ABC-Etüden 2022 – Wochen 20 & 21 – Etüde 4 – Der richtige Name

Und damit jede der drei hübschen Illustrationen von Christiane zur aktuellen Etüdenrunde (hier auf ihrem Blog), mit den von Puzzleblume gespendeten Wörtern (Wetterbericht, ordentlich und irisieren) einmal drankommt, lege ich an diesem wunderschönen Feiertag noch eine vierte Etüde nach.

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Der richtige Name

Begeistert rieb sich Karl die Hände und strich sich über seinen runden Bauch. Was für ein schöner Tag!

Er konnte es in seinen Knochen spüren, denn die waren zuverlässiger als jeder Wetterbericht. Das und Fröschel, der sich im Laub verkrochen hatte und sich weigerte, sein Leiterchen hinaufzuklettern, waren untrügliche Zeichen für einen Umschwung, den das Käsblatt gerne als Sauwetter bezeichnete. Seine Tour durch Frankfurter Äbbelwoi-Kneipen wurde bestimmt ein Bombenerfolg, denn jetzt, da es kälter wurde, rissen ihm seine Kunden die begehrte Ware, mit der sie zu Hause ein ordentliches Feuerchen entfachen konnten, aus den Händen. So war es schon immer gewesen.

Sobald seine Kiepe leer und der Geldbeutel voll war, würde er den Tag in der Klappergass‘ bei einem oder auch zwei Schoppen ausklingen lassen.

Doch bevor er losziehen konnte, musste er sich noch vergewissern, dass die Zündpaste, zusammengerührt im Gartenhaus auf seinem Grundstück am Main, sachgemäß verschlossen war und niemand Unfug während seiner Abwesenheit damit anstellte. Unter keinen Umständen durfte die irisierende Masse in falsche Hände gelangen. Darin war er sehr penibel. Er warf noch einen letzten Blick auf die fest verschlossenen Behälter, dann verriegelte er die Tür und machte sich auf seinen kurzen Beinen auf den beschwerlichen Weg, den die Aussicht auf ein gemütliches Plätzchen bei Fraa Rauscher erst erträglich machte.

Kleiner Mann ganz groß: „Holzhändler Karl Winterkorn“. Es ging eben doch nichts über einen klangvollen Titel zum Abwickeln seiner Geschäfte mit Zündhölzern.

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Ja, unser Streichholzkarlchen war schon eine schillernde Persönlichkeit und ein echtes Offenbacher Original (* 28. März 1880 in Zell am Main, † 1939 in Offenbach). Ihm habe ich meinen vierten Beitrag für die aktuelle Etüdenrunde mit 235 Wörtern gewidmet.

ABC-Etüden 2022 – Wochen 20 & 21 – Etüde 3 – Gut geködert

Früher oder später kriegen wir sie… Der Satz aus meiner ersten Etüde wirkt nach und ist im Beitrag Nummer Drei für die neue Etüdenrunde (auf Christianes Blog), mit den von Puzzleblume gespendeten Wörtern (Wetterbericht, ordentlich und irisieren) enthalten. Passend dazu habe ich mir selbst eine Illustration gebastelt.

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Gut geködert

Früher oder später kriegen wir sie: Eigentlich war das in meiner Kindheit der Slogan eines Joghurtherstellers gewesen, aber er passte auch auf alles, womit man mich ködern konnte. Schon früh im Leben hatte mich alles Transparente, Perlmuttschimmernde und Leuchtende magisch angezogen. Hauptsache bunt! Und jetzt fiel mein Blick auf so einen Gegenstand.

Look at all that shines… Quengelware für Erwachsene!

Warum hatte ich mich auch am Samstagmorgen in die lange Schlange unserer Apotheke einreihen müssen? Dass ich zwangsläufig während des Wartens das ausgestellte Sortiment unter die Lupe nahm, war geradezu ungeschriebenes Gesetz und vermutlich irgendwann mein Verhängnis.

„Noch ein Kosmetiketui? Als ob wir davon nicht schon gefühlte fünfundzwanzig zu Hause hätten…“

Dass meine Shoppingbegleitung trotz dieser Übertreibung nicht ganz falsch lag, wusste ich im Prinzip selbst am besten. Aber so, wie die mit Pflegeprodukten gefüllte Verpackung schillerte und irisierte, spürte ich meinen Widerstand bröckeln. Außerdem konnte ich Sonnenspray mit Lichtschutzfaktor 30 und After-Sun-Lotion immer gebrauchen, schließlich hatte der Wetterbericht für die kommenden Wochen jede Menge Sonnenstunden versprochen. Da wollte ich gerüstet sein.

Selbst Experten rieten dazu, alte Produkte vom letzten Jahr zu entsorgen, da sich die Inhaltsstoffe mit der Zeit nicht zu ihrem Vorteil veränderten. Riskieren wollte ich nichts, deshalb kaufte ich seit langem nur noch kleine Größen. Da war die Reue beim Wegwerfen eventueller Reste nicht ganz so groß.

Mochten andere nach der Devise „Einmal im Jahr gönne ich mir einen richtigen Urlaub, da gönne ich mir auch gleich einen ordentlichen Sonnenbrand“ uneingecremt unter freiem Himmel wandeln, ich hatte nicht vor, in diesen Herbst dreifach gebrannt hineinzugehen. Und mochte meine Shoppingbegleitung auch noch so sehr nörgeln, das Set würde gekauft und zu Hause gleich ausprobiert werden.

Nun konnten die Sonnenstunden kommen.

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282 Wörter zum dritten Beitrag für die aktuelle Etüdenrunde. Die Episode in der Apotheke ist frei erfunden, das Pflegeset existiert dagegen tatsächlich. Ich habe es für meine eigene Illustration fotografiert – aber so, dass man den Inhalt nicht erkennt. Dafür aber ruft es interessante Lichtreflexe hervor.

ABC-Etüden 2022 – Wochen 20 & 21 – Etüde 2– Die Schnapsidee

Beitrag Nummer Zwei für die neue Etüdenrunde (auf Christianes Blog), mit den von Puzzleblume gespendeten Wörtern Wetterbericht, ordentlich und irisieren. Die von Christiane gestalteten Illustrationen sind Motivation, mehr als nur eine Etüde zu schreiben. Zu meiner passt diesmal ihre erste von dreien.

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Die Schnapsidee

„Du-huu, Schatziiiii…“ mir schwante etwas, wenn er so anfing. Was konnte er nur diesmal wollen? Von „WWW, ab ins Bett, D.E.“ bis hin zu „Wir müssen reden“ konnte alles dabei sein, doch die Kunst des Gedankenlesens beherrschte ich nicht. „Hatte gestern einer von uns einen im Tee gehabt oder warum hängt das da?“

Ratlos folgte ich seinem anklagend ausgestreckten Zeigefinger mit den Augen und bestaunte den an der Wand hängenden Scherzartikel. Ich hätte schwören können, dass diese in immer neuem Gewand erscheinende Wetterstation fürs Freie bis gestern Abend noch nicht dort gehangen hatte. Obwohl ich irgendwann im Scherz erwähnt hatte, dass so ein Eselbarometer unter der Pergola doch jeden Wetterbericht schlüge, wäre es uns nie in den Sinn gekommen, so ein geschmackloses Ding auch nur zu kaufen, geschweige denn die Wand damit zu verunstalten.

Jetzt aber schielte mich ein debil grinsender Esel an und verkündete seine Weisheiten in acht Zeilen.

Wenn Schweif trocken: schön.

Wenn Schweif nass: Regen.

Wenn Schweif sich bewegt: Wind.

Wenn Schweif sich heftig bewegt: Sturm.

Wenn Schweif unsichtbar: Nebel.

Wenn Schweif gefroren: kalt.

Wenn Schweif weiß: Schnee.

Wenn Esel herunterfällt: Erdbeben.

Anstatt seinen Finger herunterzunehmen, ließ mein Schatz ihn immer noch unter dem letzten Satz verweilen. Dort prangte eine neunte Zeile, in einer verwischten Handschrift, die sonst bestimmt ordentlicher war, und ließ mich erblassen.

Wenn Esel irisiert: Zu viele Promille

Das kam davon, wenn man auf der Kirmes die falschen Stände besucht, aber wer von uns das auch immer gewesen war, hatte damit unwissentlich den Grundstein zu einer Marktlücke gelegt. Ein bisschen Farbe an der ein oder anderen Stelle, ein paar Änderungen im Text, und bei der nächsten Grillparty würden wir das Ding unseren Gästen als nicht ganz ernstzunehmendes Alkometer präsentieren.

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285 Wörter sind es diesmal geworden.

ABC-Etüden 2022 – Wochen 20 & 21 – Etüde 1– Wettfieber

Es gibt eine neue Etüdenrunde (auf Christianes Blog), mit von Puzzleblume gespendeten Wörtern Wetterbericht, ordentlich und irisieren, die mal wieder eine ganz neue Herausforderung für mich darstellen, vor allem in dieser Kombination. Aber wo bleibt der Spaß, wenn’s zu einfach ist?

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Wettfieber

„Sondermeldung. Wie wir soeben erfahren haben, gibt es eine neue Wendung im Giraffen-Fall: Der seit dem mysteriösen Raub aus dem Naturkundlichen Museum als spurlos verschwunden geglaubte Stern von Memphis ist wieder aufgetaucht.“

Was für ein Tag!

Gebannt saßen Rudi, Sven und Paul vor dem Fernseher und erwarteten den Anstoß zu dem alles entscheidenden Spiel um den DFB-Pokal: SC Freiburg gegen die Offenbacher Kickers. Schließlich hatten sie ein ordentliches Sümmchen auf den Außenseiter gesetzt. Jetzt musste dieser nur noch gewinnen. Doch statt der Vereinsfarben der Kontrahenten irisierte nun der Opal in einer eindrucksvollen Großaufnahme auf dem Bildschirm, live aus Canberra, und schillerte in den schönsten Farben.

Die Farbenpracht des Steins raubte ihnen schier den Atem.

Was hatte der Feueropal, einst ein Geschenk an die Stadt Memphis, dort zu suchen? Dabei wusste doch jeder, der auch nur ein bisschen Ahnung von der Materie hatte, dass man nach solchen Steinen normalerweise nicht in Australien, sondern in Mexiko oder Brasilien schürfte. Aber die Eilmeldung machte die drei Kollegen auch nicht schlauer.

„Warum sie den Stein hierher gebracht haben, konnten wir noch nicht herausbekommen, aber wir arbeiten daran. In der Zwischenzeit ist es an den Regierungen beider Staaten, eine gütliche Einigung zu erzielen. Bis dahin halten wir Sie auf dem Laufenden. Bitte bleiben Sie dran. Doch nun zum Wetterbericht für die nächsten drei Tage.“

Seufzend erhob sich Rudi. Bis zum Spiel würde es sich noch etwas hinziehen. An den Verkündigungen des Wetterfroschs hatte er kein Interesse, wo er doch aus Erfahrung wusste, dass sich die Vorhersagen nur selten hundertprozentig erfüllten. Aber vielleicht sollten er, Paul und Sven mal ein paar neue Wetten abschließen. Stoff dafür hatten sie ja nun reichlich.

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275 Wörter zum Auftakt der aktuellen Etüdenrunde.

ABC-Etüden 2022 – Wochen 18 & 19 – Etüde 7 – Das Nähkränzchen

Weil ich wieder mit dem Nähen angefangen habe, gibt’s eine siebte und letzte Etüde obendrauf (ja, ich weiß, das Ende ist nah) – zu der aktuellen Runde, hier – auf Christianes Blog, mit von Myriade gespendeten Wörtern Giraffe, mondsüchtig und suchen.

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Das Nähkränzchen

Mondsüchtige Nachteulen, das seid ihr!

Verkatert hatte ich Andys Worte über die letzte Session wieder im Ohr. Aber ganz unrecht hatte er nicht. Nicht jeder ging wie ich spätestens zur Geisterstunde ins Bett, außer ich war auf einer wirklich tollen Party. Und als solche hatten es auch meine Mitstreiterinnen bezeichnet: Sewing by the Sea, ein überdimensionales Nähkränzchen an der Ostsee, von Freitagmittag bis Sonntagnachmittag, mit dreißig Nähwütigen. Ganz Hartgesottene saßen bis Sonnenaufgang an ihren Maschinen, die das einzige Licht im Raum spendeten, während im Hintergrund irgendeine Spotify-Liste vor sich hin dudelte.

Nach einer Möglichkeit, mich mit anderen Nähbegeisterten auszutauschen, hatte ich lange gesucht. Lehrvideos im Internet schön und gut, aber es ging doch nichts über das persönliche Gespräch, und wie immer waren die Geschmäcker und Fähigkeitsstufen höchst unterschiedlich. Während ich mich mit den Knopflöchern meines Sommerkleids abplagte, war meine Nachbarin schon einen Schritt weiter und begutachtete die vor ihr liegende Ausbeute: ein Wickelkleid, ein Jeansrock und eine Regenjacke. Nun brütete sie über einem Kinderkleidchen aus mit bunten Giraffen bedrucktem Baumwollstoff.

Es dauerte eine gute Weile, bis ich dahinterkam, was daran seltsam war: Nicht nur, dass am Rockansatz einigen Tierchen die Köpfe fehlten, zu allem Unglück verlief auch noch das Muster kopfüber. Ein typischer Anfängerfehler, der passierte, wenn man beim Feststecken der Schnittteile nicht aufpasste.

Leider sah es bei mir nicht besser aus. Dabei war ich stolz wie Bolle gewesen.

Unter Einfluss von Rotwein, den ich am Abend zuvor ein wenig zu sehr zugesprochen hatte, war ich auf die aberwitzige Idee gekommen, schnell noch die Schulternähte zu schließen, ohne daran zu denken, dass das Kleid ja auch noch einen Kragen bekommen sollte, der nun natürlich so keinen Platz mehr fand.

Da half nur noch auftrennen.

Let’s get the party started, seufzte ich und ersetzte im Geiste die mondsüchtigen Nachteulen durch Schluckspechte.

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Genau 300 Wörter zum Abschluss der aktuellen Etüdenrunde, und vom Rotwein lasse ich die Finger, wenn ich kreativ tätig bin.

ABC-Etüden 2022 – Wochen 18 & 19 – Etüde 6 – Extrablatt

Das Ende ist nah… aber nur das der ABC-Etüden (die aktuelle Runde findet ihr hier, auf Christianes Blog). Zum Ende kommen möchte ich heute mit meiner Museumsgeschichte, diesmal erzählt aus Svens Sicht. Paul und Rudi hatten ihren Auftritt bereits. Übrigens hätte ich nie gedacht, dass ich mit den von Myriade gespendeten Wörtern Giraffe, mondsüchtig und suchen so viel anstellen würde.

Gerade Adjektive wie diese lassen ja nicht so viel Spielraum wie das Teekesselchen-Prinzip. Genug gequasselt, kommen wir nun zum Finale dieser Räuberpistole:

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Extrablatt

„Ich wusste es. Früher oder später kriegen wir sie…“ verkündete Sven und warf triumphierend die Zeitung auf den Tisch im Pausenraum.

„Mit Danone-Joghurt oder was?“ erwiderte Rudi ungerührt und löffelte weiter sein Müsli, das er sich vor Schichtbeginn stets einverleibte.

„Nein, damit!“

Ungeduldig tippte Sven mit seinem Daumen auf die Titelseite, so dicht vor Rudis Nase, dass dieser sich gehörig erschreckte. Doch sein Kollege fing sich erstaunlich schnell und begann zu lesen.

Mondsüchtig, hyperaktiv, schwere Beine? Leiden auch Sie an…“

„Nicht die Reklame!“ Sven verdrehte die Augen.  „Hier: Die Schlagzeile des Tages!“

Rudi war aber auch manchmal begriffsstutzig.

„Ach, der Juwelenraub im Naturkundlichen Museum?“

Ja, was denn sonst?

„Neue Erkenntnisse im Giraffen-Fall“, stand dort in riesigen Lettern und dass das ganze Szenario insofern von seinem Vorbild, dem Dresdner Juwelendiebstahl, abwich, dass hier kein Stromausfall herbeigeführt worden war, sondern sich die Täter am alten Troja orientiert hatten.

Nur dass es hier eben kein Pferd, sondern eine Giraffe gewesen war. Wo bei dem Tier normalerweise die Hörnchen saßen, befanden sich bei diesem Exemplar die Einbruchswerkzeuge: links ein Periskop, rechts ein Nachtsichtgerät zum Aufspüren der alarmauslösenden Laserstrahlen. Wachleute einzubeziehen, war im Prinzip überflüssig, dennoch blieb die Frage, ob ein Clan dahintersteckte?

Sicherheitshalber hatte man in alle Richtungen ermittelt und Paul vor sechs Monaten in Untersuchungshaft gesteckt, und nicht in die Psychiatrie, so wie Rudi es erwartet hatte. Rudi, der stets das Gute im Menschen sah und nicht wie Sven, der sich als Realist sah. Dabei hatte die „trojanische Methode“ nichts realistisches, und nur durch Zufall hatte man das Untier gefunden.

„Endlich“, seufzte Rudi, „und ich dachte schon, sie würden bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag danach suchen.“

Ja, endlich. Ab jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die wahren Täter singen und dafür sorgen würden, bis man Paul wieder auf freien Fuß setzte.

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300 Wörter als Punktlandung für den Abschluss der Museums-Trilogie.

ABC-Etüden 2022 – Wochen 18 & 19 – Etüde 5 – das Spielzeug

Gehen wir heute mal weg von der Museumsgeschichte und ihrer Fortsetzung, denn mir ist eine Begebenheit aus meinem Leben eingefallen, für die die von Myriade gespendeten Wörter Giraffe, mondsüchtig und suchen wie maßgeschneidert sind. Die aktuelle Etüdenrunde findet ihr hier, auf Christianes Blog.

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Das Spielzeug

„Du-huu, Schatziiiii…“

Oh, wie ich ihn kannte und liebte: Wenn mein Herzblatt diese Tonart anschlug, war es Zeit fürs Bett, und so, wie die Zeiger der Uhr ihr graziöses Ballett vollführten, war dieser Punkt schon lange überschritten.

„… wenn Du so weitermachst, wirst Du noch ganz mondsüchtig.“

Ganz unrecht hatte er damit nicht. Wer war auch so gestört, bis spät in die Puppen am Rechner zu kleben, bis die Augen viereckig wurden? Aber schließlich wurde unser Patenkind nur einmal ein Jahr alt, und da scheute ich keine Anstrengung, im Internet nach dem idealen Spielzeug für den Kleinen zu suchen.

Mitternacht, die Geisterstunde nahte. Doch der einzige, der durch unsere Wohnung geisterte, war der Patenonkel, der das Spielzeugbeschaffungsdrama meiner Meinung nach viel zu leicht nahm.

„Du willst ein pädagogisch wertvolles Spielzeug? Schön. Aber bis zum neunundzwanzigsten sind es noch ein paar Tage hin.“

Ganze zwei Tage, um genau zu sein.

„Ja-haa. Ich weiß… Zwei sind immer ein Paar“, kam es dann auch prompt von mir zurück.

Nicht besonders geistreich, aber der späten Stunde geschuldet. Wenn’s denn sein musste, seufzte ich und wollte schon den Rechner hinunterfahren, da sah ich sie: eine kleine Giraffe mit dem klangvollen Namen Sophie, aus 100% Naturkautschuk, mit Lebensmittelfarbe bemalt und hergestellt in Frankreich. Laut Hersteller ideal für zahnende Babys, weil sie nach Herzenslust darauf herumkauen konnten, außer sie waren allergisch gegen das Material. Aber so viel ich wusste, war der kleine Felix das nicht. Und quietschen konnte das Wundertierchen auch noch.

Yippieh! Der Tag war gerettet. Gleich morgen würden wir den nächsten Spielzeugladen heimsuchen und so eine Sophie ergattern, in der Hoffnung, dass das Gequietsche des Gummitierchens die Mama des Säuglings nicht in den Wahnsinn trieb.

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280 Wörter für einen leicht abgewandelten Schwank aus meinem Leben… als wir händeringend nach einem Geschenk für einen Einjährigen suchten und tatsächlich mit dieser kleinen Giraffe fündig wurden.

ABC-Etüden 2022 – Wochen 18 & 19 – Etüde 4 – Der Stern von Memphis

So. Wie ich am Ende meiner letzten Etüde („Nachts im Museum“) schon angedeutet habe, war diese geradezu auf eine Fortsetzung angelegt. Et voilà … hier kommt der zweite Teil als Beitrag zur aktuellen Etüde (auf Christianes Blog) mit den von Myriade gespendeten Wörtern Giraffe, mondsüchtig und suchen.

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Der Stern von Memphis

Rotglühende Augen, seltsam geformte Hörnchen auf dem Kopf einer riesigen Giraffe, die Paul gesehen haben wollte. Wer’s glaubt, seufzte Rudi.

So, wie sein Kollege in letzter Zeit einherwandelte, konnte man glatt auf den Gedanken kommen, er wäre mondsüchtig. Und jetzt noch das wirre Zeug, das er daher faselte. Ob etwas in seiner Thermoskanne gewesen war, das dort nicht hinein gehörte? Doch obwohl nichts als Kaffee darin war, konnten sie geradezu froh sein, dass man Paul jetzt erst einmal vom Dienst freigestellt hatte. Ärztliche Aufsicht? Nötig war es längst, vielleicht kamen sie so endlich dahinter, was an seinen Schlafstörungen schuld war. Störungen, die sich so langsam auf seine geistige Gesundheit auswirkten.

Andererseits hieß das nun auch, dass er und Sven jetzt seinen Job mitmachen durften, schließlich schüttelte sich ein neuer Mitarbeiter nicht so einfach aus dem Ärmel, und so lange sie nach einer Aushilfe suchten, würden sie sich die Afrika-Abteilung eben unter sich aufteilen. Afrika und Australien, wie passend. Fing beides mit A an. Oder A wie April April! Denn herein kam Sven und setzte zum neuesten Klatsch an.

„Hast Du schon gehört?“

Eine Fangfrage. Denn ganz gleich, was man antwortete, es war stets falsch und animierte Sven zum Weiterplaudern. Diesmal aber schien doch ein Körnchen Wahrheit in seinen Worten zu stecken: Australien und Afrika waren streng zu meidende Museumsbereiche, von einem Flatterband abgesperrt.

„Die Polizei ermittelt?“ erwiderte Rudi, der kaum glauben konnte, was er soeben gehört hatte: eine herausgeschnittene Scheibe im Westflügel, verwischte Fußabdrücke und eine leere Vitrine, die den Stern von Memphis, einen außergewöhnlich schön geschliffenen Feueropal enthalten hatte und von der niemand wusste, wie man sie unbemerkt hatte öffnen können.

Das warf ein gänzlich anderes Licht auf Pauls Totalausfall, und mit einem Mal fragte sich Rudi, ob an Pauls vermeintlich seltsamen Worten vielleicht nicht doch etwas dran war.

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300 Wörter für eine Fortsezungsetüde, die mit Horror nichts zu tun hat, dafür aber als waschechter Krimi durchgehen könnte. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja noch einen dritten Teil…

ABC-Etüden 2022 – Wochen 18 & 19 – Etüde 3 – Nachts im Museum

Statt einer Fortsetzung des Geburtstagsdramas an Tante Lissys Kuchentafel gibt es heute mal eine Etüde der anderen Art – von Myriade stammt die Wortspende zur aktuellen Etüde: Giraffe, mondsüchtig und suchen.

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Nachts im Museum

Mondsüchtig des Nachts, schlaftrunken am Tage… so fühlte er sich schon seit einer Weile.

Den Job als Nachtwächter würde Paul sicher nicht mehr lange ausüben, wenn das so weiterging. Auch wenn es schwierig war, in absehbarer Zeit einen Termin beim Spezialisten zu bekommen: Er wusste, er würde schleunigst etwas tun müssen, oder er konnte sich bald einen neuen Job suchen.

Reiß dich zusammen, ermahnte er sich selbst, als er die Uniformjacke zuknöpfte und die Mütze geraderückte. Noch einen Schluck aus der Thermoskanne, dann konnte er die Stufen zur Afrika-Abteilung in Angriff nehmen. Hier, im ersten Stock, zwischen an die Wände gemalten Giraffen, Elefanten und Antilopen, würde er heute Nacht Runde um Runde drehen, doch ganz wohl war ihm dabei nicht.

Lieber hätte er mit Rudi getauscht, der im australischen Bereich des Museums Dienst tat. Selbst Sven schien mit seiner Aufgabe, die nordamerikanischen Artefakte zu bewachen, das beneidenswertere Los gezogen gezogen zu haben.

Am gruseligsten waren die Masken überall. Zusammen mit dem schummrigen Licht auf seinem Stockwerk… Paul schlug jedes Mal ein Kreuz, wenn er an ihnen vorbei war. Am liebsten hätte er gleich danach ein Fenster aufgerissen, aber das hätte sofort den Alarm ausgelöst. Statt dessen blickte er durch die Scheiben in die Nacht hinaus. Der Anblick sich sanft im Wind wiegender Äste war so beruhigend.

Blutrot stieg der Mond über den Häuserzeilen aus dem 19. Jahrhundert auf und zauberte lange Schatten aufs Kopfsteinpflaster. Zu spät registrierte Paul die Silhouette einer ausgewachsenen Giraffe, die sich mit beängstigender Geschwindigkeit dem Fenster näherte und ihm jäh die Sicht nach draußen versperrte.

Das letzte, das Paul wahrnahm, bevor er in Ohnmacht fiel, waren die rotglühenden Augen des Untiers und die seltsam geformten Hörnchen auf ihrem Kopf.

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283 Wörter für eine Etüde, die eigentlich viel länger sein sollte und deshalb nach einer Fortsetzung verlangt.

ABC-Etüden 2022 – Wochen 18 & 19 – Etüde 2 – Lissy und der wilde Kaiser

Wirklich neu ist an diesem Monat in diesem Jahr, dass mit großer Wahrscheinlichkeit noch eine Extra-Etüde winkt, denn wir haben fünf Sonntage. Bleiben wir aber erst einmal bei der aktuellen Ausgabe, zu der Myriade die Wortspende (Giraffe, mondsüchtig und suchen) geliefert hat. Bleiben möchte ich jedoch auch noch einmal bei einem älteren Thema: Tante Lissys achtzigster Geburtstag, bei dem die Gefühle eskaliert sind – siehe hier und hier.

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Lissy und der wilde Kaiser

Kaum hatte Jenny die kleine Königsfigur triumphierend in die Höhe gehalten, war es losgegangen. Ihr Telefon musste nur „Rude“ dudeln und Jenny kurzerhand ihr abwesendes Herzblatt einladen, und schon war Friedrich ob seiner Machtlosigkeit puterrot angelaufen. Selber schuld, hatte Lissy in diesem Moment gedacht, schließlich war es nicht die feine englische Art, den Jungen auszuschließen, wo doch alle anderen mit ihren Partnern dabei waren.

Ein weiteres Gedeck war schnell aufgelegt, da klingelte es auch schon, und der Kaiser’sche Spross stand mit zusammengebundenen Haaren vor der Tür, um auf seiner Gitarre ein Ständchen für Lissy anzustimmen. Kuchen wurde herumgereicht, vorbei an dem leeren, soeben noch von Friedrich besetzen Platz. Dem Rumpeln nach zu urteilen, musste Lissy nicht lange suchen, um ihn in der Küche zu vermuten. So ein Drama King! Hoffentlich riss er sich zusammen und mutierte nicht noch zum Wüterich.

Lissy verstand sowieso nicht, worin der „Verrat an der Familie“ nun eigentlich bestand.

Ricky, wie er sich nannte,  hatte doch glänzende Manieren. Sogar an ein Geschenk, eingewickelt in mit bunten Giraffen bedrucktes Papier, hatte er gedacht, und überreichte es ihr formvollendet. Der kleine, zum Vorschein kommende Umschlag übertraf sogar  die Kinokarten für eine Sondermatinee zu „Mondsüchtig“ mit Cher und Nicolas Cage, die sie von ihrer Schwester bekommen hatte.

Ein Zertifikat für eine Tierpatenschaft, herausgegeben vom Berliner Zoo für eines von fünf Giraffenbabys, getauft auf den Namen Lissy, und dazu ein Wochenende für zwei Personen mit Übernachtung ganz in der Nähe: Wie hatte der junge Mann das so schnell hinbekommen? Und das, wo er sie noch nicht einmal näher kannte? Aber auch wenn es eigentlich Jennys Idee gewesen war, es war die Geste, die zählte.

Auf das Wochenende mit ihrer Enkelin freute sie sich schon jetzt, und diese Vorfreude würde ihr auch Friedrich mit seinem Gemaule inmitten leerer Kuchenverpackungen nicht nehmen.

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Und wieder sind es genau 300 Wörter – für meine Fortsetzungs-Etüde.