Jubiläums-Edition – der Etüden-Spin-Off : fünfter Akt 3/4

Das Ende ist nah – das „Was bisher geschah“ gibt es auch hier wieder für Späteinsteiger:

Erster Akt – Eine unerwartete Reise: Der hauptsächlich in hoffnungslosen Fällen ermittelnde Schrödinger wird in Zwangsurlaub geschickt und reist an die Ostsee. +++ Zweiter Akt 1/2 – Bali sehen und sterben: Schrödinger meldet sich bei einer Sternenwanderung an. +++ Zweiter Akt 2/2 – Bali sehen und sterben: Er erfährt, dass der Mann der Caféhausbesitzerin an einem Herzinfarkt gestorben ist, und dann wird bei der Sternenwanderung ein weiterer Toter gefunden. +++ Dritter Akt 1/2 – Geschlossene Gesellschaft: Kommissarin Maren Fuchs, bisher nur für eher leichte Delikte zuständig, wird zur Unterstützung der Ermittlungen abkommandiert. +++ Dritter Akt 2/2 – Geschlossene Gesellschaft: Maren Fuchs verhört Schrödinger und Giulia Millefiore. +++ Vierter Akt 1/3 – Der Engel, der ein Teufel war: Schrödinger und Giulia beschließen, auf eigene Faust im Stil von Miss Marple und Mr. Stringer Detektiv zu spielen. Derweil erregen seltsame Himmelsphänomene das Aufsehen der Medien. +++ Vierter Akt 2/3 – Der Engel, der ein Teufel war: Beim Trauercafé kommt Giulia Millefiore hinter eine Ungereimtheit. Mit Folgen. +++ Vierter Akt 3/3 – Der Engel, der ein Teufel war; Die Ermittlungen machen erste Fortschritte. +++ Fünfter Akt 1/4 – Matjesgeschwader: Die Spur wird immer verzweigter und lässt die Hintergründe für den Todesfall am Strand erahnen. +++ Fünfter Akt 2/4 – Matjesgeschwader: Ein Verbrechen kommt selten allein.

Doch bevor ich zum Finale komme, wird es nochmal richtig mysteriös.

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Auf Eis gelegt – fünfter Akt : Matjesgeschwader (Teil 3)

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Was für ein Tag!

Maren hatte nur noch einen Wunsch: Zuerst ein heißes Bad, danach noch einen Tee, und dann ab ins Bett. Wäre nicht die Millefiore mit ihrem Gezeter über ihr zerstörtes Gewächshaus gewesen, sie hätte es einen Erfolg auf ganzer Linie nennen können.

Gestärkt durch exzellente Matjesbrötchen, hatte sie mit Feddersen den erneuten Gang zu Gabriels Haus angetreten, doch im Gegensatz zu ihrem Herumstochern in den verkokelten Fragmenten des Erpresserbriefs hatten sie diesmal genau gewusst, wo sie die Schlinge zuziehen mussten. Übertriebene Härte war nicht nötig gewesen, denn so schnell wie Mattes Gabriel eingeknickt war, schien er sie schon erwartet zu haben. Es war jedoch seine gesamte Erscheinung, die Maren schockiert hatte. Das zerknitterte Hemd offenbar schon länger nicht mehr gewechselt, die Augen blutunterlaufen und eine Schnapsfahne vor sich her tragend, so hatte er ihnen die Tür geöffnet. Wie wenig wir einander doch kennen, hatte sie gedacht, denn so hatte sie den Juniorchef nicht in Erinnerung gehabt. Nicht nur er hatte einen verwahrlosten Eindruck gemacht, auch das Haus befand sich in einem ähnlich desolaten Zustand.

„Das habe ich nicht gewollt“, hatte er vor sich hin gestammelt, „obwohl er es verdient hatte.“

Doch bevor er mit der Sprache herausrücken konnte, hatte plötzlich sein Vater im Wohnzimmer gestanden und das bevorstehende Geständnis verhindert, indem er auf einem Anwalt beharrte. Sie hatten schon schwarz gesehen, dann aber selbst erkannt, dass es in diesem Zustand zwecklos war und ihn trotzdem mitgenommen, damit er in der Ausnüchterungszelle erst einmal seinen Rausch ausschlafen konnte.

Der in der Zwischenzeit in Alarmbereitschaft versetzte Anwalt hatte just in dem Augenblick auf der Matte gestanden, als Gabriel Stunden später wieder vernehmungsfähig gewesen war. Mit Argusaugen von seinem Anwalt bewacht, war es ihnen dann Stück für Stück gelungen, die Wahrheit im Laufe des mehr als holprigen Verhörs aus Gabriel herauszukitzeln.

Seit der Sache mit dem Erpresserbrief, den er bekanntlich nicht geschrieben hatte, war sein Misstrauen gegenüber Silvia gewachsen, hatte aber nicht glauben wollen, was Gabriel senior ihr unterstellte. Sie und Brück? Niemals. Nicht, nachdem Brück vorhatte, an Otto & Co. zu verkaufen. Seine dämlichen Werbespots konnte er inzwischen auch nur mit genügend Küstennebel ertragen, schließlich war ja immer irgendwas, und wenn er erst einmal einen gewissen Pegel hatte… Natürlich immer nur so viel, dass keiner was merkte.

„Ach, hätte ich mir an dem Abend doch nur die Lichter komplett ausgeschossen…“

Ja, hätte hätte… Hinterher ist das Gejammer groß, führte Maren seine Selbstvorwürfe in Gedanken fort. Mit einem gewissen Pegel ging alles leichter? Mit einem gewissen Pegel hätte er erst gar nicht versucht, Brück am Strand zur Rede zu stellen, oder besser gesagt, den Mann, den er für Harry Brück gehalten hatte. Hätte er sich mal besser bis zur Besinnungslosigkeit volllaufen lassen, dann hätte ihn der Seidenschal Silvias in der Hand des Widersachers nicht rot sehen und zum Stativ greifen lassen. Hinterher ist das Geflenne groß. Das habe ich nicht gewollt? Maren glaubte es ihm gerne. Genauso, wie sie ihm das auf den Schock folgende schlechte Gewissen abnahm, als er seinen Irrtum erkannt hatte, sowie den Versuch, die im Affekt begangene Bluttat zu vertuschen.

Mit dem Geständnis hätte alles in Butter sein können. Hätte, hätte? Irgendwas war immer? Um die Millefiore würden sie sich morgen kümmern. Jetzt noch schnell den Anrufbeantworter abgehört, und dann ab in die Wanne. Als ihr eine leider nur allzu gut bekannte Stimme aus dem Lautsprecher entgegen schallte, hoffte sie, dass es sich bei dem Anrufer, von dem sie am liebsten nie wieder etwas gehört oder gesehen hatte, nur um eine Sinnestäuschung handelte. Ein Blick auf das Display, und sie ließ entsetzt ihre Teetasse fallen. Ihr rot blinkender Anrufbeantworter war voll mit Nachrichten.

35 Anrufe in Abwesenheit, und alle waren sie von Miguel Andrés.

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„So, Frau Millefiore, jetzt nochmal ganz langsam und zum Mitschreiben“, versuchte Sönke Feddersen, der sein Feierabendbierchen und seinen holländischen Sahnematjes in unbestimmbare Ferne entschwinden sah, die aufgebrachte Floristin zu beruhigen.

Ein demoliertes Gewächshaus, dessen Scheiben von einem Unbekannten zertrümmert worden waren – und dabei waren die auch besonders bruchsicherem Spezialglas und dementsprechend teuer (O-Ton Giulia Millefiore) – und ein von Marmorbrocken übersäter Boden. Die zarten Pflänzchen waren komplett hinüber. Reichte es denn nicht, dass ihr geliebter Roberto nicht mehr unter den Lebenden weilte? Jetzt würde es zur Beisetzung nicht einmal Blumen geben…

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Gin aus der Flasche anstatt aus dem Reagenzglas: Seit Roberto Millefiores Mörder hinter Schloss und Riegel saß, stand niemandem mehr in Bali der Sinn nach Küstennebel. Wie gut, dass sie die beiden Toten nun endlich zur letzten Ruhe betten konnten.

Mit leichter Schlagseite und bei Giulia untergehakt, denn er hatte sich erboten, die schwarzgekleidete Floristin bis nach Hause zu geleiten, verabschiedete sich Schrödinger von denen, die dem Landvermesser die letzte Ehre erwiesen hatten. Ein halbes Stündchen hatte Giulia gerade noch durchgehalten, dann war es auch ihr zu viel geworden. Die anderen konnten auch ohne sie weiter auf sein Wohl trinken. Sie beachtete weder den aufziehenden Nebel noch die über den Himmel flackernden Lichter in Pastell, sondern wollte nur noch auf dem kürzesten Weg nach Hause.

Der kürzeste Weg? Schrödinger konnte kaum fassen, dass sie den Friedhof überqueren wollte.  Mit der Urne in der Tasche, bereit für die für Neujahr geplante Überführung nach Italien und Beisetzung für den Dreikönigstag, durchschritt Giulia das schmiedeeiserne Portal, von dem aus es nicht mehr weit war. Gleich hatten sie das rostige Türchen auf der anderen Seite erreicht, da nahm ihnen ein Schatten die Sicht.

Brück. Ausgerechnet der!

Sein Anblick, wie er im Torbogen stand, war für Giulia unerträglich. Gift und Galle spuckend, ging sie fauchend vor Wut auf ihn los, um auf den Mann, der für sie an allem schuld war, blindlings einzuschlagen. Dieser Teufel! Wäre er nicht gewesen, Roberto wäre jetzt immer noch am Leben und würde sich bester Gesundheit erfreuen. Ihr Schrei war mörderisch.

Von Brücks jähem Auftauchen überrascht, reagierte Schrödinger auf Giulias Losreißen eine Sekunde zu spät. Die berühmte Schrecksekunde genügte, dass Schrödinger das sah, was Giulia in ihrer blinden Hysterie nicht wahrnahm: Während sie die Krallen ausfuhr wie ein Panther auf der Jagd, fächerten sich hinter dem von Giulias Angriff überrumpelten Geschäftsmann monströse Schwingen auf und ragten schwarz und gigantisch in den fahlgelben Himmel.

Es waren dieselben Schwingen, die Schrödinger vor kurzem noch für eine Halluzination gehalten hatte und denen er einen seiner schlimmsten Alpträume zu verdanken hatte.

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1046 Wörter – kurz vor Toresschluss… Fortsetzung folgt.

Jubiläums-Edition – der Etüden-Spin-Off : fünfter Akt 2/4

Kurz vor der Ziellinie, gibt es auch hier erneut ein „Was bisher geschah“ für Späteinsteiger:

Erster Akt – Eine unerwartete Reise: Der hauptsächlich in hoffnungslosen Fällen ermittelnde Schrödinger wird in Zwangsurlaub geschickt und reist an die Ostsee. +++ Zweiter Akt 1/2 – Bali sehen und sterben: Schrödinger meldet sich bei einer Sternenwanderung an. +++ Zweiter Akt 2/2 – Bali sehen und sterben: Er erfährt, dass der Mann der Caféhausbesitzerin an einem Herzinfarkt gestorben ist, und dann wird bei der Sternenwanderung ein weiterer Toter gefunden. +++ Dritter Akt 1/2 – Geschlossene Gesellschaft: Kommissarin Maren Fuchs, bisher nur für eher leichte Delikte zuständig, wird zur Unterstützung der Ermittlungen abkommandiert. +++ Dritter Akt 2/2 – Geschlossene Gesellschaft: Maren Fuchs verhört Schrödinger und Giulia Millefiore. +++ Vierter Akt 1/3 – Der Engel, der ein Teufel war: Schrödinger und Giulia beschließen, auf eigene Faust im Stil von Miss Marple und Mr. Stringer Detektiv zu spielen. Derweil erregen seltsame Himmelsphänomene das Aufsehen der Medien. +++ Vierter Akt 2/3 – Der Engel, der ein Teufel war: Beim Trauercafé kommt Giulia Millefiore hinter eine Ungereimtheit. Mit Folgen. +++ Vierter Akt 3/3 – Der Engel, der ein Teufel war: Die Ermittlungen machen erste Fortschritte. +++ Fünfter Akt 1/4 – Matjesgeschwader: Die Spur wird immer verzweigter und lässt die Hintergründe für den Todesfall am Strand erahnen.

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Auf Eis gelegt – fünfter Akt : Matjesgeschwader (Teil 2)

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Berge von Matjes und Kartoffelsalat…

Nachdem sie Erwin zu Grabe getragen hatten, waren die Trauernden zum Leichenschmaus in die Buddelkiste eingekehrt. Bei Erwins Leibspeise und verdauungsförderndem Küstennebel hingen sie ihren Erinnerungen an den Verblichenen nach. Der Matjes wollte kein Ende nehmen, und die Kartoffelberge wuchsen in den Himmel.

Im Gegensatz zu den anderen verspürte Schrödinger den Drang, davonzulaufen. Vom vielen Küstennebel war ihm längst wirr, und er erhob sich, nach seinem Mantel greifend, um Luft zu schnappen. Die milden Temperaturen bekamen ihm gar nicht. Beißende Kälte wäre ihm jetzt so viel lieber gewesen anstatt dieses Hochs, das für eine unangenehme Feuchte sorgte. Seltsam, im Nebel zu wandern. Da konnte man schon mal auf verstörende Gedanken kommen. Vom Kirchhof her zogen die Schwaden durch das offenstehende Tor und waberten über den Dorfplatz. Das wie Opale schimmernde Abendlicht machte es nicht besser. Beim Anblick der beiden das Tor flankierenden Marmorengel wurde ihm mit zunehmender Nebeldichte mulmiger zumute, und er fühlte sich wie in einen Horrorfilm hineinversetzt.

The Fog: Nebel des Grauens. Nur dass das Grauen nicht von der offenen See herkam, sondern vom Friedhof. Begleitet von einem hässlichen Knirschen von Marmor auf Kies, setzte sich die Figur in Bewegung und hielt geradewegs auf ihn zu. Zum Weglaufen zu spät, hätte er es auch gar nicht gekonnt. Zu stark war der Bann, unter dem er stand. Keines vernünftigen Gedankens mehr fähig, hoffte er, dass es schnell vorüberging und schloss die Augen, um den grauenhaften Anblick nicht länger ertragen zum müssen. Vollkommene Schwärze, gleich war es soweit. In darkness let me dwell…

Und nun, Freunde der Nacht – pünktlich zur unheiligen Stunde – lassen wir es krachen mit The Darkness und ihrem Hit ‚One way ticket‘, und gleich im Anschluss…

Schweißgebadet schreckte Schrödinger hoch.

… Disturbed mit ‚The Sound of Silence‘. Damit ihr mal was anderes auf die Ohren bekommt als Last Christmas!

Der Radiowecker!

Wahrscheinlich war jemand beim Staubwischen an den Lautstärkeregler gekommen und hatte dafür gesorgt, dass ihm der Höllenlärm das Herz bis zum Hals schlagen ließ und er nun so richtig wach war… Wach! Erleichtert atmete er aus. Es war nur ein Traum gewesen, ein Alptraum zwar, gespeist aus seinen Hirngespinsten vom Nachhauseweg, aber doch erstaunlich real.

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„Glaub mir, wenn das noch lange so weitergegangen wäre, hätte ich dem Kerl wahrscheinlich irgendwann den Hals umgedreht“, schnaubte Maren beim Gedanken an die arrogante Selbstüberschätzung Harry Brücks. Der Kerl hielt sich selbst für den Allergrößten und merkte dabei nicht, wie wenig seine Mitmenschen ihn schätzten, und zwar nicht nur wegen der nervtötenden Werbespots, mit denen der Sender die gesamte Region beschallte. Eindeutig beruhte die Antipathie auf Gegenseitigkeit. Davon war auszugehen.

„Das hättest Du nicht. Andernfalls hätten wir jetzt ein Problem“, versuchte Sönke Feddersen, sie wieder von ihrer Palme herunterzuholen. Doch Worte allein schienen nicht zu helfen.

Mit Firma Brück zum Abfallglück“, äffte Maren die penetrante Nasalstimme aus dem Radio nach und griff nach der Thermoskanne, bevor sie die Autotür zuschlug und sich an den Birnbaum im Vorgarten der Wache lehnte. Erstaunlich, dachte sie, es muss am Kaffee liegen. Normalerweise machte so viel Koffein sie hibbelig, doch nun spürte sie, wie langsam die Ruhe bei ihr einkehrte. Nachdenklich betrachtete sie die perlmuttfarben schimmernden Wolken und die bunten Schatten, die zwischen ihnen hin und her flackerten.

Ein Himmel in Pastell, wie ungewöhnlich.

Wann hatten sie zuletzt so ein Schauspiel bewusst wahrgenommen. Es musste lange her sein, wenn überhaupt. Böse Zungen behaupteten zwar, bei dem Spektakel handelte es sich um Hexenwerk. Oder warum war das Dorfleben erst jetzt aus den Fugen geraten, da dieselben Meldungen, leicht abgewandelt natürlich, stets wiederkehrten, und das erst seit ein paar Tagen? Galaktische Lichterketten? Von wegen. Ist das Märchen noch so klein, eine muss die Hexe sein.

Aber das war typisches Altweibergewäsch, dem man am besten einen Riegel vorschob, indem man Fakten sprechen ließ. Leider war manchen Unbelehrbaren nicht zu helfen, auch nicht mit Meldungen wie diese hier, von der sie nur noch einen Teil mitbekam, als ihr Kollege ausstieg und die Autotür zuwarf.

Immer noch anhaltende und außergewöhnlich starke Aktivitäten im Fuhrmann geben den Wissenschaftlern auch weiterhin Rätsel auf.

Aktivitäten, die sich auf Bali auszuwirken schienen. So langsam wurden die Leute nervös. Das Rätsel um Erwin war zwar nun gelöst und sein Leichnam zur Beisetzung freigegeben, doch da war immer noch der nicht aufgeklärte Mord an Roberto Millefiore.

Nervös? Nein, am Durchdrehen, musste Maren ihre Meinung revidieren, als sie den aufgebrachten Pastor Wagner in den Räumen der Wache antrafen, der gekommen war, um eine Anzeige aufzugeben und sich ohne Unterlass über die Entweihung des Kirchhofs entrüstete. Unbekannte hatten sich an den Marmorengeln zu schaffen gemacht, und jetzt ragten nur noch die angerosteten Armier-Eisen wie zum Spott in die Höhe. Als ob Nowitzki nach diesem langen und mehr als durchwachsenen Tag nicht schon genug Ärger am Hals gehabt hätte.

Jetzt hatte irgendein bösartiger Schelm zwei tonnenschwere Marmorengel entwendet, ohne dass es auch nur eine Menschenseele mitbekommen hatte. Und das vor Weihnachten. O Du fröhliche? Am Appel!

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„Hier, damit Du was ordentliches in den Magen bekommst“, rief Sönke und warf Maren die Tüte mit den Fischbrötchen zu. Sönkes Schwester wusste eben, was gut war: Hm, Matjes nordische Art, frisch vom Hamburger Fischmarkt. Damit würde sich der Tag wenigstens auf eine Weise versüßen lassen, denn wenn sie an ihre unangenehme Begegnung mit Brück und dessen Tirade zurückdachte, war ihr Appetit kurz davor, zu vergehen. Bei einem Satz war sie dann doch hellhörig geworden.

Ist doch nicht mein Problem, wenn dem die Felle wegschwimmen, weil Sonnenkollektoren in Bali immer beliebter werden.

Davon, dass darin der Schlüssel zu dem Angriff auf Brück lag, es aber leider den Falschen erwischt hatte, war sie jetzt mehr denn je überzeugt. Nun mussten sie ihn nur noch finden und den Täter verhaften.

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951 Wörter, das Epos steht kurz vor seiner Vollendung, und für alle, die so schön durchgehalten haben, gibt’s bis zum nächsten Teil Musik, die dem armen Schrödinger bestimmt nicht gefallen hat.

Ganz und gar nicht weihnachtlich : https://www.youtube.com/watch?v=u9Dg-g7t2l4

The End is near… und darum: Fortsetzung folgt.

Jubiläums-Edition – der Etüden-Spin-Off : fünfter Akt 1/4

Der fünfte und letzte Akt ist angebrochen – das „Was bisher geschah“ gibt es auch hier wieder für Späteinsteiger. Was bisher geschah:

Erster Akt – Eine unerwartete Reise: Der hauptsächlich in hoffnungslosen Fällen ermittelnde Schrödinger wird in Zwangsurlaub geschickt und reist an die Ostsee. +++ Zweiter Akt 1/2 – Bali sehen und sterben: Schrödinger meldet sich bei einer Sternenwanderung an. +++ Zweiter Akt 2/2 – Bali sehen und sterben: Er erfährt, dass der Mann der Caféhausbesitzerin an einem Herzinfarkt gestorben ist, und dann wird bei der Sternenwanderung ein weiterer Toter gefunden. +++ Dritter Akt 1/2 – Geschlossene Gesellschaft: Kommissarin Maren Fuchs, bisher nur für eher leichte Delikte zuständig, wird zur Unterstützung der Ermittlungen abkommandiert. +++ Dritter Akt 2/2 – Geschlossene Gesellschaft: Maren Fuchs verhört Schrödinger und Giulia Millefiore. +++ Vierter Akt 1/3 – Der Engel, der ein Teufel war: Schrödinger und Giulia beschließen, auf eigene Faust im Stil von Miss Marple und Mr. Stringer Detektiv zu spielen. Derweil erregen seltsame Himmelsphänomene das Aufsehen der Medien. +++ Vierter Akt 2/3 – Der Engel, der ein Teufel war: Beim Trauercafé kommt Giulia Millefiore hinter eine Ungereimtheit. Mit Folgen. +++ Vierter Akt 3/3 – Der Engel, der ein Teufel war: Die Ermittlungen machen erste Fortschritte.

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Auf Eis gelegt – fünfter Akt : Matjesgeschwader (Teil 1)

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Die Vögel zum Singen zu bringen, wie Nowitzki sich so unfein ausgedrückt hatte, war gar nicht so leicht gewesen. Erst eine Schriftprobe hatte Nowitzkis Leuten die nötige Gewissheit verschafft, um den Missetäter festzunageln.

„Wir wissen, dass Sie den Brief nicht geschrieben haben, Herr Gabriel“, stellte Feddersen den Juniorchef vor vollendete Tatsachen. „Also raus mit der Sprache!“ Doch der Verhörte gab sich immer noch zugeknöpft. Nicht ohne meinen Anwalt? Ach ja, die alte Leier! Das kam dabei heraus, wenn man mit Verdächtigen „Guter Cop, böser Cop“ spielte. Na gut, sollte Mattes Gabriel ruhig nach einem Anwalt verlangen. Auf Zeit spielen konnte Feddersen ebenfalls. Vielleicht kam ja die Fuchs als „die Gute“ bei Gabriel senior weiter.

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Ihr war zwar noch immer schleierhaft, warum Heinrich Gabriel Ernas Mann bedroht hatte. War der selbsternannte Moralapostel etwa hinter Unregelmäßigkeiten in Erwin Kinds Steuerbüro gekommen? Oder hatte er andere Schwachstellen ausgekundschaftet, um den Steuerberater unter Druck zu setzen? Wer weiß, was der Alte mit seinem Fernglas noch alles anstatt des herbstlichen Vogelflugs beobachtet hat, ging Maren im Geiste alle Möglichkeiten durch. Angefangen vom Aufschreiben von Falschparkern bis hin zu unmoralischen Entgleisungen. Dass Erwin einen historischen Roman über seinen Heimatort schrieb und Heinrich ihn beim Festhalten biografischer Notizen ausspionierte, verbannte sie ins Reich der Fantasie. Dennoch: An sein Mitgefühl mit dem Verstorbenen zu appellieren, hielt sie für sinnvoller, als ihn in die Zange zu nehmen wie Feddersen.

„Wollen Sie nicht endlich Ihr Gewissen erleichtern? Als Mann mit Prinzipien haben Sie seinen Tod bestimmt nicht gewollt. Ich weiß: So kalt sind Sie nicht. Vielleicht wollten Sie ihm  auch nur ein wenig Angst machen, und dann ist die Sache aus dem Ruder gelaufen…“ 

Sie spürte, dass sie ihn gleich so weit hatte und legte noch eine Schippe drauf.

„Ich weiß, es ist nicht leicht, über seinen Schatten zu springen und den falschen Stolz zur Seite zu schieben, aber ich glaube, Ihnen geht sein Tod stärker an die Nieren, als Sie sich eingestehen möchten. Sonst wären Sie wohl kaum zu dem Trauercafé gegangen…“

Gabriels Gesicht sprach Bände, doch dass er mit einem undefinierbaren Laut aufschrie und die Hände vor sein Gesicht schlug, verblüffte sie dann doch. Mit so einer heftigen Reaktion des Alten hatte sie nicht gerechnet.

„Erwin, Erwin…“, stöhnte er gequält auf. „Ach, was wissen Sie denn!“

Was dann folgte, verschlug ihr die Sprache. Männliche Dinosaurier kümmern sich um ihren Nachwuchs? In Heinrich Gabriels Fall war es wohl eher anders herum. Natürlich war der Brief nicht für Erwin bestimmt gewesen, sondern für Silvia, seine Schwiegertochter. Schon lange hatte er sie im Verdacht, fremdzugehen. Auffallend oft hatte sie behauptet, am Strand spazieren zu gehen, bis er ihr eines Tages aus sicherer Entfernung nachgeschlichen war und sich mit seinem Fernglas in der Baracke verschanzt hatte. Freie Sicht auf Silvia und ihren Liebhaber. Doch ob es so eine gute Idee war, Mattes ihren Fehltritt, und dann auch noch ausgerechnet mit dessen größtem Konkurrenten, brühwarm zu berichten, so eifersüchtig? Nein, er hatte eine viel bessere Idee. Die richtigen Worte, eindringlich zu Papier gebracht, würden Silvia schon auf den Pfad der Tugend zurückführen…

An dieser Stelle konnte Maren sich nicht mehr zurückhalten. Ein kleiner Steuerberater wie Erwin als Bedrohung für den Betreiber einer Firma für Gas- und Wassertechnik darstellen? Diese Logik wollte sich ihr nicht erschließen, aber die hatte sich schon vor einer geraumen Weile verabschiedet.

„Nicht der Erwin! Der Brück!“

Moment mal. Hatte sie gerade richtig gehört? Harry Brück? Der Abfall-Brück mit seinen unlustigen Werbespots im örtlichen Regionalsender? Und wie passte Erwin in dieses Bild? Dass der Postbote geschlampt hatte, schloss sie aus. Es wurde Zeit, sowohl Silvia Gabriel als auch Harry Brück einen Besuch abzustatten.

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„Mein Gott, wenn ich gewusst hätte, dass Erwin sich dieses Geschmiere so zu Herzen nimmt, wäre ich doch niemals damit zu ihm“, jammerte Silvia Gabriel, nachdem Maren ohne Umschweife auf den Brief zu sprechen gekommen war. Verbrennen hatte er ihn, und danach fürs erste getrennter Wege gehen, um nur ja keinen Verdacht zu erregen. Wer auch immer für diesen Brief verantwortlich war, Munition würden sie ihm keine liefern.

Das einzig Positive an dessen Inhalt war, dass der anonyme Verfasser keine Ahnung hatte, mit wem Silvia wirklich eine Affäre hatte. So lange der Schreiberling glaubte, dass Harry der Nebenbuhler war, hatte er nichts zu befürchten. Doch nun stand Silvia unter Beobachtung, und da wollte er das Schicksal nicht unnötig herausfordern. Außerdem war da ja auch noch Erna. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn durch einen Moment der Unachtsamkeit die Wahrheit ans Licht kam.

Er hatte sich auf Harry eingeschossen? Maren hätte nur zu gerne gewusst, wieso.

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Harry Brück war wiederum eine andere Hausnummer.

Was die Gabriel von ihm gewollt hatte? Bestimmt nicht das, was ihr Erpresser sich in seinem Wahn zusammenfantasiert hatte. Er und Silvia Gabriel? Da lachten ja die Hühner!

Schon als er Feddersen und Fuchs die Haustür geöffnet hatte, war dem Ermittler der Hals trocken geworden, und seine Partnerin hatte ihren Augen nicht getraut. Seit wann konnten Tote wieder auferstehen? Seemannsgarn für Fortgeschrittene, Déjà-Vus im Türrahmen? Schummerlicht im Hausflur macht’s möglich. Im gut ausgeleuchteten Wohnzimmer mit Panoramafenster zu den Dünen hin verschwand die Fata Morgana, wie sie gekommen war. Harry Brück konnte sie jetzt nur noch schwerlich als Doppelgänger des Mordopfers durchgehen lassen, auch wenn sich eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den beiden Männern in Größe und Statur nicht verhehlen ließ. 

„Nee, die Gabriel hat es mit der Mitleidstour versucht…“

Reiß dich zusammen, Sönke. Mit jeder weiteren Respektlosigkeit dieses sauberen Herrns sank der Pegel von Feddersens Geduld um ein weiteres Stück.

„… aber da hat die bei mir auf die falschen Knöpfe gedrückt.“

Je länger Brück redete, desto unsympathischer wurde er Feddersen. Solche Leute waren es, die ihm das Dorfleben verleideten. Firmeninhaber hin oder her, aber Dünkel und Überheblichkeit, gepaart mit Selbstgefälligkeit, waren noch nie eine gute Kombination und Garant für positive Karmapunkte gewesen. Was, wenn es auch anderen in Bali so ging? Tat sich hier gerade eine neue Fährte auf?

Auch Maren konnte sich immer weniger des Eindrucks erwehren, dass eigentlich Harry Brück das eigentliche Ziel gewesen war, während sich Roberto Millefiore zur falschen Zeit am falschen Ort aufgehalten hatte. Opfer einer Verwechslung konnte man schnell werden, das hatte sie ja bei der Episode mit Heinrich Gabriel und seinem Fernglas aus erster Quelle erfahren dürfen. Leute zu beobachten und sich seine eigene Geschichte zusammenzureimen: Wenn Gabriel dazu fähig war, dann garantiert auch andere.

Je länger sie den Worten Harry Brücks lauschte, desto mehr kam sie zu der Überzeugung, dass die Auflösung des Rätsels nicht mehr lange auf sich warten ließ. So ein empathiebefreiter Zeitgenosse war ihr bisher nur selten untergekommen.

Ein starkes Stück, den verzweifelten Versuch einer Ehefrau (auch wenn sie auf Abwegen wandelte), ihrem Mann den Ruin zu ersparen, als Drücken auf die falschen Knöpfe zu bezeichnen.

„Den Verkauf an Otto stoppen? Nee, nee, nee. Das Ding ist so gut wie in trockenen Tüchern“

Ihn seinem Geschäftsleben hatte ja schon mit so einigen naiven Leuten zu tun gehabt, aber die Gabriel und ihr Gesabbel über ihren Mann und dessen marode Firma war echt die Krönung gewesen. Was interessierte es ihn, dass sie gerade erst einen Kredit aufgenommen hatten und ihnen der neue Eigentümer des Grundstücks den Todesstoß versetzen würde.  

Es war schließlich sein Land, und damit konnte er machen, was er wollte. War doch nicht sein Problem, wenn der andere seine Pfründe den Bach runtergehen sah, weil Otto & Co. mit einem Ableger ihrer Produktionsstätte für Sonnenkollektoren die Zeichen der Zeit erkannt hatten und es nur eine Frage der Zeit war, bis erneuerbare Energien in Bali Einzug hielten. Den NABU hatte er dank einer größeren Zuwendung schon so gut wie im Sack, und den Rest dieses Kaffs würde er auch noch, abgesehen von kleineren Kollateralschäden, um den kleinen Finger wickeln.

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1285 Wörter sind es diesmal geworden – untergebracht habe ich diesmal alle restlichen Wörter aus den letzten fünf Etüdenjahren darin untergebracht:

2018: Sonnenkollektoren, Pfründe +++ 2019: eifersüchtig +++ 2021: biografisch, Doppelgänger.

Und damit wären nun alle Begriffe aus Christianes Aufstellung sämtlicher Wortspenden aus den Jahren 2017 bis 2021 aufgebraucht, doch damit ist die Geschichte noch lange nicht fertig. Gut Ding will schließlich Weile haben.

Fortsetzung folgt.

Jubiläums-Edititon – der Etüden-Spin-Off : vierter Akt, 3/3

Das wird heute ein langer Spaziergang, denn bevor ich zum dritten Teil des vierten Akts komme, halte ich es für sinnvoll, mit einem „Was bisher geschah“ zu beginnen, um alles auf einen Blick zu haben und nicht mühsam Stück für Stück zusammensuchen zu müssen. Also dann… Was bisher geschah:

Erster Akt – Eine unerwartete Reise: Der hauptsächlich in hoffnungslosen Fällen ermittelnde Schrödinger wird in Zwangsurlaub geschickt und reist an die Ostsee. +++ Zweiter Akt 1/2 – Bali sehen und sterben: Schrödinger meldet sich bei einer Sternenwanderung an. +++ Zweiter Akt 2/2 – Bali sehen und sterben: Er erfährt, dass der Mann der Caféhausbesitzerin an einem Herzinfarkt gestorben ist, und dann wird bei der Sternenwanderung ein weiterer Toter gefunden. +++ Dritter Akt 1/2 – Geschlossene Gesellschaft: Kommissarin Maren Fuchs, bisher nur für eher leichte Delikte zuständig, wird zur Unterstützung der Ermittlungen abkommandiert. +++ Dritter Akt 2/2 – Geschlossene Gesellschaft: Maren Fuchs verhört Schrödinger und Giulia Millefiore. +++ Vierter Akt 1/3 – Der Engel, der ein Teufel war: Schrödinger und Giulia beschließen, auf eigene Faust im Stil von Miss Marple und Mr. Stringer Detektiv zu spielen. Derweil erregen seltsame Himmelsphänomene das Aufsehen der Medien. +++ Vierter Akt 2/3 – Der Engel, der ein Teufel war: Beim Trauercafé kommt Giulia Millefiore hinter eine Ungereimtheit. Mit Folgen.

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Auf Eis gelegt – vierter Akt : Der Engel, der ein Teufel war (Teil 3)

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Erpressung also. Kein Wunder, dass Erwin Kind im Keller zusammengebrochen war und sich so aufgeregt hatte, dass er an einem Herzinfarkt gestorben war. Gestresst fuhr sich Maren Fuchs durch die Haare und haderte mit sich. Nicht nur, dass sie seit neuestem ständig eine WhatsApp-Nachricht nach der anderem von ihrem aufdringlichen Verehrer, der den Schuss nicht gehört zu haben schien, bekam. Jetzt standen auch noch ihre beruflichen Fähigkeiten auf dem Prüfstand.

Wie hatte sie nur dieses wichtige Beweismittel übersehen können? Zur Strafe für diesen unverzeihlichen Fehler sollte sie nun bei der NABU-Baracke Wache schieben und den Tatort erneut unter die Lupe nehmen. Ein windiger Strand mitten im Dezember, na prost Mahlzeit. Nicht einmal eine Thermoskanne mit extrastarkem Kaffee und die Tüte voller frisch gebackener Franzbrötchen konnten sie aufheitern.

Such‘ nach Beweisen, wenn die Tat schon länger zurückliegt und finde den Fehler!

Gegen diese sinnlose Strafarbeit war das unvermeidliche Krippenspiel doch geradezu eine verlockende Alternative. Mit Reichtümern war die kleine Gemeinde nicht gerade gesegnet, doch da bekanntlich Kinder- und Jugendgruppen meistens bei der Güterverteilung als Letztes an die Reihe kamen, machte der Gemeindenachwuchs das fehlende Material durch Ideenreichtum wieder wett: Vom Froschkönig war noch die goldene Kugel übrig? Die ließ sich doch bestimmt noch einmal verwenden! Ja, als Gabe der Könige an das Kind in der Krippe.

„Eure Armut kotzt mich an“, hatte daraufhin der Chef im kleinen Kreis geunkt und prompt am Sonntag darauf eine Spende als Buße für seine lästerlichen Worte in den Opferstock getan. Musste ja keiner wissen, woher der unverhoffte Geldsegen kam.

Das Gleiche hätte Maren Fuchs am liebsten über das Objekt ihrer Observierung gesagt. Seit vor ein paar Monaten der Blitz in die Kate am Strand eingeschlagen und das Gebäude bis auf die Grundmauern abgebrannt war, hatte man die Ruine notdürftig repariert, aber damit war’s das auch schon gewesen. Zugvögel zu beobachten, war unter diesen Umständen kein Spaß, auch nicht für den hartgesottensten Naturfreund, und dass ihre Unbehaustheit der örtlichen NABU-Gruppe gewaltig gegen den Strich ging, konnte Maren nur zu gut verstehen.

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Wie zu erwarten, war der Ausflug komplett für die Füße gewesen. Dementsprechend gelaunt, kehrte Maren durchgefroren am Ende ihrer Schicht zur Polizeiwache zurück, wo ein mehr als aufgeräumter Feddersen vor der Tür stand und genüsslich an einer Zigarette zog.

„Da kommt ja unser Ratefuchs!“

Wenn es eins gab, das Maren auf die Palme brachte, dann waren es solche missglückten Wortspiele. Ratefuchs, pah! Wurde sie diesen dämlichen Namen denn nie los? Erst Miguel mit seinem kreuzdämlichen Kosenamen, und jetzt auch noch der Feddersen.

Drei Tage war der Frosch so krank, jetzt raucht er wieder, gottseidank. Schön, dass wir so schnell genesen sind, spottete sie in Gedanken, aber Hauptsache, wir können unsere Einsatzbereitschaft beim Nowitzki beweisen und zeigen, was für einen tollen Job wir machen.

„Ratefuchs. Ha ha. Mach nur so weiter, und ich zeig Dir den Schweigefuchs!“

Obwohl sie sich kaum vorstellen konnte, dass Feddersen wusste, was es mit dieser Geste auf sich hatte, verkniff sich dieser doch tatsächlich weitere ähnlich gelagerte Kommentare. Jetzt, wo er wieder einsatzfähig war und Nowitzki ihrer Hilfe nicht mehr bedurfte, war sie einerseits froh, von dem Fall entbunden zu sein; andererseits hätte sie zu gerne gewusst, warum Feddersen so zufrieden grinste.

„Na gut, weil Du’s bist“, schlug er einen versöhnlichen Tonfall an, „dann will ich Dich mal nicht länger auf die Folter spannen.“

Nowitzkis Team war tatsächlich weitergekommen, nachdem sich herausgestellt hatte, wie der angekokelte Rest des Briefs an einem Ort gelandet war, an den er nicht gehörte. Wetten, dass Erna von dem Brief keine Ahnung gehabt hatte? Und selbst wenn: So raffiniert, den Wisch vor aller Augen zu verstecken, wäre selbst sie nicht gewesen, nicht in ihrer Trauer. Die Lösung lag woanders, und sie hatten nicht lange suchen müssen. Unterschlagung von Beweismitteln? Unter tränenreichen Beteuerungen, von nichts eine Ahnung gehabt zu haben, war Betty beim Verhör schließlich eingeknickt und hatte ein Geständnis abgelegt.

Betty! Natürlich. Dass die junge Frau mit den blaugefärbten Haaren in manchen Dingen nicht die Hellste war, wusste in Bali jeder. Doch dass sie so weit gehen und in ihrer Dämlichkeit auf der Suche nach einem geeigneten Stück Papier ausgerechnet ein wichtiges Beweisstück aus dem mit Ascheresten gefüllten Papierkorb in Erwins Büro herausfischen und als Mitteilung an die Kunden der Buddelkiste zweckentfremden würde, darauf wäre sie im Traum nicht gekommen. Trotz mancher Defizite konnte Betty jedoch sehr gut rechnen, und als sie Giulias hin und her wandernden Blicken gefolgt und am Blatt an der Tür hängengeblieben war, hatte sie eins und eins zusammengezählt.

Dumm nur, dass sie sich von Schrödinger hatte ablenken lassen… Und nun? So wenig, wie Erna von der Existenz des Briefs gewusst hatte, so wenig war ihr auch bekannt, ob ihr verblichener Gatte Feinde gehabt hatte. Aber eine Sache hatte sie mit Bestimmtheit gewusst: Die hingeschluderte Handschrift kam ihr bekannt vor. Garantiert hatte sie diese schon einmal gesehen.

„Tja, liebe Kollegin, so sieht’s aus: Da sitzt sie nun und stöhnt verzweifelt vor sich hin. ‚Ach, wenn ich mich doch nur erinnern könnte‘… Sie war direkt dankbar, als ich ihr sagte, dass wir uns darum kümmern würden“, beendete Feddersen seinen Monolog. Maren schwante übles. Sich darum zu kümmern, das konnte nur eines bedeuten; dazu musste sie kein Ratefuchs sein.

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Das Geschmiere schon einmal gesehen… Jetzt saß sie hier bereits seit Stunden und wühlte sich durch eine Rechnung nach der anderen, die meisten davon am Rechner geschrieben. Unterschriften auf Quittungen konnte Erna wohl kaum gemeint haben, aber vielleicht eine der Trauerkarten? Konnte der Erpresser wirklich so dreist sein? Inzwischen traute Maren ihm auch das zu. Oder vielleicht war es jemand von der altmodischen Sorte, der seine Geschäftsbriefe noch von Hand schrieb, weil er mit moderner Bürotechnik nicht zurecht kam? Hm, mal überlegen…

Der lauwarme Kaffee, den ihr Erna zubereitet hatte, half ihr auch nicht auf die Sprünge. Heiß ging anders. Aber was für eine Chance hatte man, wenn die Gastherme nicht richtig funktionierte. In diesem Moment machte es bei Erna Klick, und sie ließ mit versteinerter Miene den Kaffeelöffel fallen. Natürlich! Heizungs- und Wassertechnik Gabriel. Wie der Herr, so das Gescherr!

Der alte Gabriel, der immer noch schaltete und waltete wie zu Kaisers Zeiten. Seinen Betrieb hatte er schon lange an seinen Sohn abgegeben, doch der führte das Geschäft genauso dinosaurierhaft wie Gabriel senior. Im Dorfkrug spotteten sie, dass die beiden einander zusehends ähnlicher wurden und man mittlerweile nicht mal mehr an der Handschrift erkennen konnte, wer von den beiden sich um die Geschäftspost kümmerte.

„Ladet die beiden Vögel vor und bringt sie zum Singen!“ hatte die knappe Anweisung Nowitzkis gelautet, als Maren ihn auf den neuesten Stand ihrer Durchsuchung brachte.

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„Das ist definitiv das letzte Mal gewesen, dass sich jemand von außen eingemischt hat“, fasste Maren Fuchs die Lage für alle Anwesenden zusammen. „Haben wir uns verstanden?“

Betreten zog Schrödinger den Kopf ein, während Giulia dreinschaute, als ob sie sich keiner Schuld bewusst war. Dabei war der Fall noch lange nicht gelöst; fest stand lediglich, wer den vermaledeiten Brief geschrieben hatte und warum. Noch einmal wiederholte die Fuchs ihre Ermahnung, diesmal mit ein wenig mehr Nachdruck, in der Hoffnung, dass mit privaten Detektivspielchen nun endlich Schluss war.

Nachdenklich trat Schrödinger den Heimweg an. Nicht mehr gebraucht zu werden, nachdem seine und Giulias Scharade für etwas Abwechslung und Aufregung gesorgt hatte, fühlte sich sonderbar an. Nun wie auf Knopfdruck wieder in den Erholungsmodus umzuschalten, war leichter gesagt als getan, doch der Chef würde für diese sperrige Wahrheit kaum Verständnis zeigen. Schrödinger konnte nun mal nicht so leicht aus seiner Haut.

Die ganze Situation war seltsam, so seltsam wie die ungewöhnlich laue Abendluft unter einem irisierenden Himmel. Sein Licht verlieh den fahl beleuchteten Fassaden der Friesenhäusern einen beinahe schon apokalyptischen Anstrich und verlängerte die Schatten der kahlen Bäume auf dem Dorfplatz ins Unnatürliche. Wind kam auf und brachte die Tentakel zum Schwingen. Und inmitten der Abbilder wogender Äste bewegten sich Schwingen, kaum wahrnehmbar für ungeübte Augen. Die Flügel eines Engels… eines Engels aus Stein.

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1318 Wörter – untergebracht habe ich diesmal die folgenden Wörter aus den letzten fünf Etüdenjahren darin untergebracht:

2019: Froschkönig, Unbehaustheit, Armut. +++ 2020: Zugvogel. +++ 2021: backen, sperrig.

Was es mit dem Schweigefuchs auf sich hat, wird in dem Krimi „Achtsam morden“ von Karsten Dusse auf Seite 330 erklärt: „Wer den Schweigefuchs gezeigt bekommt, muss das Maul halten“, erklärte Stanislav und zeigte Walter, wie der Schweigefuchs ging: Mittel- und Ringfinger auf den Daumen, Zeige- und kleiner Finger als „Ohren“ gespitzt. Vier Schweigefüchse zeigten daraufhin auf Toni.“

Fortsetzung folgt.

Jubiläumsedition – der Etüden-Spin-Off : vierter Akt 2/3

Mit Riesenschritten schreitet die Zeit voran, und bis zum Ende der Etüdenpause sind es nur noch ein paar Wochen. Darum folgt jetzt das nächste Kapitel meiner Monster-Etüde, mit einem Rückblick auf die vergangenen Kapitel:

Erster Akt – Eine unerwartete Reise: Der hauptsächlich in hoffnungslosen Fällen ermittelnde Schrödinger wird in Zwangsurlaub geschickt und reist an die Ostsee. +++ Zweiter Akt 1/2 – Bali sehen und sterben: Schrödinger meldet sich bei einer Sternenwanderung an. +++Zweiter Akt 2/2 – Bali sehen und sterben: Er erfährt, dass der Mann der Caféhausbesitzerin an einem Herzinfarkt gestorben ist, und dann wird bei der Sternenwanderung ein weiterer Toter gefunden. +++ Dritter Akt 1/2 – Geschlossene Gesellschaft: Kommissarin Maren Fuchs, bisher nur für eher leichte Delikte zuständig, wird zur Unterstützung der Ermittlungen abkommandiert. +++ Dritter Akt 2/2 – Geschlossene Gesellschaft: Maren Fuchs verhört Schrödinger und Giulia Millefiore. +++ Vierter Akt 1/3 – Der Engel, der ein Teufel war; Schrödinger und Giulia beschließen, auf eigene Faust im Stil von Miss Marple und Mr. Stringer Detektiv zu spielen. Derweil erregen seltsame Himmelsphänomene das Aufsehen der Medien.

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Auf Eis gelegt – vierter Akt : Der Engel, der ein Teufel war (Teil 2)

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„Da lag er vor mir, und ich… ich…“ weiter kam Erna Kind nicht.

Ihr Versuch, dem Stuhlkreis zu beschreiben, wie sie ihren geliebten Erwin zusammengebrochen im Kellerdurchbruch gefunden und die bis an den Rand gefüllte Salatschüssel fallengelassen hatte, ging in herzzereißendem Schluchzen unter. Gerade noch hatte sie mit zitternder Stimme geschildert, wie er mit einem Armvoll Rattenfallen ins Kellergeschoss hinabgestiegen war, um den frisch angelegten Vorrat an Kartoffeln zu schützen. Eine Jungratte kam schließlich selten allein, und wo eine war, da war bestimmt ein ganzes Nest. Doch was spielten Nagetiere jetzt noch eine Rolle, selbst wenn sie in Rudeln auftauchen sollten? Sie hatte Erwin unwiderruflich verloren, was kümmerten da Erna noch die Kartoffeln oder gar ihr Kartoffelsalat.

Ratlos blickte der Pfarrer in die Runde, die betreten schaute und nicht wusste, was sie sagen oder tun sollte. Sie alle hatten Erwin gekannt, mehr oder weniger (oder zumindest hatten sie es geglaubt); dass er jetzt so plötzlich von ihnen gehen musste, wo er doch immer gesund und munter gewesen war, das ging den meisten von ihnen über den Verstand. Wahrlich, Gottes Wege waren unergründlich…

Am liebsten wäre Giulia aufgesprungen und hätte dem Pastor für seine salbungsvollen Worte die rote Karte gezeigt. An den Hals gesprungen und gewürgt anstatt geknuddelt… Ja, glaubte der Pfarrer denn, dass sie den Trauernden weiterhalfen? Wirklich nicht! Es reichte, wenn er sie sich für den Trauergottesdienst aufsparte. Dass er den Mord an ihrem Roberto taktvoll ausließ und die blutige Tag nicht auch noch in die Unerforschlichkeit von Gottes Wegen einbezog, hatte ihm im übertragenen Sinne nochmal den Hals gerettet.

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Skeptisch beäugte Giulia den mit gerunzelter Stirn dasitzenden Schrödinger, wie er in einer Pause zwischen zwei Schluchzern nach ihrer Hand griff und zu tröstenden Worten ansetzte. Worte, die an ihr vorbei rauschten, während sie ihre Blicke durch die Buddelkiste, bis hin zur Tür und wieder zurück zum Verkaufstresen schweifen ließ, hinter dem die blauhaarige Betty Speisekarten sortierte.

Ach, ersetzen wir jetzt auch mal die abgegriffenen Exemplare durch neue? Wurde ja auch langsam mal Zeit, ging es Giulia durch den Kopf. Woher diese Gedanken kamen, wusste Giulia selbst nicht so genau. Jetzt sei doch nicht mal so, schoss es ihr durch den Kopf, schließlich hat das Café erst gestern wieder aufgemacht, und da gibt es sicherlich wichtigere Dinge.

Dennoch pendelte ihr Blick wieder und wieder zwischen der jungen Frau auf ihrem Barhocker hinter dem Tresen und der Tür mit dem noch immer daran klebenden „Geschlossen“-Schild hin und her.

Okay, kann man vergessen abzumachen, und wenn man so will, ist auch ein Trauercafé eine geschlossene Veranstaltung, trotzdem… inzwischen dürfte auch der Letzte begriffen haben, was den Kinds zugestoßen war.  Ihr drängte sich immer stärker der Eindruck auf, dass an dem ganzen Arrangement etwas nicht stimmte.

Immer unruhiger huschte Giulias Blick zwischen der kaugummikauenden Betty und dem Türschild hin und her. Reiß Dich zusammen und hör auf, so zu starren… Doch die Selbstermahnung kam um Sekunden zu spät. Mitten im erneuten Blicke-Ping-Pong hob die blauhaarige Servicekraft den Kopf und hielt im Kauen inne, Giulia mit den Augen folgend. Wie in Zeitlupe klappte die junge Frau die soeben erst geöffnete Karte zu und ließ sich träge von dem Hocker herabgleiten und betont langsam und bewusst gleichgültig zur Tür hinüber schleichen. Ein wenig zu langsam, und ein wenig zu gleichmütig, wie Giulia fand. Die Eile, mit der die Servicekraft den Zettel abriss und im Abfalleimer verschwinden ließ, schien so gar nicht dazu zu passen.

Verwirrt wendete sich Giulia wieder der kleinen Trauergruppe zu. Erna schien sich inzwischen wieder gefangen zu haben, dafür aber war es nun an Schrödinger, sich über die Floristin zu wundern. Die verdrehte die Augen in Richtung Betty und gab ihm mit einem vielsagenden Hochziehen ihrer Augenbrauen und kaum merklichen Anheben ihres Kinns zu verstehen, dass er besser daran tat, seine Aufmerksamkeit möglichst unauffällig für sämtliche Anwesenden auf die blauhaarige Serviererin zu lenken. Ihr ganzes Verhalten suggerierte, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war.

Schrödinger wusste zwar nicht, was genau Giulia sich so merkwürdig benehmen ließ und was sie vorhatte, doch er beschloss, ihr Spiel mitzuspielen. Schon stand die Italienerin vor Erna, der die Taschentücher ausgegangen waren und drückte der Witwe ein paar ihrer eigenen in die Hand.

„Geh rüber und lenk Madame Schlumpf ab… aber so, dass sie mich nicht sieht“, raunte Giulia ihm leise zu. Das würde sie ihm später erklären müssen. Egal. Irgendetwas war hier faul, und je eher sie herausfanden, was das war desto besser.

Am besten ging er hinüber und verwickelte sie in ein Gespräch über den Punsch, den sie auch am Nikolausmarkt ausschenkten. Den noch in eine der hässlichen Tassen von der Punschbude, geziert von dem Abbild eines Wichtels, gefüllt, und sie konnten das Gebräu als Wunschpunsch verkaufen. Während Betty ihm geduldig Auskunft auf all seine Fragen rund um das kulinarische Thema beantwortete und ihm all die leckeren Zutaten zeigte, die beim weihnachtlichen Verkaufsschlager der Buddelkiste zum Einsatz kamen, schlenderte Giulia zum Papierkorb, als ob sie alle Zeit der Welt hätte und nichts gewesen wäre. Aus dem Augenwinkel konnte er beobachten, wie sie ein angekokeltes Blatt Papier herausfischte und in ihrer Handtasche verschwinden ließ.

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Über den abendlichen Himmel zogen irisierende, perlmuttschimmernde Wolken, als Schrödinger am Kirchhof vorbei schritt, zu seiner Rechten ein Marmorengel, der in dem fahlen Licht des untergehenden Mondes wie nicht von dieser Welt, ja geradezu entrückt, wirkte. Gut, dass es bis zur Blumenhandlung nur noch wenige Schritte waren. Je eher er ins Warme kam, desto besser. Seltsam… hatte der Engel sich bewegt? Ach was, so ein Blödsinn. So ein Seemannsgarn, die ganze Sache nahm ihn anscheinend mehr mit, als er sich eingestehen wollte. Jetzt sah er schon Gespenster, da wo keine waren. Bestimmt war das wieder nur ein Schatten. Im Radio hatten sie erneut ungewöhnlich starke Aktivitäten im Fuhrmann gemeldet.

Er atmete auf, als er endlich die Blumenhandlung betreten und auf Giulias Geheiß das „Geschlossen“-Schild umdrehen konnte, um bei der gemeinschaftlichen Sondierung der Lage im von der Straße kaum einsehbaren Gewächshaus, ungestört zu sein. Die Stunde der Wahrheit war gekommen. Auf welche Spur Giulia auch immer gestoßen war, nun war es an der Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen. In diesem Fall einen Zettel mit angesengten Rändern. Dieses Pamphlet kannte er doch: „Wegen eines Trauerfalls bleibt die Buddelkiste die nächste Woche geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis. Ihre Familie Kind“.

Und deswegen machte Giulia so einen Stress? Das war das große Mysterium, das sie in Unruhe versetzt hatte?

„Nein, mein Lieber. Nicht die Vorderseite!“

Wie man sich doch irren konnte. Denn es war die Rückseite, auf die jemand drei kurze Sätze gekrakelt hatte:

Ich weiß, was Du vorhast. Aber es wird Dir nichts nützen. Denn ich beobachte Dich ganz genau.

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1112 Wörter – und bevor es aufs Ende zugeht, habe ich folgende Wörter aus den letzten fünf Etüdenjahren darin untergebracht:

2017: Kellerdurchbruch.

2019: Salatschüssel, Kartoffel, Jungratte.

2020: knuddeln, Wichtel, Wunschpunsch.

2021: suggerieren, krakeln

Das sind zwar nicht ganz so viele wie bisher, aber die Auswahl sinkt mit jeder Episode. Und wieder heißt es:

Fortsetzung folgt.

ABC-Etüden 2022 : „7 aus 12 – das Etüdensommerpausenintermezzo 2022“, Teil 3

Ich habe mir eine Pause vom Job genommen, aber nicht von den Etüden. Hier kommt Nummer drei – diesmal mit neun von zwölf Begriffen, die Christiane ausgelost hat (näheres gibt es hier). Das wären zwei mehr als das Minimum von sieben, einzubinden in eine Etüde von beliebiger Länge, die auch noch den Satz „Wie wenig wir einander kennen“ enthalten soll.

Aus dem Lostopf wurden gezogen: Flohzirkus, Flughafen, Herrgottsfrühe, Kulleraugen, Milonga, Regionalbahn, Schatten, Sommerpause, Tischtuch, Ukraine, Wasserrationierung und Wasserratte.

Diesmal habe ich mich von einer Annonce in unserer Zeitung inspirieren lassen und die Handlung in den hohen Norden verlegt – die von mir verwendeten Wörter habe ich oben (und nicht im Etüdentext) gefettet.

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Auf der Suche

Bloß raus aus der Sonne und hinein in den Schatten. Seit dieser unsäglichen Wasserrationierung in unserem Block hatte ich beschlossen, anstrengende Tätigkeiten und damit verbundenes Schwitzen zu vermeiden, um weniger duschen zu müssen und so Wasser zu sparen. Eine Wasserratte war ich ohnehin nie gewesen, aber ob diese Methode auf Dauer Erfolg versprach?

Betty, deren Arbeitgeber gerade in die Sommerpause gegangen war und alle Angestellten in Zwangsurlaub geschickt hatte, war da eher skeptisch eingestellt, auch wenn sie mir im Grunde beipflichtete. Während sie das Gartentor hinter sich schloss, nahm ich unter dem großen Sonnenschirm in ihrem Garten Platz. Erschöpft von der anstrengenden Fahrt mit der nichtklimatisierten Regionalbahn, lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück und ließ meinen Blick über den Gartentisch schweifen. Aufgeschlagen vor mir, lag die Seite mit den Stellenanzeigen.

Sargträger (m/w/d) – Geringfügige Beschäftigung: Die Sargträger/innen erhalten pro Einsatz eine Pauschale von 35.00 €. Die vollständige Stellenausschreibung können Sie auf unserer Internetseite www-xxxxxx-de-Stellenausschreibungen einsehen.

Den Text in großen Lettern hatte Betty dick mit roten Filzstiftstrichen umrahmt.

Wie wenig wir einander doch kannten: Seit wann war denn Betty auf der Suche nach einer zusätzlichen Beschäftigung? Dass sie das Geld so nötig hatte… und dabei verdiente sie als Verkäuferin bei Metzger Blohm doch gar nicht so schlecht. Ja, das hatte ich die ganze Zeit über geglaubt, aber dank des Kriegsausbruchs in der Ukraine fürchtete sie erhöhte Gaspreise. Da konnte es nicht schaden, schon mal für ein finanzielles Polster zu sorgen und alles zu nehmen, was schöne Nebeneinkünfte versprach, so ihre Meinung zu dem Thema.

Aber Betty als Sargträgerin? Das konnte ich mir nun so gar nicht vorstellen.

„Na, besser als in aller Herrgottsfrühe aufzustehen und Zeitungen auszutragen!“ erwiderte sie, „und sich den Unmut all derer zuzuziehen, die den Sch**** Einkauf Aktuell nicht haben wollen.“

Da musste ich ihr recht geben. Betty als Sargträgerin? Aber anscheinend war es ihr ernst damit.

„Oder hier,“ fuhr sie fort, „das Café Milonga sucht noch nach Servicepersonal: dreckiges Geschirr und benutzte Gläser abräumen, Tischtücher wechseln, Sahnesyphons austauschen… ein Traum!“

Das neue Café im Nachbarort? Den Namen hatte es anscheinend von den Salsa-Abenden, die jeden Mittwochabend dort stattfanden. Gefallen hatte es den Einwohnern von Bali nicht, als die Konkurrenz zur Buddelkiste in greifbare Nähe gerückt war, bis die ersten eingeknickt waren, weil die Neugier gesiegt hatte. Mit einem Salsa-Meister wie diesem Miguel Andrés, dessen Kurse in Kiel auf Wochen ausgebucht waren, konnten die Torten und Kuchen der Erna Kind nur schwerlich mithalten. Und jetzt wollte Betty genau dort anheuern?

Fair fand ich das nicht gerade, also versuchte ich, es mit einem Appell an ihre Sparsamkeit zu versuchen.

„Überleg es dir gut, ob Du das tägliche Pendeln auf Dich nehmen willst. Ob sich das noch rechnet, wenn Du die Fahrtkosten vom Lohn abziehst?“

Doch da hatte ich die Rechnung ohne Betty und ihr Geburtstagsgeschenk gemacht, das sie mir nun strahlend vorführte: ihr Dreißig-Gänge-High-Tech-Rad, eine Gabe von ihrem Langzeitverlobten Max, Sport- und Fitnessfreak vorm Herrn, der es nicht mehr hatte mitansehen können, wie sich sein Herzblatt auf einer alten, schon leicht angerosteten Scherbe den Deich entlang quälte.

Eine Tüte Mitleid, bitte! Das hatte er bestimmt nicht ohne Hintergedanken getan. Bestimmt hatte es ihm gestunken, dass Betty bei ihren gemeinsamen Radtouren ständig hinterherhing. Aber was Max konnte, das konnte ich auch.

Gleich morgen würde ich Erna fragen, ob sie nicht vielleicht doch eine Tätigkeit in ihrer Buddelkiste für Betty zu vergeben hatte. Da würde Betty vielleicht nicht ganz so viel verdienen wie im Milonga, aber dafür musste sie sich auch nicht so früh aus den Federn erheben.

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In 587 Wörtern zur Etüde. Ob es für noch eine reicht? Schau’n wir mal.

Jubiläumsedition – der Etüden-Spin-Off : vierter Akt 1/3

Lang hat’s gedauert, aber schließlich hatte ich dann doch die zündende Idee, wie es mit dieser Monster-Etüde weitergeht. Zur besseren Übersicht, was sich bisher zugetragen hat:

Erster Akt – Eine unerwartete Reise: Der hauptsächlich in hoffnungslosen Fällen ermittelnde Schrödinger wird in Zwangsurlaub geschickt und reist an die Ostsee. +++ Zweiter Akt 1/2 – Bali sehen und sterben: Schrödinger meldet sich bei einer Sternenwanderung an. +++ Zweiter Akt 2/2 – Bali sehen und sterben: Er erfährt, dass der Mann der Caféhausbesitzerin an einem Herzinfarkt gestorben ist, und dann wird bei der Sternenwanderung ein weiterer Toter gefunden. +++ Dritter Akt 1/2 – Geschlossene Gesellschaft: Kommissarin Maren Fuchs, bisher nur für eher leichte Delikte zuständig, wird zur Unterstützung der Ermittlungen abkommandiert. +++ Dritter Akt 2/2 – Geschlossene Gesellschaft: Maren Fuchs verhört Schrödinger und Giulia Millefiore.

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Auf Eis gelegt – vierter Akt : Der Engel, der ein Teufel war (Teil 1)

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„… ich schwöre, wenn ich den Teufel erwische, der ihm das angetan hat, dann…“

Ob Prophezeiung oder leere Drohung einer trauernden Schwester, Frau Millefiores Worte noch deutlich im Ohr, erwachte Schrödinger am nächsten Morgen zerschlagen und mit schweren Gliedern, wie nach einer durchzechten Nacht. Die Blumenhändlerin zu beruhigen und ihr gut zuzureden, damit sie ihren Worten nicht irgendwann eine Verzweiflungstat folgen lassen würde, hatte doch stärker an seinen Kräften gezehrt als gedacht.

Halbherzig setzte er sich an den Frühstückstisch. Irgendwie wollte der Kaffee heute morgen so gar nicht schmecken, und auch das herzhafte Aroma von gebratenen Würstchen bereitete ihm ein Unbehagen, das er in dieser Form auch schon lange nicht mehr verspürt hatte. Wann war er zuletzt so verkatert gewesen? Eines der zehn Bierchen muss verdorben gewesen sein? Was für ein blöder Witz! Dabei hatte er noch nicht einmal den Reagenz-Gin aus dem Dorfkrug angerührt. Lustlos rührte Schrödinger in seiner Tasse und ließ das Radioprogramm aus der hintersten Ecke des Frühstücksraums an sich vorbei plätschern.

„Mit Firma Brück zum Abfallglück“, schreckte ihn plötzlich eine schnarrende Stimme, begleitet von einem Fanfarentusch und schrillen Klängen aus dem Lautsprecher, auf. Wessen Idee es auch immer gewesen war, das Radio mit seinem Lokalsender, dessen Frequenz selbst den NDR überlagerte, ohne Vorwarnung lauter zu drehen, im Nachhinein war er dankbar für die Störung mit gleitendem Übergang zu den Acht-Uhr-Nachrichten. Ob sie den Täter schon gefasst hatten? Er hoffte es sehr für Giulia Millefiore, die geschworen hatte, etwas zu unternehmen, wenn nicht bald etwas geschah. So oder so überschatteten die beiden Todesfälle, die vermutlich nicht einmal etwas miteinander zu tun hatten, den ersehnten Weihnachtszauber.

Ungeachtet jeglicher Hoffnungen, brachten die aktuellen Nachrichten nichts Neues, im Gegenteil, ohne viel Federlesens ging man gleich zu den nationalen und globalen Nachrichten über, um die Sendung mit dem Bericht über eine wissenschaftliche Entdeckung abzuschließen.

„Peking. FAST, das größte Radioteleskop der Welt, hat über 1600 Strahlungsausbrüche eines einzigen Objekts im Sternbild Fuhrmann aufgezeichnet. Mit dieser Intensität an Strahlung ist der FRB 121102 eine astronomische Sensation, die selbst den gerade erst wieder in den Fokus gerückten Supernovaüberrest in der Großen Magellanschen Wolke in den Schatten stellt.“

Warum auch immer ihn diese Meldung aufhorchen ließ, aber dieses Phänomen erschien ihm als Erklärung für das ungewöhnliche Himmelsleuchten vom Wochenende plausibler als das, was der Pastor bei seiner Sternenführung über die wilden Farbspiele erzählt hatte. Salbungsvolle Worte bei einer Predigt waren das eine, aber poetische Ausführungen zu nicht alltäglichen Erscheinungen am Firmament nach Sonnenuntergang, eine ganz andere Baustelle. Durchsetzt mit Bezügen zum Alten und Neuen Testament und der stillen Hoffnung, mutvoll und mit Zuversicht der Ankunft des Herrn entgegenzublicken, hatte seine lange Rede jeglichen Sinn verloren, als sie Roberto Millefiore gefunden hatten. Die vor der Baracke der örtlichen NABU-Gruppe ausgebreitete Picknickdecke, nur wenige Meter abseits des Tatorts hatte die Bluttat in ein noch schaurigeres Licht gerückt und gleichzeitig seltsamerweise verhindert, dass seine Schwester noch an Ort und Stelle vollends zusammengebrochen war. Ein Zusammenbruch, der nun mit Verzögerung eingetreten war und dazu geführt hatte, dass die Blumenhandlung nun endgültig geschlossen war, zumindest für die nächsten Tage.

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Landvermesser mit Stativ ermordet.

Ja, wie oft denn noch? Wie eine Raubkatze im Zoo, tigerte Giulia Millefiore in ihrem Gewächshaus auf und ab. Sich hinzulegen, hatte nur bedingt geholfen. Was für ein Glück, dass dieser Herr Schrödinger zur Stelle gewesen war und ihr beigestanden hatte, und er hatte wahrlich mit Engelszungen auf sie eingeredet, bis sie nachgegeben und etwaige Rachepläne auf Eis gelegt hatte. Auch wenn er im Prinzip damit recht hatte, dass mit blinder Rache niemandem geholfen war (und am wenigsten ihr selbst), eine Logik, die sie geradezu ansprang und sie dort biss, wo es am meisten wehtat, gärte es unterschwellig in ihr weiter. Aufgeschoben war nicht gleich aufgehoben? Gefangen in einer Spirale der Unzufriedenheit, hervorgerufen durch in dieser Hinsicht ambivalente Gefühle, spürte sie, wie sie dieses erzwungene Nichtstun so langsam aber sicher noch verrückt machte.

Wenn nicht bald etwas geschah und das Team rund um die Fuchs zu einem Ergebnis kam, wäre sie spätestens zur Wintersonnenwende ein komplettes Wrack. Und nicht nur sie. Sie hatte zwar Herrn Schrödinger versprochen, nichts Unüberlegtes zu tun; dennoch rotierten ihre Gedanken fieberhaft. Ob es schadete, auf eigene Faust tätig zu werden und hier und da ein paar unverfängliche Fragen zu stellen? Je länger Giulia Millefiore darüber nachdachte, desto brillianter erschien ihr ihre Eingebung. Dass Herr Schrödinger, anscheinend selbst Polizist, noch nicht selbst darauf gekommen war! Aber wie sollte er auch… Und selbst wenn: Als langjähriger Stammgast war er leider immer noch Außenseiter, und als solcher würde es ihm wohl kaum gelingen, in das Kaleidoskop von Verbindungen, die sich durch Bali wie ein Spinnennetz zogen, einzutauchen, geschweige denn, auch nur an der Oberfläche zu kratzen. Als unmittelbar Betroffene hatte dagegen sie die besseren Karten.

Vielleicht bekam sie beim vom Pastor ins Leben gerufene Trauercafé, jeden Dienstagabend im Pfarrhaus, die Gelegenheit dazu. Sie war schließlich nicht die Einzige, die einen geliebten Menschen verloren hatte. Auch die verwitwete Erna Kind, deren Liebster unter wesentlich weniger dramatischen (wenn auch nicht minder tragischen) Umständen von ihr gegangen war, würde dem Stuhlkreis regelmäßig beiwohnen.

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Die Teilnahme Giulia Millefiores am Trauerkreis als Herumstochern im Ameisenhaufen? Das ewige Herumsitzen und Blättern in Büchern und Unterlagen, die er schon zum x-ten Mal gelesen hatte, gefiel Schrödinger so gar nicht. Dennoch war er mäßig begeistert, wusste er doch, dass Miss-Marple-Spielen auch durchaus nach hinten losgehen konnte, wenn dem vorsichtigen Ausloten oder Herumtasten doch eher die Tendenz zum Stich ins Wespennest anhaftete. Außerdem gab er nur ungern den Mister Stringer, obwohl… Wenn er es recht bedachte, war der Plan seiner potentiellen „Partnerin in Crime“, die Partitur für eine Solistin in eine für ein Duett umzuwandeln, vielleicht gar nicht so verkehrt.

Sich dumm zu stellen, mochte zwar nur bedingt weiterhelfen, wenn man sich vor Augen hielt, dass seine Tätigkeit bei der Berliner Polizei den meisten in Bali bekannt war. Andererseits: Was hatte er zu verlieren? Wenn er es geschickt anstellte, und sich als durch seine angeschlagene Gesundheit leicht bis mittelschwer zerstreuter Biedermeier gab, würde niemand so schnell dahinter kommen, dass seine grauen Zellen noch einwandfrei funktionierten.

Vielleicht hatte er ja doch bessere Anlagen zum Geheimkünstler, als ihm bewusst war.

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1024 Wörter – und diesmal habe ich folgende Wörter aus den letzten fünf Etüdenjahren darin untergebracht:

2017: Frequenz

2018: FRB 121102, Supernovaüberrest.

2019: Abfallglück, verdorben, beißen, gleitend, Verzweiflungstat, ambivalent, Weihnachtszauber, Wintersonnenwende.

2020: plätschern, Sonnenuntergang, mutvoll, zehren, Idee.

2021: Lautsprecher, Baracke, Picknickdecke, herzhaft, Prophezeiung, Geheimkünstler, Biedermeier, Partitur.

Fortsetzung folgt.

ABC-Etüden 2022 : „7 aus 12 – das Etüdensommerpausenintermezzo 2022“, Teil 2

Urlaub steht vor der Tür, und trotzdem lasse ich noch eine Etüde auf die Menschheit los. Der Grund: Christiane hat 12 Begriffe ausgelost (näheres gibt es hier), und wir müssen auch nicht zwölf in einer Etüde beliebiger Länge unterbringen, sondern es genügen auch sieben (das Minimum); außerdem soll als Neuerung der Satz „Wie wenig wir einander kennen“ darin enthalten sein (in welcher Form auch immer). Aus dem Lostopf wurden gezogen:

Flohzirkus, Flughafen, Herrgottsfrühe, Kulleraugen, Milonga, Regionalbahn, Schatten, Sommerpause, Tischtuch, Ukraine, Wasserrationierung und Wasserratte.

Da ich in meiner „Kattitüde“ alle Wörter unterbringen konnte, habe ich auch nichts gefettet.

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Sommerfreuden

Wie wenig wir einander kennen… seufzte Maren Fuchs und nippte an ihrer Tasse, aus der es verführerisch dampfte. Ob heiß, ob kalt: Tee ging immer, auch im Sommer.

Gerade erst vom Flughafen zurückgekehrt, an den sie ihre älteste Freundin gefahren hatte, wollte sie nach der elenden Fahrerei nur noch die Füße hochlegen. Doch der Tag war noch nicht vorbei, obwohl es ein langer Tag gewesen war, der schon in aller Herrgottsfrühe begonnen hatte. Im Nachhinein hätte sie Claudia am liebsten geraten, sich selbst um eine Transportmöglichkeit zu kümmern, doch die zeitraubende Kombination aus Taxi, Bus und Regionalbahn hätte sie selbst ihrer ärgsten Feindin nicht empfohlen. Dabei war doch Claudia gar nicht so; für gewöhnlich war ihre Freundin die Ruhe selbst, doch auf dieser Fahrt war sie auf dem Beifahrersitz zu einem veritablen  Zappelphilipp mutiert und hatte sich auch nicht durch das dudelnde Radio beruhigen lassen. Das reinste HB-Männchen.

Ob es an ihrer bevorstehenden Reise über den Atlantik lag? Von Hamburg nach Rio de Janeiro war es ja nicht gerade ein Katzensprung, und was tat so manche Frau nicht alles, um ihr Ziel zu erreichen, das mit Milonga anfing und mit Schule aufhörte… wo doch Brasilien quasi um die Ecke lag? Kein sehr gelungenes Wortspiel, wie Maren zugeben musste. Oder waren vielleicht doch die Nachrichten an Claudias Hibbeligkeit schuld? Nachrichten, oder besser gesagt Hiobsbotschaften, angefangen bei den neuesten Entwicklungen in der Ukraine, bis hin zu eventuellen Wasserrationierungen im kalifornischen Stil; Kalifornien, das war das Stichwort, das sie wieder zum eigentlichen Thema zurückführte. Hier oben an der See hatten sie eine Vorliebe für exotische Namen: Kalifornien, Brasilien, Bali. Der Transport von Claudias Kater würde so wenigstens keiner halben Weltreise gleichkommen. Der Kater, ach ja…

Bowie, der kleine Schelm, den sie aus dem Tierheim hatte und der seinen Namen seinen verschiedenfarbigen Kulleraugen verdankte, war schon bei seinem Einzug in Claudias Haushalt ein kleiner Satansbraten gewesen. Süß und knuffig aber mit den Jahren nicht pflegeleichter, im Gegenteil: Zur Begrüßung war ihr der Sieben-Kilo-Wirbelwind entgegengesprungen, aber nicht um sich streicheln und kraulen zu lassen, sondern um ihr die ausgefahrenen Krallen in die Waden zu schlagen. Jauuul! Na, das konnte ja spaßig werden. Auf einen Flohzirkus aufzupassen, wäre wahrscheinlich einfacher gewesen, aber da musste sie nun durch. Trotz allen guten Zuredens hatte es ewig gedauert, bis sie den Kleinen im Transportkörbchen und dieses im Auto so verstaut hatten, dass das Tierchen im Schatten saß und es bequem hatte. Vorsichtshalber hatte sie noch ein ausrangiertes Tischtuch über die Rückbank drapiert, man konnte schließlich nicht wissen, ob der vierbeinige Passagier vor Aufregung vielleicht nicht doch ein Bächlein fließen ließ.

Bei den zu erwartenden Temperaturen würde das trotz Klimaanlage bestimmt kein Vergnügen werden, schon gar nicht, als Maren merkte, dass sie in einen formidablen Stau hineingeraten war, verursacht durch irgendeinen Deppen, der mal wieder die Geschwindigkeitsbeschränkungen ignoriert hatte und in einen Trecker hineingerasselt war, derweil Bowie in seinem Körbchen immer unruhiger wurde und gestresst vor sich hin maunzte. Idioten kannten eben keine Sommerpause. Schier endlos hatte sich die Schlange über die kurvenreiche Landstraße vor sich hin gewälzt, und nach Stunden im Stop-and-Go-Verkehr erreichte Maren endlich ihr Bali, dem Kaff (so hatte sich Claudia einst ausgedrückt), in dem nie etwas passierte. Also ideal zum Katzenhüten.

Wasserrationierungen, pah! Claudia hatte doch einen Vogel; ernsthaft von ihr, Maren zu erwarten, dass sie darauf verzichtete, die Badewanne zu füllen. Vor allem jetzt, da sie einen Feriengast auf vier Pfoten bei sich beherbergte. Was konnte es schöneres geben als ein kühles Bad bei dieser Witterung?

Kaum zu glauben, dass sich bei diesem Thema die Gemüter dermaßen erhitzt hatten, so dass zwischen den beiden Freundinnen im Auto ein handfester Streit entbrannt war, dessen unangenehme Schwingungen Bowie nur unnötig gestresst hatten. Es würde Stunden dauern, bis der Gemütszustand des Tierchens wieder so weit ausgeglichen war, dass ein entspanntes, besseres gegenseitiges Kennenlernen möglich war.

Noch ein letzter Schluck von dem handgepflückten Minztee aus dem eigenen Garten, dann konnte sie das kühle Wasser einlassen und der flauschigen Wasserratte beim Paddeln im nassen Element zuschauen. Sie hoffte, dass diese Geste der Freundschaft die Wogen glättete, denn heute war es schon reichlich spät. Aber gleich morgen früh würde sie das neugekaufte Zehntausendliterbecken aus dem Baumarkt ordentlich volllaufen lassen.

Für Bowie.

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In 700 Wörtern zur Etüde. Ich kann also auch länger, wenn ich es möchte. Übrigens: Wer gedacht hat, dass ich mir die vierbeinige Wasserratte nur ausgedacht habe, kann sich in diesem Artikel über die Van-Katze schlau machen.

in ihrem Element – Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/4/46/Turkish_Van_Example.jpg/440px-Turkish_Van_Example.jpg (This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license

So eine Katze hatte ich zwar selbst noch nicht, stelle mir das Leben mit so einem Tierchen aber absolut spannend vor. Fast so spannend wie mit einer norwegischen Waldkatze, die Bäume nicht nur hoch-, sondern auch wieder hinunterklettern kann.

Jubiläumsedition – der Etüden-Spin-Off : dritter Akt 2/2

Ein Fall für Maren Fuchs. Und wie passt Schrödinger da rein? Warten wir’s ab und lassen uns überraschen. Der Knoten zieht sich immer mehr zu – hier ein Rückblick auf die vergangenen Kapitel: Erster Akt – Eine unerwartete Reise: Der hauptsächlich in hoffnungslosen Fällen ermittelnde Schrödinger wird in Zwangsurlaub geschickt und reist an die Ostsee. +++ Zweiter Akt 1/2 – Bali sehen und sterben: Schrödinger meldet sich bei einer Sternenwanderung an. +++ Zweiter Akt 2/2 – Bali sehen und sterben: Er erfährt, dass der Mann der Caféhausbesitzerin an einem Herzinfarkt gestorben ist, und dann wird bei der Sternenwanderung ein weiterer Toter gefunden. +++ Dritter Akt 1/2 – Geschlossene Gesellschaft: Kommissarin Maren Fuchs, bisher nur für eher leichte Delikte zuständig, wird zur Unterstützung der Ermittlungen abkommandiert.

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Auf Eis gelegt – dritter Akt : Geschlossene Gesellschaft (Teil 2)

Oh, diese Eile! Warum diese Hektik an einem Montagmorgen? Hatten die alle Angst, dass sich das Mordopfer erhob und wieder auferstand?

Festzustellen, dass man als Letzte die Dienststelle betrat, obwohl der Dienst noch gar nicht angefangen hatte und man so wahrscheinlich keine Sympathiepunkte beim Chef einfahren würde, fühlte sich für Maren Fuchs wie ein Halbliterglas übertrieben fruchtigen und piksüßen Eistees auf Ex an, heruntergestürzt auf nüchternen Magen und bei Minus zwanzig Grad Außentemperatur.

Angesichts der übermotivierten Kollegen kam sich Maren Fuchs deplatziert vor. Als ob es nicht schon gereicht hätte, dass ihr diese nervige und wenig erholsame Woche widerfahren war, jetzt mussten sich die einzelnen Mitglieder des Ermittlungsteams auch noch gegenseitig in ihrem Eifer überschlagen. Herr Lehrer, ich weiß was!  Zu nachtschlafender Zeit stundenlang zu recherchieren und sich durchs gesamte Einwohnerverzeichnis von Bali zu stöbern, nur um dem Chef noch vor Dienstbeginn großspurig ihre Ergebnisse präsentieren zu können, kaum dass der seine Aktentasche abgelegt hatte: Das waren Dinge, die die Welt nicht braucht.

Entbehrlich wie eine Nussallergie, waren ihr das ja schon immer die Liebsten gewesen: Die Streber, die mit ihrem penetranten, mustergültigen Fleiß den anderen aus der Jahrgangsstufe einen Spiegel vorhielten und sie auf diese Art indirekt bevormundeten, waren schon zu Marens Schulzeit eine stete Quelle für ihren Verdruss gewesen. Woanders hätten solche Vögel sicherlich Klassenkeile bezogen. Ja, überall. Nur nicht hier. Was sich wie ein leuchtendes Vorbild las und dem fortschrittlichen Schulleiter fast schon so etwas wie einen Heiligenschein auf dem Gebiet pädagogischer Prävention verliehen hatte, entpuppte sich im Nachhinein als ein Papiertiger, eingeschnürt in ein Korsett aus Verhaltensmaßregeln, bei denen es die erwischte, die öfters als zu mehr als nur einem Schabernack aufgelegt waren. Nur ihrer engelhaften Erscheinung hatte sie es zu verdanken, dass sie nicht von der Schule geflogen war und noch eine Chance eingeräumt bekommen hatte, dennoch war sie froh gewesen, als es endlich ein Ende genommen hatte und sie diesem Verein für immer den Rücken kehren konnte. Das Jahrbuch, in ihren Augen das reinste Märchenbuch, hatte sie gar nicht mehr abgeholt.

Doch leider hatte sie genau jetzt wieder mit diesem Typus zu tun.

Doch wozu das Jammern, die Arbeit musste getan werden, und die ersten Befragungen standen für Punkt acht an. Zuerst die Blumenhändlerin, danach der Berliner Gast aus der Heidekate.

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„Sie wissen ja, Herr Schrödinger: So tragisch auch ist, dass Sie und Frau Millefiore den toten Landvermesser gefunden haben, müssen wir Sie bitten, den Ort nicht zu verlassen und sich auch weiterhin zur Verfügung zu halten, solange die Ermittlungen nicht abgeschlossen sind.“

Mit diesen wenig trostspendenden Worten war er entlassen. Solange die Ermittlungen nicht abgeschlossen sind… wenn es mir schon so geht, wie muss sich die arme Familie Kind erst fühlen, ging es Schrödinger durch den Kopf.

Mit dem Landvermesser war dies nun schon der zweite Todesfall innerhalb kürzester Zeit. Einen Mord, das hatte es in dem beschaulichen Bali noch nie gegeben, und dementsprechend hohe Wellen hatte diese Nachricht geschlagen. Plötzlich war die Tatsache, dass sich der Auftraggeber des niederträchtig Ermordeten und Erwin Kind persönlich gekannt hatten, das Gesprächsthema Nummer eins, denn unglücklicherweise rückte diese Verbindung den Herzinfarkt Erwin Kinds doch gleich in ein ganz neues Licht. Geschlossene Gesellschaft? Plötzlich war selbst die Fliege an der Wand verdächtig, und solange man sämtliche Motive und Gelegenheiten, neu überdenken und auf Herz und Nieren prüfen musste, konnte Erwin Kinds auf Eis gelegter Leichnam nicht freigegeben werden. Nicht nur, dass Erna Kind nie wieder Streicheleinheiten von ihrem Erwin empfangen würde, wenn sie Pech hatten, konnte sich das ganze Spektakel bis zum Neujahrsläuten hinziehen, wenn nicht sogar bis zum Ende der Rauhnächte.

Zur Verfügung halten, diese Frau Fuchs hatte gut reden! Wo sollte er denn auch hin, etwa zurück in die Steinwüste, aus der man ihn verbannt (oder besser gesagt, kommandiert) hatte? Was hatten sie gestaunt, als er ihnen seinen Beruf verraten hatte, nur um sich dann, skrupulös um die Einhaltung sämtlicher Vorschriften bemüht, jegliche Einmischung in ihre Arbeit zu verbitten. Auch wenn er ein Kollege war, den Täter würden sie auch ganz alleine dingfest machen, davon war Nowitzki, der Leiter der Dienststelle, felsenfest überzeugt.

Keine Einmischung in die laufende Ermittlung? In dieser Hinsicht war so ein Ermittlungsteam tatsächlich so etwas wie eine geschlossene Gesellschaft. Aber ob ein unauffälliges Sich-Umhören im Stil von Miss Marple auch dazu gehörte? Dackelfalten formten sich auf Schrödingers Stirn, und je länger er über Maren Fuchs‘ Worte nachdachte, desto schwammiger erschien ihm die Anweisung, die man ihm beim Verlassen der Wache erteilt hatte.

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Fiore Millefiore. Zartes Glockengeläut, das ihn eher an eine romantischer Schlittenfahrt durch verschneite Wälder als an ein Blumengeschäft erinnerte, umfing Schrödingers Ohren. Ein wenig blass um die Nase, stand Giulia Millefiore, die Inhaberin des kleinen Ladens höchstpersönlich, hinter der Theke und arrangierte Zweige von Forsythien und Zierkirschen in einer Vase. Dabei war der Barbaratag schon längst vorbei.

Auf den ersten Blick scheinbar gefasst, betrachtete sie ihr Werk, um ein letztes Mal Hand daran anzulegen, bevor sie es ins Schaufenster stellte. Doch als er genauer hinsah, entging ihm nicht das Zittern ihrer Hände. Giulia Millefiore, der Dame mit dem imposanten Hut, schien der grausige Fund vom Strand doch näherzugehen, als es für ungeübte Augen den Anschein hatte. Es war und blieb ein kitzliges Thema: Auch wenn Menschen unterschiedlich mit einer solchen Begegnung umgingen, hätte er an ihrer Stelle den Laden an diesem Tag geschlossen gelassen, denn (so viel wusste er aus Erfahrung) ein solches Erlebnis steckte niemand so einfach weg.

Wenig später hatte er die Bestätigung. Aus dem angrenzenden Gewächshaus erscholl plötzlich eine Kanonade aus Lärm, gefolgt von wütendem Hundegebell, und gleich darauf schoss durch die halb geöffnete Tür ein Vierbeiner mit Dreckklumpen im struppigen Fell wie ein Kugelblitz in den Verkaufsraum, dass Frau Millefiore einen Schrei des Entsetzens ausstieß und die Vase fallenließ. Geistesgegenwärtig überwand Schrödinger die Distanz zu ihr und fing den Gegenstand auf, bevor er auf den vierbeinigen Schmutzfink niederging.

Piccolino, wie der herzförmige Anhänger an seinem Halsband verriet, hatte sich überraschend schnell wieder beruhigt. Als ob er kein Wässerchen trüben könne, schaute er Giulia Millefiore fragend an und wunderte sich offenbar, warum die zu erwartende Schelte ausblieb und sein Frauchen statt dessen zitternd von einem fremden Kunden zum nächstbesten Stuhl geleitet wurde.

Ein Terrier ist eben kein Kuscheltier, seufzte Schrödinger innerlich und tätschelte der aufgelösten Floristin sachte den Arm, in dem hilflosen Versuch, sie zu beruhigen. Doch das war gar nicht so einfach. Es würde dauern, bis sie soweit war, auch nur ein vernünftiges Wort zu äußern, und so drehte Schrödinger das Geschlossen/Offen-Schild um, während Frau Millefiore vor sich hin schluchzte. Rechtsdrehend, linksdrehend, völlig egal… Es kam nur darauf an, dass nicht noch mehr neugieriges Volk in den Laden hereingeschneit kam und darauf hoffte, den neuesten Klatsch lang und breit mit der Italienerin zu teilen.

„Roberto“ war schließlich das erste, was sie stammelnd herausbrachte, um nach einer weiteren Pause ein „… so ein herzensguter Mensch… warum er?“ hinterherzuschicken und mit bebender Stimme Schrödinger so intensiv von unten heraus anzuschauen, so dass es ihm kalt den Rücken hinunterlief: „Mein armer Roberto. Aber ich schwöre, wenn ich den Teufel erwische, der ihm das angetan hat, dann…“

Der Satz verhallte unbeendet in der Luft. Der plötzliche Ausdruck verzweifelter Entschlossenheit in ihren Augen hatte das Zeug, selbst einen Herbststurm noch in den Schatten zu stellen.

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1206 Wörter – und diesmal habe ich folgende Wörter aus den letzten fünf Etüdenjahren darin untergebracht:

2017: Heiligenschein, Neujahrsläuten. Rauhnächte.

2018: dingfest, tätscheln, skrupulös.

2019: auferstehen, bevormunden, entlassen, Gewächshaus, Herbststurm, Hundegebell, Kuscheltier, Nussallergie, Steinwüste.

2020: kommandieren, Papiertiger, Schabernack, breit, Forsythien, großspurig, engelhaft, Landvermesser, Schmutzfink, teilen, Quelle, stöbern, Märchenbuch, Schlittenfahrt, Streicheleinheiten.

2021: Klassenkeile, schwammig, Dackelfalten, fruchtig, Korsett, rechtsdrehend, widerfahren, recherchieren, niederträchtig, kitzlig, Aktentasche, Eistee.

Jubiläumsedition – der Etüden-Spin-Off : dritter Akt 1/2

Ausgerechnet Mord? Und das, wo Schrödinger sich doch erholen sollte. Man kann es sich eben nicht immer aussuchen… Bisher war er ja nicht gerade vom Glück verfolgt: Erster Akt – Eine unerwartete Reise: Der hauptsächlich in hoffnungslosen Fällen ermittelnde Schrödinger wird in Zwangsurlaub geschickt und reist an die Ostsee. +++ Zweiter Akt 1/2 – Bali sehen und sterben: Schrödinger meldet sich bei einer Sternenwanderung an. +++ Zweiter Akt 2/2 – Bali sehen und sterben: Er erfährt, dass der Mann der Caféhausbesitzerin an einem Herzinfarkt gestorben ist, und dann wird bei der Sternenwanderung ein weiterer Toter gefunden.

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Auf Eis gelegt – dritter Akt : Geschlossene Gesellschaft (Teil 1)

Der Ödipuskomplex. Frustriert schob Maren Fuchs ein abgenutztes Lesezeichen in das psychologische Standardwerk und klappte es zu, dann ließ sie sich aufs Sofa fallen und verkroch sich unter ihre seidige Kuscheldecke. Eigentlich hatte sie den neuesten Roman von Nele Neuhaus weiterlesen wollen, doch die Ereignisse der vergangenen Tag waren noch zu übermächtig, ließen ihr einfach keine Ruhe. Unter anderen Umständen hätte sie die erste freie Woche nach Monaten gefeiert, jetzt wollte sie sich nur noch verkrümeln und in der Geborgenheit ihrer vier Wände versinken.

Was genau hatte ihr diese Woche eigentlich an Erholung gebracht? Richtig, auf einer Skala von eins bis zehn: Null. Sie musste wahnsinnig gewesen sein, als die die Einladung ihrer Freundin Sophie zum vorgezogenen Skiurlaub im Schweizer Jura ausgeschlagen hatte. Schon lange hatte Sophie ihr den berühmten Affenkasten in ihrer Heimatstadt zeigen wollen, doch anstatt es sich in Aarau gemütlich zu machen, hatte sie ja unbedingt diesen Tanzworkshop in Kiel buchen müssen und sich damit ihren ganz persönlichen Ärger namens Miguel Andrés eingehandelt.

Zunächst hatte sich die Sache gut angelassen, denn der junge Tanzlehrer beherrschte die Salsa wie kein zweiter, doch irgendwann war die lockere Stimmung umgeschlagen. Michael Andresen, wie er in Wirklichkeit hieß (das hatte sie durch Zufall herausgefunden, als es in der Weinstube ans Bezahlen der Rechnung gegangen war), hatte für ihren Geschmack eine anzügliche Bemerkung zu viel gemacht, ihr eine Kusshand nach der anderen zugeworfen und ihr schon nach kurzer Zeit deutlich zu verstehen gegeben, dass er an mehr als nur einem harmlos-belanglosen Flirt mit ihr interessiert war. Sie hatte ja grundsätzlich nichts gegen eine Abweichung von der Norm, aber ein Mann mit offensichtlichem Ödipuskomplex war selbst für sie zu viel. Falls sie vorher noch nicht geahnt hatte, dass auch Gefühle der Sympathie ein Verfallsdatum haben können, so wusste sie es spätestens zu diesem Zeitpunkt.

So lieblich sie sein Gesäusel zunächst auch gefunden hatte, spätestens hier war für sie Endstation gewesen. Man sollte berufliches und privates stets trennen, aber diesen gutgemeinten Ratschlag schien der zwanzig Jahre jüngere Mann nach Herzenslust zu ignorieren. Dabei wusste Andrés (pardon: Andresen), dass solche Eskapaden grundsätzlich nicht gern gesehen waren und er sich durch sein Verhalten der Gefahr aussetzte, seinen Job zu verlieren. In letzter Sekunde hatte sie die Reißleine gezogen und der Affäre einen Riegel vorgeschoben, bevor diese ihren Lauf nehmen konnte. Wahrscheinlich würde ihn die unerfüllte Sehnsucht für eine Weile schwermütig zurücklassen, doch sie war sich sicher, dass er in absehbarer Zeit eine andere finden würde, bei der er ekstatisch schnurren konnte.

Wie so oft, würde sie auch dieses unangenehme Erlebnis totschweigen. Nicht einmal Sophie würde sie diese Episode verraten. Die würde höchstens begeistert „O la la“ flöten und mit den Augenbrauen wackeln. Schlimmer noch: Bei dem Gedanken, dass sie, Maren, regelrecht froh darüber gewesen war, zum frühestmöglichen Zeitpunkt ausreisen zu können und sich auf die Rückkehr in ihren wenig kurzweiligen Alltag freute, hätte sie ihr höchstwahrscheinlich den Vogel gezeigt. Nein, ihre Lippen würden versiegelt bleiben.

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Marens Augen verengten sich, als sie ihr auf Vibrationsalarm eingestelltes Smartphone auf der Anrichte hüpfen sah. Wer konnte das bloß um diese Uhrzeit sein? Hoffentlich nicht ihr hartnäckiger Verehrer. Sie hätte sich nun wirklich nicht als ängstlich bezeichnet, aber die Vorstellung, er könnte trotz allem nicht lockerlassen, bereitete ihr ein nicht unbeträchtliches Kopfzerbrechen. Dennoch erhob sie sich steifbeinig und stolperte quer durchs Zimmer, um gerade noch das grüne Hörersymbol zu erwischen, bevor das Telefon zu rumoren aufhörte. Sie atmete durch, als ihr Blick auf die Nummer ihrer Dienststelle fiel, doch ihre Erleichterung währte nur kurz.

Die Wache, an einem Sonntagabend, und dann noch so spät? Wie ungewöhnlich, wobei der Ausdruck „ungewöhnlich“ noch stark untertrieben war. In einem Kaff wie Bali passierte so gut wie nie etwas, weshalb Anrufe in der Freizeit eher selten vorkamen. Selten? Ach was! Wegen aufmüpfigen Halbwüchsigen, die hinter einer abgelegenen Scheune haschten, dem ein oder anderen Schüler, der seine Entschuldigungsschreiben für die Schule fälschte oder wenn Wodka an der Tankstelle geklaut wurde, hätten ihre Kollegen, geschweige denn ihr Vorgesetzter, sie doch niemals an ihrem letzten freien Abend angerufen.

Es war, wie sie befürchtet hatte. Nowitzki war am Apparat, um ihr mitzuteilen, dass es mit dem ruhigen Montag vorbei sein würde. Eine schwere Grippe hatte Feddersen von der Mordkommission außer Gefecht gesetzt, und sie musste seinen Dienst übernehmen. Na bravo! Anstatt glücklich über die unverhoffte Wendung zu Bett zu gehen, hatte sie das Gefühl, dass Nowitzki soeben den entspannten Ausklang ihres Urlaubs erfolgreich torpediert hatte. Ein verdorbener Abend hatte ihr zu ihrem Glück, nach dieser verkorksten Woche, gerade noch gefehlt.

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So gerne sie auch im Sommer ausgedehnte Spaziergänge am Deich entlang unternahm oder mit dem Katamaran auf der Kieler Förde unterwegs war, so hasste sie den Winter mit seinen schlechten Straßen, auf denen sie ihr altersschwaches Fahrrad wie auf rohen Eiern balancieren musste. Der reinste Slalomparcours! Aber ihr blieb nichts anderes übrig, solange ihr Elektroauto zur Montage neuer Winterreifen in der Werkstatt war und sie sich standhaft weigerte, auf einen Mietwagen auszuweichen, den man nur mit Biodiesel betanken konnte.

Bei jedem Schlagloch schepperten die Schutzbleche, die Pedalen quietschten zum Erbarmen und der sperrige Transportkorb aus recycelbarem Material hinter ihr knarzte in einer Tour und würde sie noch irgendwann in den Wahnsinn treiben. Die Fahrt in der rauchgeschwängerten Morgenluft war auch so schon anstrengend genug. Da brauchte sie nicht auch noch dieses nervige Gequietsche. Sie hätte das blöde Teil in der Rumpelkammer lassen oder es gleich in den Geräteschuppen verbannen sollen. Offenbar taugte es nur noch, um Tulpenzwiebeln darin aufzubewahren.

Dementsprechend gelaunt (griesgrämig hätte es eher getroffen) und schweißgebadet erreichte sie kurz nach sieben Uhr die Wache, sehnsüchtig erwartet von den Kollegen, die es kaum erwarten konnten, die unabwendbare Herausforderung in Angriff zu nehmen.

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944 Wörter – und diesmal habe ich folgende Wörter aus den letzten fünf Etüdenjahren darin untergebracht:

2018: Wahnsinnig, klauen, versiegelt, ekstatisch, schnurren, Herzenslust, untertreiben, Kusshand, Affenkasten, Ödipuskomplex, verraten, Biodiesel.

2019: Verfallsdatum, seidig, übernehmen, Winterreifen, stolpern, Lesezeichen, altersschwach, hüpfen, kurzweilig, anzüglich, balancieren, torpedieren, Abweichung, unabwendbar, verengen, Roman, fälschen, ängstlich, recycelbar, ausreisen, schwermütig, haschen, Tulpenzwiebel.

2020: Skiurlaub, belanglos, Grippe, erheben, Rumpelkammer, Katamaran, totschweigen, fallen, Geräteschuppen, feiern, übermächtig, aussetzen, lieblich, griesgrämig, Kuscheldecke.

2021: scheppern, glücklich, trennen, verkrümeln, flöten, Geborgenheit, Kopfzerbrechen, Sehnsucht.

Fortsetzung folgt.