draußen kein Licht mehr brennt. So kann niemand sehen, dass mein Lächeln meine Augen nicht erreicht.

Nun denn: Mal sehen, was in fünf Jahren beim nächsten, vermutlich sehr überschaubaren Treffen mit wechselndem Ensemble passiert.

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In 300 Wörtern punktgenau zur Etüde. Schon komisch, wenn ich an die Zeit zurückdenke, als wir noch vierstellige Postleitzahlen hatten und man diese Zahlenfolgen dann schwarz auf weiß vor sich sieht. Warten wir ab, ob mir mein neues Projekt Zeit und Luft für eine weitere Etüde lässt.

Jubiläums-Edition – der Etüden-Spin-Off : Schlussakkord

Da ist er nun, der Schlussakkord, von anderen auch Epilog genannt – als Gegenstück zur Ouvertüre, ursprünglich auch Ankündigung genannt. Wozu ein Urlaub nicht alles gut ist… Wenn der Körper von der extremen Hitze gelähmt ist, aber der Geist bzw. die Fantasie umso aktiver (nahezu blühend, könnte man meinen), kommt so etwas dabei heraus. Die Gesamtübersicht aller Kapitel habe ich diesmal ganz ans Ende gesetzt, damit es hier gleich losgehen kann:

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Auf Eis gelegt – Schlussakkord

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Frühling ist’s, der Safran küsst mit zarten Hauch, Knospen gehen auf Kollisionskurs auch… Engel, o Du Engel mein, mögest Du immer die meine sein… Was andere konnten, das bekam Schrödinger schon lange hin. Welche Frau hätte sich nicht über ein solches Gedicht gefreut? Gerührt von seinem poetischen Einfall, griff er zum Hörer, um Giulias Nummer zu wählen, da kam ihm das Läuten des Telefons zuvor.

Der Chef! Besser gesagt, der Ex-Chef. Was der denn jetzt noch wollte? Sich mit ihm über den ungewönlichen Tausch unterhalten? Sich erkundigen, wie ihm die gute Seeluft bekam, da er sich auf dem neuen Areal bei Bali häuslich eingerichtet hatte? Oder gab es ein Problem mit Maren Fuchs?

„Nein, nein, alles gut“, zerstreute Haase seine aufkommenden Bedenken. Die neue Kollegin, für die Nowitzki vor vier Monaten ein gutes Wort eingelegt hatte, mache sich hervorragend, und er wolle eigentlich auch nur noch wissen, an welche Adresse genau er ihm seine persönlichen, in Berlin zurückgelassenen Sachen schicken solle.

Sie hatten noch eine Weile unverbindlich miteinander geplauscht, dann war Maren hinzugekommen und noch einmal nachgehakt, ob das Problem mit Miguel Andrés mittlerweile vom Tisch war. Zum Glück hatten sie dem feinen Herrn diesen Zahn ziehen können, und so hatte einem Treffen für den Tag, an dem der Transfer von Lara Förster endgültig über die Bühne gehen sollte, nichts mehr im Wege gestanden. Ach, Lara…

Nachdem er die Auswirkungen gewisser Himmelsphänomene am eigenen Leib zu spüren bekommen hatte, ergaben für ihn ihre blumigen Worte, mit denen sie ihren Brief an ihren Liebhaber ausgeschmückt hatte, auf einmal einen Sinn.

Safranstaubkussspuren, Knospenkollisionskurs, Irisreinkarnationslied…

Im Gegensatz zu Gavin, der mit ihrem verliebten Gesäusel vermutlich recht wenig hatte anfangen können, sah Schrödinger umso klarer die Zusammenhänge. Nicht umsonst galt er als Experte für mysteriöse und geheimnisvolle Fälle, die sich jeder menschlicher Logik entzogen und deren Lösung man auch nicht mit der berühmten Frage nach der Henne und dem Ei näherkam. Da beide untrennbar miteinander verbunden waren, hatte er diese Frage schon immer als müßig empfunden, doch nun brachte sie ihn erneut ins Grübeln.

Diesmal drehte sich das Rätsel jedoch um die Beziehung zwischen den vor Weihnachten erschienenen Phänomenen am Himmel von Bali und den beiden Engeln aus Marmor. Es war ihm gleich, ob nun das Himmelsleuchten die Engel aktiviert hatte oder das Leuchten auf den Einfluss der Engel zurückgegangen war – ihn interessierte, was am Tag von Lara Försters Verschwinden am Himmel zu sehen gewesen war.

Für ihn blieb nur noch eines zu tun: zu hoffen, dass die Astronomen, mit denen er diskret Kontakt aufgenommen hatte, ihm die richten Antworten auf seine Fragen lieferten.

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So würdevoll, wie die Beisetzung von Roberto Millefiores Urne von statten gegangen war, so unspektakulär hatte man Harry Brücks sterbliche Reste unter die Erde gebracht. Eine Analyse der DNA hatte bewiesen, dass es sich bei den vom Blitz verkohlten Resten tatsächlich um die des Abfallkönigs gehandelt hatte.

1977 –2021 : Hier ruht Harry Brück. Gier brachte ihm kein Glück.

Die schlichte Grabplatte stand zwar im Widerspruch zu der pompösen Beerdigung, die ihm zu Lebzeiten vorgeschwebt hatte. Da er es aber versäumt hatte, dergleichen rechtzeitig testamentarisch verfügen zu lassen, hatten sich die nächsten Angehörigen durchgesetzt und mit letzten Worten Ausdruck verliehen, wie sie wirklich zu ihm standen.

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An einem regnerischen Tag im Juni war es dann endlich soweit. Das Haus auf dem frisch von der Erbengemeinschaft Brück erworbenen Grundstück war bereit für den Einzug von Lara Förster. Auf richterliche Anordnung wurde die von Maren Fuchs begleitete junge Frau in ihre von Experten überwachte Wohneinheit geführt. Lebte sie sich gut ein und zeigte sich kooperativ, würde man ihr schon bald leichte Gartenarbeiten zuweisen.

Weit entfernt von den für Harry Brücks Verschwinden verantwortlichen Engeln, die man zu gründlichen und detaillierten Untersuchungen in einen abgelegenen Trakt der Einrichtung verbracht hatte – Untersuchungen, die ihre Zeit brauchen würden, vermutlich noch mehr Zeit als die Plakette an einem Baum im benachbarten Friedwald mit der unauffälligen Inschrift HB: 16.8.77–5.9.10: Daten, die bis auf das Sterbedatum verblüffend an die von Harry Brück erinnerten.

ENDE

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666 Wörter, mit denen die Sinfonie ohne Paukenschlag verklungen ist. Nie hätte ich gedacht, dass ich es schaffen würde, das mir selbst gesteckte Ziel, eine Monsteretüde mit Wortspenden aus fünf Jahren bis zum offiziellen  Start der regulären Etüden zu vollenden. Am Ende ist daraus ein Mystery-Krimi, beeinflusst von Geschichten um die Weinenden Engel aus dem Dr.-Who-Universum, geworden. Einen solchen Engel habe ich tatsächlich in ein paar meiner älteren Kurzgeschichten auftreten lassen (eine Frau namens Lara Förster verschwindet in der Vergangenheit, nachdem sie das Pech hatte, einer ähnlichen Statue zu begegnen.

Damit habe ich gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Und wem es bis hierher noch nicht aufgefallen ist: Inspiriert zu den Überschriften der einzelnen Kapitel haben mich die Titel „Der Hobbit, Teil 1“ (Akt 1), „Brügge sehen und sterben“ (Akt 2), „Geschlossene Gesellschaft“ von Jean-Paul Sartre (Akt 3), „Der Engel, der ein Teufel war“, ein Film mit Alain Delon (Akt 4) und „Guglhupfgeschwader“ (Akt 5).

Es folgt zu guter Letzt noch eine Aufstellung sämtlicher Kapitel dieses etwas längeren Kurzromans.

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Erster Akt – Eine unerwartete Reise: Der hauptsächlich in hoffnungslosen Fällen ermittelnde Schrödinger wird in Zwangsurlaub geschickt und reist an die Ostsee. +++ Zweiter Akt 1/2 – Bali sehen und sterben: Schrödinger meldet sich bei einer Sternenwanderung an. +++ Zweiter Akt 2/2 – Bali sehen und sterben: Er erfährt, dass der Mann der Caféhausbesitzerin an einem Herzinfarkt gestorben ist, und dann wird bei der Sternenwanderung ein weiterer Toter gefunden. +++ Dritter Akt 1/2 – Geschlossene Gesellschaft: Kommissarin Maren Fuchs, bisher nur für eher leichte Delikte zuständig, wird zur Unterstützung der Ermittlungen abkommandiert. +++ Dritter Akt 2/2 – Geschlossene Gesellschaft: Maren Fuchs verhört Schrödinger und Giulia Millefiore. +++ Vierter Akt 1/3 – Der Engel, der ein Teufel war: Schrödinger und Giulia beschließen, auf eigene Faust im Stil von Miss Marple und Mr. Stringer Detektiv zu spielen. Derweil erregen seltsame Himmelsphänomene das Aufsehen der Medien. +++ Vierter Akt 2/3 – Der Engel, der ein Teufel war: Beim Trauercafé kommt Giulia Millefiore hinter eine Ungereimtheit. Mit Folgen. +++ Vierter Akt 3/3 – Der Engel, der ein Teufel war: Die Ermittlungen machen erste Fortschritte. +++ Fünfter Akt 1/4 – Matjesgeschwader: Die Spur wird immer verzweigter und lässt die Hintergründe für den Todesfall am Strand erahnen. +++ Fünfter Akt 2/4 – Matjesgeschwader: Ein Verbrechen kommt selten allein. +++ Fünfter Akt 3/4 – Matjesgeschwader: Ende gut, alles gut? +++ Fünfter Akt 4/4 – Matjesgeschwader: Lose Fäden laufen zusammen, doch für einen endet die Reise hier.

Das war’s – es hat mir unheimlich Spaß gemacht, mir in meinem Urlaub mal eine Auszeit vom Alltag zu nehmen und mich bei einem nicht alltäglichen und teilweise übersinnlichen Thema auszuprobieren.

Das nächste Projekt wartet schon.

Jubiläums-Edition – der Etüden-Spin-Off : fünfter Akt 4/4

Endspurt mit dem „Was bisher geschah“, für alle Spätentdecker und -entdeckerinnen… Erster Akt – Eine unerwartete Reise: Der hauptsächlich in hoffnungslosen Fällen ermittelnde Schrödinger wird in Zwangsurlaub geschickt und reist an die Ostsee. +++ Zweiter Akt 1/2 – Bali sehen und sterben: Schrödinger meldet sich bei einer Sternenwanderung an. +++ Zweiter Akt 2/2 – Bali sehen und sterben: Er erfährt, dass der Mann der Caféhausbesitzerin an einem Herzinfarkt gestorben ist, und dann wird bei der Sternenwanderung ein weiterer Toter gefunden. +++ Dritter Akt 1/2 – Geschlossene Gesellschaft: Kommissarin Maren Fuchs, bisher nur für eher leichte Delikte zuständig, wird zur Unterstützung der Ermittlungen abkommandiert. +++ Dritter Akt 2/2 – Geschlossene Gesellschaft: Maren Fuchs verhört Schrödinger und Giulia Millefiore. +++ Vierter Akt 1/3 – Der Engel, der ein Teufel war: Schrödinger und Giulia beschließen, auf eigene Faust im Stil von Miss Marple und Mr. Stringer Detektiv zu spielen. Derweil erregen seltsame Himmelsphänomene das Aufsehen der Medien. +++ Vierter Akt 2/3 – Der Engel, der ein Teufel war: Beim Trauercafé kommt Giulia Millefiore hinter eine Ungereimtheit. Mit Folgen. +++ Vierter Akt 3/3 – Der Engel, der ein Teufel war: Die Ermittlungen machen erste Fortschritte. +++ Fünfter Akt 1/4 – Matjesgeschwader: Die Spur wird immer verzweigter und lässt die Hintergründe für den Todesfall am Strand erahnen. +++ Fünfter Akt 2/4 – Matjesgeschwader: Ein Verbrechen kommt selten allein. +++ Fünfter Akt 3/4 – Matjesgeschwader: Ende gut, alles gut?

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Auf Eis gelegt – fünfter Akt : Matjesgeschwader (Teil 4)

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Ermattet lag Schrödinger da. Er konnte noch immer nicht ganz begreifen, was sich auf dem Kirchhof zugetragen hatte. Wieder und wieder spielte er in Gedanken diese eine letzte Szene durch, die eher für das Drehbuch für einen schlechten Horrorfilm geeignet gewesen wäre, wenn er es nicht besser gewusst hätte. Leider war das Mystery-Drama nur zu real und kein Alptraum, denn in dem Augenblick, als Brück den Friedhof durch den Seiteneingang betreten hatte, waren mehrere Dinge gleichzeitig geschehen.

Weder Giulia noch der Geschäftsmann hatten das in den nächsten Sekunden losbrechende Inferno kommen sehen, und mit schreckgeweiteten Augen angesichts der auf ihn zustürmenden Furie war dieser beim Zurückweichen ins Straucheln geraten. Ob es an einer heimtückischen Wurzel lag, dass er gestolpert war, oder daran, dass Giulia nach seinem Schal gegriffen und ihn gleichzeitig mit aller Kraft von sich gestoßen hatte, konnte Schrödinger im Nachhinein nicht genau sagen. Doch an eines erinnerte er sich genau: an den Blitz, der just in dem Moment aufflammte, als Brück zu Boden ging, und an das Gleißen, das das den Kirchhof in ein grellweißes, bläulich-kaltes Licht tauchte und ganz Bali überstrahlte. Vor diesem Hintergrund hatten sich die beiden Silhouetten der Engel überdeutlich und messerscharf als schwarze Scherenschnitte abgezeichnet.

In letzter Sekunde hatte Schrödinger Giulia zurückreißen und an sich ziehen können, dann war auch er mit ihr zu Boden geschützt. Um sie vor dem grauenhaften Anblick zu schützen, hatte er ihr instinktiv die Augen zugehalten. Ihm war kaum Zeit geblieben, das Erlebte zu begreifen, denn schlagartig war das unangenehm grelle Strahlen erloschen, und über den Kirchhof hatte sich eine noch nie zuvor dagewesene Stille gelegt.

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Ja, waren denn alle wahnsinnig geworden? Als sie über den Kirchhof ausgeschwärmt waren, hatten sie nicht ahnen können, welches Ausmaß der Zerstörung dort auf sie warten würde: ein unzusammenhängendes Zeug faselnder Schrödinger, der Giulia Millefiore eng umschlungen hielt und die leichenblasse Frau nicht loslassen wollte. Die wiederum umklammerte krampfhaft einen roten Schal oder vielmehr das, was davon noch übrig war. Gehört hatte er Harry Brück, doch der war spurlos verschwunden.

Ein Blitz, und er war weg gewesen? Kopfschüttelnd war Sönke Feddersen in die Hocke gegangen und begutachtete das Häuflein Asche zu den Füßen der einander zugewandten Engel. Ein Antlitz so leer, steinern und tot wie das andere. Wie sie dort hingekommen waren, war für ihn vorerst nebensächlich. Das würde warten müssen. Doch was den Tatort betraf, konnte es nur eine Erklärung geben: Harry Brück weilte nicht mehr in dieser Dimension. Asche und ein halbaufgelöster Wollschal, mehr war von dem Mann nicht mehr übrig.

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Verrückt geworden, diesen Gedanken hatte auch Maren, als sie auf ihrem Anrufbeantworter eine neue Kaskade von Anrufen ihres lästigen Verehrers vorfand, kaum dass sie die alten gelöscht hatte. Das Fass zum Überlaufen brachte schließlich der Briefkasten, in dem sich die Liebesbriefe förmlich stapelten. Verehrung war das Eine, aber dieses Theater ging nun eindeutig zu weit, und je eher sie diesem Stalker Einhalt gebot, desto besser. Und sie wusste auch schon genau, an wen sie sich zu wenden hatte, um eine Verfügung gegen Andrés zu erwirken.

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Wie seltsam, sagte sich Schrödinger, als die Nachrichten verklungen waren. Was es wohl mit dem Nachlassen der Aktivitäten des von FAST in Peking beobachtetem FRB 121102 auf sich hatte? Seit der Überrest der Supernova immer seltener in den Nachrichten erwähnt wurde, hatte sich auch der Himmel über Bali wieder normalisiert. Oder war es genau anders herum? Dagegen war die Frage, ob zuerst die Henne oder das Ei dagewesen war, ein leicht zu lösendes Rätsel, denn in Bali hatte nicht nur der Himmel verrückt gespielt.

Und da sage noch einer, die Sterne – mochten sie auch noch so weit von uns entfernt sein – hätten keinen Einfluss auf uns. Selbst Tiere waren da sensibler, und die brauchten noch nicht einmal einen Schutzengel, um sich vor nahenden Katastrophen in Sicherheit zu bringen. Schutzengel… nanu, wo kam das denn auf einmal her?

Anscheinend saß der Schock über die vergangenen Ereignisse immer noch tief und ließ ihn an Dinge denken, denen er noch vor einem halben Jahr keine Beachtung geschenkt und ins Reich der Mysterien verbannt hätte. Die Engel, sie ließen ihn nicht mehr los, beschäftigten ihn noch in seinen Träumen. Doch da war noch etwas anderes. Einer seiner Fälle, bei dem weder er noch Interpol weitergekommen waren: LARA – die Akte, der Frau, die nicht viel redete, seit man sie dingfest gemacht hatte.

Ohne Anwalt – ohne Worte, abgesehen von den an einer Hand abzählbaren Momenten, in denen sie einen Engel erwähnt hatte; die Akte, die er seit seiner Ankunft in der Heidekate kaum angerührt hatte. Bis jetzt. Es war an der Zeit, diesen Zustand zu ändern.

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765 Wörter, und das Zauberwörtchen ENDE fehlt? Ihr habt die richtigen Schlüsse gezogen, denn um auch die letzten losen Enden anständig zu verankern, wird in Kürze der Schlußsatz folgen, damit die Sinfonie auch rund wird.

Jubiläums-Edition – der Etüden-Spin-Off : fünfter Akt 3/4

Das Ende ist nah – das „Was bisher geschah“ gibt es auch hier wieder für Späteinsteiger:

Erster Akt – Eine unerwartete Reise: Der hauptsächlich in hoffnungslosen Fällen ermittelnde Schrödinger wird in Zwangsurlaub geschickt und reist an die Ostsee. +++ Zweiter Akt 1/2 – Bali sehen und sterben: Schrödinger meldet sich bei einer Sternenwanderung an. +++ Zweiter Akt 2/2 – Bali sehen und sterben: Er erfährt, dass der Mann der Caféhausbesitzerin an einem Herzinfarkt gestorben ist, und dann wird bei der Sternenwanderung ein weiterer Toter gefunden. +++ Dritter Akt 1/2 – Geschlossene Gesellschaft: Kommissarin Maren Fuchs, bisher nur für eher leichte Delikte zuständig, wird zur Unterstützung der Ermittlungen abkommandiert. +++ Dritter Akt 2/2 – Geschlossene Gesellschaft: Maren Fuchs verhört Schrödinger und Giulia Millefiore. +++ Vierter Akt 1/3 – Der Engel, der ein Teufel war: Schrödinger und Giulia beschließen, auf eigene Faust im Stil von Miss Marple und Mr. Stringer Detektiv zu spielen. Derweil erregen seltsame Himmelsphänomene das Aufsehen der Medien. +++ Vierter Akt 2/3 – Der Engel, der ein Teufel war: Beim Trauercafé kommt Giulia Millefiore hinter eine Ungereimtheit. Mit Folgen. +++ Vierter Akt 3/3 – Der Engel, der ein Teufel war; Die Ermittlungen machen erste Fortschritte. +++ Fünfter Akt 1/4 – Matjesgeschwader: Die Spur wird immer verzweigter und lässt die Hintergründe für den Todesfall am Strand erahnen. +++ Fünfter Akt 2/4 – Matjesgeschwader: Ein Verbrechen kommt selten allein.

Doch bevor ich zum Finale komme, wird es nochmal richtig mysteriös.

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Auf Eis gelegt – fünfter Akt : Matjesgeschwader (Teil 3)

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Was für ein Tag!

Maren hatte nur noch einen Wunsch: Zuerst ein heißes Bad, danach noch einen Tee, und dann ab ins Bett. Wäre nicht die Millefiore mit ihrem Gezeter über ihr zerstörtes Gewächshaus gewesen, sie hätte es einen Erfolg auf ganzer Linie nennen können.

Gestärkt durch exzellente Matjesbrötchen, hatte sie mit Feddersen den erneuten Gang zu Gabriels Haus angetreten, doch im Gegensatz zu ihrem Herumstochern in den verkokelten Fragmenten des Erpresserbriefs hatten sie diesmal genau gewusst, wo sie die Schlinge zuziehen mussten. Übertriebene Härte war nicht nötig gewesen, denn so schnell wie Mattes Gabriel eingeknickt war, schien er sie schon erwartet zu haben. Es war jedoch seine gesamte Erscheinung, die Maren schockiert hatte. Das zerknitterte Hemd offenbar schon länger nicht mehr gewechselt, die Augen blutunterlaufen und eine Schnapsfahne vor sich her tragend, so hatte er ihnen die Tür geöffnet. Wie wenig wir einander doch kennen, hatte sie gedacht, denn so hatte sie den Juniorchef nicht in Erinnerung gehabt. Nicht nur er hatte einen verwahrlosten Eindruck gemacht, auch das Haus befand sich in einem ähnlich desolaten Zustand.

„Das habe ich nicht gewollt“, hatte er vor sich hin gestammelt, „obwohl er es verdient hatte.“

Doch bevor er mit der Sprache herausrücken konnte, hatte plötzlich sein Vater im Wohnzimmer gestanden und das bevorstehende Geständnis verhindert, indem er auf einem Anwalt beharrte. Sie hatten schon schwarz gesehen, dann aber selbst erkannt, dass es in diesem Zustand zwecklos war und ihn trotzdem mitgenommen, damit er in der Ausnüchterungszelle erst einmal seinen Rausch ausschlafen konnte.

Der in der Zwischenzeit in Alarmbereitschaft versetzte Anwalt hatte just in dem Augenblick auf der Matte gestanden, als Gabriel Stunden später wieder vernehmungsfähig gewesen war. Mit Argusaugen von seinem Anwalt bewacht, war es ihnen dann Stück für Stück gelungen, die Wahrheit im Laufe des mehr als holprigen Verhörs aus Gabriel herauszukitzeln.

Seit der Sache mit dem Erpresserbrief, den er bekanntlich nicht geschrieben hatte, war sein Misstrauen gegenüber Silvia gewachsen, hatte aber nicht glauben wollen, was Gabriel senior ihr unterstellte. Sie und Brück? Niemals. Nicht, nachdem Brück vorhatte, an Otto & Co. zu verkaufen. Seine dämlichen Werbespots konnte er inzwischen auch nur mit genügend Küstennebel ertragen, schließlich war ja immer irgendwas, und wenn er erst einmal einen gewissen Pegel hatte… Natürlich immer nur so viel, dass keiner was merkte.

„Ach, hätte ich mir an dem Abend doch nur die Lichter komplett ausgeschossen…“

Ja, hätte hätte… Hinterher ist das Gejammer groß, führte Maren seine Selbstvorwürfe in Gedanken fort. Mit einem gewissen Pegel ging alles leichter? Mit einem gewissen Pegel hätte er erst gar nicht versucht, Brück am Strand zur Rede zu stellen, oder besser gesagt, den Mann, den er für Harry Brück gehalten hatte. Hätte er sich mal besser bis zur Besinnungslosigkeit volllaufen lassen, dann hätte ihn der Seidenschal Silvias in der Hand des Widersachers nicht rot sehen und zum Stativ greifen lassen. Hinterher ist das Geflenne groß. Das habe ich nicht gewollt? Maren glaubte es ihm gerne. Genauso, wie sie ihm das auf den Schock folgende schlechte Gewissen abnahm, als er seinen Irrtum erkannt hatte, sowie den Versuch, die im Affekt begangene Bluttat zu vertuschen.

Mit dem Geständnis hätte alles in Butter sein können. Hätte, hätte? Irgendwas war immer? Um die Millefiore würden sie sich morgen kümmern. Jetzt noch schnell den Anrufbeantworter abgehört, und dann ab in die Wanne. Als ihr eine leider nur allzu gut bekannte Stimme aus dem Lautsprecher entgegen schallte, hoffte sie, dass es sich bei dem Anrufer, von dem sie am liebsten nie wieder etwas gehört oder gesehen hatte, nur um eine Sinnestäuschung handelte. Ein Blick auf das Display, und sie ließ entsetzt ihre Teetasse fallen. Ihr rot blinkender Anrufbeantworter war voll mit Nachrichten.

35 Anrufe in Abwesenheit, und alle waren sie von Miguel Andrés.

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„So, Frau Millefiore, jetzt nochmal ganz langsam und zum Mitschreiben“, versuchte Sönke Feddersen, der sein Feierabendbierchen und seinen holländischen Sahnematjes in unbestimmbare Ferne entschwinden sah, die aufgebrachte Floristin zu beruhigen.

Ein demoliertes Gewächshaus, dessen Scheiben von einem Unbekannten zertrümmert worden waren – und dabei waren die auch besonders bruchsicherem Spezialglas und dementsprechend teuer (O-Ton Giulia Millefiore) – und ein von Marmorbrocken übersäter Boden. Die zarten Pflänzchen waren komplett hinüber. Reichte es denn nicht, dass ihr geliebter Roberto nicht mehr unter den Lebenden weilte? Jetzt würde es zur Beisetzung nicht einmal Blumen geben…

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Gin aus der Flasche anstatt aus dem Reagenzglas: Seit Roberto Millefiores Mörder hinter Schloss und Riegel saß, stand niemandem mehr in Bali der Sinn nach Küstennebel. Wie gut, dass sie die beiden Toten nun endlich zur letzten Ruhe betten konnten.

Mit leichter Schlagseite und bei Giulia untergehakt, denn er hatte sich erboten, die schwarzgekleidete Floristin bis nach Hause zu geleiten, verabschiedete sich Schrödinger von denen, die dem Landvermesser die letzte Ehre erwiesen hatten. Ein halbes Stündchen hatte Giulia gerade noch durchgehalten, dann war es auch ihr zu viel geworden. Die anderen konnten auch ohne sie weiter auf sein Wohl trinken. Sie beachtete weder den aufziehenden Nebel noch die über den Himmel flackernden Lichter in Pastell, sondern wollte nur noch auf dem kürzesten Weg nach Hause.

Der kürzeste Weg? Schrödinger konnte kaum fassen, dass sie den Friedhof überqueren wollte.  Mit der Urne in der Tasche, bereit für die für Neujahr geplante Überführung nach Italien und Beisetzung für den Dreikönigstag, durchschritt Giulia das schmiedeeiserne Portal, von dem aus es nicht mehr weit war. Gleich hatten sie das rostige Türchen auf der anderen Seite erreicht, da nahm ihnen ein Schatten die Sicht.

Brück. Ausgerechnet der!

Sein Anblick, wie er im Torbogen stand, war für Giulia unerträglich. Gift und Galle spuckend, ging sie fauchend vor Wut auf ihn los, um auf den Mann, der für sie an allem schuld war, blindlings einzuschlagen. Dieser Teufel! Wäre er nicht gewesen, Roberto wäre jetzt immer noch am Leben und würde sich bester Gesundheit erfreuen. Ihr Schrei war mörderisch.

Von Brücks jähem Auftauchen überrascht, reagierte Schrödinger auf Giulias Losreißen eine Sekunde zu spät. Die berühmte Schrecksekunde genügte, dass Schrödinger das sah, was Giulia in ihrer blinden Hysterie nicht wahrnahm: Während sie die Krallen ausfuhr wie ein Panther auf der Jagd, fächerten sich hinter dem von Giulias Angriff überrumpelten Geschäftsmann monströse Schwingen auf und ragten schwarz und gigantisch in den fahlgelben Himmel.

Es waren dieselben Schwingen, die Schrödinger vor kurzem noch für eine Halluzination gehalten hatte und denen er einen seiner schlimmsten Alpträume zu verdanken hatte.

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1046 Wörter – kurz vor Toresschluss… Fortsetzung folgt.