# Writing Friday 2020 – Mai, 22. Woche : Das Protokoll

 

Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich wirklich jede Schreibaufgabe des #Writing Friday auf dem Blog von elizzy annehme, denn die erste hatte es für mich in sich:

David wird aus dem Gefängnis entlassen. Berichte in Rapportform, was seine Straftat war.

Was Paragraphen des Strafgesetzbuches die Längen von Haftstrafen angeht, habe ich keine Ahnung, und Berichte zu schreiben, ist weniger meins. Trotzdem kann ein Versuch nicht schaden.

 

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Das Protokoll

Entlassene Person: David V

Ort, Datum: Hamburg, 29. Mai 2020

Datum der Straftat: 7. Juli 2017

Datum des Haftantritts: 29. Oktober 2017

Ort der Straftat: Hamburg, G20-Gipfel

Begangene Straftat: Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte in Tateinheit mit Körperverletzung, schwere Sachbeschädigung und schwerer Landfriedensbruch nach § 114 StGB

Erläuterung zu dem Strafmaß: Bei einer während des G20-Gipfels eskalierten Demonstration „Welcome to Hell“ kam es zu Ausschreitungen, in deren Verlauf im Hamburger Schanzenviertel Fahrzeuge, Geschäfte und Banken zerstört wurden. Bei dem Polizeieinsatz wurden Steine, Gehwegplatten und Molotowcocktails auf die im Einsatz befindlichen Ordnungskräfte geworfen.

Trotz Vermummung wurde Herr V. wenig später zweifelsfrei als derjenige identifiziert, die einen namentlich nicht näher benannten Polizisten mit Flaschen bewarf. Mit ihrem Angriff auf die Ordnungskräfte haben die gewalttätigen Demonstranten billigend deren Tod in Kauf genommen.

Wegen angenommener Fluchtgefahr wurde Herr  V umgehend in Untersuchungshaft genommen. Die dort abgesessene Zeit wird nicht auf die Gesamtlänge der Haftstrafe angerechnet.

In seiner Urteilsbegründung erklärte der Richter: „Polizeibeamte sind kein Freiwild für die Spaßgesellschaft“ und „wer diejenigen angreift, die – notfalls mit ihrem Leben – 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr für Sicherheit sorgen, der greift unser Staatsgefüge an und muss die volle Härte des Gesetzes spüren“.

Nach Aushändigung seiner persönlichen Gegenstände wird Herr V umgehend des Landes verwiesen.

Ausgehändigte Gegenstände: Kleidung, Schlüsselbund, 90 Euro Bargeld, Mobiltelefon.

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Leider war ich nicht ganz so kreativ und habe meinem Protokoll einen tatsächlichen Fall zugrunde gelegt – die Ausschreitungen während des G20-Gipfels in Hamburg und die Verurteilung eines Niederländers zu 31 Monaten Haft. Der genannnte Paragraph war zum Zeitpunkt der Urteilsverkündung tatsächlich neu.

Die Schreibthemen im Mai lauteten:

1) David wird aus dem Gefängnis entlassen. Berichte in Rapportform, was seine Straftat war. +++ 2) Welches ist das älteste Buch auf deinem Stapel ungelesener Bücher? Stell es uns vor, wieso hast du es noch nicht gelesen? +++ 3) Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Warnung, unglaublich, Windmühle, vergessen, gelogen +++ 4) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz „Er war sich seiner Sache so sicher, dass er…“ beginnt. +++ 5) Schreibe die letze(n) Szene(n) einer Geschichte und beende diese mit “Das war doch mal ein richtiges Abenteuer!“

Und die Regeln:   Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte/ein Gedicht/ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.

„Broken Strings“ : Chapter 21 – Twenty-four seven

Der Gedanke, die Twenty-four-Seven-Rundumbetreuung für jemanden zu übernehmen, der sein Limit nicht mehr kannte, bereitete mir leichtes Unbehagen. John mochte ich wirklich, aber mir widerstrebte, dass die ganze Verantwortung bei ein, zwei Personen liegen sollte, während die anderen aus der Nummer raus waren. Aber waren sie das wirklich?

Auf den ersten Blick sah es so aus, als hätte Brian uns einen fairen Deal vorgeschlagen: Den Job als Elektriker bist Du jetzt zwar los, bleibst uns aber für weitere sechs Wochen erhalten – als Aushilfsroadie und Bodyguard.

Zwei Jobs gleichzeitig, Andrea, Du Glückspilz! Andere können von so viel Abwechslung während ihres Work-and-Travel-Jahres nur träumen.

Dabei war dieser Deal in Wahrheit alles andere als fair, denn ich sah Johns Bandkollegen mindestens genauso in der Verantwortung, zumal sie einander schon viel länger kannten und auch auf längere Sicht ein Team bleiben würden, wenn ich nicht völlig falsch lag. Ich dagegen…

Andrea? Ich weiß, so hast Du Dir das Ende Deiner Zeit bei uns nicht vorgestellt…“

 Meinst Du mit ‚uns‘ Deine Landsleute im Allgemeinen oder Deine Band im Speziellen?

„… und wahrscheinlich verlange ich viel von Dir…“

Oh ja, wenn Du wüsstest…

„… aber das Ganze klingt wilder, als es tatsächlich ist. Ihr sollt ihn lediglich im Auge behalten.“

Ihn im Auge behalten? Ich muss schon sagen, Du hast ja einen sonnigen Humor. Als ob das so einfach wäre.

Innerlich verfluchte ich mich zum x-ten Mal dafür, dass ich meine vorlaute Klappe nicht gehalten hatte und für meinen blöden Spruch mit den Freunden, die aufeinander achtgaben. Aber wenn ich jetzt mit Diskutieren anfing, stand ich wie eine Heuchlerin und der allerletzte Feigling da, der viel redete, wenn der Tag lang war, aber einen Rückzieher machte, wenn es darauf ankam. Für ihn war es beschlossene Sache, dass Mike und ich uns um ihn kümmerten, und mit John hatte er auch schon gesprochen, also war doch alles in Butter. Oder etwa nicht? Nun, wir würden sehen.

Für den Rest des Tages waren die üblichen Sicherheitschecks durch mich und meine Kollegen, Bandproben, Licht- und Soundcheck angesagt, und zum Schluss natürlich das Konzert, bevor einige freie Tage vor uns lagen. Jeder andere wäre froh gewesen über die viele Freizeit, ich aber sah ihnen mit gemischten Gefühlen entgegen. War es wirklich so clever, schon wieder eine Pause zwischen den Auftritten einzulegen, und dann noch drei Tage am Stück, anstatt jeden Abend eine Show abzuliefern? Wenn ich mir aber andererseits überlegte, wie mein Tagesablauf an Konzerttagen aussah, dann musste eine Unterbrechung einfach sein, wenn ich nicht geradewegs in den Burnout rutschen wollte.

Ihn im Auge zu behalten, galt das auch für den Auftritt am Abend? Mir graute schon davor, keine freie Minute mehr für mich zu haben, da tat es nun wirklich nicht Not, dass ich während der Show auf meinem Platz im Backstagebereich wie festgetackert sitzenblieb. Irgendwie hatte es sich eingebürgert, dass ich für meine Kollegen eine Runde alkoholfreies Bier oder andere gekühlte Softdrinks holen ging, denn obwohl wir genügend Wasser mit dabei hatten, war unser Vorrat aus Platzgründen begrenzt. Nicht überall funktionierte die Kühlung, und in solchen Fällen jedes Mal zum Bus zu laufen, wo wir die Flaschen lagerten, entfiel aus Gründen der Bequemlichkeit.

Andrea zum Getränkeholen loszuschicken, ist doch so viel einfacher, nur an ihrem Timing sollte sie noch arbeiten. Ach ja, und wenn wir schon beim Timing sind: In ein paar Wochen wirst Du alle Zeit der Welt haben und tun und lassen können, was dir beliebt.

So, Andie, wie sieht’s aus?“ riss mich Dave aus meinen Betrachtungen. „Bradley und die anderen wollen noch auf ’ne Runde Billard ins Checkers“.

Oh Gott, anscheinend wollte heute Nacht alle Welt in diesen vermaledeiten Pub. Das machte es zwar einfacher, meinen Auftrag auszuführen, aber andererseits hatte ich an meine letzte Billardrunde keine guten Erinnerungen, oder besser gesagt an das, was danach passiert war. Außerdem stand mir nicht der Sinn nach Highlife und Trubel durch hartnäckige Fans, oder – noch schlimmer – nach einer weiteren Konfrontation mit Sue, die garantiert auch mit von der Partie war. Wenn ich Leslie richtig verstanden hatte, hatten sich später die gleichen Leute in einer ähnlichen Konstellation zu einer Art Revanche zusammengefunden, nur dass an meiner Stelle Sue in Ryans und Bradleys Team eingestiegen war.

Während sie dadurch auf den Geschmack gekommen war, hatte ich mich zurückgezogen und beschlossen, mich von sportlichen Aktivitäten dieser Art fernzuhalten. Oder von sportlichen Aktivitäten jeglicher Art? Aber was sollte ich ihm antworten? Müdigkeit vorzutäuschen, war in diesem Fall keine Alternative. Und die Lüge würde so oder so auffliegen.

Ach, ich weiß nicht… Billard ist vielleicht dann doch nicht ganz so meins“, entgegnete ich lahm. „Außerdem habt Ihr doch jetzt adäquaten Ersatz. Wozu braucht ihr mich dann noch…“

Gut, den letzten Satz konnte ich mir gerade noch verkneifen; er konnte auch so verstehen, worauf ich hinaus wollte.

„Aber auf einen Drink komme ich gerne mit.“

Auf einen Drink? Virgin Colada, Coconut Kiss, Safer Sex on the Beach? Oder lieber doch Heineken alkoholfrei?

Bei dem Gedanken schüttelte es mich, denn bevor ich mir so ein bierähnliches Getränk ohne Umdrehungen einverleibte, trank ich dann doch lieber Root Beer oder Ginger Ale. Die trugen zwar die Bezeichnung „Bier“, waren aber um Längen genießbarer als diese dünne Plörre aus Holland. Und um echtes Bier machte ich lieber einen großen Bogen. Wenn ich schon den Keyboarder der Band im Auge behalten sollte, wie Brian sich so schön ausgedrückt hatte, dann war es unerlässlich, dass ich nüchtern blieb.

Okay. Dann vielleicht Darts?“

Auch hier war ich geneigt, den zweiten Vorschlag zu einer Runde Pub-Sport abzulehnen, doch dann hatte ich eine Eingebung. Waren Danny und John nicht die ungekrönten Könige im Darts? Wenn ich mich richtig entsann, hatten sie immer dann, wenn sich die Gelegenheit bot, nach Pfeilen gefragt, und das sogar recht häufig. Wenn uns das nicht die Möglichkeit gab, ihn im Blick zu haben und gleichzeitig vor dem nächsten Vollrausch zu bewahren, ohne dass er den Eindruck bekam, dass wir ihn überwachten oder gar bevormundeten, dann wusste ich auch nicht.

Der einzige Haken an diesem Plan war, dass weder Mike und ich bei diesem Geschicklichkeitsspiel eine gute Figur machten. Wenn uns also jemand die Feinheiten dieses Sports beibringen konnte, dann waren es John und Danny. Und ich wusste auch schon, wer meinen Darts-Crashkurs übernehmen würde; vorausgesetzt, wir kamen überhaupt zum Spielen.

Du musst den Pfeil so halten…“ John stand genau hinter mir und korrigierte die Haltung meines ausgestreckten Arms. Dass ein paar Pfeile auf eine runde, in zwanzig Segmente eingeteilte Scheibe zu werfen und irgendeins der Felder zu treffen, so schwierig sein würde, darauf wäre ich im Traum nicht gekommen. Bei Danny und John sah das so leicht aus, wenn sie warfen und genau die gewünschten Felder trafen, von ein paar gelegentlichen Ausreißern abgesehen. Locker aus dem Handgelenk werfen, das sagte sich so leicht. Einen tollen Instructor hatte ich mir da ausgesucht.

Ironischerweise musste ich gerade jetzt an unser Billardturnier denken, als ich mich Ryan entzogen hatte, als er den ältesten Trick der Welt an mir ausprobieren wollte: Wir nehmen die Einweisung in die korrekte Körperhaltung zum Vorwand, um dem Object of Desire näherzukommen. Nein, das hier war nicht im Mindesten damit vergleichbar: Hier musste ich mich gar nicht erst aus irgendeiner unliebsamen Situation befreien, denn zum Glück verzichtete mein Einweiser auf derartige Mätzchen. Wie gut, dass es ihm wirklich bloß um Verbesserung meines Handicaps ging, denn wenn es anders gewesen wäre, hätte diese Taktik selbst dem Dümmsten auffallen müssen.

Wenn ich mich aber so umsah, hätte niemand der Anwesenden Verdacht geschöpft, denn sie waren alle viel zu sehr mit ihrem eigenen Kram beschäftigt: Mike, der zwischendurch Getränke für uns vier holte, bevor er als nächster mit Werfen dran war; Bradley, Madlyn, Sue, Dave, Leslie und Ryan, die in zwei Teams gegeneinander Billard spielten; Mark und Brian sowieso – sie saßen in einer Ecke am Tisch und unterhielten sich angeregt miteinander. Wahrscheinlich über Teile des weiteren Tourneeplans. Von Kevin war weit und breit nichts zu sehen, und von den beiden Roadies, auf die ich gut verzichten konnte, erst recht nichts. War bestimmt auch besser so.

Im Hintergrund dudelte die Jukebox, und plötzlich war mir danach, für musikalische Abwechslung zu sorgen. Gerade erst hatte ich wieder einmal zwei von drei Pfeilen außerhalb der Scheibe in der Wand versenkt, und mit dem dritten magere fünf Punkte erzielt. Was für ein gnadenlos schlechtes Ergebnis. Damit war noch nicht einmal ein Trostpreis zu gewinnen, aber wie gut, dass vorerst jeder für sich spielte, ansonsten hätten mich meine Teamkollegen nach dieser Leistung sicher gerne auf den Mond geschossen. Doch das war nicht das einzige, das von mir kritisch unter die Lupe genommen wurde; die Jukebox wurde es ebenso.

Ein Blick auf die Songauswahl in dem Kasten genügte, um zu erkennen, dass hier jemand seiner Vorliebe für Rock’n’Roll frönte: Jede Menge Scheiben von Elvis Presley, Bill Haley & The Comets, Jerry Lee Lewis und anderen Stars der Fünfziger und Sechziger Jahre. Das volle Programm – die geballte Ladung. Nicht ein Song aus den Achtziger Jahren war dabei. Schön, so bestand wenigstens nicht die Gefahr, dass irgend ein Ochse mit „Don’t you forget about me“ daher kam.

Ich war nicht scharf darauf, das gleiche Drama wie nach unserem Billardturnier zu erleben, und dass Mike über so ein Szenario wenig erbaut sein würde, konnte ich mir leicht ausrechnen. Gut, und welches Schweinderl nehmen wir denn nun? Feels like… Rock around the clock! Bill Haley fand ich fast noch besser als Elvis, und so passend. Schließlich sah ich mich rund um die Uhr ackern. Jetzt noch eine Runde Drinks für mich und meine Mitspieler, und es konnte weitergehen. Die Herren waren nämlich wieder einmal fleißig am Debattieren, nachdem sie sich gerade erst von einem Grüppchen Autogrammjägerinnen verabschiedet hatten.

Neugierig beschleunigte ich meine Schritte. Die Fans waren mir Wurst; mich beschäftigte etwas anderes: Wehe, Ihr lästert über mich; denn so wie Ihr in meine Richtung schaut und mich mustert, traue ich Euch inzwischen alles zu! Nu pagadi, den Zahn werde ich Euch ziehen.

Meine Befürchtungen waren jedoch unbegründet. Man beratschlagte nämlich, dass es doch viel cooler wäre, wenn wir in Zweierteams gegeneinander antreten würden, und da es höchst unfair wäre, zwei Anfänger gegen zwei Profis spielen zu lassen, hatte man beschlossen, dass es jetzt an der Zeit wäre, die Karten neu zu mischen. Mein neuer Partner sollte nun also Danny sein, während Mike und John ein Team bildeten. Auf wessen Mist war denn diese Idee gewachsen? Ich hätte wetten können, dass die Herren es bei der bisherigen Konstellation belassen hätten, wenn ich nicht so einen grottigen Auftritt hingelegt hätte.

Wenn ich jemandem ein neues Spiel oder eine Sportart beibringe, möchte ich meinen Schüler auch gerne als Partner behalten. Schon allein, um zu sehen, wie er sich im Wettbewerb macht, und wenn er gut ist, wäre ich ja schön blöd, ihn an die Gegenseite abzugeben.

Das konnte nur eins bedeuten: Er wollte mich loswerden, weil er sich von Dannys Schützling mehr versprach. Weshalb Danny dem zugestimmt hatte, war mir schleierhaft, und vielleicht war ich am Ende gar nicht so schlecht, wie ich mir einbildete. Aber mich vor vollendete Tatsachen zu stellen, zeugte in meinen Augen nicht gerade von sportlicher Fairness, doch je länger ich darüber nachdachte, desto weniger übel fand ich die Idee. John hielt sich zwar für einen tollen Coach, aber ich hatte ein paar Mal gesehen, wie er warf, und da schnitt Danny im Vergleich zu ihm einfach etwas besser ab. Die Teams, mit deren Konstellation ich deshalb am Ende gar nicht so unzufrieden war, standen nun fest. Jetzt blieb nur noch zu klären, welche Variante wir spielen würden.

Hallo Andrea“, begrüßte mich Danny, während er mir das Tablett mit zwei Ginger Ale und zwei Foster’s Lager abnahm und auf unserem Tisch abstellte. „Beruht Deine Songauswahl auf Intuition?“

Nanu, was war denn mit dem los? Ob meine Songauswahl auf Intuition beruht? Intuition wofür? Ich musste ziemlich ratlos in die Gegend geschaut haben, denn die Erklärung für diese Frage lieferte er sogleich nach.

„Na ja, meine Idee war, erst mal eine Runde ‚Around the Clock‘ zu spielen, damit ihr ein Gefühl für das Board, die Felder und die Darts bekommt, und danach dann das übliche 301- oder 501-Match.“

Danny Rodriguez, aha – damit wir ein Gefühl für das Spiel bekommen; haben wir jetzt nicht lange genug geübt? Und wie lange soll unser Match Deiner Meinung nach dauern? Warum nicht gleich 701 oder 1001?

Around the clock – bei dieser Variante mussten wir erst die Eins, dann die Zwei mit einem Pfeil treffen, und zwar im Uhrzeigersinn, bis der Erste die 20 erwischte und damit das Spiel gewann. Ein Überspringen des nächsten Feldes war jedoch nur bei einem sogenannten Double-Wurf möglich, und bei einem Triple-Wurf konnte man das überübernächste Feld in Angriff nehmen. Herzlichen Glückwunsch – das konnte ewig dauern, so laienhaft, wie Mike und ich warfen, und wenn er dann noch die Turniervarianten „301“ oder „501“ in Betracht zog…

Das würde eine lange Nacht werden, dachte ich und liebäugelte mit einem großen Becher starken Kaffees, den ich dem Ginger Ale bei diesen Aussichten jetzt doch lieber vorzog. Nur mühsam gelang es mir, ein Gähnen zu unterdrücken, aber unbemerkt blieb dies nicht.

Hey, Süße, Du bist doch nicht etwa schon müde?“ säuselte mir Mike, der mir plötzlich auf die Pelle rückte und seine Arme um meine Taille legte, ins Ohr. „Ich wüßte ja ein Mittel, wie Du wieder auf Touren kommst…“

Oh ja, das kann ich mir lebhaft vorstellen, aber daraus wird so bald nichts, war mein Gedanke, der als WhatsApp-Nachricht formuliert, auf dem Display bestimmt lässig rüberkam, aber trotzdem nicht verhinderte, dass mir plötzlich ziemlich heiß wurde. Sauna to go, gepaart mit einer verräterischen Gesichtsröte… manchmal, Mike Mitchell, könnte ich Dich wirklich….

Entweder versuchte er gerade, so mit mir zu flirten, dass irgendwann später in dieser Nacht noch ein Schäferstündchen herausspringen würde – oder er verfolgte eine ganz seltsame Taktik, die Position unseres Teams zu schwächen, indem er mich massiv in Verlegenheit brachte. Doch der Gipfel der Dreistigkeit war, mir einen Kuss mit den Worten „Wünsch mir Glück“ aufzunötigen. Mit dem Kuss an sich war alles okay, aber ihm Glück wünschen? Im Leben nicht.

Immerhin war er, Liebe meines Lebens hin oder her, im gegnerischen Team; und jetzt, da mein Kampfgeist erwacht war, würde ich einen Teufel tun. Wenn es hier darum ging, jemandem Glück zu wünschen, dann wäre das doch wohl eher Dannys Part gewesen, schließlich war er der Profi und ich der Neuling, der im Darts noch keine nennenswerte Erfahrung vorzuweisen hatte.

Mit den niedrigen Würfen hatte ich wider Erwarten keine Probleme, und dank Danny, der mehrere Triple-Würfe ablieferte, kamen wir schon bald in den zweistelligen Bereich und lagen damit eindeutig in Führung, aber dass unsere Glückssträhne irgendwann abreißen würde, war abzusehen. Beim nächsten Wurf, nachdem John die Neun sauber getroffen hatte, zielte ich auf die 16. Leider ohne Erfolg. Auch Danny konnte das gewünschte Ziel so bald nicht erreichen, und so lagen beide Teams bald schon auf gleicher Höhe. Anscheinend hatte sich heute alles gegen uns verschworen.

„Du bist dran“, schickte mich Danny mit meinen Pfeilen an die Startlinie, während er Mike signalisierte, dass die nächste Getränkerunde fällig war. Wenn er mal nicht das Falsche orderte, ging es mir durch den Kopf. Noch nie war es mir so schwergefallen, mich zu konzentrieren. Die 16 musste doch zu schaffen sein.

Verdammt, Andrea, konzentriere dich! So schwer kann das doch nicht sein. Aber wenn er jetzt noch ’ne Runde Jacky Cola… STOP! Selbst wenn, kannst Du es nicht verhindern, also wirf jetzt endlich, und zwar so, dass Du fertig bist, bevor er mit dem Tablett zurückkommt. Vielleicht kannst Du dann...

Andrea, alles okay?“ unterbrach Danny meine karussellfahrenden Gedanken.

Ja, alles klar“, antwortete ich, holte tief Luft und warf in dem Stil, den ich mir von meinem Teamkollegen abgeschaut hatte.

Der Pfeil flog tatsächlich viel ruhiger als bei der von John bevorzugten Methode. Vielleicht lag es an dem Sportgerät oder einfach nur an meinem Partner, der entspannt den Rest seines Biers austrank, aber als sich die Pfeilspitze mit einem lauten Plopp! in die Scheibe bohrte, wagte ich meinen Augen kaum zu trauen. Schlagartig versiegte der Lärm um uns herum und mitten in die Stille hinein platzte das Geräusch eines etwas zu hart auf die Tischplatte aufgesetzten Tabletts und das Klirren von Gläsern und Flaschen. Bull’s Eye! Der höchste Wurf beim Darts. Das Auge des Sturms.

Aha. Du hast also vorher noch nie vorher gedartet,“ kommentierte Danny trocken, und im selben Augenblick war es auch schon mit der geisterhaften Stille vorbei.

Ins Zentrum hatte an diesem Abend noch niemand getroffen, und nun war das Geschrei groß. Während die Umstehenden einander an mehr oder weniger fachmännischen Kommentaren überboten, warf ich einen Blick auf die Getränke, die Mike geholt hatte. Wusste ich es doch: Mitten zwischen diversen Gläsern mit Soft Drinks und Flaschen mit Lager, standen zwei Kurze, die offensichtlich nicht auf Danny oder mich warteten. Mike hatte sie ja wohl nicht mehr alle! Kurzentschlossen griff ich zu.

Anfängerglück“, krähte ich, während ich die beiden Schnäpse nacheinander auf Ex hinunterkippte. Hoffentlich verschluckte ich mich nicht.

Du weißt aber schon, was das heißt?“ kommentierte Mike meine knappe Antwort irritiert mit hochgezogener Augenbraue.

Dumm gelaufen, dass er umsonst nach den beiden Mini-Tumblern gegriffen hatte, denn ich war schneller gewesen und hatte ihm die Drinks vor der Nase weggeschnappt. Natürlich wusste ich, was das hieß: Mein Wurf war der Joker für Dannys nächste Zahl. Wenn er jetzt noch einen Double oder Triple warf, dann waren wir so kurz vorm Ziel. Eigentlich hatten wir den Sieg jetzt schon so gut wie in der Tasche, so lausig wie Mike spielte, und im Normalfall ein Grund zum Feiern, aber wenn ich mir den Ausdruck auf seinem Gesicht ansah, dann verpuffte das Triumphgefühl auf halber Strecke.

Oh oh oh, sind wir heute Abend etwa ein ganz schlechter Verlierer und steigen deshalb auf harte Getränke um? Damit fangen wir am besten gar nicht erst an, Mr. Mitchell. Höchste Zeit, zu handeln und ihn zu bremsen, bevor er noch größeres Unheil anrichtete.

Und Du weißt hoffentlich, was DAS hier heißt!“ Die beiden in die Höhe gehaltenen Gläser, auf die ich mit dem Finger extra zeigte, reichten meiner Meinung nach als Erklärung aus, aber der Herr stellte sich absichtlich dumm. „Jack Daniels pur für Dich und John? Ernsthaft?“

Das Zeug brannte wie Feuer in meinem Magen, und ich wusste noch im selben Moment, dass es ein Fehler gewesen war, dermaßen Hochprozentiges in Rekordgeschwindigkeit zu trinken. Aber noch war der Caol-Ila-Effekt bei mir nicht eingetreten und ich gerade noch so nüchtern, dass ich ihm gepflegt die Meinung geigen konnte, mit der ich nicht länger hinterm Berg halten wollte.

Willst Du ihn betrunken machen? Was soll der Mist?“

Oh, ja, Alkohol war ein Stimmungsverstärker. Wer vorher schon gut drauf war, der wurde mit der richtigen Anzahl an Umdrehungen noch lustiger; und wer so verärgert war wie ich, der ließ beim entsprechenden Pegelstand alle Hemmungen fahren. Mike und seine gespielte Begriffsstutzigkeit! Deinen Charme, mein Freund, kannst Du behalten; der zieht jetzt überhaupt nicht bei mir.

„Die nächste Runde hole besser ich“, zischte ich mit zusammengebissenen Zähnen. „Im Gegensatz zu Dir passe ich auf bei dem, was ich bestelle.“

Was glaubte er wohl, warum ich bei Cola und Ginger Ale blieb? Sollte doch Brian mitbekommen, was sich hier gerade abspielte. Umso besser, wenn er Mike nochmal daran erinnerte, welche Vereinbarung sie getroffen hatten; ich würde jedenfalls meinen Teil einhalten. Und wenn ich mir dazu sämtliche Flaschen in diesem Laden unter den Nagel reißen musste, damit kein anderer sie in die Finger bekam.

Dienstags-Gedudel #18 : Das Duell

 

Zufälle gibt es nicht? Vielleicht ja doch… denn hieß es neulich noch „Die besten Duelle in Filmen“, kam ich mit einem Tanzduell um die Ecke, und jetzt mit einem musikalischen. In dem Film „8 Mile“ gibt es ein Rap-Battle zwischen Eminem und einem Konkurrenten – in Kapitel 18 von „Broken Strings“ schicken sich die beiden Hauptakteure gegenseitig Songs per WhatsApp zu – besser gesagt, die Links zu den youtube-Videos dazu.

Der Herr eröffnet das Duell mit „Breathless“ von den Corrs (MM: „No – but take this: https://www.youtube.com/watch?v=vzerbXFwGCESo go on, go on – Come on leave me breathless …. “):

 

und die Dame kontert mit einem zu Tode gedudelten und durch mein Geschreibsel wiederauferstandenen Hit aus den 80ern, den ich auch schon in der 30-Days Song Challenge am 11. Tag verwurstet habe – „Need you tonight“ von INXS (AM: „… gonna deal with this?: https://www.youtube.com/watch?v=w-rv2BQa2OU …“):

 

 

Wahrscheinlich kriegt hier gleich jemand echt die Krise, aber wenn man am Limit läuft, tut es gut, auch mal albern zu sein.

Nichts liegt mir ferner, als diese schöne Aktion, die nellindreams aus der Taufe gehoben hat, zu torpedieren, aber mit diesem Double-Feature passt die 18. Ausgabe des Dienstags-Gedudels so schön zum 18. Kapitel meiner Fortsetzungsgeschichte.

Mein Kinojahr 2020 : Alles neu macht der Mai (?)

 

Ach, wirklich? Leider kann ich hier auch in diesem Monat nichts neues erkennen, außer dass ich in meinem Pantoffelkino auch den ein oder anderen Konzertfilm und aus dem Fernsehen aufgenommenen Spielfilm laufen ließ und ich tatsächlich mit dem Gedanken gespielt habe, ins Autokino zu fahren.

Was es im Mai an Filmen bei mir gab, verrät diese Rückschau.

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Zurück in die Zukunft I – III

INXS – Live Baby Live

Sliding Doors

Downton Abbey : Higland Special

Blow

Matrix

Virus – Schiff ohne Wiederkehr

The Peanut Butter Falcon

Hustlers

Knives Out – Mord ist Familiensache

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Zurück in die Zukunft I – III : Einer der sogenannten Kultfilme aus den 80er Jahren war „Zurück in die Zukunft“, dem recht bald zwei weitere Filme folgten. Die Trilogie gab es irgendwann für 9,99 Euro zu kaufen – und als ich am 1. Mai spontan entschied, sie endlich noch einmal zu sehen, war ich überrascht, dass das Ding noch immer in Folie eingeschweißt war. Und noch eine Überraschung: Am besten hat mir der Abschluss der Trilogie gefallen – witziges Detail am Rande: Im ersten Film der Reihe soll ein Blitz für die Power sorgen, die der De Lorean braucht, um wieder in das Jahr 1985 zurückgeschickt zu werden – während der Film lief, zog ein Gewitter auf, allerdings waren die Blitze eher harmloser Natur.

INXS – Live Baby Live: Inzwischen gibt es von diesem Konzert mehrere unterschiedlich lange Fassungen. Das 1991 im Londoner Wembleystadion mitgefilmte Konzert von INXS lief letzten November in einer 98 Minuten langen Fassung und gigantischem Sound im Kino, die BBC und 3SAT zogen im Dezember nach und servierten den Zuschauern die verstümmelten Fassungen, bei denen etliche Songs fehlen. Weil ich beim Ausmisten meines Kleiderschranks gerne etwas Musik haben wollte, musste die 92 Minuten lange DVD-Fassung dran glauben. Das Bild war zwar auf dem Fernsehbildschirm nicht ganz so brillant wie auf der großen Leinwand, aber dafür hatte ich dank des umwerfenden Sounds viel weniger Langeweile beim Aufräumen.

Sliding Doors: Gwyneth Paltrow in einem Film zum Thema „was wäre wenn“. Die Idee, zwei völlig verschiedene Erzählstränge parallel nebeneinander herlaufen zu lassen bzw. diese einander abwechseln zu lassen – je nachdem, ob sie die U-Bahn noch erwischt oder nicht, ist zwar nicht neu. Aber genial umgesetzt. Parallel bedeutet nicht „Split Screen“, sondern dass die sich voneinander unterscheidenden Szenen direkt hintereinander geschnitten wurden, wodurch der Film eine ganz eigene Dynamik bekommt. Und um die beiden Helens optisch besser auseinander halten zu können, trägt sie ihre Haare in der einen Version lang und dunkelblond, in der anderen dagegen als hellblonden Pixie. Schiebetüren (Sliding doors) sind ihr Schicksal – Helen, frisch entlassen, weil sie aus der Firma Wodka hat mitgehen lassen, will eigentlich nur noch nach Hause. Und hier geht’s los. In der Variante Eins erwischt sie die U-Bahn und zu Hause ihren Lebensgefährten auf frischer Tat im Bett mit dessen Ex-Freundin. In der zweiten Variante verpasst sie die Bahn, wird überfallen und landet im Krankenhaus. Wie es weitergeht, und ob aus der Begegnung mit dem charmanten James, auf den sie in beiden Varianten immer wieder trifft, sich noch etwas entwickelt, verrate ich nicht. Kurzum: Ich war von dem Film, den ich in der Originalversion gesehen habe, hellauf begeistert. Einzig der sehr ausgeprägte schottischen Dialekt von James bereitete mir einige Schwierigkeiten, aber wozu hat die Fernbedienung denn eine Replay-Taste? Das einzige, was mir nicht gefällt, ist der dusselige Titel der deutschen Fassung „Sie liebt ihn, sie liebt ihn nicht“, denn eigentlich liebt sie „ihn“ ja doch, trotz allem.

Downton Abbey : Highland Special: Damit hatte das ZDF vor ein paar Jahren den richtigen Riecher: Familie Crawley begibt sich auf eine Reise in die schottischen Highlands und erlebt eine interessante Zeit, während Tom Branson das Anwesen hütet und sich in seine neue Rolle hineinzufinden versucht. Küchenchefin Mrs. Patmore, das gute Herz mit frecher Schnauze, erlebt ihren zweiten Frühling. Und eine eifersüchtige Kammerzofe sucht sich mit O’Brien für ihre Missetat die Falsche aus. Eine Stunde was fürs Herz, war genau das, was ich mal wieder gebraucht habe.

Blow (2001) : Die Lebensgeschichte von George Jung, berühmter Kokaindealer in den 70er und 80er Jahren und rechte Hand des kolumbianischen Drogenbarons Pablo Escobar. Das war einer der Filme, die ich irgendwo gratis abgestaubt und mich hinterher gefragt habe, was ich mir dabei gedacht habe. Der Film hat seine spannenden Momente, dennoch hatte ich bisher noch keine bessere Schlaftablette – trotz Johnny Depp in der Hauptrolle.

Matrix (1999): Für mich der mit Abstand beste Film der Reihe. Bei Matrix 2 habe ich mich vor allem über den Cliffhanger für einen dritten Teil geärgert, jenen Teil, der mir dann prompt auch noch am allerwenigsten gefallen hat. Trotzdem bin ich zwischendurch vor Übermüdung eingeschlafen und habe drei Abende gebraucht, bis ich damit durch war.

Virus – Schiff ohne Wiederkehr (1999): Eine außerirdische Lebensform hat sich eines russischen Geisterschiffs bemächtigt, und es gibt nur noch eine Überlebende. Und inmitten dieser Apokalypse Stars wie Jamie Lee Curtis, Donald Sutherland und William Baldwin. I was not amused. Alien meets Terminator meets Ghost Ship. Eine vortreffliche Schlaftablette. Dieses Schiff muss meinetwegen nicht mehr zurückkommen – dann schon lieber Fluss ohne Wiederkehr, der war um Längen spannender als dieses krude Spektakel.

The Peanut Butter Falcon (2019): … a propos „Fluss ohne Wiederkehr“… Floßfahren können auch andere. Auf einem selbstgebauten Floß aus Schrott, gespendet von einem Gottesfürchtigen, der die beiden Hauptcharaktere auf ihrer Pilgerfahrt unterstützen möchte. Beide sind auf der Flucht: Tyler (Shia LaBeouf) vor den Männern, denen er die Krabbenfangausrüstung im Wert von 12000 Dollar abgefackelt hat – Zak, ein junger Mann mit Down-Syndrom, vor der Betreuerin des Heims, aus dem er ausgerissen ist, denn die soll ihn zurückholen. Zaks großer Traum ist es, endlich seinen Wrestlinghelden zu treffen und von ihm dessen Kunst zu erlernen. Dafür würde er alles tun. Ein etwas anderes Roadmovie mit ungewissem Ausgang. Ein ganz heißer Anwärter, mein ganz persönlicher Film des Jahres zu werden.

Hustlers (2019): Die Stripperinnen und die Finanzkrise. Wenn es im Club nicht mehr läuft und wegen des Börsencrashs im September 2008 die zahlungskräftige Kundschaft von der Wall Street ausbleibt, muss Frau sich ein lukrativeres Geschäftsmodell suchen. Erst den Kandidaten der Wahl mit einem Ketamin-MDMA-Cocktail unzurechnungsfähig machen, ihn dann in den Stripclub schleppen und dort seine Kreditkarte bis zum Limit ausreizen. Es dauert nicht mehr lange, bis die Hemmschwelle bei den Täterinnen sinkt und der durchdachte, kriminelle Plan aus dem Ruder läuft. Ein unterhaltsamer Streifen mit fragwürdiger Moral. Wir zahlen es denen heim, die es unserer Meinung nach verdient haben und werden dabei genauso wie diese? Bitte nicht nachmachen.

Knives Out – Mord ist Familiensache (2019): Ich liebe Plot-Twists, vor allem solche, die einer dahinplätschernden Handlung neuen Drive geben und von einem neuen Twist abgelöst werden. Für einen gemütlichen Fernsehabend genau das Richtige, wenn man den Film im Kino verpasst hat, weil einem ein anderer Film wichtiger war. Und in diesem Fall habe ich die Änderung meiner Pläne für den Januar nicht bereut. Das Highlight war’s für mich nicht, aber als Unterhaltung für zwischendurch durchaus in Ordnung.

Ich gebe zu, manche Kommentare zu den Filmen, mit denen ich mir die Zeit vertrieben habe, waren mehr als kryptisch. Aber ich hasse Spoiler und ellenlange Beschreibungen in dieser Rubrik, die ich auch im Juni fortzusetzen gedenke. Von meinem letzten Großeinkauf sind nämlich noch einige Filme übrig geblieben, und vielleicht fahre ich zum ersten Mal in meinem Leben in ein Autokino. Zeit dazu hätte ich ja nun.

30-Days Song Challenge – Day #30


 

Day #30 : A song that reminds you of yourself

 

Zum Ende schenke ich mir nichts, denn „Still“ von Jupiter Jones beschreibt exakt das, was in mir vorging und wie ich mich fühlte, als mein Mann 2016 nur vier Wochen vor unserem fünfzehnten Hochzeitstag starb. 


 

Aber warum nur einen Song nehmen, in dem ich mich wiedererkenne? Man mag es sich kaum vorstellen, auf dem Papier oder am PC spiele ich liebend gern mit Worten, aber wenn es darum geht, mich mündlich auszudrücken, tue ich mich schon schwerer.

Eine Rede halten? Oh, bitte nicht. Oder im Meeting das Wort zu ergreifen… als Kind habe ich unter extremer Schüchternheit gelitten, das hängt mir auch heute noch teilweise nach. Und deshalb macht das Schlusslicht ein Song, der dieses Dilemma ganz gut auf den Punkt bringt (What is the name to call for a different kind of girl who knows the feelings but never the words):

 

Jupiter Jones – Still – https://www.youtube.com/watch?v=fgCOUO-s8nY INXS – To look at youhttps://www.youtube.com/watch?v=71YvHBkNWco

 

 

Media Monday # 465 : Das Jubiläum ist nah

Noch 35 Ausgaben, dann feiern wir den 500. Media Monday. Für mich ist es diesmal mein 175. – auch eine schöne Zahl; in gewisser Weise ist dieser Sonntag ein kleines Jubiläum für mich. Und der vorletzte, bevor der neue WordPress-Editor aktiv wird.

Da frage ich mich, ob ich damit in Zukunft zurechtkommen werde und ob meine vorbereiteten Artikel, die noch in der Pipeline stecken, dadurch in irgendeiner Weise beeinflusst werden. Ich hoffe immer noch, dass in diesem Fall mal wieder heißer gekocht als gegessen wird. A propos gekocht, mal sehen, welches Gericht heute in den sieben Lückentexten zelebriert wird – ums Kochen geht es auf jeden Fall bei mir bei der siebten Frage.

Media Monday # 465

1. Endlich einmal wieder durch den Wald zu streifen und den Klängen der Natur zu lauschen, steht schon lange auf meiner Agenda, denn bisher war mir das durch die häusliche und gesundheitliche Situation innerhalb der Familie nicht möglich..


2. Hinsichtlich Filmen/Serien ist für mich ja das Team Ryan Murphy & Brad Falchuk schon eine Art Qualitäts-Garant, einfach weil ich schon von American Horror Story restlos begeistert war, und gleich mit 9-1-1 Notruf L.A. eine neue spannende Serie zu entdecken, in der Angela Bassett und Jennifer Love Hewitt mitspielen – besser geht’s für mich nicht


3. Shia LaBeouf hätte ich in „The Peanut Butter Falcon“ beinahe nicht erkannt, weil er da mit Vollbart durch die Gegend streift. Aber das gleiche kann ich auch von Chris O’Dowd in dem Film „Loving Vincent“ sagen.


4. Von all den Genre-Beiträgen zu Challenges im Allgemeinen hat es mir ja die 30-Days Song Challenge besonders angetan, denn erstens ist Musik für mich essentiell, zweitens löse ich gerne Aufgaben unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade, drittens konnte ich so ungehemmt nach Songs meiner Lieblingskünstler suchen und diese unters Volk bringen, und viertens – der wichtigste Grund überhaupt – durch andere Blogger Musik kennenlernen, die sonst eher an mir vorbeigeht.


5. Das Streamen von Filmen und Serien ist für andere Medien-Begeisterte ja oft großes Thema, wobei ich persönlich lieber ein physisches Medium abspiele, wie z.B. eine DVD, da ist es irrelevant, ob man stabiles Internet hat oder nicht.


6. Ich kann mich kaum noch daran erinnern, wann ich das letzte Mal mit dem Rad gefahren bin. Aber vielleicht kommt das ja wieder. Jetzt, wo unsere Stadt sich aktiv um den Ausbau von Straßen zu sogenannten Fahrradstraßen kümmert. Tja, schön für die Radler, blöd für den motorisierten Verkehr, und ganz blöd für meine Nachbarn und mich, weil jetzt mit verstärktem Verkehrsaufkommen durch Schleichwegsucher zu rechnen ist. Dass es irgendwann in dieser schmalen Straße scheppert, kann ich mir jetzt schon ausrechnen.


7. Zuletzt habe ich mal wieder ein indisches Essen genossen, und das war eine feine Sache, weil es allen gemundet hat. Kunststück, es ist ja auch von einem Profi gekocht und mir an die Haustür geliefert worden… und nicht umsonst kann sich dieses Restaurant schon mindestens 20 Jahre in unser Stadt halten. Da habe ich schon meinen 29. Geburtstag gefeiert. Jetzt hoffe ich, dass uns dieser Hort der Freude noch lange erhalten bleibt.

# Kino-TAG : über die Bedeutung des Kinos für mich

 

Kaum habe ich beschlossen, eine neue Rubrik auf meinem Blog mit dem klangvollen Namen „Cinema-Scope“ einzuführen, kommt Corona daher und macht mir einen Strich durch die Rechnung. So wird’s natürlich nichts mit der Steigerung meiner Kinoquote. Und auch nicht mit meiner Monatsrückschau auf 2020 besuchte Filme – mit den geplanten Besuchen wie „Bombshell“, „Die perfekte Kandidatin“ oder „Black Widow“ brauche ich gar nicht erst anzufangen, aber vielleicht klappt’s ja mit dem für Dezember angekündigten Remake von „West Side Story“.

Jetzt kommt mir der #Kino-Tag, den ich bei Miss Booleana entdeckt habe, sehr entgegen. Sie hat den Fragebogen von Nicole, aber erfunden hat ihn Nadine. Da mache ich doch gerne mit. Los geht’s:

Was war dein erster Kinofilm?   +++   Vermutlich „Bernard und Bianca“ von Walt Disney, zusammen mit meiner Schwester und meiner Mama, die uns Knirpse den Besuch spendiert hat.

Was war dein letzter Kinofilm?   +++   The Gentlemen“ von Guy Ritchie, im März kam ich leider nicht mehr dazu. Ich fand ihn lustig und habe mich blendend amüsiert.

Wie oft gehst du ins Kino?   +++   Da muss ich ausholen. Jahrelang war ich nur einmal pro Jahr im Kino. 2018 war ich dann schon immerhin in vier Filmen, und 2019 waren es knapp 20 Filme. Das kann ich dieses Jahr nicht mehr steigern – aber wenn es nur ums Anschauen von Filmen geht, steige ich auf DVD um.

Bist du als Kind/ Jugendliche in einen Film gegangen, für den du nach FSK zu jung warst?   +++   Meistens sind es ja Filme, für die zu alt bin, aber es gibt tatsächlich einen, der auch gut in die folgende Kategorie passen würde: „Cat People“ (Katzenmenschen) – das war 1982, und ich war zu dem Zeitpunkt vierzehn Jahre alt – freigegeben war er aber erst ab 16, und ich kann mich nicht mehr erinnern, wie das mit der Ausweiskontrolle war.

Welcher war der schlechteste Film, den du im Kino gesehen hast?   +++   Fange ich doch gleich mal mit „Cat People“ an, der für mich nur wegen der Musik von David Bowie interessant war, dann „Die Unzertrennlichen“ von David Cronenberg, und letztes Jahr habe ich mich gleich zweimal über die Zeitverschwendung geärgert: „Yesterday“ (für den habe ich „Kursk“ ausfallen lassen) und „Once upon a time in Hollywood“. Ist mir Wurst, ob man dazu wissen muss, dass es „ein Tarantino“ ist, mir hat „Kill Bill“ gefallen, und ansonsten kannte ich nichts von ihm.

Mulitplexkino oder Programmkino?   +++   Wenn mit Multiplexx riesige Häuser wie das Kinopolis gemeint sind, dann auf jeden Fall bei Filmen, bei denen es auf den Sound ankommt und auf die große Leinwand, also Konzerte wie die von Depeche Mode, INXS oder Aretha Franklin. Oder spektakuläre Autorennen wie in „Le Mans 66“. Die wären bei den Arthouse-Kinos an der falschen Adresse gewesen. Aber meistens gehe ich in die Programmkinos, weil ich da Produktionen sehen kann, die nicht zur Kategorie „Blockbuster“ zählen. „Parasite“, „Jojo Rabbit“ und „Downton Abbey“ waren die Highlights, die ich zuletzt dort erleben durfte.

Hast du schon ein Filmevent im Kino besucht?    +++   Mir fallen auf Anhieb zwei sogenannte Lange Filmnächte ein: die Jack-Nicholson-Filmnacht und die Herr-der-Ringe-Filmnacht.

Hast du schon eine Sneak Previews besucht, magst du sie?   +++  Früher oft, aber die Filme haben mir nur selten gefallen, und dann waren diese Previews auch noch zu nachtschlafender Zeit… Allerdings gab es dieses Jahr im Januar eine Vorpremiere zu Little Women, an einem Sonntagnachmittag – die fand ich gar nicht mal so schlecht, auch wenn ich mir von dem Film mehr versprochen hatte.

Warst du schon mal auf einem Filmfestival?   +++   Ja, letztes Jahr im September – bei Down Under Berlin. Weil ich den Dokumentarfilm „Mystify: Michael Hutchence“ sehen wollte, der nur auf Festivals gelaufen ist; dort liefen ausschließlich australische und neuseeländische Filme in der Originalversion. Bei der Gelegenheit habe ich mir dann noch eine schwarze Komödie angesehen, und das übrige – das übrige Kulturprogramm habe ich mir drumrum gestrickt.

O-Ton oder Synchro?   +++   Lieber die Synchronfassung, aber nicht, weil ich mit der englischen Sprache Probleme habe, sondern weil oft der Ton besser klingt und Störgeräusche oder zu laute Hintergrundgeräusche fehlen. Ganz übel war für mich „L.A. Crash“ – bei dem habe ich in der Originalversion nichts wegen des Verkehrslärms im Hintergrund nichts verstanden. Originalversionen schaue ich mir aus diesem Grund am liebsten mit Untertiteln an.

Bist du schon mal im Kino eingeschlafen?    +++   Schon öfters, das lag meistens an der Uhrzeit. Zum Beispiel während der Jack-Nicholson-Filmnacht, gleich am Anfang bei „Wenn der Postmann zweimal klingelt“, später bei „Enthüllung“ mit Demi Moore und Michael Douglas, und zuletzt bei dem Oscar-Anwärter „La Gomera“

Was war dein schönster Moment im Kino?   +++   Der Besuch eine Open-Air-Kinos, im Hof eines Renaissance-Schlösschens. Da war der ganze Abend schön. Mit Mauerseglern hoch über unseren Köpfen.

Popcorn oder Nachos?   +++   Weder noch. Ich mag den Geruch nicht. Dann lieber Fruchtgummis oder Eis.

Der letzte Film, bei dem du im Kino geweint hast?   +++   Das war bei „A Star is born“, als Bradley Cooper in die Garage geht und ich genau weiß, was als nächstes passiert. Das hat mich so getriggert, dass ich den Rest des Filmes nur noch geweint habe.

Dein nervigster Kinomoment?   +++   Ein sich langweilendes Vorschulkind, das genau hinter mir saß, und mir in einer Tour gegen die Rückenlehne trat. Dabei gab es in jener Reihe genügend freie Plätze.

Gehst du auch öfter für den gleichen Film ins Kino?    +++   Habe ich sogar schon öfter gemacht, nämlich immer dann, wenn es sich bei der zuerst besuchten Vorstellung um den Film in der Originalversion handelt. Beispiele, die mir dazu einfallen: „Der Name der Rose“ und „Angeklagt“ – da war mein Englisch noch nicht so gut, dass ich jedes Wort verstanden hätte. Jetzt ist mein Englisch zwar super, aber mit manchen britischen Dialekten habe ich ab und zu noch immer Probleme, und da sind dann die mit Untertiteln versehenen Originalversionen wie in „Mystify: Michael Hutchence“ äußerst hilfreich.

Hast du auch schon Fimklassiker auf der Leinwand gesehen?   +++ Die Filmklassiker waren in meinem Fall Stummfilme – zuerst „Lichter der Großstadt“ von 1931 mit Charlie Chaplin, „Nosferatu – eine Symphonie des Grauens“ von 1922 und „Panzerkreuzer Potemkin“ von 1925; alle drei mit Orchesterbegleitung.

Was bedeutet Kino für dich?   +++   Eine Auszeit vom Alltag und ein Stück Kultur, ohne das ich nicht leben mag.

Und zum Schluss noch die Zusatzfrage: Welche Filme hättet ihr 2020 gerne im Kino gesehen?   +++   Am meisten habe ich mich wohl auf die Übertragung der Oper „Fidelio“ aus dem Londoner Royal Opera House gefreut, doch die wurde nicht vom Programmkino abgesagt, sondern vom Londoner Opernhaus selbst.   +++   Neben den eingangs erwähnten drei Filmen wollte ich noch viele weitere sehen, und zwar „Russland von oben“, den neuen James-Bond-Film, „Antebellum“, „Tenet“, „Für Sama“, „Der Unsichtbare“, „Jean Seberg – Against all enemies“, „Knives out“ und „The Peanut Butter Falcon“.   +++   Die beiden zuletzt Genannten habe ich zumindest gestern als DVD erworben und kann beide alternativ zu Hause aus dem kuscheligen Bett heraus sehen.

 

 

30-Days Song Challenge – Day #29

 


 

Day #29 : A song you remember from your childhood

Damit die Herren bei dieser Challenge nicht zu kurz kommen, gibt es als vorletzten Beitrag heute mal ein Lied aus den 70er Jahren zu hören – ob Schlager oder Chanson, Udo Jürgens hat richtig gute Texte. Gott sieht alles, mein Nachbar sieht mehr – mit „Ein ehrenwertes Haus“ hat Herr Jürgens 1974 ein Lied gesungen, das sich um die lieben Nachbarn dreht, die ein junges Paar verurteilen, weil dieses in wilder Ehe zusammenlebt – was für ein Skandal! – und dabei haben sie selbst eine Menge Dreck am Stecken. Ja, wenn man der Doppelmoral frönt, darf man sich nicht wundern, wenn man selbst zur Zielscheibe eines Liedes wird, das diese anprangert.

 

 

 

Udo Jürgens – Ein ehrenwertes Haushttps://www.youtube.com/watch?v=VT6672HanPk

„Broken Strings“ : Chapter 20 – Emergency Room

Hey Mitchell“, rief Mark, der gerade Kaffee für sich und Tee für seine Liebste holte, quer durch den Raum: „Auch schon wach?“

Mike wirkte noch ziemlich verschlafen, was ihn aber nicht daran hinderte, eine ordentliche Portion Eier mit Speck auf seinen Teller zu häufen.

„Na, da hat aber jemand richtig Hunger. Wohl bekomm’s“, versuchte er, ihn weiter aufzuziehen. „Oder ist das gar nicht alles für Dich?“

Statt einer Antwort warf Mike ihm mit hochgezogener Augenbraue lediglich einen gelangweilten Blick zu, als wollte er sagen, dass ihm solche lahmen Witze am Allerwertesten vorbeigingen.

Lass ihn doch“, mischte sich Sue ein, die an ihrer Teetasse nippte, „wenn er jetzt noch ein paar Mixed Pickles draufstapelt, hat er das perfekte Katerfrühstück für Johnny.“

Natürlich, er spielte Zimmerservice für seinen verkaterten Zimmergenossen. Wie fürsorglich von ihm. Für mich konnte dieser Berg an Essen nicht sein; ich war ja mit frisch nachgeschenktem Kaffee und Brötchen vom Büffett anstatt Würstchen bestens versorgt. Warum war uns das nicht gleich eingefallen?

Für John? Wieso für John?“ In seiner Stimme schwang ein Anflug von Panik mit, als er sich zu uns umdrehte und Sue ungläubig anstarrte, bevor er seine Blicke suchend durch den Raum schweifen ließ. „Ja, ist er denn nicht bei Euch?“

Wie schnell es bei den anderen Klick machte, konnte ich nicht sagen, aber für mich klang das gar nicht gut. Dass John nicht hier war, war schon Anlass genug zur Besorgnis, noch beunruhigender war jedoch, dass niemand von uns wusste, wo er steckte.

Was heißt ‚bei uns‘?“ ging Mark dazwischen. „Du willst mir jetzt aber nicht ernsthaft sagen, dass er nicht in Eurem Zimmer ist.“

Als Mike ihm die Antwort schuldig blieb, erkannte auch er, wie ernst die Lage war. „Shit. Und was jetzt?“

Darauf wusste niemand etwas zu sagen. Wann hatten sie ihn überhaupt zuletzt gesehen? Und vor allem wo? Anscheinend waren sie so mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass sie ihn aus den Augen verloren hatten; klar, er war alt genug und konnte auf sich selbst aufpassen. Zumindest in der Theorie. Bei dieser Sache hatte ich kein gutes Gefühl. Ihm konnte alles mögliche passiert sein. Aber warum starrten mich plötzlich alle so komisch an? Hatte ich etwa schon wieder meine Gedanken nicht im Zaum gehabt und einfach raus gelassen, was mir durch den Kopf gegangen war?

Ach du meine Güte, wenn Blicke töten könnten…

Sag das nochmal“, forderte mich Sue mit zu schmalen Schlitzen verengten Augen heraus.

Was denn? Stimmte es denn etwa nicht, dass sie ihren angeblich ach so besten Kumpel einfach sich selbst überlassen hatten? Holy Shit, das war jetzt nicht wirklich ihr Ernst, dass ich jetzt plötzlich der Buhmann war? Und mich dafür rund zu machen, dass ich das aussprach, was ich dachte. War ja klar, dass ich, die von nichts eine Ahnung hatte, jetzt die Dreistigkeit besaß, sie und ihren Herzallerliebsten für Johns Verschwinden mitverantwortlich zu machen. Vielleicht auch noch den Rest der Band? Hätte ich doch bloß die Klappe gehalten, denn nun hatte sich Sue so richtig in Rage geredet.

„Und überhaupt, Miss Oberschlau, wo warst Du denn bitte?“

Dann hielt sie für einen Moment inne, bevor sie fortfuhr.

„Ach natürlich, ist ja klar. Was frage ich eigentlich so blöd. Dir ist wohl Deine Affäre mit unserem Frontmann zu Kopf gestiegen!“

Affäre mit Eurem Frontmann? Natürlich! Jetzt, wo Mike neben mir saß und meine Fäuste in dem Versuch, mich zu beruhigen, in seine Hände genommen hatte, hielt sie mit ihrer Meinung über das, was zwischen uns vorging, nicht hinterm Berg. Von jedem anderen hätte ich so eine Tirade erwartet, aber nicht von ihr. Was wollte sie damit bezwecken? Von sich ablenken und uns ein schlechtes Gewissen machen? Ganz schlechte Idee, denn damit war sie bei mir an die Falsche geraten.

Ich weiß ja nicht, was Dein Problem ist und warum Du den falschen Baum anbellst“, erwiderte ich, um den Ball wieder an sie zurückzugeben, „aber Du vergisst wohl, dass nicht wir es waren, die mit der ganzen Mannschaft noch in einen ganz bestimmten Pub einfallen wollten.“

Das fand sie, wie zu erwarten, gar nicht nett und dachte gar nicht daran, den Streit nicht eskalieren zu lassen.

Worauf willst Du hinaus?“ zischte sie, eindeutig auf Krawall gebürstet. Bitte, sollte sie. Mir wurde das ganze langsam zu dumm.

Ganz einfach: Wenn ich mit Freunden ausgehe, dann achte ich auf sie und sehe zu, dass sie mir nicht abhanden kommen.“

Nicht abhanden kommen? Ach ja? Seit wann bin ich verpflichtet, Kindermädchen für Marks Kollegen zu spielen? Wie oft denn noch? John ist erwachsen und kann auf sich selbst aufpassen!“

Meiner Meinung nach jedoch nicht, denn plötzlich hatte ich wieder das Bild des zugemüllten Ford vor Augen, in dem die leeren Dosen herum gekullert waren. Dass mir das erst jetzt auffiel: Wenn ich mir zu den Energydrinks noch die fast leere Flasche Wodka dazudachte, die ich unterm Beifahrersitz gefunden hatte, dann wurde mir mit Erschrecken klar, dass hier jemand ein gewaltiges Problem hatte, denn dieser Jemand war neulich bestimmt nicht zum ersten Mal sturzbetrunken in den frühen Morgenstunden in sein Bett gefallen; und wenn die anderen nicht ganz blind waren, dann mussten sie erkennen, dass mit ihm überhaupt nichts in Ordnung war.

Wenn er dazu neigte, mehr zu trinken, als gut für ihn war, dann war es meiner Meinung nach ihre Aufgabe, ihn zu bremsen, wenn er über die Stränge schlug. Ich fand es traurig, dass ich damit anscheinend alleine dastand. Aber was erwartete ich von zwei Unzertrennlichen, die so fixiert aufeinander waren, dass die für nichts anderes Augen hatten als sich selbst.

War ja klar, dass Du jetzt wieder mit dieser Leier anfängst und uns den Schwarzen Peter zuschiebst“, zeterte sie. „Wie einfach, wenn man selber nicht dabei ist.“

Hä? Was sollte das denn jetzt? Wo stand denn geschrieben, dass wir als gesamte Gruppe überall geschlossen hinzugehen hatten? Was war denn bitte so schlimm daran, wenn man mal einen Abend für sich und ohne den Rest der Truppe sein wollte?

Im Prinzip nichts, aber wenn die immer gleiche Person Anspruch auf ein ungestörtes Stelldichein im gemeinsamen Zimmer erhebt und vom anderen erwartet, dass dieser für sturmfreie Bude sorgt, indem er so lange wie möglich wegbleibt.“

Ach so, und weil er kein Kino findet, muss er sich unkontrolliert zulöten? Super, jetzt war die Arschkarte wieder bei mir. Aber Sue war noch nicht fertig, einen letzten Schuss vor den Bug hatte sie noch in ihrem Lauf, und der zielte direkt unter die Gürtellinie.

„Fixiert aufeinander, dass wir nur füreinander Augen haben? Das sagt ausgerechnet die Richtige. Während wir Tanzen waren, musstet ihr euch ja unbedingt die Seele aus dem Leib vö…“

SCHLUSS JETZT!“ Mike klatschte mit der flachen Hand auf die Tischplatte und schnitt Sue das Wort ab. „ES REICHT!“

Das wirkte. Mit einem Mal war es totenstill. So still, dass uns erst das Klirren eines Messers, das einem Hotelgast am anderen Ende des Raumes heruntergefallen war, aus unserer Erstarrung riss.

Mike ließ meine Hände los und erhob sich: „Anstatt Euch dabei zuzusehen, wie ihr Euch wie zwei durchgedrehte Kampfhennen ankeift, gehe ich jetzt los und ihn suchen.“

Mechanisch versuchte er, seine Haare mit den Fingern zu bändigen, was ihm aber nicht gelang.

„Schließlich bin ich doch sowieso an allem schuld.“

Für ein paar Sekunden starrten wir ihn sprachlos an, wie er sich umdrehte und den Raum verließ, dann sprang ich auf und eilte ihm hinterher.

Warte, ich komme mit.“

Sollten die anderen doch denken, was sie wollten. So konnte ich ihn jedenfalls nicht gehen lassen. „Mensch, Mike“, keuchte ich abgehetzt, „jetzt bleib doch mal stehen!“

Er legte ein Tempo vor, mit dem ich kaum schritthalten konnte. Ob er mich dabei haben wollte oder nicht, war mir in diesem Augenblick egal; in diesem Zustand konnte ich ihn auf keinen Fall alleine losziehen lassen.

„Wo willst Du überhaupt hin?“

Diese Frage hätte ich mir sparen können, denn die zwischen seinen Fingern klimpernden Schlüssel des Ford sprachen eine deutliche Sprache. Wenigstens bist Du heute so schlau und hältst Dich von Marks Impala fern.

„Willst Du alle Krankenhäuser in der Umgebung abklappern, oder was?“

Und wenn schon… Was dagegen?“ blaffte er mich an.

Meinetwegen sollte er; solange er endlich stehenblieb und darauf verzichtete, dermaßen aufgebracht in das Auto zu steigen. Okay, wir haben also einen Plan, auch wenn er eher nach blindem Aktionismus klingt.

Fein.. Gib mir die Schlüssel. Ich fahre.“

Was zum…“

Meinst Du, ich lasse dich in dem Zustand ans Steuer?“

Ich war zwar auch nicht viel ruhiger, aber dafür umso weniger involviert. Dachte ich jedenfalls. Seinen kurzen Moment der Verblüffung nutzte ich und riss ihm die Schlüssel aus der Hand.

„So, und jetzt atmen wir beide erst mal tief durch, und dann sagst Du mir, wie Dein Plan aussieht.“

Wenn er einen Unfall hatte oder sich bewusstlos gesoffen hat, wo bringen sie ihn als erstes hin?“

Ins Krankenhaus. Bingo. Es war also sein voller Ernst. Aber warum ließ er das nicht Brian regeln und dort anrufen?

„Ganz ehrlich? Auf einen Anruf zu warten, dauert mir zu lange. Außerdem: bis Brian die Nummer von der Notaufnahme hat, bin ich längst vor Ort.“ Falls wir ihn dort überhaupt finden…

Umso besser, dass ich dabei bin.“

Fragend schaute er mich an. Was gab es daran nicht zu verstehen? Manchmal war er aber auch begriffsstutzig. Aber wenigstens schwang er seinen Allerwertesten auf den Beifahrersitz und ließ mich ohne weitere Bemerkungen den Motor starten.

„Falls wir ihn finden und ihn mitnehmen können, kannst Du jede Hilfe brauchen.“ In diesem Fall meine. „Also nichts wie los.“

Ach ja, und wo wir schon dabei waren, konnte er sich auch gleich ans Telefon klemmen und Brian darüber informieren, was wir vorhatten. Vielleicht bekam er ja heraus, wo man John hingebracht hatte. Ins erste Krankenhaus, das wir ansteuerten, das Sacred Heart Medical Center, offenbar nicht. Zuerst wollten sie uns im SHMC keine Auskunft geben, aber dann hatte die Dame, die ihre Kollegin ablöste, ein Einsehen und ließ uns im Wartebereich Platz nehmen, nachdem Mike ihr ein Foto auf seinem Smartphone gezeigt hatte, nur für den Fall, dass sein Kollege keine Papiere bei sich hatte.

Es dauerte eine Weile, dann kam sie zurück, um uns mitzuteilen, dass unser Weg hierher vergeblich gewesen war, aber dass es da noch das Bezirkskrankenhaus dreizehn Kilometer weiter nördlich gäbe, in das sie manche Fälle bringen würden. Da ich ahnte, dass wir telefonisch nicht durchkommen würden, ließ ich mir die Adresse geben, und wir konnten unsere Fahrt fortsetzen. Dass John nicht ins SHMC eingeliefert worden war, klang zunächst beruhigend, aber musste nichts heißen. Es bestand ja immer noch die Möglichkeit, dass wir im nächsten Krankenhaus fündig wurden. Wenn aber nicht, was dann?

Während ich mich auf den zäh vor mir dahinfließenden Verkehr konzentrierte, wählte Mike zum wiederholten Mal die Nummer, die wir am Empfang bekommen hatten, jedoch ohne Erfolg, seinem frustrierten Schnauben nach zu urteilen, wenn wieder nur das Besetztzeichen zu hören war. An seiner Stelle hätte ich genauso genervt in die Tasten gehämmert, obwohl die vor mir schleichenden Idioten meine Nerven auf eine Geduldsprobe stellten. Mussten wir von allen Tagen unserer Reise ausgerechnet an diesem in eine Stop-and-Go fahrende Kolonne geraten?

Inzwischen setzte Mike zu einem erneuten Versuch, die Klinik telefonisch zu erreichen, da blökte sein Telefon ganz von alleine los. Mit dem Klingelton, den Mike Brian zugeordnet hatte: ♪♫ ♪♫ ♪♫ Give me a guitar and I’ll be your troubadour … ♫ ♪♫ ♪♫ ♪ He, ihr zwei. Schön, dass ich Euch endlich erreiche.“

Ja, wie auch, wenn bei meinem Handy der Ton abgeschaltet ist und Mike mit seinem ständig versucht, das Bezirkskrankenhaus anzurufen.

„Ich weiß ja nicht, wo Ihr seid, aber kommt ins Stadtzentrum – wir treffen uns auf dem zweiten Revier.“

Scheiße. Das klang nach Ärger. Brian erwartete uns auf dem Polizeirevier. Anscheinend hatte man John endlich gefunden, und in meiner Vorstellung spielte ich ein Horrorszenario nach dem anderen durch, angefangen bei einer Festnahme wegen Randalierens in der Öffentlichkeit oder irgendeiner Kneipe, bis hin zu der Mitteilung, dass wir zur Feststellung der Identität eines Toten ins Leichenschauhaus mitkommen sollten. Jetzt war mir so richtig übel, aber ich riss mich einigermaßen zusammen; jetzt noch einen Unfall zu bauen, war das Letzte, das wir gebrauchen konnten.

Irgendwie gelang es mir, die neun Kilometer zurück zur Stadt ohne größere Probleme hinter mich zu bringen, nachdem ich die Lücke vor mir zu einem U-Turn genutzt hatte. Des öfteren neigte ich dazu, mir unsinnig erscheinende Geschwindigkeitsbegrenzungen eher großzügig auszulegen, aber nach Brians Durchsage war mir so mulmig, dass ich den Ford wie auf rohen Eiern steuerte. Durch den ganzen Stress fehlte mir jegliches Zeitgefühl, so dass ich keine Ahnung hatte, wie lange wir bis zum Polizeirevier brauchten, vor dem Brian uns bereits erwartete.

Während Ihr durch die Gegend gefahren seid, war ich so schlau, bei der Polizei anzurufen.“

Er war so schlau, die richtigen Leute anzurufen, während wir nicht ganz so clever waren? Wow. Warum sparte er sich nicht einfach solche Spitzen, die uns wie die letzten Idioten dastehen ließen, und kam zum Punkt?

„Beim Ersten Revier konnten sie mir nicht weiterhelfen, aber das andere war ein Volltreffer.“

Volltreffer inwiefern? Wir sollten es schon bald erfahren, aber jetzt war erst mal Warten angesagt. Schon wieder. Aber diesmal befanden sich die Bänke, auf denen wir Platz nehmen durften, nicht im Bereich der Notaufnahme, sondern bei den Ausnüchterungszellen.

Ja Leute, Ihr habt richtig gehört. Diesmal hat sich unser Freund so die Lichter ausgeschossen, dass sie ihn mitgenommen und hierbehalten haben.“

Was für eine Überraschung. Aber eigentlich nicht wirklich, wenn ich so darüber nachdachte. Früher oder später musste der Absturz ja kommen. Kopfzerbrechen bereitete mir nur dessen Heftigkeit, da ich in so einer Situation zuvor noch nie gewesen war und keine Ahnung hatte, was uns erwartete. War er noch fähig, aus eigener Kraft zu gehen oder bereits so hinüber, dass er sich bis zum Abend nicht mehr erholen würde? Ein Konzert ohne Keyboarder wäre der GAU schlechthin. Aber egal, in welchem Zustand wir ihn mitnehmen würden, die Zeit war reif für eine Krisensitzung.

Krisensitzung bedeutete, dass alles auf den Tisch kam. Die vorher mehr oder weniger unterschwelligen und inzwischen offen ausgetragenen Reibereien waren Brian schon lange ein Dorn im Auge aber nach diesem Ausrutscher war für ihn das Maß voll.

Die ständigen Extrawürste des Sängers, der sich immer seltener an gemeinschaftlich getroffene Entscheidungen hielt und damit dem Management in den Rücken fiel… dass er aufs heftigste mit dem Drummer aneinandergeraten war und die beiden jetzt so im Clinch miteinander lagen, dass sich ihre Kommunikation auf das Nötigste beschränkte… und zuletzt auch noch der Filmriss des Keyboarders, von dem sie so etwas als allerletztes erwartet hätten… Ausgerechnet von ihm so eine Aktion…. Wenn sich dann auch noch eine der beiden Backgroundsängerinnen wie eine Diva aufführte…

Und was überhaupt diese Allüren sollten; schließlich waren sie keine Superstars, die gerade einen Deal mit einer der großen Plattenfirmen abgeschlossen hatten, sondern eine Band, die wochen- und monatelang durch die kanadische Provinz tingelte und froh sein konnte, wenn sich ein kleineres Label für sie interessierte.

Bei diesem Meeting musste ich nicht einmal persönlich anwesend sein, da ich wie meine Kollegen kein Teil der Band war, obwohl es sie persönlich betraf, wenn die Gruppe auseinander fiel, und im Moment wurde ich das Gefühl nicht los, dass dazu nicht mehr viel fehlte. Dem Ausdruck auf Mikes Gesicht nach zu urteilen, als er mir davon berichtete, hatten sie ziemlich erhitzt debattiert, aber der große Knall war ausgeblieben.

„Ach, übrigens, Brian möchte gleich noch mir Dir reden. Unter vier Augen. Und was den Job als Aufpasser für John angeht – die Arschkarte habe ich jetzt.“

Deswegen also schaute er so genervt. Ist doch super gelaufen! Du hast die Arschkarte? Den Job habe ich dann wohl gleich mit…

Wie Brian darauf gekommen war, konnte nur an meinem Streit mit Sue liegen, die das „Kindermädchen für Marks Kollegen“ in den Ring geworfen hatte, nachdem ich mich unbedingt als Moralapostel hatte aufspielen müssen. Wenn ich mit Freunden ausgehe, dann achte ich auf sie und sehe zu, dass sie mir nicht abhanden kommen. Innerlich klatschte ich mir mit der flachen Hand gegen die Stirn; mit dem Stichwort „Freunde“ hatte ich Brian die Steilvorlage geliefert, aber nur über unseren künftigen Zweitjob als Kindermädchen wollte er sicher nicht mit mir sprechen.

Und richtig; mein Blick auf den im Frühstücksraum flimmernden Bildschirm mit den Nachrichten zur vollen Stunde lieferte Brian das Stichwort: Pilotenstreik, und zwar auf unbestimmte Zeit. Gut, dass ich bereits saß, denn was das bedeutete, ließ mich erblassen. Ich hatte noch den Vortrag unseres Berufsschullehrers im Ohr, der zum Thema Arbeitsrecht eine Anekdote aus der Geschichte der IG Metall zum Besten gegeben hatte und in der er sehr anschaulich geschildert hatte, wenn Metaller wochenlang für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall streiken.

Sechzehn Wochen hatte es in den Fünfziger Jahren gedauert, bis sie in Schleswig-Holstein ihre Forderungen durchsetzen konnten, und in den Neunziger Jahren hatte ein Streik im Bayerischen Wald fast ein Jahr gedauert. Aber egal ob ein Jahr oder vier Monate – so lange konnte ich nicht warten; am 22. Oktober lief mein Visum aus, und wenn sich die Geschichte wiederholte und sich das Thema streikende Piloten nicht bis dahin erledigt hatte, bekam ich ein gewaltiges Problem.

Wie es aussieht, gibt es in den nächsten Tagen keine Flüge.“

In den nächsten Tagen? Glaubst Du wirklich, dass der Spuk in ein paar Tagen vorbei ist? Dabei dachte ich, langfristige Planung sei genau Dein Ding… Okay, im Normalfall schon – aber nicht wenn es sich um Höhere Gewalt handelt.

„Zumindest nicht mit Air Canada.“

Das waren ja tolle Nachrichten! Wie lange ging das eigentlich schon so? Im Gegensatz zu mir hatte unser Manager die Nachrichten gründlicher verfolgt. Vielleicht war das die Erklärung dafür, dass er sich in Bezug auf meinen Abschied bedeckt gehalten hatte. Zum Teufel, Air Canada war doch nicht die einzige Fluggesellschaft, die die Strecke Vancouver-Frankfurt bediente.

Die Idee ist mir auch schon gekommen, und in der Theorie auch ein guter Plan…“ – warum hörte ich da ein riesengroßes Aber mitschwingen? – „… nur versuchen das Tausende andere auch. Was heißt…“

Dass die Nachfrage so groß ist, dass es Wartelisten gibt, ergänzte ich in Gedanken

… dass die Tickets so exorbitant teuer sind, dass es preislich keinen Sinn macht, auf eine andere Airline auszuweichen oder am Flughafen herumzuhängen, bis der Streik vorbei ist, in der Hoffnung, ein halbwegs günstiges Ticket zu ergattern.“

Aha. Es rechnete sich also eher für ihn, wenn ich seine Gruppe so lange begleitete, bis mein Visum auslief anstatt mittels Warteliste der Chance auf ein überteuertes Ticket näher zu rücken und für die Übernachtung nochmal so viel Geld auszugeben. Nachvollziehen konnte ich seine Gründe allemal, schon allein, weil ich wusste, dass er unnötige Ausgaben hasste; dennoch vermutete ich einen Haken in dieser Rechnung.

Richtig rechnen würde es sich für ihn nämlich nur dann, wenn er für mich einen Job in seiner Entourage hatte oder ich eine Gegenleistung anbieten konnte; aber das mit dem Job hätte sich in der kommenden Woche erledigt, also lief alles auf den letzten Punkt hinaus. Wenn hier mal nicht meine Fantasie mit mir durchging. Für mein Zimmer konnte ich zur Not auch selbst aufkommen oder ihm als Deal vorschlagen, dass ich soviel wie möglich beisteuerte, indem ich mich auf Höhere Gewalt berief.

Und das bringt mich zu Punkt zwei, warum ich Dich sprechen wollte.“

Endlich kamen wir der Sache näher. „Okay,“ antwortete ich vorsichtig. „Ich bin ganz Ohr.“

Wie Du weißt, hole ich Steve nächste Woche ab, und eigentlich war ja geplant, dass damit Deine Zeit bei uns beendet ist und Du wieder nach Frankfurt zurückfliegst. Aber nun haben wir ja diesen Streik.“ Ja, ja, wie oft willst Du diesen Punkt noch wiederholen?

Ich bin nochmal unseren Tourneeplan durchgegangen. Mitte Oktober spielen wir in der Nähe von Vancouver. Da ich davon ausgehe, dass bis dahin der Streik vorbei ist, kann ich Dir anbieten, uns bis dahin zu begleiten. Unter einer Bedingung – ich hätte nämlich eine Aufgabe für Dich.“

That’s it – jetzt platzt die Bombe. Und wie sie das tat. Meine Aufgabe sollte darin bestehen, dafür zu sorgen, dass so ein Totalausfall bei seinem Keyboarder nicht noch einmal vorkam. Mit anderen Worten: Mike und ich – weil er mir die Aufgabe der Nanny nicht alleine aufhalsen wollte und die beiden bislang am wenigsten Stress miteinander gehabt hatten – sollten uns um ihn kümmern und aufpassen, dass er sich nicht nochmal bis zur Besinnungslosigkeit vollaufen ließ.

Wie hast Du das so schön formuliert? Wenn ich mit Freunden ausgehe, dann achte ich auf sie und lasse sie nicht aus den Augen.“

Das hatte ich nun von meiner großen Klappe. So hatte ich das zwar nicht gesagt, aber schön, dass man mich in der Krisensitzung zitiert hatte. Gute Freunde soll man niemals trennen? Vor allem abends nicht, wenn sie nach der Show noch ein wenig feiern wollten.

Und wie stellst Du Dir das vor?“ fragte ich ihn. „Wie soll denn bitte diese 24-Stunden-Rundumbetreuung funktionieren? Vor allem, wenn diese Aufgabe eine Person alleine stemmen soll?“ Was eine Person alleine unmöglich kann.

Aber auch darüber hatte er sich schon Gedanken gemacht. Die beiden würden sich auch weiterhin ein Zimmer teilen und sich auch während der Proben am selben Ort befinden – da würde es für John schwierig werden, sich zu verdrücken, um sich heimlich einen einzugießen.

Oh, wenn Du wüsstest, dachte ich, wenn jemand trinken will, findet er immer einen Weg. Aber ich ließ ihn weiter reden, da ich endlich wissen wollte, welcher Part für mich in diesem Plan vorgesehen war. Okay, den größten Teil des Tages sollte also Mike seinen Freund im Auge behalten. Der eigentliche „Spaß“ sollte nach den Auftritten beginnen. Und an der Stelle kam ich ins Spiel.

Natürlich konnte er verstehen, dass ich als Mikes Freundin mir die freie Zeit mit meinem Liebsten ganz bestimmt anders vorgestellt hatte, aber manchmal musste man ein Opfer bringen, und da wir uns in ein paar Wochen sowieso voneinander verabschieden mussten, würde uns das den Abschied ganz gewiss erleichtern.

So ein Heuchler! Sich selbst als großen Wohltäter hinstellen und so zu tun, als wolle er nur unser aller Bestes. Den Wink mit dem Zaunpfahl verstand ich nur zu gut. Extratouren wie unseren Ausflug wie den zum Diner würde es für mein Herzblatt und mich dann leider auch nicht mehr geben, da ja der Job als Guardian Angel unsere volle Aufmerksamkeit erforderte.

Kein Wunder, dass Mike vorhin so ein Gesicht gezogen hatte. Er hatte die frohe Botschaft längst verkündet bekommen. Mitgefangen, mitgehangen.

30-Days Song Challenge – Day #28

 

 


 

Day #28 : A song by an artist whose voice you love

Dieser Herr – äh, Song – war eigentlich für den 25. Tag vorgesehen, aber heißt es nicht immer, dass das Beste zum Schluss kommt? Für mich jedenfalls, denn bei mir ging die Liebe weder durch den Magen noch über die Augen, sondern über die Ohren. Besser gesagt, es war 1987, und der Song von „Day #11“ wurde ständig im Radio gedudelt. MTV hatten wir nicht, sondern nur die öffentlich-rechtlichen Sender.

So, und nun genug der Vorrede. Michael Hutchence war zwar der Leadsänger der Band INXS, aber von ihm gibt es auch ein Soloalbum, aus dem ich einen Song ausgewählt habe: Possibilities. 

 

 

Es stammt aus dem Jahr 1997 und wurde nach seinem Tod fertiggestellt. Möge er in Frieden ruhen. Und deshalb gibt es hier nur ein unbewegtes Albumcover in Schwarz-Weiß und keine zusammengeschusterte Slideshow.

Michael Hutchence – Possibilitieshttps://www.youtube.com/watch?v=DRBbuHr1jbo