„Broken Strings“ : Chapter 43 – Crash Boom Bang

 

Ohrenbetäubender Lärm, gefolgt von einer gespenstischen Ruhe. Die Ruhe vor dem Sturm. Wer hätte da nicht die Augen geschlossen? Am liebsten hätte ich die ganze Welt ausgeblendet, und nicht bloß nur für einige Minuten. Aber dieser Wunsch wurde mir nicht erfüllt. Mich einfach in die Wirklichkeit zurückzuholen, wäre ja auch zu einfach gewesen. Als ob es nicht gereicht hätte, dass mir das Herz bis zum Hals klopfte; anscheinend war da oben jemand der Meinung, dass mein Leben eine ordentliche Portion Ironie brauchte: Da hatte ich Ryan Miller vor dem drohenden Einsturz warnen wollen, und dann war er es, der mich statt dessen gerettet hatte.

Andrea! Bist Du okay?“ Mit seltsam belegter Stimme strich er mir vorsichtig die Haare aus dem erhitzten Gesicht, dann rückte er näher. Noch näher. Zu nahe für meinen Geschmack.

Wenn man sich auf begrenztem Raum so eng beieinander wiederfindet, wie Colin Farrell und Jessica Biel in „Total Recall“, dann kann man schon mal auf dumme Gedanken kommen. Nur noch wenige Zentimeter trennten uns voneinander, und ich konnte sehr deutlich sehen, worauf dies hinauslief.

Offenbar war ich nicht die einzige mit erhöhtem Adrenalinspiegel. Ich in Deinen Armen? Vergiss es, dachte ich und sah mich trotzdem nicht imstande, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Was, wenn das noch nicht alles gewesen war und genau dann noch mehr von oben herunterkam, wenn ich dabei war, die Bühne zu verlassen?

Ryan… nicht…“ brachte ich gerade noch heraus, als mir klar wurde, dass er mich nicht nur deshalb noch immer in seinen Armen hielt, weil er mich gerade davor bewahrt hatte, von den herabstürzenden Teilen erschlagen zu werden. Wie in Zeitlupe beugte er sich zu mir herunter. Schraub Deine Erwartungen besser auch runter, dachte ich, als er meinen Namen flüsterte.

Andie, ich…“

Und mitten hinein platzte Mike: „Hey, Miller! Wird das heute noch mal was?“

Seine Ausgelassenheit blieb ihm im jedoch Halse stecken. „OH SHIT! Was ist denn hier passiert?“

An seiner Stelle hätte ich beim Anblick dieses Schlachtfeldes genauso reagiert.

„Mein Gott, Süße. Ist alles in Ordnung? Dir ist doch hoffentlich nichts passiert?!“

Und dann war er mit wenigen Schritten bei mir und schloss mich fest in seine Arme. Oh my, lass mir noch Luft zum Atmen, sonst kippe ich um, und wir können Alanis Morrissettes Song ‚Ironic‘ um eine neue Strophe erweitern.

Aber meine Sorge war unbegründet. Die Gefahr, dass einzelne Teile mit Verzögerung auf die Bühne stürzten, bestand nicht mehr. Was auch immer diesen Unfall verursacht hatte, es hatte ganze Arbeit geleistet. War Mike sich eigentlich bewusst, dass er unverschämtes Glück gehabt hatte? Nur ein paar Minuten früher, und er wäre… nein, das wollte ich mir nicht vorstellen.

Insgeheim war ich froh, dass er bei mir war. Noch einen Kuss in mein Haar, dann lockerte er seinen Griff und legte mir einen Arm um meine Schultern, um mich nach draußen zu geleiten.

„… bevor es losgeht.“ Bevor was losgeht? Ratlos blickte ich erst ihn an, dann Ryan. Klasse, ich war wieder mal die einzige, die auf dem Schlauch stand. „Du solltest auch zusehen, dass Du Deinen Arsch hier raus bewegst, Miller“, fuhr Mike fort. „So, wie’s hier aussieht, gibt’s hier bestimmt bald ’ne Untersuchung.“

An Deiner Stelle würde ich zur Abwechslung mal tun, was er sagt,“ pflichtete ihm Brian, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war, bei. Das waren ja ganz neue Töne. „Sehen wir zu, dass hier keiner mehr was anfasst und wir schleunigst von hier verschwinden. Ach, übrigens, Ryan – was wolltest Du eigentlich so spät noch hier?“

Ich hörte Ryan noch irgendetwas von vergessenen Drumsticks murmeln, doch den Rest der Unterhaltung bekam ich nicht mehr mit, da Mike entschlossenen Schritts mit mir an der Hand dem Ausgang zustrebte. Er ließ mir gerade noch so viel Zeit, dass ich mir meine Jacke und meinen Schal schnappen konnte, denn zog er mich weiter.

Ich wusste, er wollte so viele Meter wie möglich zwischen uns und den Unfallort bringen – aber wozu diese Eile? Wie, um mich zu vergewissern, dass sich von uns auch wirklich niemand mehr in der Halle befand, drehte ich mich noch einmal um und sah, wie Brian die Halle abschloss. Ab jetzt hätte keiner von uns mehr Zugang, bis ein Expertenteam den Schaden begutachtet hatte.

Alles normal so weit. Falls man es als normal bezeichnen konnte, wenn man gerade noch einmal mit dem Leben davongekommen war; und als ich den Blick auffing, den Ryan mir zuwarf, wünschte ich mir, ich wäre einfach weitergegangen.

Später in der Nacht, in unserem Zimmer, rollte ich mich zusammen und wünschte mich ganz weit weg. Diesen Schlamassel hatte ich nicht gewollt. Warum nur war ich auf diesen Deal eingegangen?

Es war ja auch so einfach gewesen: Ein Klick, und das gemeinsam am Computer ausgefüllte elektronische Formular, auch kurz eTA genannt, landet Sekunden später bei den Einwanderungsbehörden. Dann muss man nur noch darauf warten, dass die Daten mit dem Reisepass verknüpft werden, und alles ist in Butter. Andere hätten gejubelt. Meine Stimmung dagegen war im Keller.

Wieder und wieder hörte ich dieses grässliche Geräusch und hatte mit einem Mal wieder eine Meldung vor mir, die vor zwanzig Jahren durch sämtliche Zeitungen gegangen war: „dpa Offenbach – Während einer Märchenvorstellung im Offenbacher Capitol-Theater ist eine Spiegelkugel von der Decke gestürzt. Zwei Frauen (34/67) wurden schwer verletzt.

Sie hätten auch tot sein können, und beinahe wäre das gleiche heute auch mit uns passiert – wenn nicht… Mein Magen zog sich zu einem Knoten zusammen. Kein Wunder, dass ich nicht bei der Sache war und ich Mike nur wie durch einen Schleier wahrnahm. Bald schon merkte er, dass ich seine Zärtlichkeiten nicht erwiderte. Ich ließ ihn nur ungern im Regen stehen, aber ich war einfach nicht in der Stimmung. Am liebsten hätte ich diesen Tag komplett gestrichen.

Hey Süße, was ist los?“ flüsterte er und zog mich in der Dunkelheit an sich.

Was sollte ich darauf antworten, und vor allem: wo anfangen? Heute war zu viel passiert: mein Streit mit Jenny, meine Vorahnungen, die von gleich drei Leuten als Übertreibung abgetan worden waren, dann der Einsturz selbst und schließlich die Szene mit Ryan… mein Hals war wie zugeschnürt, und ich war nicht in der Lage, auch nur einen vernünftigen Satz zustande zu bringen.

„Michael, ich…“ war alles, was ich heraus brachte.

Michael. Aha…“ Zwei Worte – ein trockener Kommentar, mit einem Anflug von Sarkasmus… „So hast Du mich noch nie genannt.“

Das stimmte, aber was seine Reaktion betraf, so hatte ich mich geirrt. Das war kein Sarkasmus – Mike war weder zum Flirten noch zum Streiten aufgelegt, er war beunruhigt, und noch während er das sagte, gab er mich aus seiner Umarmung frei, richtete sich auf und fasste mich an den Schultern. Dann drehte mich zu sich herum. „Andie, sieh mich an. Was ist los?“

Widerstrebend kam ich seinem Wunsch nach, blieb ihm aber die verlangte Erklärung schuldig. „Nichts“, stammelte ich nur und wich seinem Blick aus.

Los, Andrea, reiß Dich zusammen, und wenn Du jetzt was falsches sagst, haben wir ein gewaltiges Problem. Doch ich hätte wissen müssen, dass er sich damit nicht zufrieden geben würde.

Nach nichts sieht mir das aber nicht aus.“ beharrte er. „Rede mit mir, Süße. Okay, was ich vorhin gesehen habe, ist…“

… ja, das war wirklich nicht schön“, unterbrach ich ihn.

Ich konnte mir schon denken, worauf er anspielte. Uns beide in inniger Umarmung zu sehen, mit einem Schrotthaufen zu unseren Füßen, war garantiert ein unvergesslicher Anblick für ihn gewesen. Aber dass ich im Begriff gewesen war, die Notbremse zu ziehen, als er auf der Bildfläche aufgetaucht war, hatte er bestimmt nicht mitbekommen. Oder etwa doch?

Leg jetzt bitte nicht diese Platte auf, flehte ich innerlich; das Chaos in meinem Innern war schon groß genug, da brauchte ich nicht auch noch ein Eifersuchtsdrama.

Nicht schön?“wiederholte er fassungslos. „Diese Schneise der Verwüstung? Andie, das ist die Untertreibung des Jahrhunderts. Miller und Du – Ihr seid sonst echt nicht die besten Freunde, und heute, da…“

Anscheinend war auch er nicht fähig, in zusammenhängenden Sätzen zu sprechen. Ich war also nicht als einzige reichlich durcheinander.

Weißt Du“, fing ich an und nahm nun endlich Blickkontakt auf, bevor ich fortfuhr, „wenn Ryan nicht gewesen wäre, läge ich jetzt unter den Trümmern.“

Doch das war nur die halbe Wahrheit. Wenn er nicht gewesen wäre, dann wäre es gar nicht erst so weit gekommen, denn dann wäre ich gar nicht erst in Versuchung geraten, die Bühne an dieser Stelle zu überqueren.

„Und wenn ich mir vorstelle, dass Du an seiner Stelle aufgetaucht wärst…“

Hier versagte meine Stimme. Warum konnte ich den Mund nicht halten? Meine schlimmsten Befürchtungen hatte ich doch eigentlich für mich behalten wollen, aber nun war die Katze aus dem Sack. Hätte ich sie doch bloß drin gelassen, denn kaum waren die Worte draußen, brach ich wie auf Knopfdruck zusammen.

Ich musste ihn gar nicht erst fragen, ob ich mich an ihn anlehnen durfte; wortlos zog er mich an sich und wiegte mich in seinen Armen wie ein Kind. Das hatten wir vor ein paar Wochen doch schon einmal gehabt, nur anders herum, aber so am Boden hatte ich mich auch noch nie gefühlt.

„Nimm mich einfach nur in den Arm“, schniefte ich schließlich, als die Tränen so langsam versiegten.

So lange Du willst“, murmelte er und hielt mich weiter eng umschlungen. Vermutlich sollte ich ihm noch dankbar sein, war das letzte, was ich dachte, bevor ich einschlief.

Schlaf ’ne Nacht drüber, am nächsten Tag sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Wirklich?

Wer solche Weisheiten in die Welt setzte, musste ein unerschütterlicher Optimist sein. Was jetzt an der Welt anders sein sollte, war mir ein Rätsel, nachdem Ryan und ich um ein Haar erschlagen worden wären. Zu behaupten, dass ich nach diesem Erlebnis gut geschlafen hätte, wäre eine glatte Lüge gewesen; konnte ich ja schon froh sein, überhaupt durchgeschlafen zu haben. So fühlte ich mich immer dann, wenn ich nachts wirres Zeug geträumt hatte, mich aber später an Einzelheiten nicht mehr erinnern konnte.

Aber wenigstens war der Kaffee, den mir Mike in die Hand drückte, ein Lichtblick: An diesem trüben Morgen, der nichts gutes verhieß, war er wohl auch der einzige. Seufzend inhalierte ich das verführerische Aroma und dachte an die vor uns liegenden Stunden. Wenn Mike richtig mit seiner Vermutung lag, dann war es mit dem Abbau der noch heil gebliebenen Ausrüstung Essig: So, wie’s hier aussieht, gibt’s hier bestimmt bald ’ne Untersuchung, hallten seine Worte vom vergangenen Abend in mir nach.

Davon war auszugehen, denn bis zum Eintreffen der Sachverständigen war die Halle gesperrt. Für den Betreiber der Location eine herbe Enttäuschung, und auch Brian fühlte sich damit alles andere als wohl. Wenn schön getaktete Zeitpläne durcheinander geraten, ist das in den seltensten Fällen ein Grund zur Freude; aber ihm bereitete die Tatsache, dass der Wechsel zu SCR bereits jetzt schon unter keinem guten Stern stand, Magenschmerzen.

Nur zu verständlich, auch mein Magen rebellierte. Verdammt, so empfindlich reagierte ich doch sonst nicht auf Kaffee, der mir bisher nicht stark genug hatte sein können. Ein Schuss Milch würde die Stärke dieses Gebräus sicher erträglicher machen; und dabei war ich doch gar nicht der Typ für Café au Lait. Aber irgendwann ist immer das erste Mal.

Eine weitere Premiere war das Auftauchen von Lee Channing, die als neue Managerin Brians Anruf zum Anlass genommen hatte, sich noch in der Nacht hinters Steuer zu klemmen und nun vor der Tür stand.

„Was sollte ich machen“, hörte ich ihn zu Mark sagen, „nach dem Fiasko mit dem Bühnenaufbau. Wenn es Verzögerungen im Ablauf gibt, muss sie einfach Bescheid wissen.“

Löblich, dass er von Anfang an mit offenen Karten spielte, auch wenn Mark ihm prophezeite, dass es Stress geben würde. So ging das noch eine Weile hin und her, bis Mark mich plötzlich bemerkte und das Thema wechselte.

Café au Lait. Nanu, Andrea.“

Sein Blick in meine Tasse sprach Bände. Unauffällig war das nicht gerade. Daran sollte er noch arbeiten. Denn schließlich war es ja nicht Lee, die in der Küche auf dem Hocker saß, sondern nur Mikes Freundin, und es war kaum anzunehmen, dass ich auf direktem Weg zu Lee ging, um ihr alles brühwarm zu erzählen.

„Bist Du Dir sicher, dass es Dir auch wirklich gut geht?“ fuhr er fort.

Ob es mir gut ging? Was war denn das für eine Frage? Nicht mal seinen Kaffee konnte man morgens in Ruhe trinken…

„Du bist schon seit gestern Abend so komisch.“

Weil ich meinen Kaffee ausnahmsweise mal nicht schwarz trank wie sonst? Hey, ich heiße nicht Mark Kelly, der stets das Gleiche bestellt.

„Ich und komisch. Aha.“ erwiderte ich trocken. „Dir ist aber schon klar, dass ich gestern Abend noch auf der Bühne war, als…“

Shit. Sorry, Andrea. Das war gedankenlos von mir….“

Das war es wohl, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass Brian ihm nicht schon längst alles erzählt hatte. Aber die Story hatte sich wahrscheinlich sowieso schon längst herumgesprochen, und ich konnte mir denken, wer dafür gesorgt hatte.

Keine Angst, ich dreh‘ schon nicht durch oder klapp‘ vor allen zusammen.“

Dass ich meinen Zusammenbruch schon hinter mir hatte, musste ich den beiden ja nicht unbedingt auf die Nase binden.

„Aber an Eurer Stelle würde ich mir Gedanken um Euren Drummer machen. Den hätte es nämlich auch fast erwischt.“ … und im Gegensatz zu mir, muss der bald wieder auf die Bühne, ergänzte ich insgeheim. Aber ich hatte mir ganz umsonst den Kopf zerbrochen, denn Lee Channing kam herein, und sie hatte schlechte Nachrichten.

So, Leute. Die Experten sind jetzt da und sehen sich alles in Ruhe an. Natürlich haben sie auch einige Fragen, und so wie es aussieht, wollen sie alles ganz genau wissen. Es kann also dauern.“

Ach ja, wenn es hieß, es könnte noch dauern, waren damit sicher weder Minuten noch Stunden gemeint, sondern Tage. Oder Wochen, wenn man nach Lee ging, bei der es sich so anhörte, als würde das FBI in einem Mordfall ermitteln und eine ellenlange Zeugenliste abarbeiten.

Dabei beschränkte sich in unserem Fall dieser Kreis auf wenige Personen: Bradley, Kevin, Dave, Ryan und mich. Und eventuell noch Mike, aber der war ja erst dazugestoßen, als das Unglück bereits geschehen war.

Na, sie werden ja wohl nicht ewig brauchen“, warf Brian ein, der ihren Ausführungen eher skeptisch gegenüber stand. Aber damit war er bei Lee an der falschen Adresse.

Schraubt Eure Erwartungen lieber runter“, verkündete sie, „ich tu zwar alles, was ich kann, aber im Moment sieht’s eher nicht so gut aus. Und wenn wir Pech haben, fällt der Gig am Wochenende ins Wasser.“

Das glaub‘ ich jetzt nicht“, stöhnte Brian, für den diese Hiobsbotschaft einem Schlag in die Magengrube gleichkam.

Leider doch“, erwiderte sie. „Ihr gewöhnt euch besser dran. Und jetzt entschuldigt mich, Leute, ich muss jetzt los. Wir haben schließlich nicht den ganzen Tag Zeit. Bis später.“

Und damit ließ sie uns stehen.

Sollten wir tatsächlich hier sitzen und so lange Däumchen drehen, bis wir endgültig grünes Licht bekamen? Die Show in zwei Tagen würden Brians Leute wohl oder übel in den Wind schreiben müssen, aber was war mit ihrem Auftritt beim Spiel der Grizzlies gegen die Eagles? Bis dahin waren es noch neun Tage, in denen noch allerhand passieren konnte. Hoffentlich war die Untersuchung der Sachverständigen bis dahin abgeschlossen. Ich hatte Brian ja schon öfters ziemlich verpeilt erlebt, aber wenigstens kommunizierte er offen mit seinen Kollegen, doch bei Lee war ich mir nicht so sicher, welche Taktik sie verfolgte.

Wenn sie sich bei wichtigen Informationen genauso bedeckt hielt wie eben, dann wünschte ich OxyGen jetzt schon viel Spaß mit ihrer neuen Managerin. Eine Sängerin, die ihre Bandkollegen im entscheidenden Augenblick hängen ließ? Was ich vom Hörensagen über sie wusste, war für mich Grund genug, die Dame etwas sorgfältiger unter die Lupe zu nehmen. Vertrauen war ja etwas schönes, aber meiner Meinung nach war jetzt Kontrolle angesagt. Also verließ ich die Küche der McIntyres und machte mich auf den Weg zur Halle.

Warum hatte ich angenommen, dass vor Ort hektische Betriebsamkeit herrschen würde? Ohne das Absperrband vor der Tür wäre niemand auf die Idee gekommen, dass der Unfallort eingehend inspiziert wurde, so ruhig war es hier. Von Lee war nichts zu sehen; vermutlich war sie hineingegangen. Aber sollte ich ihr wirklich folgen? Im Gegensatz zu ihr besaß ich keine Autorität, und man würde mich mit Sicherheit hinauswerfen.

Andererseits würden sie wissen wollen, wie sich der Unfall ereignet hatte, und garantiert hatte Lee ihnen schon verraten, wer die Unglücksraben auf der Bühne gewesen waren. Und dann war da noch meine eigene Neugier, die sich gleich darauf auch schon bitter rächen sollte.

Ich hatte die Tür noch nicht erreicht, da wurde sie auch schon aufgerissen, und herausgestürmt kam Ryan, dem ich gerade noch ausweichen konnte, sonst hätte das einen ziemlich heftigen Zusammenstoß gegeben. Na super, er war der letzte, den ich sehen wollte. Konnte ich denn nirgendwo hingehen, ohne dass er auftauchte? Ging das schon wieder los?

Es konnte auch purer Zufall sein, denn für einen Moment stutzte er, weil er anscheinend nicht erwartet hatte, mich zu sehen. „Gut, dass ich Dich treffe – Du bist die nächste.“

Die nächste? Das klang so, als ob die Befragung bereits im Gange war und sie mit ihm angefangen hatten. Wenn er ihnen keinen Blödsinn erzählt hatte, dann durfte ich mich auf ein längeres Gespräch einstellen. Und wer eins und eins zusammenzählen konnte, war interessiert daran, zu erfahren, woher ich wusste, dass jeder, der sich auf der Bühne aufhielt, in Lebensgefahr schwebte.

Den schwarzen Peter wollte ich nur ungern an meine Kollegen von der Technik weitergeben, aber warum sollte ich verschweigen, dass sie meine Bedenken wegen der mangelnden Sicherheit nicht geteilt, sondern mich geradezu als hysterisch dargestellt hatten? Meinen eigenen Fehler zuzugeben, erschien mir als das kleinere Übel.

Was für eine Rolle spielte es, dass ich in meinem Ärger über das völlig aus dem Ruder gelaufene Gespräch mit Jenny dem Gestänge einen ordentlichen Tritt verpasst und mich dabei selbst beinahe außer Gefecht gesetzt hatte? Meinem Fuß ging es zwar inzwischen besser, aber der Rest von mir wünschte sich weit weg.

Jetzt fang bloß nicht an, durchzudrehen – je schneller Du es hinter Dich bringst, desto besser…

Manchmal musste ich mir selbst in Gedanken in den Hintern treten, damit ich mich zusammennahm. Aber wie war das nochmal mit Leuten, die einen unterwegs aufhalten? In diesem Fall war es Ryan, der gar nicht daran dachte, mich so einfach ziehen zu lassen.

„Ist alles okay bei Dir?“

Eine einfache Frage. Eigentlich. Aber bei Ryan konnte ich nie wissen… Andrea, hör auf, überall weiße Mäuse zu sehen und von anderen das Schlechteste anzunehmen.

Gestern hatten wir uns für einen Augenblick im selben Boot befunden, da war es nur natürlich, dass er wissen wollte, wie es mir ging. Dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, dass noch etwas anderes dahinter steckte.

Dienstags-Gedudel #28 : Der Erklärbär – Teil 9

 

Let’s do the time warp again.

 

Noch so ein Song, der mich verfolgt. Diesmal von 1982 – für alle, die sich nicht entscheiden können, ob gehen oder bleiben sollen, habe ich diesen Oldie mit Standbild und Übersetzungshilfe ausgebuddelt. Oder kommt das noch jemandem spanisch vor?

 

 

 

The Clash: Should I stay or should I go (https://www.youtube.com/watch?v=7r0iuoj-KNU) – Wenn ich diesen Titel schon permanent zitiere, sollte ich vielleicht auch mal erklären, was ich damit meine.

Ob die Botschaft durch diesen dürftigen Versuch allerdings klarer wird, lasse ich mal dahingestellt.

Media Monday # 475 : Guarantee for quality…

 

mit dieser mysteriösen Einleitung geht es auch schon in den neuen Monat und zum Sonntagabendritual mit dem Media Monday, der sich bei mir zu sechs Siebteln mit dem gleichen Thema beschäftigt und nach meiner Zeitrechnung um 0:07 auf meinem Blog erscheint. Mache ich sonst zwar nicht so exzessiv, aber der Aufbau der ersten sechs Lückentexte war für mich die perfekte Steilvorlage. Mit diesem Muster bin ich vielleicht nicht die Einzige…

Wie auch immer – starten wir durch in eine neue Phase…

Media Monday # 475

1. Ich könnte mich ja stundenlang über meine inzwischen nicht mehr existierende Lieblingsband und ihre Musik auslassen, denn zur Zeit erfreuen sich die 80er Jahre großer Beliebtheit, obwohl es in jenem Jahrzehnt auch ziemlich viel Mist gab. Und was nicht mehr existierende Bands angeht – so fallen mir bestimmt genügend Beispiele ein, welche bei youtube hohe Klickzahlen erreichen. Kleine Anmerkung am Rande: Bei diesem Punkt des Media Mondays würde ich wetten, dass ich so einige Lobpreisungen über noch lebende und gleichzeitig noch aktive Schauspieler und Schauspielerinnen zu lesen bekomme – was ich, nebenbei gesagt, durchaus begrüße, da es vermutlich die sind, die ich auch gerne sehe.

— @@@ —

2. Besonders begeistert bin ich hier nämlich dass ich letzten November die einmalige Gelegenheit bekam, deren Konzert vom 13. Juli 1991 volle 98 Minuten lang im Kino erleben zu dürfen; schließlich war ich an besagtem Tag ja nicht dabei gewesen.

— @@@ —

3. Überhaupt sind Diskussionen darüber, ob/dass hier nicht langsam zum INXS-Overkill ausartet, für mich nicht wirklich förderlich – erstens ist manchen Momenten mit Vernunft nicht beizukommen, und zweitens ist es wie mit der berühmt-berüchtigten Chipstüte: Der Genuß findet erst ein Ende, wenn die Tüte leer ist, und danach ist’s erst mal genug – wobei der letzte Lückentext des Media die Funktion der leeren Chipstüte erfüllt. Und für den Rest der Woche steige ich dann eben musikalisch auf andere Kost um. Auswahl hätte ich ja reichlich da.

— @@@ —

4. Eigentlich hatte mich ja letzten Sommer schon mit der seltsamen Filmankündigungspolitik der BBC schwergetan und mich schon unter denen gesehen, an der die Filmdokumentation über Michael Hutchence komplett vorbeigehen würden, und dann gab erfuhr ich durch einen Zufall, dass es mit „Down Under Berlin“ am letzten Septemberwochenende 2019 die Möglichkeit für mich geben würde, den Film doch noch im Kino zu sehen.

— @@@ —

5. Müsste ich allerdings in wenigen Worten meine Begeisterung begründen, wäre ich gekniffen, denn ich neige leider öfters mal zu weitschweifigen Ausführungen (der erste dieser Lückentexte beweist es).

— @@@ —

6. Meine Schwester ist sicherlich auch nicht unschuldig dran, schließlich mochte ich es immer, gemeinsam mit ihr Musik zu hören und bin irgendwann dahinter gekommen, wie ich ihr am geschicktesten bestimmte LPs abluchsen kann. Da habe ich es auch in Kauf genommen, dass sie mit dem Aufkleber „Australian Products – guarantee for quality“ (den sie vermutlich von einer Packung Obst abgezogen hatte) ein bestimmtes Plattencover „verziert“ hat.

— @@@ —

7. Zuletzt habe ich mich durch alle meine bisher veröffentlichten Beiträge zu den ABC-Etüden und dem #writing friday geschmökert, und das war mal nötig, weil ich vorhabe, diese scheinbar wenig miteinander zu tun habenden Texte zu einem Band zusammenzufassen und bei wattpad zu veröffentlichen.

Das Alphabet | Etüdensommerpausenintermezzo III-2020 – August

 

Die ABC-Etüden sind in der Sommerpause, und deshalb gibt es bei Christiane das

Etüdensommerpausenintermezzo,

bei dem es diesmal eine besondere Herausforderung gibt – das Alphabet.

Zu einem Oberthema – in meinem Fall „Reisen“ – gilt es nun, ein Alphabet aus Begriffen zu kreieren, die mit allen 26 Buchstaben anfangen, und zu denen dann beschreibende Sätze oder Geschicht(ch)en entstehen sollten, siehe Illustration oben… Eine Aufgabe, die mich an meinen singenden, klingenden Adventskalender vom Dezember 2019 erinnert und die mich zu einer Etüde inspiriert hat, die von Wilhelm Buschs naturgeschichtlichem Alphabet in 26 Zweizeilern beeinflusst wurde, wenn auch arg holprig. Et voilà – lasset die Reise beginnen.    

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Reisefieber von A bis Z

Australien, Hawaii und Tennessee – An diesen Orten war ich noch nie.

Basler Fasnacht zum Morgestraich – Fürs nächste Jahr buch‘ ich das gleich!

In Cornwall war es wunderschön – Zum Jubliäum wollt‘ ich’s seh’n…

Doch leider heißt es #stayathome – Da reicht’s nur für den Kölner Dom

Englisches Frühstück mag ich sehr – Drum hol ich mir die Bohnen her.

Französisch lernen ist beschwerlich – Doch für Québec ist’s unentbehrlich.

Gemse, Steinbock, Mumeltier – Findet am Großglockner ihr!

Höhenangst ist nicht der Hit – will ich zu Aussichtspunkten mit.

Im Intercity durch das Land – Bringt manche glatt um den Verstand.

Jersey und die Channel Islands – Kenn ich nicht, dafür die Highlands.

Erst Kamerun, dann Dänemark – An einem Tag: das ist kein Quark!

Läuten die Glocken in der Früh – Sind’s beim Almabtrieb die Küh‘

M4-Expressway ist was Feines – Die Maut dafür etwas Gemeines.

Mit dem Nachtzug nach Toulouse – ist ohne Schlafplatz kein Genuss.

Obers, Marillen und Paradeiser – Damit bin ich in Wien der Kaiser.

Pandababys in Berlin – Würd ich gern seh’n, ich komm nur nicht hin.

Québecs Altstadt war das Ziel – Mir war jedoch der Kitsch zu viel.

Rechtsverkehr kann man sich sparen – Will man in Irland Auto fahren.

Schwarze Strände, grünes Land – Dafür ist Lanzarote bekannt.

Toronto hat mich fasziniert – Drum bin ich dort auch viel spaziert.

Urlaub machen, das muss sein – Und im Taunus ist’s auch fein.

Vier Sterne für Schottland in manchem Jahr – Drum war ich auch so oft schon da.

Whiskytasting in der Destille – Und zwar auf Islay, das ist mein Wille.

Xmal hab ich es versucht – Und doch nicht im Internet gebucht.

Yalla Yalla – Eil Dich, Eil Dich“? – Muße im Urlaub ist unvergleichlich!

Zimmer mit Aussicht hab ich gerne – Um zu genießen den Blick in die Ferne.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Holpern du musst, wenn du reimst? Lyrische Meisterleitungen sehen zwar anders aus, aber wenigstens kann ich sagen, dass ich es versucht habe und dass alle Buchstaben einen Bezug zum Oberthema haben. Mission accomplished – Ziel erfüllt.

„Broken Strings“ : Chapter 42 – Should I stay or should I go

 ♪♫ ♪ Everything you do for me, everything I do for you… the way you see the world… no one else comes close to you. ♪♫ ♪

SOUNDCHECK IN ZEHN MINUTEN !!!“ dröhnte Bradleys Stimme über den Lautsprecher durch den Saal, der eigentlich eher eine mittelgroße Halle war, die hauptsächlich für Sportveranstaltungen genutzt wurde, schließlich war Craigellachie nicht gerade riesig.

Mit der Inventur unserer Ausrüstung beschäftigt, war ich so vertieft in den Song „Everything“ auf meinem mp3-Player gewesen, dass mich das Feedback aus den Boxen schmerzhaft zusammenzucken ließ. Seufzend schaltete ich das Gerät aus und verschwand aus dem Backstagebereich, um mir einen Kaffee zu holen. Nun gehörte die Bühne allein dem Team, und für mich war erst einmal eine längere Pause angesagt.

Der Laden auf der anderen Straßenseite hatte neben Burgern und Hähnchenteilen auch sogenannte „Iced Capps“ und „Creamy Chills“ im Angebot: geeiste Cappucinos in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen wie Vanille, Matcha oder Karamell und eiskalte Milchshakes, einer süßer als der andere. Aber mir stand weder nach einem Kaffee mit Oreos oder einem kreischend pinken Erdbeer-Shake der Sinn – mir war auch so schon kalt genug.

Fröstelnd kuschelte ich mich in meinen überdimensionalen Schal und rieb die eiskalten Finger aneinander. Nichts ging über einen schönen Becher starken, schwarzen Kaffee. Das Fast-Food-Lokal war gut besucht, nur von der Band war niemand weit und breit zu sehen. Und dabei liebten sie diesen Burgerladen wie die meisten ihrer Landsleute. Kein Wunder, hier sahen die Milchshakes wirklich so aus wie auf dem Foto, und hätte „Falling Down“ hier gespielt, hätte Michael Douglas mit Sicherheit keinen Tobsuchtsanfall bekommen und in die Luft geballert.

Okay, niemand, den ich kannte, war hier? Auch gut. So konnte ich erst einmal in Ruhe durchschnaufen und die letzten Tage Revue passieren lassen und vor allem das tun, was ich schon vor drei Tagen hätte tun sollen, ich Feigling.

Sieh es als unbezahltes Praktikum‘, hatte Brian gesagt, als wir uns am Montag zusammengesetzt hatten. Dass ich keiner bezahlten Arbeit nachgehen durfte, sprach seiner Meinung nach jedoch nicht dagegen, dass ich mich nicht doch hier und da nützlich machte, selbstverständlich auf völlig freiwilliger Basis. Dafür brauchte ich für die Übernachtungen und die Verköstigung nichts zu bezahlen.

Dass wir von Dienstag bis Donnerstag in Craigellachie in keinem Hotel unterkommen würden, sondern bei Johns Familie, hatte er in seine Kalkulation selbstverständlich einfließen lassen, der Sparfuchs! Unbezahltes Praktikum? Genau so fühlte es sich für mich an. Im Prinzip hatte ich auch kein Problem damit, und doch nagte ein Punkt an mir: Jetzt hatten wir schon Mittwoch, und ich hatte es immer noch nicht übers Herz gebracht, zu Hause anzurufen und meinen Leuten mitzuteilen, dass es ein Wiedersehen so bald nicht geben würde.

Und was das Herz anging… „Herz über Kopf“ schickte ich an Jenny per WhatsApp. Ich wusste, sie liebte diesen Song und würde wissen wollen, wie es mir ging und wann sie mich am Flughafen abholen sollte.

Eine WhatsApp statt eines Anrufs war ja auch so bequem: Ja, rede Dir ruhig ein, dass Du nur deshalb nicht anrufst, weil zu Hause jetzt schon alle tief und fest schlafen. Du willst ja nur auf Zeit spielen und hoffst, dass sie Deine Botschaft erst in ein paar Stunden liest. Wie heldenhaft.

„Herz über Kopf“ war ja auch so viel besser als „Should I stay or should I go“ geeignet, um auszudrücken, dass meine Würfel längst gefallen waren.

Stay: Von wegen ’süßes Leben‘. Arktische Temperaturen, stundenlanges Herumhängen, ohne wirklich etwas zu tun zu haben, abgesehen von den wenigen Stunden, die mein Liebster und ich für uns haben würden. Ach ja, und die Supernanny zu spielen. Jenny würde stocksauer sein, Nico und alle anderen zu Hause nicht minder fassungslos. Wenn Sie das wollen, drücken Sie auf den roten Knopf!

Go: Zu Hause warteten meine Familie und meine Freunde, und ganz besonders Jenny und Nico, die sich womöglich mit der Hochzeit nicht viel Zeit lassen würden, und allein das war es schon wert. Blöd nur, dass ich diesen Moment der Freude nicht mit dem teilen konnte, den ich am meisten wollte. Tausende von Kilometern würden uns trennen, und … Gehen heißt Grün – entscheiden Sie sich also für den grünen Knopf, wenn Sie bereit dafür sind!

Wenn Sie bereit dafür sind… Aber war ich das wirklich? Wie lange würde die Freude meiner Leute zu Hause über meine Wiederkehr andauern?

Bei Jenny spielte nun Nico die erste Geige, und es war nur eine Frage der Zeit, bis unsere gemeinsamen Treffen immer weniger wurden, bis wir uns nur noch zu besonderen Festlichkeiten sehen würden. An diesem Punkt hatte mein Verstand dann endgültig ausgesetzt.

Hey, flüsterte die Traumtänzerin, die Farbe der Liebe ist doch auch Deine Glücksfarbe: Folge dem roten Steinweg. Der rote Apfel ist der süßeste. Push. The. Button. Now.

Und so hatte ich mich für „Stay“ entschieden, um den direkten Weg ins Irrenhaus zu wählen. Nur konnte ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen. Ich wusste nur eins: Nachdem ich diese drei Worte an Jenny abgeschickt hatte, ging es mir nur unwesentlich besser, denn ich war mir sicher: Das gibt Ärger.

Ich musste mir dringend ein Argument zurecht legen, mit dem ich das Übel abmildern konnte. Dass mir das ‚unbezahlte Praktikum‘ dabei als erstes in den Sinn kam, sah ich als glückliche Fügung. Denn im Grunde war es das ja auch, und außerdem war ich an diesem Punkt schon einmal gewesen, nur dass es damals noch Work & Travel geheißen hatte.

Brian war der Auffassung, dass ich mit eisigen Temperaturen spielend zurecht kam? Wie schlecht er mich und den Auftakt zu meinem Jahr in Kanada doch kannte. Work & Travel am Arsch der Welt, mitten im kalten Winter und ohne kochende Leidenschaft, die die langen Abende um einiges erträglicher gemacht hätte. Das sah jetzt komplett anders aus. Ich konnte das Ende des Konzerts kaum abwarten, denn dann würden wir beide endlich… Huch!

♪♫ ♪♫ ♪♫ Enjoy the silence ♫ ♪♫ ♪♫ ♪, blökte mein Smartphone unvermittelt los, und ich wusste, dass er nun da war, der Stress: Jenny war am Apparat, und sie war fest entschlossen, mir mit neun Stunden Zeitunterschied die Ohren durchs Telefon langzuziehen: „DAS IST NICHT DEIN ERNST!“

Jenny war nicht nur stocksauer – sie war außer sich. „Ach ja – wie war das nochmal? ‚Niemals würden wir uns für einen Kerl verbiegen’… Und jetzt? Kaum kommt ein heißer Typ daher, drehen wir uns um 180 Grad.“

Gut, dass ich saß und der Becher vor mir auf dem Tisch stand, sonst hätte ich ihn fallen lassen. Anders herum wäre ich an ihrer Stelle auch nicht erfreut gewesen, aber dass sie gleich so übertreiben musste; aber vor allem konnte sie sich meiner Meinung nach schön selbst an die eigene Nase fassen. Hier kochte nicht nur der Kaffee, so langsam war ich selbst so weit.

„Ach ja“, ahmte ich ihren Tonfall nach, „DAS sagt ja nun genau die Richtige!“ Doch dieser Seitenhieb war nicht dazu geeignet, Jenny zu besänftigen. Im Gegenteil, sie geriet immer mehr in Fahrt.

Wie meinst Du das denn?“

Creating a password, musste ich plötzlich denken, als ich wieder ihr Gejammer im Ohr hatte, was sie am liebsten mit Nicos verdammten Drumsticks anstellen würde, wenn sie dieses nervige Getrommel noch länger ertragen müsste… Wie respektlos:

50EffingBoiled CabbagesShovedUpYourA*****IfYouDon’tGiveMeAccessImmediately…“

Oh Lord, nein, dieses Kopfkino blendete ich lieber aus. Lass uns darüber lieber kein Wort verlieren. Statt dessen erinnerte ich sie an eine ganz andere Unterhaltung, die wir lange vor meinem Abflug nach Kanada geführt hatten.

„Meinen Bruder hättest Du doch früher mit dem Arsch nicht angeguckt, und jetzt dieser Sinneswandel. Erst die Verlobung, und in ein paar Monaten folgt dann die Hochzeit? Du bist doch nur sauer, weil ich auch die verpassen werde.“

Ha ha. Dir ist wohl der Erfolg zu Kopf gestiegen…“

Welcher Erfolg? Ich hatte keine Ahnung, was sie damit andeutete, aber inzwischen war auch ich so richtig in Rage, und so ging das noch eine Weile weiter. Just keep walking! Ruhig sitzenbleiben konnte ich schon längst nicht mehr und lief mitten in unserer erhitzten Diskussion einfach los, bevor in diesem Fast-Food-Lokal noch mehr neugierige Zuhörer ihre Ohren extra weit aufsperrten, obwohl sie unmöglich davon auch nur ein Wort verstehen konnten.

Inzwischen waren wir auf einem ganz neuen Level angekommen, ein Wort gab das andere, und am Ende war ich diejenige, die das rote Hörersymbol malträtierte und das Smartphone schnaubend vor Wut in meine Hosentasche stopfte. Wann hatte mich zuletzt jemand dermaßen auf die Palme gebracht?

So aufgebracht, wie ich war, brauchte mir niemand mit „Keep calm“ oder „Cool down“ zu kommen, den leeren Kaffeebecher hatte ich längst weggeschmissen, und wenn ich mich nicht bald abreagieren konnte, würde ich platzen.

KICK!

Der erstbeste Gegenstand, der mir vor die Füße kam, war ein Mast, Teil des Gestänges, das die Beleuchtung für die Bühne halten sollte. Der wackelte nun bedenklich. Aber ob beweglich oder starr montiert, mein Fuß konnte keinen Unterschied feststellen. JAUL! Get the f*** off.

Aber hallo! Na, heute sind wir aber stürmisch unterwegs,“ quatschte mich da jemand von der Seite an, während ich auf dem Hosenboden saß und mir stöhnend den schmerzenden Fuß hielt. „Hach, ich liebe ja temperamentvolle Frauen. Da wackelt das ganze Haus!“

Sülz! Sülz! Sülz! Auch das noch – einen passenderen Moment hatte er sich wohl nicht aussuchen können. Warum musste ich auch ausgerechnet jetzt unserem Drummer in die Arme laufen?

Oh, geh Ford: Am liebsten hätte ich auf der Stelle ein Passwort für ihn kreiert – mit Drumsticks. Mist! Das Bild wurde ich jetzt wohl für den Rest des Abends nicht mehr los, noch ein unangenehmer Nebeneffekt meines Streits mit Jenny, für die ich nun endgültig gestorben war.

Anstatt dumm zu daher zu quatschen, hilf mir lieber hoch…

Ach, der Herr konnte Gedanken lesen oder verstand auf Anhieb, was ich mit meinem ausgestreckten Arm signalisierte. Ächzend kam ich auf die Beine und konnte gerade noch ein knappes „Danke“ zwischen meinen zusammengepressten Zähnen hervor quetschen, bevor ich ohne ein weiteres Wort davon humpelte, auf der Suche nach Eis, um mich selbst notdürftig zu verarzten.

♪♫ When my love said to me, meet me down by the gallow tree ♫ ♪

Wie schön, zur Abwechslung mal wieder die Songs zu hören, die am Anfang auf der Setlist gestanden hatten, bevor die große Änderungswut ausgebrochen war. Und das lag nicht nur daran, dass „Belfast Child“ neben „New Years Day“, „Don’t change“ und „Don’t stop believing“ einer meiner ganz großen Favoriten war.

Andächtig saß ich auf einer der Materialkisten, deren Inhalt ich am Nachmittag neu sortiert hatte und wippte den Rhythmus mit dem Fuß mit, dem es nach dem zusätzlich von Bradley organisierten Eis nun endlich etwas besser ging. Dass ich ihm vorgeflunkert hatte, ich wäre auf dem Weg vom Kaffeeholen in einem Schlagloch umgeknickt, schob ich auf meinen falschen Stolz. Das kommt davon, wenn man zu einer Notlüge greift, weil man sich nicht die Blöße geben und gestehen will, dass der wahre Grund für einen anschwellenden Knöchel nur die eigene Dummheit ist.

Wäre ich mal bloß besser bei der Wahrheit geblieben. Aber ändern ließ sich das jetzt nicht mehr, also konnte ich ebenso gut versuchen, an etwas anderes zu denken und mich auf die Show zu konzentrieren, besonders auf die Lichtshow. Es war schon eine Weile her, dass OxyGen in einer kleineren Halle gespielt hatten, in der als besonderes Extra eine Discokugel von der Decke baumelte.

Eine Discokugel… ernsthaft? Wann hatte ich zuletzt so ein Relikt aus den 70er oder 80er Jahren gesehen? Die Jukeboxen in den verschiedenen Bars und Pubs fand ich ja schon altmodisch, aber dieses glitzernde Etwas, das Bradley und Kevin versucht hatten, in ihre Show zu integrieren, und das sich eigentlich hätte drehen sollen…

Ja, eigentlich. Aber irgend etwas war mit diesem Teil nicht in Ordnung. Mal drehte es sich und reflektierte weiße und gelbe Lichtpunkte gegen die Wände und ins Publikum hinein, dann wieder blieb es ruckartig stehen und bewegte sich keinen Millimeter weiter. Irgendetwas lief hier komplett falsch, dachte ich, je länger ich die Metallkonstruktion betrachtete, die mir plötzlich gar nicht mehr so stabil vorkam. Final Destination 6?

Worauf wartest du, meldete sich mein innerer Alarm, sag Bradley oder Kevin Bescheid, aber beide konnte ich nirgendwo sehen.

Völlig egal, ob ich umgeknickt war oder mein Fuß Bekanntschaft mit Metallstreben geschlossen hatte, aber dass ich einen Aufenthalt auf der Bühne nicht mehr für sicher hielt, so lange das Ding da oben wackelte wie das Hinterteil einer Ente, mussten die beiden auf jeden Fall erfahren. Entschlossen fummelte ich mein Handy aus der Hosentasche und tippte die ersten von beiden Nummern ein.

Es tutete dreimal, dann ertönte eine Bandansage: „♪♫ ♪♫ ♪♫ Barcelona ♫ ♪♫ ♪♫ ♪ : „Dies ist die Mailbox von Bradley Jackson. Nein ich bin nicht in Barcelona, sondern gerade anderweitig beschäftigt. Hinterlassen Sie Ihre Nachricht nach dem Signalton, und ich melde mich, sobald ich frei bin.“

Das durfte doch jetzt nicht wahr sein. Verdammt, geh endlich ran, knurrte ich und versuchte mein Glück auf der anderen Leitung. Doch auch bei Kevin meldete sich nur die Mailbox. Wo waren denn bloß alle, wenn man sie wirklich mal dringend brauchte? Am liebsten hätte ich den Stecker gezogen, um das Konzert abzubrechen, denn ich befand mich in Alarmbereitschaft, fürchtete aber auf der anderen Seite, wie in „Final Destination“ für verrückt erklärt zu werden.

So unter Strom gestanden hatte ich schon einmal, und zwar letztes Jahr bei dem Unfall mit dem Elektrozaun. Du kannst keinen erreichen? Geh sie suchen, die können ja nicht weit sein. Zeig ihnen Deine Entdeckung, und vielleicht übertreibst Du mal wieder; sie werden Dir sagen können, ob Grund zur Sorge besteht.

Vorsichtig ließ ich mich von der Kiste gleiten und bewegte mich in gefühltem Schneckentempo, doch mehr gab mein trotz der dicken Eispackung schmerzender Fuß nicht her. Die Band war bereits bei der Ballade des Abends angelangt, als ich endlich fündig würde. Dave hatte zwar mit dem Aufbau nichts zu tun gehabt, aber vier Augen sehen immer noch bekanntlich mehr als nur zwei. Er schickte mich zurück zu meinem alten Platz und holte Kevin als weiteren Sachverständigen hinzu.

Okay, sechs Augen – noch besser! Vor Aufregung gestikulierend, wies ich die beiden auf die Discokugel und den für meinen Geschmack zu stark wackelnden Rahmen hin, doch zu meiner Verblüffung konnten weder Kevin noch Dave etwas ungewöhnliches daran erkennen.

Brad und ich haben eigenhändig nochmal alle Schrauben nachgezogen“, erwiderte Kevin achselzuckend, als ich ihn ungläubig anstarrte. Meinte er das jetzt ernst oder hatte er bloß keine Lust, die Stabilität ein zweites Mal zu prüfen oder gar derjenige zu sein, der im Ernstfall für einen Abbruch des Konzerts verantwortlich war?

Dann hol ihn her, damit er sich Euer Werk ein zweites Mal ansieht.“

Euer Werk, oh oh, das hätte ich nicht sagen sollen, denn freundlich klang das nicht, und richtig – er reagierte dementsprechend beleidigt, indem er mir den Vogel zeigte.

Du spinnst doch. Aber bitte,“ lenkte er ein, als er meinen flehenden Blick sah,, „wenn Du unbedingt meinst…“

Natürlich meinte ich das, und war heilfroh, als er mit Bradley zurückkam. Doch auch er musste mich enttäuschen.

Wir haben jede Schraube eigenhändig kontrolliert. Und ein wenig Spiel ist doch immer“, versuchte er, mich zu beruhigen, nachdem er einen Blick auf die fragliche Stelle geworfen hatte.

So langsam zweifelte ich an meinem Verstand. Die Blicke, die Kevin und er sich zuwarfen, sprachen Bände. Unsere liebe Andrea sieht so langsam Gespenster. Final Destination lässt grüßen. Und damit ließen sie mich stehen. Wie aufs Stichwort, erklang der Refrain des letzten Songs dieser Show.

♪♫ ♪ I’m standing here on the ground, the sky above won’t fall down… ♪♫ ♪

Ich sah die Menge toben und hörte doch nur mit halbem Ohr hin. Bombenstimmung. Da wackelt das ganze Haus, fielen mir Ryans Worte vom späten Nachmittag wieder ein. Ja, die Stimmung hätte besser nicht sein können, und vielleicht entwarf ich ja wirklich ein Horrorszenario; dennoch…

Gut, dass jetzt nur noch der Teil mit den Zugaben kam, dachte ich und betete im Stillen, dass der Rest des Konzerts genauso reibungslos ablief wie die zwei Stunden davor und uns nicht der Himmel auf den Kopf fiel, so wie in dem Song. Reibungslos? Für die anderen vielleicht, aber nicht für mich.

Ich saß wie auf glühenden Kohlen und hoffte, dass OxyGen endlich mit ihrem Auftritt fertig wurden, aber anstatt wie jede andere Band einfach nochmal die drei beliebtesten Songs ihres Repertoires zu spielen, hatten sie sich in den Kopf gesetzt, „Highland Cathedral“ in der „extra extended version for two guitars and bass“ zum Besten zu geben.

Auf der Bühne standen jetzt nur noch Danny, Mark und Brian, und sie dachten gar nicht daran, es bei der normalen „extended version“ zu belassen, sondern mussten diese Version unbedingt noch um ein Solo für eine Bassgitarre verlängern.

Donnernder Applaus und Standing Ovations – ich war überglücklich, als nach einer Weile endlich die Hallenbeleuchtung anging und Kevin die bunten Strahler über der Bühne ausschaltete, als Signal, dass der Tag für das Team noch nicht vorbei war. Ich stand in der für mich vorgesehenen Ecke und rollte sämtliche Kabel, die Dave mir brachte, so ordentlich wie möglich auf und verstaute diese ein einer weiteren Kiste, die noch während der Zugaben eilig herbeigeschafft worden war.

Wenigstens waren die Roadies so schlau gewesen, sich dabei von der zweifelhaften Metallkonstruktion fernzuhalten. Obwohl Kevin, Bradley und Dave bereits wussten, wovor mir am meisten graute und sie der Ansicht waren, dass ich maßlos übertrieb, entging ihnen meine Nervosität nicht, und nachdem ich ihnen das Versprechen abgenommen hatte, beim Abbau besondere Vorsicht walten zu lassen, richtete ich meine Aufmerksamkeit auf unsere Tontechnikerin.

Dass sich Leslie zu uns gesellen würde, hielt ich für unwahrscheinlich, aber man konnte nie wissen, und ich hoffte, dass das auch so blieb, denn noch war der Kelch nicht an uns vorbei gegangen. Groß war meine Erleichterung, als sie grünes Licht zum Abtransport ihrer Ausrüstung gab, nachdem sie sich um ihren Teil gekümmert hatte.

Ich reichte ihr noch eine Flasche aus der Kühlbox in meiner Nähe, dann wünschte sie uns allen eine Gute Nacht und verließ die Halle. Wieder eine Person mehr, um die ich mir keine Sorgen machen musste. So langsam wurden es immer weniger.

Leider hatte ich das aber auch nur gedacht. Mir wurde eiskalt, denn plötzlich hörte ich Schritte hinter mir, die zu jemandem gehörten, dem es anscheinend egal war, in was für ein Minenfeld er sich begab. Oder er hatte keine Ahnung. Jemand von der Band!

Warne ihn, Andrea, durchfuhr es mich wie ein Blitz, er muss so schnell wie möglich weg von hier.

„Runter von der Bühne“, rief ich und drehte mich um.

Ryan. Was wollte der denn hier? Seelenruhig machte er sich an seinem Drumkit zu schaffen. Hatte er mich denn nicht gehört? Ohne zu überlegen, machte ich einen Satz nach vorne und forderte ihn nochmal auf, endlich von der Bühne zu verschwinden. Ohne Erfolg. Er kehrte mir weiter den Rücken zu und nahm mich nicht einmal wahr.

Noch zwei Schritte, dann war ich bei ihm und tippte ihm auf die Schulter. Wie von der Tarantel gestochen, schoss er in die Höhe und fuhr wütend herum. Wäre nicht Eile geboten gewesen, hätte ich mit Genugtuung registriert, dass ich ihn aus der Fassung gebracht hatte, aber für ein solches Geplänkel war jetzt nicht der passende Zeitpunkt.

Verdammt, Andie, was soll das?“ rief er und riss sich die Stöpsel aus den Ohren. Kein Wunder, dass er mich nicht gehört hatte. „Musst Du mich so erschrecken?“

Du wirst gleich noch viel mehr erschrecken, wenn Du erfährst, was hier los ist, dachte ich und wiederholte mich erneut: „Du sollst runter von der…“ – weiter kam ich nicht mehr.

Ein ohrenbetäubendes Geräusch übertönte uns. Wie angewurzelt blieben wir beide stehen und starrten in die Richtung, aus der es kam. Oh Shit! Mit einem hässlichen Knirschen neigte sich über unseren Köpfen eine der Gerüststangen, die schon während des Konzerts in Bewegung geraten war, wie in Zeitlupe zur Seite.

WAS ZUM… – zwei Dumme, ein Gedanke. Doch keiner von uns vervollständigte den angefangenen Ausruf des Entsetzens. Noch bevor ich das ganze Ausmaß der Zerstörung erfassen konnte, wurde ich von Ryan herumgerissen und fand mich nur Sekundenbruchteile später mit dem Rücken an der Wand wieder.

Sehen konnte ich nichts, aber dafür hörte ich umso deutlicher das infernalische Getöse, mit dem die Discokugel auf dem Boden aufschlug und einzelne Teile des Aufbaus in sich zusammenstürzten.

30 Days Book Challenge – Danksagung


Da habe ich ja was angerichtet.

Als ich als bisherige Nur-Teilnehmerin an kreativen Projekten jeglicher Art dieses Jahr auf die Idee kam, selbst einmal eines auszurichten, ahnte ich noch nicht, dass meine 30 Days Book Challenge eine solche Resonanz auslösen würde. Kurz nachdem ich am 15. Juni damit begonnen hatte, kamen die ersten Anfragen, und ich war erfreut. Die Mehrheit wollte am 1. Juli einsteigen. Sehr schön. Dass es allerdings nicht so überschaubar zugehen würde wie bei der Film- oder Songchallenge – damit habe ich nicht gerechnet.

Bei der großen Teilnehmerzahl (19, um genau zu sein) war es teilweise gar nicht so einfach, den Überblick zu behalten, und wahrscheinlich werde ich jetzt gezielt noch so einige Beiträge nachlesen, weil ich das Gefühl habe, manche davon übersehen zu haben. Auch wenn ich mich über die große Begeisterung von euch sehr gefreut habe, tut es mir leid, dass ich nicht jeden Beitrag kommentiert habe. Deshalb sind die Blumen für euch – fühlt euch gedrückt:


Schilfrohr


Ich weiß, einige sind noch mitten drin – andere schon fast mit den 30 Fragen durch; dennoch möchte ich mich an dieser Stelle bei allen, die mitgemacht haben oder noch dabei sind, ganz herzlich bedanken. Das waren & sind:

— @@@ —

Bette Davis left the bookshop +++ wortverloren +++ Kraut und Kleid +++ aequitasetveritas +++ Wortgerinnsel +++ wortman +++ vrojongliert +++ Irgendwas ist immer +++ Verfilmt & Zerlesen +++ Anicas Medienwelten +++ Corlys Lesewelt +++ Myriade +++ Ola +++ Ich lese +++ Tempest +++ Norbpress +++ Eva +++ Annuschka +++ Innenreisewege

— @@@ —

Ohne euch hätte ich mich nie so über eine meiner Lieblingsbeschäftigungen austauschen können (okay, mein Blog ist ja auch kein Buchblog, sondern mehr eine Gemischtwarenhandlung). Ohne euch wäre ich auch nie auf Bücher gestoßen, die entweder außergewöhnlich sind oder demnächst auf meine Wunschliste wandern. Und ohne euch hätte ich vermutlich nie den Wunsch verspürt, mich noch einmal mit Stephen King zu beschäftigen, dessen schriftstellerischen Output ich schon vor vielen Jahren nicht mehr weiterverfolgt habe.

Und eines hat mir dieser Versuch vor allem vor Augen geführt: Das gedruckte Buch ist noch lange nicht tot (und schon gar nicht das gebundene).

Mein Kinojahr 2020 : Die monumentale Mogelpackung

 

Gigantomanie in Schwarz-Weiß und Farbe !

Der Juli fängt ja schon gut an, denn eigentlich gehört der erste Film auf dieser Liste noch in den Juni. Eigentlich hatte ich an dem Abend etwas anderes vor, und meinen Monatsrückblick schon abgeschlossen… deshalb nehme ich diesen Nachzügler mit in den Juli, der sich zum Monat der Filmklassiker, Monumental- und Schwarz-Weiß-Filme (mit einem Sternchen markiert) entwickelt hat. Außerdem hält dieser Monat den absoluten Rekord, denn in diesem Juli habe ich mehr Filme auf DVD gesehen als Kinofilme im letzten Jahr. Dementsprechend lang ist auch dieser Beitrag.

⪥⪥⪥⪥⪥⪥⪥⪥⪥⪥⪥⪥

Eins, zwei, drei *)

Die Frau, von der man spricht *)

Cleopatra

Belle de Jour – Schöne des Tages

Bonnie & Clyde

Die Nacht des Jägers *)

Sein Mädchen für besondere Fälle *)

Die Erfindung der Wahrheit

Pitch Perfect 1 und 2

Metropolis *)

High Rise

Match Point

Wahrheit oder Pflicht

Das Totenschiff *)

The Artist *)

Eine total, total verrückte Welt

Nur ein kleiner Gefallen

Muriels Hochzeit

Infam *)

A cure for wellness

Porträt einer jungen Frau in Flammen

⪥⪥⪥⪥⪥⪥⪥⪥⪥⪥⪥⪥

Eins, zwei, drei (1961) : C.R.McNamara (James Cagney) ist überfordert. 15 Jahre hat er sich von der Coca-Cola-Firmenleitung über den ganzen Globus schicken lassen, und wünscht sich doch nichts sehnlicher, als endlich die Leitung für ganz Europa übertragen zu bekommen. Jetzt hätte er gerne ein heißes Wochenende mit seiner Sekretärin Ingeborg (Lieselotte Pulver), während Frau und Kinder verreisen.

Statt dessen drückt ihm der Vorstandsvorsitzende Töchterchen Scarlett aufs Auge, damit die keine Dummheiten macht. Von wegen! Nach sechs Wochen stellt sich heraus, dass diese in Ost-Berlin heimlich geheiratet hat – den waschechten Kommunisten Otto Ludwig Piffl (Horst Buchholz) und nun plant, mit ihrem Gatten nach Moskau überzusiedeln; und ausgerechnet jetzt wollen die nichtsahnenden Eltern ihr Töchterchen besuchen, und  Otto – durch eine Intrige von McNamara in Ost-Berliner Haft gebracht – muss schleunigst wieder her. Es gilt, einen Skandal zu vermeiden, denn Scarlett ist schwanger…

1961 wurde dieser Klassiker in Schwarz-Weiß unter der Regie von Billy Wilder gedreht, und die Dreharbeiten wurden von der Geschichte eingeholt, denn am 13. August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer, und mit Verfolgungsjagden durchs Brandenburger Tor hindurch war’s fürderhin Essig. Mit der herrlich schrillen und temporeichen Satire über den Kalten Krieg, die haufenweise Klischees durch den Kakao zieht, habe ich am 30. Juni den Monat ausklingen lassen.

⪥⪥⪥

Die Frau, von der man spricht (1942): Sam Craig (Spencer Tracy) und Tess Harding (Katharine Hepburn) als bodenständiger Sportreporter und weltgewandte politische Journalistin, die für dieselbe Zeitung arbeiten und ziemlich überstürzt eine Blitzheirat zwischen Tür und Angel bzw. einer Lücke in Tess‘ vollem Terminplan eingehen. Doch eine Ehe ist das für Sam schon recht schnell nicht mehr, ist er doch eher ein Anhängsel denn ein Partner auf Augenhöhe. Irgendwann reicht es dem Herrn, und er empfiehlt sich just in dem Moment, als Tess zur Frau des Jahres ernannt wird. Ein peinlicher Moment für Tess, die nun in Erklärungsnot gegenüber der Presse gerät – erst, als ihr Vater mit Tess‘ Tante, der weltberühmten Feministin Ellen Whitcomb den Bund fürs Leben schließt, begreift Tess den Sinn der Ehe: eine Lebensgemeinschaft und keine Zweckverbindung, in der jeder eigenständig schaltet und waltet wie er will.

⪥⪥⪥

Cleopatra (1963): „Als die Römer frech geworden“ vs „Walk like an Egyptian“. Ein monumentales Werk mit vier Stunden Laufzeit; für mich zu monumental – von allem zu viel. Der teuerste Film aller Zeiten, der mir viel zu in die Länge gezogen war. Gut, dass sich das Epos auf zwei DVDs verteilt, so konnte ich mir es an zwei Abenden anschauen. Einen Oscar hat „Cleopatra“ für die Ausstattung bekommen; die Kostüme sind beeindruckend, so beeindruckend, dass ich das Gefühl hatte, die Kostümbildner haben mit ihrem Hang zur Übertreibung unfreiwillig für einen Filmfehler gesorgt: Mitten im Streitgespräch zwischen Cleopatra (Elizabeth Taylor) und Antonius (Richard Burton) wechselt nicht nur der Schauplatz, sondern auch Cleopatra gleich zweimal ihr Gewand. Wenn es um monumentale Produkitonen geht, fand ich „Vom Winde verweht“ um Längen spannender.

⪥⪥⪥

Belle de Jour – Schöne des Tages (1967): Eine Frau und ihr Doppelleben. Sévérine Sérizy (Catherine Deneuve) ist mit einem Arzt verheiratet, einem netten Mann. Vielleicht etwas zu nett, denn Madame hat es gerne gröber und sieht sich nicht imstande, mit ihrem Mann über ihre Fantasien zu sprechen. Statt dessen lebt sie diese an Nachmittagen in einem Etablissement aus und nennt sich Belle du Jour (Schöne des Tages) – dass sie mit der Zeit Gefallen an ihrem Doppelleben findet, wird ihr zum Verhängnis, denn dadurch wird sie nicht nur erpressbar, sondern einer ihrer Kunden, der Kriminelle Marcel, will sie ganz für sich allein und versucht, ihren Mann umzubringen, wird aber auf der Flucht von der Polizei erschossen. Und die Moral von der Geschicht‘? Keine Ahnung, denn ich grübele immer noch, was davon real und was Fantasie war, denn die Grenzen zwischen der Wirklichkeit und den immer gewalttätiger werdenden Tagträumen Sévérines verwischen zusehends, mit Fortschreiten der Handlung, und am Ende war ich nicht schlauer als zu Beginn.

⪥⪥⪥

Bonnie & Clyde (1967): Ein weiterer Film aus demselben Jahr, aber ein ganz anderes Kaliber, und obwohl ich schon vorher wie z.B. bei Titanic weiß, wie er ausgeht, habe ich mich nicht eine Minute gelangweilt. Die Geschichte ist ja auch eine erstklassige Räuberpistole. Bonnie Parker (Faye Dunaway), der ihr langweiliges Leben und ihr verhasster Job als Serviererin schon lange zum Halse heraus hängt, erwischt den gerade aus dem Gefängnis entlassenen Clyde Barrow (Warren Beatty), als er das Auto ihrer Mutter stehlen will und wittert in dieser Begegnung die Gelegenheit, endlich ihr ödes Kaff hinter sich zu lassen.

Gemeinsam fahren sie in gestohlenen Autos quer durch die Vereinigten Staaten, um Banken auszurauben, begleitet von ihren nach und nach hinzukommenden Komplizen, dem Mechaniker C.W. Moss, Clydes Bruder Buck (Gene Hackman) und dessen Frau Blanche. Schon bald gehört die Barrow-Bande zu den meistgesuchten Verbrechern, auf die hohe Kopfgelder ausgesetzt sind, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis ihre Geschichte ein blutiges Ende im Hinterhalt nimmt – durchsiebt von Maschinengewehrsalven. Zwei Oscars hat dieser Film 1968 verliehen bekommen (Beste Kamera und Beste Nebendarstellerin), und das mit der Besten Kamera kann ich nachvollziehen. Auch nach 52 Jahren zeichnet sich das Filmmaterial durch eine farbliche Brillianz aus, die späteren Produktionen, fehlt.

⪥⪥⪥

Die Nacht des Jägers (1955): Gleiche Ära, und wieder ist ein junges Paar auf der Flucht, doch diesmal ist der Ansatz ein völlig anderer. Die Gejagten sind zwei Kinder, die Geschwister Pearl und John Harper. Verfolgt werden sie von ihrem Stiefvater, dem Wanderprediger Harry Powell (Robert Mitchum), einem psychopathischen Serienmörder. Der hat es auf das Geld abgesehen, das sich in Pearls Puppe befindet. Der Film entfaltet in den Nachtaufnahmen entlang des Flusses eine eigenartige, traumhafte Stimmung, die stellenweise in einen echten Alptraum umschlägt.

⪥⪥⪥

Sein Mädchen für besondere Fälle (1940): Verfilmung des Bühnenstücks „The Front Page“ von 1928 – aus dem Klappentext: „Als die Sensationsreporterin Hildy Johnson (Rosalind Russell) verkündet, dass sie der Zeitungswelt den Rücken kehren will, um sich mit ihrem langweiligen Verlobten (Ralph Bellamy) an den heimischen Herd zurückzuziehen, ist ihr ehrgeiziger Chefredakteur und Ex-Mann Walter Burns (Cary Grant) wild entschlossen, sie zum Bleiben zu überreden – und ihr Herz aufs Neue zu gewinnen.“ – Um dies zu erreichen, soll sie einen Artikel über den zum Tode durch den Strang verurteilten Earl Williams schreiben. Der bricht jedoch aus und sucht ausgerechnet im Pressezimmer des Gerichtsgebäudes Unterschlupf…

Was sich wie ein Drama anhört, ist eine temporeiche Komödie mit stellenweise überlappenden Dialogen und Anspielungen. In einer Szene beschreibt Burns einer kurvenreichen Blondine den im Taxi wartenden Verlobten: „He looks like that fellow in the movies, you know … Ralph Bellamy!“ oder ein anderer Insiderjoke von Cary Grant: Als er wegen Entführung verhaftet werden soll, beschreibt er das grausame Schicksal der Person, die ihm zuletzt begegnet ist: Archie Leach (Cary Grants bürgerlicher Name). Und als der Name Sweeney fällt, geht es mir wie Hildy, der bei dieser Nennung Sweeney Todd in den Sinn kommt.

⪥⪥⪥

Die Erfindung der Wahrheit (2016): oder auch „Die über Leichen gehen“ – nein, der von mir verliehene Alternativtitel bezieht sich nicht auf Journalisten, sondern auf Lobbyisten, die versuchen, Senatoren auf ihre Seite zu ziehen, wenn es um einen neuen Gesetzentwurf geht. In diesem Fall ist es zunächst dein Waffenhersteller, der an eine Lobby-Firma herantritt, für die skrupellose Elizabeth Sloane (Jessica Chastain) arbeitet, die gegen ein neues Gesetz ist, dem zufolge man in Zukunft Waffen nur noch kaufen kann, wenn man ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen kann. Prompt wechselt Elizabeth gegen ein fürstliches Salär die Seiten und steht bald schon im Fokus einer Anhörung des Senats – Madame soll gegen Ethikregeln verstoßen haben. Damit ist sie zwar nicht die einzige, die nicht davor zurückschreckt, zu drastischen Mitteln wie Abhörung der Gegner, Schwören von Meineiden zu greifen, aber man unterschätzt sie gnadenlos: beim Plot-Twist am Ende der Anhörung tun sich Abgründe auf.

⪥⪥⪥

Pitch Perfect (2012): Auf den Punkt gesungen oder „von der Kollateralschäden in der ersten Zuschauerreihe verursachenden, schnarchnasigen Gurkentruppe zum Überraschungshit des kommenden Finales im Highschool-A-cappella-Contest“ … diesmal wollen es die Barden Bellas, die weibliche Gesangsfomation der Barden University wissen: Nachdem sie einen unrühmlichen Auftritt beim letzten Wettbewerb hinlegen und sich nur mit Ach und Krach mit den immer gleichen uralten Hits aus den 90ern vonWettbewerb zu Wettbewerb hangeln, kommt mir einigen neuen Sängerinnen frischer Wind in das angestaubte Ensemble, und erst mit einer radikalen Neuausrichtung steigen ihre Chancen, es der rein männlichen Konkurrenz von der gleichen Uni auf der Bühne zu zeigen.

Statt großem Drama war mir nach einer leichten Komödie mit Musik, und große Überraschungen habe ich nicht erwartet. Was ich bekommen habe, waren Gesangsharmonien und Untertitel, dank derer ich nun auch mal die Texte einiger Songs aus de Radio verstehen kann; außerdem einen Aha-Moment mit der Darstellerin Elizabeth Banks, die in „Die Triute von Panem“ als Effie Trinket zu sehen war. In „Pitch Perfect“ heißt sie Gail Abernathy-McKadden und kommentiert die Wettbewerbe von der Reporterloge aus, mit einer nicht ganz so quietschigen Stimme wie als Effie in „Panem“. Von „Pitch Perfect 2“ war ich weniger begeistert – jede Menge verachtender Sprüche von einem Moderator, und Product Placement für Volkswagen in deutscher Sprache, na ja…

⪥⪥⪥

Metropolis (1927): Wir springen 40 Jahre zurück, aber diesmal tauchen wir nicht in die Vergangenheit ein, sondern in die Zukunft, in die futuristische Stadt Metropolis, an deren Spitze es sich die Elite gutgehen lässt und ein Leben in Saus und Braus führt, während tief unten die Arbeiter in Zehn-Stunden-Schichten schuften und nie das Licht der Sonne sehen, denn dort befindet sich auch ihre Stadt. Hier wird sogar die Zeit unterschiedlich gemessen: 24 Stunden für die einen, 20 Stunden für die anderen. Und dazwischen die Maschinen, die niemals stillstehen. Anders als H.G. Wells, der von dem Monumentalfilm nicht angetan war, haben sich etliche andere Künstler davon inspirieren lassen, wie z.B. angeblich Madonna für das Video zu ihrem Hit „Express Yourself“.

Die DVD-Version aus unserer Stadtbücherei ist 144 Minuten lang – statt des unvollständigen Meisterwerks von Fritz Lang hatte ich hier tatsächlich den kompletten Film in den Händen, ergänzt um sehr ausführliches Bonusmaterial, das davon berichtet, wie man in Buenos Aires auf die verschwundenen Szenen gestoßen ist und wie der Film restauriert wurde. Uff! Ein Abend vor dem Fernseher reichte bei mir nicht – ich habe dafür mehrere Abende gebraucht. Abgesehen von der Handlung, die mitunter religiös-verkitschte Züge annimmt, wurde ich mit eindrucksvollen Bildern von schwindelerregenden Perspektiven und durch mehrfache Belichtung erzeugten surrealen Stimmungen belohnt. Ein anderes Thema sind die Massenszenen und Monumentalbauten, die mich stellenweise an den Größenwahn des Deutschen Reichs erinnert haben. Dennoch wäre ich gerne bei der bundesweiten Aufführung der restaurierten Fassung 2011 dabei gewesen. Auf einer großen Leinwand wäre „Metropolis“ ein ganz anderes Erlebnis als zu Hause vor dem Fernseher (https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/8/83/Metropolis1927-logo.svg/456px-Metropolis1927-logo.svg.png)

⪥⪥⪥

High Rise (2015): Futurismus 2.0 – während in „Metropolis“ die Gesellschaft einer ganzen Stadt in zwei Klassen eingeteilt ist, konzentriert sich in „High Rise“ diese Sozialstruktur auf ein einziges Gebäude – ein Hochhaus, das die gesamte Infrastruktur einer Stadt besitzt. Die Nummer der Etage zeigt den Status in der sozialen Hierarchie an. In den unteren Stockwerken haust die sogenannte Unterschicht und muss sich wie die Arbeiter in der unterirdischen Stadt von Metropolis mit einem Minimum an Licht begnügen. Weiter oben wohnt die Elite oder jene, die sich dafür halten. Ganz oben im 40. Stock residiert der Architekt Anthony Royal (Jeremy Irons), der das Ensemble aus insgesamt fünf Türmen entworfen hat. Die sollen sich irgendwann um einen künstlichen See gruppieren – doch ob es jemals dazu kommt, ist schwer vorstellbar.

Kann zu Beginn Royal dem neu in die 25. Etage eingezogenen Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) die Stromausfälle und defekten Apparate noch als Kinderkrankheiten verkaufen, offenbart sich bald schon das wahre strukturelle Problem. Fäulnis und Verwahrlosung greifen immer mehr um sich und münden in Verwüstung und Gewaltexzessen. Jeder gegen jeden – das soziale Experiment eines Gebäudekomplexes als Schmelztiegel schlägt vollkommen fehl, und am Ende regieren Chaos, Anarchie und Wahnsinn. Da wirkt es geradezu grotesk, wenn irgendwann ein Streifenpolizist vorfährt und sich vorsichtig erkundigen möchte, ob alles in Ordnung sei, da der Eingangsbereich ein wenig unaufgeräumt aussähe. Dabei ist schon angesichts der brennenden Autos und Müllberge auf dem Parkplatz vor dem Wohnturm das genaue Gegenteil erkennbar.

Nachempfunden soll der Turm u.a. der von de Architekten Le Corbusier entworfenen Unité d’Habitation in Marseille sein – mich erinnert diese Beschreibung eher an den von Oscar Niemeyer entworfenen Wohnblock „Edifício Copan“ in São Paulo, in dem 5000 Menschen leben und das als größtes Wohngebäude Lateinamerikas eine eigene Postleitzahl hat.

⪥⪥⪥

Match Point (2005): Manchmal trifft das Glück die Falschen… Dass ich mir mit diesem Drama/Thriller, bei dem es auf Details ankommt (besonders am Anfang), einen Film von Woody Allen an Land gezogen habe, habe ich erst gemerkt, als bereits der Vorspann lief. Man beachte die Ausführungen eines Tennisspielers über das Phänomen des Matchballs, der für einen Moment genau auf dem Netz verharrt, bevor er auf die eine oder andere Seite fällt und damit über Sieg oder Niederlage entscheidet, je nachdem auf welcher Seite er herunterkommt. Früher hätte ich einen großen Bogen um seine Filme gemacht, aber inzwischen ist es mir egal, wer bei einem Film Regie führt, so lange mich die Handlung interessiert, auch wenn die das Rad nicht neu erfindet.

Jonathan Rhys Meyers spielt den Tennisprofi Chris Wilton, Opernliebhaber und begeisterter Leser Dostojewskis. Wilton heiratet in eine Familie der Londoner High Society ein und fängt noch während seiner Verlobungszeit eine Affäre mit Nola Rice (Scarlett Johansson), der Verlobten seines Schwagers. an. Die Geschichte läuft aus dem Ruder, als Nola von ihm schwanger wird und ihn zunehmend unter Druck setzt, seiner Frau endlich die Wahrheit zu sagen und sich von ihr zu trennen. Inspiriert durch Dostojewskis Roman „Crime and Punishment“ entwickelt er einen perfiden Plan…

⪥⪥⪥

Wahrheit oder Pflicht (2018): Charaktere in Horrorfilmen haben selten Glück. Aber nach dem ganz großen Drama mit Starbesetzung zum Thema „Glück“ hatte ich nach einem anstrengenden Tag Lust auf etwas Leichteres und vor allem Kürzeres – denn dieser Horrorfilm mit mir völlig unbekannten Schauspielern dauert nur 96 Minuten. In diesem Teenie-Horror-Spektakel erwischt das Böse eine Gruppe Collegestudenten, die beim Springbreak in einer verfallenen mexikanischen Kirche das beliebte Spiel „Wahrheit oder Pflicht“ spielen. Doch im Gegensatz zum dem sonst üblichen zweifelhaften Partyspaß, ist diese Version erschreckend echt: Wer bei „Wahrheit“ lügt oder bei „Pflicht“ die Ausführung der Aufgabe verweigert, stirbt. Ein Dämon zieht die Fäden, und er verfolgt sie bis nach Hause… Auf „Rotten Tomatoes“ hat der Film schlecht abgeschnitten, aber da mir das ohnehin egal ist, und ich mich trotzdem ganz angenehm gegruselt habe, war der Abend kein Fall für die Tonne.

⪥⪥⪥

Das Totenschiff (1959): Kann man noch mehr Pech haben? Als der Seemann Philip Gale (Horst Buchholz) morgens nach einer Nacht in Antwerpen in den Hafen zurückkehrt, erfährt er, dass sein Schiff zwei Stunden zu früh ausgelaufen ist, und auf einem anderen, auf dem er anheuern kann, findet er nicht, weil eine Prostituierte ihm neben dem gesamten Bargeld auch seine Papiere gestohlen hat, während er schlief. Es verschlägt ihn auf die Yorikke. Leise rieselt das Sägemehl… Rettungswesten oder -boote sind auf diesem Seelenverkäufer Fehlanzeige, und der morsche Rettungsring taugt noch nicht mal zur Dekoration. Recht schnell erkennt Gale, dass man ihn verschaukelt hat, denn Boston ist nicht der nächste Hafen. Doch es kommt noch schlimmer – außer dem Bootsmann hat die heruntergekommene Besatzung keine Ahnung, dass ihr skrupelloser Kapitän vorhat, das Schiff nach Abwicklung eines Waffendeals havarieren zu lassen. Dabei gehen die beiden schon vorher über Leichen – als ihr Komplize bei dem Komplott nicht mitmachen will, lassen sie ihn nachts über Bord gehen. Doch davon ahnt Gale nichts – der will einfach nur weg. Da scheint ein gefälschter Pass der ideale Ausweg aus seinem Dilamma zu sein. „Hunger zu haben, ist menschlich – keine Papiere zu haben ist unmenschlich“: Doch das vermeintlich selbstlose Angebot hat einen Preis.

⪥⪥⪥

The Artist (2011): Be silent behind the screen – solche Regeln hatten mit Aufkommen des Tonfilms ausgedient, denn der war Durchbruch und verhalf dem Stummfilm zu einem Dasein auf dem Abstellgleis. Und weil sich der alternde Stummfilmstar George Valentin (Jean Dujardin) beharrlich weigert, mit der Zeit zu gehen, findet seine Karriere ein jähes Ende. Geräusche im Film sind ihm ein Greuel, und folglich erscheinen sie auch viel zu laut – der Aufschlag eines vom Himmel trudelndes Blattes auf den Boden gleicht einer Explosion. Ein vom Nachbartisch belauschtes Interview mit der von ihm entdeckten Nachwuchsdarstellerin Peppy Miller (Bérénice Bejo), in dem sie „Weg mit dem Plunder! Macht Platz für die Jugend!“ verkündet, trifft ihn schwer, und der Weg nach unten ist kaum noch aufzuhalten – die Ehe kaputt, das Vermögen dank des Börsenkrachs futsch, sein erster Film als Regisseur ein Flop an den Kinokassen, bei einem Brand verliert er um ein Haar sein Leben. George ist am absoluten Tiefpunkt angekommen, doch dann hat Peppy, die ihn schon lange liebt, eine Idee… Schon lange wollte ich ihn sehen, den mit mehreren Oscars und Golden Globes ausgezeichneten Beinahe-Stummfilm in schwarz-weiß und im Stil der Zeit, in der er spielt. Jetzt hatte ich die Chance dazu und war begeistert. Für mich ist der mehr Hommage an das ganz große Hollywood-Kino als „Once upon a time in Hollywood.“ – Darauf einen Dujardin!

⪥⪥⪥

Eine total, total verrückte Welt (1963): Es geht um 350.000 Dollar, und sie sind unter einem großen W vergraben. Die Zeugen dieser Worte trauen ihren Ohren nicht und bekommen sogleich tellergroße Augen. Die Jagd nach dem Geld beginnt, und jeder will zuerst am Ziel sein. Gier und Dummheit bringen die Glücksjäger in immer absurdere Situationen, und so rechnen sie nicht mit dem Joker, der unverhofft im Spiel auftaucht. Grotesk ist nicht nur die Länge des Films: Von den 210 Minuten in den Previews sind bei der Premiere noch 193 Minuten übrig geblieben, die dann noch einmal gekürzt wurden – für die US-Fassung auf 182 Minuten und für die deutsche Fassung auf 154 Minuten. Die reichen für meinen Geschmack auch, denn länger heißt nicht immer besser, was übrigens auch für die ellenlange Liste der Schauspieler gilt, von denen einige nur sehr kurze Auftritte haben: The Three Stooges, Jerry Lewis, Buster Keaton, Peter Falk… und das sind nur die kleinen und noch winzigeren Nebenrollen. In den Hauptrollen glänzen u.a. Spencer Tracy, Mickey Rooney und Terry-Thomas (der durfte in amerikanischen Komödien meistens den britischen Snob geben und diesen übertrieben affektiert darstellen). Die Komödie „Rat Race – der nackte Wahnsinn“ erinnert mich sehr an dieses Spektakel, das mit einer Schneise der Verwüstung endet.

⪥⪥⪥

Nur ein kleiner Gefallen (2018): Vorsicht, wenn beste Freunde von euch „nur einen kleinen Gefallen“ verlangen. In dem Fall ist es Emily, die ihre beste Freundin, die Vloggerin Staphanie darum bittet, auf ihren Sohn Nicky aufzupassen und danach spurlos verschwindet. Während die Polizei im Dunkeln tappt, ermittelt Stephanie mit Hilfe ihres Vlogs auf eigene Faust. Als in einem See in Michigan Emilys Leiche gefunden wird und Stephanie Ungereimtheiten entdeckt, ermittelt sie heimlich weiter und kommt nicht nur Emilys Geheimnis auf die Spur, sondern einem perfiden Verbrechen. Klingt nach ganz großem Drama ohne große Überraschungen, hat aber durchaus seine komischen Momente und einige Wendungen, die ich so nicht vorhersehen konnte.

⪥⪥⪥

Muriels Hochzeit (1994): Muriel Heslop (Toni Collette) ist für alle nur eine Null und lebt ohne Selbstwertgefühl in einer Traumwelt, bis ihr eines Tages ein Blankoscheck in die Hände fällt, der für ihren Start ins Berufsleben gedacht ist. Als Kosmetikvertreterin für die Geliebte ihres Vaters arbeiten? Nein, danke – Muriel gönnt sich lieber einen Luxusurlaub und trifft dort eine ehemalige Schulkameradin. Die frischgebackenen Freundinnen verlassen ihr Kaff, das irgendwo an der australischen Küste liegt, und starten in Sydney durch, doch dann wird bei Rhonda ein Tumor festgestellt, und da Muriel aus finanziellen Gründen eine Scheinehe mit einem südafrikanischen Sportprofi eingeht und somit als Mitbewohnerin für Rhonda ausfällt, muss diese wieder zurück in den verhassten Heimatort. Doch schon bald merkt Muriel, dass die Traumhochzeit nicht zur Traumehe führt und es langsam Zeit wird, mit den Lügen aufzuhören.

Toni Collette, die meistens in Nebenrollen zu sehen ist, hat hier die Hauptrolle in dem schrillen und gleichzeitig nachdenklichen Film, dessen Soundtrack zum Großteil aus ABBA-Songs besteht.

⪥⪥⪥

Infam (1961): Verleumdung und ihre Folgen. Als die frustrierte Schülerin Mary aus schierer Bosheit ihrer Tante weismacht, ihre beiden Lehrerinnen Karen (Audrey Hepburn) und Martha (Shirley Mac Laine) seien ein Liebespaar, nimmt eine Lawine ihren Lauf, die sich nicht mehr aufhalten lässt. Dass die gesamte Elternschaft die Mädchen vom einen auf den anderen Tag ohne Erklärung von der Schule nimmt und die beiden Schulleiterinnen vor dem Aus ihrer Existenz stehen, ist nur der Anfang… Der Skandal, ausgelöst von dem Mädchen, das auch vor Erpressung einer Mitschülerin nicht zurückschreckt, damit diese die Lüge aufrecht erhält, zerstört nicht nur die beruflichen Karrieren, sonder auch das Leben der Betroffenen. Verfilmung des Bühnenstücks „The Children’s Hour“ von Lillian Hellman, das 1934 am Broadway seine Uraufführung hatte.

⪥⪥⪥

A cure for wellness (2016): Eigentlich ist Horror eher was für den Oktober. Aber warum eigentlich nicht. Horror in Heilanstalten – ein beliebtes Thema. In diesem Sanatorium in den Schweizer Bergen für Gutbetuchte scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Alles ist so friedlich, alle sind happy – zu schön, um wahr zu sein. Das findet auch Mr. Lockhart, der im Auftrag seines Arbeitgebers den Firmenchef Pembroke nach New York zurückholen soll, doch es ist wie im Song „Hotel California“: You can check out every time you like but you can never leave“. Ja, hier will anscheinend niemand weg, aber etwas stimmt mit dieser Einrichtung gar nicht. Vor allem nicht mit dem Wasser… Schlecht fand ich „A cure for wellness“ nicht, aber auch nicht überragend, trotz beeindruckender Bilder… aber mit 147 Spielzeit vor allem zu lang.

⪥⪥⪥

Porträt einer jungen Frau in Flammen (2019): Die Premiere! Meinen letzten Kinobesuch in diesem Jahr hatte ich am 28. Februar – vor Corona; ein Ende der Pandemie ist nicht abzusehen, und es ist Sommer. Der ideale Zeitpunkt für Open-Air-Kino. Diesen Film kannte ich noch nicht, aber mir wurde so viel Gutes davon erzählt, dass ich jetzt Lust auf dieses im 18. Jahrhundert angesiedelte Kostümdrama bekam. Belohnt wurde mein Ausharren auf dem Industriegelände bis 21:30 Uhr durch einen angenehm temperierten Sommerabend mit Unmengen von Glühwürmchen und einen Film, der selbst so schön ist wie ein Gemälde.

Eine Malerin und ihr Modell, das nicht porträtiert und schon gar nicht verheiratet werden möchte, also soll Marianne die rebellische Héloise heimlich malen. Im Laufe der einen Woche auf der abgeschiedenen Insel vor der bretonischen Küste lernt man einander langsam kennen, und als die holde Mama abreist, lodern bald nicht nur die Flammen im Kamin oder auf besagtem Gemälde… Eine sehr geschmackvolle Inszenierung mit musikalischer Untermalung, die mein Interesse an klassischer Musik neu geweckt hat. Gewonnen habe ich die Einsicht, dass ich gezielt nach Veranstaltungen dieser Art suchen sollte – verloren habe ich den Verschluss meines Ohrsteckers, aber den kann ich verschmerzen.

⪥⪥⪥

Das war der Juli – und mit 22 Filmen (einer davon im Kino, der Rest auf DVD oder im Fernsehen) der mengenmäßig herausragendste… vielleicht wird die 22 ja doch noch meine neue Glückszahl.

Kleine Details am Rande: Das Lied „Ausgerechnet Bananen“, spielt die Tanzkapelle in „Eins, Zwei, Drei“ im Hotel Potemkin, und Bonnie Parker summt eine Zeile daraus in „Bonnie und Clyde“. In beiden Filmen aus dem Zeitungsmilieu gibt es einen Pinky. Und in „Nur ein kleiner Gefallen“ erklingt in einer Szene eine französische Ballade über Bonnie & Clyde.

# Writing Friday 2020 – Juli, 31. Woche : Als der Regen kam – Kapitel 6

 

Eine Fortsetzungsgeschichte braucht einen Abschluss, und deshalb habe ich den schon fertigen Text noch einmal umgeschrieben, damit es kein Spin-Off wird, sondern zu einer der Aufgaben des Monats Juli passt.

Beim #Writing Friday auf dem Blog von elizzy gab es diesen Monat fünf Themen, von denen mir jedoch zwei nicht genügend Inspiration lieferten. Den im Juni angefangenen Kurzroman mit dem Titel „Als der Regen kam“ habe ich deshalb erneut an das folgende Thema angepasst:

Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Hund, Badeanzug, rosarot, gehüpft, Eiscreme

Ob es ein Happy-End gibt? Der Countdown läuft …

 

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

06 – The final countdown

Der Regen fiel in Strömen auf sie herab, nun mussten sie nur noch warten.

Zehn Einsatzfahrzeuge der Polizei und nochmal genauso viele Busse, mit denen die Randalierer abtransportiert wurden und etliche zusätzliche Anzeigen wegen Sachbeschädigung, so sah die Bilanz einer aus dem Ruder gelaufenen illegalen Party am Samstagnachmittag aus. Eine Party, die auf das Konto eines jungen Mannes ging, der nun so schnell niemanden mehr einladen würde.

Neun– bis zehntausend Euro Schaden würden auf Julian Meister wegen seiner Aktion mit dem Tablet zukommen. Da wurde doch der Hund in der Pfanne verrückt. Nicht nur, dass die Umgebung um den am Morgen noch so idyllischen See nach Beendigung des Einsatzes völlig zugemüllt war, auch einige PKWs der Anwohner und im kleinen Bootshafen liegenden Jollen und Segelyachten hatten etwas abbekommen. Herr und Frau Meister würden toben, denn ob ihre private Haftpflichtversicherung für den Schaden ihres noch schulpflichtigen Sprösslings anstandslos aufkommen würde, blieb noch abzuwarten. Geschah ihm Recht, dachte Laura, aber sie konnte sich nicht freuen. Zu aufgewühlt war sie noch nach dem, was sich in den vergangenen Stunden abgespielt hatte. Todesängste hatte sie ausgestanden, als die Menge der Unbekannten immer größer wurde. „Verrammelt die Tür!“ hatte sie geschrien und ein großes Möbelstück vor die Tür geschoben. Die Angst hatte ihr Bärenkräfte verliehen; die anderen standen nur planlos da und starrten sie entgeistert an.

Acht Uhr war es inzwischen, und noch immer gab es von Alex und Lucy keine Spur. Laura hatte Tom beruhigen und davon abhalten wollen, Andy und David rund zu machen; Andy, weil er Alex eingeladen hatte, einen Fremden. David, weil er diesen dazu gebracht hatte, Lucy mitzunehmen. Schließlich wusste doch jeder Blöde, dass man solchen Typen nicht trauen konnte und dass bei der langen Zeit, die die beiden nun schon verschwunden waren, garantiert etwas vorging. Etwas, das Tom nicht gefiel. Eiscreme ließen die beiden sich bestimmt nicht schmecken. Doch dank des Großeinsatzes, der gerade noch das Schlimmste verhindert hatte, blieb den beiden zwar das Donnerwetter erspart – aber nicht die Peinlichkeit, die Beamten aufs Revier begleiten zu müssen.

Sieben hätten es eigentlich sein müssen, und nun waren es nur fünf Personen, die den Beamten Rede und Antwort stehen mussten. Mit Laura ging es am schnellsten. Sie war den ganzen Nachmittag in der Hütte gewesen und konnte daher nichts über Julians Aktivitäten sagen. Auch aus David bekamen sie nichts brauchbares heraus, da der zwar laut Toms Aussage mit Andy und Julian den Nachmittag auf der Decke mit Zocken und Trinken verbracht hatte, aber sich dann ziemlich schnell betrunken hatte und im Prinzip zu nichts mehr zu gebrauchen war. Und Andy? Der hüllte sich in Schweigen, abgesehen davon, dass ihm Julians Daddelei auf den Zeiger gegangen war und deshalb den Tatort relativ schnell verlassen hatte. Am Ende war jeder dabei gewesen, aber keiner hatte etwas gesehen. Im Prinzip war das auch nicht nötig. Julians Timeline sprach Bände, und sein Tablet würde für die Dauer der Ermittlungen sichergestellt bleiben.

Sechs Kilometer weiter südlich ließ der Regen langsam nach. Froh, dass das Gewitter sie verschont hatte, lösten sich Alex und Lucy aus ihrer Umarmung und überlegten sich, ob es noch einen Sinn hatte, ihre Einkaufstour fortzusetzen. Jetzt hatten sie so lange ausgeharrt, da hatte bestimmt keiner der Läden mehr geöffnet. Auch nicht im Einkaufszentrum. Aber andererseits konnte sich Lucy kaum vorstellen, dass Tom nach diesem Monsun noch auf seiner blöden Nachtwanderung bestehen würde. Der Kauf neuer Schuhe war womöglich gar nicht mehr notwendig. Genauso wenig, wie sie jetzt noch einen Badeanzug brauchen würde – sie wäre gerne nochmal ins Wasser gehüpft, doch wärmer würde es ab jetzt sicher nicht mehr werden. Alex ließ Lucy zuerst aufsitzen, dann schwang er sich auf die Maschine und gab Gas.

Fünf Elternpaare wagten ihren Ohren kaum zu trauen, als sie hörten, was ihre Söhne und Töchter angestellt hatten. Töchter? Tom sank kleinlaut in sich zusammen, als er zugeben musste, dass er keine Ahnung hatte, wo Lucy war. Unverantwortlich nannten sie ihn, dass er seine Schwester mit einem Unbekannten hatte losziehen lassen. Lauras Eltern zogen daraus die Konsequenz und verboten ihrer Tochter kurzerhand den Umgang mit Tom. Aber das alles war eine Kleinigkeit im Vergleich zu Julian, den seine Eltern gründlich in die Mangel nahmen. „Wenn die Rechnung kommt, Freundchen“, hatte sein Vater die Tirade beendet, „sprechen wir uns wieder.“ Bis dahin hatte er Arrest. Mit Andy verfuhren sie nachsichtig, er kam von allen am leichtesten davon, während die Abrechnung mit David noch warten musste, bis er wieder nüchtern war. Ihm ins Gewissen zu reden, hatte in seinem Zustand keinen Sinn.

Vier Kilometer lagen noch vor ihnen. Alex hatte ein ungutes Gefühl, als er sah, wie ihm der erste Polizeibus entgegen kam. Seine Unruhe nahm beim Anblick der ihm entgegenkommenden Autos noch zu, und als die Spuren der Verwüstung in seinem Blickfeld stetig zunahmen, stand sein Entschluss fest.

Drei Uniformierte rollten an der Straße, die zum See führte, das Absperrband zusammen und packten ihre Sachen ein. Mit der Sicherung der Spuren waren sie soweit durch; auf die in Richtung See vorbeirollende Enduro achteten sie nicht. Als sie außer Sichtweite kamen, brachte Alex die Maschine zum Stehen und packte sein Smartphone aus.

Zwei Minuten später waren er und Lucy sich einig, dass sie gar nicht erst zur Hütte zurückfahren, sondern sich gleich auf den Rückweg machen würden. Auf eine Konfrontation mit ihren aufgebrachten Eltern hatte Lucy keine Lust, und um ihr Gepäck machte sie sich keine Gedanken – das würde schon jemand einsammeln. Alex hatte sich bereit erklärt, sie direkt zu Hause abzusetzen, nicht ohne jedoch sie vorher noch nach ihrer Telefonnummer zu fragen. Der Himmel war zwar immer noch etwas grau, aber Lucy sah ihn in rosarot.

Eins hatte sie daraus gelernt: So schnell würde sie nicht mehr mit ihrem Bruder auf Tour gehen, und falls Tom es wagen sollte, kein gutes Haar an Alex zu lassen, dann konnte er sich auf was gefasst machen.

Null Toleranz gegenüber diesen Chaoten!“ – Die Titelstory war kurz, knackig und unmissverständlich. Damit sprach das Revolverblatt den Meisters aus dem Herzen. Gleich nach den Ferien würde Julian auf ein Internat wechseln und dort auch bis zum Abitur bleiben. Dem Mangel an sittlicher Reife würde man dort sehr erfolgreich abhelfen, die Erfolgsquote dieser Institution sprach Bände. Null Verständnis hatten auch Toms und Lucys Eltern für das unmögliche Verhalten ihres Sohnes. Während Lucy glimpflich davon kam – im Grunde waren ihre Eltern froh, dass ihr nichts passiert war – , durfte Tom sich auf Hausarrest bis zum Schulbeginn „freuen“. Das passte ihm zwar nicht, aber was blieb ihm schon anderes übrig? Andy und er waren ohnehin geschiedene Leute, Laura durfte er auch nicht mehr wiedersehen, und David und Julian konnten ihm gestohlen bleiben.

Ja, dieses Wochenende war in mehr als einer Hinsicht ins Wasser gefallen, und ein weiteres dieser Art würde es nicht mehr geben.  

Ende 

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Die Komplettübersicht über die bisherigen Kapitel gibt es jetzt hier. Die ersten vier Kapitel habe ich zum selben Thema (Schreibe eine Geschichte mit dem Anfang „Der Regen fiel in Strömen auf sie herab, nun …“) geschrieben, da ich im Juli auf ein anderes Thema umschwenken musste, habe ich mich auf das mit den fünf einzubauenden Wörtern konzentriert.

Herausgekommen ist ein Kurzroman mit dem Titel „Als der Regen kam“ –   Kapitel 1Party of seven  +++ Kapitel 2 Barbecue on the rocks  +++ Kapitel 3Easy Rider   +++  Kapitel 4 Zeter und Mordio   +++ Kapitel 5Music for the masses

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Die Schreibthemen im Juli lauteten: 1) Du gerätst über eine Zeitmaschine ins alte Ägypten, erzähle von diesem Abenteuer. +++ 2) Emma ist gerade in ein neues Haus gezogen, als sie dort den Wandschrank öffnet weht ihr ein kühler Wind entgegen, sie tritt hindurch und ist in einer anderen Welt… (Erzähle die Geschichte weiter) +++ 3) Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Hund, Badeanzug, rosarot, gehüpft, Eiscreme. +++ 4) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz “Kurt war zum Mörder geboren, könnte man meinen, wenn da nicht…” beginnt. +++ 5) Berichte aus dem Alltag von Simon – ein kleiner bunter Spatz, mit Pilotenbrille und einem mutigen und grossen Herzen.

Und hier sind die Regeln dazu: Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte/ein Gedicht/ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.

„Broken Strings“ : Chapter 41 – Change keeps us moving on

 

Was bringt jemanden dazu, seinen Platz am Mikrofon gegen eine wenig glamouröse Rolle hinter den Kulissen einzutauschen? Mit dieser Frage konnte ich unmöglich alleine dastehen. Aber ich spürte, dass ich dieses Thema besser nicht anschnitt. Bei keinem aus der Band.

War Mikes Vorgängerin nicht klar gewesen, dass man sich sehr oft zweimal oder noch öfter im Leben begegnet, nachdem sie damals alles hingeworfen hatte? Dass Lee für ein Plattenlabel als zukünftiger Kontakt nun ihren ehemaligen Kollegen gegenüber stand, sollten diese wirklich bei dem Label unterschreiben – diese Überraschung hatte eingeschlagen wie eine Bombe. Dass sie sich auf den Deal einlassen würden, war zu erwarten, denn CeCes Angebot war einfach zu verlockend.

Vor allem für Brian, der so langsam ahnte, dass es für ihn nur eine Frage der Zeit war, bis er an seine Grenzen stieß, wenn er seine Leute selbst managte. Er verfügte zwar über eine Menge Kontakte, aber mit den richtigen Leuten im Rücken würde sich ihr Radius enorm vergrößern. Was für ein Karriereschub!

Hinzu kam außerdem noch, dass ihm nach und nach bewusst geworden war, wie gerne er früher selbst Bassgitarre gespielt hatte und wie sehr ihm die gemeinsamen Sessions fehlten, auch wenn er dies anfangs nicht hatte wahrhaben wollen. Mit Danny an der Gitarre und Mark am Bass waren sie bisher gar nicht so schlecht gefahren, aber wenn er ehrlich zu sich selbst war, so hatten ihm die Songs, die sein Bruder vor der Umbesetzung geschrieben hatte, deutlich besser gefallen.

Kein Wunder, dass der Anteil gecoverter Songs in ihren Shows immer noch so hoch war. Vielleicht war der Wechsel zu diesem Label genau die Veränderung, die sie brauchten. Er konnte sich wieder der Musik widmen und Mark dem Schreiben von Songs. Wieder und wieder hatte er den Vertrag studiert und keine Fallstricke darin finden können; und auch stundenlange Diskussionen mit seinen Jungs änderten an der Erkenntnis nichts, dass es nur einen Haken daran gab: In Zukunft würden sie Lee vor der Nase haben.

Natürlich lautete das einstimmige Urteil „accept and sign“, denn sie fanden an dem relativ überschaubar gehaltenen Vertragswerk nichts auszusetzen, und dass sie ihre Tournee wie geplant beendeten, stellte dabei kein Problem dar: Viele Konzerte waren es ohnehin nicht mehr. Eine Handvoll, mehr nicht, und sie fanden in kleineren Städten entlang der Route nach Craigellachie statt.

Zum Abschluss waren sie nachmittags bei einem kleinen Sender in der Nähe von Vancouver zu Gast, gefolgt von einem zweistündigen Konzert am Abend des selben Tages.

Was tut man nicht alles für seine Leute, dachte ich, auch wenn dazu gehört, dass man hunderte von Kilometern hin und her fährt und es unter neuer Flagge im Anschluss daran direkt weitergeht?

CeCe schien keine Zeit verlieren zu wollen. Mit weiteren Auftritten bei verschiedenen Radiosendern, Konzerten rund um Vancouver und einem kurzen Auftritt in den Pausen bei einem Eishockeyspiel der Junioren der BCHL war der Terminkalender im Nu gut gefüllt. Ihrer Meinung nach bedeutete Ausruhen Stillstand, und Stillstand war keine Option. Change keeps us moving on?

Ein Motto, bei dem ich mir sicher war, es früher schon einmal gehört zu haben, von dem ich aber nicht mehr wusste, wo – es war an sich bestimmt nicht verkehrt, aber ich bezweifelte, dass damit endloses Pendeln gemeint war. Pendeln hatte ich noch nie gemocht, und dass mir das erspart bleiben würde, war das einzig Gute, das ich meiner bevorstehenden Abreise abgewinnen konnte.

Wie praktisch, dass der letzte Auftritt von OxyGen, den ich noch erleben würde, auf einen Samstag fallen würde. Am Zwanzigsten hieß es Abschied nehmen, und dann würde auch schon alles hinter mir liegen. Flüge an einem Sonntag waren günstiger, hatte ich mir sagen lassen, und wozu den Abschied noch länger hinauszögern als nötig? Bedauerlicherweise würde ich das Spiel der Grizzlies gegen die Eagles, das für den 26. Oktober angesetzt war, nicht mehr erleben. Aber das war mein kleinstes Problem.

♪♫ ♪ All your plans are made now. Just like they told you. So what becomes of Monday now that Sunday’s gone ♪♫ ♪

Die Musik kreischend laut, die Worte blanker Hohn: in meinem verkaterten Zustand versuchte ich verzweifelt, die aufsteigende Übelkeit zu bekämpfen. Ein sinnloses Unterfangen bei den Kopfschmerzen, die direkt aus der Hölle auf mich losgelassen worden waren. Am liebsten hätte ich dieses elende Radio zertrümmert.

Aber Sachbeschädigung an Hoteleigentum würde mir auch keine Linderung verschaffen und war daher keine Lösung. Ich hatte so weiche Knie, dass ich nicht einmal aufstehen und nach einem Alka Seltzer fragen konnte. Kalter Schweiß stand mir auf der Stirn.

Wie ich es geschafft hatte, mir mit einem Becher Kaffee den Weg zu einem der Tische zu bahnen, war mir ein Rätsel, für das mir keine Lösung einfiel. Und näher darüber nachzudenken, lohnte sich nicht, sondern würde die durch zu viel Hochprozentiges verursachte Misere nur auf die nächste Spitze treiben.

Triangle – der Tod kommt in Wellen: Auch wenn es eigentlich „Die Angst kommt in Wellen“ hieß – genau so fühlte ich mich, derweil die nicht abzustellende Sinfonie für einen Presslufthammer und zwei Kreissägen aus dem Radio des Grauens die nächste Woge herantrug.

Erleichterung war nicht in Sicht. Warum nur hatte ich mich dazu hinreißen lassen, bei der Feier zum gelungenen Abschluss so über die Stränge zu schlagen? Wer auch immer auf die zweifelhafte Idee gekommen war, eine Runde Shots zu ordern und dann noch eine und noch eine und noch eine, hatte die Rechnung nicht mit mir gemacht, denn bei dem Trinkspiel hatte ich mich auf die eher nicht so clevere Strategie verlegt, mich absichtlich dumm zu stellen, damit ich bei jeder falschen Antwort dem Nachbarn zu meiner Linken zuvor kam.

Jetzt, wo Sue wieder ein Team mit Madlyn bildete und es bei der Elektrik für mich nicht wirklich viel zu tun gab, war ich wieder an dem Platz gelandet, an den mich Brian vor Sues Erkrankung hatte stellen wollen. Korrektur: gestellt hatte. Attention please, here comes Andrea McAllister, the Super Nanny for…

Push. The. Button. Statisches Rauschen, dann wurde an den Knöpfen herumgefummelt, und die höllenartige Lautstärke auf ein erträgliches Minimum reduziert. Schritte kamen näher, und als nächstes schoben sich zwei Sprudeltabletten und ein Glas Wasser in mein Blickfeld, gefolgt von einem Tütchen mit Zitronensaft: Brians Rosskur, die sich schon einmal bewährt hatte.

Nur war diesmal Mike der Sanitäter. Allein schon der Gedanke an Brians Allheilmittel brachte mich an den Rand des erneuten Erbrechens. Heute morgen kam nicht nur die Übelkeit in Wellen, sondern auch die Erinnerung. Wer nachts den Porzellangott anbetet, muss sich am folgenden Morgen nicht über schmerzende Zähne und über einen unberührten Kaffeebecher wundern.

Egal, was ich zu mir nahm, mein angegriffener Zahnschmelz funkte bei jeder Berührung ein Alarmsignal an mein Gehirn, gefolgt von Lichtblitzen so hell wie das Stroboskoplicht in dem Club, in den wir nach dem Konzert in der vergangenen Nacht noch eingefallen waren. Oh Lord, schwor ich mir, feiern wirst Du so schnell nicht mehr! Jedenfalls nicht so.

Wusste ich doch, dass ich Dich hier finde, Süße“, sprach Mike mit ruhiger Stimme und schwang sich neben mich auf die Bank, dann drückte er mir das Glas mit der sprudelnden Flüssigkeit in die Hand.

Wie fürsorglich von ihm, die Tabletten hineinzuwerfen, denn ich war offenbar ja nicht in der Lage dazu, so gelähmt, wie ich als Häufchen Elend über dem Tisch hing. „So schnell, wie Du heute morgen verschwunden bist, hab ich mir so was schon gedacht.“

Gut beobachtet und kombiniert, aber dass er so früh wach war, fand ich ungewöhnlich. Normalerweise schlief er bis in die Puppen, und nach dieser Party hätte ich das erst recht erwartet. Es tat mir leid, dass meine Geräusche ihn wahrscheinlich aus dem Schlaf gerissen hatten, als ich mir im Badezimmer Erleichterung verschafft hatte, und danach war ich hellwach und nicht in der Lage gewesen, wieder einzuschlafen. Dazu hatte in mir alles viel zu laut nach frischer Luft und starkem Kaffee geschrien.

Mich hier zu vermuten, dazu brauchte es keine Fähigkeiten eines Sherlock Holmes. Dass mir Zahnschmerzen nun einen Strich durch die Rechnung machten und mich das aus dem Becher emporsteigende Aroma regelrecht anwiderte, konnte jedoch niemand wissen. Dass Mike dies trotzdem ahnte, sprach für ihn und seine Menschenkenntnis.

„Au weia, Dich hat es ja ganz schön erwischt“, bedauerte er mich, als er sah, welche Grimassen ich zog. Aber das sprudelnde Gesöff sollte ja auch nicht schmecken, sondern helfen. „Aber welchen Tag wir heute haben, weißt Du schon noch.“

Alkohol tötet zwar Gehirnzellen, aber nicht so viele, dass mich meine Erinnerung im Stich ließ: „Ja, Sweetheart, den Dreizehnten.“

Dass er sich für mich anfühlte wie ein Freitag und nicht wie ein Sonntag, musste ich ihm gegenüber nicht extra betonen, und ich hatte keine Ahnung, wie ich den Tag in diesem Zustand überstehen sollte: mit einem Kater der übelsten Sorte

Cat content not approved; and when you wake up with a hangover it is not clever to go on with the same drinks you had the night before… stöhn! Und schon gar nicht, wenn Du heute Abend noch einmal auf die Bühne musst, denn schließlich hat morgen ganz Kanada wegen des Feiertags auch noch frei, und da könnt Ihr heute noch einmal so richtig aufdrehen.

Beste Voraussetzung, das Erntedankfest angemessen zu feiern, nur war mir danach überhaupt nicht.

Ja, und ab jetzt läuft der Countdown“, ließ Mike fallen. – Gut gemacht, Darling, Vive la France! Musste er mir ausgerechnet jetzt unter die Nase reiben, dass uns so langsam die Zeit davonlief? „Mittwoch spielen wir in Craigellachie, und am Wochenende sind wir zurück in Vancouver.“

Vielen Dank für die Aufzählung Eures Tourneeplans: Wie schön, dass ich ihn nun endlich auswendig konnte. Nur, was nützte mir das jetzt noch?

Wie gesagt, ab jetzt läuft der Countdown. Aber vielleicht müsste er das gar nicht…“

Ach… nicht? Was sollte das denn jetzt? Doch noch bevor ich ihn das fragen konnte, stand er auf und verließ den Frühstücksraum. Wirklich super, Mr. Mitchell! Erst kryptische Äußerungen und mir falsche Hoffnungen machen, und dann still und leise verschwinden – wie ich das liebte! Es gab Tage, da hätte ich am liebsten…

MM: ♪♫ ♪♫ ♪♫ Live baby live …. ♫ ♪♫ ♪♫ ♪ – „Listen to this, Baby! Why dont‘ you …. youtube.com/watch?v=P2BJUGJR5fw“.

Entgeistert starrte ich auf das Standbild mit einem altmodischen Plattencover. Das Lied kannte ich doch aus „Dirty Dancing“! Why don’t you stay just a little bit longer – was wollte er mir damit sagen? Bedeutete das wirklich, dass…

Am liebsten hätte ich „Should I stay or should I go“ zurückgefunkt und war bereits im Begriff, nach dem entsprechenden Link auf youtube zu suchen, da kam er auch schon wieder zurück, dicht gefolgt von Brian, der sich mit einem großen Pott Kaffee zu uns an den Tisch setzte, um mir in aller Ruhe einen Ausweg aus meinem Dilemma zu zeigen. Was immer ihm Mike erzählt haben mochte – plötzlich war alles ganz einfach.

Ich habe mich erkundigt – es gäbe da tatsächlich eine Möglichkeit“, begann er. „Alles, was dazu nötig ist, sind ein paar Formulare, und schon könntest Du Deinen Aufenthalt hier ohne weiteres verlängern.“

Wenn das mal nicht zu einfach klang, und vor allem so verlockend: Ich hätte nur noch Touristenstatus, was bedeutete, dass ich keiner bezahlten Arbeit nachgehen durfte. Wow, was für ein Einfall! Sollte das wirklich die Lösung sein? Zweifelnd sah ich ihn an, und ich fragte mich zum einen, wann er darauf gekommen war und außerdem, wo der Haken an seinem durchdachten Plan war.

Mike war natürlich sofort Feuer und Flamme und ließ mir vor lauter Begeisterung gar keine Zeit zum Nachdenken, so erwartungsvoll, wie er mich ansah: „Sprachlos, Süße? Ist doch eine super Idee!“

Fehlte nur noch, dass er damit herausrückte, dass er das von Anfang an im Sinn gehabt hatte, der Heuchler. Von wegen, Du lässt mich in dem Glauben, dass Brian ganz von alleine darauf gekommen ist.

„Füll einfach so ein ETA-Dingens aus, oder wie das heißt – und du reist privat mit uns mit… “ – Mit uns? Du meinst wohl ‚mit Dir‘? Ganz so naiv, wie Du glaubst, bin ich dann doch nicht. – „… und zwar als meine Begleitung. Work & Travel war gestern. Ab jetzt genießt Du das süße Leben.“

Work & Travel war gestern… Das klingt doch stark nach ’21st Century’s yesterday’… Das süße Leben? Na klar, meldete sich meine innere Stimme, als ob ich nicht wüsste, dass Du Dir diese Chance nicht entgehen lässt, unsere Beziehung endlich offiziell zu machen, damit es auch der Dümmste kapiert… Steckte am Ende vielleicht genau das hinter „Brians“ Vorschlag?

Good-Bye Work & Travel – Hallo Süßes Leben?“ nahm ich beide ins Visier. „Netter Versuch, Leute – aber jetzt mal im Ernst. Denkt Ihr wirklich, dass mir das auch nur ein Mensch glaubt? Im Winter. Bei Minus 40 Grad. Ganz ehrlich: Welcher Touri tut sich freiwillig diese Hölle aus Eis und Schnee an?“

Doch Brian blieb hartnäckig: „Hölle aus Eis und Schnee… Soll ich Dir mal was sagen? Wenn Du nur überzeugend genug auftrittst, glaubt man Dir alles. Und wenn jemand mit frostigen Temperaturen kein Problem hat, dann doch wohl Du.“

Guter Punkt, einen Winter hatte ich bereits überstanden, da war der kommende doch geradezu ein Klacks. Das war das Stichwort für Mike, der sich nicht zurückhalten konnte und unbedingt noch einen draufsetzen musste.

„Und wenn’s dir zu kalt wird, wüsste ich eine Möglichkeit, Dich zu wärmen…“ Unverschämtes Zwinkern – da hatte wohl jemand Oberwasser. Doch der Witz lief ins Leere, zumindest bei seinem Kollegen.

Der räusperte sich vernehmlich, denn er liebte es gar nicht, wenn ihm jemand mit unpassenden oder gar anzüglichen Bemerkungen die Schau stahl.

„Ha ha, sehr witzig, Mitchell“, fiel er ihm ins Wort. „aber Dein Typ ist zur Abwechslung mal nicht gefragt.“

Spätestens jetzt wünschte er sich bestimmt, dass er lieber mit mir unter vier Augen gesprochen hätte. Und nun erwartete er von mir eine Antwort, doch ich stand noch immer etwas neben mir, obwohl ich nach dieser Ankündigung schlagartig nüchtern geworden war.

Was soll ich sagen?“ Ich war sprachlos.

Sag am besten jetzt erst mal gar nichts und komm nachher bei mir vorbei, wenn Du wieder fit bist.“ lautete seine Antwort.

Puh, da hatte ich nochmal Glück gehabt, denn in diesem Moment hätte ich garantiert das Falsche gesagt. Und damit stand er auf und schob Mike, der am liebsten an meiner Seite geblieben wäre, in den Gang. Was war ich froh, dass er so viel Taktgefühl besaß, mir meinen Liebsten vom Hals zu halten. Es gab Entscheidungen, die man am besten nicht aus dem Bauch heraus traf, sondern nach gründlichem Nachdenken.

Und das konnte ich immer noch am besten, wenn ich erstens komplett nüchtern und zweitens alleine war und niemand an mir klebte. Einfach war das nicht, denn wenn sich irgendwo eine Tür öffnet, die einem das Bleiben ermöglicht – wer würde da nicht hindurch gehen? Eine solche Tür hatte sich gerade für mich aufgetan, und allein schon der Gedanke, dass die bevorstehende Trennung im letzten Augenblick doch noch abgewendet werden konnte, ließ mein Herz vor Aufregung höher schlagen.

Ach ja, die Liebe… Andererseits hieß es, dass man gehen soll, wenn es am schönsten ist, und die Pessimistin in mir musste auch noch ihren Senf dazu geben: Ja, mach nur. Geh zu Brian und füll mit ihm die Formulare aus. Gratulation! Schön, Du hast ein paar Monate Zeit gewonnen. Und dann?

Heute weiß ich, dass man gehen soll, bevor es schlimmer wird und ich besser auf die Pessimistin und nicht die Traumtänzerin gehört hätte, denn wenn das Chaos regiert, kommt das böse Erwachen dann, wenn niemand damit gerechnet hat.

Dienstags-Gedudel #27 : Zu Gast in der Welt des Sports – Teil 6

 

Madonna verfolgt mich.

Gerade bin ich dabei, meiner Monatsrückschau für gesehene Filme den letzten Schliff zu verpassen und habe mir mit „Express yourself“ einen echten Ohrwurm eingehandelt – und „Ray of Light“ höre ich neuerdings schon nachts im Traum. My stars!

Da sich mein heutiger Beitrag zum nicht abwertend gemeinten „Dienstagsgedudel“ mit Sport im weitesten Sinne beschäftigt (https://youtu.be/EDwb9jOVRtU), gibt es heute nicht „Express Yourself“, sondern „Hung up“ mit einem kultur- und generationsübergreifenden Remix:

Das kommt dabei heraus, wenn Aerobic, Parcouring und HipHop-Tanzen aufeinander treffen und ABBAs Hit „Gimme Gimme Gimme“ verwurstet wird.

Madonna als Vorturnerin? Nächstes Mal dann doch lieber nochmal Express Yourself. Aber nicht bei dieser schönen Aktion von nellindreams.