Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 21

Kapitel 21 *** Lilly : Lucretia my reflection

I hear the roar of a big machine
Two worlds and in between
Hot metal and methedrine
I hear empire down
I hear empire down

-Sisters of Mercy „Lucretia my reflection“-

♪♫ ♪♫ ♪♫ Give me a festival and I’ll be your Glastonbury star… ♫♪ ♫♪ ♫♪

Musste das sein? Wer auch immer das Radioprogramm zusammengestellt hat, hätte nicht noch mehr Salz in unsere Wunden streuen können als mit dieser kreuzdämlichen Werbung. Wetten, dass von denen niemand weiß, wie der Song weitergeht?

The lights are shining everyone knows who you are …

Was für ein Brüller! Spätestens nach dem Interview mit diesem Käsblatt morgen wird uns die ganze Welt kennen. Wenn’s nicht so traurig wäre, könnte ich darüber lachen. So wie der Rest der Welt über uns.

„Kommt, wir finden einen Schatz? Am Arsch!“

Dass ich das noch erleben darf: die vertraute Stimme von Ellie. Was habe ich ihr Gezicke vermisst. Sie und Finns Versuche, sie zu beeindrucken.

… Singing songs about dreams about hopes about schemes, ooooh, they just came true…

Mein Traum ist wahrgeworden: Endlich wieder zusammen, endlich wieder vereint. Nach der ganzen Zeit, die mir wie eine Ewigkeit vorgekommen ist – in der ich mir schon das Allerschlimmste ausgemalt habe. Sag hallo zur Hölle? Besser nicht, wenn das heißt, den Liebsten nie mehr wiederzusehen, als Strafe dafür, dass ich ihn einmal zu oft zum Teufel gewünscht habe, weil er mir mit seinem Betüddeln zuletzt immer öfter auf die Nerven gegangen ist. Doch jetzt?

Kaum ist der Arzt zur Tür raus, zieht mich Flo in einer stürmischen Umarmung von meinem Bett hoch und auf die Füße. Mein Herz! Endlich habe ich ihn wieder, und nur das zählt. Eins schwöre ich: Jetzt, wo ich die Klinik endlich verlassen darf, verschwende ich unsere wenige Zeit zu zweit bestimmt nicht mit unnützen Gedanken. Wie zum Beispiel den, dass es trotz dem bevorstehenden Interview mit der örtlichen Presse fürs Festival noch nicht zu spät ist.

War ja klar, dass Ellie damit herausplatzen muss. Als ob wir nicht gerade erst die hinter uns liegende Hölle mit Hängen und Würgen überstanden haben. Wenn ich zum Beispiel nur an meine Dauerübelkeit zurückdenke. Doch für Finn ist das Thema noch lange nicht erledigt.

„… aber so richtig schlecht ist mir bei diesem Schrei geworden!“

Stockend beendet er den angefangenen Satz, dann sackt er käseweiß auf meinem Bett zusammen. Mir entgeht nicht, wie schnell plötzlich Ellie an seiner Seite ist und seine zitternden Hände in ihre nimmt. Wie um ihn zu beruhigen, flüstert sie ihm für mich unverständliche Worte ins Ohr. Alles unter den Augen von Jo, der verwundert darüber, wie vertraut die beiden plötzlich miteinander umgehen, eine Augenbraue in die Höhe zieht, aber nichts sagt. Und tatsächlich wirkt Finn bald schon deutlich gefasster und murmelt etwas, das sich wie ach ja – Billie Eilish anhört. Plötzlich kommt mir Ellies Bemerkung über das Festival nicht mehr wie oberflächliches Geplapper vor. Ob sie das gemacht hat, damit Finn auf andere Gedanken kommt?

„Das Glastonbury?“ unterbricht da Feli die traute Zweisamkeit. „Ihr wollt da jetzt ernsthaft noch hin? Nach allem, was war?“

„Nach allem, was war?“ starrt Fiona ihre Zwillingsschwester mit offenem Mund an. „Wovon, zum Teufel, sprichst du?“

Was ist denn das für eine Frage? Hat Fiona schon unsere Trennung und unser stundenlanges Herumirren vergessen? Oder dass Finn gerade eben erst so etwas wie einen Zusammenbruch hatte? Nach allem was war? Damit ist sie aber bei Flo an der falschen Adresse.

„Jetzt fang bloß nicht damit an, dich dümmer zu stellen als du bist. Als ob du das selbst nicht ganz genau wüsstest! Oder hast du schon den Schrei vergessen?“ Betretenes Schweigen. Dann bricht ein Orkan los, gegen den unsere Waldodyssee nur ein laues Lüftchen war – denn seine Worte lassen uns die Haare zu Berge stehen.

Der Schrei war schon grässlich genug, doch den Rest gab ihm der Anblick des sich öffnenden Portals, das in Zeitlupe wie aus dem Nichts erschien. Selbst in seinen Schmökern fehlte die Eiseskälte, die mit dem Erscheinen diese Übergangs in eine andere Welt einherging. Der jähe Temperatursturz in Verbindung mit dem sich in dem Trichter materialisierenden Etwas bewirkte, dass sich ein bleiernes Schweigen über die Anwesenden legte; ganz gleich, ob er es Trichter, Portal oder Wurmloch nannte – was er sah, ließ ihm auf der Stelle das Blut in den Adern gefrieren, und er hätte schwören können, dass es auch den anderen so ging. Flo liebte es zwar, in einen spannenden Fantasyroman einzutauchen, und von einem wie auch immer gearteten Portal zur Anderwelt zu lesen, war das Eine. Es aber jetzt leibhaftig und überaus real im Zentrum Avalons entstehen zu sehen, überstieg selbst sein Fassungsvermögen.

Eine überirdisch schöne Gestalt, dunkel wie die tiefsten Kreise der Hölle, trat zu ihnen in den Kreis und visierte Morgane, die mit dem immer noch gen Himmel erhobenen Juwel wie eine kleine Version der Freiheitsstatue aussah.

Wer von euch hat es gewagt, das Gleichgewicht zu stören? Wie das Donnergrollen eines langsam und bedrohlich heraufziehenden Gewitters im August, hallte die Stimme der Gestalt über die Insel hinweg, doch noch immer rührte sich Morgane nicht. Warst Du es?

Mein Gott, warum antwortest Du nicht, dachte Flo, du weißt doch ganz genau, dass Leugnen zwecklos ist und sie dich längst durchschaut hat. Das hier würde kein gutes Ende nehmen, und schon gar nicht für jene unter ihnen, die den Fürst der Finsternis unterschätzt hatten.

Der Fürst der Finsternis. Wer’s glaubt. Connor war der Erste, der aus seiner Schockstarre erwachte und verächtlich schnaubte. Das Tor zur Hölle öffnen? Pah, alles Ammenmärchen! Bewegung kam in den aufgescheuchten Haufen. Doch da hatten sie die Rechnung ohne den Schwarzen Engel gemacht, der nun von Morgane abließ und den cholerischen Gangsterboss ins Visier nahm.

Der Fürst der Finsternis? Was wisst ihr Narren schon!

Richtig. Der Höllenfürst hätte sich nie dazu herabgelassen, persönlich den armen Irren, die die Trennung zwischen dem Diesseits und der Unterwelt mit Hilfe ihres faulen Zaubers aufgehoben hatten, die Leviten zu lesen. Natürlich nicht. Nicht einmal Luzifer hätte das getan. Der machte es sich lieber in einem Liegestuhl am Läuterungsberg gemütlich und beobachtete völlig tiefenentspannt mit einem Sex on the Beach, welche armen Seelen es diesmal erwischte. Dieses Spektakel konnte er sich unmöglich entgehen lassen. Sollte sich doch seine Assistentin um die lästige Angelegenheit kümmern. Die Süße wurde ihm in letzter Zeit sowieso wegen der schon lange ausstehenden Beförderung zu aufmüpfig, da würde es der kleinen Kratzbürste nicht schaden, wenn sie die ultimative Aufgabe bekam, mit der sie sich beweisen konnte.

Lucretia.

In ihrer düsteren Pracht stand diese vor Connor und funkelte ihn drohend an. Gleich würde das Fass überlaufen. Wie ihr oberster Herr und Meister, war sie wenig erfreut, dass nun die Pforte zur Hölle weit offenstand.

Dummheit und Gier! Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder einfach nach Lust und Laune zwischen unserem Reich und eurem hin und her spazieren kann?

Den Teufel würde sie tun, fuhr sie fort und beschloss, diese Farce auf der Stelle zu beenden, und zwar mit Hilfe des Steins, den sie als Siegel einsetzen und das Tor von innen für alle Ewigkeit verschließen würde. Doch zuvor wollte sie noch ein paar dieser verkommenen Seelen mit sich nehmen. Dieser Connor würde zum Beispiel einen exzellenten Bewohner des fünften Kreises abgeben. Und der Rest? Darüber würde sie Luzifer entscheiden lassen.

„Und dann war es ausgerechnet Jeff, der den Stein ins Rollen gebracht hat“, kommt Flo zum Ende.

Ins Rollen, ha ha, denke ich. Kaum zu glauben, was ich soeben gehört habe: Ein Schnauben von Connor zu viel, dann brach wilder Tumult los. Bei dem Versuch, den Stein zu erhaschen, stolperte besagter Jeff dazwischen und brachte Morgane zu Fall. Die ließ prompt das in tiefem Purpur aufleuchtende Juwel fallen, das von dem Portal angezogen wurde wie von einem Magneten. Dann wurde es undeutlich – ausgerechnet daran kann sich Flo auf einmal nicht mehr erinnern. Erst, als wie durch wundersame Weise auch der letzte der Druidenschar in das Portal eingesogen wurde, kam er wieder zu sich.

Lauft!

Der Schrei mobilisierte ihre letzten Reserven, und sie brachten sich über die langsam auflösende „Seebrücke“ in Sicherheit. Außer Atem drehten sie sich um und wurden gerade noch Zeuge, wie die Insel für immer im Nebel verschwand.

Give me a festival and I’ll be your Glastonbu-

Genug davon, seufze ich wische die nervige Werbung am Smartphone weg, als ich mich durchs Internet klicke, auf der Suche nach dem Interview, das wir diesem Klatschblatt geben sollten.

Der Glastonbury-Zwischenfall : Internationale Gangsterbande ausgehoben – Mysterium um den Stein bald gelöst?

Eigentlich habe ich mehr erwartet, und nicht so einen winzigen Artikel irgendwo im Mittelteil – aber wie es aussieht, ist das Festival, auf dem sich nun Ellie und Finn herumtreiben, für die breite Masse spannender. Auf den Auftritt von Billie Eilish und ihre Abschlussrede am Freitag freut sie sich jetzt schon.

Andererseits kann ich froh sein, dass wir uns vorher darauf geeinigt haben, von den Druiden kein Sterbenswörtchen zu erwähnen. Denn was tatsächlich passiert ist, konnten wir denen von der Zeitung doch unmöglich erzählen. Denn wenn die wüssten, was wir wissen, hätten wir keine Ruhe mehr oder es ginge uns so wie Jeff, Derek & Co, die sich auf dem Weg in die Klapsmühle befinden. Die Assistentin Luzifers. Also bitte!

Und was das Rätsel um das verschwundene Juwel angeht, so wird die Suche hoffentlich im Sande versickern. Finden werden sie es sowieso nicht, und falls doch, so wäre es das

Ende

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Die Vorlage zum 21. Kapitel:alle anderen Jugendlichen (wenn niemand gestorben ist; bei allen okay außer dem Pärchen) kommen wieder zusammen, großes Wiedersehen, Schatz wird übergeben, Zeitungsartikel Jugendliche schaffen es nach einer Weile, auch Hilfe zu bekommen, aber auf dem Weg stolpert eine/r und verletzt sich.

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Das war es – das Experiment, bei dem ich mutig Hier geschrien habe, ohne zu wissen, was auf mich zukommen würde. Es hätte ja auch ein Entwurf für einen Mafia- oder Werwolfroman im Stil von Twilight sein können oder eine Fan-Fiction über Stars, bei denen ich mich nicht auskenne; über One Direction oder BTS zum Beispiel. Dass es ein Abenteuerroman geworden ist, hat mich dann doch ungemein erleichtert. Doch nach dem Experiment wäre nicht vor dem Experiment, wenn nicht schon das nächste auf mich warten würde. Mein Titel für Dich, der Open Novella Contest 2023 oder die Neuerzählung eines Märchenklassikers, mit dem ich gerade begonnen habe. Mal sehen, was ich davon hier auf die Menschheit loslasse – vermutlich das letzte der drei Projekte.

Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 20

Kapitel 20 *** Feli : Everyday is Halloween

You lose your routine ‚cause I found my path. What the hell are you trying?
Now I know there is something more -Apocalyptica „Path, Vol.2“-

Nichts wie weg, ist mein einziger Gedanke, als die Tür aufgerissen wird und sich einer dieser Druiden vor Finn aufbaut. Den gesamten Türrahmen füllt dieser Kerl aus. Noch ein Schritt, und es wär’s für ihn, oder besser gesagt für uns. Was musste Finn, der sich den Stein geschnappt hat, sich auch bis ganz nach vorne vordrängeln und mit seinem Gehampel schlafende Hunde da drinnen wecken? Uns schnappen? Nicht mit mir! Reflexartig reiße ich die Kamera hoch und drücke auf den Auslöser, was im Grunde völlig sinnlos ist, weil die Kamera eigentlich gar nicht funktionieren dürfte, nach der langen Zeit. Aber sie tut es, und ein gewaltiger Blitz lässt die gesamte Hütte für einen winzigen Moment grell aufflackern; so grell, dass es in den Augen schmerzt.

Flash. Ah-ah. Saviour of the universe. Flash. Ah-ah. He’ll save every one of us…

Von null auf hundert in einer Sekunde? Das ist der Moment zum Weglaufen! Drei Dumme, ein Gedanke. Und schon hetzen wir, hakenschlagend durch den Wald hinunter zum See.. schlittern mehr, als dass wir rennen, über die glibberigen Steine, die wieder zum Vorschein gekommen sind, seit dieser Rhys den Stein aus dem Schlamm gefischt hat. Wusste ich doch, dass Flo damit recht hatte, als er mit dem Beispiel vom Einen Ring aus „Herr der Ringe“ ankam und feststellte, dass Jo in diesem Punkt echt nicht die hellste Kerze auf der Torte gewesen ist. Das Ding auf diese Weise loszuwerden, um die anderen daran zu hindern, uns weiter durch den Wald zu verfolgen – was für eine Schnapsidee!

Andererseits… sollen diese „Erben Avalons“, wie sie sich schimpfen, doch auf ihrer Insel bleiben. Druiden, die im Wald ausschwärmen, sind Dinge, die die Welt nicht braucht. Doch genau das werden sie, wenn der Stein nicht schleunigst verschwindet. Und genau da beißt sich die Katze in den Schwanz. Es genau wie Jo zu machen, würde absolut nichts bringen, weil die Methode inzwischen auch dem Dümmsten bekannt ist. Und ihn im nächsten Loch im Wald zu versenken, oder gar in der Burg?

Doch bevor ich mein Hirn weiter durch die Mangel drehen kann, höre ich dicht hinter mir einen wütenden Schrei.

Finn! Er ist gestolpert und hat das Gleichgewicht verloren, was nicht weiter tragisch wäre, wenn wir niemanden im Nacken sitzen hätten. Ein Blick über die Schulter, und mir läuft es eiskalt durch die Adern. Die Hohepriesterin!

Wie in Zeitlupe strecken sich ihre langen Krallen nach Finn aus, der sich zwar immer noch nicht aufgerappelt, aber sich im letzten Moment seitlich weggerollt hat und jetzt verzweifelt versucht, wieder auf die Beine zu kommen. Leider vergeblich, denn inzwischen hat Morgane Boden gutgemacht und nun Finns Kapuze im Griff. Als ich ihrem kalten und zugleich triumphierenden Blick begegne, scheint die Zeit einzufrieren, und ich erschauere, wie die anderen vermutlich auch. Das Ende ist nah…

Bis ich ein reißendes Geräusch höre.

Schwer zu sagen, ob es der Stoff von Finns Jacke ist, der unter Morganes Zerren nachgibt und ächzend entzwei geht oder ihr Reißverschluss, der sich unnatürlich laut hallend mit seinem charakteristischen Ratschen öffnet. Aber es kommt aufs Gleiche raus, denn Finn ist zwar nun frei, aber Morgane dafür im Besitz der Jacke, aus der sie mit zielsicherer Genauigkeit den Stein herausfischt und wie eine Trophäe in die Höhe hält.

Die Zeit steht still – diesmal endgültig, denn mir ist, als könne ich ihre Gedanken lesen. Diese Bilder! Was zum…

Ein wie von Sinnen durch den nebeldurchfluteten Wald rasender Unbekannter, auf der Flucht vor Druiden und mit nur einem Ziel: den mir nur zu bekannt vorkommenden Brunnen in der Burg. Nicht lange, und eine Eule kreuzt seinen Weg, wechselt die Richtung, während der Namenlose keuchend am Brunnenrand niedersinkt und mit letzter Kraft einen Beutel in die Tiefe befördert. Jedoch ohne den Schatten zu bemerken, der wie aus dem Nichts hinter ihm auftaucht und offensichtlich nichts Gutes im Schilde führt. Etwas, das auch der Mann am Brunnen zu ahnen scheint, bevor die Vision in undurchdringlichem Schwarz versinken wird, denn sein entgeisterter Blick spricht Bände.

Ohne, dass ich weiß wieso, erkenne ich mit einem Mal die Wahrheit, so unvorstellbar sie auch ist – eine Wahrheit, die so absurd ist, dass sie erstklassigen Stoff für einen Horrorfilm abgeben würde, wenn das hier nicht wirklich passiert wäre, denn sie haben es schon einmal getan. Schon einmal haben sie kurz davor gestanden, ein Portal in die Anderwelt zu öffnen. Doch diesmal wollen sie es dauerhaft tun, und zwar für länger. Für eine sehr lange Zeit. Und dazu brauchen sie den Stein.

Natürlich… ich wusste es: Es muss am Stein liegen, und nur an ihm. Sie brauchen ihn, um dieses verflixte Portal zu öffnen, zu welchem Zweck auch immer. Aber ganz ehrlich? Ihre Gründe sind mir sowas von egal, denn eine einzige Nacht wie Halloween, in der die Schleier zwischen der Welt der Lebenden und der der Toten hauchdünn werden oder sich gar ganz auflösen, ist das Eine. Aber ein dauerhaft geöffnetes Portal, vielleicht sogar für immer? Everyday is Halloween – was für eine grauenhafte Vorstellung. Den Mondstein hätte Morgane nie in die Finger bekommen sollen. Ja ja, Hätte Hätte

Da mag Finn noch so sehr wieder auf die Füße kommen (wenn auch taumelnd mit seinem verstauchten Knöchel) und auf Flo und mich gestützt mehr schlecht als recht hinter Ellie her humpeln. Unter anderen Umständen könnte ich mein Glück kaum fassen, dass sie uns tatsächlich haben entkommen lassen, egal wie schlecht wir zu Fuß sind. Aber leider sind die Umstände so, wie sie sind – und der Stein dort, wo er nie hätte landen sollen. Bei Morgane und ihrer größenwahnsinnigen Truppe, der wir rein zahlenmäßig unterlegen sind.

„Nur noch ein paar Meter“, höre ich irgendwann Ellie darüber jubeln, dass wir tatsächlich doch in die Nähe einer Straße gekommen sind, nachdem wir uns scheinbar stundenlang durchs Dickicht geschlagen haben.

„Jetzt, wo wir es so weit geschafft haben, wäre es doch gelacht, wenn nicht auch noch gleich ein Auto anhalten würde“, stimmt Flo mit ein. Das wäre ja zu schön, um wahr zu sein. Jetzt, wo wir so weit gekommen sind und die Zivilisation in greifbare Nähe gerückt ist, frage ich mich, was genau uns dazu gebracht hat, so lange durchzuhalten. Jeder andere hätte längst aufgegeben.

Aber egal, ob es sich bei der unsichtbaren Kraft, die uns angetrieben hat, um schiere Verzweiflung handelt oder doch eher die Hoffnung, Verstärkung holen zu können – wenn hier nicht bald jemand entlang kommt, können wir unsere wahrscheinlich nur minimal vorhandene Chance, das Schlimmste doch noch zu verhindern, in die Tonne treten. 

„Na, wenn man vom Teufel spricht“, stöhnt Finn da plötzlich, und ich hebe den Kopf, um zu sehen, was er meint. Und tatsächlich nehme ich nicht nur die Motorengeräusche, sondern auch die Scheinwerfer des Vans wahr, noch bevor er hinter der nächsten Kurve hervor und am Straßenrand zum Stehen kommt.

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Die Vorlage zum 20. Kapitel: Jugendliche schaffen es nach einer Weile, auch Hilfe zu bekommen, aber auf dem Weg stolpert eine/r und verletzt sich.

Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 19

Kapitel 19 *** Gary : Take a picture, it lasts longer

Let’s take this **** to the next level. -Amy Lee (Evanescence), Worlds-Collide-Tour, 23. November 2022-

Ich fass‘ es immer noch nicht. Gegen diesen Alptraum war selbst meine Zeit im Knast, ganz oben unterm Dach, der reinste Kindergeburtstag. Wer hoch steigt, kann tief fallen? Wie wahr, und vielleicht waren mir genau deswegen große Höhen schon immer ein Graus, wobei Alptraum dieses Pandämonium nicht mal ansatzweise trifft. Erst Connor und sein „Gandalf, zu dir komme ich als nächstes“, dann das Gerumpel draußen vor der Hütte und schließlich dieser Druide und wie er die Tür aufreißt, um direkt in diesen Blitz zu starren, der völlig unverhofft kam – so überraschend wie die Reaktion von Harry und Derek, als plötzlich diese Raven vor ihnen stand.

Anscheinend haben sie da genau dasselbe gedacht, denn sonst hätten sie nicht so entsetzt reagiert und ihren Gedanken freien Lauf gelassen, während sie die Druidin ins Fadenkreuz genommen haben.

Ruby?

Hatte ich gerade richtig gehört? Ruby? Diese Ruby, über die sich Derek damals ziemlich unschön ausgelassen hat, nachdem er…

Du hier?

Doch bevor sie ihr unerwartetes Wiedersehen gebührend „feiern“ konnten, brach auch schon die die Hölle los.

Ihnen nach…

Wer auch immer das war. Aber als ob sich die Göre mit der Kamera davon aufgehalten lassen hätte! Plötzlich sprinteten sie und ihre Freunde so schnell los, dass selbst Usain Bolt nicht hinterher gekommen wäre, obwohl wir den jetzt gut gebrauchen könnten.

Sie haben nämlich den Stein!

Jeff hatte ausnahmsweise mal recht. Das hier ist ‘ne Nummer zu groß für uns. Für so schlau hätte ich ihn gar nicht gehalten. Vielleicht hätte Connor auf ihn hören sollen, anstatt „die Dumpfbacke“ so grob mit einem Halt’s Maul abzufertigen. Aber da er noch nie der Geduldigste war und auch nicht der Hellste, wie sich jetzt herausstellt, ist er sofort zur Tür raus und den Flüchtenden hinterher. Doch wenn der Rest von uns gedacht hat, dass es das jetzt war, haben wir uns geirrt. Aber sowas von. Denn nicht nur Connor und Derek sind jetzt hinter ihnen her, sondern auch einige Druiden. Wie war das nochmal mit Usain Bolt?

Ich kann nur raten, was da draußen vor sich geht. Harry ist schon mal nicht dabei, war ja klar. Die Arbeit lässt der nämlich gerne andere erledigen. Nur blöd, dass das jetzt nicht geht, denn plötzlich sehen wir uns dem Rest der Weißgewandeten gegenüber, die sich prompt gegen uns gestellt und den Weg zur Tür blockiert haben. Gekonnt ausgebootet, oder was? Nicht mit Harry, der seine Knarre gezückt und sie nun auf die Oberdruidin gerichtet hat.

So sieht man sich wieder… Wären die Umstände nicht so ungünstig, könnten sich alle Beteiligten freuen. Leider aber haben wir bei dem kurzen, aber heftigen Gerangel die Arschkarte gezogen, und nun stehen wir hier draußen umzingelt, obwohl zunächst doch alles so gut ausgesehen hat.

Gerade noch hat Harry seine neue Gefangene mit dem Lauf der Knarre im Rücken vor sich her getrieben, da stürzt sich auch schon Raven (oder besser gesagt, Ruby) mit einem Schrei auf ihn und beginnt, ihn mit aller Kraft zu würgen, worauf Harry aus dem Gleichgewicht gerät und die Waffe fallenlässt. Verdammter Mist!

Aber warum haben wir auch diesen Angriff aus dem Hinterhalt nicht kommen sehen? Konnte wirklich keiner wissen, dass ausgerechnet Ruby nach dem ganzen Beef zwischen Derek und Harry komplett die Seiten wechseln und jetzt der GAU eintreten würde? Die unschöne Wahrheit: Jetzt haben „ihre Leute“ die Oberhand und uns eingekesselt, aber das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange.

Wiedersehen macht Freude. Normalerweise. Leider ist die Freude nur einseitig, als Morgane triumphierend den Stein emporhält, nachdem in dieser Rhys seiner Herrin außer Atem übergeben hat. Da glänzt und strahlt er in den schillerndsten Farben, leider aber außer Reichweite für Derek, Connor oder Harry. Von mir oder Jeff will ich gar nicht erst anfangen. Doch noch schwerer als die Niederlage wiegt, dass sie zwar den Stein wiederhaben, aber die anderen ihnen trotzdem entwischt sind. O diese Schmach. Wie groß sie ist, geht mir jetzt erst so richtig auf. Als ob es nicht gereicht hätte, dass sie uns im Zentrum ihres Dorfs in einem Kreis zusammengetrieben haben und wir uns jetzt auf Unsägliches gefasst machen dürfen. Denn eines ist klar: Für dieses Sakrileg werden wir büßen müssen, und dann Gnade uns. Schon rotieren die Rädchen unter meiner Schädeldecke und ich male mir unsere bevorstehende Strafaktion in den grässlichsten Details aus, da beginnt das inzwischen immer heller strahlende Juwel zu pulsieren und die Atmosphäre um uns herum in immer heftigere Schwingungen zu versetzen.

Und mitten drin Morgane, wie sich die Oberdruidin nennt, die zu uns in den Kreis getreten ist und unverständliche Worte von sich gibt, als ob sie irgendeine magische Formel rezitieren würde. Fast kommt es mir vor, als würde sie eine Vision heraufbeschwören wollen, und je länger der Hokuspokus dauert, desto deutlicher wird mir klar, dass wir uns wehren können wie wir wollen, es wird uns nichts nützen. Und dazu muss ich ihre altertümliche Sprache noch nicht einmal verstehen. Vor meinen Augen (und höchstwahrscheinlich auch vor denen der anderen) erscheinen plötzlich Bilder, von denen ich keine Ahnung habe, wo sie herkommen und die ich am liebsten nie gesehen hätte.

Der See mit den Beltanefeuern, der Eichenwald, in dem sich immer dichterer Nebel ausbreitet, und ein Mann in schnellem Lauf, der sich immer wieder umdreht, so als sei er auf der Flucht vor einem namenlosen Grauen.

Die Druiden! O diese Narren… Das Tor zur Anderwelt wollen sie öffnen? Das darf niemals geschehen. Unter keinen Umständen.

Die Gedanken anderer lesen zu können, wer hat sich das noch nicht vorgestellt? Es ist schon erschreckend, was man sich so wünscht, wenn der Tag lang ist – und noch erschreckender, wenn man plötzlich genau weiß, was geschehen wird und seinen Wunsch am liebsten rückgängig machen würde. An so einem Punkt bin ich gerade, denn ich kann nicht nur sehen, was hinter dem Flüchtenden liegt, sondern auch, was auf ihn zukommt.

Es ist nicht nur die Eule, die mit einem klagenden, heiseren Schrei dicht über dem Kopf des Unbekannten abdreht und den Mann in schiere Panik versetzt, kurz bevor er den Brunnen erreichen und den Beutel mit dem Stein darin in die Tiefe werfen kann.

Nimm Dich zusammen, nur noch ein kleines Stück, dann ist es vollbracht…

Und es ist auch nicht bloß der Druide, der wild entschlossen ist, den Stein wieder zurückzubekommen, sich jedoch hoffnungslos in den Nebeln verirrt und sein Ziel buchstäblich aus den Augen verliert.

Endlich in Sicherheit. Endlich am Ziel. Endlich kann ich…

Nein, es ist ein Schatten in Schwarz mit rötlich funkelnden Augen, der hinter dem Mann mit dem Stein ins Unermessliche heranwächst, um ihn mit einem Schlag ins Jenseits zu schicken, während das Flimmern um ihn herum zunimmt. Das gleiche Flimmern, das in der Luft hing, bevor Morgane diese Vision herbeigerufen hat. Und als ich noch glaube, das soeben Erlebte könne nicht mehr viel schlimmer werden, da erhebt sich der Schatten von seiner vollbrachten Tat und richtet seine wie feurig glimmende Kohlenstücke leuchtenden Augen mit bohrender Direktheit punktgenau auf mich. Noch ein Schritt, dann noch einer. Gleich wird er mich haben, dann war’s das und ich…

Das Portal!

Der angsterfüllte Schrei reißt mich zurück ins Hier und Jetzt und setzt den Bildern des Schreckens ein jähes Ende. Schlagartig breitet sich Schweigen aus. Doch es ist kein gutes Schweigen, sondern eher eines von der beunruhigenden Sorte. So beunruhigend, dass selbst der sonst so abgebrühte Harry erbleicht, als quasi aus dem Nichts ein Trichter entsteht und in ein anderes Hier und Jetzt zu münden scheint, von dem wir alle dachten, es würde gar nicht existieren. Was auch immer sich hier gerade für ein Portal auftut, mit einem wie in „Stargate“ beziehungsweise dem Wurmloch, das sich dahinter befindet, hat es nicht die geringste Ähnlichkeit.

Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren, kommt es mir bei dem Anblick in den Sinn, denn dieses Portal erinnert mich verblüffend an die Kräfte, die Donnie Darko im gleichnamigen Film nachts durchs gesamte Haus ziehen. Liquid Spear Waltz… Alles ist miteinander verbunden und auf seltsame Weise vorherbestimmt. Nur dass das hier größer ist als diese komischen, wurmartigen Gebilde im Film; und zwar sehr viel größer. Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren? Nicht das Eintreten ist das Problem, denn das hier ist nichts gegen Dantes Inferno. Was mich (und wahrscheinlich jeden hier) in Angst und Schrecken versetzt, ist die Frage, wer oder was aus diesem Portal zu uns heraustreten wird.

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Die Vorlage zum 19. Kapitel: Jugendliche können ausbrechen und entkommen mit dem Schatz, Stamm kämpft gegen die anderen Leute.

Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 18

Kapitel 18 *** Raven : Unheimliche Begegnung der Dritten Art

Our ways are not your ways. And there shall be to you many strange things.

-Bram Stoker „Jonathan Harker‘s Journal“ (Dracula)-

Bei der Großen Mutter! Man glaubt es kaum: Eine Horde Elefanten könnte nicht unauffälliger sein, wie sie so in schönster Eintracht durch den Wald trampeln. Obwohl Eintracht anders aussieht, wie Rhys neben mir auf unserem Aussichtspunkt zu Bedenken gibt, zählt er doch acht Personen, von denen vier ungehaltene Kerle in Schwarz vier andere ziemlich grob vor sich her schubsen. Gefangene offensichtlich, und (o Wunder) genau die Vögel, die uns entfleucht sind. Dass ich das noch erleben darf! Dennoch: Mit gerunzelter Stirn lege ich einen Finger an die Lippen, bedeute Rhys, ruhig zu bleiben, denn noch haben wir den Heimvorteil auf unserer Seite. Schlügen wir zu früh los, wäre das Überraschungsmoment dahin. Abwarten, Rhys – auch wenn es dich in den Fingern juckt, signalisiere ich ihm stumm.

So, wie sie sich gebärden, könnte man doch glatt meinen, sie suchen etwas. Nein, falsch, sie lassen es suchen. Nämlich die zwei Mädels und Jungs, die bestimmt nicht damit gerechnet haben, wieder an den Ort der Schande zurückzukehren. Denn wie heißt es doch so schön: Man sieht sich immer zweimal im Leben. Seltsam nur, dass die anderen drei nicht dabei sind. Was mögen diese Halunken wohl mit ihnen angestellt haben?

„Ach, schau an“, murmelt Rhys beinahe unhörbar, „so sieht man sich wieder“.

Ja, schau an. Doch ich erwidere nichts, war ich doch ohnehin nie die Gesprächigste. Ich freue mich jetzt schon auf das Gesicht, das sie ziehen werden, wenn wir ihnen entgegentreten und die Erkenntnis bei allen Beteiligten dämmert, dass sie uns gewaltig unterschätzt haben.

Versuche niemals, einen Druiden für dumm zu verkaufen, und schon gar nicht durch so einen dilettantischen Versuch, den Stein verschwinden zu lassen, indem du deinen Verfolger ins Reich der Träume schickst und das Corpus Delicti gleich darauf im tiefsten und undurchdringlichsten Morast versenkst. Das reicht zwar, um dir einen Vorsprung zu verschaffen, doch das Problem ist dadurch noch längst nicht aus der Welt.

Es war nur eine Frage der Zeit, so Rhys, bis er die Suche nach dem Mondstein wieder aufnahm, nachdem er wieder zu sich gekommen war. Nichts ist für immer, hat er mir hinterher erklärt und in allen Einzelheiten beschrieben, wie er unablässig das Ufer abgesucht hat, bis er an die Stelle mit den Seerosen kam. Ein seltsames Pulsieren in zarten Gelb- und Lilatönen, kaum heller als das Sonnenlicht, das sich zwischen den Blüten brach und von den schaukelnden Wellen hin und her geworfen wurde und funkelte wie überirdische Juwelen (und davon habe ich, weiß Göttin, schon so einige in meinem Leben gesehen). Da kann er sehr poetisch sein, was in so manchen Momenten bei dem ein oder anderen schon für genervtes Augenrollen gesorgt hat.

Aber auch wenn man sonst über ihn sagen kann, was man will, eines steht fest: Rhys und seinen scharfen Augen haben wir zu verdanken, dass er aus dem Lichterspiel die richtigen Schlüsse gezogen und zielsicher genau die Stelle gefunden hat, an der der Stein verborgen lag. Und nun? Lange wird es nicht mehr dauern, bis sie den Pfad nach Avalon gefunden haben. Dann werden die einen wissen, was die Glocke geschlagen hat, die anderen jedoch nicht. Und genau das ist unsere Chance – unser Moment, um zuzugreifen.

Wie gut, dass wir uns zurückgehalten haben. So sehr ich mich auch darauf gefreut habe, sie mit einem Wir haben auf euch gewartet zu empfangen, hat mir meine Intuition gesagt, dass dies hier noch nicht das Ende ist. Vertrau deinem Instinkt? Ist oft besser so, vor allem dann, wenn eine letzte Person aus dem Dickicht heraus tritt. Somit steht es im Verhältnis wir gegen die anderen acht zu neun für uns. Aber was sagen schon Zahlen aus, auch wenn von Gleichstand keine Rede sein kann? Auf den ersten Blick sieht es zwar nach einem leichten Ungleichgewicht zu unseren Lasten aus, aber (der Göttin sei Dank) da wäre ja noch die Insel selbst oder besser gesagt die Macht Avalons, die wir hinter uns wissen. Tja, tut mir leid Freunde: unser Territorium, unsere Regeln.

Sie waren tatsächlich dumm genug, ausgerechnet unserer Hohepriesterin in die Arme zu laufen. Wenn es um böswillig gesinnte Eindringlinge geht, versteht Morgane keinen Spaß. Mit ihrer furchteinflößenden Aura ist es ihr tatsächlich gelungen, die Halunken so lange einzuschüchtern, bis Huw und Mairead die beiden ungleichen Paare, die wir schon einmal beherbergen durften, hinter Schloss und Riegel verwahrt haben. Wozu so ein Bindezauber doch gut ist.  Aus der Hütte kommen die so schnell nicht raus. Nicht, dass sie uns wieder entwischen, so lange wir dabei sind, die Sache mit den zwielichtigen Typen zu klären. Was das Wir angeht, so halte ich mich lieber im Hintergrund, jedenfalls fürs erste. Irgendwie traue ich denen nämlich nicht. Wer weiß, wozu es gut ist. Aber da mich Morgane sowieso nicht mich, sondern lieber Brighid und Morwen dabei haben will, weil ich lieber den Trank herbeischaffen soll als müßig und Maulaffen feilhaltend in der Gegend herumzustehen, habe ich mir natürlich mal wieder völlig unnötig viel zu viele Gedanken gemacht.

Als ich mit dem Krug herbei eile, eskaliert es gerade aufs Prächtigste. Seltsam, dass Morgane nicht eingreift, als die beiden in Schwarz und Rhys aufeinander losgehen.

„Ich hab doch gleich gewusst, dass das hier ‘ne Nummer zu groß für uns ist, Connor.“

Doch der gibt nichts auf das Gejammer des anderen und schickt ein ruppiges „Halt’s Maul, Jeff“ an seine Adresse, nur um jetzt seinerseits Rhys anzufahren. „Und zu dir, Gandalf, komme ich als nächstes!“

Gandalf? Frechheit! Einen Erben Avalons, der über weitaus größere Fähigkeiten verfügt als so ein ausgedachter Zauberer, ist ja wohl die Krönung. Und dabei sieht er diesem Weißbart mit Gehstock noch nicht einmal ähnlich. Warum Morgane nicht einschreitet, sondern würdevoll im Hintergrund bleibt, verstehe wer will. Ich jedenfalls nicht.

„An eurer Stelle würde ich mich um einen angemessenen Ton bemühen“, schaltet sich nun Morwen ein. Sonst die Sanftmut in Person, legt ihr Tadel eine Schärfe an den Tag, dass ich sie kaum wiedererkenne. Doch es soll noch übler kommen.

„Ist doch sonnenklar, was hier los ist. Den Stein wollen sie, und sonst nichts“, fügt sie hinzu. „Aber da können sie lange warten. Steine gibt es wie Sand am Meer, sollen sie mal schön weitersuchen. Diesen bekommen sie nicht. Eher stürmt und schneit es in der Unterwelt.“

Selbst dem Einfältigsten wie diesem Jeff muss klar sein, dass es ihnen um nichts anderes als Reichtum und Wohlstand geht. Schön, vielleicht auch noch so etwas wie Ruhm, dass es ausgerechnet sie es waren, die diesen unvorstellbar wertvollen Schatz…  Als ob es nur darum ginge. Dabei steht so viel mehr auf dem Spiel. Aber das werden diese Hohlköpfe nie verstehen. Und selbst wenn sie es verstünden, würden sie sich einen Teufel darum scheren.

Ja, wenn man vom Teufel spricht… der ist ja meistens ein Eichhörnchen, und davon gibt es in diesen Wäldern mehr als genug. Oder wie soll ich sonst das verdächtige Geräusch deuten, das draußen kommt? Rhys scheint das ähnlich zu sein und schleicht sich zur Tür, mehr als bereit, sie aufzureißen. Augenblicklich wird es mucksmäuschenstill um mich herum, und mit einem Schrei reißt Rhys die Tür sperrangelweit auf – ein Schrei, der von draußen in reflexartiger Panik erwidert wird. Als ob wir es alle geahnt hätten, stehen draußen ausgerechnet zwei von denen, die wir sicher verwahrt gewähnt haben.

Irgendetwas muss mit dem Bindezauber schiefgegangen sein. Oder Mairead hat schlicht und einfach vergessen, die Zelle anständig zu verriegeln. Da fehlen mir die Worte. Aber da ich ja bekanntlich schon immer die Devise „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ bevorzugt habe, hat mich das entsprechende Gelübde, das ich nach meiner Ankunft auf Avalon ablegen musste, noch nie groß gestört. Genauso wenig, dass ich alles aufgeben musste, was mich an mein früheres Leben hätte binden können.

Besagtes Schweigegelübde einhalten? Nichts leichter als das.

Bis jetzt.

Denn bevor ich mich von dem durch das Gebrüll verursachten Schreck erholen kann, flammt jäh ein Blitz auf und lässt nicht nur mich, sondern alle anderen auch erstarren. Geblendet von dem grellen Weiß, greller als sämtliche Beltanefeuer und Sonnen zusammen, entfährt mir ein Schrei des Entsetzens, als ich wie eine Lumpenpuppe zu Boden sacke, weil mir schwarz vor Augen wird.

Undurchdringliche Finsternis, durch die das Getrappel von davoneilenden Füßen und ein aufgebrachtes „Ihnen nach!“ hallt: Wenn so Ohnmacht aussieht, dann ist bei mir etwas gründlich schiefgelaufen. Denn noch im selben Moment geht mir auf, warum mir der Fünfte im Bunde der Ganoven so bekannt vorkam.

Zwar hatte der sich die ganze Zeit im Schatten der Hütte aufgehalten, doch als der Blitz aufflammte, konnte ich im gleißenden Licht sein Gesicht für einen Bruchteil von Sekunden sehen. Doch dieser kurze Augenblick hat genügt, um ihn zu erkennen: Harry!

Das kann nur ein böser Spuk sein. Denn wo Harry ist, kann auch Derek nicht weit sein.

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Die Vorlage zum 18. Kapitel: Jugendliche und Leute aus der Burg kommen bei dem Stamm an, Jugendliche werden eingesperrt (oder einfach festgehalten ohne Wachen), belauschen Streit um den Schatz

Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 17

Kapitel 17 *** Lilly : Heal the pain

In the dark of night
Those small hours
Uncertain and anxious
I need to call you

-INXS „By my side“-

Mutter und Kind sind wohlauf… Ein Satz, der alle beruhigen soll, und mich und den Rest der Familie sogar in doppelter Hinsicht. Denn wie uns gerade eben Dr. Patel erklärt hat, ist mein Notfall zum Glück „nur ein Fehlalarm“ gewesen.

„Im Moment ist sie zwar stabil, und sie und das Kind in ihrem Leib sind wohlauf, aber bei den Schmerzen, die Ihre Freundin noch immer hat, wird es seine Zeit dauern, bis sie vollständig heilt.“

Nur ein Fehlalarm? Warum beruhigt mich das überhaupt nicht? Der Arzt hat gut reden. Er hat ja auch nicht gesehen, was ich aus dem Augenwinkel gerade noch mitbekommen habe, als sie mich durch die senfgelbe Tür geschoben haben. Gynäkologische Notfallambulanz. Warum sind Flure und Türen in Krankenhäusern immer so scheußlich angestrichen. Ich verlange ja nicht, dass man extra für mich die Wände mit regenbogenfarbigen Einhörnern bemalt, aber dieses Gelb, das sich mit dem hektisch blinkenden Blaulicht des Polizeiwagens zu einem gruseligen Ton vermischt hat, werde ich so schnell nicht vergessen. Genauso wenig wie die Worte des behandelnden Arztes an Jo und Fiona, die ich noch immer im Ohr habe.

Gut, dass Sie so schnell zu uns gekommen sind. Ohne Sie hätte ihre Freundin keine Chance gehabt.

Im einen Moment bedankt er sich noch überschwänglich bei ihnen, und gleich darauf werden meine Freunde wie Verbrecher abgeführt. Alles hohle Phrasen!

Leider wurde mir dann auch sofort schwarz vor Augen.

Leider… oder vielleicht doch zum Glück, weil ich während der stundenlangen Untersuchungen im Wechsel immer wieder weggedämmert und wieder zu mir gekommen bin? Na bravo! Da wohl irgendwer oder irgendwas ganze Arbeit geleistet. So gut, dass ich jetzt nicht mal mehr weiß, wieviel Zeit vergangen ist. Denn jetzt, wo die Wirkung dieser komischen Kräuter von dieser noch komischeren Insel nachlässt und ich endlich langsam wieder klarer werde, kann ich immer noch nicht sagen, welchen Tag wir haben, denn dazu müsste es in dem Zimmer, in dem sie mich zur Beobachtung untergebracht haben, ja einen Kalender geben. Tja, Fehlanzeige. Pech gehabt. Was vermutlich auch für unser Festival gilt. Aber als ob das jetzt noch wichtig wäre. Fiona und die anderen sind noch immer verschwunden, und keiner weiß, wo oder wann oder gar in welchem Zustand sie wieder auftauchen. Falls überhaupt…

Verhört hat mich bisher noch niemand, aber ich bin mir sicher, das kommt bestimmt noch: nämlich dann, wenn ich vernehmungsfähig bin. So wie Jo und Fiona. Denen haben sie nicht mal einen einzigen Anruf zugestanden, wie Mama mir mitteilt, als Papa mal kurz zum Rauchen vor die Tür ist. Welch clevere Fügung, dass Jo noch rechtzeitig sein Brüderchen informieren konnte, was mit uns ist. Marcus hat sich dann natürlich ohne zu zögern an den Hörer geklemmt; mit dem Ergebnis, dass Mama und Papa den nächsten Flieger genommen haben und hierher geeilt sind. Ich möchte gar nicht wissen, wie lange sie dafür gebraucht haben.

Am liebsten hätten die beiden mich ja am liebsten gleich mitgenommen oder sich im Krankenhaus einquartiert, bis sie grünes Licht bekommen. Doch das können sie vergessen. Letzteres, weil eine resolute Schwester mit einem Hinweis darauf, dass ich jetzt absolute Ruhe bräuchte, das Ende der Besuchszeit verkündet. Und ersteres: Selbst wenn ich transportfähig wäre oder gar selber laufen könnte, gehe ich ohne Flo nirgendwo hin. Ach, Flo.

Von wegen absolute Ruhe. Ich weiß, sie hat es nur gut gemeint, aber bekanntlich ist gut gemeint das Gegenteil von gut. Nur hat sich das anscheinend noch nicht herumgesprochen. Weder zum Krankenhauspersonal noch zum Universum. Oder warum finde ich keinen Schlaf, obwohl ich mich wie zerschlagen fühle? Feli käme mir jetzt damit, dass so eine rhetorische Frage auch nur mir einfallen könnte, wo doch selbst ein Blinder mit Krückstock erkennen würde, dass es allein an der Stille in diesem Zimmer liegt. Die Patientin braucht absolute Ruhe… Pah!

Es ist die Stille, die so schwer wiegt und sich mir aufs Herz legt wie ein Sack Zement. In Grey’s Anatomy gab es mal diesen Jungen, dessen Körper nach einer Mutprobe von trocknendem Zement zusammengedrückt wurde wie in einem Schraubstock. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, wie sich das anfühlt, doch jetzt kann ich es. Dieses Wissen (oder besser gesagt, Nichtwissen) macht mich fertig, und ich suche verzweifelt nach etwas, mit dem ich diese kaum auszuhaltende Stille unterbrechen kann.

Rechts neben meinem Kopf schimmert ein Lichtchen durch das Halbdunkel meines Zimmers. Das Tischchen mit der Konsole und ihren Reglern für Beleuchtung, Belüftung und Beschallung. Einer davon muss der fürs Radio sein. Und selbst wenn’s nur der hauseigene Sender dieses Krankenhauses ist, so ist doch alles besser als diese Friedhofsruhe. Alles, wirklich alles, wäre mir jetzt willkommen. Atmosphärisches Rauschen erfüllt den Raum. Dann endlich eine Stimme. Doch was dann folgt, kommt mir wie ein grausamer Scherz des Universums vor.

„Und zur guten Nacht spielen wir nun speziell für alle einsamen Herzen da draußen einen Song, damit ihr wisst, dass ihr nicht alleine seid…“

Ich ahne fürchterliches.

„… damit ihr wisst, es ist jemand an eurer Seite, der in Gedanken bei euch ist…“

O bitte nicht.

„… für euch alle, die ihr nicht schlafen könnt, begrüßt Margaux Harris von HRS Hospital Radio Shepherd den neuen Tag mit ‚By my side‘, einem immer wieder gern gespielten Klassiker.“

Kaum hat die Moderatorin erzählt, dass der Song entstanden ist, als die Band auf Tournee war und ihre Familie und Freunde vermisste, da wabern auch schon die sanften Klänge eines Klaviers durch mein Zimmer und lullen mich sanft ein. Bis der einschmeichelnde Bariton des Sängers den Refrain durch den knarzenden Lautsprecher schickt. In Mono.

♪♫ ♪♫ ♪♫ By my side, I wish you were by my side  ♫♪ ♫♪ ♫♪

Sie haben ihre Familie und Freunde vermisst? Die Erkenntnis, was der wahre Grund dafür ist, warum ich nicht einschlafen kann, trifft mich wie ein Blitz aus gewitterschwerer Wolkendecke: von wegen Stille – in Wirklichkeit liegt doch klar auf der Hand, dass es nicht an der Stille liegt; es sind meine Freunde, die mir fehlen. Feli, Ellie und Finn. Aber ganz besonders fehlt mir Flo.

Flo, mein Flo. Wo steckst du nur? Ich will mir gar nicht vorstellen, dass du es vielleicht nicht geschafft haben könntest.

♪♫ By my side ♫♪

Gerade jetzt bräuchte ich dich an meiner Seite. Ja, ich weiß, ich habe mich in letzter Zeit viel zu oft über deine permanente Fürsorglichkeit aufgeregt und dich dahin gewünscht, wo der Pfeffer wächst. Ach, könnte ich doch die Zeit zurückdrehen oder alles zurücknehmen, was ich in meinem Genervtsein zu dir gesagt habe.

Bitte, lieber Gott, bring ihn mir wohlbehalten wieder. Das ist alles, was ich mir wünsche.

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Die Vorlage zum 17. Kapitel: Gruppe, die zurück ist, wird intensiv von der Polizei befragt und sie treffen ihre Familien wieder, Schwangere macht sich extrem Sorgen um ihren Freund und Vater von ihrem Kind.

Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 16

Kapitel 16 *** Harry : Wenn der Kuchen spricht, schweigen die Krümel

People are terrified of me, and I want them to be. -Billie Eilish-

Na, wen haben wir denn da? Den Stein wollte mir Derek bringen. Und jetzt das? Ich kann mich kaum halten vor Freude, als ich den traurigen Haufen sehe, den Gary und Connor aus dem Van schubsen. Keine Zeugen, so war es im Vorfeld abgesprochen. Und was machen diese Idioten? Haben gleich vier davon am Start. Wäre doch gelacht, wenn Derek und ich die Vögel nicht zum Singen bringen würden. Und dann? Erst mal herausfinden, wie viel sie wissen, und wenn alle Stricke reißen: Weg mit Schaden.

Letzteres vielleicht auch früher. Denn wie sagte so schön Harada-San, mein japanischer Meister? Alles fließt… Und dass hier früher oder später etwas fließen wird, auch wenn von Tusche in diesem Fall nicht die Rede ist, kann ich ihnen jetzt schon prophezeien. Alles fließt? O ja, wie ich mich schon darauf freue: erst die Informationen, dann das Blut.

Alles fließt…

Wie seltsam, dass ich ausgerechnet jetzt an Harada-San denken muss. Harada-San, den Meister mit seiner ruhigen Art und dem Gong zu Beginn und Ende jeder Stunde. Kalligraphie, die Kunst des schönen Schreibens, im Zeitalter der virtuellen Tagebücher zu erlernen, darauf muss man auch erst einmal kommen. Und schon ist es wieder da: das Bild, wie ich Platz in der Stube nehme und mich auf die Tuschezeichen konzentriere, die der Meister auf seinen Bogen fließen lässt. Pinsel und Tuschestein glänzen im goldenen Sonnenlicht, die flüchtigen Silhouetten fallender Blätter spiegeln sich im bereitgestellten Wein.

Es dauerte nicht lange, bis das Spiel aus Licht und Schatten seine meditative Wirkung entfaltete und ich zusehends ruhiger wurde. Schon seltsam, was schon wenige Sitzungen bei dem japanischen Zen-Meister bewirken können, war ich aus dem Staunen kaum herausgekommen, wo doch alle Anti-Aggressions-Trainings dieser Welt bisher bei mir auf der ganzen Linie versagt haben. Doch wenn ich gedacht hatte, dass meine „Freunde“ meine Begeisterung teilen würden, war ich auf dem Holzweg.

Wie sie gelacht haben, als ich ihnen davon erzählte: Schaden kann es Deiner Klaue auch nicht… obwohl: Schreib lieber am Smartphone. Ist besser so.

Und das war nur eine der vielen spitzen Bemerkungen gewesen, die ich mir hatte anhören dürfen. Was soll das überhaupt werden? war es weitergegangen. Die Wiedergeburt von Federkiel und Siegellack? Schaff Dir doch gleich ein paar Brieftauben an oder reite mit dem Pferd zur Arbeit…

Wie geistreich! Aber sonst, Herr Doktor geht’s uns gut; schön, dass wir mit kreuzdämlichen Werbesprüchen die Mücke zum Elefanten aufblasen. Nach außen hin hatte ich mir nichts anmerken lassen, obwohl ich am liebsten explodiert wäre. Doch die Krönung waren die blöden Kommentare auf Instagram, einige davon fast schon unter der Gürtellinie.

Am liebsten hätte ich sie mit dem Smartphone erschlagen. Aber dadurch hätte ich auch nichts gewonnen, und außerdem hatte ich mir geschworen, es Harada-San gleichzutun und mich wenigstens äußerlich in Gleichmut zu üben, auch wenn mir der Meister darin haushoch überlegen war. Diese Seite von mir kannten sie noch nicht. Aber wer kennt schon seine Nächsten so genau?

Too much information, hätte Ruby jetzt gesagt. Ach ja, Ruby, die Derek ganz schnell klar gemacht hat, dass er langfristig nicht in ihrer Liga spielen wird. Die andere Ambitionen hatte und bei der nächsten Gelegenheit auf und davon war. Sehr zum Verdruss Dereks, der ja zum Glück so naiv war und ihr doppeltes Spiel wahrscheinlich bis heute nicht durchschaut. Blöd für ihn, gut für mich. Auch wenn der Spaß mit ihr nicht von Dauer war.

Aber irgendwie fehlt sie mir doch. Ganz bestimmt hätte sie noch ganz schnell nachgeschoben, dass aus „den Nächsten“ auch mal ganz schnell „die Fernsten“ werden können; was eben passiert, wenn man nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“ die Kontakte nach und nach einstellt, sie sozusagen ausschleichen lässt. Wie so ein Medikament, das man besser nicht von jetzt auf gleich absetzt. Wegen der Entzugserscheinungen. Nicht, dass ich einen Entzug von meinen ach so tollen“ Freunden gebraucht hätte.

Aber wie heißt es bei den Klingonen doch so schön? Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird. Das, und mein Mantra. Alles fließt. Oh, wie ich damals in mich hineingelächelt hatte, bei dem Gedanken, dass sie irgendwann nichts mehr zu Lachen haben würden; ein Gedanke, bei dem mich stets eine ungeahnte Ruhe überkommt. So wie damals, als Harada-San höchstzufrieden beobachtete, wie sich mein Blatt beinahe wie von selbst füllte und ganz beseelt davon war, wie gut ich in kürzester Zeit die Grasschrift beherrschte. Zeit, Lektion zwei in Angriff zu nehmen: die perfekt kopierte Unterschrift.

Ich will mich ja nicht selbst oder meine hellseherischen Fähigkeiten loben, aber das Lachen war ihnen ganz schnell vergangen, als ihnen aufging, dass man mir trotz meiner Beteiligung an gewissen Deals nie etwas nachweisen würde. Catch me if you can? In diesem Punkt halte ich es wie Leo: Führ sie alle an der Nase herum, aber bitte mit Stil! Jedenfalls so lange, wie es sich als nützlich erweist. Denn im Gegensatz zu Mr. DiCaprio kann ich auch anders, wenn’s drauf ankommt. No more Mr. Nice Guy. Vor allem nicht dann, wenn ich es mit Dilettanten zu tun habe.

„Durchsucht sie, aber ein bißchen Pronto!“ weise ich Derek und Connor an, die die Umzingelten durch die Gittertür die Treppen zur Krypta hinuntertreiben. Der Tipp mit der abgelegenen Kirche war Gold wert. Unter der Woche verirrt sich nämlich niemand hierher, nicht einmal Touristen. Feuchtkalte Gemäuer ohne nennenswerte Kunstschätze in ihrem Innern sind Reiseführern nicht mal läppische drei Zeilen wert und daher nichts, was sich zu besichtigen lohnt.

Oh, wie ich dieses Gejammer über die elende Affenkälte liebe. Verwöhntes Pack! Die können noch froh sein, dass ich sie nicht einzeln strippen lasse. Das gäbe vielleicht ein Geschrei, vor allem bei der Göre mit den rosa Haaren. Diese Billie Eilish für Arme soll sich mal nicht so anstellen. Zuerst so eine Klapp, und jetzt plötzlich so klein mit Hut.

Hoffentlich ist hier bald Ruhe im Karton. Bei dem Gezappel ihrer Freundin, der Gary kurzerhand den Mund zugehalten hat, um sie zum Schweigen zu bringen, wird einem ja ganz schwindelig. Dem Typen, der mir bei dem Gerangel auf die Füße getreten ist, habe ich eins mit dem Knauf seiner Browning übergebraten.

Jetzt versucht Connor ihn wieder wach zu bekommen, nachdem die Visitation bei den anderen drei nichts gebracht hat. Entweder haben diese Herrschaften den Stein gut versteckt oder Connor und seine Leute haben gewaltigen Mist gebaut. Aber so oder so werden sie über die Klinge springen, wenn wir aus ihnen herausgekitzelt haben, wo sich das Juwel befindet.

Doch was ich dann höre, zieht mir doch glatt die feinen Budapester aus. Druiden. Wallende Nebel. Eine Insel, die vorher nicht da war… erwartet Mr. Sportsman hier, den Connor dann doch noch zum Singen gebracht hat, tatsächlich, dass ich diesen Mumpitz glaube? Doch andererseits… was haben wir schon zu verlieren?

Da die Mehrheit Jeffs Einwand, dass wir nichts zu verlieren hätten, für berechtigt hält, sind wir nun schon seit Stunden unterwegs in Richtung dieses ominösen Sees. Nichts zu verlieren? Wenn man von jeder Menge Zeit oder vom Verstand absieht, vielleicht… Dass letzteres nicht passiert, dafür werde ich schon sorgen. Hoffen wir, dass wir diese Druiden bald finden. Denn sonst kann ich für nichts garantieren.

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Die Vorlage zum 16. Kapitel: Gefangene Gruppe erzählt den Leuten von dem Stamm und dass dort der Schatz ist, alle zusammen machen sich auf den Weg dorthin, auch wenn die Jugendlichen nicht wollen (wenn es noch eine oder mehr Gruppen gibt, ist egal, was passiert).   

Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 15

Kapitel 15 : Chasing Cars

Hello, goodbye I was staring in the devil’s eyes. Should’ve left me way back, should’ve left me way back by the roadside

-Billy Idol „Bitter Taste“-

Lilly zurücklassen? Das kommt gar nicht in die Tüte, auch wenn der Vorschlag von ihr selbst kommt, weil sie uns alle ja nur aufhält (ihre Worte). Wir werden uns auf keinen Fall trennen, der Meinung ist auch Fiona. Lieber halten wir sie gestützt, Fiona rechts, ich links, und schleppen uns mühsam mit ihr quer durch den Wald, als sich im Osten der Himmel rötet. Flo wäre jetzt sicher mit einem Zitat von Legolas um die Ecke gekommen, von wegen Blut wird fließen. Das wird es mit Sicherheit, wenn wir Lilly nicht schleunigst ins Krankenhaus bekommen, dazu muss ich nicht die Morgenröte orakeln.

Der letzte, der sich die Schuld geben müsste, soll ich sein? Ich weiß, Fiona wollte nur nett sein und mich von meinen trüben Gedanken ablenken, aber in dem Punkt irrt sie sich. Ohne mich wären wir nämlich gar nicht erst in diese Lage gekommen. Aber ich musste ja unbedingt alles an mich reißen und dafür sorgen, dass wir auf dieser verdammten Insel landen. Hätte ich nicht die Führung an mich gerissen, wären wir nicht auf der Insel gelandet. Aber dann auch noch Flo und sein Wissen über Avalon, wie er sie nannte, als Spinnerei abzutun, war der nächste Fehler in einer langen Reihe.

Fantasykram. Echt jetzt?

Oh ja, es war ja so viel einfacher, mich Finn anzuschließen, als auf meinen Bauch zu hören, der sich eh viel zu selten meldet. Aber wenn er es dann schon mal tut, bin ich ja zu stolz oder mir zu fein (meinetwegen auch zu blöd), der Intuition nachzugeben. Dabei hatten wir die Warnzeichen die ganze Zeit vor unserer Nase. Obst und Gemüse, das nur im Herbst reif ist, jetzt schon essen zu können. Pilze, die auch erst noch ihre Saison haben werden… Aber das ist ja das Fatale an der sogenannten Gruppendynamik: Wenn sich alle anderen einig sind, hat der Eine, der sie vom Gegenteil überzeugen will, das Nachsehen und von Anfang an verloren. In dem Fall Flo, der noch nicht mal mehr Lilly überzeugen konnte. Lilly, die sich natürlich geschmeichelt gefühlt hat, als sie so umsorgt wurde. All die Fußmassagen und Kräutertees, klar. Ein Schelm, der Böses dabei denkt (was natürlich keiner sein möchte, uns reichte dazu schon Flo). Mutter und Kind sollen es gut haben? Damit bei der Geburt nichts schiefgeht? Tja, warum wohl…

Am Arsch, hätte Ellie jetzt gesagt.

Klar, wenn dieser Ort erst der Grund dafür ist, dass Lillys Rhythmus völlig aus den Fugen und ihr Organismus so durcheinander geraten ist, dass ihr Körper schmerzt und sie sich wie durch die Mangel gedreht fühlt wie bei einem Jet Lag, höre ich im Geiste, wie Flo bei seinem Versuch, uns zu erklären, was um uns herum gerade passiert.

Irgendwann hat er es bei mir versucht, aber hängengeblieben ist davon nicht mehr viel. Außer, dass auf Avalon die Zeit anders verläuft als bei uns und dort ewiger Sommer ist. Da habe ich seinem Geschwätz noch keine Bedeutung beigemessen, doch je länger ich darüber nachdenke, desto stärker macht sich ein mehr als ungutes Gefühl in mir breit. Es jetzt direkt Panik zu nennen, wäre dann doch etwas verfrüht, und doch… Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass an dem, was Flo uns sagen wollte, doch mehr dran ist.

Hinzu kommt noch, dass wir zusätzlich zu diesen Verwerfungen in der Zeit auch noch zwischen Avalon und unserer Welt hin und her gependelt sind, dass Jet Lag bei Lilly ein noch viel zu harmloser Ausdruck wäre. Wohl eher sowas wie ein Time oder World Lag. Und trotzdem schweifen meine Gedanken immer wieder zurück zu dem langsameren Verlauf der Zeit.

Ein Mann ging zum Feiern mit Fremden in eine Höhle, und als er am nächsten Tag erwachte, hatte er nicht nur einen Mörderschädel und langes Haar und einen Bart so weiß wie Schnee, denn es waren 100 Jahre vergangen. Nicht, dass ich glaube, in unserem Fall wären es genauso viele Jahre. Aber was, wenn man uns während unserer Abwesenheit als vermisst gemeldet hat und das hier gar nicht mehr 2022 ist? Ein verpasstes Festival wäre da unser geringstes Problem.

Das ist der Moment, wo ihr weglaufen müsst!

Mit Forken und Fackeln womöglich, so wie in Shrek? Stop. Don’t Panic. Erstens würde uns weglaufen nichts helfen (mal abgesehen davon, dass wir es gar nicht können) und zweitens wäre eine Panik genau das Falsche. Auch wenn ich spüre, wie sie in mir hochsteigen will. Doch eine Panik kann ich mir jetzt überhaupt nicht leisten. Ich muss stark sein. Für Lilly. Nein, für uns alle. Denn wenn wir aus diesem Wald jemals hinausfinden wollen, müssen wir uns zusammennehmen und auf unseren Verstand hören. Und der sagt mir, dass wir früher oder später auf eine Straße stoßen werden.

Hoffentlich früher als später.

„Ewiger Sommer? Ach, wäre das schön…“ seufzt Fiona, nachdem wir unsere kurze Rast mit der vor sich hin stöhnenden Lilly beendet haben. Ja, weil es dann lange hell bleibt, nur für den Fall, dass wir noch weiter stundenlang ohne Erfolg durch diesen Wald irren. „… Wärme, Sonne, Vogelgezwitscher, nichts stört die Ruhe des Waldes…“

Die Ruhe des Waldes? Welche Ruhe, will ich schon fragen, denn was uns da durch das Labyrinth aus mannshohen Sträuchern und dicht belaubten Eichen entgegen rauscht, ist kein Bach, auch wenn es grausilbern schimmert. Denn ihm fehlt das typische Funkeln, auch wenn es in unregelmäßigen Abständen blitzt und das Licht der Mittagssonne reflektiert. Als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte, sind wir voll und ganz auf das Jetzt fokussiert: Eine Straße. Mein Gott, es ist eine Straße. Meine Gebete wurden erhört.

Wenn wir jetzt noch jemanden finden, der für uns anhält, das wäre das größte Glück überhaupt. Wir, und ganz besonders Lilly, wären so gut wie gerettet. Und das ist jetzt das Einzige, was zählt. Was spielt es da schon für eine Rolle, was für einen Tag wir haben. Das wäre doch nun wirklich nebensächlich.

Hilfsbereitschaft sieht anders aus. Nachdem wir gefühlt eine Stunde mehr schlecht als recht an der Straße entlang gestolpert sind, hat sich dann doch jemand in einem Van erbarmt und angehalten. Der Begleiter der Fahrerin hat dann dafür aber auch nicht lange gefackelt, die nächstgelegene Klinik telefonisch vorzuwarnen.

Nachdem Lilly in der Notaufnahme aufgenommen wurde, haben sie uns in den Wartebereich der Lobby geschickt. Nun sitzen wir hier und können nichts weiter tun als Warten. Okay, das stimmt nicht ganz. Es hat eine Weile gedauert, bis wir zwei freie Steckdosen zum Aufladen unserer Handys gefunden habe. Und während unsere Handys nun friedlich am Netz hängen und vor sich hin laden, hat es sich Fiona auf dem Sofa gemütlich gemacht. Es dauert nicht mehr lange, bis sie einschläft, so wie sie dahängt. Die Glückliche. Im Gegensatz zu mir, denn Stillsitzen fällt mir unglaublich schwer. Es muss wohl am Adrenalin liegen, also stehe ich auf und durchquere die Lobby, um mir am Kiosk einen Kaffee und etwas zu lesen zu holen. Vielleicht komme ich so wieder runter. Ja, ja, ich weiß. Kaffee ist zwar nicht gerade das ideale Mittel, um sich zu beruhigen. Aber bei der Plörre, die sie so in Krankenhäusern servieren, besteht keine Gefahr, dass mein Blutdruck durch die Decke geht. Im Gegenteil. Da braucht es schon stärkere Geschütze. Wie zum Beispiel die Titelseite des nächstbesten Klatschblattes oder besser gesagt das, was mir die Sun als Datum anzeigt: Dienstag, der 21.Juni 2022.

Mir fällt ein riesiger Betonklotz vom Herzen. Wir haben Juni, Halluja, und noch hat das Glastonbury Festival nicht anfangen, aber ich ahne es bereits jetzt: Es wird ohne uns stattfinden. Allzu viele Tage sind seit unserer Ankunft in Südengland zwar nicht vergangen, aber da meine Anrufe nach Hause ausgeblieben sind (ich verfluche mich jetzt schon, dass ich so blöd war, mich auf diesen Deal einzulassen), wird mein Brüderchen sich schon den wildesten Spekulationen hingeben. Habe ich wirklich geglaubt, das Datum, an dem wir wieder auftauchen, wäre völlig unwichtig?

Schon allein deswegen nicht, weil ich mir lieber nicht vorstellen möchte, wie groß das Geschrei von der biologischen Wunder-Elefantenschwangerschaft wäre, wenn heute der 31. August oder der 21. September wäre, oder womöglich sogar der 22. November. Mein Geburtstag. Na, Happy Birthday, kann ich da nur sagen.

Wohl eher nicht.

Ob die Akkus vollständig aufgeladen sind oder nicht, ich glaube, jetzt wäre der Moment, Marcus anzurufen. Und wie ich ihn kenne, wird er nicht zögern, es an die anderen weiterzugeben.

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Die Vorlage zum 15. Kapitel: Gruppe mit der Schwangeren findet Straße, stoppen ein Auto, holen Hilfe, Schwangere kommt ins Krankenhaus, Eltern werden informiert.  

Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 14

Kapitel 14 *** Derek : Alle Vögel sind schon da

You’ll never know who you’ll meet on your way to the top
You’ll probably see them again when your fame starts to drop

-Amy MacDonald „This pretty face“-

Alle Vögel sind schon da: Gary, Connor, und Jeff. Wunderbar. Nun, wo wir hier fast alle versammelt sind, könnte es losgehen. Wie gesagt, könnte, da sich Harry verspäten wird, und keiner weiß, wie lange. Aber vielleicht ist das ja ganz gut so, denn wenn ich mir diese Aushilfs-Ninjas so anschaue, merke ich, wie mir schon wieder der Kamm schwillt. Hoffen wir mal, dass ich mich wieder beruhigt habe, wenn er auftaucht. Denn wie heißt es doch so schön? Man sieht sich immer zweimal im Leben – auch wenn das hier alles andere als schön ist und da noch die Tatsache wäre, dass es diese Amateure hier schon zum zweiten Mal vermasselt haben.

Gary, der einfach nicht die Nerven für den ganz großen Coup hat, wie der komplett in die Hose gegangene Banküberfall gezeigt hat. Das reinste Nervenbündel, der! Musste sich ja unbedingt als erster ergeben und ist zum Dank dafür im obersten Zellentrakt gelandet Na, so ein Pech. Jetzt, wo er wieder draußen ist, raucht er wie ein Schlot, um sich einigermaßen unter Kontrolle zu bekommen. Warum er und Connor unbedingt Jeff, diesen Loser, dabei haben wollten, werde ich nie verstehen.

Aber das muss ich ja auch nicht. Sondern eine Rechnung begleichen. Für Josh. Und zwar nach dem Coup. Dann hat Jeff nichts mehr zu lachen. Wenn mir bis dahin Connor keinen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Mann, hat der vor Wut geschäumt, als uns die Tussi mit der Zuckerwattefrisur und ihr Typ entwischt sind. Dabei ist er doch selbst schuld daran, aber weil für ihn immer die anderen schuld sind, haben Gary und ich es voll abbekommen. Aber warte nur, warte, du Held kommst auch noch an die Reihe, wenn ich mit Jeff fertig bin. Nie wieder mit Amateuren arbeiten zu müssen, nur noch mit Profis … das wird ein Fest!

Profis so wie Harry, den Josh von früher über drei Ecken kennt und der rein zufällig wie wir in Amsterdam an der gleichen Sache dran war, aber natürlich auf ‘nem ganz anderen Level. Wir vier ganz unten, Harry dagegen mit seinem kalligrafischen Talent und seinen Kontakten ganz oben…

Während Ruby und ich damals auf unseren Erfolg anstießen, weil der Geist der Rose für 21 Millionen Franken versteigert worden war, hatten Josh und Mats schon den nächsten Schritt im Kopf, bei dem Harry ins Spiel kommen sollte. Ein Jahr hatten wir gebraucht, bis wir den Stein aus Sibirien in seine endgültige Form gebracht hatten, mit der er in die Auktion gekommen war: Oval, rosa und von außergewöhnlicher Reinheit, so hatte er vor uns gelegen und in den schillerndsten Farben gefunkelt.

Mats, der mir eingeschärft hatte, bloß nicht zu viel von dem Rohdiamanten wegzuschleifen, hatte es in der Seele wehgetan, mit ansehen zu müssen, wie sich Karat um Karat in winzige Splitter und feinsten Staub verwandelten, bis am Ende nur wenig mehr als die Hälfte übrig geblieben war.

„Schade“, seufzte Ruby über ihr Champagnerglas hinweg und schaute mir dabei ganz tief in die Augen, „dass das Steinchen nun in der Anonymität verschwindet.“

Ach Ruby, dachte ich, wenn du nur wüsstest. Einerseits konnte ich es ja verstehen, dass sie unbedingt wissen wollte, in welches Land „das Steinchen“ reisen würde und ob sie es jemals in irgendeiner Ausstellung würde bewundern können.

Andererseits aber hätte ich ihr am liebsten davon abgeraten, denn bekanntlich kehrten nur Amateure an ihren eigenen Tatort zurück und zogen dadurch den Verdacht auf sich. Und Ruby eingebuchtet zu sehen? Never ever!

Außerdem konnte sie es nun wirklich mal gut sein lassen und sich wichtigeren Angelegenheiten widmen. Zum Beispiel mir.

Aber bevor ich den Blickkontakt mit ihr vertiefen konnte, schaltete sich Mats ein.  Mit einem äußerst schrägen Seitenblick auf mich klappte er sein Laptop zu und stürzte den Champagner in einem Zug hinunter, nur um einen Arm besitzergreifend um Rubys Schultern zu legen und uns beiden weitschweifig und gönnerhaft seinen ach so tollen Plan zu erläutern.

„Mach dir nichts draus, Ruby“, säuselte er ihr so richtig schön von oben herab ins Ohr, „aber sieh’s doch mal positiv. Für unseren nächsten Schritt muss das nicht unbedingt ein Nachteil sein.“

Ja, Herr Oberlehrer, ärgerte ich mich über sein aufdringliches Gehabe und runzelte dabei die Stirn wie Ruby. Die hatte noch nie gemocht, wie ein dummes Schulmädchen behandelt zu werden, aber so wie es aussah, ging ihr der Annäherungsversuch von Mats viel zu schnell und vor allem zu weit. Mit Genugtuung verfolgte ich, wie sie äußerst unwirsch seine Hand beiseiteschob, so als hätte sie ein besonders lästiges Insekt auf ihrem Arm entdeckt.

Geschieht dir recht, du Arsch, grinste ich in mich hinein, bei Ruby wirst Du heute jedenfalls nicht mehr landen. Ich aber leider auch nicht, also spülte ich meine Mischung aus Ärger und Erleichterung mit einem Schwall Champagner hinunter. Trotzdem musste ich Mats eines lassen: So dämlich sein Plan zuerst geklungen hatte, nach einem weiteren Glas bekam er durchaus Hand und Fuß.

Je länger ich damals darüber nachgedacht hatte, musste ich zugeben, dass es bestimmt nicht das Dümmste war, wenn sich die Aufregung um die auf CNN breitgetretene Auktion so schnell wie möglich legte. Alle hatten den Stein, den man nach einem russischen Ballett benannt hatte, im Fokus. Doch was mit dem beim Schleifen angefallenen Staub geschah, hatten nur die Wenigsten auf dem Radar. Und genau darin lag unsere Chance, wenn ich Mats Glauben schenken durfte.

Es klang zu schön, um wahr zu sein: Den Diamantstaub heimlich beiseiteschaffen, um ihn zu Steinchen zu pressen und in viele bunte Scheinchen zu verwandeln… hoffentlich irrte er sich da nicht, bei all den Kameras in der Schleiferei und CCTV auf den Straßen und Plätzen Amsterdams.

„Keine Sorge“, nuschelte Mats, „überlass diesen Part ruhig Josh. Und wenn uns Harry die richtige Expertise ausgestellt hat, die die Echtheit des Steinchens bezeugt, dann…“

Dein Wort in Gottes Ohr, ließ ich meine Gedanken zu Harry schweifen, der nicht nur die richtigen Kontakte hat und sich gar nicht erst mit Spielgeld abgibt, sondern auch die Kunst der Kalligraphie bei Harada-San, einem echten japanischen Großmeister in langen Sitzungen erlernt hat. Alles fließt…Einmal die Grasschrift verinnerlicht, so seine Worte, die er Josh gegenüber hatte fallenlassen, war es zur perfekt kopierten Unterschrift und damit jeder nur denkbaren Expertise nicht mehr weit.

So perfekt, dass ihm bis jetzt niemand auf die Schliche gekommen ist, und das soll auch so bleiben. Die Sache hat nur einen Haken. Wo Connor eine verdammt kurze Zündschnur hat und bei jedem Pups hochgeht wie eine Rakete, wirkt Harry nur nach außen hin so gelassen. Doch wehe, ihm geht etwas gewaltig gegen den Strich, und sei es nur, dass ihm jemand auf die feinen Budapester tritt, dann kann sich derjenige warm anziehen.

Oder diejenige, die ihm mit ihrer Ungeschicktheit den ganz großen Auftritt im VIP-Bereich unserer Bar ruiniert hat.

Rosa Haare, natürlich hätte ich es mir denken können! Als ich sehe, wer sich da draußen gerade mit Harry anlegt, glaube ich, mich tritt ein Pferd. Man sieht sich immer zweimal im Leben? Die Tussi aus der Burg! Und ihr Typ ist nicht bei ihr? Wenn das nicht mal unser Glückstag ist, wo wir schon dachten, jetzt wären sie mit dem Stein über alle Berge…

Nix wie hin und umzingelt: Ich kann kaum glauben, dass ausgerechnet Jeff die richtige Idee hat und Connor dazu bringt, ihnen nachzusetzen und gleich die gesamte Mischpoke auf frischer Tat zu erwischen, wie sie mit ihrem verbeulten Bus abhauen wollen. Fünf gegen vier: Ratet mal, wer hier wohl den Kürzeren zieht, so ohne Waffen und ohne Aussicht auf Entkommen.

Ich sag’s mal so: Leg dich nicht mit Harry an, wenn du mit heiler Haut davonkommen willst. Wie ich schon sagte, gibt der sich gar nicht erst mit Spielgeld ab. Aber wer hat hier was von Davonkommen gesagt? Und was das Spielgeld angeht: Es wird mir ein Vergnügen sein, den Gewinn mit Harry feinsäuberlich zu teilen, wenn wir den Stein erst mal verkümmelt haben.

Und Garys Anteil reiße ich mir auch noch unter den Nagel, nachdem ich ihn aus dem Weg geräumt habe. Für Josh.

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Die Vorlage zum 14. Kapitel: andere Gruppe läuft den Leuten aus der Burg in die Arme, werden gefangengenommen. 

Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 13

Kapitel 13 *** Fiona : Let’s do the time warp. Again?

Don’t you know what you’re doing
You’ve got a death wish 

-INXS „Suicide Blonde“-

„Du hast bitte was?“

Ich kann kaum glauben, was Jo gerade mir und Lilly erzählt hat. Nochmal ganz langsam und zum Mitschreiben, obwohl ich so eine Schauergeschichte wohl kaum auf unserem Blog breit treten würde. Die würden uns doch glatt für plemplem halten. Und, nein, es hat immer noch nichts damit zu tun, dass dies der 666. Blogbeitrag wäre und 666 die Zahl des Teufels – oder dass der Stein, den er gerade in hohem Bogen in den See befördert hat, verflucht sein könnte. Der verdammte Stein, wegen dem wir diesen ganzen Ärger überhaupt erst am Hals haben – und Jo hat ihn einfach weggeschmissen?

Oh Herr, lass Hirn regnen. Der Kerl weiß anscheinend echt nicht, was er tut. Von wegen Stimme der Vernunft: Entweder ist er blond (im übertragenen Sinn) oder er hat einen ausgeprägten Wunsch zu sterben, und zwar durch meine Hand. Aber so gerne ich ihm für seine Blödheit den Hals umdrehen würde, das kann ich Ellie nicht antun. Sie glaubt zwar, ich bekomme ihre verstohlenen Blicke ihm gegenüber nicht mit, aber sie kann noch so abgebrüht tun wie sie will und alle anderen zum Narren halten – ich habe sie durchschaut.

Außerdem würde das an unserer Situation gar nichts ändern – getrennt von den anderen, sind wir drei nun auf uns gestellt, und wir haben keinen Dunst, wo sie hin sind. Das allein ist schon kein Grund zum Jubeln, aber wenn ich geglaubt habe, dass es nicht noch schlimmer kommen kann, habe ich mich auch hier gründlich geirrt. Aber sowas von. Anscheinend hat unsere kopflose Flucht vor dem Druiden, den wir glücklicherweise abgehängt haben, Lilly mehr geschadet als es zuerst ausgesehen hat.

Meine Kopfschmerzen sind nichts im Vergleich zu einem ordentlichen Jet Lag, doch Lillys speigrünes Gesicht toppt alles, und dabei dachte ich immer, die berühmte Morgenübelkeit gäbe es nur in den ersten drei Monaten. Auch da habe ich leider falsch gedacht! Gerade noch hat sie über Müdigkeit geklagt und darüber, dass sie nicht mehr kann, jetzt hängt sie über der nächsten Baumwurzel, während Jo ihr die Haare aus dem Gesicht hält – ein Bild des Jammers. Und schon sind Lillys gute Vorsätze, die Zähne zusammenzubeißen und die Heldin zu spielen, dahin. Wenn es nach mir ginge, müsste sie nicht versuchen, uns zu beweisen, dass sie doch nicht das Angsthäschen ist, für das wir sie seit Beginn unserer Reise gehalten haben. Aber mich fragt erstens keiner, und zweitens wäre es ja auch zu schön gewesen – die Illusion, sie auf der Insel so aufblühen zu sehen, konnte ja nicht lange anhalten. Das hier ist jetzt die Quittung dafür.

„Es hätte mich treffen sollen und nicht Lilly“, flüstert Jo, als wir unter uns sind. „Wenn ich euch nicht auf diese verdammte Insel geführt hätte, wäre das alles nicht passiert.“

„Aber das ist doch Blödsinn, und das weißt du auch“, entgegne ich mit gedämpfter Stimme und versuche, den Drang laut aufzustöhnen, so gut es geht zu unterdrücken, nur um ja Lilly nicht aufzuwecken, die in unserem behelfsmäßig zusammengebastelten Unterschlupf aus einer Decke, die wir mitnehmen konnten und unseren Jacken inzwischen in einen unruhigen Schlaf gefallen ist. Aber wenigstens schläft sie jetzt. Inzwischen ist es unangenehm kühl geworden, so dass Jo und ich unwillkürlich näher zusammenrücken; so nah, dass Ellie jetzt eine spitze Bemerkung vom Stapel lassen würde, wenn sie denn hier wäre. Ist sie aber nicht. Und so leid es mir tut: Ellie ist mir gerade so ziemlich egal. Was sie nicht weiß, macht sie nicht heiß, wie zum Beispiel, dass Jo und ich inzwischen selbst eine Decke um uns geschlungen haben und wir uns problemlos im Flüsterton unterhalten können.

Aber wie soll man sich denn sonst warmhalten, wenn man sich nicht traut ein Feuer anzumachen, obwohl man es theoretisch könnte? Nein, lieber nichts riskieren – es muss auch so gehen, solange wir über Lilly wachen.  Ab und zu kommt ein gequältes Wimmern über ihre bleichen Lippen. Oh Mann, in ihrer Haut möchte ich nun wirklich nicht stecken. Übelkeit, Erschöpfung, Schmerzen… und dazu noch von ihrem Liebsten getrennt zu sein. An ihrer Stelle wäre ich längst vergangen vor Angst um Flo. Vermutlich tut sie das längst, lässt sich aber nichts anmerken.

„Wirklich, Jo. Der letzte, der sich die Schuld geben sollte, bist du.“ Anscheinend bin ich nicht überzeugend genug, denn jetzt fängt er auch noch mit dem Schatz an. Der Schatz, den auch noch ein paar andere suchen wollten, und nicht nur er. Der Stein – die Quelle allen Übels.

„… ohne den wir gar nicht erst in diese Lage gekommen wären“, stellt er abschließend fest. Ob er ihn deshalb fortgeworfen hat? So langsam dämmert mir, was ihn dazu getrieben hat. Todeswunsch? Im Gegenteil: Wenn der Stein ein Portal in die Anderwelt geöffnet und uns nach Avalon gebracht hat, war es nur konsequent, auf unserer Flucht diese Brücke zwischen beiden Welten zu zerstören, also sozusagen , die Verbindung zu kappen und damit den Verfolgern den Weg abzuschneiden, indem sich Jo im letzten Moment von der „Quelle allen Übels“, wie er gerade eben noch das Corpus Delicti bezeichnet hat, getrennt hat.

„Jetzt können wir nur hoffen, dass das Wasser an dieser Stelle tief genug war und der Stein für immer verschwunden bleibt.“

Dein Wort in Gottes Ohr, seufze ich innerlich. Denn das hat ja schon bei dem Einen Ring nicht geklappt. Da kann der Ring an den tiefsten Grund eines Sees sinken, irgendwann fischt ihn ein dusseliger Déagol oder Sméagol beim Angeln aus dem Wasser und beschwört damit das Unheil erst so richtig herauf. Und ich fürchte, genau das wird hier passieren. Die Druiden sind ja nicht blöd, zumindest nicht der eine, der es über die Brücke an unser Ufer geschafft hat, dann aber vom Nebel verschlungen wurde. Doch all das sage ich natürlich nicht, sondern starre nachdenklich zu Lilly hinüber, die plötzlich wach daliegt und sich vor Schmerzen krümmt. So kurz vorm errechneten Termin kann das nichts Gutes bedeuten.

Oder sind wir bereits drüber und haben es nur nicht gemerkt? Das Zeitgefühl völlig zu verlieren, so wie wir, wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht. Doch ob Zeitverschiebung oder nicht – vor allem bedeutet das hier eines: Wir müssen schleunigst aus diesem Wald raus und ins nächste Krankenhaus, bevor Lilly rettungslos verloren ist.

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Die Vorlage zum 13. Kapitel: Probleme in der Gruppe mit der Schwangeren, Schwangere hat Schmerzen und ihr ist schlecht und sie ist müde.

Wattpad-Schreibchallenge „Mein Buch für Dich“: Kapitel 12

Kapitel 12 *** Lilly : Sag Hallo zur Hölle

Two minutes to midnight, the hands that threaten doom
two minutes to midnight to kill the unborn in the womb

-Iron Maiden „Two minutes to midnight“-

Am liebsten hätte ich Jo den Vogel gezeigt und mich auf die andere Seite gedreht, als er an meine Pritsche gekommen ist und meinen Namen geflüstert hat. Doch da war er nicht der einzige, der versucht hat, mich so sanft wie möglich wachzurütteln. Die Gruppe hat nämlich geschlossen hinter ihm gestanden, ängstlich darauf bedacht, bloß kein Geräusch zu machen. Wie gruselig – um ein Haar hätte ich vor Schreck aufgeschrien.

„Wach auf Lilly, wir müssen weg.“

Weiß der Geier, wie es ihm gelungen ist, die anderen umzustimmen und dazu zu bringen, sich selbst davon zu überzeugen, mit wem wir es hier zu tun haben. Am Ende war es dann Ellie, die damit herausgerückt ist. Ich weiß ja nicht, wie gründlich sie „recherchiert“ hat (ihre eigenen Worte – ich nenne es „hinterherschnüffeln“), aber das hier zieht mir förmlich die Schuhe aus. Das Neugeborene opfern? Also wirklich! Welchem kranken Hirn ist das denn entsprungen? Da hat wohl jemand eindeutig zu viele Horrorfilme gesehen. Aber bitteschön – wenn ihr mir Angst machen wolltet, dann ist euch das gelungen. Na bravo. Ich hoffe, ihr seid zufrieden.

Weg von hier, aber nicht ohne den Stein… Ich hab’s mit eigenen Ohren gehört… Und ich mit eigenen Augen gesehen… Wir können nicht mehr länger warten…

Meine Gedanken fahren Karussell, als wir durch den Wald hinunter zum See stolpern, Vertrocknetes Laub knistert unter unseren Füßen, als ich einen Blick auf die Knochengrube wage – im fahlen Dämmerlicht ein schauriger Anblick, jetzt wo ich weiß, dass hier das Blut Unschuldiger vergossen werden sollte.

Götter – wer’s glaubt… Ha ha… Kein Wunder, dass sie dich so gehätschelt haben… Bei Laune halten wollten sie dich, bis das Kind da ist, und dann…

Zu blöd, dass Jo und Ellie mit dem Wecken so lange gewartet haben. Nicht mehr lange, dann ist es so hell, dass sie uns problemlos folgen können, wenn sie merken, dass wir abgehauen sind.

Und wenn sie erst mal unsere Spuren gefunden haben… Dann war’s das mit der Götterverehrung… Dann kannst du schon mal der Hölle Hallo sagen.

Da vorne ist er, der See. Und jetzt? Sollen wir etwa rüber schwimmen? Doch die anderen halten unbeirrt weiter aufs Ufer zu, allen voran Jo, dicht gefolgt von den Zwillingen und Ellie. Flo und ich bilden die Nachhut, mit Finn als Schlusslicht. Und als ich schon denke, das Gerenne hört nie auf, stoße ich mit Flo zusammen, als der wie die anderen unerwartet stehenbleibt. Ist ihnen jetzt also doch aufgegangen, dass es keinen Weg auf die andere Seite gibt, und sie suchen fieberhaft nach einem Ausweg? Das Blut rauscht so laut in meinen Ohren, dass ich nicht verstehen kann, worüber sie diskutieren. Vielleicht sind es auch die am Ufer entlang kriechenden Morgennebel. Aber wenn ich ehrlich bin, ist es mir auch egal – bei dem fiesen Seitenstechen, das mich bei unserer unorganisierten Flucht aus dem Hinterhalt überfallen hat.

Dass es mir gleich nicht mehr egal sein wird, kann ich nicht jetzt noch nicht ahnen. Im Moment bin ich nur froh über die kurze Verschnaufpause. Mit in die Hüften gestemmten Händen und durchgedrückten Knien beuge ich mich keuchend vornüber, während ich versuche, wieder zu Atem zu kommen.

Haltet Sie auf! Lasst. Sie! Nicht!!Entkommen!!!

Der Schrei aus dem Dickicht hinter uns klingt mörderisch. Wenn Leute wütend sind, setzen sie ungeahnte Kräfte frei. Alles, nur das nicht! Mein schlimmster Alptraum ist wahrgeworden. Gleich haben sie uns.

„Mensch, Lilly, steh nicht da wie’n Kalb, wenn’s donnert. Beweg. Dich. Jetzt!“ brüllt Finn von rechts, und Flo zerrt mich mit sich.

Ja, um Himmels Willen, wohin denn? So groß ist die Insel nicht, und so, wie’s aussieht, brauchen sich unsere Verfolger nur großzügig im Gelände zu verteilen und müssen sich dazu nicht mal besonders anstrengen, wenn sie uns einkesseln wollen. Aber da habe ich die Rechnung ohne das Schicksal gemacht. Wie schon an dem Tag, als wir vor den Typen in Schwarz geflüchtet sind, erhebt sich derselbe Pfad aus dem Wasser.

Was zum?

Zum Nachdenken, woher plötzlich diese Möglichkeit zum Verlassen der Insel gekommen ist, bleibt uns keine Zeit. Jo scheucht uns einen nach dem anderen durch den wallenden Dunst hinüber und begibt sich freiwillig ganz nach hinten. Wie überaus fürsorglich! Jeder andere hätte die Beine in die Hand genommen und wäre gerannt, was das Zeug hält. Nicht Jo. Anscheinend hat er sich das Motto „Keiner wird zurückgelassen“ auf die Fahnen geschrieben und passt auf, dass niemand von uns stürzt oder den Anschluss verliert. Keiner wird zurückgelassen? Leider trifft das auch auf unsere Verfolger zu, die sich hartnäckig an unsere Fersen geheftet haben und nicht lockerlassen. Bei manchen Motorrädern erscheinen Dinge im Rückspiegel näher als sie es tatsächlich sind – genau wie hier: Das Licht der aufgehenden Sonne lässt ihre Schatten riesig erscheinen, und ich muss mich zusammenreißen, um nicht laut aufzuschreien. Aber nicht nur vor Entsetzen, weil ihre Schatten wie Finger nach Jo greifen, sondern weil ich nicht glauben kann, was ich da im Augenwinkel sehe: Jo, wie er nach hektischem Suchen etwas aus seiner Jackentasche herauszieht und es ins Wasser fallen lässt.

„Entrümpeln Sie Ihr Leben!“ Aber doch nicht jetzt. Und auch nicht so.

Wenn er gehofft hat, dass uns das Abwerfen von Ballast schneller macht oder gar den Druiden hinter uns abschüttelt, hat er sich leider geirrt.

Oder vielleicht doch nicht? Beinahe unmerklich vergrößert sich der Abstand zwischen Jo und dem Typen in Weiß, um den herum sich immer mehr Schwaden sammeln. Ist ja auch kein Wunder, wenn man versucht, sich seinen Weg durch immer höher steigendes Wasser zu pflügen.

Steigendes Wasser? Was, um Himmels Willen war in dem Kräutertee, den sie mir hier seit Wochen gegeben haben. Moment mal… Wochen? Wieso Wochen? Reiß dich zusammen, Lilly. Von auftretenden Halluzinationen in den letzten Schwangerschaftswochen hat der Ratgeber für werdende Mütter nichts gesagt. Auch nicht von temporärer Amnesie. Zusammenreißen schön und gut, aber wenn ich eins weiß, dann dass mein Gedächtnis auch schon besser gewesen ist. Denn sonst wäre mir gedämmert, dass wir auf genau diese Weise überhaupt erst auf diese verfluchte Insel gekommen sind.

Nur hatten wir da keinen rachsüchtigen Druiden im Genick, sondern einen Haufen Verbrecher, die uns den Schatz abnehmen wollten. Den Schatz! Ich ahne übles, als mir wieder einfällt, warum ich vorhin so reagiert habe. Für den Bruchteil einer Sekunde hat es nämlich in Jos Hand aufgeblitzt, bevor er es so verdammt eilig gehabt hat, den Inhalt seiner Tasche im See zu entsorgen. Der Pfad ist darauf hin zwar wieder im See verschwunden, aber den Druiden sind wir trotzdem nicht losgeworden.

Obwohl… Ein heiserer Schrei, gefolgt von einem erstickten Röcheln, entringt sich der Kehle unseres Verfolgers, bevor ihn die Nebel verschlingen und diese in einer unbeschreiblichen Geschwindigkeit auf uns zu rollen. Innerhalb nur weniger Sekunden hat uns eine weiße Watteschicht komplett eingehüllt und verschluckt. Orientierungslos tappe ich in die Richtung, in der ich den nächsten Baum vermute, dann wird es um mich herum dunkel.

Als ich wieder zu mir komme, liegt der Wald so friedlich da, als ob nie etwas vorgefallen wäre, und in der Ferne glitzert das Wasser wie Diamantenstaub. Nur wenige Schritte von mir rappelt sich Fiona auf und hält sich den Kopf, so als hätte sie einen Mörderkater. Auch Jo ist nicht weit. Gott sei Dank. Der Druide, der hinter ihm her war, hat ihm also nichts anhaben können. Von dem ist weit und breit nichts zu sehen.

Vom Rest unserer Gruppe allerdings auch nichts.

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Die Vorlage zum 12. Kapitel: Gruppe spioniert die anderen Leute aus, fliehen in der Nacht, Gruppe wird getrennt, dabei auch das Pärchen, irren jetzt in mind. 2 Gruppen durch den Wald (Schatz wird bei dem Stamm gelassen).