„Broken Strings“ : Chapter 43 – Crash Boom Bang

 

Ohrenbetäubender Lärm, gefolgt von einer gespenstischen Ruhe. Die Ruhe vor dem Sturm. Wer hätte da nicht die Augen geschlossen? Am liebsten hätte ich die ganze Welt ausgeblendet, und nicht bloß nur für einige Minuten. Aber dieser Wunsch wurde mir nicht erfüllt. Mich einfach in die Wirklichkeit zurückzuholen, wäre ja auch zu einfach gewesen. Als ob es nicht gereicht hätte, dass mir das Herz bis zum Hals klopfte; anscheinend war da oben jemand der Meinung, dass mein Leben eine ordentliche Portion Ironie brauchte: Da hatte ich Ryan Miller vor dem drohenden Einsturz warnen wollen, und dann war er es, der mich statt dessen gerettet hatte.

Andrea! Bist Du okay?“ Mit seltsam belegter Stimme strich er mir vorsichtig die Haare aus dem erhitzten Gesicht, dann rückte er näher. Noch näher. Zu nahe für meinen Geschmack.

Wenn man sich auf begrenztem Raum so eng beieinander wiederfindet, wie Colin Farrell und Jessica Biel in „Total Recall“, dann kann man schon mal auf dumme Gedanken kommen. Nur noch wenige Zentimeter trennten uns voneinander, und ich konnte sehr deutlich sehen, worauf dies hinauslief.

Offenbar war ich nicht die einzige mit erhöhtem Adrenalinspiegel. Ich in Deinen Armen? Vergiss es, dachte ich und sah mich trotzdem nicht imstande, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Was, wenn das noch nicht alles gewesen war und genau dann noch mehr von oben herunterkam, wenn ich dabei war, die Bühne zu verlassen?

Ryan… nicht…“ brachte ich gerade noch heraus, als mir klar wurde, dass er mich nicht nur deshalb noch immer in seinen Armen hielt, weil er mich gerade davor bewahrt hatte, von den herabstürzenden Teilen erschlagen zu werden. Wie in Zeitlupe beugte er sich zu mir herunter. Schraub Deine Erwartungen besser auch runter, dachte ich, als er meinen Namen flüsterte.

Andie, ich…“

Und mitten hinein platzte Mike: „Hey, Miller! Wird das heute noch mal was?“

Seine Ausgelassenheit blieb ihm im jedoch Halse stecken. „OH SHIT! Was ist denn hier passiert?“

An seiner Stelle hätte ich beim Anblick dieses Schlachtfeldes genauso reagiert.

„Mein Gott, Süße. Ist alles in Ordnung? Dir ist doch hoffentlich nichts passiert?!“

Und dann war er mit wenigen Schritten bei mir und schloss mich fest in seine Arme. Oh my, lass mir noch Luft zum Atmen, sonst kippe ich um, und wir können Alanis Morrissettes Song ‚Ironic‘ um eine neue Strophe erweitern.

Aber meine Sorge war unbegründet. Die Gefahr, dass einzelne Teile mit Verzögerung auf die Bühne stürzten, bestand nicht mehr. Was auch immer diesen Unfall verursacht hatte, es hatte ganze Arbeit geleistet. War Mike sich eigentlich bewusst, dass er unverschämtes Glück gehabt hatte? Nur ein paar Minuten früher, und er wäre… nein, das wollte ich mir nicht vorstellen.

Insgeheim war ich froh, dass er bei mir war. Noch einen Kuss in mein Haar, dann lockerte er seinen Griff und legte mir einen Arm um meine Schultern, um mich nach draußen zu geleiten.

„… bevor es losgeht.“ Bevor was losgeht? Ratlos blickte ich erst ihn an, dann Ryan. Klasse, ich war wieder mal die einzige, die auf dem Schlauch stand. „Du solltest auch zusehen, dass Du Deinen Arsch hier raus bewegst, Miller“, fuhr Mike fort. „So, wie’s hier aussieht, gibt’s hier bestimmt bald ’ne Untersuchung.“

An Deiner Stelle würde ich zur Abwechslung mal tun, was er sagt,“ pflichtete ihm Brian, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war, bei. Das waren ja ganz neue Töne. „Sehen wir zu, dass hier keiner mehr was anfasst und wir schleunigst von hier verschwinden. Ach, übrigens, Ryan – was wolltest Du eigentlich so spät noch hier?“

Ich hörte Ryan noch irgendetwas von vergessenen Drumsticks murmeln, doch den Rest der Unterhaltung bekam ich nicht mehr mit, da Mike entschlossenen Schritts mit mir an der Hand dem Ausgang zustrebte. Er ließ mir gerade noch so viel Zeit, dass ich mir meine Jacke und meinen Schal schnappen konnte, denn zog er mich weiter.

Ich wusste, er wollte so viele Meter wie möglich zwischen uns und den Unfallort bringen – aber wozu diese Eile? Wie, um mich zu vergewissern, dass sich von uns auch wirklich niemand mehr in der Halle befand, drehte ich mich noch einmal um und sah, wie Brian die Halle abschloss. Ab jetzt hätte keiner von uns mehr Zugang, bis ein Expertenteam den Schaden begutachtet hatte.

Alles normal so weit. Falls man es als normal bezeichnen konnte, wenn man gerade noch einmal mit dem Leben davongekommen war; und als ich den Blick auffing, den Ryan mir zuwarf, wünschte ich mir, ich wäre einfach weitergegangen.

Später in der Nacht, in unserem Zimmer, rollte ich mich zusammen und wünschte mich ganz weit weg. Diesen Schlamassel hatte ich nicht gewollt. Warum nur war ich auf diesen Deal eingegangen?

Es war ja auch so einfach gewesen: Ein Klick, und das gemeinsam am Computer ausgefüllte elektronische Formular, auch kurz eTA genannt, landet Sekunden später bei den Einwanderungsbehörden. Dann muss man nur noch darauf warten, dass die Daten mit dem Reisepass verknüpft werden, und alles ist in Butter. Andere hätten gejubelt. Meine Stimmung dagegen war im Keller.

Wieder und wieder hörte ich dieses grässliche Geräusch und hatte mit einem Mal wieder eine Meldung vor mir, die vor zwanzig Jahren durch sämtliche Zeitungen gegangen war: „dpa Offenbach – Während einer Märchenvorstellung im Offenbacher Capitol-Theater ist eine Spiegelkugel von der Decke gestürzt. Zwei Frauen (34/67) wurden schwer verletzt.

Sie hätten auch tot sein können, und beinahe wäre das gleiche heute auch mit uns passiert – wenn nicht… Mein Magen zog sich zu einem Knoten zusammen. Kein Wunder, dass ich nicht bei der Sache war und ich Mike nur wie durch einen Schleier wahrnahm. Bald schon merkte er, dass ich seine Zärtlichkeiten nicht erwiderte. Ich ließ ihn nur ungern im Regen stehen, aber ich war einfach nicht in der Stimmung. Am liebsten hätte ich diesen Tag komplett gestrichen.

Hey Süße, was ist los?“ flüsterte er und zog mich in der Dunkelheit an sich.

Was sollte ich darauf antworten, und vor allem: wo anfangen? Heute war zu viel passiert: mein Streit mit Jenny, meine Vorahnungen, die von gleich drei Leuten als Übertreibung abgetan worden waren, dann der Einsturz selbst und schließlich die Szene mit Ryan… mein Hals war wie zugeschnürt, und ich war nicht in der Lage, auch nur einen vernünftigen Satz zustande zu bringen.

„Michael, ich…“ war alles, was ich heraus brachte.

Michael. Aha…“ Zwei Worte – ein trockener Kommentar, mit einem Anflug von Sarkasmus… „So hast Du mich noch nie genannt.“

Das stimmte, aber was seine Reaktion betraf, so hatte ich mich geirrt. Das war kein Sarkasmus – Mike war weder zum Flirten noch zum Streiten aufgelegt, er war beunruhigt, und noch während er das sagte, gab er mich aus seiner Umarmung frei, richtete sich auf und fasste mich an den Schultern. Dann drehte mich zu sich herum. „Andie, sieh mich an. Was ist los?“

Widerstrebend kam ich seinem Wunsch nach, blieb ihm aber die verlangte Erklärung schuldig. „Nichts“, stammelte ich nur und wich seinem Blick aus.

Los, Andrea, reiß Dich zusammen, und wenn Du jetzt was falsches sagst, haben wir ein gewaltiges Problem. Doch ich hätte wissen müssen, dass er sich damit nicht zufrieden geben würde.

Nach nichts sieht mir das aber nicht aus.“ beharrte er. „Rede mit mir, Süße. Okay, was ich vorhin gesehen habe, ist…“

… ja, das war wirklich nicht schön“, unterbrach ich ihn.

Ich konnte mir schon denken, worauf er anspielte. Uns beide in inniger Umarmung zu sehen, mit einem Schrotthaufen zu unseren Füßen, war garantiert ein unvergesslicher Anblick für ihn gewesen. Aber dass ich im Begriff gewesen war, die Notbremse zu ziehen, als er auf der Bildfläche aufgetaucht war, hatte er bestimmt nicht mitbekommen. Oder etwa doch?

Leg jetzt bitte nicht diese Platte auf, flehte ich innerlich; das Chaos in meinem Innern war schon groß genug, da brauchte ich nicht auch noch ein Eifersuchtsdrama.

Nicht schön?“wiederholte er fassungslos. „Diese Schneise der Verwüstung? Andie, das ist die Untertreibung des Jahrhunderts. Miller und Du – Ihr seid sonst echt nicht die besten Freunde, und heute, da…“

Anscheinend war auch er nicht fähig, in zusammenhängenden Sätzen zu sprechen. Ich war also nicht als einzige reichlich durcheinander.

Weißt Du“, fing ich an und nahm nun endlich Blickkontakt auf, bevor ich fortfuhr, „wenn Ryan nicht gewesen wäre, läge ich jetzt unter den Trümmern.“

Doch das war nur die halbe Wahrheit. Wenn er nicht gewesen wäre, dann wäre es gar nicht erst so weit gekommen, denn dann wäre ich gar nicht erst in Versuchung geraten, die Bühne an dieser Stelle zu überqueren.

„Und wenn ich mir vorstelle, dass Du an seiner Stelle aufgetaucht wärst…“

Hier versagte meine Stimme. Warum konnte ich den Mund nicht halten? Meine schlimmsten Befürchtungen hatte ich doch eigentlich für mich behalten wollen, aber nun war die Katze aus dem Sack. Hätte ich sie doch bloß drin gelassen, denn kaum waren die Worte draußen, brach ich wie auf Knopfdruck zusammen.

Ich musste ihn gar nicht erst fragen, ob ich mich an ihn anlehnen durfte; wortlos zog er mich an sich und wiegte mich in seinen Armen wie ein Kind. Das hatten wir vor ein paar Wochen doch schon einmal gehabt, nur anders herum, aber so am Boden hatte ich mich auch noch nie gefühlt.

„Nimm mich einfach nur in den Arm“, schniefte ich schließlich, als die Tränen so langsam versiegten.

So lange Du willst“, murmelte er und hielt mich weiter eng umschlungen. Vermutlich sollte ich ihm noch dankbar sein, war das letzte, was ich dachte, bevor ich einschlief.

Schlaf ’ne Nacht drüber, am nächsten Tag sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Wirklich?

Wer solche Weisheiten in die Welt setzte, musste ein unerschütterlicher Optimist sein. Was jetzt an der Welt anders sein sollte, war mir ein Rätsel, nachdem Ryan und ich um ein Haar erschlagen worden wären. Zu behaupten, dass ich nach diesem Erlebnis gut geschlafen hätte, wäre eine glatte Lüge gewesen; konnte ich ja schon froh sein, überhaupt durchgeschlafen zu haben. So fühlte ich mich immer dann, wenn ich nachts wirres Zeug geträumt hatte, mich aber später an Einzelheiten nicht mehr erinnern konnte.

Aber wenigstens war der Kaffee, den mir Mike in die Hand drückte, ein Lichtblick: An diesem trüben Morgen, der nichts gutes verhieß, war er wohl auch der einzige. Seufzend inhalierte ich das verführerische Aroma und dachte an die vor uns liegenden Stunden. Wenn Mike richtig mit seiner Vermutung lag, dann war es mit dem Abbau der noch heil gebliebenen Ausrüstung Essig: So, wie’s hier aussieht, gibt’s hier bestimmt bald ’ne Untersuchung, hallten seine Worte vom vergangenen Abend in mir nach.

Davon war auszugehen, denn bis zum Eintreffen der Sachverständigen war die Halle gesperrt. Für den Betreiber der Location eine herbe Enttäuschung, und auch Brian fühlte sich damit alles andere als wohl. Wenn schön getaktete Zeitpläne durcheinander geraten, ist das in den seltensten Fällen ein Grund zur Freude; aber ihm bereitete die Tatsache, dass der Wechsel zu SCR bereits jetzt schon unter keinem guten Stern stand, Magenschmerzen.

Nur zu verständlich, auch mein Magen rebellierte. Verdammt, so empfindlich reagierte ich doch sonst nicht auf Kaffee, der mir bisher nicht stark genug hatte sein können. Ein Schuss Milch würde die Stärke dieses Gebräus sicher erträglicher machen; und dabei war ich doch gar nicht der Typ für Café au Lait. Aber irgendwann ist immer das erste Mal.

Eine weitere Premiere war das Auftauchen von Lee Channing, die als neue Managerin Brians Anruf zum Anlass genommen hatte, sich noch in der Nacht hinters Steuer zu klemmen und nun vor der Tür stand.

„Was sollte ich machen“, hörte ich ihn zu Mark sagen, „nach dem Fiasko mit dem Bühnenaufbau. Wenn es Verzögerungen im Ablauf gibt, muss sie einfach Bescheid wissen.“

Löblich, dass er von Anfang an mit offenen Karten spielte, auch wenn Mark ihm prophezeite, dass es Stress geben würde. So ging das noch eine Weile hin und her, bis Mark mich plötzlich bemerkte und das Thema wechselte.

Café au Lait. Nanu, Andrea.“

Sein Blick in meine Tasse sprach Bände. Unauffällig war das nicht gerade. Daran sollte er noch arbeiten. Denn schließlich war es ja nicht Lee, die in der Küche auf dem Hocker saß, sondern nur Mikes Freundin, und es war kaum anzunehmen, dass ich auf direktem Weg zu Lee ging, um ihr alles brühwarm zu erzählen.

„Bist Du Dir sicher, dass es Dir auch wirklich gut geht?“ fuhr er fort.

Ob es mir gut ging? Was war denn das für eine Frage? Nicht mal seinen Kaffee konnte man morgens in Ruhe trinken…

„Du bist schon seit gestern Abend so komisch.“

Weil ich meinen Kaffee ausnahmsweise mal nicht schwarz trank wie sonst? Hey, ich heiße nicht Mark Kelly, der stets das Gleiche bestellt.

„Ich und komisch. Aha.“ erwiderte ich trocken. „Dir ist aber schon klar, dass ich gestern Abend noch auf der Bühne war, als…“

Shit. Sorry, Andrea. Das war gedankenlos von mir….“

Das war es wohl, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass Brian ihm nicht schon längst alles erzählt hatte. Aber die Story hatte sich wahrscheinlich sowieso schon längst herumgesprochen, und ich konnte mir denken, wer dafür gesorgt hatte.

Keine Angst, ich dreh‘ schon nicht durch oder klapp‘ vor allen zusammen.“

Dass ich meinen Zusammenbruch schon hinter mir hatte, musste ich den beiden ja nicht unbedingt auf die Nase binden.

„Aber an Eurer Stelle würde ich mir Gedanken um Euren Drummer machen. Den hätte es nämlich auch fast erwischt.“ … und im Gegensatz zu mir, muss der bald wieder auf die Bühne, ergänzte ich insgeheim. Aber ich hatte mir ganz umsonst den Kopf zerbrochen, denn Lee Channing kam herein, und sie hatte schlechte Nachrichten.

So, Leute. Die Experten sind jetzt da und sehen sich alles in Ruhe an. Natürlich haben sie auch einige Fragen, und so wie es aussieht, wollen sie alles ganz genau wissen. Es kann also dauern.“

Ach ja, wenn es hieß, es könnte noch dauern, waren damit sicher weder Minuten noch Stunden gemeint, sondern Tage. Oder Wochen, wenn man nach Lee ging, bei der es sich so anhörte, als würde das FBI in einem Mordfall ermitteln und eine ellenlange Zeugenliste abarbeiten.

Dabei beschränkte sich in unserem Fall dieser Kreis auf wenige Personen: Bradley, Kevin, Dave, Ryan und mich. Und eventuell noch Mike, aber der war ja erst dazugestoßen, als das Unglück bereits geschehen war.

Na, sie werden ja wohl nicht ewig brauchen“, warf Brian ein, der ihren Ausführungen eher skeptisch gegenüber stand. Aber damit war er bei Lee an der falschen Adresse.

Schraubt Eure Erwartungen lieber runter“, verkündete sie, „ich tu zwar alles, was ich kann, aber im Moment sieht’s eher nicht so gut aus. Und wenn wir Pech haben, fällt der Gig am Wochenende ins Wasser.“

Das glaub‘ ich jetzt nicht“, stöhnte Brian, für den diese Hiobsbotschaft einem Schlag in die Magengrube gleichkam.

Leider doch“, erwiderte sie. „Ihr gewöhnt euch besser dran. Und jetzt entschuldigt mich, Leute, ich muss jetzt los. Wir haben schließlich nicht den ganzen Tag Zeit. Bis später.“

Und damit ließ sie uns stehen.

Sollten wir tatsächlich hier sitzen und so lange Däumchen drehen, bis wir endgültig grünes Licht bekamen? Die Show in zwei Tagen würden Brians Leute wohl oder übel in den Wind schreiben müssen, aber was war mit ihrem Auftritt beim Spiel der Grizzlies gegen die Eagles? Bis dahin waren es noch neun Tage, in denen noch allerhand passieren konnte. Hoffentlich war die Untersuchung der Sachverständigen bis dahin abgeschlossen. Ich hatte Brian ja schon öfters ziemlich verpeilt erlebt, aber wenigstens kommunizierte er offen mit seinen Kollegen, doch bei Lee war ich mir nicht so sicher, welche Taktik sie verfolgte.

Wenn sie sich bei wichtigen Informationen genauso bedeckt hielt wie eben, dann wünschte ich OxyGen jetzt schon viel Spaß mit ihrer neuen Managerin. Eine Sängerin, die ihre Bandkollegen im entscheidenden Augenblick hängen ließ? Was ich vom Hörensagen über sie wusste, war für mich Grund genug, die Dame etwas sorgfältiger unter die Lupe zu nehmen. Vertrauen war ja etwas schönes, aber meiner Meinung nach war jetzt Kontrolle angesagt. Also verließ ich die Küche der McIntyres und machte mich auf den Weg zur Halle.

Warum hatte ich angenommen, dass vor Ort hektische Betriebsamkeit herrschen würde? Ohne das Absperrband vor der Tür wäre niemand auf die Idee gekommen, dass der Unfallort eingehend inspiziert wurde, so ruhig war es hier. Von Lee war nichts zu sehen; vermutlich war sie hineingegangen. Aber sollte ich ihr wirklich folgen? Im Gegensatz zu ihr besaß ich keine Autorität, und man würde mich mit Sicherheit hinauswerfen.

Andererseits würden sie wissen wollen, wie sich der Unfall ereignet hatte, und garantiert hatte Lee ihnen schon verraten, wer die Unglücksraben auf der Bühne gewesen waren. Und dann war da noch meine eigene Neugier, die sich gleich darauf auch schon bitter rächen sollte.

Ich hatte die Tür noch nicht erreicht, da wurde sie auch schon aufgerissen, und herausgestürmt kam Ryan, dem ich gerade noch ausweichen konnte, sonst hätte das einen ziemlich heftigen Zusammenstoß gegeben. Na super, er war der letzte, den ich sehen wollte. Konnte ich denn nirgendwo hingehen, ohne dass er auftauchte? Ging das schon wieder los?

Es konnte auch purer Zufall sein, denn für einen Moment stutzte er, weil er anscheinend nicht erwartet hatte, mich zu sehen. „Gut, dass ich Dich treffe – Du bist die nächste.“

Die nächste? Das klang so, als ob die Befragung bereits im Gange war und sie mit ihm angefangen hatten. Wenn er ihnen keinen Blödsinn erzählt hatte, dann durfte ich mich auf ein längeres Gespräch einstellen. Und wer eins und eins zusammenzählen konnte, war interessiert daran, zu erfahren, woher ich wusste, dass jeder, der sich auf der Bühne aufhielt, in Lebensgefahr schwebte.

Den schwarzen Peter wollte ich nur ungern an meine Kollegen von der Technik weitergeben, aber warum sollte ich verschweigen, dass sie meine Bedenken wegen der mangelnden Sicherheit nicht geteilt, sondern mich geradezu als hysterisch dargestellt hatten? Meinen eigenen Fehler zuzugeben, erschien mir als das kleinere Übel.

Was für eine Rolle spielte es, dass ich in meinem Ärger über das völlig aus dem Ruder gelaufene Gespräch mit Jenny dem Gestänge einen ordentlichen Tritt verpasst und mich dabei selbst beinahe außer Gefecht gesetzt hatte? Meinem Fuß ging es zwar inzwischen besser, aber der Rest von mir wünschte sich weit weg.

Jetzt fang bloß nicht an, durchzudrehen – je schneller Du es hinter Dich bringst, desto besser…

Manchmal musste ich mir selbst in Gedanken in den Hintern treten, damit ich mich zusammennahm. Aber wie war das nochmal mit Leuten, die einen unterwegs aufhalten? In diesem Fall war es Ryan, der gar nicht daran dachte, mich so einfach ziehen zu lassen.

„Ist alles okay bei Dir?“

Eine einfache Frage. Eigentlich. Aber bei Ryan konnte ich nie wissen… Andrea, hör auf, überall weiße Mäuse zu sehen und von anderen das Schlechteste anzunehmen.

Gestern hatten wir uns für einen Augenblick im selben Boot befunden, da war es nur natürlich, dass er wissen wollte, wie es mir ging. Dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, dass noch etwas anderes dahinter steckte.

„Broken Strings“ : Chapter 42 – Should I stay or should I go

 ♪♫ ♪ Everything you do for me, everything I do for you… the way you see the world… no one else comes close to you. ♪♫ ♪

SOUNDCHECK IN ZEHN MINUTEN !!!“ dröhnte Bradleys Stimme über den Lautsprecher durch den Saal, der eigentlich eher eine mittelgroße Halle war, die hauptsächlich für Sportveranstaltungen genutzt wurde, schließlich war Craigellachie nicht gerade riesig.

Mit der Inventur unserer Ausrüstung beschäftigt, war ich so vertieft in den Song „Everything“ auf meinem mp3-Player gewesen, dass mich das Feedback aus den Boxen schmerzhaft zusammenzucken ließ. Seufzend schaltete ich das Gerät aus und verschwand aus dem Backstagebereich, um mir einen Kaffee zu holen. Nun gehörte die Bühne allein dem Team, und für mich war erst einmal eine längere Pause angesagt.

Der Laden auf der anderen Straßenseite hatte neben Burgern und Hähnchenteilen auch sogenannte „Iced Capps“ und „Creamy Chills“ im Angebot: geeiste Cappucinos in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen wie Vanille, Matcha oder Karamell und eiskalte Milchshakes, einer süßer als der andere. Aber mir stand weder nach einem Kaffee mit Oreos oder einem kreischend pinken Erdbeer-Shake der Sinn – mir war auch so schon kalt genug.

Fröstelnd kuschelte ich mich in meinen überdimensionalen Schal und rieb die eiskalten Finger aneinander. Nichts ging über einen schönen Becher starken, schwarzen Kaffee. Das Fast-Food-Lokal war gut besucht, nur von der Band war niemand weit und breit zu sehen. Und dabei liebten sie diesen Burgerladen wie die meisten ihrer Landsleute. Kein Wunder, hier sahen die Milchshakes wirklich so aus wie auf dem Foto, und hätte „Falling Down“ hier gespielt, hätte Michael Douglas mit Sicherheit keinen Tobsuchtsanfall bekommen und in die Luft geballert.

Okay, niemand, den ich kannte, war hier? Auch gut. So konnte ich erst einmal in Ruhe durchschnaufen und die letzten Tage Revue passieren lassen und vor allem das tun, was ich schon vor drei Tagen hätte tun sollen, ich Feigling.

Sieh es als unbezahltes Praktikum‘, hatte Brian gesagt, als wir uns am Montag zusammengesetzt hatten. Dass ich keiner bezahlten Arbeit nachgehen durfte, sprach seiner Meinung nach jedoch nicht dagegen, dass ich mich nicht doch hier und da nützlich machte, selbstverständlich auf völlig freiwilliger Basis. Dafür brauchte ich für die Übernachtungen und die Verköstigung nichts zu bezahlen.

Dass wir von Dienstag bis Donnerstag in Craigellachie in keinem Hotel unterkommen würden, sondern bei Johns Familie, hatte er in seine Kalkulation selbstverständlich einfließen lassen, der Sparfuchs! Unbezahltes Praktikum? Genau so fühlte es sich für mich an. Im Prinzip hatte ich auch kein Problem damit, und doch nagte ein Punkt an mir: Jetzt hatten wir schon Mittwoch, und ich hatte es immer noch nicht übers Herz gebracht, zu Hause anzurufen und meinen Leuten mitzuteilen, dass es ein Wiedersehen so bald nicht geben würde.

Und was das Herz anging… „Herz über Kopf“ schickte ich an Jenny per WhatsApp. Ich wusste, sie liebte diesen Song und würde wissen wollen, wie es mir ging und wann sie mich am Flughafen abholen sollte.

Eine WhatsApp statt eines Anrufs war ja auch so bequem: Ja, rede Dir ruhig ein, dass Du nur deshalb nicht anrufst, weil zu Hause jetzt schon alle tief und fest schlafen. Du willst ja nur auf Zeit spielen und hoffst, dass sie Deine Botschaft erst in ein paar Stunden liest. Wie heldenhaft.

„Herz über Kopf“ war ja auch so viel besser als „Should I stay or should I go“ geeignet, um auszudrücken, dass meine Würfel längst gefallen waren.

Stay: Von wegen ’süßes Leben‘. Arktische Temperaturen, stundenlanges Herumhängen, ohne wirklich etwas zu tun zu haben, abgesehen von den wenigen Stunden, die mein Liebster und ich für uns haben würden. Ach ja, und die Supernanny zu spielen. Jenny würde stocksauer sein, Nico und alle anderen zu Hause nicht minder fassungslos. Wenn Sie das wollen, drücken Sie auf den roten Knopf!

Go: Zu Hause warteten meine Familie und meine Freunde, und ganz besonders Jenny und Nico, die sich womöglich mit der Hochzeit nicht viel Zeit lassen würden, und allein das war es schon wert. Blöd nur, dass ich diesen Moment der Freude nicht mit dem teilen konnte, den ich am meisten wollte. Tausende von Kilometern würden uns trennen, und … Gehen heißt Grün – entscheiden Sie sich also für den grünen Knopf, wenn Sie bereit dafür sind!

Wenn Sie bereit dafür sind… Aber war ich das wirklich? Wie lange würde die Freude meiner Leute zu Hause über meine Wiederkehr andauern?

Bei Jenny spielte nun Nico die erste Geige, und es war nur eine Frage der Zeit, bis unsere gemeinsamen Treffen immer weniger wurden, bis wir uns nur noch zu besonderen Festlichkeiten sehen würden. An diesem Punkt hatte mein Verstand dann endgültig ausgesetzt.

Hey, flüsterte die Traumtänzerin, die Farbe der Liebe ist doch auch Deine Glücksfarbe: Folge dem roten Steinweg. Der rote Apfel ist der süßeste. Push. The. Button. Now.

Und so hatte ich mich für „Stay“ entschieden, um den direkten Weg ins Irrenhaus zu wählen. Nur konnte ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen. Ich wusste nur eins: Nachdem ich diese drei Worte an Jenny abgeschickt hatte, ging es mir nur unwesentlich besser, denn ich war mir sicher: Das gibt Ärger.

Ich musste mir dringend ein Argument zurecht legen, mit dem ich das Übel abmildern konnte. Dass mir das ‚unbezahlte Praktikum‘ dabei als erstes in den Sinn kam, sah ich als glückliche Fügung. Denn im Grunde war es das ja auch, und außerdem war ich an diesem Punkt schon einmal gewesen, nur dass es damals noch Work & Travel geheißen hatte.

Brian war der Auffassung, dass ich mit eisigen Temperaturen spielend zurecht kam? Wie schlecht er mich und den Auftakt zu meinem Jahr in Kanada doch kannte. Work & Travel am Arsch der Welt, mitten im kalten Winter und ohne kochende Leidenschaft, die die langen Abende um einiges erträglicher gemacht hätte. Das sah jetzt komplett anders aus. Ich konnte das Ende des Konzerts kaum abwarten, denn dann würden wir beide endlich… Huch!

♪♫ ♪♫ ♪♫ Enjoy the silence ♫ ♪♫ ♪♫ ♪, blökte mein Smartphone unvermittelt los, und ich wusste, dass er nun da war, der Stress: Jenny war am Apparat, und sie war fest entschlossen, mir mit neun Stunden Zeitunterschied die Ohren durchs Telefon langzuziehen: „DAS IST NICHT DEIN ERNST!“

Jenny war nicht nur stocksauer – sie war außer sich. „Ach ja – wie war das nochmal? ‚Niemals würden wir uns für einen Kerl verbiegen’… Und jetzt? Kaum kommt ein heißer Typ daher, drehen wir uns um 180 Grad.“

Gut, dass ich saß und der Becher vor mir auf dem Tisch stand, sonst hätte ich ihn fallen lassen. Anders herum wäre ich an ihrer Stelle auch nicht erfreut gewesen, aber dass sie gleich so übertreiben musste; aber vor allem konnte sie sich meiner Meinung nach schön selbst an die eigene Nase fassen. Hier kochte nicht nur der Kaffee, so langsam war ich selbst so weit.

„Ach ja“, ahmte ich ihren Tonfall nach, „DAS sagt ja nun genau die Richtige!“ Doch dieser Seitenhieb war nicht dazu geeignet, Jenny zu besänftigen. Im Gegenteil, sie geriet immer mehr in Fahrt.

Wie meinst Du das denn?“

Creating a password, musste ich plötzlich denken, als ich wieder ihr Gejammer im Ohr hatte, was sie am liebsten mit Nicos verdammten Drumsticks anstellen würde, wenn sie dieses nervige Getrommel noch länger ertragen müsste… Wie respektlos:

50EffingBoiled CabbagesShovedUpYourA*****IfYouDon’tGiveMeAccessImmediately…“

Oh Lord, nein, dieses Kopfkino blendete ich lieber aus. Lass uns darüber lieber kein Wort verlieren. Statt dessen erinnerte ich sie an eine ganz andere Unterhaltung, die wir lange vor meinem Abflug nach Kanada geführt hatten.

„Meinen Bruder hättest Du doch früher mit dem Arsch nicht angeguckt, und jetzt dieser Sinneswandel. Erst die Verlobung, und in ein paar Monaten folgt dann die Hochzeit? Du bist doch nur sauer, weil ich auch die verpassen werde.“

Ha ha. Dir ist wohl der Erfolg zu Kopf gestiegen…“

Welcher Erfolg? Ich hatte keine Ahnung, was sie damit andeutete, aber inzwischen war auch ich so richtig in Rage, und so ging das noch eine Weile weiter. Just keep walking! Ruhig sitzenbleiben konnte ich schon längst nicht mehr und lief mitten in unserer erhitzten Diskussion einfach los, bevor in diesem Fast-Food-Lokal noch mehr neugierige Zuhörer ihre Ohren extra weit aufsperrten, obwohl sie unmöglich davon auch nur ein Wort verstehen konnten.

Inzwischen waren wir auf einem ganz neuen Level angekommen, ein Wort gab das andere, und am Ende war ich diejenige, die das rote Hörersymbol malträtierte und das Smartphone schnaubend vor Wut in meine Hosentasche stopfte. Wann hatte mich zuletzt jemand dermaßen auf die Palme gebracht?

So aufgebracht, wie ich war, brauchte mir niemand mit „Keep calm“ oder „Cool down“ zu kommen, den leeren Kaffeebecher hatte ich längst weggeschmissen, und wenn ich mich nicht bald abreagieren konnte, würde ich platzen.

KICK!

Der erstbeste Gegenstand, der mir vor die Füße kam, war ein Mast, Teil des Gestänges, das die Beleuchtung für die Bühne halten sollte. Der wackelte nun bedenklich. Aber ob beweglich oder starr montiert, mein Fuß konnte keinen Unterschied feststellen. JAUL! Get the f*** off.

Aber hallo! Na, heute sind wir aber stürmisch unterwegs,“ quatschte mich da jemand von der Seite an, während ich auf dem Hosenboden saß und mir stöhnend den schmerzenden Fuß hielt. „Hach, ich liebe ja temperamentvolle Frauen. Da wackelt das ganze Haus!“

Sülz! Sülz! Sülz! Auch das noch – einen passenderen Moment hatte er sich wohl nicht aussuchen können. Warum musste ich auch ausgerechnet jetzt unserem Drummer in die Arme laufen?

Oh, geh Ford: Am liebsten hätte ich auf der Stelle ein Passwort für ihn kreiert – mit Drumsticks. Mist! Das Bild wurde ich jetzt wohl für den Rest des Abends nicht mehr los, noch ein unangenehmer Nebeneffekt meines Streits mit Jenny, für die ich nun endgültig gestorben war.

Anstatt dumm zu daher zu quatschen, hilf mir lieber hoch…

Ach, der Herr konnte Gedanken lesen oder verstand auf Anhieb, was ich mit meinem ausgestreckten Arm signalisierte. Ächzend kam ich auf die Beine und konnte gerade noch ein knappes „Danke“ zwischen meinen zusammengepressten Zähnen hervor quetschen, bevor ich ohne ein weiteres Wort davon humpelte, auf der Suche nach Eis, um mich selbst notdürftig zu verarzten.

♪♫ When my love said to me, meet me down by the gallow tree ♫ ♪

Wie schön, zur Abwechslung mal wieder die Songs zu hören, die am Anfang auf der Setlist gestanden hatten, bevor die große Änderungswut ausgebrochen war. Und das lag nicht nur daran, dass „Belfast Child“ neben „New Years Day“, „Don’t change“ und „Don’t stop believing“ einer meiner ganz großen Favoriten war.

Andächtig saß ich auf einer der Materialkisten, deren Inhalt ich am Nachmittag neu sortiert hatte und wippte den Rhythmus mit dem Fuß mit, dem es nach dem zusätzlich von Bradley organisierten Eis nun endlich etwas besser ging. Dass ich ihm vorgeflunkert hatte, ich wäre auf dem Weg vom Kaffeeholen in einem Schlagloch umgeknickt, schob ich auf meinen falschen Stolz. Das kommt davon, wenn man zu einer Notlüge greift, weil man sich nicht die Blöße geben und gestehen will, dass der wahre Grund für einen anschwellenden Knöchel nur die eigene Dummheit ist.

Wäre ich mal bloß besser bei der Wahrheit geblieben. Aber ändern ließ sich das jetzt nicht mehr, also konnte ich ebenso gut versuchen, an etwas anderes zu denken und mich auf die Show zu konzentrieren, besonders auf die Lichtshow. Es war schon eine Weile her, dass OxyGen in einer kleineren Halle gespielt hatten, in der als besonderes Extra eine Discokugel von der Decke baumelte.

Eine Discokugel… ernsthaft? Wann hatte ich zuletzt so ein Relikt aus den 70er oder 80er Jahren gesehen? Die Jukeboxen in den verschiedenen Bars und Pubs fand ich ja schon altmodisch, aber dieses glitzernde Etwas, das Bradley und Kevin versucht hatten, in ihre Show zu integrieren, und das sich eigentlich hätte drehen sollen…

Ja, eigentlich. Aber irgend etwas war mit diesem Teil nicht in Ordnung. Mal drehte es sich und reflektierte weiße und gelbe Lichtpunkte gegen die Wände und ins Publikum hinein, dann wieder blieb es ruckartig stehen und bewegte sich keinen Millimeter weiter. Irgendetwas lief hier komplett falsch, dachte ich, je länger ich die Metallkonstruktion betrachtete, die mir plötzlich gar nicht mehr so stabil vorkam. Final Destination 6?

Worauf wartest du, meldete sich mein innerer Alarm, sag Bradley oder Kevin Bescheid, aber beide konnte ich nirgendwo sehen.

Völlig egal, ob ich umgeknickt war oder mein Fuß Bekanntschaft mit Metallstreben geschlossen hatte, aber dass ich einen Aufenthalt auf der Bühne nicht mehr für sicher hielt, so lange das Ding da oben wackelte wie das Hinterteil einer Ente, mussten die beiden auf jeden Fall erfahren. Entschlossen fummelte ich mein Handy aus der Hosentasche und tippte die ersten von beiden Nummern ein.

Es tutete dreimal, dann ertönte eine Bandansage: „♪♫ ♪♫ ♪♫ Barcelona ♫ ♪♫ ♪♫ ♪ : „Dies ist die Mailbox von Bradley Jackson. Nein ich bin nicht in Barcelona, sondern gerade anderweitig beschäftigt. Hinterlassen Sie Ihre Nachricht nach dem Signalton, und ich melde mich, sobald ich frei bin.“

Das durfte doch jetzt nicht wahr sein. Verdammt, geh endlich ran, knurrte ich und versuchte mein Glück auf der anderen Leitung. Doch auch bei Kevin meldete sich nur die Mailbox. Wo waren denn bloß alle, wenn man sie wirklich mal dringend brauchte? Am liebsten hätte ich den Stecker gezogen, um das Konzert abzubrechen, denn ich befand mich in Alarmbereitschaft, fürchtete aber auf der anderen Seite, wie in „Final Destination“ für verrückt erklärt zu werden.

So unter Strom gestanden hatte ich schon einmal, und zwar letztes Jahr bei dem Unfall mit dem Elektrozaun. Du kannst keinen erreichen? Geh sie suchen, die können ja nicht weit sein. Zeig ihnen Deine Entdeckung, und vielleicht übertreibst Du mal wieder; sie werden Dir sagen können, ob Grund zur Sorge besteht.

Vorsichtig ließ ich mich von der Kiste gleiten und bewegte mich in gefühltem Schneckentempo, doch mehr gab mein trotz der dicken Eispackung schmerzender Fuß nicht her. Die Band war bereits bei der Ballade des Abends angelangt, als ich endlich fündig würde. Dave hatte zwar mit dem Aufbau nichts zu tun gehabt, aber vier Augen sehen immer noch bekanntlich mehr als nur zwei. Er schickte mich zurück zu meinem alten Platz und holte Kevin als weiteren Sachverständigen hinzu.

Okay, sechs Augen – noch besser! Vor Aufregung gestikulierend, wies ich die beiden auf die Discokugel und den für meinen Geschmack zu stark wackelnden Rahmen hin, doch zu meiner Verblüffung konnten weder Kevin noch Dave etwas ungewöhnliches daran erkennen.

Brad und ich haben eigenhändig nochmal alle Schrauben nachgezogen“, erwiderte Kevin achselzuckend, als ich ihn ungläubig anstarrte. Meinte er das jetzt ernst oder hatte er bloß keine Lust, die Stabilität ein zweites Mal zu prüfen oder gar derjenige zu sein, der im Ernstfall für einen Abbruch des Konzerts verantwortlich war?

Dann hol ihn her, damit er sich Euer Werk ein zweites Mal ansieht.“

Euer Werk, oh oh, das hätte ich nicht sagen sollen, denn freundlich klang das nicht, und richtig – er reagierte dementsprechend beleidigt, indem er mir den Vogel zeigte.

Du spinnst doch. Aber bitte,“ lenkte er ein, als er meinen flehenden Blick sah,, „wenn Du unbedingt meinst…“

Natürlich meinte ich das, und war heilfroh, als er mit Bradley zurückkam. Doch auch er musste mich enttäuschen.

Wir haben jede Schraube eigenhändig kontrolliert. Und ein wenig Spiel ist doch immer“, versuchte er, mich zu beruhigen, nachdem er einen Blick auf die fragliche Stelle geworfen hatte.

So langsam zweifelte ich an meinem Verstand. Die Blicke, die Kevin und er sich zuwarfen, sprachen Bände. Unsere liebe Andrea sieht so langsam Gespenster. Final Destination lässt grüßen. Und damit ließen sie mich stehen. Wie aufs Stichwort, erklang der Refrain des letzten Songs dieser Show.

♪♫ ♪ I’m standing here on the ground, the sky above won’t fall down… ♪♫ ♪

Ich sah die Menge toben und hörte doch nur mit halbem Ohr hin. Bombenstimmung. Da wackelt das ganze Haus, fielen mir Ryans Worte vom späten Nachmittag wieder ein. Ja, die Stimmung hätte besser nicht sein können, und vielleicht entwarf ich ja wirklich ein Horrorszenario; dennoch…

Gut, dass jetzt nur noch der Teil mit den Zugaben kam, dachte ich und betete im Stillen, dass der Rest des Konzerts genauso reibungslos ablief wie die zwei Stunden davor und uns nicht der Himmel auf den Kopf fiel, so wie in dem Song. Reibungslos? Für die anderen vielleicht, aber nicht für mich.

Ich saß wie auf glühenden Kohlen und hoffte, dass OxyGen endlich mit ihrem Auftritt fertig wurden, aber anstatt wie jede andere Band einfach nochmal die drei beliebtesten Songs ihres Repertoires zu spielen, hatten sie sich in den Kopf gesetzt, „Highland Cathedral“ in der „extra extended version for two guitars and bass“ zum Besten zu geben.

Auf der Bühne standen jetzt nur noch Danny, Mark und Brian, und sie dachten gar nicht daran, es bei der normalen „extended version“ zu belassen, sondern mussten diese Version unbedingt noch um ein Solo für eine Bassgitarre verlängern.

Donnernder Applaus und Standing Ovations – ich war überglücklich, als nach einer Weile endlich die Hallenbeleuchtung anging und Kevin die bunten Strahler über der Bühne ausschaltete, als Signal, dass der Tag für das Team noch nicht vorbei war. Ich stand in der für mich vorgesehenen Ecke und rollte sämtliche Kabel, die Dave mir brachte, so ordentlich wie möglich auf und verstaute diese ein einer weiteren Kiste, die noch während der Zugaben eilig herbeigeschafft worden war.

Wenigstens waren die Roadies so schlau gewesen, sich dabei von der zweifelhaften Metallkonstruktion fernzuhalten. Obwohl Kevin, Bradley und Dave bereits wussten, wovor mir am meisten graute und sie der Ansicht waren, dass ich maßlos übertrieb, entging ihnen meine Nervosität nicht, und nachdem ich ihnen das Versprechen abgenommen hatte, beim Abbau besondere Vorsicht walten zu lassen, richtete ich meine Aufmerksamkeit auf unsere Tontechnikerin.

Dass sich Leslie zu uns gesellen würde, hielt ich für unwahrscheinlich, aber man konnte nie wissen, und ich hoffte, dass das auch so blieb, denn noch war der Kelch nicht an uns vorbei gegangen. Groß war meine Erleichterung, als sie grünes Licht zum Abtransport ihrer Ausrüstung gab, nachdem sie sich um ihren Teil gekümmert hatte.

Ich reichte ihr noch eine Flasche aus der Kühlbox in meiner Nähe, dann wünschte sie uns allen eine Gute Nacht und verließ die Halle. Wieder eine Person mehr, um die ich mir keine Sorgen machen musste. So langsam wurden es immer weniger.

Leider hatte ich das aber auch nur gedacht. Mir wurde eiskalt, denn plötzlich hörte ich Schritte hinter mir, die zu jemandem gehörten, dem es anscheinend egal war, in was für ein Minenfeld er sich begab. Oder er hatte keine Ahnung. Jemand von der Band!

Warne ihn, Andrea, durchfuhr es mich wie ein Blitz, er muss so schnell wie möglich weg von hier.

„Runter von der Bühne“, rief ich und drehte mich um.

Ryan. Was wollte der denn hier? Seelenruhig machte er sich an seinem Drumkit zu schaffen. Hatte er mich denn nicht gehört? Ohne zu überlegen, machte ich einen Satz nach vorne und forderte ihn nochmal auf, endlich von der Bühne zu verschwinden. Ohne Erfolg. Er kehrte mir weiter den Rücken zu und nahm mich nicht einmal wahr.

Noch zwei Schritte, dann war ich bei ihm und tippte ihm auf die Schulter. Wie von der Tarantel gestochen, schoss er in die Höhe und fuhr wütend herum. Wäre nicht Eile geboten gewesen, hätte ich mit Genugtuung registriert, dass ich ihn aus der Fassung gebracht hatte, aber für ein solches Geplänkel war jetzt nicht der passende Zeitpunkt.

Verdammt, Andie, was soll das?“ rief er und riss sich die Stöpsel aus den Ohren. Kein Wunder, dass er mich nicht gehört hatte. „Musst Du mich so erschrecken?“

Du wirst gleich noch viel mehr erschrecken, wenn Du erfährst, was hier los ist, dachte ich und wiederholte mich erneut: „Du sollst runter von der…“ – weiter kam ich nicht mehr.

Ein ohrenbetäubendes Geräusch übertönte uns. Wie angewurzelt blieben wir beide stehen und starrten in die Richtung, aus der es kam. Oh Shit! Mit einem hässlichen Knirschen neigte sich über unseren Köpfen eine der Gerüststangen, die schon während des Konzerts in Bewegung geraten war, wie in Zeitlupe zur Seite.

WAS ZUM… – zwei Dumme, ein Gedanke. Doch keiner von uns vervollständigte den angefangenen Ausruf des Entsetzens. Noch bevor ich das ganze Ausmaß der Zerstörung erfassen konnte, wurde ich von Ryan herumgerissen und fand mich nur Sekundenbruchteile später mit dem Rücken an der Wand wieder.

Sehen konnte ich nichts, aber dafür hörte ich umso deutlicher das infernalische Getöse, mit dem die Discokugel auf dem Boden aufschlug und einzelne Teile des Aufbaus in sich zusammenstürzten.

„Broken Strings“ : Chapter 41 – Change keeps us moving on

 

Was bringt jemanden dazu, seinen Platz am Mikrofon gegen eine wenig glamouröse Rolle hinter den Kulissen einzutauschen? Mit dieser Frage konnte ich unmöglich alleine dastehen. Aber ich spürte, dass ich dieses Thema besser nicht anschnitt. Bei keinem aus der Band.

War Mikes Vorgängerin nicht klar gewesen, dass man sich sehr oft zweimal oder noch öfter im Leben begegnet, nachdem sie damals alles hingeworfen hatte? Dass Lee für ein Plattenlabel als zukünftiger Kontakt nun ihren ehemaligen Kollegen gegenüber stand, sollten diese wirklich bei dem Label unterschreiben – diese Überraschung hatte eingeschlagen wie eine Bombe. Dass sie sich auf den Deal einlassen würden, war zu erwarten, denn CeCes Angebot war einfach zu verlockend.

Vor allem für Brian, der so langsam ahnte, dass es für ihn nur eine Frage der Zeit war, bis er an seine Grenzen stieß, wenn er seine Leute selbst managte. Er verfügte zwar über eine Menge Kontakte, aber mit den richtigen Leuten im Rücken würde sich ihr Radius enorm vergrößern. Was für ein Karriereschub!

Hinzu kam außerdem noch, dass ihm nach und nach bewusst geworden war, wie gerne er früher selbst Bassgitarre gespielt hatte und wie sehr ihm die gemeinsamen Sessions fehlten, auch wenn er dies anfangs nicht hatte wahrhaben wollen. Mit Danny an der Gitarre und Mark am Bass waren sie bisher gar nicht so schlecht gefahren, aber wenn er ehrlich zu sich selbst war, so hatten ihm die Songs, die sein Bruder vor der Umbesetzung geschrieben hatte, deutlich besser gefallen.

Kein Wunder, dass der Anteil gecoverter Songs in ihren Shows immer noch so hoch war. Vielleicht war der Wechsel zu diesem Label genau die Veränderung, die sie brauchten. Er konnte sich wieder der Musik widmen und Mark dem Schreiben von Songs. Wieder und wieder hatte er den Vertrag studiert und keine Fallstricke darin finden können; und auch stundenlange Diskussionen mit seinen Jungs änderten an der Erkenntnis nichts, dass es nur einen Haken daran gab: In Zukunft würden sie Lee vor der Nase haben.

Natürlich lautete das einstimmige Urteil „accept and sign“, denn sie fanden an dem relativ überschaubar gehaltenen Vertragswerk nichts auszusetzen, und dass sie ihre Tournee wie geplant beendeten, stellte dabei kein Problem dar: Viele Konzerte waren es ohnehin nicht mehr. Eine Handvoll, mehr nicht, und sie fanden in kleineren Städten entlang der Route nach Craigellachie statt.

Zum Abschluss waren sie nachmittags bei einem kleinen Sender in der Nähe von Vancouver zu Gast, gefolgt von einem zweistündigen Konzert am Abend des selben Tages.

Was tut man nicht alles für seine Leute, dachte ich, auch wenn dazu gehört, dass man hunderte von Kilometern hin und her fährt und es unter neuer Flagge im Anschluss daran direkt weitergeht?

CeCe schien keine Zeit verlieren zu wollen. Mit weiteren Auftritten bei verschiedenen Radiosendern, Konzerten rund um Vancouver und einem kurzen Auftritt in den Pausen bei einem Eishockeyspiel der Junioren der BCHL war der Terminkalender im Nu gut gefüllt. Ihrer Meinung nach bedeutete Ausruhen Stillstand, und Stillstand war keine Option. Change keeps us moving on?

Ein Motto, bei dem ich mir sicher war, es früher schon einmal gehört zu haben, von dem ich aber nicht mehr wusste, wo – es war an sich bestimmt nicht verkehrt, aber ich bezweifelte, dass damit endloses Pendeln gemeint war. Pendeln hatte ich noch nie gemocht, und dass mir das erspart bleiben würde, war das einzig Gute, das ich meiner bevorstehenden Abreise abgewinnen konnte.

Wie praktisch, dass der letzte Auftritt von OxyGen, den ich noch erleben würde, auf einen Samstag fallen würde. Am Zwanzigsten hieß es Abschied nehmen, und dann würde auch schon alles hinter mir liegen. Flüge an einem Sonntag waren günstiger, hatte ich mir sagen lassen, und wozu den Abschied noch länger hinauszögern als nötig? Bedauerlicherweise würde ich das Spiel der Grizzlies gegen die Eagles, das für den 26. Oktober angesetzt war, nicht mehr erleben. Aber das war mein kleinstes Problem.

♪♫ ♪ All your plans are made now. Just like they told you. So what becomes of Monday now that Sunday’s gone ♪♫ ♪

Die Musik kreischend laut, die Worte blanker Hohn: in meinem verkaterten Zustand versuchte ich verzweifelt, die aufsteigende Übelkeit zu bekämpfen. Ein sinnloses Unterfangen bei den Kopfschmerzen, die direkt aus der Hölle auf mich losgelassen worden waren. Am liebsten hätte ich dieses elende Radio zertrümmert.

Aber Sachbeschädigung an Hoteleigentum würde mir auch keine Linderung verschaffen und war daher keine Lösung. Ich hatte so weiche Knie, dass ich nicht einmal aufstehen und nach einem Alka Seltzer fragen konnte. Kalter Schweiß stand mir auf der Stirn.

Wie ich es geschafft hatte, mir mit einem Becher Kaffee den Weg zu einem der Tische zu bahnen, war mir ein Rätsel, für das mir keine Lösung einfiel. Und näher darüber nachzudenken, lohnte sich nicht, sondern würde die durch zu viel Hochprozentiges verursachte Misere nur auf die nächste Spitze treiben.

Triangle – der Tod kommt in Wellen: Auch wenn es eigentlich „Die Angst kommt in Wellen“ hieß – genau so fühlte ich mich, derweil die nicht abzustellende Sinfonie für einen Presslufthammer und zwei Kreissägen aus dem Radio des Grauens die nächste Woge herantrug.

Erleichterung war nicht in Sicht. Warum nur hatte ich mich dazu hinreißen lassen, bei der Feier zum gelungenen Abschluss so über die Stränge zu schlagen? Wer auch immer auf die zweifelhafte Idee gekommen war, eine Runde Shots zu ordern und dann noch eine und noch eine und noch eine, hatte die Rechnung nicht mit mir gemacht, denn bei dem Trinkspiel hatte ich mich auf die eher nicht so clevere Strategie verlegt, mich absichtlich dumm zu stellen, damit ich bei jeder falschen Antwort dem Nachbarn zu meiner Linken zuvor kam.

Jetzt, wo Sue wieder ein Team mit Madlyn bildete und es bei der Elektrik für mich nicht wirklich viel zu tun gab, war ich wieder an dem Platz gelandet, an den mich Brian vor Sues Erkrankung hatte stellen wollen. Korrektur: gestellt hatte. Attention please, here comes Andrea McAllister, the Super Nanny for…

Push. The. Button. Statisches Rauschen, dann wurde an den Knöpfen herumgefummelt, und die höllenartige Lautstärke auf ein erträgliches Minimum reduziert. Schritte kamen näher, und als nächstes schoben sich zwei Sprudeltabletten und ein Glas Wasser in mein Blickfeld, gefolgt von einem Tütchen mit Zitronensaft: Brians Rosskur, die sich schon einmal bewährt hatte.

Nur war diesmal Mike der Sanitäter. Allein schon der Gedanke an Brians Allheilmittel brachte mich an den Rand des erneuten Erbrechens. Heute morgen kam nicht nur die Übelkeit in Wellen, sondern auch die Erinnerung. Wer nachts den Porzellangott anbetet, muss sich am folgenden Morgen nicht über schmerzende Zähne und über einen unberührten Kaffeebecher wundern.

Egal, was ich zu mir nahm, mein angegriffener Zahnschmelz funkte bei jeder Berührung ein Alarmsignal an mein Gehirn, gefolgt von Lichtblitzen so hell wie das Stroboskoplicht in dem Club, in den wir nach dem Konzert in der vergangenen Nacht noch eingefallen waren. Oh Lord, schwor ich mir, feiern wirst Du so schnell nicht mehr! Jedenfalls nicht so.

Wusste ich doch, dass ich Dich hier finde, Süße“, sprach Mike mit ruhiger Stimme und schwang sich neben mich auf die Bank, dann drückte er mir das Glas mit der sprudelnden Flüssigkeit in die Hand.

Wie fürsorglich von ihm, die Tabletten hineinzuwerfen, denn ich war offenbar ja nicht in der Lage dazu, so gelähmt, wie ich als Häufchen Elend über dem Tisch hing. „So schnell, wie Du heute morgen verschwunden bist, hab ich mir so was schon gedacht.“

Gut beobachtet und kombiniert, aber dass er so früh wach war, fand ich ungewöhnlich. Normalerweise schlief er bis in die Puppen, und nach dieser Party hätte ich das erst recht erwartet. Es tat mir leid, dass meine Geräusche ihn wahrscheinlich aus dem Schlaf gerissen hatten, als ich mir im Badezimmer Erleichterung verschafft hatte, und danach war ich hellwach und nicht in der Lage gewesen, wieder einzuschlafen. Dazu hatte in mir alles viel zu laut nach frischer Luft und starkem Kaffee geschrien.

Mich hier zu vermuten, dazu brauchte es keine Fähigkeiten eines Sherlock Holmes. Dass mir Zahnschmerzen nun einen Strich durch die Rechnung machten und mich das aus dem Becher emporsteigende Aroma regelrecht anwiderte, konnte jedoch niemand wissen. Dass Mike dies trotzdem ahnte, sprach für ihn und seine Menschenkenntnis.

„Au weia, Dich hat es ja ganz schön erwischt“, bedauerte er mich, als er sah, welche Grimassen ich zog. Aber das sprudelnde Gesöff sollte ja auch nicht schmecken, sondern helfen. „Aber welchen Tag wir heute haben, weißt Du schon noch.“

Alkohol tötet zwar Gehirnzellen, aber nicht so viele, dass mich meine Erinnerung im Stich ließ: „Ja, Sweetheart, den Dreizehnten.“

Dass er sich für mich anfühlte wie ein Freitag und nicht wie ein Sonntag, musste ich ihm gegenüber nicht extra betonen, und ich hatte keine Ahnung, wie ich den Tag in diesem Zustand überstehen sollte: mit einem Kater der übelsten Sorte

Cat content not approved; and when you wake up with a hangover it is not clever to go on with the same drinks you had the night before… stöhn! Und schon gar nicht, wenn Du heute Abend noch einmal auf die Bühne musst, denn schließlich hat morgen ganz Kanada wegen des Feiertags auch noch frei, und da könnt Ihr heute noch einmal so richtig aufdrehen.

Beste Voraussetzung, das Erntedankfest angemessen zu feiern, nur war mir danach überhaupt nicht.

Ja, und ab jetzt läuft der Countdown“, ließ Mike fallen. – Gut gemacht, Darling, Vive la France! Musste er mir ausgerechnet jetzt unter die Nase reiben, dass uns so langsam die Zeit davonlief? „Mittwoch spielen wir in Craigellachie, und am Wochenende sind wir zurück in Vancouver.“

Vielen Dank für die Aufzählung Eures Tourneeplans: Wie schön, dass ich ihn nun endlich auswendig konnte. Nur, was nützte mir das jetzt noch?

Wie gesagt, ab jetzt läuft der Countdown. Aber vielleicht müsste er das gar nicht…“

Ach… nicht? Was sollte das denn jetzt? Doch noch bevor ich ihn das fragen konnte, stand er auf und verließ den Frühstücksraum. Wirklich super, Mr. Mitchell! Erst kryptische Äußerungen und mir falsche Hoffnungen machen, und dann still und leise verschwinden – wie ich das liebte! Es gab Tage, da hätte ich am liebsten…

MM: ♪♫ ♪♫ ♪♫ Live baby live …. ♫ ♪♫ ♪♫ ♪ – „Listen to this, Baby! Why dont‘ you …. youtube.com/watch?v=P2BJUGJR5fw“.

Entgeistert starrte ich auf das Standbild mit einem altmodischen Plattencover. Das Lied kannte ich doch aus „Dirty Dancing“! Why don’t you stay just a little bit longer – was wollte er mir damit sagen? Bedeutete das wirklich, dass…

Am liebsten hätte ich „Should I stay or should I go“ zurückgefunkt und war bereits im Begriff, nach dem entsprechenden Link auf youtube zu suchen, da kam er auch schon wieder zurück, dicht gefolgt von Brian, der sich mit einem großen Pott Kaffee zu uns an den Tisch setzte, um mir in aller Ruhe einen Ausweg aus meinem Dilemma zu zeigen. Was immer ihm Mike erzählt haben mochte – plötzlich war alles ganz einfach.

Ich habe mich erkundigt – es gäbe da tatsächlich eine Möglichkeit“, begann er. „Alles, was dazu nötig ist, sind ein paar Formulare, und schon könntest Du Deinen Aufenthalt hier ohne weiteres verlängern.“

Wenn das mal nicht zu einfach klang, und vor allem so verlockend: Ich hätte nur noch Touristenstatus, was bedeutete, dass ich keiner bezahlten Arbeit nachgehen durfte. Wow, was für ein Einfall! Sollte das wirklich die Lösung sein? Zweifelnd sah ich ihn an, und ich fragte mich zum einen, wann er darauf gekommen war und außerdem, wo der Haken an seinem durchdachten Plan war.

Mike war natürlich sofort Feuer und Flamme und ließ mir vor lauter Begeisterung gar keine Zeit zum Nachdenken, so erwartungsvoll, wie er mich ansah: „Sprachlos, Süße? Ist doch eine super Idee!“

Fehlte nur noch, dass er damit herausrückte, dass er das von Anfang an im Sinn gehabt hatte, der Heuchler. Von wegen, Du lässt mich in dem Glauben, dass Brian ganz von alleine darauf gekommen ist.

„Füll einfach so ein ETA-Dingens aus, oder wie das heißt – und du reist privat mit uns mit… “ – Mit uns? Du meinst wohl ‚mit Dir‘? Ganz so naiv, wie Du glaubst, bin ich dann doch nicht. – „… und zwar als meine Begleitung. Work & Travel war gestern. Ab jetzt genießt Du das süße Leben.“

Work & Travel war gestern… Das klingt doch stark nach ’21st Century’s yesterday’… Das süße Leben? Na klar, meldete sich meine innere Stimme, als ob ich nicht wüsste, dass Du Dir diese Chance nicht entgehen lässt, unsere Beziehung endlich offiziell zu machen, damit es auch der Dümmste kapiert… Steckte am Ende vielleicht genau das hinter „Brians“ Vorschlag?

Good-Bye Work & Travel – Hallo Süßes Leben?“ nahm ich beide ins Visier. „Netter Versuch, Leute – aber jetzt mal im Ernst. Denkt Ihr wirklich, dass mir das auch nur ein Mensch glaubt? Im Winter. Bei Minus 40 Grad. Ganz ehrlich: Welcher Touri tut sich freiwillig diese Hölle aus Eis und Schnee an?“

Doch Brian blieb hartnäckig: „Hölle aus Eis und Schnee… Soll ich Dir mal was sagen? Wenn Du nur überzeugend genug auftrittst, glaubt man Dir alles. Und wenn jemand mit frostigen Temperaturen kein Problem hat, dann doch wohl Du.“

Guter Punkt, einen Winter hatte ich bereits überstanden, da war der kommende doch geradezu ein Klacks. Das war das Stichwort für Mike, der sich nicht zurückhalten konnte und unbedingt noch einen draufsetzen musste.

„Und wenn’s dir zu kalt wird, wüsste ich eine Möglichkeit, Dich zu wärmen…“ Unverschämtes Zwinkern – da hatte wohl jemand Oberwasser. Doch der Witz lief ins Leere, zumindest bei seinem Kollegen.

Der räusperte sich vernehmlich, denn er liebte es gar nicht, wenn ihm jemand mit unpassenden oder gar anzüglichen Bemerkungen die Schau stahl.

„Ha ha, sehr witzig, Mitchell“, fiel er ihm ins Wort. „aber Dein Typ ist zur Abwechslung mal nicht gefragt.“

Spätestens jetzt wünschte er sich bestimmt, dass er lieber mit mir unter vier Augen gesprochen hätte. Und nun erwartete er von mir eine Antwort, doch ich stand noch immer etwas neben mir, obwohl ich nach dieser Ankündigung schlagartig nüchtern geworden war.

Was soll ich sagen?“ Ich war sprachlos.

Sag am besten jetzt erst mal gar nichts und komm nachher bei mir vorbei, wenn Du wieder fit bist.“ lautete seine Antwort.

Puh, da hatte ich nochmal Glück gehabt, denn in diesem Moment hätte ich garantiert das Falsche gesagt. Und damit stand er auf und schob Mike, der am liebsten an meiner Seite geblieben wäre, in den Gang. Was war ich froh, dass er so viel Taktgefühl besaß, mir meinen Liebsten vom Hals zu halten. Es gab Entscheidungen, die man am besten nicht aus dem Bauch heraus traf, sondern nach gründlichem Nachdenken.

Und das konnte ich immer noch am besten, wenn ich erstens komplett nüchtern und zweitens alleine war und niemand an mir klebte. Einfach war das nicht, denn wenn sich irgendwo eine Tür öffnet, die einem das Bleiben ermöglicht – wer würde da nicht hindurch gehen? Eine solche Tür hatte sich gerade für mich aufgetan, und allein schon der Gedanke, dass die bevorstehende Trennung im letzten Augenblick doch noch abgewendet werden konnte, ließ mein Herz vor Aufregung höher schlagen.

Ach ja, die Liebe… Andererseits hieß es, dass man gehen soll, wenn es am schönsten ist, und die Pessimistin in mir musste auch noch ihren Senf dazu geben: Ja, mach nur. Geh zu Brian und füll mit ihm die Formulare aus. Gratulation! Schön, Du hast ein paar Monate Zeit gewonnen. Und dann?

Heute weiß ich, dass man gehen soll, bevor es schlimmer wird und ich besser auf die Pessimistin und nicht die Traumtänzerin gehört hätte, denn wenn das Chaos regiert, kommt das böse Erwachen dann, wenn niemand damit gerechnet hat.

„Broken Strings“ : Chapter 40 – Sonderprogramm

 

Mach Dir keine Sorgen. Das kriegen wir hin.“

Wie gerne hätte ich Marks Optimismus geteilt, aber vor lauter Lampenfieber und Nervosität wurde mir immer schlechter, je näher unsere Sondervorstellung kam. Im Prinzip hatte er zwar recht. Was sollte auch schon passieren, wo doch den größten Teil die Band stemmte, vor allem er und Danny.

Da Celia Crawford eine Vorliebe für folkig-rockige Klänge mit einer Prise Punk und neuerdings auch Wave hatte, und somit eine Schwäche für Bands wie die Pogues oder die Dropkick Murphys, würde das Instrumentalstück „Highland Cathedral“ bestimmt super bei ihr ankommen.

‚Der Oberknaller‘, hätte Jenny jetzt gesagt. Aber die war nicht hier, um mir das Händchen zu halten. Dabei hätte ich gerade jetzt jemand Unbeteiligtes gebraucht. Jemand, der verstand, wie gespalten ich zu unserem geplanten Duett stand. Ich kam mir vor wie bei ‚Canada’s got talent‘, und wenn wir es versiebten, dann sprang der Buzzer viermal an – vier Kreuze in rot, der Knock Out. Und da würde es keine Rolle spielen, ob das Duett „Shallow“ hieß oder „Creep“.

Mark hat recht“, versuchte Mike, mich zu beruhigen, „denk einfach an diesen einen Tag, als Du ganz alleine da oben gestanden hast und ich dazu gekommen bin.“

Welche Szene er meinte, wusste ich genau. Wie von selbst waren die Töne an diesem Tag aus uns heraus geflossen. Nur war das damals eine Probe ohne Zuschauer gewesen und die Idee dazu aus einer Laune heraus entstanden – und mit dem, was vor uns lag, nicht zu vergleichen. Außerdem konnte man spontane Eingebungen nicht wiederholen, ohne dass dabei Murks herauskam. Und wenn sie doch recht hatten?

An der Tatsache, dass wir zusammen am Mikrofon stehen würden, änderte sich im Grunde nichts, nur an der Anzahl der Leute um uns herum.

„Achte nicht auf sie. Auf nichts und niemanden. Außer auf mich.“

Ja, Andrea, ergänzte ich in Gedanken, in der Hoffnung, dass sich meine Aufregung dadurch etwas legte, Du weißt, was Du kannst, also achte darauf, dass Du Deinen Einsatz nicht verpasst. Und dann sieh nur Deinen Partner an und vergiss alles um Dich herum. Egal, wer da sitzt.

Und wenn etwas schief ging? – Egal. Na ja, ganz egal vielleicht nicht, aber Du bist nicht alleine Schuld, wenn dieser Nachmittag eine Pleite wird.

Stimmt. Um mich herum gab es genügend Profis, die wussten, was sie taten. Oder es zumindest wissen sollten.

Ein Saal, in den locker ein Sinfonieorchester hinein gepasst hätte, doch hier befanden wir uns nicht auf dem Gelände eines lokalen Radiosenders, sondern auf dem weitläufigen Areal einer bedeutenden Tageszeitung, bei der kulturelle Veranstaltungen kein Nischendasein fristeten. Sogenannte Meet & Greets hatte es hier schon viele gegeben, und ich wollte gar nicht wissen, wer im Lauf der Jahre dabei schon zu Gast gewesen war. Celine Dion, Avril Lavigne, Nickelback, Alanis Morrissette, von den unzähligen Nachwuchstalenten einmal abgesehen… natürlich fand sich immer jemand, der einem von den glorreichen Zeiten der Vergangenheit vorschwärmte, aber das war das letzte, was ich hören wollte.

Viel mehr interessierte mich, wie die Show ablaufen sollte. Brighter than a thousand suns? Ein hell erleuchteter Saal konnte es ja wohl auch nicht sein, aber Bedingungen, wie bei den letzten unserer Shows würde es genauso wenig geben. Es ging kein Weg daran vorbei: Das sehr kleine Publikum, das aus höchstens hundert Personen bestand, hätte einen hervorragenden Blick auf mich, und ich auf das Publikum. Tausend Tode würde ich sterben.

Und als ich schon durchzudrehen glaubte, erklangen aus dem Hintergrund die ersten Akkorde eines Klaviers, die unsere Coverversion im Stil der Vierziger Jahre einleiteten. Die Version, an der ich mich bei unserer Probe versucht und in die Mike nach dem Refrain eingestiegen war. Und obwohl wir nicht abgesprochen hatten, dass außer unseren Stimmen nur Pianoklänge zu hören sein würden, erreichte diese diese Änderung das, was mir den ganzen Tag über nicht gelungen war. Mein Puls verlangsamte sich, und wie ein Mantra kehrten Mikes Worte vom Vormittag zu mir zurück.

Achte nicht auf sie. Auf nichts und niemanden. Außer auf mich.

Die Wirkung war verblüffend: Wie aufs Stichwort fiel die Nervosität von mir ab, als ob ein Igor den entscheidenden Schalter umgelegt hätte. Von der vielköpfigen Menge in meinem Blickfeld wendete ich mich ab und dafür meinem Gesangspartner zu, der auf meinen Einsatz wartete. Achte auf nichts und niemanden. Außer auf mich…

♪♫ ♪ When you were here before, Couldn’t look you in the eye, You’re just like an angel, Your skin makes me cry. You float like a feather, In a beautiful world… ♪♫ ♪

Den Text kannte ich im Schlaf und hätte ihn mit geschlossenen Augen singen können. Dennoch widerstand ich der Versuchung. Und schaute ihm, wie vor unserem gemeinsamen Auftritt besprochen, direkt in die Augen, als er bei der nächsten Strophe an die Reihe kam.

♫ ♪ ♫ … I don’t care if it hurts, I want to have control, I want a perfect body, I want a perfect soul … ♫ ♪ ♫

What the hell are we doing here? Ein bißchen spät, sich das zu fragen, wo es doch nur eine Antwort geben konnte: Die Herausforderung zu meistern und die Leute, auf die es heute ankam, zu überzeugen.

But I’m a creep, I’m a weirdo. What the hell am I doing here? I don’t belong here…

John hatte schon nach der Hälfte des Satzes aufgehört zu spielen, nun waren es nur noch unsere Stimmen, die verhallten und auf Stille trafen. Eine sekundenlange Stille, die mir endlos vorkam. Vergeigt. Mist. Das hatten wir anscheinend schon besser drauf gehabt – nur zu verständlich, wenn jetzt die Special Guests das Weite suchten. Gut, dass jemand ein Einsehen hatte und das Licht hier vorne dimmte. So war die Blamage nicht ganz so groß.

Dafür aber das Déjà-vu, als mir Mike das Mikrofon aus der Hand nehmen und mich an sich ziehen wollte. Glaub mir, Baby, Du gehörst absolut hierher? – Träum schön weiter, und dann…

Donnernder Applaus! Entgeistert ließ ich das Mikrofon fallen und blickte mich fassungslos um. So totenstill, wie es eben noch gewesen war, hatte ich fest damit gerechnet, ausgebuht zu werden, und jetzt das?!

Kneif mich, sonst glaub ich’s nicht“, stieß ich Mike an, der mein Mikrofon gerade noch aufgefangen hatte, bevor es zu Boden gehen und ein unschönes Geräusch produzieren konnte.

Ich hab‘ sogar eine noch bessere Idee, funkelten seine Augen zurück, und er nahm mich in seine Arme, um mich lange und heftig zu küssen. Sehr lange. Und sehr heftig. Auch eine Methode, jemanden in die Realität zurück zu holen, wenn Kneifen flachfällt, weil die betreffende Person schon genügend Schrammen und blaue Flecke hat.  

Diesen Bann zu brechen, erfordert eine ungeheure Energiemenge – für die einen liefert die ein Kuss vor über hundert Leuten, für die anderen begeistertes Klatschen und Standing Ovations von genau diesen hundert Leuten.

Besser?“

Dass er mich das fragte, noch dazu mit einem unverschämten Grinsen! ‚Besser‘ war eindeutig der falsche Ausdruck – Erleichterung traf es eher. Doch die währte nicht sehr lange. Das Konzert war nämlich hiermit beendet, was übrigens auch für die Möglichkeit galt, sich zurückziehen zu können.

Aber das war mir bereits in genau der Sekunde klar geworden, als die ersten zu applaudieren begannen. Ich konnte mir natürlich einreden, dass der Beifall nicht mir persönlich galt, sondern dem Gesamtkonzept, das änderte aber nichts daran, dass ich in das Meet & Greet einbezogen wurde, und das passte mir gar nicht.

Jetzt aber einfach unterzutauchen, konnte ich aber auch nicht bringen. Dazu steckte ich viel zu tief drin. Wie heißt es doch so treffend? Mitgefangen, mitgehangen.

Das wird schon,“ flüsterte mir Mike aufmunternd zu. „Du hast Dich während unseres Duetts wacker geschlagen, da überstehst Du den Rest des Abends auch noch. Außerdem waren wir doch gar nicht so übel.“

Das fand auch Celia Crawford, die wir CeCe nennen sollten. Nach dem Misserfolg mit Brandon Cole war ich vorsichtig geworden. Es ging zwar nicht um mich, aber wer wusste schon so genau, was Leute im Schilde führten, die mit jedem gleich per Du waren und persönliche Spitznamen oder Abkürzungen nur zu freigiebig verteilten.

Womöglich war ich hoffnungslos hinterm Mond, und das war in dieser Branche so üblich. Unsicher, wie ich die ganze Situation einschätzen sollte, beschloss ich, mich lieber abseits zu halten und gar nichts zu sagen oder wenigstens nichts dummes.

Zur Not konnte ich mich immer noch in meinen buntgestreiftes Monster von einem Schal wickeln und Stimmprobleme vortäuschen. Aber das war nicht nötig.

Mit Eurer Version von der Highland Cathedral könntet Ihr direkt Runrig Konkurrenz machen!“ strahlte CeCe und zückte ihre Karte. „Meine Assistentin hat mir nicht zu viel versprochen. Das war echt top!“

Man sollte niemals die Assistentin unterschätzen, dachte ich. Besonders die nicht, die über sämtliche Schritte der Konkurrenz bestens orientiert war und nun die Chance für ihr Label gekommen sah, weil sie bereits geahnt hatte, dass Mr. Coles Plan gar nicht gut bei Brian und seinen Kollegen ankommen würde.

Sich nur die Kirsche von der Sahnehaube zu picken, geht gar nicht“, fuhr sie fort. „Bei mir gibt’s nur eins: Entweder Euch alle zusammen oder keinen von Euch. Ganz oder gar nicht. Wir sind zwar nicht so groß wie VC Star Records und können Euch nicht den Mega-Deal anbieten. Aber wir stehen voll und ganz hinter unseren Leuten und können Euch mit unseren Connections weiter bringen.“

Ich grübelte noch darüber nach, wie das mit den Connections gemeint war, da setzte sie noch einen oben drauf. „Und vor allem geht uns das dämliche Motto ‚Sex Sells‘ am Allerwertesten vorbei, das gewisse Leute ja ganz groß schreiben.“

Aha, ein Seitenhieb auf den schmierigen Konkurrenten, der zum Glück kein Thema mehr war. War ich zu Beginn noch skeptisch gewesen, wurde mir diese Frau immer sympathischer. Viel verstand ich ja nicht von dem Smalltalk, den sie mit Brian und dem Rest der Band wechselte, aber wenn ich nicht völlig danebenlag, hatten wir dieses Zusammentreffen im Prinzip Lindsay Cooper zu verdanken, die am anderen Ende dieser Kette von Kontakten saß.

Frauen müssen zusammenhalten?

Der Gedanke war gar nicht so abwegig. Anscheinend war der Anteil Frauen, die bei Spirit Chase Records etwas zu sagen hatten, höher als anderswo in dieser Branche.

War nett, Euch kennenzulernen. Also, Jungs, Ihr wisst jetzt, woran Ihr seid. Überlegt es Euch und meldet Euch in den nächsten Tagen. Meine Karte habt Ihr ja. Und alles weitere besprecht Ihr am besten mit meiner Assistentin.“

Aber à propos… wo steckte die überhaupt? Seit unserer Begegnung mit CeCe hatten wir sie nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen.

Ach, da hinten ist sie ja. Und wie immer schwer beschäftigt.“ CeCe winkte ihr quer durch den Raum zu.

Die Gesuchte winkte zurück und kam näher, das Smartphone am Ohr. Von weitem erinnerte sie mich an Pink, nur dass sie größer und schlanker war und dunkle Haare hatte. Und haufenweise Tattoos, mit denen sie der Sängerin locker Konkurrenz machen konnte. Was für eine Erscheinung, gegen die Pink im direkten Vergleich aus der Nähe betrachtet, optisch den Kürzeren zog.

Wow, war alles, was ich im ersten Moment dachte, als sie dann endlich vor uns stand. Hoffentlich gingen ihr die Herren nicht wegen ihres attraktiven Äußeren auf den Leim, ohne vorher die Vertragsbedingungen gründlich studiert zu haben. Wie war das nochmal mit dem dämlichen Motto ‚Sex Sells‘, das Euch am Allerwertesten vorbeigeht?

Ja, ja, wer’s glaubt, seufzte ich – jedenfalls schien sie genau Brians Typ zu sein, oder warum starrte er sie die ganze Zeit über mit offenem Mund an? Zu meiner Verwunderung verhielten sich die anderen genauso seltsam, mit Ausnahme von Mike. Er war der einzige, der nicht in plötzliche Schockstarre verfallen war.

Schön, dass wir Dich jetzt auch kennenlernen“, begrüßte er sie freundlich, „wo CeCe uns in den höchsten Tönen von Dir vorgeschwärmt hat“.

Okay, dieses Kompliment war vielleicht etwas dick aufgetragen, aber wenn die anderen nur Maulaffen feil hielten anstatt sich wie normale Menschen zu benehmen, musste ja einer den Anfang machen. Offensichtlich wirkte dieser Wink mit dem Zaunpfahl aber, denn jetzt war es CeCe, die das Gespräch wieder aufnahm, auch wenn für ihren Geschmack alles wesentliche längst gesagt worden war.

Ach ja, wie unhöflich von mir. Manchmal bin ich aber auch vergesslich. Also, Leute, darf ich Euch vorstellen? Meine Assistentin – Lee Channing.“

So sieht man sich wieder“, entfuhr es Ryan, der als erstes die Fassung wiedergewonnen hatte. „Ich glaube, die Vorstellungsrunde können wir abkürzen. Wir kennen uns bereits.“

Wie – Ryan und Lee kannten sich? Das waren wirklich interessante Neuigkeiten, aber noch steigerungsfähig.

Da muss ich Miller recht geben, CeCe. Wir kennen uns tatsächlich. Von früher.“

Das wurde ja immer besser. Aber groß schien seine Freude über das Wiedersehen nicht zu sein. Auch Danny und Mark hatten schon glücklicher ausgesehen.

„Tja, Lee, dass wir uns nochmal über den Weg laufen würden, hätte ich auch nie gedacht. Was für eine Überraschung!“

Offensichtlich keine angenehme, und dann machte es bei mir plötzlich Klick.

Bei Celia Crawfords Assistentin handelte es sich um die Lee: die ehemalige Sängerin von OxyGen, die vor dem großen Gig abgesprungen war, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Um jetzt wieder aufzutauchen.

„Broken Strings“ : Chapter 39 – Unlucky numbers

 

Wenn es darum ging, sich um Entscheidungen herumzudrücken, war ich nicht die Einzige. Brian war es genauso unangenehm, dass ich das lästige Thema erneut ansprach. Dabei hätte doch ihm am allermeisten an einem ordnungsgemäßen Ablauf gelegen sein müssen. Dass in einem Monat das Ende der Fahnenstange erreicht war, wusste er selbst nur zu gut, und ihm war auch klar, dass irgendwer jetzt endlich mal langsam in die Gänge kommen musste, anscheinend aber hatte er ein ganz anderes Zeitgefühl als ich. Vier Wochen schienen für ihn ein länger Zeitraum zu sein als für mich.

Vier Wochen? Da kann noch viel passieren“, orakelte er.

Mir schwante, dass er mit der Organisation meiner Angelegenheiten so lange warten wollte, bis er keine andere Wahl mehr hatte. Klar, dachte ich, Dir läuft ja auch nicht die Zeit davon, sondern mir, und ich fühlte mich allmählich wie ein Alien. Ein Alien mit Lover, der genauso sorglos in den Tag hinein lebte wie die anderen.

Ja, verschließ auch Du ruhig Deine Augen vor den Tatsachen. Umso heftiger ist das Erwachen.

Leider war mir weder nach Scherzen noch nach Schadenfreude zumute. Und da ich bei Brian auf Granit biss, sah ich ein, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht viel ausrichten konnte. Konzentriere Dich statt dessen lieber auf heute Abend, tönte meine innere Stimme, und sieh zu, dass Du Dir keine peinlichen Schnitzer leistest. Denn wenn es eines gab, das ich tun konnte, dann meinen Job so zu erledigen, dass sich außer mir auch kein anderer für mich zu schämen brauchte, und am wenigsten Sue.

Sie hatte endlich begriffen, dass ich niemals die Absicht gehabt hatte, sie zu verdrängen, und so verstanden wir drei uns inzwischen besser denn je. Wenigstens etwas gutes, dachte ich, während ich mit einem Knoten im Magen registrierte, dass auch dieser Monat zu Ende ging.

Wie schnell doch die Zeit verflog – Zeit, in der es Sue zunehmend besser ging, so dass für sie eine reelle Chance bestand, wieder auf die Bühne zurückzukehren. Natürlich nicht den ganzen Abend lang, sondern vorerst nur bis zur Pause. Ich war auf Stand-By eingestellt, für den Fall, dass ich doch bereits früher einspringen musste.

Das erste Wochenende im Oktober war dafür der ideale Zeitpunkt. Ein Konzert in der Nähe von Vancouver, fiel mir wieder ein. Die Location stand schon lange fest. Anhand der Anzahl der verkauften Tickets würde es der ganz große Abend werden.

Hoffentlich endet der nicht vorzeitig mit einem großen Knall.

Aber meine Kollegen waren zuversichtlich. Mike drückte mir sein Smartphone in die Hand: „Hier, Süße, lies selbst“ – Gespannt scrollte ich mich durch den Artikel, den er wer weiß wo ausgegraben hatte: … Zweitausend verkaufte Tickets…“, „… dank der hervorragenden PR von Lindsay Cooper…“, „… unglaublicher Fan Support…“ – bla bla bla, verdrehte ich die Augen.

Und dann überfiel mich die Erkenntnis. O Schreck, 2000 Tickets! Hatte ich wirklich richtig gelesen? Hektisch sprang ich zurück an den Beginn des Artikels, der in der Vancouver Sun unter der Rubrik ‚Arts & Life‘ erschienen war. Die Vancouver Sun… wer auch immer dieser noch relativ unbekannten Band zu einem Online-Artikel in einer der meistgelesenen Zeitungen Kanadas verholfen hatte, der hatte meinen Respekt verdient.

Ich musste nicht lange überlegen, bis ich dahinterkam, dass dafür niemand anderes in Frage kommen konnte als die in dem Artikel genannte und von mir anfangs so respektlos als PR-Tante bezeichnete Fotografin. Natürlich hatte auch sie ihre Kontakte, und die wiederum ihre, und so weiter und so fort…

Ein Artikel in der Vancouver Sun – wow!“ war alles, was ich herausbekam. „Ist Dir klar, was das für Euch heißt?“ reagierte ich fassungslos, während ich ihm das Phone wieder zurückgab.

Klar ist es das“, klinkte sich Mark, der unser Gespräch mitbekommen hatte, ein. „Endlich zahlt sich die Schinderei aus.“

Na klasse, immer schienen da, wo Mike und ich uns aufhielten, Ohren aus der Luft zu wachsen. Diesmal war es der Songschreiber von OxyGen. Wenigstens konnten wir bei ihm sicher sein, dass er seiner Antwort keine dummen Bemerkungen folgen lassen würde. Bei unserem Drummer war ich mir da nicht so sicher. A propos. Wo war der überhaupt?

Die Frage hätte ich mir auch sparen können, denn die Antwort lag bereits auf der Hand: Bei seinem neuen Best Buddy, um auf den Überraschungserfolg anzustoßen. O nein, mein Freund – so hatten wir nicht gewettet. Ein Fall von Gedankenübertragung?

Du wartest hier, Süße“, sagte Mike, drückte mir hastig einen Kuss auf die Wange und verschwand nach drinnen, wo er das Schlimmste zu verhindern hoffte.

Zweifelnd blickte ich ihm hinterher. Na, das ging ja gut los. Schon am frühen Morgen einen bechern? Und das vor der Probe, wo am Abend zum ersten Mal wieder Sue ans Mikrofon zurückkehren würde, mit mir als Back-Up, wie besprochen.

Das wird schon“, murmelte Mark ihr beruhigend zu und legte einen Arm um ihre Taille.

Einen solchen Zuspruch hätte ich jetzt auch gebrauchen können; aber was konnte ich auch von einem Tag, der schon merkwürdig begonnen hatte, anderes erwarten?

Na gut“, seufzte ich und ließ die beiden stehen, „dann mach‘ ich mich jetzt am besten auch mal auf die Suche.“

Dass ich auf alles gefasst war und angesichts der Uhrzeit so langsam schwarz für die Proben sah, musste ich den beiden ja nicht unbedingt auf die Nase binden. Wie ich vermutet hatte, waren keine Instrumente zu hören, wie ich es von einer Probe eigentlich kannte. Nicht einmal Danny, der sonst keine Gelegenheit zum Spielen auf seiner heißgeliebten Gitarre ausließ, war zu hören. Im Gegenteil: Es war verdächtig ruhig. Zu ruhig für meinen Geschmack.

Ich warne Dich, Mike Mitchell, kochte ich vor mich hin, wenn Du Dich dem Trinkgelage angeschlossen hast, schleife ich Dich eigenhändig nach draußen und mach Dir dort die Hölle heiß. Oh ja, im Ausmalen von katastrophalen Szenarien und Hineinsteigern in diese war ich richtig gut. Ich sah sie schon vor mir, die Wodkaflasche, wie sie immer leerer wurde…

Wie man sich doch täuschen kann! Noch eine weitere Ecke, an der ich abbiegen musste, und dann sah ich sie vor mir: John, Ryan und Mike, wie sie über einem ausgedruckten Plan brüteten. So viel Eintracht? Das fand ich ungewöhnlich. Die Szene erinnerte mich an eine konspirative Sitzung, und mein Eindruck verstärkte sich noch, als ich näher kam und Mike, wie von der Tarantel gestochen, hochfuhr und versuchte, das Papier verschwinden zu lassen. Zu spät. Ich hatte es schon gesehen und griff danach, in dem Versuch, es an mich zu bringen.

Leider aber hielten die Kerle zusammen und entfernten das Corpus Delicti aus meiner Reichweite. Was zum Teufel wurde hier gespielt? Wir sind doch nicht mehr in der Grundschule, wo wir einen aus der Klasse ärgern, indem wir ihm die Mütze klauen und die uns gegenseitig zuwerfen… Der Wisch befand sich nun in Ryans Händen, der ihn seelenruhig zusammenfaltete und in seiner Gesäßtasche deponierte, während Mike sich zwischen uns stellte und mich an den Schultern festhielt.

Halt, Süße, bevor Du in die Luft gehst“, fing er umständlich an. „Ich muss Dir was sagen.“

Na hoffentlich, dachte ich. Eure kindischen Spielchen gehen mir nämlich langsam wirklich auf die Nerven. Ich war es so leid, die Luft anzuhalten und den Kopf einzuziehen, weil sich bereits das nächste Desaster ankündigte.

Du kannst Dich doch bestimmt noch an dieses Wochenende erinnern, als dieser Simon-Cowell-Verschnitt uns auseinander reißen wollte“, fuhr er fort. Dieter Bohlen trifft es zwar eher, aber bitte, wenn Du nur endlich zum Punkt kommen würdest…

Ja. Und?“ Meine Ungeduld hätte der letzte Depp meinem Tonfall entnehmen können, aber Mike ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

Und an das, was wir hinterher besprochen haben?“

Ja, dass nichts und niemand die Gruppe auseinanderbringen würde.“ So weit konnte ich mich noch erinnern.

Das auch“, war Mikes rätselhafte Antwort darauf.

Ich hasste kryptische Andeutungen. Angestrengt durchkämmte ich meine Hirnwindungen. Aber ohne Erfolg. Mich so auf die Folter zu spannen, machte mich kein Deut schlauer.

Na, dann will ich deiner Süßen mal aus der Patsche helfen“, kam es von Ryan. „Ich kann das Elend nicht mehr mit ansehen. Du willst doch Andrea nicht wirklich dumm sterben lassen?“

Danke, Ryan, wie überaus hilfreich. Auf diese Erklärung war ich jetzt wirklich gespannt. Aber bitte ohne langes Blabla. Meiner stummen Bitte kam er auch sogleich nach. Er redete von den Extrawürsten. Die Extrawürste… Irgendwo in meinem Kopf machte es Klick. Auf einmal ergab alles einen Sinn. Keine Alleingänge, dafür aber auch keine Bevormundung durch den Manager, und – was für mich das wichtigste war – keine Duette mehr.

Nein! Sag, dass das nicht wahr ist. Und ob das wahr war: leider nämlich doch. Aber für wen?

Nie wieder, habt Ihr geschworen!“ zischte ich wütend. Ich fasste es nicht. „Und kommt mir jetzt nicht mit den zweitausend Fans. Die können auf solche Mätzchen nämlich sehr wohl verzichten. Also daher Eure Heimlichtuerei mit dem Plan.“

Dem Plan, den sie mir vorenthalten wollten. Was für eine riesige Verarsche! Wenn ich schon Teil des abgekarteten Spiels sein sollte, dann wollte ich auch wissen, was dieses Trio Infernal hinter unserem Rücken ausgeheckt hatte.

Und jetzt her mit dem Ding, Ryan – aber ein bißchen zackig. Oder soll ich ihn mir selber holen?“

Mach doch. Ich warte.“

Worauf Du wetten kannst – von wegen, ‚wir spielen keine Spielchen’… jetzt kannst Du was erleben.

Dass ich mich an Mike vorbeischob und zwei, drei, vier Schritte nach vorne tat, hatte keiner von ihnen erwartet. Wenn mir der Geduldsfaden riss, kannte ich nichts. Vor allem keine Hemmungen. Sie konnten ruhig merken, dass ich mich nicht abschrecken ließ. Und einschüchtern schon gar nicht. Es war John, der dazwischen ging, bevor es eskalierte.

Er zog Ryan das Blatt aus der Hosentasche, nahm mich an die Seite und zog seinen Kollegen verbal die Ohren lang: „Da Ihr beide ja nicht in der Lage seid, Tacheles zu reden, übernehme ich jetzt.“

Endlich hatte jemand Erbarmen. „Also, der Plan sieht so aus…“

Auf den ersten Blick hatte er nichts auffälliges an sich. Bis auf den Passus „Duett“ – an der Stelle, wo Mike für gewöhnlich „By my side“ oder eine andere Ballade sang. Am meisten aber irritierte mich die fettgedruckte Überschrift in Blockbuchstaben: SONDERVORFÜHRUNG VS & RC. Und noch bevor ich fragen konnte, was VS & RC bedeutete und warum nur ein Teil der Band etwas von einer Sondervorführung wusste, füllten hauchzarte Klänge einer Akustikgitarre den ganzen Raum aus, und für einen Augenblick blieb die Zeit stehen.

♪♫ When you were here before, couldn’t look you in the eye… you’re just like an angel, Your skin makes me cry… ♫ ♪

CREEP?! Wer hatte sich diesen abgeschmackten Witz ausgedacht, und warum? Vor mir stand Mike und sang „unser Lied“ vom Soundcheck, das niemals für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen war, begleitet von Danny und seiner Akustikgitarre Jetzt sollte es bei einer Sondervorführung zum Einsatz kommen – für ein kleines Publikum, das sich zusammensetzte aus Fans, die die Tickets bei einer Verlosung der Vancouver Sun gewonnen hatten, Leuten von der Zeitung selbst und, für mich die größte Überraschung: von einem Plattenlabel.

RC steht für Record Company“, erklärte John, nachdem die Musik verklungen war. „Vorhin kam ein Anruf von einer Celia Crawford von Spirit Chase Records.“

Namen von Plattenfirmen sagten mir nichts, außer es handelte sich um die ganz großen. Von dieser hatte ich noch nie etwas gehört, aber das hatte ich ja auch nicht bei der von Brandon Cole.

„Viel hat diese Celia Crawford, oder CeCe, wie sie sich genannt hat, ja nicht gesagt. Nur dass jemand von ihrem Label auf einem unserer Konzerte war und ihr davon so lange in den höchsten Tönen vorgeschwärmt hat, bis CeCe sich selbst ein Bild von uns machen wollte. Deshalb die Sondervorstellung – nur ist sie zur Zeit noch in Nova Scotia unterwegs und schafft es nicht zu unserem Auftritt heute Abend. Aber dank der Vancouver Sun gibt es den Termin morgen, und zu dem bringt sie ihre Assistentin mit.“

Zwei Frauen von einem kleinen Label, das noch kleiner war als VC Star Records und sich auf Bands in den Bereichen Folk und Rock konzentrierte. Manchmal nahmen sie auch Künstler unter Vertrag, die ihr Publikum mit Anleihen an Punk und Rockabilly begeisterten. „Change keeps us moving on“, schien ihr Motto zu sein, und deshalb wollten sie bei Spirit Chase Records nun auch noch auf Sounds im Stil der 80er Jahre setzen. Obwohl das glaubwürdiger klang als das, was sich der andere Scout für seine Firma vorgestellt hatte, war ich skeptisch.

Wenn die bisherigen Konzerte doch so toll gewesen waren, wozu brauchten sie dann bei der Show am nächsten Tag noch „Creep“, gesungen im Duett, von Mike und mir? Mir hatte schon der Versuch mit „Shallow“ gereicht, und deshalb war ich so froh gewesen, als sie nach der Pleite mit Mr. Cole beschlossen hatten, dass es solche Showeinlagen nicht mehr geben würde.

Hoch und heilig hatten sie es geschworen, und kaum rief eine exzentrische Tussi von einem Plattenlabel an, war plötzlich alles vergessen? Und wer hatte die Arschkarte? Natürlich ich, denn wenn ich mich querstellte, war es meine Schuld, wenn es mit dem Vertrag nichts wurde?

Dann gebt Gas und haut rein!“ Aha, Danny vervollständigte unser Quintett, mit einem Spruch, der schon so einen Bart hatte. „Und zeigt mal, was Ihr beide drauf habt.“

Was wir beide drauf haben? – Als ob Du das nicht schon längst wüsstest…

Hatte er etwa schon unsere Jam Session vergessen? Oder die Probe, bei der wir die One-Woman-Show der PMJ-Coverversion mit Hayley Reinhart am Mikrofon in ein Doppel mit verteilten Rollen verwandelt hatten? Was war ich doch beruhigt, dass ich bei dieser Extra-Einlage vor ausgewähltem Publikum nicht ganz alleine die Stimmbänder zum Vibrieren bringen musste.

Und wenn die Stimme versagte, half nicht Wick Blau, sondern Danny Rodriguez mit seiner E-Gitarre? Das hatte hatte ja auch schon bei „Shallow“ funktioniert. Warum nicht auch hier?

Hey, Leute, das wird super!“

Brians Applaus beruhigte mich überhaupt nicht. Auch nicht, dass sein Bruder und der Rest der Gruppe der gleichen Meinung waren. Als eine von zwei Backgroundsängerinnen die Band vor einem zweitausendköpfigen Publikum zu unterstützen, war etwas, womit ich mich gerade so arrangieren konnte. Da stand ja auch nicht ich im Mittelpunkt, und zu sehen waren Madlyn und ich auch nicht ständig.

Aber im Zentrum der Aufmerksamkeit eines kleineren, aber sehr speziellen Kreises von Leuten zu stehen? Das altbekannte Problem – mein größter Alptraum stand mir bevor, und dabei hatte ich den unangenehmsten Teil daran noch gar nicht realisiert: Die Sondervorstellung bei der Vancouver Sun fiel auf ein Datum, das ich am liebsten übersprungen hätte.

Der 6. Oktober. Ein Sonntag. Ein Tag, den meine Welt nicht brauchte. Morgen jährte sich dieses grässliche Datum zum zehnten Mal. Angeblich kommt ja Jubiläum von Jubeln, aber danach war mir nicht zumute. An jedem verdammten Sechsten des Oktobers zündete ich in der Kirche eine Kerze für Sean McAllister an.

Eine Kerze für meinen Vater, dessen Herz an diesem Tag nach sechsunddreißig Stunden im künstlichen Koma nach einem Infarkt für immer zu schlagen aufgehört hatte. Multiples Organversagen – als Spender nicht geeignet. Was das bedeutete, hatte ich mit meinen zehn Jahren noch nicht begreifen können. Dazu hatte es die folgenden Jahre gebraucht.

Zehn Jahre waren eigentlich eine lange Zeit. In der Theorie. Tatsächlich aber fühlte ich mich, als hätte jemand die Reset-Taste gedrückt und mein Leben an diese Stelle zurückgespult. Natürlich kann kein Mensch in Wirklichkeit die Zeit nach Belieben vor- oder zurückspulen, auch nicht langsamer oder schneller laufen lassen, auch wenn ich mir das noch so sehr wünschte, wie zum Beispiel jetzt: Bitte einmal per Knopfdruck diesen einen Tag überspringen…

„Broken Strings“ : Chapter 38 – The eel deal

 

 

Manchmal bekommt man Schützenhilfe aus einer ganz anderen Richtung und wenn man sie nicht erwartet hat. Aber davon ahnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nichts; im Augenblick herrschte Stillstand, in jeder Beziehung. Oder fast jeder.

Das einzige, was nicht still stand, war ich. Verärgert wanderte ich auf dem Parkplatz ziellos auf und ab. Oh, diese Arroganz! Jetzt wusste ich wieder, was ich an solchen Meetings so hasste: Irgendeiner wurde immer vorgeführt, und in diesem Fall kam noch hinzu, dass Mr. Cole mit seinem in seinen Augen unschlagbaren Angebot nur auf Brian zugekommen war. Zugegeben, Brian managte die Band und organisierte die Auftritte, aber wenn Mr. Cole Mike so toll fand, warum war er nicht direkt zu ihm gekommen?

Jeder andere hätte ihm zumindest seine Karte zugesteckt. Man konnte es auch so machen wie er, den offiziellen Weg einschlagen und zuerst mit Brian reden – in der Annahme, dass dieser ersten Kontaktaufnahme ein Gespräch unter vier Augen folgen würde und nicht eine offizielle Betriebsversammlung.

Was mich aber am meisten aufregte, war die Stelle mit dem „sexy Girl auf der Bühne“ und dass Brian ihm spätestens hier nicht gepflegt den Vogel gezeigt und den feinen Herrn in den Wind geschossen hatte. Frustriert nippte ich an meinem Kaffee, den ich mir auf dem Weg nach draußen im Vorbeigehen geschnappt hatte. Von wegen uneingeschränkter Koffeingenuss – so heiß, wie der war, konnte ich ihn unmöglich trinken. Noch so ein Punkt, der mich störte.

Manche Tage gehörten echt in die Tonne, und dieser war so ein Fall. Irgendwo wurde eine Tür aufgerissen, ich nahm anschwellendes Stimmengewirr wahr, dann schlug die Tür mit einem Knall zu. Füße in Bikerboots stapften hörbar genervt über den Asphalt, Schritte, die ich kannte und die nun näherkamen. Aha, Mike war genauso geladen wie ich.

Hey“, war alles, was er herausbrachte, als er mir von hinten die Arme um die Taille legte und sein Gesicht in meinen Haaren vergrub.

Hey“, war meine knappe Antwort auf diese klassische Begrüßung; Kommunikation, auf ein Minimum reduziert.

Mir ging es nicht anders als ihm, und mehr zu sagen oder Fragen zu stellen, war in diesem Augenblick nicht nötig, denn wie ich ihn kannte, würde er mir über kurz oder lang erzählen, wie es drinnen weitergegangen war, nachdem ich so unverhofft die Zusammenkunft verlassen hatte. Mit dieser Einschätzung lag ich richtig. Nur dass er mir so bald gefolgt war und genauso schnell mit der Sprache herausrückte, überraschte mich dann doch etwas.

Mit einem lauten und deutlichen „Ich wüsste nicht, was es da noch groß zu entscheiden gibt“ hatte er alle Anwesenden schlagartig zum Verstummen gebracht und beschrieb die Szene so, dass ich sie mir nur zu gut vorstellen konnte: Eine Stecknadel hätte man fallen hören können.

Wäre ich sitzengeblieben, hätte ich wahrscheinlich genauso reagiert – ich hätte wetten können, dass er geradezu auf den Absprung gewartet hatte und ihm dieses Angebot mehr als gelegen kam: eine Solokarriere – der Jackpot schlechthin! Und jetzt das?!

Und da wird auch nichts entschieden!“, erklärte er mir in einem Tonfall, der keinen Zweifel daran ließ, wie verärgert er wirklich war.

Dass es in ihm gewaltig brodelte, ging mir in dem Moment auf, als ich mich zu ihm herumdrehte und ihm in die Augen sah. Es konnte unmöglich nur daran liegen, dass die Auflösung von OxyGen ernsthaft als Möglichkeit in Erwägung gezogen worden war und die Existenz der Band nun von ihm abhing. Natürlich war das nicht der Grund dafür.

Allein schon für diesen Spruch mit dem sexy Girl auf der Bühne hätte ich ihm am liebsten eine reingehauen!“

Wem? Brian?

„Oh, wie ich solche Typen gefressen habe! Typen, die glauben, dass sie sich alles rausnehmen können.“

Ach so, er meinte den anderen, für den ich einige wenig schmeichelhafte Bezeichnungen auf Lager hatte. Fairerweise verzichtete er darauf, dem Überbringer der schlechten Nachricht den Kopf abzureißen. Don’t you put the blame on the messenger: „Ja, lieber toure ich mit den Jungs drei Jahre lang nonstop durch ganz Kanada, als mich auf so einen Deal einzulassen!“

Noch deutlicher konnte man seine Ablehnung nicht zeigen, und tatsächlich ließen seine letzten Worte, mit denen er seine Kollegen sprachlos zurückgelassen hatte, keine Fragen offen: „Entweder wir alle oder keiner von uns!

Wow! Dieses Statement war für seine Kollegen eine genauso große Überraschung gewesen wie für mich: Lieber dauerhaft Strapazen auf sich zu nehmen und immer mit dem Risiko, dass dabei nicht viel oder gar nichts heraussprang anstatt den vermeintlich sicheren Hafen anzusteuern und nach der Pfeife eines Managements tanzen zu müssen, das ihn in eine Schablone presste, die ihm nicht passte.

Seien wir doch mal ehrlich: Außer Singen kann ich nichts. Ich beherrsche kein Instrument und Songs kann ich auch keine schreiben. Mein einziger Versuch in dieser Richtung war ein Fall für die Tonne…“

ein Versuch, den ich nie zu Gesicht bekommen hatte

„… aber die Songs, die Mark schreibt, sind richtig gut. Oder was glaubst Du, warum ich damals bei OxyGen unbedingt einsteigen wollte?“

Stimmt. Ich erinnerte mich: Ihnen war gerade erst die Sängerin abgesprungen, und trotzdem hatten sie ihren Auftritt nicht abgesagt. Und dann war Mike aufgetaucht und hatte sich ihnen als Sänger angeboten, und da sie ohnehin nichts mehr zu verlieren gehabt hatten… Schon beim ersten Mal hatte ich mich bei der Story gefragt, warum Mike so erpicht darauf gewesen war, sich der Band anzuschließen.

Jetzt wusste ich es. Nicht die Chance, endlich als Sänger groß rauskommen zu können, hatte bei ihm im Vordergrund gestanden, sondern die Tatsache, dass er hier auf eine Gruppe gestoßen war, die ihn von der ersten Note an überzeugt hatte. Jetzt klang er selbst wie ein Talentscout, und zwar wie ein besserer als dieser Typ von VC Star Records.

Was Mark an Songs schreibt, ist echt toll. Aber ob ich mit ‚Star Records‘ noch genauso viel Glück habe?“

Worauf er hinaus wollte, konnte ich mir denken. Bei OxyGen wusste er wenigstens, was er hatte und woran er mit ihnen war, auch wenn es öfters mal Stress gab. Der Kreis der Verantwortlichen war überschaubar, aber bei diesem Label wäre er nichts anderes als eine Marionette. Während er redete, gingen mir alle möglichen Castingshows, Knebelverträge und angebliche Stars, die nach spätestens einem Jahr Schnee von gestern waren, durch den Kopf, und mit einem Mal wusste ich, an wen mich das wenige, das ich über diesen Brandon Cole gehört hate, erinnerte.

Ein Produzent, der in seiner Show der eigentliche Star war und die Kandidaten entweder in den Himmel lobte oder sie gnadenlos niedermachte. Einen größeren Unsympathen als den konnte ich mir nicht vorstellen, und ich beglückwünschte Mike insgeheim zu seinem gesunden Menschenverstand, dass er sich nicht hatte blenden lassen.

Hoffentlich sehen das die anderen auch so, dachte ich, aber leider hast Du durch Deinen überstürzten Aufbruch ihre unmittelbare Reaktion nicht mehr mitbekommen. Wirklich zu schade.

Fein, damit waren wir schon zu zweit. Aber worüber zerbrach ich mir eigentlich den Kopf? In ein paar Minuten, spätestens wenn es weiter ging, würden wir wissen, woran wir waren. Den Tourneeplan hatte ich noch so ungefähr im Kopf, denn die Liste der Orte, wo wir auftreten würden, war zum Glück nicht lang: Port Hardy, Nanaimo, Campbell River, Courtenay, Sidney, Victoria… vielleicht nicht unbedingt in genau dieser Reihenfolge.

Aber warum sollte ich mir auch jedes Detail merken? Es reichte doch, wenn unser Fahrer die Route im Kopf hatte.

Er gab das Signal zum Aufbruch, und wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten wir uns schon längst auf der vierstündigen Fahrt zum nördlichsten Punkt der Insel befunden. Sightseeing? Heute? Ach nein, ich hatte mal wieder vergessen, dass wir nicht ohne Grund irgendwo hinfuhren. Brian war so schlau gewesen, die nächste Location am anderen Ende von Vancouver Island zu organisieren. Das lästige Hin- und Herfahren fiel damit flach, und die Enfernungen zwischen den einzelnen Orten blieben überschaubar und in kurzer Zeit zu bewältigen. Oder in noch kürzerer Zeit.

Während wir die BC 19 entlang tuckerten, ließ ich mir den Plan noch einmal geben. Manche davon waren wirklich ein Witz. Eine halbe Stunde Fahrt zwischen A und B: Are you kidding me? Andere Bands hatten da wirklich ganz andere Distanzen zu überbrücken, vor allem wenn ich an solche dachte, die monatelang unablässig von Pub zu Pub gegurkt waren, malerisch verteilt über einen ganzen Kontinent. Aber das war in den 80er Jahren gewesen, wenn ich jener Biografie Glauben schenken durfte – dagegen bewegten wir uns auf einer räumlich begrenzten Insel.

Andererseits konnten wir so mehrere Tage an einem Ort bleiben und bei der Übernachtung einen nicht zu unterschätzenden Mengenrabatt herausschlagen. Im Nachhinein betrachtet, war der Plan gar nicht so übel.

„Living the adventure“ las ich auf dem Eingangsschild, als wir die Grenzen des Ortes passierten. Was für ein Motto, was für ein Spruch! Nach Abenteuern war mir nicht zumute, und Überraschungen der unangenehmen Art konnten mir gestohlen bleiben. Living the adventure… Preisfrage: Welches Schweinderl hätten’s denn gern? Eine Schiffspassage nach Alaska? Eine Runde Eislaufen mit dem Liebsten? Oder den absoluten Hauptgewinn in Form einer Sporthalle als Location für den kommenden Mittwoch?

Wenn die finnischen Metal Heroes von Lordi in einer popeligen Turnhalle auftreten konnten und eine halbwegs berühmte Rammstein-Coverband ebenso, dann waren OxyGen mit dem aktuellen Veranstaltungsort doch in allerbester Gesellschaft. Und so groß war dieses Städtchen nun auch wieder nicht, als dass das Publikum zu Tausenden hierher strömte, und schon gar nicht aus eine mehr oder weniger bekannte Band aus dem 460 Kilometer entfernten Vancouver, die noch immer als Geheimtipp gehandelt wurde und gerade an einem fragwürdigen Plattenvertrag entlang geschrammt war.

The Eel Deal, dachte ich für einen Moment: Wenn man sich bei diesem Spiel für die Playstation nicht vorsieht, landet der Held im Wasser und wird von Stomstößen gegrillt. Aale und ihre Elektrizität eben. Jeder Elektrozaun war eine leichte Hürde dagegen. Da war es wieder, das verhängnisvolle Wort.

Hätte ich nicht bei dieser Annonce angebissen und mich bei diesem Work-and-Travel-Programm beworben… Ja, hätte, hätte. Und hätten wir nicht diese parodistische Vorstellung für den Typen von VC Star Records gegeben, hätte wiederum er nicht angebissen, und wir hätten nie sein wahres Gesicht zu sehen bekommen.

Ich war heilfroh, als ich hörte, wie das Meeting nach dem plötzlichen Verschwinden von Mike weitergegangen war und sich herausstellte, dass die Anwesenden alle derselben Meinung waren: Das ging gar nicht! Also würden sie so weitermachen, wie ursprünglich gedacht, und die Tournee bis zum Ende durchziehen, und zwar ohne Extrawürste, für wen auch immer.

Ich glaube, dieser Schock war heilsam“, nahm mich Madlyn später beiseite. „Dass sie mal alle an einem Strang ziehen würden, habe ich schon länger nicht mehr erlebt.“

Stimmt, dachte ich: Besonders für Brian musste dieses unangenehme Erlebnis eine Lehre gewesen sein, denn er reagierte nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit genervt. Statt dessen ließ er ließ seinen Leuten etwas mehr Freiraum. Und jetzt, wo endlich allen klar geworden war, wie sie zueinander standen, würde es solche Eskapaden wie in der letzten Zeit wohl so schnell nicht mehr geben. Manchmal brauchte es etwas negativen Input, um allen Beteiligten die Augen zu öffnen und sie enger zusammenzuschweißen. Keine Extrawürste: Was war ich erleichtert!

Das bedeutete aber auch, dass sie bei ihrem Programm bleiben würden, egal ob schon der nächste Brandon Cole mit einem Plattenvertrag winkte. Ein weiteres Mal „Shallow“ im Duett mit Mike singen zu müssen, würde mir zum Glück erspart bleiben. Hoffentlich hielten sie sich auch daran. Das würde mir Luft verschaffen für die wirklich wichtigen Dinge, wie zum Beispiel mich voll auf meinen Aushilfsjob am Mikrofon zu konzentrieren, denn Sues Genesung schritt nur langsam voran, aber sie machte Fortschritte, wenn auch nur kleine.

Dauerhaftes Schweigen war nicht notwendig, erfuhr sie am Telefon; es reichte vollkommen aus, wenn sie sich an die Anweisungen hielt, die sie zuletzt erteilt bekommen hatte: viel trinken, viel frische Seeluft und wenig sprechen, ohne zu schreien oder zu flüstern, denn beides war Gift für ihre Stimmbänder. Wärmere Luft wäre sicher optimal gewesen, aber inzwischen stand der Herbstanfang vor der Tür und mit ihm der Punkt, an dem Nacht und Tag gleich lang waren.

Wärmer würde es nicht werden. Es war ja jetzt schon teilweise unangenehm frostig, und des Nachts war es ratsam, sich in einen kuschelig warmen Pyjama zu hüllen. Wie gut, dass ich erstens keine Frostbeule war und zweitens jemanden hatte, der mich wärmte, wenn auch nicht mehr für sehr lange, denn was die ganzen Streiks anging, zeichneten sich akzeptable Ergebnisse für alle Beteiligten ab. Die Möglichkeit, dass ich meine Heimreise wie geplant antreten konnte, rückte in greifbare Nähe. Wenn sich so langsam alle Probleme wie von selbst auflösten, warum war mir dann nicht nach Jubeln zumute?

Nur zu gerne hätte ich gewusst, warum ich mich so niedergeschlagen fühlte und so gänzlich ohne Elan. Das Aufstehen am Morgen fiel mir zunehmend schwerer – solche Probleme hatte ich mit kalten Temperaturen und feuchtem Klima doch noch nie gehabt, und selbst zu Beginn meines Work-und-Travel-Jahres hatte ich mich nicht so zerschlagen gefühlt.

Geh halt früher ins Bett“, schrieb mir Jenny über WhatsApp.

Ja klar, toller Tip – und wie sollte ich das anstellen, wenn ich teilweise bis Mitternacht auf der Bühne stand, die Meute danach noch feiern wollte und Mike und ich dabei unseren Keyboarder im Auge behalten sollten? Diesen Job hatten wir in den letzten Tagen so ziemlich vernachlässigt. Und wenn ich schon bei diesem Thema war, so war da ja auch noch ein gewisser Partner an meiner Seite…

Jenny hatte echt gut reden. Seit ihrer Verlobung mit meinem Brüderchen war sie wie ausgewechselt, und ich erkannte sie teilweise nicht wieder. Mit solchen Ratschlägen war sie mir doch früher nicht gekommen, und jetzt hörte sie sich schon an wie meine Mutter. Dinge, die eine Freundschaft nicht braucht. Hoffentlich wurde ich nicht mal so. Höchste Zeit, dass ihr jemand den Kopf gerade rückte.

Den Kopf zurechtrücken – leichter gesagt als getan. Mit einer TARDIS wäre das alles kein Problem gewesen: in Sekundenbruchteilen nach Hause eilen, mit Jenny Tacheles reden und anschließend wieder um den halben Erdball düsen, um rechtzeitig vor dem nächsten Auftritt zurück zu sein. Flüge mit Air Canada wären damit gleichzeitig natürlich Geschichte, und auslaufende Visa sowieso…

Mensch, Andrea, was soll das? Anstatt Dir so einen Blödsinn auszudenken, solltest Du lieber der Realität ins Auge sehen: Deine Zeit hier ist bald um. Der einzige Haken daran: Ich wollte nicht. Aber ich musste. Ich weiß, dass Du eine Meisterin darin bist, Dich um solche Entscheidungen herumzudrücken, aber schnapp Dir endlich Brian und bring es hinter Dich. Bevor Du es Dir noch anders überlegst. Ach, wie gerne ich es mir anders überlegt hätte…

Kein Wunder, dass Deine Laune im Keller ist“, nahm mich Bradley in der City Hall in einer ruhigen Minute beiseite. „Madlyn ist das auch schon aufgefallen.“

Ach, was Du nicht sagst, meldete sich meine innere Stimme in ironischem Tonfall, darauf wäre ich ja nie von selbst gekommen. Ich wusste schon, warum die 22 niemals meine persönliche Glückszahl werden würde. Jetzt, wo ein weiterer Streik in der Luftfahrt nicht mehr zu befürchten war, war das Datum des Grauens bereits am Horizont zu sehen. Jeder andere hätte sich gefreut, seine Freunde und vor allem die Familie wiederzusehen. Ja, wie gesagt, jeder andere…

„Broken Strings“ : Chapter 37 – This is what we least expected

 

Uhrenvergleich: Neunzehn dreißig. Das Meeting ist eröffnet.“

Nanu, Brian machte es aber wirklich spannend. Und dann war er auch noch so förmlich.

Der morgige Abend wird Bandgeschichte schreiben“, fuhr er fort. „Morgen Abend, Leute, wird es ernst. Könnt Ihr euch noch an Freitagabend erinnern?“

Oh ja, und wie wir das konnten! Diesen Abend würde keiner von uns so schnell vergessen. Die Halle war knallvoll gewesen, das Publikum so gutgelaunt wie noch nie, und die Band hatte sich die Seele aus dem Leib gespielt. Der Song „Freeway“, der als Film die Goldene Himbeere verdient hätte, war endgültig aus dem Programm geflogen.

Dafür hatten Danny und Mark eine Extra-Instrumentalsession hingelegt und die Highland Cathedral ausgebaut. Und Lindsay Coopers Fotos hatten ihr übriges getan.

Also gut. Dass wir spitze waren, fand auch dieser Typ, mit dem ich verabredet war. Brandon Cole ist Talent Scout bei VC Star Records und hat sein Management davon überzeugen können, dass wir der kommende heiße Scheiß sind.“

Ach nö, zuerst redet er wie ein Bankmanager, und dann wechselt er in einen Slang, von dem ich dachte, dass er längst out sei. ‚VC Star Records‘ – bei diesem Namen klingelte nichts, bei keinem von uns. Es dauerte nicht lange, bis Brian uns aufklärte.

VC Star Records sind zwar nur ein relativ kleines Label, aber Leute, hey, das wird der nächste Schritt auf unserem Weg nach oben. Mr. Cole fand uns so gut, dass er sich nochmal ein Bild in einer kleineren Location machen will, und zwar morgen.“

Deswegen war es ihm so wichtig gewesen, dass wir so früh wie möglich in Parksville ankamen. Das Konzert morgen Abend würde unsere ganze Konzentration und vollen Einsatz fordern, da ging es gar nicht, dass wir die Nacht zum Tag machten und ausgingen, um bis in die Puppen zu feiern. Mit anderen Worten, die Nachtruhe würde heute früher anbrechen als sonst. Bei Brians letzten Worten grinste Ryan vielsagend vor sich hin.

Warum wusste ich, dass er am Nachmittag längst im Bilde gewesen war? Natürlich war er dabei gewesen, als Brian den wichtigen Anruf auf der Fähre erhalten hatte. Na toll; anstatt Mike und mich sinnlos zuzutexten, hätte er das ruhig erwähnen können. Ach nein, vielleicht doch nicht, denn Brian hatte ihm Stillschweigen verordnet.

Und deswegen hatte er sich im Wagen auch so bedeckt gehalten. So langsam verstand ich, wie er tickte. Bei Stress riskierte er eine große Klappe, und auch nur bestimmten Leuten gegenüber. Zum Glück traute er sich das bei John nicht, aber in Mike und mir hatte er die perfekte Zielscheibe gefunden.

Wohl war mir nicht dabei, denn ich traute ihm immer noch nicht über den Weg, auch wenn er vorgeblich das Interesse an mir verloren hatte. Welche Absichten er auch immer verfolgte, Bradleys Warnung war noch immer präsent.

Pass bloß auf, dass er sich nicht zwischen euch drängt. Noch deutlicher hatte er gar nicht werden müssen. Dazu würde es nun nicht mehr kommen. Mikes Beinahezusammenbruch und die Tatsache, dass auch ich nun die ganze Geschichte kannte, hatte uns nur noch enger zusammengeschweißt.

Never underrate the morning after. Und schon gar nicht Dienstage, die sich zunächst nicht anders anfühlen als andere Tage, jedenfalls nicht, bis man die erste Tasse Kaffee intus hat, die auch dringend notwendig ist, nachdem die Nacht so ungewohnt kurz gewesen ist.

Zum Einstieg hatte uns Brian beim Frühstück noch einmal daran erinnert, wie unglaublich wichtig der heutige Abend sein würde und präsentierte uns eine glorreiche Idee, auf die er hundertprozentig nicht von selbst gekommen war: Ein Duett sollte es sein. Aber hallo – und zwar nicht irgendeins, sondern den seiner Meinung nach besten Song des letzten Jahres: Shallow.

Wie bitte? Wollte er damit wirklich diesen Talentsucher beeindrucken? Ich hatte mich wohl verhört! Und dabei hatte der Tag doch so gut angefangen. Da hatte wohl jemand seine Klappe nicht halten können und den Witz, den er beim Chinesen gerissen hatte, prompt noch mal bei seinem Bruder breitgetreten.

Komm Du mir noch einmal unter die Augen, Mark Kelly! Dann kannst Du was erleben. Du weisst genau, wie sehr ich es hasse, im Rampenlicht zu stehen.

Das hatte ich nun davon – zu glauben, dass sich das längst bei allen herumgesprochen hatte. Was war ich naiv gewesen. Aber Brians Entscheidung zu Gunsten dieser Schnapsidee, mich und Mike als „Tribute to Lady Gaga and Bradley Cooper“ präsentieren, war längst gefallen, und niemand würde sie ihm wieder ausreden. Hinzu kam, dass ich schließlich auch noch zwei zu eins von Mike und Danny überstimmt wurde. Das hatte sich Mark fein ausgedacht. Erst diese brilliante Idee an den Mann bringen und sich dann verdünnisieren und Danny die Begleitmusik zu diesem herzerwärmenden Duett spielen lassen.

Dass der sich dafür begeisterte, konnte ich ihm nicht einmal übelnehmen. Gib ihm eine Gitarre in die Hand und spiel ihm die Melodie ein paar Mal vor, und er hat sie in kürzester Zeit drauf. Aber mit mir als dem weiblichen Part konnte diese Peinlichkeit doch nur in die Hose gehen. Mit der Ansage, dass wir, beziehungsweise ich, deshalb bei den Proben nur umso mehr Gas geben und reinhauen sollten, ließ er uns sprachlos zurück. Vor allem mich, und dementsprechend wollte ich dann am Telefon meinem Herzen Luft machen. Schließlich schuldete ich Jenny noch einen Anruf, und genau jetzt war so ein Moment, an dem für mich das Maß voll war.

Leider nahm sie aber nicht ab. Na toll, das war jetzt die Quittung dafür, dass ich sie auf den nächsten Tag vertröstet, sie dann aber doch nicht angerufen hatte. Ihren Anrufbeantworter wollte ich nicht vollquatschen, also schrieb ich ihr eine kurze Nachricht, dass zwar das eine Problem gelöst war, ich aber nun dafür ein anderes an der Backe hatte.

Brian sah die Szene direkt vor sich: Der Mann mit dem Hut und der Gitarre singt den Song, den die Angebetete geschrieben hat, und sie kann nicht fassen, was sich da direkt vor ihrer Nase auf der Bühne abspielt. Dann kommt ihr Einsatz, und sie schreitet zur Tat.

Ja, nun. Es gab nur einen Haken: Ich hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit Lady Gaga, weder optisch noch stimmlich – und der einzige, dem ich irgend etwas wie eine Ähnlichkeit mit Bradley Cooper attestieren konnte, war Brian. Aber anscheinend stand ich mit dieser Einschätzung alleine da, wie bei so vielen anderen Dingen auch.

Dear Hollywood, dachte ich, solltest Du irgendwann auf die unwahrscheinliche Idee kommen, mein Jahr in Kanada zu verfilmen, dann nimm für die Hauptrollen Tatiana Maslany und Aidan Turner und engagiere als Gitarristen Danny O’Donoghue – er wäre dann der einzige wirkliche Musiker, denn die anderen können ja nicht singen. Aber das kann ich ja auch nicht… so gesehen, würde die Besetzung passen. Außerdem ist eine gute Synchronisation die halbe Miete… Ha ha.

Der Stress, unter dem ich stand, musste gewaltig sein, wenn mein Hirn solche absurden Gedanken auswarf, und dann auch noch zweisprachig. Ja, schöner Mist. Aus dieser Nummer kam ich nicht raus, da half es auch nicht, wenn ich meine Gedanken abschweifen ließ. Klar, dass meine Unaufmerksamkeit nicht unbemerkt blieb.

Nichts hasste Brian mehr, als wenn man ihm nicht zuhörte – und dieser Rüffel ging in meine Richtung: „Seht euch lieber nochmal das Video an, damit Ihr wisst, wie der Auftritt laufen soll.“ Er erwartete tatsächlich, dass wir uns eins zu eins an die Vorgabe des Videos hielten? Sollte er mal ruhig weiter an seiner Vorstellung festhalten – wir würden ihm eine Überraschung bieten, die sich gewaschen hatte.

♪♫ ♪ Tell me something girl: Are you happy in this modern world? Or do you need more? Is there somethin‘ else you’re searching for? I’m falling… ♪♫ ♪

Schlagartig erlosch das Licht im Saal, und es wurde mucksmäuschenstill.

Scheinbar aus dem Nichts erklangen die ersten Akkorde des von uns einstudierten Songs. Nur ein einsamer, bläulicher Lichtkegel fiel auf Mike, dessen Gesang, begleitet von Dannys Akustikgitarre, die Stille füllte. Noch konnte sich Brian zufrieden zurücklehnen. Schließlich hatten wir seine Entscheidung ohne Murren akzeptiert und gaben uns nun alle Mühe, die Überraschung für Mr. Cole nicht zu vergeigen.

Ja, warte nur, warte nur ein Weilchen, dachte ich. Von dort, wo ich stand, sah ich nichts, konnte mir aber das Gesicht des Herrn von VC Star Records bildlich vorstellen. Nicht noch so eine uninspirierte 08/15-Allerwelts-Showeinlage, und schlecht gecovert noch dazu! American Idol lässt grüßen…“

Vielleicht würde Brian jetzt merken, dass nicht alle seine Ideen brillant waren und er mit solchen Einfällen eher am Ziel vorbei schoss. Mir blieb nicht viel Zeit, diesen Gedanken zu verfolgen, denn nun war meine ganze Konzentration gefordert.

Los, Andrea – jetzt aber husch husch an Deinen Platz, denn gleich kommt Dein Einsatz.

Ein gelber Spot wurde angeworfen und beförderte mich umgehend auf den Präsentierteller. Noch nie war mir etwas so schwer gefallen wie das hier. An mein Lampenfieber vor meinen Auftritten als Backgroundsängerin war ich ja schon gewöhnt; nur hatten mich da die wenigsten beachtet. Jetzt aber wurde jeder meiner Schritte ganz genau unter die Lupe genommen.

„Konzentriere Dich auf mich und klammere alles andere aus“, hatte mir Mike bei den Proben eingeschärft. Ja, ihm dort in die Augen zu sehen, war ja auch einfach gewesen, so ohne Zuschauer und nur mit unserem Gitarristen als einziger Gesellschaft.

Nun aber war eine ganze Entourage um uns herum und ein Publikum, von dem ich nicht einmal wusste, wie groß es genau war. Über diese Zahlen hatte sich Brian beharrlich ausgeschwiegen, zählte für ihn ohnehin nur, dass die wichtigste Person des Abends an seiner Seite war und sich davon überzeugen konnte, wie großartig seine Leute auf der Bühne waren. Wir standen so kurz davor, Bandgeschichte zu schreiben? Nun, wir würden sehen, aber nun war ich an der Reihe. Hoffentlich verließ mich meine Stimme nicht im entscheidenden Moment, denn die Proben waren alles andere als glatt verlaufen.

♫♪♫ Tell me something boy. Aren’t you tired tryin‘ to fill that void. Or do you need more? Ain’t it hard keepin‘ it so hardcore? I’m falling… ♫ ♪♫

Diese Hürde war überwunden, nun musste ich nur noch nach vorne zu Mike ans Mikrofon kommen, denn vor uns lag der zweistimmige Refrain. Jetzt kam es auf das vollkommene Timing an. Mit meinem letzten Schritt, der mit der letzten Silbe meiner Strophe zusammenfiel, kam ich vor meinem Partner zum Stehen

♫ ♪♫ … I’m off the deep end, watch as I dive in, I’ll never meet the ground. Crash through the surface where they can’t hurt us, we’re far from the shallow now. ♫ ♪♫

Auch diesen Teil hatten wir mit Bravour gemeistert, doch was nun folgte, hatte sich Brian sicher nicht so vorgestellt. Youtube-Videos gut und schön, aber wie hilfreich ist es, wenn in den Untertiteln das eingeklammerte Wort „vocalization“ erscheint, während Lady Gaga tief Luft holt und ihre Stimme bei diesem Part ohne Text immer höher schraubt?

So hoch komme ich niemals“, hatte ich bei den Proben verkündet, „jedenfalls nicht, ohne dass mir am Ende die Stimme wegbleibt.“

Dieses Risiko wollte keiner von uns dreien eingehen, aber so sehr wir uns auch die Köpfe zerbrachen, wollte einfach keine Lösung in Sicht kommen. Also versuchte ich mein Glück schließlich doch damit, bis ich heiser zu werden drohte. An dieser Stelle hatte Danny eine Eingebung und verschwand hinter den Kulissen. Bis er nach dieser viel zu langen Zwangspause mit Mark im Schlepptau wiederkam. Dann setzte er uns seinen Plan haarklein auseinander – oh ja, damit würde Brian todsicher nicht rechnen; und allein schon der Gedanke verschaffte mir Genugtuung. Aber auf der Bühne vor einem großen Publikum zu stehen, war nochmal ein anderes Kaliber, und ich musste mich zusammenreißen, damit ich meine Nerven, die die ganze Zeit über schon flatterten, nicht vollends verlor.

♪♪♪ VOCALIZATION! ♪♪♪

Da war sie: Die Stelle, die für mich ein unüberwindliches Hindernis darstellte. Im Geiste drückte ich Mark und Danny die Daumen; wenn jetzt etwas schief ging, war’s das für heute Abend. Und wahrscheinlich auch für den Rest der Zeit, die noch vor uns lag.

Trommelwirbel, Tusch – Ladies and Gentlemen, we proudly present you the Out-of-the-blue-Version created by Danny Rodriguez: An Stelle von Lady Gagas Mörderstimme durchbrach ein infernalisches Duett aus Bass und E-Gitarre die romantische Stimmung. Vergessen waren akustische Gitarre, zweistimmiger Gesang, und stimmungsvolle Beleuchtung in Blau- und Gelbtönen, denn mit einem Schlag wurde die Bühne gnadenlos von weißem Licht geflutet. Der komplette technische Overkill, der jedoch nur kurz währte, bevor wir das Finale anstimmten.

♫ ♪♫ I’m off the deep end, watch as I dive in, I’ll never meet the ground. Crash through the surface where they can’t hurt us, we’re far from the shallow now…. We’re far from the shallow now! ♫ ♪♫

So. Dieser Drops war gelutscht. Meinetwegen sollte uns Brian den Kopf abreißen. Aber ich war mir ziemlich sicher, dass dieser Fall nicht eintreten würde, denn nicht ihn, sondern Mr. Cole hatten wir beeindrucken wollen, und da dieser noch nicht gegangen war, ging ich davon aus, dass er unseren Auftritt nicht für völlig misslungen hielt.

Wie sich später herausstellte, hatte ihm Dannys Entscheidung, die uns aufgezwungene Coverversion einem Stilbruch zu unterziehen, sogar sehr gefallen. OxyGen goes Metal? Brian hatte unser Alleingang zwar nicht gepasst, aber was sollte er tun, wenn sein Gast froh war, endlich einmal nicht den hundertsten Aufguss eines Originals im Modell eins zu eins serviert zu bekommen?

Lächeln und winken, dachte ich mit einem leisen Anflug von Bosheit und grinste in mich hinein. Am Ende hatte unser Alleingang doch etwas Gutes bewirkt, und es ging endlich voran, so wie von Brian erhofft.

Das hatten wir aber auch nur gedacht. Das Erwachen kam am nächsten Morgen, als Brian sämtliche Mitglieder der Band, Backgroundsängerinnen mit eingeschlossen, zusammenrief. Zunächst bedankte er sich dafür, dass wir uns der Herausforderung gestellt und auf den Herrn von dem Plattenlabel so einen großen Eindruck gemacht hatten. Warum nur hatte ich das Gefühl, dass keine guten Nachrichten auf uns warteten?

Wenn jemand vordergründig mit so viel Lob um sich wirft, kommt mit Sicherheit noch etwas hinterher. Meistens eine Neuigkeit, die wie eine Bombe einschlägt und vom gleichen Kaliber ist wie unsere Überraschung beim Konzert von gestern Abend. Oh ja, ich ahnte es schon – sonst hätte er es nicht so spannend gemacht und uns das ganze Fiasko in Form einer schlechten und einer guten Nachricht präsentiert.

Okay, Leute, welche wollt Ihr zuerst hören?“

Optimisten lechzen zuerst nach der schlechten, damit sie die gute in vollen Zügen genießen können. Pessimisten ist es gleich, da das Resultat ohnehin immer dasselbe ist. Meine Meinung zählte doch sowieso nicht, da konnte er diese dämlichen Spielchen auch gleich sein lassen.

Also gut. Keine Reaktion. Dann komme ich am besten gleich zur Sache.“

Guter Punkt, dann schieß mal los, und spann uns nicht länger auf die Folter.

Zum Glück ließ er sich nicht lange bitten und rückte mit der Sprache heraus. Ja, Brandon Cole war sehr angetan von unserer Show gewesen. Er war tatsächlich bis zum Schluss dageblieben und hatte das Konzert sehr genossen. Es gab nur einen Haken: Sein Interesse galt weder den ausgefeilten Gitarrenriffs von Danny oder den treibenden Bassläufen von Mark, sondern er hatte einen Narren an der außergewöhnlichen Gesangseinlage gefressen.

Wobei Brian offenließ, was an welcher Gesangseinlage so außergewöhnlich gewesen sein sollte. Mich konnte er ja wohl kaum meinen. Leises Murren machte sich breit, denn was jetzt kam, hätte keiner von uns vorhersehen können: VC Star Records zeigte großes Interesse. Aber nicht an der Band, sondern ausschließlich an Mike.

Talentscouts, die die Welt nicht braucht. Hey, hier wartete der große Karriereschub – leider aber nur für einen. Wahrlich, das war eine tolle Bandgeschichte, die hier gerade geschrieben wurde. Win a singer, lose a singer… Wie viele Arschkarten brauchte es noch? Das war ein Schlag ins Gesicht von allen. Tolle Ansage: Danke, Jungs, dass Ihr euch so mächtig ins Zeug gelegt habt, aber leider passt Ihr so gar nicht in unser Programm.

Aber Euren Sänger finden wir so heiß, dass wir ihn vom Fleck weg engagieren möchten. Die hübsche Dunkelhaarige, die ihn auf der Bühne begleitet hat, nehmen wir im Doppelpack gleich mit dazu, obwohl es mit ihrer Stimme nicht weit her ist. Aber ein sexy Girl auf der Bühne zieht immer. ‚Sex sells‘ ist das Zauberwort. Oh, diese Ungerechtigkeit.

Manchmal ist das Universum ein Arschloch, und die Schläge unter die Gürtellinie häufen sich auffallend. Wozu saßen wir noch hier? Der Keks war endgültig zerbröselt, die Timeline der Band würde sich an dieser Stelle teilen, denn wenn Mike nicht blöd war, würde er die Chance mit beiden Händen ergreifen. Wie ich ihn einschätzte, war er schon seit einiger Zeit nicht damit zufrieden, wie sich sein Leben mit OxyGen entwickelt hatte.

„Wir treten auf der Stelle, und Brian ist das scheißegal“, hatte er erst vor ein paar Tagen mir gegenüber fallenlassen, als wir unter uns waren. „Wenn hier nicht bald ein frischer Wind reinkommt…“ – über den Rest hatte er sich in Schweigen gehüllt, aber ich wusste auch so, was er meinte.

Für mich war’s das, dachte ich, wenn Brian auf diesen Deal eingeht, ist er für mich gestorben. Doch noch bevor ich etwas sagen konnte, kam mir sein Bruder zuvor.

Das sind ja tolle Neuigkeiten“. Den beißenden Spott in seiner Stimme konnte keiner von uns ignorieren. „Dann war’s das jetzt also, ja? Herzlichen Glückwunsch zu diesem grandiosen Deal – ich hoffe, Du lässt ihn ordentlich dafür blechen.“

So langsam kam ich mir hier vor wie auf dem Viehmarkt oder bei der Champion’s League, nur dass es hier um einen wesentlich kleineren finanziellen Rahmen ging und das Team dennoch dem Untergang geweiht war. Etwas weniger dramatisch, Andie, war mein Gedanke dabei, aber im Prinzip stimmte es doch: Wenn Brian sich auf diesen Handel einließ, würde die Gruppe zerbrechen, und wie es dann weiterging, konnte sich so ziemlich jeder hier vorstellen, auch ich.

Marks Frust und den der anderen konnte ich sehr gut nachvollziehen. Sie hatten sich nicht wochenlang und ganz besonders heute Abend die Seele aus dem Leib gespielt, nur um jetzt ihren Sänger zu verlieren, mit dem sie es nicht immer einfach hatten, aber der ihnen im Grunde den Allerwertesten gerettet hatte. Das Drama mit Lee hatte ihnen gereicht: bitte jetzt das gleiche nicht nochmal. Marks Ärger konnte ich deshalb nur zu gut verstehen.

Hey, Stop it!“ fiel sein Bruder ihm ins Wort. „Mach mal halblang – noch ist nichts entschieden…“

Aha. Interessant. Der Herr ruderte zurück. Fragte sich nur, wie weit. Als ob er das alleine entscheiden könnte! Und schon gar nicht stellvertretend für Mike, um den allein es bei diesem Deal gehen soll. Doch ausgerechnet der sagte kein Wort.

Unwilliges Gemurmel machte sich breit. Wie die anderen, war ich an einem Punkt, an dem ich mich fragte, was wir hier eigentlich taten. Wozu also das hier noch künstlich in die Länge ziehen? Klar, wir haben uns hier zum großen Brainstorming versammelt und warten nur noch auf die Abstimmung! Sarkasmus steuerte meine Gedanken.

Zu welchem Ergebnis soll eine solche Abstimmung denn führen? Wir sägen den Ast ab, auf dem wir sitzen? Wir zeigen unser wahres Gesicht und knallen unserem Frontmann vor den Latz, was wir wirklich von ihm halten?

Oh ja – hier haben wir den perfekten Gradmesser für den Status Quo, und wenn die Masken erst mal gefallen sind, weiß jeder, wer wie zu wem steht. Aber dann, Freunde der Nacht, ist das Ende nicht mehr weit. Bandgeschichte sollte dieser Abend schreiben? Wenn das eintritt, was ich befürchte, dann seid Ihr als Band bald Geschichte. Was war das denn für ein abgekartetes Spiel?

In mir begann es zu brodeln. Vor Ärger war mir jetzt so richtig schlecht, und ich wusste nur eins: Wenn ich nicht umgehend den Raum verließ, würde ich platzen.

„Broken Strings“ : Chapter 36 – Second Life

Wir sehen uns später? Wenn Du glaubst, dass ich das Thema auf sich beruhen lasse, hast Du Dich gründlich geirrt. Und wieso soll ich meine Stimme schonen? Denk nicht mal dran! – Gut gelaunt ging anders.

Der Rüffel vor versammelter Mannschaft war deutlich genug gewesen: Mr. Obercool versus hysterisches, unterkoffeiniertes Miststück. Blamage hin oder her – wenn es etwas zu klären gab, dann jetzt. Mit meiner Vermutung, ihn draußen auf dem Parkplatz zu erwischen, lag ich richtig.

Kaum brennt die Camel, kommt der Bus – aber passen Sie bloß auf, dass der Sie nicht überrollt. Vor allem dann, wenn Sie in der richtigen Laune sind, also auf Krawall gebürstet.

Um fair zu sein, war das stark übertrieben, aber so ähnlich fühlt es sich an, wenn man die noch immer fehlende Antwort einfordern will, aber auf Hundertachtzig ist und außer Kaffee noch nichts im Magen hat. Wie es aussah, war ich nicht die einzige, was das Nüchternsein anging.

Ein französisches Frühstück und ein Anschiss am Morgen, ist das für Dich die ideale Kombination, um den Tag zu beginnen, wenn es mit dem Quickie nach dem Erwachen nicht geklappt hat? – diese Bosheit lag mir auf der Zunge, aber sollte ich mich wirklich auf dieses Niveau hinunter begeben?

Einen solchen Spruch hätte ich noch am ehesten Frank zugetraut, und allein schon das verhinderte, dass ich Mike, der sich gerade die nächste Kippe angezündet hatte, Worte an den Kopf warf, die ich später mit Sicherheit bereut hätte.

Hey, wusste ich doch, dass ich Dich hier finden würde“, eröffnete ich statt dessen die Konversation, allerdings ohne Gewähr auf Erwiderung.

Aber der erste Schritt war gemacht. Jetzt war er am Zug. Und damit meinte ich nicht den nächsten Nikotinschub aus seiner Lucky Strike. Aber außer einem „Hm“ kam erst mal nichts. Der Herr hüllte sich in Schweigen? Mist. Ein sicheres Zeichen, dass seine Laune auch schon mal besser war, dank meines grandiosen Auftritts von vorhin. Da war wohl eine Entschuldigung fällig.

„Sorry, dass ich vorhin so ausgetickt bin. Aber wenn Du wüsstest…“

Wenn ich was wüsste?“

Das lief ja echt wie geschnitten Brot. Nämlich gar nicht. Also eher besch***en. The Devil’s Party would be a so much nicer place.

„Äh. Hm…“ verdammt, warum druckste ich eigentlich so herum?

Jetzt war ich diejenige, die das tat, was ich bei anderen so hasste. Mensch, Andrea, komm endlich zur Sache. Hol meinetwegen nochmal tief Luft, aber dann sag endlich, was Du auf dem Herzen hast.

„Also schön. Das klingt jetzt ziemlich dämlich, aber wenn zum x-ten Mal die gleiche Story ausgebreitet wird… und dabei habe ich ihm schon ein paar Mal gesagt, wie scheiße ich es finde, dass meine Probleme mit Frank vor allen breitgetreten werden. Und jetzt auch noch vor Steve, den das gar nichts angeht.“

Wenn ich schon in Fahrt war, konnte er ruhig den Rest hören und warum ich so aus der Haut gefahren war, als Bradley alle Beteiligten aufgezählt hatte.

„Das war echt nicht persönlich gemeint. Manchmal bin ich so eine blöde Kuh!“

Ja, Süße. Lass alles raus. Mach aus Deinem Herzen keine Mördergrube.“ Der Spott war nicht zu überhören. Nur weiter so. Das lief ja blendend.

Ich machte mich hier gerade zum Obst, und er genoss das Spektakel auch noch. Hatte ich aber auch nur gedacht, denn schon im nächsten Augenblick ließ er die zur Hälfte gerauchte Lucky einfach fallen, und seine Gesichtszüge entspannten sich.

Danke, und ich dachte schon, Du würdest gar nicht mehr zu mir kommen und …“

Was? Mich bei ihm entschuldigen? Ihm hinterherlaufen, weil ich diesen Unfrieden zwischen uns nicht aushielt? Ihm in die Arme fallen? Shit happens – genau das tat ich nämlich gerade, und als Krönung der Inkonsequenz war ich auch noch so „clever“, ihn zu küssen. Hä? Ich hatte wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank.

… wow! Was war das denn?!“ keuchte er genauso atemlos wie ich, als ich ihn losließ.

Schön, dass ich Mr. Obercool aus der Fassung gebracht hatte. Diese Methode musste ich mir unbedingt für später merken. Mein Triumphgefühl währte jedoch nur kurz. Von wegen aus der Fassung bringen. Das war nur der Auftakt zu einer weiteren Umarmung, und diesmal ging sie von ihm aus.

Was mich wirklich beruhigte, war das sonore Brummen des Motors. Nichts gegen Marks Liebe zu Oldtimern und das schwarze Schätzchen, in dem ich jetzt schon ein paar Mal mitgefahren war, aber das Platzangebot im Ford war unschlagbar, egal wie die neue Anordnung der Passagiere aussah. Oder war es doch wieder die alte? So langsam verlor ich den Überblick, wie oft ich schon Bäumchen wechsle Dich bei der Wahl meines Transportmittels gespielt hatte.

Meinen Kram hatte ich schnell verstaut. So langsam hatte ich den Bogen raus, wie man Gepäcktetris spielte, wenn die Claims abgesteckt waren – sowohl im Kofferraum als auch bei der Verteilung der Sitzplätze: Ryan hatte es sich bereits auf dem Beifahrersitz bequem gemacht, und Brian als unser Fahrer schlürfte noch einen Kaffee, bevor es losging. Da Mike und ich einen Teil der Strecke, die über Richmond und Sidney führte, bereits kannten, hätten wir ein ausgezeichnetes Navigationssystem für unseren Fahrer abgegeben, aber warum sollten wir?

Wenn Brian den Weg erklärt haben wollte, konnte er sich gerne an seinen Beifahrer wenden, oder an John, der dafür strategisch günstiger saß, weil er hinter Ryan Platz genommen hatte. Je weniger sie uns beachteten, desto besser.

Aus dem Smalltalk hatten wir uns schon bald ausgeklinkt. Im vorderen Teil wurde lautstark über die kommende Eishockeysaison debattiert, und da konnte ich nicht mitreden. Was war ich froh, dass die beiden uns ignorierten, denn mit Sport jeglicher Art konnte man mich jagen; ganz im Gegensatz zu Mike, der sich zwar für Autorennen begeisterte, aber ebenso wie ich der falsche Gesprächspartner für Eishockey und anderen Mannschaftssport war.

Nach Reden war uns beiden nicht, und dass John in seiner Ecke hinter dem Beifahrer vor sich hin döste, wirkte nicht gerade gesprächsfördernd. So langsam breitete sich die Schläfrigkeit auf den hinteren Plätzen aus und führte dazu, dass ich mich lieber an Mike kuschelte anstatt mich gegen die harte Fahrzeugwand zu lehnen.

Okay, Süße, wenn man’s genau nimmt, habe ich nicht ganz die Unwahrheit gesagt, aber lass uns später weiter reden“, flüsterte er mir zu, „wo wir unter uns sind. Dann erkläre ich Dir alles…“ – für fremde Ohren war das, was er mir sagen wollte, garantiert nicht bestimmt.

Dabei wäre es gar nicht notwendig gewesen, seine Stimme zu senken, bei dem Lärm, den unsere beiden Hockeyexperten veranstalteten, fühlte ich mich wie von einem Wahrnehmungsfilter umgeben. Ach ja, ’später‘ – das klang gut, denn dank der Wärme, die von Mike ausging, wurde ich nur noch schläfriger. Seine Worte „…. nachher, auf der Fähre…“ waren das letzte, was ich wahrnahm, als ich mich noch enger an ihn schmiegte, back into your arms and drifting to Morphia’s Waltz…

Mag jemand Kaffee?“ hatte Brian in die Runde gerufen, und diesmal hatte ich nicht nein gesagt, denn aus meiner vorschnellen Fehlentscheidung zugunsten einer teeähnlichen Plörre hatte ich gelernt. Here we go again… Dieselbe Fähre auf derselben Strecke nochmal. Nur war es diesmal hell, freundlich und sonnig und längst nicht so windig wie am Vortag.

Mit einem Pott Kaffee ließ es sich an Deck durchaus aushalten, vor allem, wenn man wie ich einen mollig warmen Doctor-Who-Schal um den Hals trug, den ich mir vergangenen Winter gestrickt hatte. Ja, wenn es so geschneit hat, dass man tagelang nirgendwo durchkommt und man sonst nicht viel zu tun hat… Jetzt war ich froh, dass ich das Teil hatte. Trotzdem wunderte ich mich, warum hier oben so wenige Leute die frische Luft genossen.

Alles Memmen, oder was? Oder gab’s unten eine Gratisaktion, von der ich wieder einmal nichts mitbekommen hatte? Mir war das herzlich egal, auch wenn es so gewesen wäre; eigentlich wartete ich nur auf die Gelegenheit, den Faden da wieder aufzunehmen, wo wir ihn zuletzt verloren hatten, nämlich auf dem Hotelparkplatz. Bei dieser Erinnerung wurde mir ganz anders. Gut, dass wir mühelos Plätze ganz weit vorne am Bug ergattert hatten, so waren wir wenigstens ungestört.

Ich war froh, dass ich saß und mich an meinem Becher festhalten konnte, denn ich wurde das Gefühl nicht los, dass dies hier länger dauern konnte. Ein Snickers wäre jetzt schick gewesen, aber man kann ja nicht alles haben, und zunächst klang das was er sagte, so einfach: Nachdem ich ihn mit meiner direkten Art unmittelbar nach dem Aufwachen dermaßen überrumpelt hatte und aus dem Zimmer gestürmt war, hatte er sich erst einmal überlegen müssen, was er mir eigentlich sagen wollte. Leider aber war ich am Tisch so in die Luft gegangen, dass ihm die Lust darauf vergangen war.

Mein aufgebrachter Zustand hatte sein Vorhaben torpediert, und in meinem Zustand wäre sowieso kein vernünftiges Gespräch zustande gekommen. Irgendwann hätte ich mich bestimmt beruhigt, und bis zum Abend allemal – und deshalb also auch die Bemerkung, ich würde meine Stimme noch brauchen. You’ve already finished before it began… Aber was jetzt folgte, hörte sich nicht nach einem Spaziergang für ihn an. Achtung, es wird kompliziert, dachte ich, als er für einen Moment innehielt.

Okay Süße, leider hast Du vorhin ja schon geschlummert,“ fing er an.

Das konnte ja heiter werden! So umständlich war er doch sonst nicht.

„Und vielleicht hast Du’s ja nicht mitbekommen… Wenn man nach dem Kalender geht, hast Du nicht ganz unrecht, und ich kann verstehen, wenn Du deswegen sauer auf mich bist.“

Aha! Wenn ich deswegen sauer auf Dich bin. Wenn jetzt wieder die Leier kommt, von wegen, wenn das mein ganzes Problem ist… Er wollte mich jetzt nicht wirklich als hysterische Bitch, die aus einer Mücke einen Elefanten macht, hinstellen?

Also gut. Der 10. September. Es war 2016. Da haben John und ich gedacht, jetzt ist alles vorbei.“

Ooookayyy… deshalb sollte ich also unseren Keyboarder fragen, falls ich Mike nicht glaubte. Nach diesem etwas holprigen Einstieg, fasste er sich ein Herz, und ich sollte endlich die Wahrheit erfahren.

Der 10. September 2016 war genau so ein schöner Tag wie heute gewesen: trocken und sonnig. Sie hatten auf ihrer Fahrt von Craigellachie nach Vancouver den Trans-Canada Highway hinter sich gelassen und nur noch ein kurzes Stück auf der 5N vor sich. John hatte seinen Van auf der Mittelspur dahinrollen lassen und sich auf den Feierabend gefreut. Dass sie sich dabei am Rande der zulässigen Höchstgeschwindigkeit bewegten, gefiel Mike, der auf dem Beifahrersitz seine Checkliste abhakte, zwar weniger, aber im Grunde war auch er froh, dass es nach dieser sich ewig in die Länge ziehenden Fahrt endlich nach Hause ging.

Johns Familie wohnt da oben, und bei der Entrümpelung ihrer Garage waren Teile aufgetaucht, die wir bei der nächsten Gelegenheit zu Geld machen wollten. Mark sollte einen Blick drauf werfen, schließlich ist er unser Experte für Autos.“

Ihr Van war zwar gut gefüllt gewesen, aber nicht überladen. Es gab also nichts, über das sie sich hätten Sorgen machen brauchen.

Wir hätten vorher rausfahren und einen Kaffee trinken sollen.“, fuhr er fort, dann geriet er ins Stocken. „Bridal Falls Waterpark. Ein Paradies für Familien.“

Seine Stimme zitterte. Nanu, so nah war er doch sonst nicht am Wasser gebaut. Etwas war ganz und gar nicht in Ordnung, aber ich hütete mich, ihn zu unterbrechen. „Ein Paradies für Wochenendausflügler.“

Stimmt. Die Bilder hatte ich im Internet gesehen, als ich auf der Suche nach Freizeittipps für die Region gewesen war. Zu verlockend hatte diese gigantische Landschaft aus Pools und Wasserrutschen ausgesehen, idyllisch gelegen zwischen bewaldeten Bergen und dekorativ verschönert durch blaue Plastikdelphine, rote Riesenwasserhähne und quietschgelbe Enten. Wahrlich, ein Paradies für Familien, die richtig viel Spaß haben wollten…

Leider aber auch für Idioten, die mit ihrer ungesicherten Ladung auf dem offenen Pickup durch die Gegend rasen. Was dann kam, hat keiner von uns beiden kommen sehen…“

Oh, Shit, das hatte ich nicht gewollt. Mike war völlig fertig. Was immer auch dann geschehen war, es hatte ihn aus der Fassung gebracht und ihm so zugesetzt, dass er jetzt …

Nimm ihn in die Arme, Andrea, und dann gib ihm ein paar Minuten, meinetwegen auch noch länger, und so hielt ich ihn für eine Weile, bis er die Kraft fand, weiterzureden. Der größte Alptraum eines jeden Autofahrers war wahrgeworden: Der Fahrer des Pickups auf der rechten Spur hatte seine Ladung nur unzureichend gesichert und bei dem hohen Tempo, mit dem er unterwegs war, hatten sich Teile des hinten aufgehäuften Schrotts gelöst und waren fröhlich durch die Gegend gesegelt.

Nicht ganz so fröhlich für John, der den Schreck seines Lebens bekommen hatte, als ihnen ein riesiger Bottich aus verrostetem Metall entgegen geflogen kam, auf die Motorhaube aufschlug und bei diesem Aufprall noch die Windschutzscheibe touchierte, bevor das Objekt nach hinten weiterflog und aus dem Sichtfeld geriet.

Hätte Mike den Van gesteuert, wäre dieser Zwischenfall nicht so glimpflich abgelaufen. Er hätte wahrscheinlich den Kopf verloren und das Fahrzeug irgendwo dagegengesetzt, und so war es John, der am Ende die Kontrolle behalten und den Van trotz heftigen Schlingerns auf dem Seitenstreifen zum Stehen gebracht hatte. Kalkweiß und völlig am Ende mit den Nerven, waren sie ausgestiegen und hatten sich ein gutes Stück vom Straßenrand entfernt in Sicherheit gebracht.

Keine Minute zu früh, denn kaum waren sie von der Straße runter, kam auch schon der nächste Vollidiot angebrettert und schrammte haarscharf an dem Van vorbei. Oh Mann, wie ich solche Möchtegern-Hamiltons hasste. Die beiden hätten tot sein können. Und der Unfallverursacher hätte davon nichts mitbekommen, denn der war längst über alle Berge. Mir das vorzustellen, war für mich der reinste Alptraum. Ich konnte nicht anders, als sein Gesicht mit beiden Händen zu umfassen und ihn behutsam zu küssen. Dann nahm ich ihn in meine Arme und wiegte ihn wie ein kleines Kind. Wie einen Dreijährigen.

Diesen Tag jetzt noch einmal durchleben zu müssen, hätte jeden aus der Bahn geworfen. Wie in diesen Videos auf youtube, in denen der Blitz dort einschlägt, wo kurz zuvor noch jemand gestanden hat, dachte ich, und im übertragenen Sinn hatte es sogar zwei Einschläge dicht hintereinander gegeben. An diesem Tag hatte sein Leben ein zweites Mal begonnen, was vielleicht auch erklärte, dass Mike seit drei Jahren seinen eigentlichen Geburtstag im Juni nicht mehr feierte und John sich seitdem nie wieder ans Steuer gesetzt hatte. An seiner Stelle hätte ich sogar den Beifahrersitz gemieden und nur noch hinten Platz genommen, aber mit traumatischen Ereignissen ging wohl jeder anders um.

Manche gehen bewusst bestimmten Situationen aus dem Weg, andere verdrängen das Erlebte so lange, bis eines Tages die Erinnerung aus dem Hinterhalt zuschlägt und sie nicht mehr ausweichen können – bei den einen früher, bei den anderen später. Mike hatte es jetzt erwischt. Drei Jahre danach. Es konnte kein Zufall sein, dass er ausgerechnet jetzt damit herausgekommen war.

Klar, ich konnte mir ruhig weiter einbilden, dass unser albernes Herumgeblödel beim Chinesen zu diesem Ergebnis geführt hatte. Dennoch, wäre ihm Tage zuvor nicht diese Story wegen seines angeblichen Geburtstages entschlüpft, hätten die Dinge niemals so ihren Lauf genommen. Hätte er geschwiegen, wäre die damit zusammenhängende Geschichte nicht ans Licht gekommen; früher oder später bringt die Sonne so manche unserer Geheimnisse an den Tag, so sehr wir uns auch bemühen, sie unter Verschluss zu halten.

Vielleicht war es aber auch nicht von ungefähr gekommen, dass er diese Entwicklung mit der inszenierten Privatparty ins Rollen gebracht hatte. Von all dem, was mir durch den Kopf ging, sagte ich jedoch nichts. Keiner von uns sprach auf der zweistündigen Überfahrt auch nur ein Wort; sein Rücken an meine Brust gelehnt, hielt ich ihn in meinen Armen und hüllte uns in meinen überdimensionalen Schal ein wie in einen Kokon.

Reglos ineinander versunken, blickten wir in die gleiche Richtung und ließen die in bunten Herbstfarben leuchtende Inselwelt unbeachtet an uns vorbeiziehen. Vielleicht war es mein Herzschlag, den er durch die Stofflagen hindurch in seinem Rücken spürte oder meine gleichförmigen Bewegungen, mit denen ich ihm durchs Haar strich, aber nach und nach wich seine Anspannung, und als der Hafen in Sicht kam, hatte er sich einigermaßen gefangen.

Komm, lass uns zu den anderen gehen“, sagte er mit halbwegs fester Stimme und reichte mir die Hand, um mir beim Aufstehen zu helfen.

Hach, muss Liebe schön sein“, empfing uns Ryan an der Treppe nach unten, als wir uns eng umschlungen näherten.

Hätte er nicht so dämlich gegrinst, wäre ihm sicher aufgefallen, dass Mike stiller war als sonst und auf diesen blöden Spruch von wegen einer modernen Neuauflage von Titanic mit vertauschten Rollen zu den Klängen von „My Heart will go on“ nicht einging.

„So ruhig, Mitchell? Sind wir etwa seekrank?“

Ha ha, toller Witz, Miller. Du kannst es einfach nicht lassen. Wie schön, dass wir heute alle so fröhlich sind, aber nun wundert mich gar nicht, dass sich Euer Sänger bei so viel Einfühlungsvermögen nicht anmerken lässt, wie beschissen es ihm geht. Und damit wäre er in eurem Team dann schon der zweite Kandidat mit Kurs auf den nächsten Zusammenbruch.

Dementsprechend frostig fiel der Blick aus, den ich ihm zuwarf. Wie gut, dass wir nur noch zwei Stunden Fahrt vor uns hatten, während denen er sich gerne weiterhin mit Brian über sein hochspannendes Lieblingsthema in aller Ausführlichkeit unterhalten durfte. Hauptsache, er ging uns beiden bis Parksville nicht auf die Nerven.

Mein stiller Wunsch fand Gehör, denn er wandte sich tatsächlich von uns ab und schloss sich John und Brian an, die sich zum Einsteigen bereit machten. Unserem Fahrer konnte es nicht schnell genug gehen, weiterzufahren.

Na endlich, schrie sein nervöses Trommeln auf dem Autodach förmlich.

Das wunderte mich, denn ein Blick auf meine Uhr sagte mir, dass wir noch gut in der Zeit lagen. Nach meiner Rechnung würden wir am frühen Abend ankommen, die anderen waren lange vor uns losgefahren, und aufgebaut werden sollte erst morgen – Proben inbegriffen. Wozu also diese Eile? Vorhin war Brian doch noch so entspannt gewesen, und jetzt war er wie ausgewechselt. ‚Auf glühenden Kohlen‘ traf es am besten, und ihn in diesem Zustand zu reizen, hielt ich nicht für empfehlenswert.

Mike im Schlepptau, pfiff ich auf die vorherige Sitzordnung und ließ mich auf den Platz in der Mitte der Rückbank fallen. Kaum hatte der die Tür hinter sich zugezogen, drückte Brian aufs Gaspedal und legte einen formidablen Kavalierstart hin. Kunststück, wir waren ja auch die ersten in einer langen Reihe von Autos, die darauf warteten, endlich von der Fähre herunter zu können. Den drohenden Stau zu vermeiden, indem er als erster die empfohlene Umleitung nahm, war seine Devise. Eine weitere Verzögerung wollte er nicht riskieren, ihm reichte bereits die Tatsache, dass aus den zwei Stunden vermutlich drei bis vier Stunden würden, wenn er nicht gewaltig auf die Tube drückte.

Mir war immer noch nicht klar, warum es so ein Drama war, wenn wir statt um sechs erst um acht Uhr ankämen. Auch John, der bisher am ruhigsten von uns allen geblieben war, begann sich zu fragen, was mit unserem Manager los war. Die einzigen, die unbeteiligt aus dem Fenster schauten, waren Mike und Ryan. Der eine, weil er in Gedanken immer noch bei unserem Gespräch an Deck war und meine Hand umklammert hielt – der andere, weil ihm gar nichts anderes übrig blieb und dem Fahrer nicht noch zusätzlich auf die Nerven fallen wollte.

Meine Ansage auf dem Schiff hatte also gewirkt. Doch dadurch wurde die Atmosphäre im Ford nicht besser. Wie John, hatte ich das Gefühl, dass irgend etwas vorgefallen war, das Brian die Stimmung verhagelt hatte. Wir sollten es bald schon erfahren.

„Broken Strings“ : Chapter 35 – Geboren am 18. Juni

♪♫ Liar, liar, you’re such a great big liar. With the tallest tales that I have ever heard.

Ein Ohrwurm zum unpassendsten Zeitpunkt, aber nur allzu wahr. Oh ja, diese Tischrunde war grandios gesprengt worden. Der erste, der den Raum verlassen hatte, war Mike. Danach war ich aufgestanden und hatte mich bei Mark und Sue entschuldigt, um einen Ort aufzusuchen, an den mir niemand folgen würde, um auf mich einzureden. Verwirrt schloß ich die Kabinentür und ließ mich auf der Schüssel nieder. Was hatte ich da bitte gerade gehört? In mir ging es drunter und drüber.

♪♫ Fire, fire, you set my soul on fire, Laughing in the corner as it burns, Right between the ribs it’s sinking in.

Flashback: Hier kommen sämtliche guten Eigenschaften von Dir zusammen! Was für ein abgeschmackter Witz, den keiner von uns komisch gefunden hatte, schon gar nicht nach Mikes Reaktion darauf.

♪♫ Oh, oh, the siren sang so sweet and watched the sailors going down. Oh oh, you talk to me in siren song; yeah, anyone would drown

Liar. Liar. Oh, oh, Deinen Worten habe ich nur zu gerne gelauscht. Sie waren Musik in meinen Ohren. Musik, an der ich mich berauscht.. and the ships go down, following the sound…

Hear. That. Sound. Eine WhatsApp-Nachricht von Jenny war gerade frisch hereingekommen: „Was ist los, Süße?“

Süße? Jetzt du nicht auch noch, stöhnte ich gequält, There’s nothing sweet about me, und im Moment ist eure ‚Süße‘ ziemlich sauer. Augenrollend textete ich zurück: „Ich weiß nicht weiter, Jenn…“

Jenn. O je – wenn Du meinen Namen abkürzt, ist es wirklich ernst.“

Ist es auch. Jenn, wo fängt die Lüge an? Wenn man jemandem nicht die ganze Wahrheit sagt – oder bereits, wenn man jemanden anhand kryptischer Andeutungen die falschen Schlüsse ziehen und ihn in dem Glauben lässt, dass…“

Äh, ich glaube, kryptische Andeutungen machst Du gerade…“

Damit hatte sie zwar recht, aber tiefer ins Detail wollte ich nicht gehen. Tallest tale, auch besser bekannt als Seemannsgarn oder größter Schwindel aller Zeiten… Beim Geburtsdatum zu schummeln, war nur eine kleine Lüge, aber ihre Wirkung konnte ich mir nicht schönreden oder gar -trinken. Vor allem war sie unnötig wie ein Kropf. Hollywooddiven vergangener Zeiten waren bekannt dafür, sich um Jahre jünger zu machen; aber das waren, wohlgemerkt, Jahre und nicht bloß ein paar läppische Monate wie bei Mike.

Ich verstand nicht, wo darin der Witz liegen sollte. Eine Privatparty anlässlich des Beginns seines neuen Lebensjahres, den seine Bandkollegen sowieso nicht feiern wollten? Auch nicht mit einer Überraschungsparty? Der Grund dafür war simpel: September war der falsche Monat, und der Zehnte der falsche Tag. Geboren am 18. Juni. Und dann war es noch nicht mal ein runder Geburtstag.

Neundundzwanzig, Halleluja – wenigstens stimmte das Alter. Und spätestens hier drehte ich mich im Kreis, von wegen Hollywooddiven, ihr Alter, und so… Und wenn er schon bei so einer Lappalie geflunkert hatte, wobei dann noch? Von all dem schrieb ich Jenny natürlich nichts. Stark verkürzt teilte ich ihr mit, dass es schon eine Weile her war, dass mich jemand so verschaukelt hatte, und ich mich fragte, warum.

Da es bei ihr zu Hause schon spät war, schob ich noch ein „Lass uns morgen telefonieren“ hinterher und zog mich aus dem Chat zurück. Aber etwas musste ich dabei falsch gemacht haben, denn auf dem Display öffnete sich ein Fenster und zeigte mir den Text, an dem Mike zuletzt stehengeblieben war: „Schlangen-Menschen sind materialistisch und schielen gerne nach dem Besitz anderer. Sie besitzen von allem gerne das Beste, empfinden allerdings keine Leidenschaft für Shopping.“

Keine Leidenschaft für Shopping… Okay, nicht jeder Blödsinn war es wert, vor versammelter Mannschaft wiedergegeben zu werden, und das hier hätte ich an Mikes Stelle auch weggeklickt. Aber à propos Mike… wie ich ihn kannte, war er garantiert zum Rauchen nach draußen gegangen.

Jeder hatte so seine Methoden, sich zu beruhigen, und ich gehörte zu denen, die nicht auf Nikotin zurückgreifen wollten. Das hatte ich früher oft genug getan. Mit dem Ergebnis, dass irgendwann meine Kondition immer schlechter geworden war: Wo ich davor locker zwanzig Bahnen oder mehr im Schwimmbecken heruntergerissen hatte, war ich zum Schluss nur noch auf einen Bruchteil der im Wasser zurückgelegten Strecke gekommen und hatte der elenden Qualmerei endgültig abgeschworen.

Ein anderes Mittel musste her, denn so konnte ich auf keinen Fall vor die Tür treten; die anderen würden sofort merken, dass etwas nicht stimmte – beste Voraussetzungen für eine harmonische Rückfahrt.

Ironie off!, Andrea, und denk scharf nach. Irgendwo auf Deinem Handy hast Du doch bestimmt die passende Musik gespeichert, die Du wählen würdest, wenn Du die Herzfrequenz senken wolltest. Settle, relax and chill out. Here we go: Zola Jesus? – Zu viele Beats drin, und die Stimme kann ich jetzt nicht ertragen… Conjure One?

Schon besser, aber als Schlaflied eignet sich kein Lied davon… Goldfrapp. Tales of Us? – That’s it. Und tatsächlich: Alison Goldfrapp, begleitet von ruhigen Klängen, erreichte mit ihrer Stimme, dass sich meine Atmung und mein Puls verlangsamten und ich nicht länger mein Herz bis zum Hals klopfen hörte. Schön, ich war angeschmiert worden, aber sollte ich mir dadurch wirklich den Rest des bisher so angenehmen Tages, verderben lassen? Einen Indian Summer würde ich so schnell kein zweites Mal erleben, und jetzt war definitiv nicht die Zeit für einen Streit, vor allem nicht vor den anderen. Ich würde mir Mike vorknöpfen, wenn wir unter uns waren.

Alles verlief nach Plan, aber der Plan war der größte Mist aller Zeiten – um im Voraus wissen zu können, dass wir für den Rückweg ewig brauchen würden, hätte ich im Besitz einer Kristallkugel sein müssen. Staus sind grundsätzlich der blanke Horror für mich, auch ohne den Druck, eine bestimmte Fähre erreichen zu müssen. Mit Hängen und Würgen ergatterten wir einen Platz auf dem letzten Schiff nach Richmond zurück, und nur die Tatsache, dass mir Mark die Musikauswahl überließ, bewahrte mich davor, innerlich die Wände hochzugehen.

Er wunderte sich, warum ich mit Sue die Plätze tauschen wollte, und dass ich meine Sendersuche abbrach, als ich bei Countrymusik hängenblieb, rief bei ihm ein weiteres Stirnrunzeln hervor. Aber er hielt sich mit Kommentaren wohlweislich zurück und konzentrierte sich aufs Fahren. Auf dem Schiff war ich dann auch die Erste, die den Impala verließ. Sollten die anderen sich um einen Platz kümmern; ich erklärte mich für die Getränke zuständig und stellte mich in der Schlange an. Zehn Leute vor mir, das konnte dauern. Nicht so gut für Mark, der dringend einen Koffeinschub benötigte, und auch nicht für Sue, deren Hals sich sicher gefreut hätte, wenn ich ihr einen Becher heißen Tee gereicht hätte.

Ich war dagegen froh, erst einmal etwas zu tun zu haben und auch räumlich etwas Abstand zwischen Mike und mich zu bringen. Was im Auto trotz des begrenzten Platzes funktioniert hatte, war auf der Fähre nicht ganz so einfach. Sich hier aus dem Weg zu gehen, war nahezu unmöglich, wenn ich mich nicht die ganze Fahrt über im Klo einschließen wollte. Meine Mitfahrer würden sich schön bedanken und wissen wollen, warum ich mich so anstellte. Erklärungsbedarf gut und schön, aber nicht jetzt und nicht so. Dafür war ich noch nicht in der richtigen Stimmung, ihnen meine Befindlichkeiten haarklein auseinanderzuklamüsern, und schon gar nicht Mike – sollte der doch erst mal…

Zu spät! Wenn ich gedacht hatte, dass mir mein Platz in der Schlange einen Puffer verschafft hatte, war ich gewaltig im Irrtum. Jemand drängte sich zwischen mich und meinen Hintermann, schlang beide Arme um meine Taille und legte seinen Kopf auf meine Schulter. Na super – wenn man vom Teufel spricht… Mist. Weglaufen war nicht drin. Ob Mike den Braten gerochen hatte? Vermutlich nicht, so anlehnungsbedürftig, wie er war. Oder vielleicht doch? Jetzt hatte er mich, und ich konnte ihm nicht mehr weglaufen; seit heute Nachmittag hatte er sich nämlich schon gefragt, ob er sich nur einbildete, dass ich ihm aus dem Weg ging. Bingo. Volle Kanne. Was sollte ich darauf antworten?

Jemanden auf ‚ignore‘ zu setzen, funktioniert vielleicht in Internetforen, aber im echten Leben? Und dabei hatte ich einen so tollen Plan gefasst: Pokerface aufsetzen, nichts Unüberlegtes sagen und ihn in dem Glauben lassen, dass ich meine Stimme schonen wollte. Einen idiotischen Plan zu haben, der funktioniert, war schon schlimm genug – aber was, wenn man einen guten Plan hat, der im richtigen Leben versagt?

Meine Ausrede war plausibel, wenn man danach ging, wie oft ich mir das Ungetüm von Schal um den Hals geschlungen hatte… und jetzt kam er mir so. Ja, mach nur einen Plan – und so zerbröselt der Keks… Resistance is futile? Nicht ganz. Wenn er sich vorgenommen hatte, mich durch sein Anschmusen aus dem Hinterhalt weichklopfen und am Ende doch noch herumkriegen zu können, würde er nicht weit kommen. Heute Nacht würde sich mit Sicherheit nichts mehr zwischen uns abspielen.

♪♫ Bring on the headless horses, wherever they may roam – shiver and say the word of every lie you’ve heard...

Eleven o’clock tick tock? Von wegen – es war kurz nach sieben. Wer um alles in der Welt hatte den Radiowecker bloß auf so eine unmenschlich frühe Uhrzeit gestellt? Ich war’s nicht gewesen; und nach den wenigen Stunden, die ich mehr schlecht als recht geschlafen hatte, wäre ich niemals auf eine so bescheuerte Idee gekommen. Dass derjenige sich die Mühe gemacht und einen Sender gesucht hatte, der morgens genau die Songs im Programm hatte, die ich liebte, obwohl ich zu ihrer Entstehungszeit noch gar nicht geboren war, tröstete mich auch nicht.

Es war ja nicht die frühe Stunde allein. Die Stimme, die mir aus der winzigen Konservendose von Lautsprecher entgegen schepperte, musste ausgerechnet meinen Lieblingssong aus dem Film „Pretty in Pink“ singen. Welche Ironie. Der Text fasste unser ganzes Dilemma in wenigen Zeilen zusammen und klang genau deshalb wie der blanke Hohn in meinen Ohren: „First I’m gonna make it, then I wanna break it till it falls apart. Hating all the faking and shaking while you’re breaking my brittle heart.“

Kleine Sünden bestraft der Herrgott sofort. Für meine gefakten Halsschmerzen revanchierte sich das Universum mit der Holzkeule. Zaunpfähle sind out – nimm ’nen Baseballschläger, auch wenn der nur akustisch daherkommt und sich als New-Wave-Klassiker tarnt.

Morgens um sieben war die Welt vielleicht für andere in Ordnung. In mir aber köchelte es; nur ahnte Mike davon noch nichts. Mit Echo & The Bunnymen nach vier Stunden tiefsten Schlafs geweckt zu werden und sich an die Liebste zu kuscheln, war seine Traumvorstellung von einem gelungenen Start in den Tag. Die Liebste entzog sich seinen Zärtlichkeiten? Blöd gelaufen, aber warum nicht weiter probieren…

Dass jedoch alle Bemühungen in dieser Richtung für die Katz waren und die Süße heute morgen so gar keine Lust auf einen Quickie verspürte, dämmerte ihm erst nach und nach. O Lord, let it rain some brain. Ja, wenn man morgens zunächst nur in der Lage ist, mit anderen Teilen des Körpers zu denken, die tatsächliche Schaltzentrale erst mit fortschreitendem Grad des Wachseins aktiviert wird, und erst am End‘ der Groschen fällt…

Oh, was war ich fies. Oder ‚gut drauf‘, wie Jenny jetzt gesagt hätte. Ich bin klein und gemein! Aber so gemein, ihn aus dem Bett zu schubsen, auch wieder nicht. Da reichte schon ein ganz anderer Schubs. Auf die Frage, was mit mir los wäre, weil ich ja schon seit gestern so komisch drauf sei, hatte ich schon gewartet und die Antwort in Form einer simplen Gegenfrage vorbereitet: „Warum hast Du mich angelogen?“

Seine Augen wurden schmal: „Ich Dich angelogen?“

Offenbar begriff er nicht, wovon ich sprach. Auch gut, Mr. Mitchell. Dann wollen wir mal nachhelfen und das Geheimnis lüften.

Oh, jetzt enttäuschst Du mich aber. Wer ist denn gestern Nachmittag so plötzlich vom Tisch aufgesprungen und hätte Mark um ein Haar rund gemacht?“

Aber es klingelte immer noch nicht bei ihm. Wenn dezente Hinweise nicht zur Klärung beitrugen, musste ich wohl deutlicher werden. Der Zwilling und seine zwei Gesichter… seinen Stimmungsumschwung hatte ich noch ganz deutlich in Erinnerung, genau wie diesen Schweizer Käse, den Mark zitiert hatte – und genau den gab ich jetzt wieder: „Der Zwilling. Problemlos findet er die richtigen Worte, um das Objekt seiner Begierde glücklich und in sich verliebt zu machen. Er flirtet wie ein Weltmeister, ohne jedoch ernsthaft an eine feste Beziehung zu denken…“

Okay, das mit der Beziehung war irrelevant, und das schob ich auch sofort hinterher, bevor ich mit dem Rest fortfuhr: „Wie war das nochmal? Sternzeichen Zwilling mit Aszendent Zwilling. Da sind sie gleich doppelt ausgeprägt. Deine Eigenschaften.“

Und?“

Und?“ Jetzt war ich diejenige, die nicht verstand, wie jemand so begriffsstutzig sein konnte. Oder handelte er nach dem Motto ‚Einmal dumm gestellt, hilft einem durchs ganze Leben‘?

„Dann erklär mir doch mal, wieso wir im September Deinen Geburtstag feiern, wenn der schon seit Monaten vorbei ist? Nur wegen unserer kleinen ‚Privatparty‘ hättest Du nicht so einen Aufriss machen müssen, von wegen ’neues Lebensjahr‘ und so. Wer weiß, was Du mir noch verschweigst, wenn Du schon bei so einer Kleinigkeit …“

Aha. Kleinigkeit…“ – Mike starrte mich an, als ob ich nicht ganz bei Trost wäre. „Und das ist Dein ganzes Problem?“ Mein ganzes Problem? Komm mir jetzt bloß nicht so, dachte ich. „Echt jetzt?“

Ja, redete ich denn chinesisch? Woran er bei mir war, hatte er von Anfang an gewusst – anders herum war ich mir da nicht mehr so sicher, erklärte ich noch einmal. Wenn das Schummeln schon bei solchen ‚Kleinigkeiten‘ anfängt, wo hört das dann auf? Vermutlich würde ich es nicht mehr erfahren, weil ich dann schon im Flieger nach Deutschland säße, aber diese Bemerkung schluckte ich hinunter. „

Also schön. Da Du mir ja offenbar nicht glaubst – frag John.“

John? Was hatte denn der jetzt damit zu tun? Das wurde mir jetzt eindeutig zu blöd hier.

Okay, jetzt raus mit der Sprache. Dass der elfte September seit 2001 kein Tag zum Jubeln ist, weiß ich auch. Aber was soll dieses Theater um den Zehnten? Und warum soll ich John fragen? Der ist erstens nicht hier, und zweitens will ich keine zweite Meinung einholen, sondern es von Dir hören. Und zwar jetzt.“

Ich wartete noch ein, zwei, drei Sekunden. Dann hatte ich endgültig genug. Wie mich dieses Herumgedruckse nervte! Aus dem Bett freigeschaufelt hatte ich mich schon, und auch damit begonnen, mich anzuziehen. Schlafen war jetzt sowieso nicht mehr drin, also konnte ich genauso gut auch aufstehen und für eine geregelte Koffeinzufuhr sorgen. Ohne Kaffee fühlte ich mich nur wie ein halber Mensch.

Na, hattet Ihr einen schönen Tag?“ wurde ich von Madlyn begrüßt. Klar, Sue war noch nicht wach, aber sie hätte ihr auch so nicht viel erzählen können. Also hielt sie sich an mich.

Frag bloß nicht.“, stöhnte ich und holte mir einen großen Becher extrastarken Kaffee.

Keinen Bissen brachte ich hinunter, denn der Appetit war mir gründlich vergangen. Außer Kaffee und meiner Ruhe wollte ich nichts, aber dieser Wunsch sollte nicht in Erfüllung gehen. Madlyn war nämlich der Meinung, dass mich ein detaillierter Bericht über ihren vergangenen Tag brennend interessierte. Im Normalfall schon, aber mir war nicht danach, mir die Erfolgserlebnisse anderer Leute anzuhören: zuerst beim Bowling, wo sie und ihr Schatz mehrmals hintereinander alle Pins abgeräumt und Ryan und John haushoch geschlagen hatten; danach hatten sie sich ein mehrgängiges Menü in einem indischen Restaurant gegönnt und die kulinarische Entdeckung des Jahres gemacht – worin auch immer die bestand.

Zuletzt hatten sie in einem Pub Darts gespielt. Das war Dannys Idee gewesen, aber leider hatten er und John erleben müssen, dass sie und Ryan auch hier richtig abräumten und bei der Revanche ebenfalls gewannen. Und das bei den Meistern des Darts! Na, da hatte ja jemand Erfolg auf der ganzen Linie gehabt, war mein Gedanke dabei, und wenigstens war für eine der Tag besser gelaufen. Wie sich die anderen mit nicht ganz so viel Glück fühlten, fragte ich besser nicht. Manche nehmen das Verlieren nicht so locker und schießen sich aus Frust die Lichter aus. Wie ich mich überzeugen konnte, war das große Besäufnis jedoch ausgeblieben. Puh! Da hatten wir nochmal Schwein gehabt.

A propos Schwein. Kaum war Madlyn aufgestanden, um sich noch einen Teller Pancakes zu holen, setzte sich auch schon der nächste neben mich: Steve. Genüsslich begann er damit, seine Portion Schweinswürstchen zu verspeisen. Och nö, musste das jetzt sein, so direkt vor meiner Nase? Mir wurde ja von dem Geruch schon schlecht, aber auch die Rühreier und die gebackenen Bohnen konnten diesen olfaktorischen Angriff nicht abmildern. Wie konnten die Leute am frühen Morgen nur schon so viel essen? Und dann noch glauben, dass dies die ideale Zeit für ein Gespräch war, das über Smalltalk hinausging?

Okay, ich war ja selbst keinen Deut besser, dass ich Mike kurz nach dem Wachwerden zur Rede gestellt hatte. Nun aber meinerseits von Steve über meine Antipathie gegenüber Frank ausgequetscht zu werden, entsprach nicht dem, was ich mir unter einer angenehmen Unterhaltung vorstellte.

Ich verstehe nicht, was er für ein Problem mit Dir hat“, fasste er seinen Monolog abschließend zusammen. „Ich meine, es war doch von Anfang an klar, dass ich wiederkommen würde. Mein Job war nie wirklich in Gefahr.“

Ich glaube, das versteht keiner“, mischte sich Bradley ein. „Ihm hat Andie doch nichts weggenommen. Im Gegenteil – er kann doch froh sein, dass er nicht die ganze Arbeit alleine machen soll. Wenn sich vielleicht einer zu beschweren gehabt hätte, dann wäre das Steve gewesen, aber das Thema ist ja nun vom Tisch.“

Ich glaube, da kann ich Licht ins Dunkel bringen.“ Erstaunt blickten wir auf. Vor uns stand Kevin mit einem Teller Rührei mit Speck und zog sich den letzten freien Stuhl an Land. „Ich habe zwar nicht das ganze Drama mitbekommen, aber ich glaube, da gibt es etwas, das Ihr wissen solltet.“

Nun waren wir alle gespannt, welche News uns erwarteten. Wenn er es nur nicht so spannend machen würde, dachte ich. Aber Kevin zog es vor, erst einmal einen langen Schluck aus seinem Kaffeebecher zu nehmen.

Oh Mann, Stewart – komm endlich zur Sache“, stöhnte Bradley genervt in die Runde.

Keep cool, Jackson, gönn Deinem Kollegen doch wenigstens seinen Kaffee, solange er noch heiß ist.“

Typisch Stewart. Erst die Leute heiß machen und dann im Regen stehen lassen“

Ja, bitte“, sprang ich Bradley bei, denn auf die Folter ließ auch ich mich nicht gerne spannen. Mein Bedarf an Männern, die mit der Sprache nicht herausrückten, war für heute gedeckt.

Achtung, jetzt ging es los. Kevin setzte den Becher ab und beugte sich nach vorne. Mit verschwörerischer Miene und gesenkter Stimme erzählte er von einem Telefonat, das er vor einiger Zeit rein zufällig aufgeschnappt hatte. Zunächst hatte er sich keinen Reim darauf machen können, und eigentlich gingen ihn Franks Gespräche auch gar nichts an, aber dann war Steves Name gefallen; also hatte er genauer hingehört und damit begonnen, den Roadie genauer unter die Lupe zu nehmen. Und schließlich hatte er die Bestätigung: Frank hatte sich lang und breit bei jemandem aus seinem Dunstkreis darüber ausgekotzt, wie sehr es ihn immer noch wurmte, dass ich den Job nur wegen meiner Affäre mit Mike bekommen hatte. – Oh, wow! Was für eine Neuigkeit, lasst uns diese Sensation feiern!

Oh Mann, Stewart. Und ich dachte, wir würden mal was wirklich Neues erfahren“, reagierte ich dann auch prompt entsprechend.

Die Story von meiner angeblichen Bevorzugung kannte doch inzwischen jeder; und Steve wahrscheinlich auch schon längst. Neu für uns aber war, dass Frank lieber selbst jemanden aus seinem eigenen Dunstkreis an meiner Stelle platziert hätte. Der Typ, mit dem Frank so ausgiebig telefoniert hatte, war selbst scharf auf den Job gewesen, weil er hoffte, auf diese Weise einen Fuß in das Business zu bekommen und eine steile Karriere hinzulegen. Schön blöd!

Ich konnte mir sehr gut vorstellen, welche Worte bei dem Gespräch zwischen Frank und dessen Kumpel gefallen waren – ‚dahergelaufene Tussis, die glauben, dass der Weg nach oben durchs Bett führt und mit dieser Masche auch noch durchkommen…‘ Neid, Dein Name ist Parker, in giftgrünen Buchstaben vor schwefelgelbem Hintergrund. Der Weg nach oben. Aha. Klar, ich hatte mir Mr. Mitchell an Land gezogen, um einen schlechtbezahlten und zeitlich begrenzten Aushilfsjob zu ergattern, und da mir der Womanizer Number One so unglaublich schwer widerstehen konnte…

Was glaubst Du denn, wie oft Brian ihm verklickert hat, dass das nie zur Debatte stand?“ Ja, wie oft wohl, ging es mir bei Kevins Gegenfrage an Steve durch den Kopf. Der hatte nicht glauben können, was Kevin ihm zu erklären versucht hatte. Gut, dass ich davon nicht jedes Wort mitbekommen hatte, sonst wäre ich so rot angelaufen wie eine Bloody Mary.

Ich glaube, er will das nicht verstehen“, warf Bradley ein und wendete sich nun mir zu: „Typen wie er brauchen jemanden, den sie schikanieren und an dem sie ihren Frust ablassen können. Und da bist Du ihm gerade recht gekommen.“

Okay, fein. Lasst uns Franks Mobbing mir gegenüber zum Thema machen.

„Aber weißt Du, was ich am wenigsten kapiere? – O nein, bitte nicht – „Dass Du das so lange für Dich behalten hast.“

Verdammt nochmal, sollte das ein Verhör werden? Wie schlimm konnte der Tag noch werden? Dabei hatte er doch gerade erst angefangen. Verstimmt verschränkte ich meine Arme vor der Brust und schob meinen Becher von rechts nach links. Genervtes Trippeln mit der Fußspitze unter dem Tisch.

„Musst Du diese alte Geschichte schon wieder aufwärmen?“ nörgelte ich dann auch prompt zurück.

Ja, weil es ja sonst keiner tut. Wir alle haben die blauen Flecken und die Schrammen gesehen. Ich, Ryan, Mike…“

Oh Mann!“ fuhr ich dazwischen, „Hör mir bloß auf mit denen!“

Vielleicht kam meine Antwort eine Spur zu scharf bei ihm an, oder ich war zu laut gewesen – plötzlich wurde es um mich herum ganz still. Shit. Das war genau die Situation, die ich schon in Filmen so peinlich finde: Jemand lästert über einen anderen vor versammelter Mannschaft, und dieser steht dann ohne Vorwarnung in Hörweite und bekommt alles brühwarm in aller Ausführlichkeit mit. Der formvollendete Sprung in den nächsten Fettnapf. In Wannengröße.

Lasst mich raten – entweder Ryan oder Mike waren aufgetaucht und waren Zeuge meines Ausbruchs in voller Lautstärke geworden. Meinetwegen. Sollten sie doch. Spätestens jetzt wusste der letzte Blöde, dass ich geladen war. Oh ja, das kann ich gut: Mich so richtig in etwas hineinsteigern. The Queen of Drama Queens.

Schon Deine Stimme, Süße. Du brauchst sie heute Abend noch“, ließ Mike trocken in die Runde fallen. „Wir sehen uns später.“

Der Meister des Sarkasmus hatte gesprochen und den Raum verlassen, und er hatte mich ganz schön blöd dastehen lassen. Was ich vor allem nicht verstand: Wieso würde ich meine Stimme heute Abend noch brauchen? Wollte er mit seiner ausstehenden Antwort, die mir zu lange gedauert hatte, wirklich bis zum Abend warten und mich so lange schmoren lassen? Das Singen konnte er nicht gemeint haben, denn die nächste Show war für den 17. September geplant. Ein Dienstag – Vive la France! An Dienstagen war das Publikum ohnehin schon kleiner als an anderen Tagen, und bei unserem Konzert im ersten Kaff auf Vancouver Island konnten wir uns ausrechnen, wie gut besucht die Hütte wirklich war.

Nein, mein Freund – das wollte ich dann doch schon vorher geklärt haben. Welche Ausmaße Schwelbrände annehmen konnten, hatte ich während meiner Ausbildung gelernt, und darauf konnte ich getrost verzichten.

„Broken Strings“ : Chapter 34 – Chinakracher

Da sich der Esel immer zuerst nennt, fing ich auch sofort mit dem Jahr 1998 an, denn da habe ich kurz nach Weihnachten das Licht der Welt erblickt. Als Kind haben mich alle bedauert, weil ich doch bestimmt nur ein Geschenk zu Weihnachten und nichts mehr zum Geburtstag bekommen habe. Aber da musste ich bisher jeden enttäuschen. Das schönste Geschenk für mich war immer, dass Ferien und beide Eltern zu Hause waren, dank der Weihnachtsferien. Ja, wenn man noch klein ist…

Was ich in der Speisekarte über den Tiger las, klang nicht übel: „Abenteuerlustig und realistisch, mit starkem Glauben…“

Bis auf das mit dem Glauben, lag der Schreiber dieses Textes gar nicht mal so falsch; so richtig interessant wurde es aber erst an der Stelle, die sich mit den Konstellationen für Romanzen beschäftigte: „Beste Übereinstimmung bei Drache, Pferd oder Schwein – geringste Übereinstimmung bei Schlange oder Affe.“

Jetzt musste ich nur noch herausfinden, welches dieser Zeichen zu welchem „Baujahr“ gehörte. Bei Mike war es einfach: 1990 war das Jahr des Pferdes, so viel hatte ich schon mit Hilfe einer bekannten Suchmaschine ermittelt.

Gespannt scrollte ich über die Seite: ‚Pferd: Gutherzig, konservativ, lebhaft und enthusiastisch. Beste Übereinstimmung: Tiger, Ziege oder Hund. Geringste Übereinstimmung: Ratte Büffel oder Hahn.“ So so. Tiger und Pferd waren also ein super Gespann.

Wie war das nochmal mit dem Humbug, an den ich angeblich nicht glaubte? Was wir hier hatten, war ein typischer Fall von selektiver Wahrnehmung: Während mich die ganzen Silvesterbräuche nicht die Bohne interessierten, sah es mit diesem Geschreibsel anders aus.

Okay, das meiste wie „Beste Karrieremöglichkeiten: Übersetzer, Bibliothekar und Pilot“ oder „Pferde sollten nicht zu oft Überstunden machen und nicht zu spät nach Hause kommen“ nahm ich nicht für bare Münze. Vor allem dann, wenn auf der gleichen Seite verkündet wurde, dass Menschen dieses Tierkreiszeichens Bestätigung von anderen Menschen brauchten, weil sie extrovertiert und natürlich bei Anlässen wie Konzerten, Sportveranstaltungen und Partys anzutreffen seien, weswegen sie sich gut als Darsteller und Barkeeper eigneten.

„Sie lieben es, im Mittelpunkt zu stehen und das Publikum zu erfreuen“… wie wahr. Mike würde bestimmt einen guten Barkeeper abgeben – aber sagen Sie mal einem Barkeeper, dass er früh zu Hause sein soll – das funktioniert niemals im Leben. Aber was erwartete ich auch von einer Seite, die sich mit Rundreisen durch China beschäftigte…

Wollt Ihr mal wissen, was chinarundreisen dot com über den Tiger zu sagen hat?“, fragte ich in die Runde, nachdem unser Essen gebracht worden war. „Aber verschluckt Euch nicht, denn das ist einfach nur zum Brüllen!“

Amüsiert scrollte ich weiter nach unten. Den Teil mit dem Mangel an Romantik übersprang ich und ging gleich zum beruflichen Teil über: „Für Tiger, die um ihre Arbeitsstelle kämpfen, wird es ein Jahr sein, in dem sie befördert werden und eine Lohnerhöhung bekommen.“

Die Beförderung hatte ich schon hinter mir, allerdings ohne Lohnerhöhung; aber das allein war es nicht, warum ich so grinsen musste; es ging ja noch weiter: „Sie sind geeignet für alle Berufe, die Führungsqualitäten erfordern. Das sind Werbevertreter, Büromanager, Reiseakquisiteur, Schauspieler, Schriftsteller, Künstler, Pilot, Fluglotse, Musiker, Komiker und Chauffeur.“ Reiseakquisiteur – Pilot – Fluglotse: Da hatten wir ja schon die halbe Touristikbranche beisammen. „Schauspielerin oder Musikerin… ernsthaft? Wollt Ihr das wirklich der Welt zumuten?“

Jetzt mach Dich mal nicht schlechter, als Du bist“, unterbrach mich Mark. „Bisher ist noch niemand schreiend weggelaufen.“

Und Mike tutete in das gleiche Horn: „Stimmt. Ich weiß gar nicht, was Du hast, Süße. Deine Stimme ist doch super.“

Eine Ansicht, die Mark erstaunlicherweise teilte: „Da muss ich Mitchell mal ausnahmsweise recht geben Ich warte ja heute noch auf das Duett, von dem er mir die ganze Zeit erzählt.“

Hä? Welches Duett? Doch nicht etwa das aus „A Star is born“?

Du als Lady Gaga und Mitchell als Bradley Cooper. Das käme bestimmt gut auf einem unserer nächsten Konzerte.“

Ach nein. Musste ich wirklich noch einmal extra betonen, wie gaga ich diese Idee wirklich fand? Und dass diese ausgerechnet von Mark kam? Das brachte mich auf einen neuen Einfall.

Welcher Jahrgang bist du nochmal?“ Mit dieser Frage hatte Mark nicht gerechnet.

1987 – wieso?“ Tja, warum wohl? Gleich werden Sie es erfahren, Mr. Kelly, rieb ich mir innerlich die Hände.

Darum: 1987 = Hase…“ Jetzt bitte nicht diesen blöden Witz vom Easter Bunny oder dem Rabbit in the Headlights aus der Toyota-Auris-Werbung auf ITV. „… Hasen tendieren immer dazu sanft, ruhig sowie elegant und wachsam, freundlich und geduldig sowie besonders verantwortungsvoll zu sein.“

Na ja, immer wäre doch jetzt stark übertrieben“, räusperte sich Mark zwischen zwei Bissen, und ich hatte nicht übel Lust, ihn zu fragen, ob ich ihm noch weiter schmeicheln sollte, auch auf die Gefahr hin, dass Mike das nicht so witzig fand. Ach, egal – no risk, no fun, oder wie er sich auf der Fähre ausgedrückt hatte.

Okay, halt dich gut fest – es geht noch weiter: ‚Generell gesprochen, haben Menschen, die zum Tierkreiszeichen des Hasen gehören, einen sehr liebenswürdigen Charakter. Hasen sind loyal zu den Menschen ihrer Umgebung.‘ Ach ja, einen hätte ich noch: ‚Wenn sie mit Ärger in Berührung kommen, können sie damit in friedlicher Weise umgehen. Begegnen sie starken Schwierigkeiten, sind sie niemals mutlos und bemühen sich beharrlich um eine Lösung des Problems. So erreichen sie möglicher Weise auch beneidenswerte Erfolge.‘ Möchtest Du jetzt noch wissen, welcher Beruf der ideale für Dich ist?“ Nach diesem Geschleime wollte er bestimmt nicht wissen, was der Erfinder dieses Horoskops sich noch so alles aus den Fingern gesogen hatte.“

Aber klar doch“, höhnte Mike. „Gib alles, Süße. Nach dieser Lobhudelei würde mich nicht wundern, wenn dieses ‚Horoskop‘ herausfindet, dass Mark der bessere Manager ist.“

Nanu, woher kam denn diese Anwandlung? Wahrscheinlich ärgerte er sich bloß über das nichtssagende Bla Bla, das ich über ihn herausgefunden hatte.

Okay, dann schieß mal los“, grinste Mark mir quer über den Tisch zu.

Na schön. Auf Deine Verantwortung. Aber denkt dran – auf meinem Mist ist das nicht gewachsen. Also: ‚Menschen die zum Tierkreiszeichen Hase gehören, sind für Berufe im Agrarbereich, der Aufzucht, dem Erziehungswesen, Religion, Gesundheit und Medizin, Kultur, Polizei und Justiz sowie der Politik gut geeignet.‘ Soll ich aufhören?“ unterbrach ich meinen Vortrag, als ich sah, wie Mike nach Luft schnappte. Oh je, das war wohl doch zu starker Tobak für ihn. „Alles in Ordnung mit Dir, Schatz?“

Am besten, Du klopfst ihm auf den Rücken, bevor er sich noch verschluckt“, warf Mark ein.

Yes, Sir.“ japste mein Patient und fing an, albern zu glucksen, „Officer Kelly. Der Witz war gut.“

Na schön, mein Freundchen, sann ich in Gedanken auf Revanche, Du kommst auch noch dran, aber erst mal bringen wir diese Lektion zu einem sauberen Abschluss: “Beste Übereinstimmung in Liebesdingen – Ratte, Ziege, Hund oder Schwein. Geringste Übereinstimmung – Hahn oder Schlange.“

Da hörst Du’s“, wendete sich Mark seiner Liebsten zu, „Ziege und Hase ergänzen sich prima“

Ich staunte und lernte immer mehr dazu. Wenn Meckern zu den wesentlichen Charakterzüge einer Ziege gehörte, dann war jetzt definitiv nicht ihre Zeit, bei so viel schriftlich bestätigter Übereinstimmung von dritter Seite. Rasch sprang ich zu der Stelle, die sich mit den Charaktereigenschaften von Ziege-Geborenen beschäftigte.

„Menschen, die in diesem Jahr geboren sind, haben ein sanftmütiges Temperament, sind pessimistisch, scheu und mitfühlend. Sie sind noch angenehmer, wenn man ihnen ihre Ruhe lässt oder sie zuhause bleiben können. Ziegen geben gerne Geld für modische Kleidung aus, die ihnen ein erstklassiges Äußeres verleiht. Obwohl sie es genießen Geld für feine Dinge auszugeben sind sie nicht versnobt.“

Aber das las ich lieber nicht vor, da ich die gute Stimmung nicht trüben wollte. Außerdem war da noch das Pferd, das sich gleich nicht mehr so gebauchpinselt fühlen würde.

Pass auf, das hier wird Dich ganz besonders interessieren, mein Schatz“, begann ich und las vor: „Manchmal sind Pferde ein bisschen egozentrisch, was aber nicht bedeutet, dass sie sich nicht für die Probleme anderer interessieren. Jedoch sind Pferde etwas listiger als intelligent, was vermutlich daran liegt, dass es den meisten Menschen dieses Tierkreiszeichens an Vertrauen mangelt.“

Das hatte gesessen; jetzt waren ein paar nettere Worte angebracht: „Mit einem gewandten Sinn für Humor sind Pferde Meister der Schlagfertigkeit. Sie lieben es im Mittelpunkt zu stehen und das Publikum zu erfreuen. Sie können den Gedanken ihres Gesprächspartners folgen, noch bevor man sie geäußert hat.“

Den Gedanken des Gesprächspartners folgen… In der Hinsicht ergänzt ihr zwei euch tatsächlich prima“, warf Mark trocken ein. „Jetzt fehlt nur noch ein kluger Satz über die größte oder niedrigste Übereinstimmung.“

Damit konnte ich dienen. „Hier, bitte: ‚Beste Übereinstimmung – Tiger, Ziege oder Hund. Geringste Übereinstimmung – Ratte, Büffel oder Hahn.‘ – Mehr hab ich leider nicht.“

Tiger, Ziege und Hund!“ echote Mark, „Hey, Leute, das wird ja immer besser. Jetzt fehlt noch, dass 1994 das Jahr des Hundes ist.“ – Ich sprang zurück zur Gesamtübersicht. Hund: 1982, 1994, 2006… stimmt: 1994 ist das Jahr des Hundes.“

Ich werd‘ nicht mehr. Kein Wunder, dass Mike und McIntyre sich so gut verstehen. Komm, Andie, jetzt lies schon vor, was die für einen Blödsinn über John verzapfen.“

Jetzt war auch ich gespannt: „Hund, Jahrgang 1994, Element Holz – Ehrlichkeit, Vertrauenswürdig, Überlegt, Verständlich und geduldig; sie handeln niemals unmoralisch oder gegen ihr Gewissen. Hunde verlieben sich nicht leicht in jemanden. Aber wenn sie sich verlieben sind sie sehr treu, loyal und bringen sich ganz in die Beziehung ein. Allerdings haben ihre Gefühle in der Beziehung Hochs und Tiefs.“

Das wurde ja immer besser. Treu und loyal – typisch Hund? Welche Sprichwörter zu tierischen Eigenschaften gab es denn noch? Jemanden eine blöde Ziege oder einen eitlen Gockel zu nennen, zeugte nicht gerade von Sympathie für die betreffende Person, und auch die Anrede ‚Du Ratte“ war nicht als Kompliment gemeint, und noch viel weniger die „falsche Schlange.“

Eine von den letzten beiden würde ausnahmsweise zu diesem unangenehmen Roadie passen, aber da musste mich Mike enttäuschen. Er hatte mir das Telefon aus der Hand genommen und fing jetzt selber an, auf dieser Seite ein Jahr nach dem anderen abzugrasen: „1991 – Ziege. 1990 – Pferd. 1989 – Schlange. Ah ja, da haben wir es ja.“

Fasziniert las er sich den Text durch, dann brach er in schallendes Lachen aus. „Das ist zu schräg, Leute, das müsst Ihr euch anhören… ‚Schlangen ziehen es vor alleine zu arbeiten und sind daher leicht gestresst. Wenn sie ungewöhnlich angespannt sind, ist es besser ihnen Freiraum zum Rückzug zu geben und ihnen dabei Zeit zu lassen zur Normalität zurückzufinden. Schlangen haben gerne ein friedvolles Leben und mögen keine geräuschvolle Umgebung.‘ Schlagzeug spielen und keine geräuschvolle Umgebung mögen – dieser Witz ist bisher der beste!“

Spätestens jetzt hätte ich das Teil in die Tonne kloppen bzw. die Seite aus dem Browserverlauf löschen sollen, aber manchmal liegen Blödsinn und Wahrheit dicht beieinander. Seltsam fand ich nur, dass Mike an dieser Stelle mit Lesen aufhörte und mir das Handy zurückgab, ohne einen weiteren Blick daran zu verschwenden. Ein wenig zu schnell, wie ich fand. Aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Auf jeden Fall würde ich später noch einmal in einer ruhigen Minute nachsehen, was er tatsächlich gelesen hatte. Den anderen reichte jedoch dieser eine Satz, um sich halb tot zu lachen. Selbst Sue musste grinsen.

Als Drummer eine geräuschvolle Umgebung meiden. Echt jetzt? Das war ungefähr genau so sinnvoll, wie wenn ein Schwimmer sich eigentlich lieber von Wasser fernhielt. Auch das mit dem alleine Arbeiten war ein Widerspruch. Schlagzeuger waren nun mal keine Solokünstler. Es sollte noch besser kommen. Inzwischen hatte Sue ihr Telefon aus der Tasche gezogen und ihrerseits eine Suchmaschine aktiviert. Wollte sie jetzt etwa auch noch den Rest der Band mit Hilfe dieser dämlichen Seite durchleuchten?

So viel ich wusste, hatten wir Brian, Madlyn und Danny noch nicht in unsere Nachforschungen eingeschlossen, und wenn es nach mir ging, war das auch nicht notwendig. Aber was ihre Suche betraf, so hatte ich mich gründlich geirrt. Laut Lesen ging nicht, also schob sie das Handy mit einem verschwörerischen Funkeln in den Augen ihrem Liebsten zu.

Ach, sieh mal an, doppelt genäht hält wohl besser“, bemerkte er sarkastisch. „Deine Vorliebe für alles Asiatische gut und schön, liebe Andie. Aber die herkömmlichen Horoskope sind auch nicht von schlechten Eltern.“

Meine Vorliebe für alles Asiatische? Wie kam er denn darauf? Aber darüber konnte ich später nachdenken, jetzt ging es darum, dass Sue während Mikes Vortrag irgend etwas Tolles im Internet gefunden hatte und Mark nun derjenige war, der es vorlas: „Niemand geht mit der Liebe so locker und luftig leicht um wie der Zwilling.“

Ein Liebeshoroskop? Na, das konnte ja heiter werden. Vor allem war ich neugierig, auf wen sich dieses Geschwurbel beziehen sollte. Mark hatte jedoch erst angefangen.

Problemlos findet er die richtigen Worte, um das Objekt seiner Begierde glücklich und in sich verliebt zu machen. Er flirtet wie ein Weltmeister, ohne jedoch ernsthaft an eine feste Beziehung zu denken…“

Vielleicht war der Er ja auch eine Sie? Das roch nach Drama, das man am besten bei einer Tüte Popcorn genoss. Entspannt nahm ich mir noch eins der Sushi-Teilchen, die Mike übrig gelassen hatte.

… Die Liste mit Telefonkontakten eines Single-Zwillings ist ellenlang. Dabei kann er sehr kreativ werden, wenn es darum geht, den einen Schatz von dem anderen nichts merken zu lassen.“

Hey, Leute, stop! Das geht jetzt eindeutig zu weit. Meinst Du, ich merke nicht, dass jetzt schon wieder dieser uralte Schwachsinn von meiner angeblichen mehrgleisigen Fahrt ausgepackt wird. Und ich hatte doch tatsächlich gedacht, das wäre längst geklärt und endlich vom Tisch. Interessant, dass Sue so dachte. Die Sache hatte nur einen Schönheitsfehler: Ich war kein Zwilling.

Schon allein deswegen konnte das, was Mark von sich gab, nicht stimmen: „Doch gerade solche Spielereien können ihm zum Verhängnis werden. Der Zwilling sucht vielleicht nur erotische Abenteuer, seine Liebhaber hingegen würden am liebsten den Hafen der Ehe ansteuern. Hier ist also besondere Vorsicht geboten.“

Dass sich Mike oder irgend ein anderer auf Brautschau befinden sollte, waren ja ganz neue Töne.

Der typische Zwilling bindet sich nur dann, wenn man ihm die lange Leine lässt“

Wer hat’s erfunden? Ach ja, die Schweizer mal wieder, wie mir der Blick auf ihr Display zeigte, als Mark das Teil zu mir herüberschob, damit ich mich auch wirklich überzeugen konnte, wie er sich ausdrückte: horoskop minus paradies Punkt ch – das war ja noch scharfsinniger als der von mir ausgegrabene Chinakracher! Nur, dass die hier nicht versuchten, den Besuchern aufregende Reisen in das Reich der Mitte schmackhaft zu machen.

Der Zwilling redet gern und viel, der Steinbock macht dagegen keine grossen Worte, er handelt lieber“ – das war doch mal eine kurze und knackige Beschreibung, nach der ein Zwiling und ich ein tolles Paar abgeben würden. Blöd nur, dass außer mir das niemand las und mich die anderen anscheinend für einen Zwilling hielten – Zeit, dieses Missverständnis aufzuklären, und genau das hatte auch Mark vor.

„Tja, ich schätze, hier kommen ja sämtliche guten Eigenschaften von Dir zusammen, Mitchell“, grinste er, „Wie war das nochmal? Sternzeichen Zwilling mit Aszendent Zwilling – da sind sie gleich doppelt ausgeprägt.“

Ha ha, Kelly – sehr witzig“, brummte Mike und erhob sich vom Tisch. „This joke isn’t funny anymore.“

Ooookay… damit war Mark wohl doch etwas zu weit gegangen, denn mit der soeben noch so guten Stimmung war es plötzlich vorbei. Selbst Sue konnte darüber nicht mal schmunzeln. Vielleicht hätte Mike einfach so darüber hinweg gehen und mit einem lockeren Spruch kontern sollen, aber nun hatten wir den Salat. Aber so oder so, es änderte nichts daran, dass Mike gelogen hatte. Und zwar wegen einer völlig banalen Sache.