Mein Kinojahr 2020 : Die monumentale Mogelpackung

 

Gigantomanie in Schwarz-Weiß und Farbe !

Der Juli fängt ja schon gut an, denn eigentlich gehört der erste Film auf dieser Liste noch in den Juni. Eigentlich hatte ich an dem Abend etwas anderes vor, und meinen Monatsrückblick schon abgeschlossen… deshalb nehme ich diesen Nachzügler mit in den Juli, der sich zum Monat der Filmklassiker, Monumental- und Schwarz-Weiß-Filme (mit einem Sternchen markiert) entwickelt hat. Außerdem hält dieser Monat den absoluten Rekord, denn in diesem Juli habe ich mehr Filme auf DVD gesehen als Kinofilme im letzten Jahr. Dementsprechend lang ist auch dieser Beitrag.

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Eins, zwei, drei *)

Die Frau, von der man spricht *)

Cleopatra

Belle de Jour – Schöne des Tages

Bonnie & Clyde

Die Nacht des Jägers *)

Sein Mädchen für besondere Fälle *)

Die Erfindung der Wahrheit

Pitch Perfect 1 und 2

Metropolis *)

High Rise

Match Point

Wahrheit oder Pflicht

Das Totenschiff *)

The Artist *)

Eine total, total verrückte Welt

Nur ein kleiner Gefallen

Muriels Hochzeit

Infam *)

A cure for wellness

Porträt einer jungen Frau in Flammen

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Eins, zwei, drei (1961) : C.R.McNamara (James Cagney) ist überfordert. 15 Jahre hat er sich von der Coca-Cola-Firmenleitung über den ganzen Globus schicken lassen, und wünscht sich doch nichts sehnlicher, als endlich die Leitung für ganz Europa übertragen zu bekommen. Jetzt hätte er gerne ein heißes Wochenende mit seiner Sekretärin Ingeborg (Lieselotte Pulver), während Frau und Kinder verreisen.

Statt dessen drückt ihm der Vorstandsvorsitzende Töchterchen Scarlett aufs Auge, damit die keine Dummheiten macht. Von wegen! Nach sechs Wochen stellt sich heraus, dass diese in Ost-Berlin heimlich geheiratet hat – den waschechten Kommunisten Otto Ludwig Piffl (Horst Buchholz) und nun plant, mit ihrem Gatten nach Moskau überzusiedeln; und ausgerechnet jetzt wollen die nichtsahnenden Eltern ihr Töchterchen besuchen, und  Otto – durch eine Intrige von McNamara in Ost-Berliner Haft gebracht – muss schleunigst wieder her. Es gilt, einen Skandal zu vermeiden, denn Scarlett ist schwanger…

1961 wurde dieser Klassiker in Schwarz-Weiß unter der Regie von Billy Wilder gedreht, und die Dreharbeiten wurden von der Geschichte eingeholt, denn am 13. August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer, und mit Verfolgungsjagden durchs Brandenburger Tor hindurch war’s fürderhin Essig. Mit der herrlich schrillen und temporeichen Satire über den Kalten Krieg, die haufenweise Klischees durch den Kakao zieht, habe ich am 30. Juni den Monat ausklingen lassen.

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Die Frau, von der man spricht (1942): Sam Craig (Spencer Tracy) und Tess Harding (Katharine Hepburn) als bodenständiger Sportreporter und weltgewandte politische Journalistin, die für dieselbe Zeitung arbeiten und ziemlich überstürzt eine Blitzheirat zwischen Tür und Angel bzw. einer Lücke in Tess‘ vollem Terminplan eingehen. Doch eine Ehe ist das für Sam schon recht schnell nicht mehr, ist er doch eher ein Anhängsel denn ein Partner auf Augenhöhe. Irgendwann reicht es dem Herrn, und er empfiehlt sich just in dem Moment, als Tess zur Frau des Jahres ernannt wird. Ein peinlicher Moment für Tess, die nun in Erklärungsnot gegenüber der Presse gerät – erst, als ihr Vater mit Tess‘ Tante, der weltberühmten Feministin Ellen Whitcomb den Bund fürs Leben schließt, begreift Tess den Sinn der Ehe: eine Lebensgemeinschaft und keine Zweckverbindung, in der jeder eigenständig schaltet und waltet wie er will.

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Cleopatra (1963): „Als die Römer frech geworden“ vs „Walk like an Egyptian“. Ein monumentales Werk mit vier Stunden Laufzeit; für mich zu monumental – von allem zu viel. Der teuerste Film aller Zeiten, der mir viel zu in die Länge gezogen war. Gut, dass sich das Epos auf zwei DVDs verteilt, so konnte ich mir es an zwei Abenden anschauen. Einen Oscar hat „Cleopatra“ für die Ausstattung bekommen; die Kostüme sind beeindruckend, so beeindruckend, dass ich das Gefühl hatte, die Kostümbildner haben mit ihrem Hang zur Übertreibung unfreiwillig für einen Filmfehler gesorgt: Mitten im Streitgespräch zwischen Cleopatra (Elizabeth Taylor) und Antonius (Richard Burton) wechselt nicht nur der Schauplatz, sondern auch Cleopatra gleich zweimal ihr Gewand. Wenn es um monumentale Produkitonen geht, fand ich „Vom Winde verweht“ um Längen spannender.

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Belle de Jour – Schöne des Tages (1967): Eine Frau und ihr Doppelleben. Sévérine Sérizy (Catherine Deneuve) ist mit einem Arzt verheiratet, einem netten Mann. Vielleicht etwas zu nett, denn Madame hat es gerne gröber und sieht sich nicht imstande, mit ihrem Mann über ihre Fantasien zu sprechen. Statt dessen lebt sie diese an Nachmittagen in einem Etablissement aus und nennt sich Belle du Jour (Schöne des Tages) – dass sie mit der Zeit Gefallen an ihrem Doppelleben findet, wird ihr zum Verhängnis, denn dadurch wird sie nicht nur erpressbar, sondern einer ihrer Kunden, der Kriminelle Marcel, will sie ganz für sich allein und versucht, ihren Mann umzubringen, wird aber auf der Flucht von der Polizei erschossen. Und die Moral von der Geschicht‘? Keine Ahnung, denn ich grübele immer noch, was davon real und was Fantasie war, denn die Grenzen zwischen der Wirklichkeit und den immer gewalttätiger werdenden Tagträumen Sévérines verwischen zusehends, mit Fortschreiten der Handlung, und am Ende war ich nicht schlauer als zu Beginn.

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Bonnie & Clyde (1967): Ein weiterer Film aus demselben Jahr, aber ein ganz anderes Kaliber, und obwohl ich schon vorher wie z.B. bei Titanic weiß, wie er ausgeht, habe ich mich nicht eine Minute gelangweilt. Die Geschichte ist ja auch eine erstklassige Räuberpistole. Bonnie Parker (Faye Dunaway), der ihr langweiliges Leben und ihr verhasster Job als Serviererin schon lange zum Halse heraus hängt, erwischt den gerade aus dem Gefängnis entlassenen Clyde Barrow (Warren Beatty), als er das Auto ihrer Mutter stehlen will und wittert in dieser Begegnung die Gelegenheit, endlich ihr ödes Kaff hinter sich zu lassen.

Gemeinsam fahren sie in gestohlenen Autos quer durch die Vereinigten Staaten, um Banken auszurauben, begleitet von ihren nach und nach hinzukommenden Komplizen, dem Mechaniker C.W. Moss, Clydes Bruder Buck (Gene Hackman) und dessen Frau Blanche. Schon bald gehört die Barrow-Bande zu den meistgesuchten Verbrechern, auf die hohe Kopfgelder ausgesetzt sind, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis ihre Geschichte ein blutiges Ende im Hinterhalt nimmt – durchsiebt von Maschinengewehrsalven. Zwei Oscars hat dieser Film 1968 verliehen bekommen (Beste Kamera und Beste Nebendarstellerin), und das mit der Besten Kamera kann ich nachvollziehen. Auch nach 52 Jahren zeichnet sich das Filmmaterial durch eine farbliche Brillianz aus, die späteren Produktionen, fehlt.

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Die Nacht des Jägers (1955): Gleiche Ära, und wieder ist ein junges Paar auf der Flucht, doch diesmal ist der Ansatz ein völlig anderer. Die Gejagten sind zwei Kinder, die Geschwister Pearl und John Harper. Verfolgt werden sie von ihrem Stiefvater, dem Wanderprediger Harry Powell (Robert Mitchum), einem psychopathischen Serienmörder. Der hat es auf das Geld abgesehen, das sich in Pearls Puppe befindet. Der Film entfaltet in den Nachtaufnahmen entlang des Flusses eine eigenartige, traumhafte Stimmung, die stellenweise in einen echten Alptraum umschlägt.

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Sein Mädchen für besondere Fälle (1940): Verfilmung des Bühnenstücks „The Front Page“ von 1928 – aus dem Klappentext: „Als die Sensationsreporterin Hildy Johnson (Rosalind Russell) verkündet, dass sie der Zeitungswelt den Rücken kehren will, um sich mit ihrem langweiligen Verlobten (Ralph Bellamy) an den heimischen Herd zurückzuziehen, ist ihr ehrgeiziger Chefredakteur und Ex-Mann Walter Burns (Cary Grant) wild entschlossen, sie zum Bleiben zu überreden – und ihr Herz aufs Neue zu gewinnen.“ – Um dies zu erreichen, soll sie einen Artikel über den zum Tode durch den Strang verurteilten Earl Williams schreiben. Der bricht jedoch aus und sucht ausgerechnet im Pressezimmer des Gerichtsgebäudes Unterschlupf…

Was sich wie ein Drama anhört, ist eine temporeiche Komödie mit stellenweise überlappenden Dialogen und Anspielungen. In einer Szene beschreibt Burns einer kurvenreichen Blondine den im Taxi wartenden Verlobten: „He looks like that fellow in the movies, you know … Ralph Bellamy!“ oder ein anderer Insiderjoke von Cary Grant: Als er wegen Entführung verhaftet werden soll, beschreibt er das grausame Schicksal der Person, die ihm zuletzt begegnet ist: Archie Leach (Cary Grants bürgerlicher Name). Und als der Name Sweeney fällt, geht es mir wie Hildy, der bei dieser Nennung Sweeney Todd in den Sinn kommt.

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Die Erfindung der Wahrheit (2016): oder auch „Die über Leichen gehen“ – nein, der von mir verliehene Alternativtitel bezieht sich nicht auf Journalisten, sondern auf Lobbyisten, die versuchen, Senatoren auf ihre Seite zu ziehen, wenn es um einen neuen Gesetzentwurf geht. In diesem Fall ist es zunächst dein Waffenhersteller, der an eine Lobby-Firma herantritt, für die skrupellose Elizabeth Sloane (Jessica Chastain) arbeitet, die gegen ein neues Gesetz ist, dem zufolge man in Zukunft Waffen nur noch kaufen kann, wenn man ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen kann. Prompt wechselt Elizabeth gegen ein fürstliches Salär die Seiten und steht bald schon im Fokus einer Anhörung des Senats – Madame soll gegen Ethikregeln verstoßen haben. Damit ist sie zwar nicht die einzige, die nicht davor zurückschreckt, zu drastischen Mitteln wie Abhörung der Gegner, Schwören von Meineiden zu greifen, aber man unterschätzt sie gnadenlos: beim Plot-Twist am Ende der Anhörung tun sich Abgründe auf.

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Pitch Perfect (2012): Auf den Punkt gesungen oder „von der Kollateralschäden in der ersten Zuschauerreihe verursachenden, schnarchnasigen Gurkentruppe zum Überraschungshit des kommenden Finales im Highschool-A-cappella-Contest“ … diesmal wollen es die Barden Bellas, die weibliche Gesangsfomation der Barden University wissen: Nachdem sie einen unrühmlichen Auftritt beim letzten Wettbewerb hinlegen und sich nur mit Ach und Krach mit den immer gleichen uralten Hits aus den 90ern vonWettbewerb zu Wettbewerb hangeln, kommt mir einigen neuen Sängerinnen frischer Wind in das angestaubte Ensemble, und erst mit einer radikalen Neuausrichtung steigen ihre Chancen, es der rein männlichen Konkurrenz von der gleichen Uni auf der Bühne zu zeigen.

Statt großem Drama war mir nach einer leichten Komödie mit Musik, und große Überraschungen habe ich nicht erwartet. Was ich bekommen habe, waren Gesangsharmonien und Untertitel, dank derer ich nun auch mal die Texte einiger Songs aus de Radio verstehen kann; außerdem einen Aha-Moment mit der Darstellerin Elizabeth Banks, die in „Die Triute von Panem“ als Effie Trinket zu sehen war. In „Pitch Perfect“ heißt sie Gail Abernathy-McKadden und kommentiert die Wettbewerbe von der Reporterloge aus, mit einer nicht ganz so quietschigen Stimme wie als Effie in „Panem“. Von „Pitch Perfect 2“ war ich weniger begeistert – jede Menge verachtender Sprüche von einem Moderator, und Product Placement für Volkswagen in deutscher Sprache, na ja…

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Metropolis (1927): Wir springen 40 Jahre zurück, aber diesmal tauchen wir nicht in die Vergangenheit ein, sondern in die Zukunft, in die futuristische Stadt Metropolis, an deren Spitze es sich die Elite gutgehen lässt und ein Leben in Saus und Braus führt, während tief unten die Arbeiter in Zehn-Stunden-Schichten schuften und nie das Licht der Sonne sehen, denn dort befindet sich auch ihre Stadt. Hier wird sogar die Zeit unterschiedlich gemessen: 24 Stunden für die einen, 20 Stunden für die anderen. Und dazwischen die Maschinen, die niemals stillstehen. Anders als H.G. Wells, der von dem Monumentalfilm nicht angetan war, haben sich etliche andere Künstler davon inspirieren lassen, wie z.B. angeblich Madonna für das Video zu ihrem Hit „Express Yourself“.

Die DVD-Version aus unserer Stadtbücherei ist 144 Minuten lang – statt des unvollständigen Meisterwerks von Fritz Lang hatte ich hier tatsächlich den kompletten Film in den Händen, ergänzt um sehr ausführliches Bonusmaterial, das davon berichtet, wie man in Buenos Aires auf die verschwundenen Szenen gestoßen ist und wie der Film restauriert wurde. Uff! Ein Abend vor dem Fernseher reichte bei mir nicht – ich habe dafür mehrere Abende gebraucht. Abgesehen von der Handlung, die mitunter religiös-verkitschte Züge annimmt, wurde ich mit eindrucksvollen Bildern von schwindelerregenden Perspektiven und durch mehrfache Belichtung erzeugten surrealen Stimmungen belohnt. Ein anderes Thema sind die Massenszenen und Monumentalbauten, die mich stellenweise an den Größenwahn des Deutschen Reichs erinnert haben. Dennoch wäre ich gerne bei der bundesweiten Aufführung der restaurierten Fassung 2011 dabei gewesen. Auf einer großen Leinwand wäre „Metropolis“ ein ganz anderes Erlebnis als zu Hause vor dem Fernseher (https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/8/83/Metropolis1927-logo.svg/456px-Metropolis1927-logo.svg.png)

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High Rise (2015): Futurismus 2.0 – während in „Metropolis“ die Gesellschaft einer ganzen Stadt in zwei Klassen eingeteilt ist, konzentriert sich in „High Rise“ diese Sozialstruktur auf ein einziges Gebäude – ein Hochhaus, das die gesamte Infrastruktur einer Stadt besitzt. Die Nummer der Etage zeigt den Status in der sozialen Hierarchie an. In den unteren Stockwerken haust die sogenannte Unterschicht und muss sich wie die Arbeiter in der unterirdischen Stadt von Metropolis mit einem Minimum an Licht begnügen. Weiter oben wohnt die Elite oder jene, die sich dafür halten. Ganz oben im 40. Stock residiert der Architekt Anthony Royal (Jeremy Irons), der das Ensemble aus insgesamt fünf Türmen entworfen hat. Die sollen sich irgendwann um einen künstlichen See gruppieren – doch ob es jemals dazu kommt, ist schwer vorstellbar.

Kann zu Beginn Royal dem neu in die 25. Etage eingezogenen Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) die Stromausfälle und defekten Apparate noch als Kinderkrankheiten verkaufen, offenbart sich bald schon das wahre strukturelle Problem. Fäulnis und Verwahrlosung greifen immer mehr um sich und münden in Verwüstung und Gewaltexzessen. Jeder gegen jeden – das soziale Experiment eines Gebäudekomplexes als Schmelztiegel schlägt vollkommen fehl, und am Ende regieren Chaos, Anarchie und Wahnsinn. Da wirkt es geradezu grotesk, wenn irgendwann ein Streifenpolizist vorfährt und sich vorsichtig erkundigen möchte, ob alles in Ordnung sei, da der Eingangsbereich ein wenig unaufgeräumt aussähe. Dabei ist schon angesichts der brennenden Autos und Müllberge auf dem Parkplatz vor dem Wohnturm das genaue Gegenteil erkennbar.

Nachempfunden soll der Turm u.a. der von de Architekten Le Corbusier entworfenen Unité d’Habitation in Marseille sein – mich erinnert diese Beschreibung eher an den von Oscar Niemeyer entworfenen Wohnblock „Edifício Copan“ in São Paulo, in dem 5000 Menschen leben und das als größtes Wohngebäude Lateinamerikas eine eigene Postleitzahl hat.

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Match Point (2005): Manchmal trifft das Glück die Falschen… Dass ich mir mit diesem Drama/Thriller, bei dem es auf Details ankommt (besonders am Anfang), einen Film von Woody Allen an Land gezogen habe, habe ich erst gemerkt, als bereits der Vorspann lief. Man beachte die Ausführungen eines Tennisspielers über das Phänomen des Matchballs, der für einen Moment genau auf dem Netz verharrt, bevor er auf die eine oder andere Seite fällt und damit über Sieg oder Niederlage entscheidet, je nachdem auf welcher Seite er herunterkommt. Früher hätte ich einen großen Bogen um seine Filme gemacht, aber inzwischen ist es mir egal, wer bei einem Film Regie führt, so lange mich die Handlung interessiert, auch wenn die das Rad nicht neu erfindet.

Jonathan Rhys Meyers spielt den Tennisprofi Chris Wilton, Opernliebhaber und begeisterter Leser Dostojewskis. Wilton heiratet in eine Familie der Londoner High Society ein und fängt noch während seiner Verlobungszeit eine Affäre mit Nola Rice (Scarlett Johansson), der Verlobten seines Schwagers. an. Die Geschichte läuft aus dem Ruder, als Nola von ihm schwanger wird und ihn zunehmend unter Druck setzt, seiner Frau endlich die Wahrheit zu sagen und sich von ihr zu trennen. Inspiriert durch Dostojewskis Roman „Crime and Punishment“ entwickelt er einen perfiden Plan…

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Wahrheit oder Pflicht (2018): Charaktere in Horrorfilmen haben selten Glück. Aber nach dem ganz großen Drama mit Starbesetzung zum Thema „Glück“ hatte ich nach einem anstrengenden Tag Lust auf etwas Leichteres und vor allem Kürzeres – denn dieser Horrorfilm mit mir völlig unbekannten Schauspielern dauert nur 96 Minuten. In diesem Teenie-Horror-Spektakel erwischt das Böse eine Gruppe Collegestudenten, die beim Springbreak in einer verfallenen mexikanischen Kirche das beliebte Spiel „Wahrheit oder Pflicht“ spielen. Doch im Gegensatz zum dem sonst üblichen zweifelhaften Partyspaß, ist diese Version erschreckend echt: Wer bei „Wahrheit“ lügt oder bei „Pflicht“ die Ausführung der Aufgabe verweigert, stirbt. Ein Dämon zieht die Fäden, und er verfolgt sie bis nach Hause… Auf „Rotten Tomatoes“ hat der Film schlecht abgeschnitten, aber da mir das ohnehin egal ist, und ich mich trotzdem ganz angenehm gegruselt habe, war der Abend kein Fall für die Tonne.

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Das Totenschiff (1959): Kann man noch mehr Pech haben? Als der Seemann Philip Gale (Horst Buchholz) morgens nach einer Nacht in Antwerpen in den Hafen zurückkehrt, erfährt er, dass sein Schiff zwei Stunden zu früh ausgelaufen ist, und auf einem anderen, auf dem er anheuern kann, findet er nicht, weil eine Prostituierte ihm neben dem gesamten Bargeld auch seine Papiere gestohlen hat, während er schlief. Es verschlägt ihn auf die Yorikke. Leise rieselt das Sägemehl… Rettungswesten oder -boote sind auf diesem Seelenverkäufer Fehlanzeige, und der morsche Rettungsring taugt noch nicht mal zur Dekoration. Recht schnell erkennt Gale, dass man ihn verschaukelt hat, denn Boston ist nicht der nächste Hafen. Doch es kommt noch schlimmer – außer dem Bootsmann hat die heruntergekommene Besatzung keine Ahnung, dass ihr skrupelloser Kapitän vorhat, das Schiff nach Abwicklung eines Waffendeals havarieren zu lassen. Dabei gehen die beiden schon vorher über Leichen – als ihr Komplize bei dem Komplott nicht mitmachen will, lassen sie ihn nachts über Bord gehen. Doch davon ahnt Gale nichts – der will einfach nur weg. Da scheint ein gefälschter Pass der ideale Ausweg aus seinem Dilamma zu sein. „Hunger zu haben, ist menschlich – keine Papiere zu haben ist unmenschlich“: Doch das vermeintlich selbstlose Angebot hat einen Preis.

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The Artist (2011): Be silent behind the screen – solche Regeln hatten mit Aufkommen des Tonfilms ausgedient, denn der war Durchbruch und verhalf dem Stummfilm zu einem Dasein auf dem Abstellgleis. Und weil sich der alternde Stummfilmstar George Valentin (Jean Dujardin) beharrlich weigert, mit der Zeit zu gehen, findet seine Karriere ein jähes Ende. Geräusche im Film sind ihm ein Greuel, und folglich erscheinen sie auch viel zu laut – der Aufschlag eines vom Himmel trudelndes Blattes auf den Boden gleicht einer Explosion. Ein vom Nachbartisch belauschtes Interview mit der von ihm entdeckten Nachwuchsdarstellerin Peppy Miller (Bérénice Bejo), in dem sie „Weg mit dem Plunder! Macht Platz für die Jugend!“ verkündet, trifft ihn schwer, und der Weg nach unten ist kaum noch aufzuhalten – die Ehe kaputt, das Vermögen dank des Börsenkrachs futsch, sein erster Film als Regisseur ein Flop an den Kinokassen, bei einem Brand verliert er um ein Haar sein Leben. George ist am absoluten Tiefpunkt angekommen, doch dann hat Peppy, die ihn schon lange liebt, eine Idee… Schon lange wollte ich ihn sehen, den mit mehreren Oscars und Golden Globes ausgezeichneten Beinahe-Stummfilm in schwarz-weiß und im Stil der Zeit, in der er spielt. Jetzt hatte ich die Chance dazu und war begeistert. Für mich ist der mehr Hommage an das ganz große Hollywood-Kino als „Once upon a time in Hollywood.“ – Darauf einen Dujardin!

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Eine total, total verrückte Welt (1963): Es geht um 350.000 Dollar, und sie sind unter einem großen W vergraben. Die Zeugen dieser Worte trauen ihren Ohren nicht und bekommen sogleich tellergroße Augen. Die Jagd nach dem Geld beginnt, und jeder will zuerst am Ziel sein. Gier und Dummheit bringen die Glücksjäger in immer absurdere Situationen, und so rechnen sie nicht mit dem Joker, der unverhofft im Spiel auftaucht. Grotesk ist nicht nur die Länge des Films: Von den 210 Minuten in den Previews sind bei der Premiere noch 193 Minuten übrig geblieben, die dann noch einmal gekürzt wurden – für die US-Fassung auf 182 Minuten und für die deutsche Fassung auf 154 Minuten. Die reichen für meinen Geschmack auch, denn länger heißt nicht immer besser, was übrigens auch für die ellenlange Liste der Schauspieler gilt, von denen einige nur sehr kurze Auftritte haben: The Three Stooges, Jerry Lewis, Buster Keaton, Peter Falk… und das sind nur die kleinen und noch winzigeren Nebenrollen. In den Hauptrollen glänzen u.a. Spencer Tracy, Mickey Rooney und Terry-Thomas (der durfte in amerikanischen Komödien meistens den britischen Snob geben und diesen übertrieben affektiert darstellen). Die Komödie „Rat Race – der nackte Wahnsinn“ erinnert mich sehr an dieses Spektakel, das mit einer Schneise der Verwüstung endet.

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Nur ein kleiner Gefallen (2018): Vorsicht, wenn beste Freunde von euch „nur einen kleinen Gefallen“ verlangen. In dem Fall ist es Emily, die ihre beste Freundin, die Vloggerin Staphanie darum bittet, auf ihren Sohn Nicky aufzupassen und danach spurlos verschwindet. Während die Polizei im Dunkeln tappt, ermittelt Stephanie mit Hilfe ihres Vlogs auf eigene Faust. Als in einem See in Michigan Emilys Leiche gefunden wird und Stephanie Ungereimtheiten entdeckt, ermittelt sie heimlich weiter und kommt nicht nur Emilys Geheimnis auf die Spur, sondern einem perfiden Verbrechen. Klingt nach ganz großem Drama ohne große Überraschungen, hat aber durchaus seine komischen Momente und einige Wendungen, die ich so nicht vorhersehen konnte.

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Muriels Hochzeit (1994): Muriel Heslop (Toni Collette) ist für alle nur eine Null und lebt ohne Selbstwertgefühl in einer Traumwelt, bis ihr eines Tages ein Blankoscheck in die Hände fällt, der für ihren Start ins Berufsleben gedacht ist. Als Kosmetikvertreterin für die Geliebte ihres Vaters arbeiten? Nein, danke – Muriel gönnt sich lieber einen Luxusurlaub und trifft dort eine ehemalige Schulkameradin. Die frischgebackenen Freundinnen verlassen ihr Kaff, das irgendwo an der australischen Küste liegt, und starten in Sydney durch, doch dann wird bei Rhonda ein Tumor festgestellt, und da Muriel aus finanziellen Gründen eine Scheinehe mit einem südafrikanischen Sportprofi eingeht und somit als Mitbewohnerin für Rhonda ausfällt, muss diese wieder zurück in den verhassten Heimatort. Doch schon bald merkt Muriel, dass die Traumhochzeit nicht zur Traumehe führt und es langsam Zeit wird, mit den Lügen aufzuhören.

Toni Collette, die meistens in Nebenrollen zu sehen ist, hat hier die Hauptrolle in dem schrillen und gleichzeitig nachdenklichen Film, dessen Soundtrack zum Großteil aus ABBA-Songs besteht.

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Infam (1961): Verleumdung und ihre Folgen. Als die frustrierte Schülerin Mary aus schierer Bosheit ihrer Tante weismacht, ihre beiden Lehrerinnen Karen (Audrey Hepburn) und Martha (Shirley Mac Laine) seien ein Liebespaar, nimmt eine Lawine ihren Lauf, die sich nicht mehr aufhalten lässt. Dass die gesamte Elternschaft die Mädchen vom einen auf den anderen Tag ohne Erklärung von der Schule nimmt und die beiden Schulleiterinnen vor dem Aus ihrer Existenz stehen, ist nur der Anfang… Der Skandal, ausgelöst von dem Mädchen, das auch vor Erpressung einer Mitschülerin nicht zurückschreckt, damit diese die Lüge aufrecht erhält, zerstört nicht nur die beruflichen Karrieren, sonder auch das Leben der Betroffenen. Verfilmung des Bühnenstücks „The Children’s Hour“ von Lillian Hellman, das 1934 am Broadway seine Uraufführung hatte.

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A cure for wellness (2016): Eigentlich ist Horror eher was für den Oktober. Aber warum eigentlich nicht. Horror in Heilanstalten – ein beliebtes Thema. In diesem Sanatorium in den Schweizer Bergen für Gutbetuchte scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Alles ist so friedlich, alle sind happy – zu schön, um wahr zu sein. Das findet auch Mr. Lockhart, der im Auftrag seines Arbeitgebers den Firmenchef Pembroke nach New York zurückholen soll, doch es ist wie im Song „Hotel California“: You can check out every time you like but you can never leave“. Ja, hier will anscheinend niemand weg, aber etwas stimmt mit dieser Einrichtung gar nicht. Vor allem nicht mit dem Wasser… Schlecht fand ich „A cure for wellness“ nicht, aber auch nicht überragend, trotz beeindruckender Bilder… aber mit 147 Spielzeit vor allem zu lang.

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Porträt einer jungen Frau in Flammen (2019): Die Premiere! Meinen letzten Kinobesuch in diesem Jahr hatte ich am 28. Februar – vor Corona; ein Ende der Pandemie ist nicht abzusehen, und es ist Sommer. Der ideale Zeitpunkt für Open-Air-Kino. Diesen Film kannte ich noch nicht, aber mir wurde so viel Gutes davon erzählt, dass ich jetzt Lust auf dieses im 18. Jahrhundert angesiedelte Kostümdrama bekam. Belohnt wurde mein Ausharren auf dem Industriegelände bis 21:30 Uhr durch einen angenehm temperierten Sommerabend mit Unmengen von Glühwürmchen und einen Film, der selbst so schön ist wie ein Gemälde.

Eine Malerin und ihr Modell, das nicht porträtiert und schon gar nicht verheiratet werden möchte, also soll Marianne die rebellische Héloise heimlich malen. Im Laufe der einen Woche auf der abgeschiedenen Insel vor der bretonischen Küste lernt man einander langsam kennen, und als die holde Mama abreist, lodern bald nicht nur die Flammen im Kamin oder auf besagtem Gemälde… Eine sehr geschmackvolle Inszenierung mit musikalischer Untermalung, die mein Interesse an klassischer Musik neu geweckt hat. Gewonnen habe ich die Einsicht, dass ich gezielt nach Veranstaltungen dieser Art suchen sollte – verloren habe ich den Verschluss meines Ohrsteckers, aber den kann ich verschmerzen.

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Das war der Juli – und mit 22 Filmen (einer davon im Kino, der Rest auf DVD oder im Fernsehen) der mengenmäßig herausragendste… vielleicht wird die 22 ja doch noch meine neue Glückszahl.

Kleine Details am Rande: Das Lied „Ausgerechnet Bananen“, spielt die Tanzkapelle in „Eins, Zwei, Drei“ im Hotel Potemkin, und Bonnie Parker summt eine Zeile daraus in „Bonnie und Clyde“. In beiden Filmen aus dem Zeitungsmilieu gibt es einen Pinky. Und in „Nur ein kleiner Gefallen“ erklingt in einer Szene eine französische Ballade über Bonnie & Clyde.

# Writing Friday 2020 – Juli, 31. Woche : Als der Regen kam – Kapitel 6

 

Eine Fortsetzungsgeschichte braucht einen Abschluss, und deshalb habe ich den schon fertigen Text noch einmal umgeschrieben, damit es kein Spin-Off wird, sondern zu einer der Aufgaben des Monats Juli passt.

Beim #Writing Friday auf dem Blog von elizzy gab es diesen Monat fünf Themen, von denen mir jedoch zwei nicht genügend Inspiration lieferten. Den im Juni angefangenen Kurzroman mit dem Titel „Als der Regen kam“ habe ich deshalb erneut an das folgende Thema angepasst:

Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Hund, Badeanzug, rosarot, gehüpft, Eiscreme

Ob es ein Happy-End gibt? Der Countdown läuft …

 

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06 – The final countdown

Der Regen fiel in Strömen auf sie herab, nun mussten sie nur noch warten.

Zehn Einsatzfahrzeuge der Polizei und nochmal genauso viele Busse, mit denen die Randalierer abtransportiert wurden und etliche zusätzliche Anzeigen wegen Sachbeschädigung, so sah die Bilanz einer aus dem Ruder gelaufenen illegalen Party am Samstagnachmittag aus. Eine Party, die auf das Konto eines jungen Mannes ging, der nun so schnell niemanden mehr einladen würde.

Neun– bis zehntausend Euro Schaden würden auf Julian Meister wegen seiner Aktion mit dem Tablet zukommen. Da wurde doch der Hund in der Pfanne verrückt. Nicht nur, dass die Umgebung um den am Morgen noch so idyllischen See nach Beendigung des Einsatzes völlig zugemüllt war, auch einige PKWs der Anwohner und im kleinen Bootshafen liegenden Jollen und Segelyachten hatten etwas abbekommen. Herr und Frau Meister würden toben, denn ob ihre private Haftpflichtversicherung für den Schaden ihres noch schulpflichtigen Sprösslings anstandslos aufkommen würde, blieb noch abzuwarten. Geschah ihm Recht, dachte Laura, aber sie konnte sich nicht freuen. Zu aufgewühlt war sie noch nach dem, was sich in den vergangenen Stunden abgespielt hatte. Todesängste hatte sie ausgestanden, als die Menge der Unbekannten immer größer wurde. „Verrammelt die Tür!“ hatte sie geschrien und ein großes Möbelstück vor die Tür geschoben. Die Angst hatte ihr Bärenkräfte verliehen; die anderen standen nur planlos da und starrten sie entgeistert an.

Acht Uhr war es inzwischen, und noch immer gab es von Alex und Lucy keine Spur. Laura hatte Tom beruhigen und davon abhalten wollen, Andy und David rund zu machen; Andy, weil er Alex eingeladen hatte, einen Fremden. David, weil er diesen dazu gebracht hatte, Lucy mitzunehmen. Schließlich wusste doch jeder Blöde, dass man solchen Typen nicht trauen konnte und dass bei der langen Zeit, die die beiden nun schon verschwunden waren, garantiert etwas vorging. Etwas, das Tom nicht gefiel. Eiscreme ließen die beiden sich bestimmt nicht schmecken. Doch dank des Großeinsatzes, der gerade noch das Schlimmste verhindert hatte, blieb den beiden zwar das Donnerwetter erspart – aber nicht die Peinlichkeit, die Beamten aufs Revier begleiten zu müssen.

Sieben hätten es eigentlich sein müssen, und nun waren es nur fünf Personen, die den Beamten Rede und Antwort stehen mussten. Mit Laura ging es am schnellsten. Sie war den ganzen Nachmittag in der Hütte gewesen und konnte daher nichts über Julians Aktivitäten sagen. Auch aus David bekamen sie nichts brauchbares heraus, da der zwar laut Toms Aussage mit Andy und Julian den Nachmittag auf der Decke mit Zocken und Trinken verbracht hatte, aber sich dann ziemlich schnell betrunken hatte und im Prinzip zu nichts mehr zu gebrauchen war. Und Andy? Der hüllte sich in Schweigen, abgesehen davon, dass ihm Julians Daddelei auf den Zeiger gegangen war und deshalb den Tatort relativ schnell verlassen hatte. Am Ende war jeder dabei gewesen, aber keiner hatte etwas gesehen. Im Prinzip war das auch nicht nötig. Julians Timeline sprach Bände, und sein Tablet würde für die Dauer der Ermittlungen sichergestellt bleiben.

Sechs Kilometer weiter südlich ließ der Regen langsam nach. Froh, dass das Gewitter sie verschont hatte, lösten sich Alex und Lucy aus ihrer Umarmung und überlegten sich, ob es noch einen Sinn hatte, ihre Einkaufstour fortzusetzen. Jetzt hatten sie so lange ausgeharrt, da hatte bestimmt keiner der Läden mehr geöffnet. Auch nicht im Einkaufszentrum. Aber andererseits konnte sich Lucy kaum vorstellen, dass Tom nach diesem Monsun noch auf seiner blöden Nachtwanderung bestehen würde. Der Kauf neuer Schuhe war womöglich gar nicht mehr notwendig. Genauso wenig, wie sie jetzt noch einen Badeanzug brauchen würde – sie wäre gerne nochmal ins Wasser gehüpft, doch wärmer würde es ab jetzt sicher nicht mehr werden. Alex ließ Lucy zuerst aufsitzen, dann schwang er sich auf die Maschine und gab Gas.

Fünf Elternpaare wagten ihren Ohren kaum zu trauen, als sie hörten, was ihre Söhne und Töchter angestellt hatten. Töchter? Tom sank kleinlaut in sich zusammen, als er zugeben musste, dass er keine Ahnung hatte, wo Lucy war. Unverantwortlich nannten sie ihn, dass er seine Schwester mit einem Unbekannten hatte losziehen lassen. Lauras Eltern zogen daraus die Konsequenz und verboten ihrer Tochter kurzerhand den Umgang mit Tom. Aber das alles war eine Kleinigkeit im Vergleich zu Julian, den seine Eltern gründlich in die Mangel nahmen. „Wenn die Rechnung kommt, Freundchen“, hatte sein Vater die Tirade beendet, „sprechen wir uns wieder.“ Bis dahin hatte er Arrest. Mit Andy verfuhren sie nachsichtig, er kam von allen am leichtesten davon, während die Abrechnung mit David noch warten musste, bis er wieder nüchtern war. Ihm ins Gewissen zu reden, hatte in seinem Zustand keinen Sinn.

Vier Kilometer lagen noch vor ihnen. Alex hatte ein ungutes Gefühl, als er sah, wie ihm der erste Polizeibus entgegen kam. Seine Unruhe nahm beim Anblick der ihm entgegenkommenden Autos noch zu, und als die Spuren der Verwüstung in seinem Blickfeld stetig zunahmen, stand sein Entschluss fest.

Drei Uniformierte rollten an der Straße, die zum See führte, das Absperrband zusammen und packten ihre Sachen ein. Mit der Sicherung der Spuren waren sie soweit durch; auf die in Richtung See vorbeirollende Enduro achteten sie nicht. Als sie außer Sichtweite kamen, brachte Alex die Maschine zum Stehen und packte sein Smartphone aus.

Zwei Minuten später waren er und Lucy sich einig, dass sie gar nicht erst zur Hütte zurückfahren, sondern sich gleich auf den Rückweg machen würden. Auf eine Konfrontation mit ihren aufgebrachten Eltern hatte Lucy keine Lust, und um ihr Gepäck machte sie sich keine Gedanken – das würde schon jemand einsammeln. Alex hatte sich bereit erklärt, sie direkt zu Hause abzusetzen, nicht ohne jedoch sie vorher noch nach ihrer Telefonnummer zu fragen. Der Himmel war zwar immer noch etwas grau, aber Lucy sah ihn in rosarot.

Eins hatte sie daraus gelernt: So schnell würde sie nicht mehr mit ihrem Bruder auf Tour gehen, und falls Tom es wagen sollte, kein gutes Haar an Alex zu lassen, dann konnte er sich auf was gefasst machen.

Null Toleranz gegenüber diesen Chaoten!“ – Die Titelstory war kurz, knackig und unmissverständlich. Damit sprach das Revolverblatt den Meisters aus dem Herzen. Gleich nach den Ferien würde Julian auf ein Internat wechseln und dort auch bis zum Abitur bleiben. Dem Mangel an sittlicher Reife würde man dort sehr erfolgreich abhelfen, die Erfolgsquote dieser Institution sprach Bände. Null Verständnis hatten auch Toms und Lucys Eltern für das unmögliche Verhalten ihres Sohnes. Während Lucy glimpflich davon kam – im Grunde waren ihre Eltern froh, dass ihr nichts passiert war – , durfte Tom sich auf Hausarrest bis zum Schulbeginn „freuen“. Das passte ihm zwar nicht, aber was blieb ihm schon anderes übrig? Andy und er waren ohnehin geschiedene Leute, Laura durfte er auch nicht mehr wiedersehen, und David und Julian konnten ihm gestohlen bleiben.

Ja, dieses Wochenende war in mehr als einer Hinsicht ins Wasser gefallen, und ein weiteres dieser Art würde es nicht mehr geben.  

Ende 

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Die Komplettübersicht über die bisherigen Kapitel gibt es jetzt hier. Die ersten vier Kapitel habe ich zum selben Thema (Schreibe eine Geschichte mit dem Anfang „Der Regen fiel in Strömen auf sie herab, nun …“) geschrieben, da ich im Juli auf ein anderes Thema umschwenken musste, habe ich mich auf das mit den fünf einzubauenden Wörtern konzentriert.

Herausgekommen ist ein Kurzroman mit dem Titel „Als der Regen kam“ –   Kapitel 1Party of seven  +++ Kapitel 2 Barbecue on the rocks  +++ Kapitel 3Easy Rider   +++  Kapitel 4 Zeter und Mordio   +++ Kapitel 5Music for the masses

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Die Schreibthemen im Juli lauteten: 1) Du gerätst über eine Zeitmaschine ins alte Ägypten, erzähle von diesem Abenteuer. +++ 2) Emma ist gerade in ein neues Haus gezogen, als sie dort den Wandschrank öffnet weht ihr ein kühler Wind entgegen, sie tritt hindurch und ist in einer anderen Welt… (Erzähle die Geschichte weiter) +++ 3) Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Hund, Badeanzug, rosarot, gehüpft, Eiscreme. +++ 4) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz “Kurt war zum Mörder geboren, könnte man meinen, wenn da nicht…” beginnt. +++ 5) Berichte aus dem Alltag von Simon – ein kleiner bunter Spatz, mit Pilotenbrille und einem mutigen und grossen Herzen.

Und hier sind die Regeln dazu: Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte/ein Gedicht/ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.

„Broken Strings“ : Chapter 41 – Change keeps us moving on

 

Was bringt jemanden dazu, seinen Platz am Mikrofon gegen eine wenig glamouröse Rolle hinter den Kulissen einzutauschen? Mit dieser Frage konnte ich unmöglich alleine dastehen. Aber ich spürte, dass ich dieses Thema besser nicht anschnitt. Bei keinem aus der Band.

War Mikes Vorgängerin nicht klar gewesen, dass man sich sehr oft zweimal oder noch öfter im Leben begegnet, nachdem sie damals alles hingeworfen hatte? Dass Lee für ein Plattenlabel als zukünftiger Kontakt nun ihren ehemaligen Kollegen gegenüber stand, sollten diese wirklich bei dem Label unterschreiben – diese Überraschung hatte eingeschlagen wie eine Bombe. Dass sie sich auf den Deal einlassen würden, war zu erwarten, denn CeCes Angebot war einfach zu verlockend.

Vor allem für Brian, der so langsam ahnte, dass es für ihn nur eine Frage der Zeit war, bis er an seine Grenzen stieß, wenn er seine Leute selbst managte. Er verfügte zwar über eine Menge Kontakte, aber mit den richtigen Leuten im Rücken würde sich ihr Radius enorm vergrößern. Was für ein Karriereschub!

Hinzu kam außerdem noch, dass ihm nach und nach bewusst geworden war, wie gerne er früher selbst Bassgitarre gespielt hatte und wie sehr ihm die gemeinsamen Sessions fehlten, auch wenn er dies anfangs nicht hatte wahrhaben wollen. Mit Danny an der Gitarre und Mark am Bass waren sie bisher gar nicht so schlecht gefahren, aber wenn er ehrlich zu sich selbst war, so hatten ihm die Songs, die sein Bruder vor der Umbesetzung geschrieben hatte, deutlich besser gefallen.

Kein Wunder, dass der Anteil gecoverter Songs in ihren Shows immer noch so hoch war. Vielleicht war der Wechsel zu diesem Label genau die Veränderung, die sie brauchten. Er konnte sich wieder der Musik widmen und Mark dem Schreiben von Songs. Wieder und wieder hatte er den Vertrag studiert und keine Fallstricke darin finden können; und auch stundenlange Diskussionen mit seinen Jungs änderten an der Erkenntnis nichts, dass es nur einen Haken daran gab: In Zukunft würden sie Lee vor der Nase haben.

Natürlich lautete das einstimmige Urteil „accept and sign“, denn sie fanden an dem relativ überschaubar gehaltenen Vertragswerk nichts auszusetzen, und dass sie ihre Tournee wie geplant beendeten, stellte dabei kein Problem dar: Viele Konzerte waren es ohnehin nicht mehr. Eine Handvoll, mehr nicht, und sie fanden in kleineren Städten entlang der Route nach Craigellachie statt.

Zum Abschluss waren sie nachmittags bei einem kleinen Sender in der Nähe von Vancouver zu Gast, gefolgt von einem zweistündigen Konzert am Abend des selben Tages.

Was tut man nicht alles für seine Leute, dachte ich, auch wenn dazu gehört, dass man hunderte von Kilometern hin und her fährt und es unter neuer Flagge im Anschluss daran direkt weitergeht?

CeCe schien keine Zeit verlieren zu wollen. Mit weiteren Auftritten bei verschiedenen Radiosendern, Konzerten rund um Vancouver und einem kurzen Auftritt in den Pausen bei einem Eishockeyspiel der Junioren der BCHL war der Terminkalender im Nu gut gefüllt. Ihrer Meinung nach bedeutete Ausruhen Stillstand, und Stillstand war keine Option. Change keeps us moving on?

Ein Motto, bei dem ich mir sicher war, es früher schon einmal gehört zu haben, von dem ich aber nicht mehr wusste, wo – es war an sich bestimmt nicht verkehrt, aber ich bezweifelte, dass damit endloses Pendeln gemeint war. Pendeln hatte ich noch nie gemocht, und dass mir das erspart bleiben würde, war das einzig Gute, das ich meiner bevorstehenden Abreise abgewinnen konnte.

Wie praktisch, dass der letzte Auftritt von OxyGen, den ich noch erleben würde, auf einen Samstag fallen würde. Am Zwanzigsten hieß es Abschied nehmen, und dann würde auch schon alles hinter mir liegen. Flüge an einem Sonntag waren günstiger, hatte ich mir sagen lassen, und wozu den Abschied noch länger hinauszögern als nötig? Bedauerlicherweise würde ich das Spiel der Grizzlies gegen die Eagles, das für den 26. Oktober angesetzt war, nicht mehr erleben. Aber das war mein kleinstes Problem.

♪♫ ♪ All your plans are made now. Just like they told you. So what becomes of Monday now that Sunday’s gone ♪♫ ♪

Die Musik kreischend laut, die Worte blanker Hohn: in meinem verkaterten Zustand versuchte ich verzweifelt, die aufsteigende Übelkeit zu bekämpfen. Ein sinnloses Unterfangen bei den Kopfschmerzen, die direkt aus der Hölle auf mich losgelassen worden waren. Am liebsten hätte ich dieses elende Radio zertrümmert.

Aber Sachbeschädigung an Hoteleigentum würde mir auch keine Linderung verschaffen und war daher keine Lösung. Ich hatte so weiche Knie, dass ich nicht einmal aufstehen und nach einem Alka Seltzer fragen konnte. Kalter Schweiß stand mir auf der Stirn.

Wie ich es geschafft hatte, mir mit einem Becher Kaffee den Weg zu einem der Tische zu bahnen, war mir ein Rätsel, für das mir keine Lösung einfiel. Und näher darüber nachzudenken, lohnte sich nicht, sondern würde die durch zu viel Hochprozentiges verursachte Misere nur auf die nächste Spitze treiben.

Triangle – der Tod kommt in Wellen: Auch wenn es eigentlich „Die Angst kommt in Wellen“ hieß – genau so fühlte ich mich, derweil die nicht abzustellende Sinfonie für einen Presslufthammer und zwei Kreissägen aus dem Radio des Grauens die nächste Woge herantrug.

Erleichterung war nicht in Sicht. Warum nur hatte ich mich dazu hinreißen lassen, bei der Feier zum gelungenen Abschluss so über die Stränge zu schlagen? Wer auch immer auf die zweifelhafte Idee gekommen war, eine Runde Shots zu ordern und dann noch eine und noch eine und noch eine, hatte die Rechnung nicht mit mir gemacht, denn bei dem Trinkspiel hatte ich mich auf die eher nicht so clevere Strategie verlegt, mich absichtlich dumm zu stellen, damit ich bei jeder falschen Antwort dem Nachbarn zu meiner Linken zuvor kam.

Jetzt, wo Sue wieder ein Team mit Madlyn bildete und es bei der Elektrik für mich nicht wirklich viel zu tun gab, war ich wieder an dem Platz gelandet, an den mich Brian vor Sues Erkrankung hatte stellen wollen. Korrektur: gestellt hatte. Attention please, here comes Andrea McAllister, the Super Nanny for…

Push. The. Button. Statisches Rauschen, dann wurde an den Knöpfen herumgefummelt, und die höllenartige Lautstärke auf ein erträgliches Minimum reduziert. Schritte kamen näher, und als nächstes schoben sich zwei Sprudeltabletten und ein Glas Wasser in mein Blickfeld, gefolgt von einem Tütchen mit Zitronensaft: Brians Rosskur, die sich schon einmal bewährt hatte.

Nur war diesmal Mike der Sanitäter. Allein schon der Gedanke an Brians Allheilmittel brachte mich an den Rand des erneuten Erbrechens. Heute morgen kam nicht nur die Übelkeit in Wellen, sondern auch die Erinnerung. Wer nachts den Porzellangott anbetet, muss sich am folgenden Morgen nicht über schmerzende Zähne und über einen unberührten Kaffeebecher wundern.

Egal, was ich zu mir nahm, mein angegriffener Zahnschmelz funkte bei jeder Berührung ein Alarmsignal an mein Gehirn, gefolgt von Lichtblitzen so hell wie das Stroboskoplicht in dem Club, in den wir nach dem Konzert in der vergangenen Nacht noch eingefallen waren. Oh Lord, schwor ich mir, feiern wirst Du so schnell nicht mehr! Jedenfalls nicht so.

Wusste ich doch, dass ich Dich hier finde, Süße“, sprach Mike mit ruhiger Stimme und schwang sich neben mich auf die Bank, dann drückte er mir das Glas mit der sprudelnden Flüssigkeit in die Hand.

Wie fürsorglich von ihm, die Tabletten hineinzuwerfen, denn ich war offenbar ja nicht in der Lage dazu, so gelähmt, wie ich als Häufchen Elend über dem Tisch hing. „So schnell, wie Du heute morgen verschwunden bist, hab ich mir so was schon gedacht.“

Gut beobachtet und kombiniert, aber dass er so früh wach war, fand ich ungewöhnlich. Normalerweise schlief er bis in die Puppen, und nach dieser Party hätte ich das erst recht erwartet. Es tat mir leid, dass meine Geräusche ihn wahrscheinlich aus dem Schlaf gerissen hatten, als ich mir im Badezimmer Erleichterung verschafft hatte, und danach war ich hellwach und nicht in der Lage gewesen, wieder einzuschlafen. Dazu hatte in mir alles viel zu laut nach frischer Luft und starkem Kaffee geschrien.

Mich hier zu vermuten, dazu brauchte es keine Fähigkeiten eines Sherlock Holmes. Dass mir Zahnschmerzen nun einen Strich durch die Rechnung machten und mich das aus dem Becher emporsteigende Aroma regelrecht anwiderte, konnte jedoch niemand wissen. Dass Mike dies trotzdem ahnte, sprach für ihn und seine Menschenkenntnis.

„Au weia, Dich hat es ja ganz schön erwischt“, bedauerte er mich, als er sah, welche Grimassen ich zog. Aber das sprudelnde Gesöff sollte ja auch nicht schmecken, sondern helfen. „Aber welchen Tag wir heute haben, weißt Du schon noch.“

Alkohol tötet zwar Gehirnzellen, aber nicht so viele, dass mich meine Erinnerung im Stich ließ: „Ja, Sweetheart, den Dreizehnten.“

Dass er sich für mich anfühlte wie ein Freitag und nicht wie ein Sonntag, musste ich ihm gegenüber nicht extra betonen, und ich hatte keine Ahnung, wie ich den Tag in diesem Zustand überstehen sollte: mit einem Kater der übelsten Sorte

Cat content not approved; and when you wake up with a hangover it is not clever to go on with the same drinks you had the night before… stöhn! Und schon gar nicht, wenn Du heute Abend noch einmal auf die Bühne musst, denn schließlich hat morgen ganz Kanada wegen des Feiertags auch noch frei, und da könnt Ihr heute noch einmal so richtig aufdrehen.

Beste Voraussetzung, das Erntedankfest angemessen zu feiern, nur war mir danach überhaupt nicht.

Ja, und ab jetzt läuft der Countdown“, ließ Mike fallen. – Gut gemacht, Darling, Vive la France! Musste er mir ausgerechnet jetzt unter die Nase reiben, dass uns so langsam die Zeit davonlief? „Mittwoch spielen wir in Craigellachie, und am Wochenende sind wir zurück in Vancouver.“

Vielen Dank für die Aufzählung Eures Tourneeplans: Wie schön, dass ich ihn nun endlich auswendig konnte. Nur, was nützte mir das jetzt noch?

Wie gesagt, ab jetzt läuft der Countdown. Aber vielleicht müsste er das gar nicht…“

Ach… nicht? Was sollte das denn jetzt? Doch noch bevor ich ihn das fragen konnte, stand er auf und verließ den Frühstücksraum. Wirklich super, Mr. Mitchell! Erst kryptische Äußerungen und mir falsche Hoffnungen machen, und dann still und leise verschwinden – wie ich das liebte! Es gab Tage, da hätte ich am liebsten…

MM: ♪♫ ♪♫ ♪♫ Live baby live …. ♫ ♪♫ ♪♫ ♪ – „Listen to this, Baby! Why dont‘ you …. youtube.com/watch?v=P2BJUGJR5fw“.

Entgeistert starrte ich auf das Standbild mit einem altmodischen Plattencover. Das Lied kannte ich doch aus „Dirty Dancing“! Why don’t you stay just a little bit longer – was wollte er mir damit sagen? Bedeutete das wirklich, dass…

Am liebsten hätte ich „Should I stay or should I go“ zurückgefunkt und war bereits im Begriff, nach dem entsprechenden Link auf youtube zu suchen, da kam er auch schon wieder zurück, dicht gefolgt von Brian, der sich mit einem großen Pott Kaffee zu uns an den Tisch setzte, um mir in aller Ruhe einen Ausweg aus meinem Dilemma zu zeigen. Was immer ihm Mike erzählt haben mochte – plötzlich war alles ganz einfach.

Ich habe mich erkundigt – es gäbe da tatsächlich eine Möglichkeit“, begann er. „Alles, was dazu nötig ist, sind ein paar Formulare, und schon könntest Du Deinen Aufenthalt hier ohne weiteres verlängern.“

Wenn das mal nicht zu einfach klang, und vor allem so verlockend: Ich hätte nur noch Touristenstatus, was bedeutete, dass ich keiner bezahlten Arbeit nachgehen durfte. Wow, was für ein Einfall! Sollte das wirklich die Lösung sein? Zweifelnd sah ich ihn an, und ich fragte mich zum einen, wann er darauf gekommen war und außerdem, wo der Haken an seinem durchdachten Plan war.

Mike war natürlich sofort Feuer und Flamme und ließ mir vor lauter Begeisterung gar keine Zeit zum Nachdenken, so erwartungsvoll, wie er mich ansah: „Sprachlos, Süße? Ist doch eine super Idee!“

Fehlte nur noch, dass er damit herausrückte, dass er das von Anfang an im Sinn gehabt hatte, der Heuchler. Von wegen, Du lässt mich in dem Glauben, dass Brian ganz von alleine darauf gekommen ist.

„Füll einfach so ein ETA-Dingens aus, oder wie das heißt – und du reist privat mit uns mit… “ – Mit uns? Du meinst wohl ‚mit Dir‘? Ganz so naiv, wie Du glaubst, bin ich dann doch nicht. – „… und zwar als meine Begleitung. Work & Travel war gestern. Ab jetzt genießt Du das süße Leben.“

Work & Travel war gestern… Das klingt doch stark nach ’21st Century’s yesterday’… Das süße Leben? Na klar, meldete sich meine innere Stimme, als ob ich nicht wüsste, dass Du Dir diese Chance nicht entgehen lässt, unsere Beziehung endlich offiziell zu machen, damit es auch der Dümmste kapiert… Steckte am Ende vielleicht genau das hinter „Brians“ Vorschlag?

Good-Bye Work & Travel – Hallo Süßes Leben?“ nahm ich beide ins Visier. „Netter Versuch, Leute – aber jetzt mal im Ernst. Denkt Ihr wirklich, dass mir das auch nur ein Mensch glaubt? Im Winter. Bei Minus 40 Grad. Ganz ehrlich: Welcher Touri tut sich freiwillig diese Hölle aus Eis und Schnee an?“

Doch Brian blieb hartnäckig: „Hölle aus Eis und Schnee… Soll ich Dir mal was sagen? Wenn Du nur überzeugend genug auftrittst, glaubt man Dir alles. Und wenn jemand mit frostigen Temperaturen kein Problem hat, dann doch wohl Du.“

Guter Punkt, einen Winter hatte ich bereits überstanden, da war der kommende doch geradezu ein Klacks. Das war das Stichwort für Mike, der sich nicht zurückhalten konnte und unbedingt noch einen draufsetzen musste.

„Und wenn’s dir zu kalt wird, wüsste ich eine Möglichkeit, Dich zu wärmen…“ Unverschämtes Zwinkern – da hatte wohl jemand Oberwasser. Doch der Witz lief ins Leere, zumindest bei seinem Kollegen.

Der räusperte sich vernehmlich, denn er liebte es gar nicht, wenn ihm jemand mit unpassenden oder gar anzüglichen Bemerkungen die Schau stahl.

„Ha ha, sehr witzig, Mitchell“, fiel er ihm ins Wort. „aber Dein Typ ist zur Abwechslung mal nicht gefragt.“

Spätestens jetzt wünschte er sich bestimmt, dass er lieber mit mir unter vier Augen gesprochen hätte. Und nun erwartete er von mir eine Antwort, doch ich stand noch immer etwas neben mir, obwohl ich nach dieser Ankündigung schlagartig nüchtern geworden war.

Was soll ich sagen?“ Ich war sprachlos.

Sag am besten jetzt erst mal gar nichts und komm nachher bei mir vorbei, wenn Du wieder fit bist.“ lautete seine Antwort.

Puh, da hatte ich nochmal Glück gehabt, denn in diesem Moment hätte ich garantiert das Falsche gesagt. Und damit stand er auf und schob Mike, der am liebsten an meiner Seite geblieben wäre, in den Gang. Was war ich froh, dass er so viel Taktgefühl besaß, mir meinen Liebsten vom Hals zu halten. Es gab Entscheidungen, die man am besten nicht aus dem Bauch heraus traf, sondern nach gründlichem Nachdenken.

Und das konnte ich immer noch am besten, wenn ich erstens komplett nüchtern und zweitens alleine war und niemand an mir klebte. Einfach war das nicht, denn wenn sich irgendwo eine Tür öffnet, die einem das Bleiben ermöglicht – wer würde da nicht hindurch gehen? Eine solche Tür hatte sich gerade für mich aufgetan, und allein schon der Gedanke, dass die bevorstehende Trennung im letzten Augenblick doch noch abgewendet werden konnte, ließ mein Herz vor Aufregung höher schlagen.

Ach ja, die Liebe… Andererseits hieß es, dass man gehen soll, wenn es am schönsten ist, und die Pessimistin in mir musste auch noch ihren Senf dazu geben: Ja, mach nur. Geh zu Brian und füll mit ihm die Formulare aus. Gratulation! Schön, Du hast ein paar Monate Zeit gewonnen. Und dann?

Heute weiß ich, dass man gehen soll, bevor es schlimmer wird und ich besser auf die Pessimistin und nicht die Traumtänzerin gehört hätte, denn wenn das Chaos regiert, kommt das böse Erwachen dann, wenn niemand damit gerechnet hat.

Dienstags-Gedudel #27 : Zu Gast in der Welt des Sports – Teil 6

 

Madonna verfolgt mich.

Gerade bin ich dabei, meiner Monatsrückschau für gesehene Filme den letzten Schliff zu verpassen und habe mir mit „Express yourself“ einen echten Ohrwurm eingehandelt – und „Ray of Light“ höre ich neuerdings schon nachts im Traum. My stars!

Da sich mein heutiger Beitrag zum nicht abwertend gemeinten „Dienstagsgedudel“ mit Sport im weitesten Sinne beschäftigt (https://youtu.be/EDwb9jOVRtU), gibt es heute nicht „Express Yourself“, sondern „Hung up“ mit einem kultur- und generationsübergreifenden Remix:

Das kommt dabei heraus, wenn Aerobic, Parcouring und HipHop-Tanzen aufeinander treffen und ABBAs Hit „Gimme Gimme Gimme“ verwurstet wird.

Madonna als Vorturnerin? Nächstes Mal dann doch lieber nochmal Express Yourself. Aber nicht bei dieser schönen Aktion von nellindreams.

Media Monday # 474 : Nebenjob Kammerjäger

Schön ist das nicht. Ich habe zwar gejammert, dass es hier so still ist und ich so viel alleine bin, seit ich im Home Office arbeite. Trotzdem habe ich nicht die Lebensmittelmotten gemeint, als ich mir Gesellschaft in der Küche gewünscht habe. Äh, nein – plötzlich ist der Schrank so leer und die Vorräte dezimiert. Und der Appetit ist mir vergangen. Schau’n wir mal, was der Media Monday so bringt. Vielleicht sind ja diesmal brauchbare Küchentips dabei.

 

Media Monday # 474

 

1. Kennt ihr eigentlich eure nähere Umgebung? Weil für mich ein Urlaub mit ständigem Tragen einer Maske vorm Gesicht bei 30°C unvorstellbar ist und mein Urlaub dieses Jahr sich vorwiegend in der Heimat abspielt, habe ich mit dem Planen von Entdeckungsreisen begonnen. Am Samstag war der Hessenpark in Neu-Anspach (Taunus) dran – vielleicht widme ich mich demnächst mal dem Besinnungsweg bei Freigericht-Somborn, wobei 24 km auch erst mal erwandert sein wollen.

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2. Die Begeisterung für die Musik meiner Lieblingsband könnte ich im Homeoffice theoretisch ungehemmt ausleben, wenn da nicht die Tatsache wäre, dass ich mich konzentrieren muss und keine Ablenkung gebrauchen kann – auch nicht durch Musik im Hintergrund. Ja, im Moment ist es zu Hause ziemlich still und außerdem Jammern auf hohem Niveau. Ich könnte die Musik ja auch leise laufen lassen.

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3. Was ich mittlerweile ja durchaus sehr zu schätzen weiß, ist eine aufgeräumte Küche, schon allein weil ich mich darin mindestens acht Stunden pro Tag aufhalte.

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4. Hauptgrund – meiner Meinung –, dass so viele Adaptionen zum Scheitern verurteilt sind, ist das Hinzudichten von Handlungsfäden, die es im Buch so nie geben würde, oder das komplette Verbiegen der eigentlichen Handlung. Am übelsten ist mir das beim Ende der „Unendlichen Geschichte“ aufgestoßen: Da wurde die komplette zweite Hälfte unterschlagen und Fuchur, dessen Filmgestalt überhaupt nicht mein Fall ist, auf die Menschheit im realen Leben losgelassen. Und die Romanze zwischen Zwerg Kili und Elbin Tauriel in „Der Hobbit“ war für einige Zuschauer bestimmt eine nette Zugabe, war aber für die Handlung m.E. nicht nötig. Blöderweise waren beide Filme an den Kinokassen recht erfolgreich – das Scheitern ist also nur auf meinen persönlichen Geschmack bezogen.

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5. Ein wirklich originelles Setting, wenn nicht gar „Worldbuilding“, hat für mich der Film „The Artist“, obwohl die meiste Zeit kein Wort darin gesprochen wird, aber wie der Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm am Ende doch noch funktioniert, war für mich „ganz großes Kino“. Selbst der Vorspann des Films erinnert sehr an die Filme der frühen 30er Jahre.

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6. Geht es um Spiele jedweder Art, kann ein schlechter Verlierer schon ein ziemlicher Stimmungstöter sein, denn wenn jedesmal das große Drama angesichts einer Pechsträhne für einen solchen Menschen droht und andere Mitspieler ihn oder sie gewinnen lassen, vergeht mir die Lust an solchen Spielerunden.

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7. Zuletzt habe ich mit meiner besten Freundin einen Ausflug in den Taunus unternommen, und das war ein richtig schöner Tag, und nicht nur weil ich ihr mal ein paar Ecken zeigen konnte, die sie noch nicht kannte, sondern weil wir zum ersten Mal gemeinsam essen waren, auch wenn das mit dem Hinterlassen der Adressdaten noch etwas ungewohnt für mich war. Wenn demnächst das Telefon nicht klingelt, weiß ich, dass alles glattgegangen ist und keiner an dem Tag coronaverdächtig war.

„Broken Strings“ : Chapter 40 – Sonderprogramm

 

Mach Dir keine Sorgen. Das kriegen wir hin.“

Wie gerne hätte ich Marks Optimismus geteilt, aber vor lauter Lampenfieber und Nervosität wurde mir immer schlechter, je näher unsere Sondervorstellung kam. Im Prinzip hatte er zwar recht. Was sollte auch schon passieren, wo doch den größten Teil die Band stemmte, vor allem er und Danny.

Da Celia Crawford eine Vorliebe für folkig-rockige Klänge mit einer Prise Punk und neuerdings auch Wave hatte, und somit eine Schwäche für Bands wie die Pogues oder die Dropkick Murphys, würde das Instrumentalstück „Highland Cathedral“ bestimmt super bei ihr ankommen.

‚Der Oberknaller‘, hätte Jenny jetzt gesagt. Aber die war nicht hier, um mir das Händchen zu halten. Dabei hätte ich gerade jetzt jemand Unbeteiligtes gebraucht. Jemand, der verstand, wie gespalten ich zu unserem geplanten Duett stand. Ich kam mir vor wie bei ‚Canada’s got talent‘, und wenn wir es versiebten, dann sprang der Buzzer viermal an – vier Kreuze in rot, der Knock Out. Und da würde es keine Rolle spielen, ob das Duett „Shallow“ hieß oder „Creep“.

Mark hat recht“, versuchte Mike, mich zu beruhigen, „denk einfach an diesen einen Tag, als Du ganz alleine da oben gestanden hast und ich dazu gekommen bin.“

Welche Szene er meinte, wusste ich genau. Wie von selbst waren die Töne an diesem Tag aus uns heraus geflossen. Nur war das damals eine Probe ohne Zuschauer gewesen und die Idee dazu aus einer Laune heraus entstanden – und mit dem, was vor uns lag, nicht zu vergleichen. Außerdem konnte man spontane Eingebungen nicht wiederholen, ohne dass dabei Murks herauskam. Und wenn sie doch recht hatten?

An der Tatsache, dass wir zusammen am Mikrofon stehen würden, änderte sich im Grunde nichts, nur an der Anzahl der Leute um uns herum.

„Achte nicht auf sie. Auf nichts und niemanden. Außer auf mich.“

Ja, Andrea, ergänzte ich in Gedanken, in der Hoffnung, dass sich meine Aufregung dadurch etwas legte, Du weißt, was Du kannst, also achte darauf, dass Du Deinen Einsatz nicht verpasst. Und dann sieh nur Deinen Partner an und vergiss alles um Dich herum. Egal, wer da sitzt.

Und wenn etwas schief ging? – Egal. Na ja, ganz egal vielleicht nicht, aber Du bist nicht alleine Schuld, wenn dieser Nachmittag eine Pleite wird.

Stimmt. Um mich herum gab es genügend Profis, die wussten, was sie taten. Oder es zumindest wissen sollten.

Ein Saal, in den locker ein Sinfonieorchester hinein gepasst hätte, doch hier befanden wir uns nicht auf dem Gelände eines lokalen Radiosenders, sondern auf dem weitläufigen Areal einer bedeutenden Tageszeitung, bei der kulturelle Veranstaltungen kein Nischendasein fristeten. Sogenannte Meet & Greets hatte es hier schon viele gegeben, und ich wollte gar nicht wissen, wer im Lauf der Jahre dabei schon zu Gast gewesen war. Celine Dion, Avril Lavigne, Nickelback, Alanis Morrissette, von den unzähligen Nachwuchstalenten einmal abgesehen… natürlich fand sich immer jemand, der einem von den glorreichen Zeiten der Vergangenheit vorschwärmte, aber das war das letzte, was ich hören wollte.

Viel mehr interessierte mich, wie die Show ablaufen sollte. Brighter than a thousand suns? Ein hell erleuchteter Saal konnte es ja wohl auch nicht sein, aber Bedingungen, wie bei den letzten unserer Shows würde es genauso wenig geben. Es ging kein Weg daran vorbei: Das sehr kleine Publikum, das aus höchstens hundert Personen bestand, hätte einen hervorragenden Blick auf mich, und ich auf das Publikum. Tausend Tode würde ich sterben.

Und als ich schon durchzudrehen glaubte, erklangen aus dem Hintergrund die ersten Akkorde eines Klaviers, die unsere Coverversion im Stil der Vierziger Jahre einleiteten. Die Version, an der ich mich bei unserer Probe versucht und in die Mike nach dem Refrain eingestiegen war. Und obwohl wir nicht abgesprochen hatten, dass außer unseren Stimmen nur Pianoklänge zu hören sein würden, erreichte diese diese Änderung das, was mir den ganzen Tag über nicht gelungen war. Mein Puls verlangsamte sich, und wie ein Mantra kehrten Mikes Worte vom Vormittag zu mir zurück.

Achte nicht auf sie. Auf nichts und niemanden. Außer auf mich.

Die Wirkung war verblüffend: Wie aufs Stichwort fiel die Nervosität von mir ab, als ob ein Igor den entscheidenden Schalter umgelegt hätte. Von der vielköpfigen Menge in meinem Blickfeld wendete ich mich ab und dafür meinem Gesangspartner zu, der auf meinen Einsatz wartete. Achte auf nichts und niemanden. Außer auf mich…

♪♫ ♪ When you were here before, Couldn’t look you in the eye, You’re just like an angel, Your skin makes me cry. You float like a feather, In a beautiful world… ♪♫ ♪

Den Text kannte ich im Schlaf und hätte ihn mit geschlossenen Augen singen können. Dennoch widerstand ich der Versuchung. Und schaute ihm, wie vor unserem gemeinsamen Auftritt besprochen, direkt in die Augen, als er bei der nächsten Strophe an die Reihe kam.

♫ ♪ ♫ … I don’t care if it hurts, I want to have control, I want a perfect body, I want a perfect soul … ♫ ♪ ♫

What the hell are we doing here? Ein bißchen spät, sich das zu fragen, wo es doch nur eine Antwort geben konnte: Die Herausforderung zu meistern und die Leute, auf die es heute ankam, zu überzeugen.

But I’m a creep, I’m a weirdo. What the hell am I doing here? I don’t belong here…

John hatte schon nach der Hälfte des Satzes aufgehört zu spielen, nun waren es nur noch unsere Stimmen, die verhallten und auf Stille trafen. Eine sekundenlange Stille, die mir endlos vorkam. Vergeigt. Mist. Das hatten wir anscheinend schon besser drauf gehabt – nur zu verständlich, wenn jetzt die Special Guests das Weite suchten. Gut, dass jemand ein Einsehen hatte und das Licht hier vorne dimmte. So war die Blamage nicht ganz so groß.

Dafür aber das Déjà-vu, als mir Mike das Mikrofon aus der Hand nehmen und mich an sich ziehen wollte. Glaub mir, Baby, Du gehörst absolut hierher? – Träum schön weiter, und dann…

Donnernder Applaus! Entgeistert ließ ich das Mikrofon fallen und blickte mich fassungslos um. So totenstill, wie es eben noch gewesen war, hatte ich fest damit gerechnet, ausgebuht zu werden, und jetzt das?!

Kneif mich, sonst glaub ich’s nicht“, stieß ich Mike an, der mein Mikrofon gerade noch aufgefangen hatte, bevor es zu Boden gehen und ein unschönes Geräusch produzieren konnte.

Ich hab‘ sogar eine noch bessere Idee, funkelten seine Augen zurück, und er nahm mich in seine Arme, um mich lange und heftig zu küssen. Sehr lange. Und sehr heftig. Auch eine Methode, jemanden in die Realität zurück zu holen, wenn Kneifen flachfällt, weil die betreffende Person schon genügend Schrammen und blaue Flecke hat.  

Diesen Bann zu brechen, erfordert eine ungeheure Energiemenge – für die einen liefert die ein Kuss vor über hundert Leuten, für die anderen begeistertes Klatschen und Standing Ovations von genau diesen hundert Leuten.

Besser?“

Dass er mich das fragte, noch dazu mit einem unverschämten Grinsen! ‚Besser‘ war eindeutig der falsche Ausdruck – Erleichterung traf es eher. Doch die währte nicht sehr lange. Das Konzert war nämlich hiermit beendet, was übrigens auch für die Möglichkeit galt, sich zurückziehen zu können.

Aber das war mir bereits in genau der Sekunde klar geworden, als die ersten zu applaudieren begannen. Ich konnte mir natürlich einreden, dass der Beifall nicht mir persönlich galt, sondern dem Gesamtkonzept, das änderte aber nichts daran, dass ich in das Meet & Greet einbezogen wurde, und das passte mir gar nicht.

Jetzt aber einfach unterzutauchen, konnte ich aber auch nicht bringen. Dazu steckte ich viel zu tief drin. Wie heißt es doch so treffend? Mitgefangen, mitgehangen.

Das wird schon,“ flüsterte mir Mike aufmunternd zu. „Du hast Dich während unseres Duetts wacker geschlagen, da überstehst Du den Rest des Abends auch noch. Außerdem waren wir doch gar nicht so übel.“

Das fand auch Celia Crawford, die wir CeCe nennen sollten. Nach dem Misserfolg mit Brandon Cole war ich vorsichtig geworden. Es ging zwar nicht um mich, aber wer wusste schon so genau, was Leute im Schilde führten, die mit jedem gleich per Du waren und persönliche Spitznamen oder Abkürzungen nur zu freigiebig verteilten.

Womöglich war ich hoffnungslos hinterm Mond, und das war in dieser Branche so üblich. Unsicher, wie ich die ganze Situation einschätzen sollte, beschloss ich, mich lieber abseits zu halten und gar nichts zu sagen oder wenigstens nichts dummes.

Zur Not konnte ich mich immer noch in meinen buntgestreiftes Monster von einem Schal wickeln und Stimmprobleme vortäuschen. Aber das war nicht nötig.

Mit Eurer Version von der Highland Cathedral könntet Ihr direkt Runrig Konkurrenz machen!“ strahlte CeCe und zückte ihre Karte. „Meine Assistentin hat mir nicht zu viel versprochen. Das war echt top!“

Man sollte niemals die Assistentin unterschätzen, dachte ich. Besonders die nicht, die über sämtliche Schritte der Konkurrenz bestens orientiert war und nun die Chance für ihr Label gekommen sah, weil sie bereits geahnt hatte, dass Mr. Coles Plan gar nicht gut bei Brian und seinen Kollegen ankommen würde.

Sich nur die Kirsche von der Sahnehaube zu picken, geht gar nicht“, fuhr sie fort. „Bei mir gibt’s nur eins: Entweder Euch alle zusammen oder keinen von Euch. Ganz oder gar nicht. Wir sind zwar nicht so groß wie VC Star Records und können Euch nicht den Mega-Deal anbieten. Aber wir stehen voll und ganz hinter unseren Leuten und können Euch mit unseren Connections weiter bringen.“

Ich grübelte noch darüber nach, wie das mit den Connections gemeint war, da setzte sie noch einen oben drauf. „Und vor allem geht uns das dämliche Motto ‚Sex Sells‘ am Allerwertesten vorbei, das gewisse Leute ja ganz groß schreiben.“

Aha, ein Seitenhieb auf den schmierigen Konkurrenten, der zum Glück kein Thema mehr war. War ich zu Beginn noch skeptisch gewesen, wurde mir diese Frau immer sympathischer. Viel verstand ich ja nicht von dem Smalltalk, den sie mit Brian und dem Rest der Band wechselte, aber wenn ich nicht völlig danebenlag, hatten wir dieses Zusammentreffen im Prinzip Lindsay Cooper zu verdanken, die am anderen Ende dieser Kette von Kontakten saß.

Frauen müssen zusammenhalten?

Der Gedanke war gar nicht so abwegig. Anscheinend war der Anteil Frauen, die bei Spirit Chase Records etwas zu sagen hatten, höher als anderswo in dieser Branche.

War nett, Euch kennenzulernen. Also, Jungs, Ihr wisst jetzt, woran Ihr seid. Überlegt es Euch und meldet Euch in den nächsten Tagen. Meine Karte habt Ihr ja. Und alles weitere besprecht Ihr am besten mit meiner Assistentin.“

Aber à propos… wo steckte die überhaupt? Seit unserer Begegnung mit CeCe hatten wir sie nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen.

Ach, da hinten ist sie ja. Und wie immer schwer beschäftigt.“ CeCe winkte ihr quer durch den Raum zu.

Die Gesuchte winkte zurück und kam näher, das Smartphone am Ohr. Von weitem erinnerte sie mich an Pink, nur dass sie größer und schlanker war und dunkle Haare hatte. Und haufenweise Tattoos, mit denen sie der Sängerin locker Konkurrenz machen konnte. Was für eine Erscheinung, gegen die Pink im direkten Vergleich aus der Nähe betrachtet, optisch den Kürzeren zog.

Wow, war alles, was ich im ersten Moment dachte, als sie dann endlich vor uns stand. Hoffentlich gingen ihr die Herren nicht wegen ihres attraktiven Äußeren auf den Leim, ohne vorher die Vertragsbedingungen gründlich studiert zu haben. Wie war das nochmal mit dem dämlichen Motto ‚Sex Sells‘, das Euch am Allerwertesten vorbeigeht?

Ja, ja, wer’s glaubt, seufzte ich – jedenfalls schien sie genau Brians Typ zu sein, oder warum starrte er sie die ganze Zeit über mit offenem Mund an? Zu meiner Verwunderung verhielten sich die anderen genauso seltsam, mit Ausnahme von Mike. Er war der einzige, der nicht in plötzliche Schockstarre verfallen war.

Schön, dass wir Dich jetzt auch kennenlernen“, begrüßte er sie freundlich, „wo CeCe uns in den höchsten Tönen von Dir vorgeschwärmt hat“.

Okay, dieses Kompliment war vielleicht etwas dick aufgetragen, aber wenn die anderen nur Maulaffen feil hielten anstatt sich wie normale Menschen zu benehmen, musste ja einer den Anfang machen. Offensichtlich wirkte dieser Wink mit dem Zaunpfahl aber, denn jetzt war es CeCe, die das Gespräch wieder aufnahm, auch wenn für ihren Geschmack alles wesentliche längst gesagt worden war.

Ach ja, wie unhöflich von mir. Manchmal bin ich aber auch vergesslich. Also, Leute, darf ich Euch vorstellen? Meine Assistentin – Lee Channing.“

So sieht man sich wieder“, entfuhr es Ryan, der als erstes die Fassung wiedergewonnen hatte. „Ich glaube, die Vorstellungsrunde können wir abkürzen. Wir kennen uns bereits.“

Wie – Ryan und Lee kannten sich? Das waren wirklich interessante Neuigkeiten, aber noch steigerungsfähig.

Da muss ich Miller recht geben, CeCe. Wir kennen uns tatsächlich. Von früher.“

Das wurde ja immer besser. Aber groß schien seine Freude über das Wiedersehen nicht zu sein. Auch Danny und Mark hatten schon glücklicher ausgesehen.

„Tja, Lee, dass wir uns nochmal über den Weg laufen würden, hätte ich auch nie gedacht. Was für eine Überraschung!“

Offensichtlich keine angenehme, und dann machte es bei mir plötzlich Klick.

Bei Celia Crawfords Assistentin handelte es sich um die Lee: die ehemalige Sängerin von OxyGen, die vor dem großen Gig abgesprungen war, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Um jetzt wieder aufzutauchen.

# Writing Friday 2020 – Juli, 30. Woche : Die Konferenz

 

Damit ich auch wenigstens noch eine von den anderen Aufgaben in diesem Monat löse, reiche ich zusätzlich zum Finale meiner Phantasie- und Zeitreise noch einen einzelnen Beitrag zu später Stunde nach, und zwar zu diesem Thema des von elizzy geschaffenen #writing friday: 4) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz “Kurt war zum Mörder geboren, könnte man meinen, wenn da nicht…” beginnt.

Eigentlich ist das noch nicht mal eine richtige Geschichte – eher ein Fragment oder eine Momentaufnahme…

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Die Konferenz

Kurt war zum Mörder geboren, könnte man meinen, wenn da nicht sein Cousin Mario in einem unbedachten Augenblick geäußert hätte, dass Kurt Onkel Rudolf wie aus dem Gesicht geschnitten sei. Kindermund tut Wahrheit kund? Nun waren die Worte gesagt, und die Zweifel, wer wirklich Kurts Vater war, standen im Raum.

Irgendwie hatten sie es schon immer geahnt: In einer langen Reihe von Ahnen, die allesamt dieselben äußerlichen Merkmale aufwiesen, war der Junge nicht nur rein optisch aus der Art geschlagen. Je länger Tante Wally darüber nachdachte, desto mehr Ähnlichkeiten zu Rudolf, dem schwarzen Schaf der Familie, fielen ihr auf. Mimik, Gestik, seine Unlust das Handwerk zu erlernen, das seine Familie seit Generationen ausübte. Den schwarzen Peter hatte jetzt Kurts Mutter, die nicht wieder geheiratet hatte, seit sie verwitwet war. Gut, dass Robert, das nicht mehr miterleben musste, dankte Tante Wally ihrem Schöpfer.

Tante Wally war stolz auf ihren Stammbaum, der sich bis in die Renaissance zurück verfolgen ließ. Und jetzt gab es zum ersten Mal jemanden, der aus der Art geschlagen war und die Familientradition in Gefahr brachte. Eine Tradition, welche dafür sorgte, dass immer dank des Erstgeborenen die Gilde der Meuchelmörder weiterbestehen konnte. Es wurden ohnehin immer weniger – eine Entwicklung, die ihr gar nicht gefiel. Komische Zeiten waren das; entweder erledigten die Leute gleich selbst aus Geiz den Job, den eigentlich jemand wie ihr Sohn Robert, Gott hab ihn selig, ausgeübt hätte – oder die lästige Konkurrenz griff zu immer exotischeren Mitteln wie Polonium. Die alten Methoden dagegen wendete kaum noch jemand an. Höchste Zeit, den Familienrat einzuberufen.

Lucinda, würde wenig erfreut sein, aber als Kurts Mutter durfte man sie nicht übergehen. In Gedanken ging Wally noch einmal die Liste derer durch, die an der Konferenz teilnahmen: Karl Anton, Lucinda, Marcello, Sabrina, Michele und Franz Ferdinand. Aber sie mussten vorsichtig sein. Wenn Rudolf von dem Treffen Wind bekam, war alles vorbei. Womöglich schaltete er noch Interpol ein, was sie insgeheim jedoch nicht zu hoffen wagte. Aber zuzutrauen wäre es ihm, seufzte sie. Nun gut, man würde sehen.

Zur konspirativen Zusammenkunft in der Familiengruft waren alle pünktlich erschienen. Lucinda rümpfte zwar ob des Modergeruchs die Nase, aber auf solche Empfindlichkeiten konnte Wally nun wirklich keine Rücksicht nehmen – einen Tod mussten sie schließlich alle sterben, und sie waren hier auch nicht bei „Wünsch Dir was“, sondern hatten über die Zukunft zu entscheiden und wie es weitergehen sollte.

Als erstes mussten die erhitzten Gemüter besänftigt werden. Am liebsten hätte Marcello sofort Rudolf die Gurgel umgedreht und Michele seiner Schwester Lucinda die Daumenschrauben angelegt, damit die endlich die Wahrheit gestand. Aber dagegen legten Sabrina und Franz Ferdinand ihr Veto ein. Da konnte Michele noch so sehr toben, dass sich Sabrina gegen ihn stellte, aber ihre Meinung stand fest, dass Frauen zusammenhalten mussten – da konnte ihr Bruder noch so sehr versuchen, sie mit Tatsachen zu verwirren. Das Gezeter war beispiellos, und irgendwann reichte es Karl Anton. Er schlug mit der Faust auf den Sarkophag, dass der Putz von den Wänden sprang und endlich Ruhe einkehrte. Mit seinem Vorschlag, anstatt sich wilden Spekulationen hinzugeben einfach einen DNA-Test durchzuführen, hatte niemand gerechnet. DNA-Test? Auf so eine neumodische Idee konnte auch nur jemand aus der väterlichen Linie kommen. Doch am Ende sahen sie ein, dass sie gegen so viel Vernunft machtlos waren.

Blieb nur noch die Frage zu klären, wer nun die Tradition der Familie fortführen und an Stelle von Kurt in Roberts Fußstapfen treten würde, falls sich herausstellte, dass der kleine Kurt der Sohn Rudolfs war. Das war Wasser auf Sabrinas Mühlen, denn sie hatte schon seit langem so eine Ahnung gehabt, sich aber bisher kein Gehör verschaffen können. Zum Teufel mit der Tradition des Erstgeborenen, war ihre Reaktion – schließlich war sie auch noch da und hatte eine Tochter, die die idealen Anlagen für ein Leben in der Gilde mitbrachte.

Der Erstgeborene – es gab Zöpfe, für die es an der Zeit war, sie abzuschneiden. Die Zeit war reif für frischen Wind und Erneuerung.

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Die Schreibthemen im Juli lauten: 1) Du gerätst über eine Zeitmaschine ins alte Ägypten, erzähle von diesem Abenteuer. +++ 2) Emma ist gerade in ein neues Haus gezogen, als sie dort den Wandschrank öffnet weht ihr ein kühler Wind entgegen, sie tritt hindurch und ist in einer anderen Welt… (Erzähle die Geschichte weiter) +++ 3) Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Hund, Badeanzug, rosarot, gehüpft, Eiscreme. +++ 4) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz “Kurt war zum Mörder geboren, könnte man meinen, wenn da nicht…” beginnt. +++ 5) Berichte aus dem Alltag von Simon – ein kleiner bunter Spatz, mit Pilotenbrille und einem mutigen und grossen Herzen.

Und hier sind die Regeln dazu: Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte/ein Gedicht/ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.

# Writing Friday 2020 – Juli, 30. Woche : Nephthys – Teil 2

 

Wenn’s mal wieder länger dauert: Du gerätst über eine Zeitmaschine ins alte Ägypten, erzähle von diesem Abenteuer“ – so lautet eine der fünf Schreibaufgaben von elizzy für den #Writing Friday. Da ich noch nicht wusste, wie lang diese Reise wird, als ich mit dem Schreiben begonnen habe, gibt es nur eine Möglichkeit für mich: Ich splitte meine Reise ins alte Ägypten… Nach „Nephthys – Teil 1“ ist heute der zweite Teil dran, anstatt einer der beiden anderen Aufgaben.

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Nephthys – Teil 2

Diese Dekadenz! Aber ich halte mich bedeckt und verhalte mich am besten unauffällig, dann habe ich vielleicht noch eine Chance, von hier fort zu kommen. Unliebsame Zwischenfälle kann ich mir nicht leisten; von den schweren Platten mit den erlesenen Köstlichkeiten ist mir keine heruntergefallen – jetzt muss es nur noch mit der Getränkeversorgung klappen. Doch auf dem schwankenden Schiff nichts zu verschütten, ist gar nicht so einfach, und das flaue Gefühl in meinem Magen beim Blick auf die vorbeiziehenden Häuser macht mir diese Aufgabe nicht leichter.

Mehr Wein!

Ja, Meister, seufze ich, schrei nicht so, ich bin ja nicht taub. Unermüdlich für stetigen Nachschub zu sorgen, mag vielleicht bei anderen funktionieren, aber nicht bei mir, denn von den schweren Krügen werden mir langsam die Arme lahm und die Beine schwer. Da geschieht es. Ich stolpere und werde mit einem unfreundlichen „Dumme Gans“ grob wieder auf die Füße gerissen. Vor Schreck erstarre ich, aber nicht wegen des Sklaventreibers, dem ich in die Fänge geraten bin, sondern wegen Nephthys, die plötzlich an Deck erschienen ist. Jetzt weiß ich, warum mir in den letzten Stunden immer mulmiger geworden ist. Das waren nicht mehrere Standbilder von derselben Gottheit – es ist die gleiche Gottheit, in Stein gehauen, und sie ist lebendig. Jetzt bloß nicht blinzeln…

Zu spät. An Deck bricht die Hölle los. Das von Kleopatra ausgerichtete luxuriöse Bankett für Antonius wird nicht wie geplant stattfinden. Die Panik um mich herum hat das erfolgreich verhindert, und nun bin als nächste ich in Gefahr, bei der Stampede unter die Hufe zu geraten oder aber von Nephthys… Ein Schrei unterbricht meine Gedanken. „Emma! Schnell, Lauf!“ – Run, you clever girl?… wo kommt der denn jetzt auf einmal her? Es wäre nicht so weit gekommen, wenn sich der Doktor nicht so plötzlich in Luft aufgelöst hätte. Aber jetzt ist er da und stößt mich mit Anlauf von Bord, doch der Aufprall auf der Wasseroberfläche bleibt aus. Statt dessen lande ich unsanft auf allen Vieren – in der TARDIS. Fürs erste sind wir zwar in Sicherheit, aber die TARDIS ist immer noch manövrierunfähig.

Große Neuigkeiten: Der Doktor war in der Bibliothek, die doch nicht zerstört worden ist. „Das ist ein Zeichen!“ ruft er euphorisch und rekapituliert seine Befreiungsaktionen der vergangenen Jahre: Leute aus Wänden und Fußböden, in ein unbekanntes W-Lan gezogene Ahnungslose, eine seiner Begleiterinnen aus einer Bibliothek – und jetzt mich. Aus der Welt der Bücher, eigentlich eine Parallelwelt. Eine Lösung muss her, aber dazu muss er wissen, wie ich in ihr gelandet bin. „Was hattest Du zuletzt getan?“ lautet seine simple Frage. Irgend etwas muss meine unbeabsichtigte Reise ausgelöst haben – ein Getränk, ein Buch, ein Song… „Ein Buch, mit dessen Charakteren Du so sehr mitgefiebert hast, dass es Dich in seinen Bann gezogen hat?“

In einem Paralleluniversum sind solche Redewendungen wörtlich zu nehmen. Ob mein Übertreiben mit den dazu passenden Gin-Cocktails dazu beigetragen hat und der Ohrwurm, den ich hatte, der Auslöser war? „Disappear“ – die Ironie lässt dem Doktor ein Licht aufgehen, aber wie er in dieses Bild passt, darüber schweigt er sich aus. „Das ist es! ‚Disappear‘ – und Du verschwindest. ‚Bring me to life‘ – und Du kehrst zurück“. Den Song hätten wir schon mal. Bei dem Buch wird es schon schwieriger, denn in der TARDIS gibt es keine gedruckten Bücher. Dafür aber E-Books. Nun brauchen wir nur noch eins, das in meiner eigenen Zeit spielt. Internet in der TARDIS – echt jetzt? Aber worüber wundere ich mich eigentlich noch? Dass dies hier mit der Realität rein gar nichts zu tun hat, ist mir schon lange klar. Wenn die Lösung in elektronischen Lesewelten zu finden ist, sollten wir eines der unzähligen Portale mit Fanfiction durchsuchen. Bestimmt finden wir eines in meiner Muttersprache, das mich nach 2020 zurückbringt.

Timelord-Technik ist toll: Mit einem Schallschraubenzieher als Filter, stoßen wir auf einen Roman, der zwar nicht alle Kriterien vollständig erfüllt, aber da wir sowieso nicht vom Fleck kommen, lese ich dem Doktor Kapitel für Kapitel vor, und er überlegt sich, an welcher Stelle ich bei diesem Phantasieprodukt der Autorin ins Spiel kommen soll. Irgendwo in den Tiefen der TARDIS hat der Doktor noch ein paar Flaschen Wein liegen, zufällig ist Cabernet Sauvignon die Lieblingssorte der Autorin.

Und das soll funktionieren?“ Skeptisch nehme ich noch einen Schluck aus dem inzwischen dritten Glas. „Du meinst, wenn ich in acht Stunden hier raus spaziere, befinde ich mich in Kanada im Jahr 2019 – ohne Pass, aber mit Mörderschädel?“

Toller Plan – denn gerade sind sie beim Pilotenstreik. Wenn’s dumm läuft, sitze ich auf der anderen Seite der Erde fest, und dann noch ein halbes Jahr zu früh. Und wenn der Doktor die TARDIS nicht mehr zum Laufen bringt? Doch er scheint einen Plan zu haben – und in dem spielt Nephthys die Hautprolle. Sie oder besser gesagt ihr Abbild aus Stein ist keine gewöhnliche Statue, sondern ein Lebewesen, das seine Opfer bei Kontakt in die Vergangenheit schicken kann, um aus dieser Zeitspanne Energie zu gewinnen. In die Vergangenheit? Was soll ich denn da?

Falsch gedacht Emma, wir befinden uns in einer Parallelwelt, und hier ist alles anders: Die Sternbilder. Die Bibliothek, die noch immer existiert. Die Begegnung zwischen Kleopatra und Marcus Antonius, die nicht stattfindet… Beste Voraussetzung, dass Dein Kontakt mit dem Weinenden Engel – denn das ist Nephthys – den umgekehrten Effekt hat.“

Like a halo in reverse… nur dass es kein Halo ist, sondern ein Engel. Na toll, jetzt habe ich einen Ohrwurm.

Acht Stunden später ist es soweit. Bevor wir uns ein letztes Mal umarmen, drückt er mir ein Papier in die Hand, das Gedanken manipulieren soll. Falls unser Plan funktioniert und ich in Vancouver lande, ist dies mein Pass in die Freiheit und nach Hause. Bereit für die Begegnung mit Nephthys trete ich ins Freie und sehe das verlassene Schiff. Ich kann nur vermuten, dass die Passagiere von ihr in eine andere Zeit versetzt worden sind. „Don’t blink!“ – den Befehl, nicht zu blinzeln, missachte ich ganz bewusst. Tatsächlich ist sie nach einem Wimpernschlag bei mir, ich trete ihr entgegen, um mich von ihren ausgebreiteten Schwingen umfangen zu lassen, und tauche ein in die Dunkelheit.

Als ich wieder zu mir komme, sehe ich bunte Lichterketten an den Häusern vor mir. Stöhnend komme ich auf die Beine und kann gerade noch einer bimmelnden Straßenbahn ausweichen. Es ist der Ebbelwoi-Express – ich bin zurück in Frankfurt. Mein Glück kann ich kaum fassen, und als ich den Kiosk im Südbahnhof betrete, werfe ich einen Blick auf den Zeitungsstapel: Wir haben den 22. Mai 2020 – ein halbes Jahr später als geplant, und doch knapp an der Punktlandung vorbei, denn als ich verschwand, hatten wir den Fünfundzwanzigsten. Aber ich will mich über die fehlenden drei Tage nicht beschweren. Ohne den Engel, der etwas zu viel Energie aufgenommen hat, hätte ich nie mehr zurückgefunden.

Über die fehlenden Tage, in denen mich niemand vermisst hat, breite ich den Mantel des Schweigens, aber eines ist klar: Nie wieder werde ich es so mit den Cocktails übertreiben und mir auch nie wieder wünschen, durch die Zeit reisen zu können.

Ende

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Hoffentlich schrecke ich mit meinen ausufernden Texten nicht irgendwann noch jemanden ab, aber inzwischen habe ich eine Vorliebe für Fortsetzungsreihen entwickelt, und die zu splitten.. – diesmal habe ich aus drei Schreibaufgaben der Monate Juni (Aufwachen im aktuell gelesenen Buch) und Juli (Durchschreiten eines Wandschranks / Zeitreise ins alte Ägypten) eine Geschichte in vier Teilen entwickelt – hier ist die Gesamtübersicht, zum Nachlesen: 1/4 Landmädchen, Du bist bekloppt +++ 2/4 Die blaue Tür  +++ 3/4Nephthys – Teil 1 …

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Die Schreibthemen im Juli lauten: 1) Du gerätst über eine Zeitmaschine ins alte Ägypten, erzähle von diesem Abenteuer. +++ 2) Emma ist gerade in ein neues Haus gezogen, als sie dort den Wandschrank öffnet weht ihr ein kühler Wind entgegen, sie tritt hindurch und ist in einer anderen Welt… (Erzähle die Geschichte weiter) +++ 3) Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Hund, Badeanzug, rosarot, gehüpft, Eiscreme. +++ 4) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz “Kurt war zum Mörder geboren, könnte man meinen, wenn da nicht…” beginnt. +++ 5) Berichte aus dem Alltag von Simon – ein kleiner bunter Spatz, mit Pilotenbrille und einem mutigen und grossen Herzen.

Und hier sind die Regeln dazu: Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte/ein Gedicht/ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.

Serienmittwoch bei Corly # 136 : Biografien oder wahre Begebenheiten

 

Beim aktuellen Serienmittwoch auf dem Blog von Corly gibt es ein Thema, das bei mir voll ins Schwarze getroffen hat, denn es geht darum, wie wir Biografien oder wahre Begebenheiten im Film finden. Das Leben schreibt die besten Geschichten? Vielleicht stehen deshalb Bio-Pics und Filmproduktionen, die sich auf wirkliche Ereignisse beziehen, bei mir hoch im Kurs.

Zuletzt hatte ich mit „Soul Surfer“ so ein Erlebnis – die Geschichte der Surferin Bethany Hamilton, die bei einem Angriff durch einen Hai ihren linken Arm verliert und der durch eiserne Disziplin, die Unterstützung durch Freunde und Familie und nicht zuletzt durch ihren tiefen Glauben ein sensationelles Comeback gelingt… sensationell waren für mich auch die Bilder von Hawaii,wo der Film zumeist spielt.

Nach diesem Einstieg komme ich nun zu den Filmen, die mir noch lange nach dem Kinobesuch bzw. dem DVD-Abend in Erinnerung geblieben sind, bevor ich mich ganz zum Schluss dem Film widme, der noch auf meiner Liste steht. Getrennt nach Kategorie, habe ich zur größeren Übersichtlichkheit jeweils sechs Filme ausgewählt.

 

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Wahre Ereignisse

Beste Geschichten“ trifft hier nur bedingt zu. Gut kann ich gerade bei dem Film ganz oben auf der Liste die furchtbaren Ereignisse, die sich heute zum neunten Mal jähren, nämlich nicht finden.

Utøya 22. Juli: Am 22. Juli 2011 kamen bei dem Massaker auf der norwegischen Insel 69 Menschen ums Leben, die Zahl der Toten erhöhte sich um die acht Personen, die bei der Explosion einer Autobombe in Oslo starben.

Le Mans 66 – Gegen jede Chance: Der Wettlauf zwischen Ford und Ferrari beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans im Jahr 1966, mit Christian Bale und Matt Damon

Deepwater Horizon: 2010 brannte im Golf von Mexiko die Ölplattform Deepwater Horizon. Bei dem Film mit Mark Wahlberg als Chefelektriker Mike Williams habe ich Rotz und Wasser geheult.

Amy und die Wildgänse: Wie die 14jährige Amy einem Schwarm Kanadagänse mit Hilfe eines Ultraleichtflugzeugs das Fliegen beibringt, zeigt dieser herzerwärmende Film für die ganze Familie

Im Namen des Vaters: Daniel Day-Lewis als Gerry Conlon, der wegen erpresster Geständnisse und fingierter Ermittlungsergebnisse im Zuge der neuen britischen Anti-Terror-Gesetze zu lebenslanger Haft verurteilt wird und zusammen mit den „Guildford Four“ in den Hungerstreit tritt, um zu seinem Recht zu kommen.

Green Book – Eine besondere Freundschaft: Eine Konzerttournee durch die amerikanischen Südstaaten der Sechziger Jahre – mit Mahershala Ali als schwarzer Jazzpianist Don Shirley und Viggo Mortensen als sein weißer Chauffeur Tony Vallelonga. Der Titel des Films bezieht sich auf den „Negro Motorist Green Book“ gerannten Reiseführer für afroamerikanische Autofahrer, der die Tankstellen, Restaurants und Unterkünfte auflistet, die auch farbige Kundschaft akzeptieren.

 

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Biografien

Die meisten Biopics, die ich bisher gesehen habe, drehen sich um Musiker und Musikerinnen (Johnny Cash, The Runaways, u.a.) – diese sechs Filme sind 50:50 auf porträtierte Damen und Herren verteilt

Die Queen: Helen Mirren als Königin Elizabeth II, in der Regierungskrise

Frida: Salma Hayek spielt die mexikanische Malerin Frida Kahlo.

Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen beschäftigt sich mit den für das Mercury- und das Apollo-Programm der NASA wicbtigen Mathematikerinnen Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson (Taraji P. Henson, Octavia Spencer und Janelle Monáe)

M.C. Escher – Reise in die Unendlichkeit: Aus Briefen, Tagebüchern und Interviews zusammengestellter Dokumentarfilm über den niederländischen Grafiker M. C. Escher (1898-1972), der sich selbst eher als Mathematiker sah.

Mystify : Michael Hutchence: Aus Interviews, Material aus dem privaten Archiv des Künstlers und Konzertmitschnitten zusammengesetzter Dokumentarfilm über den 1997 verstorbenen Sänger der australischen Rockband INXS.

Rocketman: Der im Musicalstil gedrehte Film hat den Werdegang von Elton John (Taron Egerton) zum Thema.

 

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Was noch fehlt

Kursk: Vor zwanzig Jahren sank das russische Atom-U-Boot K-141 Kursk. Der Film schildert die Ereignisse danach. Wann ich den Film mit Colin Firth in der Hauptrolle als Commander sehen werde, steht aber noch in den Sternen.

„Broken Strings“ : Chapter 39 – Unlucky numbers

 

Wenn es darum ging, sich um Entscheidungen herumzudrücken, war ich nicht die Einzige. Brian war es genauso unangenehm, dass ich das lästige Thema erneut ansprach. Dabei hätte doch ihm am allermeisten an einem ordnungsgemäßen Ablauf gelegen sein müssen. Dass in einem Monat das Ende der Fahnenstange erreicht war, wusste er selbst nur zu gut, und ihm war auch klar, dass irgendwer jetzt endlich mal langsam in die Gänge kommen musste, anscheinend aber hatte er ein ganz anderes Zeitgefühl als ich. Vier Wochen schienen für ihn ein länger Zeitraum zu sein als für mich.

Vier Wochen? Da kann noch viel passieren“, orakelte er.

Mir schwante, dass er mit der Organisation meiner Angelegenheiten so lange warten wollte, bis er keine andere Wahl mehr hatte. Klar, dachte ich, Dir läuft ja auch nicht die Zeit davon, sondern mir, und ich fühlte mich allmählich wie ein Alien. Ein Alien mit Lover, der genauso sorglos in den Tag hinein lebte wie die anderen.

Ja, verschließ auch Du ruhig Deine Augen vor den Tatsachen. Umso heftiger ist das Erwachen.

Leider war mir weder nach Scherzen noch nach Schadenfreude zumute. Und da ich bei Brian auf Granit biss, sah ich ein, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht viel ausrichten konnte. Konzentriere Dich statt dessen lieber auf heute Abend, tönte meine innere Stimme, und sieh zu, dass Du Dir keine peinlichen Schnitzer leistest. Denn wenn es eines gab, das ich tun konnte, dann meinen Job so zu erledigen, dass sich außer mir auch kein anderer für mich zu schämen brauchte, und am wenigsten Sue.

Sie hatte endlich begriffen, dass ich niemals die Absicht gehabt hatte, sie zu verdrängen, und so verstanden wir drei uns inzwischen besser denn je. Wenigstens etwas gutes, dachte ich, während ich mit einem Knoten im Magen registrierte, dass auch dieser Monat zu Ende ging.

Wie schnell doch die Zeit verflog – Zeit, in der es Sue zunehmend besser ging, so dass für sie eine reelle Chance bestand, wieder auf die Bühne zurückzukehren. Natürlich nicht den ganzen Abend lang, sondern vorerst nur bis zur Pause. Ich war auf Stand-By eingestellt, für den Fall, dass ich doch bereits früher einspringen musste.

Das erste Wochenende im Oktober war dafür der ideale Zeitpunkt. Ein Konzert in der Nähe von Vancouver, fiel mir wieder ein. Die Location stand schon lange fest. Anhand der Anzahl der verkauften Tickets würde es der ganz große Abend werden.

Hoffentlich endet der nicht vorzeitig mit einem großen Knall.

Aber meine Kollegen waren zuversichtlich. Mike drückte mir sein Smartphone in die Hand: „Hier, Süße, lies selbst“ – Gespannt scrollte ich mich durch den Artikel, den er wer weiß wo ausgegraben hatte: … Zweitausend verkaufte Tickets…“, „… dank der hervorragenden PR von Lindsay Cooper…“, „… unglaublicher Fan Support…“ – bla bla bla, verdrehte ich die Augen.

Und dann überfiel mich die Erkenntnis. O Schreck, 2000 Tickets! Hatte ich wirklich richtig gelesen? Hektisch sprang ich zurück an den Beginn des Artikels, der in der Vancouver Sun unter der Rubrik ‚Arts & Life‘ erschienen war. Die Vancouver Sun… wer auch immer dieser noch relativ unbekannten Band zu einem Online-Artikel in einer der meistgelesenen Zeitungen Kanadas verholfen hatte, der hatte meinen Respekt verdient.

Ich musste nicht lange überlegen, bis ich dahinterkam, dass dafür niemand anderes in Frage kommen konnte als die in dem Artikel genannte und von mir anfangs so respektlos als PR-Tante bezeichnete Fotografin. Natürlich hatte auch sie ihre Kontakte, und die wiederum ihre, und so weiter und so fort…

Ein Artikel in der Vancouver Sun – wow!“ war alles, was ich herausbekam. „Ist Dir klar, was das für Euch heißt?“ reagierte ich fassungslos, während ich ihm das Phone wieder zurückgab.

Klar ist es das“, klinkte sich Mark, der unser Gespräch mitbekommen hatte, ein. „Endlich zahlt sich die Schinderei aus.“

Na klasse, immer schienen da, wo Mike und ich uns aufhielten, Ohren aus der Luft zu wachsen. Diesmal war es der Songschreiber von OxyGen. Wenigstens konnten wir bei ihm sicher sein, dass er seiner Antwort keine dummen Bemerkungen folgen lassen würde. Bei unserem Drummer war ich mir da nicht so sicher. A propos. Wo war der überhaupt?

Die Frage hätte ich mir auch sparen können, denn die Antwort lag bereits auf der Hand: Bei seinem neuen Best Buddy, um auf den Überraschungserfolg anzustoßen. O nein, mein Freund – so hatten wir nicht gewettet. Ein Fall von Gedankenübertragung?

Du wartest hier, Süße“, sagte Mike, drückte mir hastig einen Kuss auf die Wange und verschwand nach drinnen, wo er das Schlimmste zu verhindern hoffte.

Zweifelnd blickte ich ihm hinterher. Na, das ging ja gut los. Schon am frühen Morgen einen bechern? Und das vor der Probe, wo am Abend zum ersten Mal wieder Sue ans Mikrofon zurückkehren würde, mit mir als Back-Up, wie besprochen.

Das wird schon“, murmelte Mark ihr beruhigend zu und legte einen Arm um ihre Taille.

Einen solchen Zuspruch hätte ich jetzt auch gebrauchen können; aber was konnte ich auch von einem Tag, der schon merkwürdig begonnen hatte, anderes erwarten?

Na gut“, seufzte ich und ließ die beiden stehen, „dann mach‘ ich mich jetzt am besten auch mal auf die Suche.“

Dass ich auf alles gefasst war und angesichts der Uhrzeit so langsam schwarz für die Proben sah, musste ich den beiden ja nicht unbedingt auf die Nase binden. Wie ich vermutet hatte, waren keine Instrumente zu hören, wie ich es von einer Probe eigentlich kannte. Nicht einmal Danny, der sonst keine Gelegenheit zum Spielen auf seiner heißgeliebten Gitarre ausließ, war zu hören. Im Gegenteil: Es war verdächtig ruhig. Zu ruhig für meinen Geschmack.

Ich warne Dich, Mike Mitchell, kochte ich vor mich hin, wenn Du Dich dem Trinkgelage angeschlossen hast, schleife ich Dich eigenhändig nach draußen und mach Dir dort die Hölle heiß. Oh ja, im Ausmalen von katastrophalen Szenarien und Hineinsteigern in diese war ich richtig gut. Ich sah sie schon vor mir, die Wodkaflasche, wie sie immer leerer wurde…

Wie man sich doch täuschen kann! Noch eine weitere Ecke, an der ich abbiegen musste, und dann sah ich sie vor mir: John, Ryan und Mike, wie sie über einem ausgedruckten Plan brüteten. So viel Eintracht? Das fand ich ungewöhnlich. Die Szene erinnerte mich an eine konspirative Sitzung, und mein Eindruck verstärkte sich noch, als ich näher kam und Mike, wie von der Tarantel gestochen, hochfuhr und versuchte, das Papier verschwinden zu lassen. Zu spät. Ich hatte es schon gesehen und griff danach, in dem Versuch, es an mich zu bringen.

Leider aber hielten die Kerle zusammen und entfernten das Corpus Delicti aus meiner Reichweite. Was zum Teufel wurde hier gespielt? Wir sind doch nicht mehr in der Grundschule, wo wir einen aus der Klasse ärgern, indem wir ihm die Mütze klauen und die uns gegenseitig zuwerfen… Der Wisch befand sich nun in Ryans Händen, der ihn seelenruhig zusammenfaltete und in seiner Gesäßtasche deponierte, während Mike sich zwischen uns stellte und mich an den Schultern festhielt.

Halt, Süße, bevor Du in die Luft gehst“, fing er umständlich an. „Ich muss Dir was sagen.“

Na hoffentlich, dachte ich. Eure kindischen Spielchen gehen mir nämlich langsam wirklich auf die Nerven. Ich war es so leid, die Luft anzuhalten und den Kopf einzuziehen, weil sich bereits das nächste Desaster ankündigte.

Du kannst Dich doch bestimmt noch an dieses Wochenende erinnern, als dieser Simon-Cowell-Verschnitt uns auseinander reißen wollte“, fuhr er fort. Dieter Bohlen trifft es zwar eher, aber bitte, wenn Du nur endlich zum Punkt kommen würdest…

Ja. Und?“ Meine Ungeduld hätte der letzte Depp meinem Tonfall entnehmen können, aber Mike ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

Und an das, was wir hinterher besprochen haben?“

Ja, dass nichts und niemand die Gruppe auseinanderbringen würde.“ So weit konnte ich mich noch erinnern.

Das auch“, war Mikes rätselhafte Antwort darauf.

Ich hasste kryptische Andeutungen. Angestrengt durchkämmte ich meine Hirnwindungen. Aber ohne Erfolg. Mich so auf die Folter zu spannen, machte mich kein Deut schlauer.

Na, dann will ich deiner Süßen mal aus der Patsche helfen“, kam es von Ryan. „Ich kann das Elend nicht mehr mit ansehen. Du willst doch Andrea nicht wirklich dumm sterben lassen?“

Danke, Ryan, wie überaus hilfreich. Auf diese Erklärung war ich jetzt wirklich gespannt. Aber bitte ohne langes Blabla. Meiner stummen Bitte kam er auch sogleich nach. Er redete von den Extrawürsten. Die Extrawürste… Irgendwo in meinem Kopf machte es Klick. Auf einmal ergab alles einen Sinn. Keine Alleingänge, dafür aber auch keine Bevormundung durch den Manager, und – was für mich das wichtigste war – keine Duette mehr.

Nein! Sag, dass das nicht wahr ist. Und ob das wahr war: leider nämlich doch. Aber für wen?

Nie wieder, habt Ihr geschworen!“ zischte ich wütend. Ich fasste es nicht. „Und kommt mir jetzt nicht mit den zweitausend Fans. Die können auf solche Mätzchen nämlich sehr wohl verzichten. Also daher Eure Heimlichtuerei mit dem Plan.“

Dem Plan, den sie mir vorenthalten wollten. Was für eine riesige Verarsche! Wenn ich schon Teil des abgekarteten Spiels sein sollte, dann wollte ich auch wissen, was dieses Trio Infernal hinter unserem Rücken ausgeheckt hatte.

Und jetzt her mit dem Ding, Ryan – aber ein bißchen zackig. Oder soll ich ihn mir selber holen?“

Mach doch. Ich warte.“

Worauf Du wetten kannst – von wegen, ‚wir spielen keine Spielchen’… jetzt kannst Du was erleben.

Dass ich mich an Mike vorbeischob und zwei, drei, vier Schritte nach vorne tat, hatte keiner von ihnen erwartet. Wenn mir der Geduldsfaden riss, kannte ich nichts. Vor allem keine Hemmungen. Sie konnten ruhig merken, dass ich mich nicht abschrecken ließ. Und einschüchtern schon gar nicht. Es war John, der dazwischen ging, bevor es eskalierte.

Er zog Ryan das Blatt aus der Hosentasche, nahm mich an die Seite und zog seinen Kollegen verbal die Ohren lang: „Da Ihr beide ja nicht in der Lage seid, Tacheles zu reden, übernehme ich jetzt.“

Endlich hatte jemand Erbarmen. „Also, der Plan sieht so aus…“

Auf den ersten Blick hatte er nichts auffälliges an sich. Bis auf den Passus „Duett“ – an der Stelle, wo Mike für gewöhnlich „By my side“ oder eine andere Ballade sang. Am meisten aber irritierte mich die fettgedruckte Überschrift in Blockbuchstaben: SONDERVORFÜHRUNG VS & RC. Und noch bevor ich fragen konnte, was VS & RC bedeutete und warum nur ein Teil der Band etwas von einer Sondervorführung wusste, füllten hauchzarte Klänge einer Akustikgitarre den ganzen Raum aus, und für einen Augenblick blieb die Zeit stehen.

♪♫ When you were here before, couldn’t look you in the eye… you’re just like an angel, Your skin makes me cry… ♫ ♪

CREEP?! Wer hatte sich diesen abgeschmackten Witz ausgedacht, und warum? Vor mir stand Mike und sang „unser Lied“ vom Soundcheck, das niemals für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen war, begleitet von Danny und seiner Akustikgitarre Jetzt sollte es bei einer Sondervorführung zum Einsatz kommen – für ein kleines Publikum, das sich zusammensetzte aus Fans, die die Tickets bei einer Verlosung der Vancouver Sun gewonnen hatten, Leuten von der Zeitung selbst und, für mich die größte Überraschung: von einem Plattenlabel.

RC steht für Record Company“, erklärte John, nachdem die Musik verklungen war. „Vorhin kam ein Anruf von einer Celia Crawford von Spirit Chase Records.“

Namen von Plattenfirmen sagten mir nichts, außer es handelte sich um die ganz großen. Von dieser hatte ich noch nie etwas gehört, aber das hatte ich ja auch nicht bei der von Brandon Cole.

„Viel hat diese Celia Crawford, oder CeCe, wie sie sich genannt hat, ja nicht gesagt. Nur dass jemand von ihrem Label auf einem unserer Konzerte war und ihr davon so lange in den höchsten Tönen vorgeschwärmt hat, bis CeCe sich selbst ein Bild von uns machen wollte. Deshalb die Sondervorstellung – nur ist sie zur Zeit noch in Nova Scotia unterwegs und schafft es nicht zu unserem Auftritt heute Abend. Aber dank der Vancouver Sun gibt es den Termin morgen, und zu dem bringt sie ihre Assistentin mit.“

Zwei Frauen von einem kleinen Label, das noch kleiner war als VC Star Records und sich auf Bands in den Bereichen Folk und Rock konzentrierte. Manchmal nahmen sie auch Künstler unter Vertrag, die ihr Publikum mit Anleihen an Punk und Rockabilly begeisterten. „Change keeps us moving on“, schien ihr Motto zu sein, und deshalb wollten sie bei Spirit Chase Records nun auch noch auf Sounds im Stil der 80er Jahre setzen. Obwohl das glaubwürdiger klang als das, was sich der andere Scout für seine Firma vorgestellt hatte, war ich skeptisch.

Wenn die bisherigen Konzerte doch so toll gewesen waren, wozu brauchten sie dann bei der Show am nächsten Tag noch „Creep“, gesungen im Duett, von Mike und mir? Mir hatte schon der Versuch mit „Shallow“ gereicht, und deshalb war ich so froh gewesen, als sie nach der Pleite mit Mr. Cole beschlossen hatten, dass es solche Showeinlagen nicht mehr geben würde.

Hoch und heilig hatten sie es geschworen, und kaum rief eine exzentrische Tussi von einem Plattenlabel an, war plötzlich alles vergessen? Und wer hatte die Arschkarte? Natürlich ich, denn wenn ich mich querstellte, war es meine Schuld, wenn es mit dem Vertrag nichts wurde?

Dann gebt Gas und haut rein!“ Aha, Danny vervollständigte unser Quintett, mit einem Spruch, der schon so einen Bart hatte. „Und zeigt mal, was Ihr beide drauf habt.“

Was wir beide drauf haben? – Als ob Du das nicht schon längst wüsstest…

Hatte er etwa schon unsere Jam Session vergessen? Oder die Probe, bei der wir die One-Woman-Show der PMJ-Coverversion mit Hayley Reinhart am Mikrofon in ein Doppel mit verteilten Rollen verwandelt hatten? Was war ich doch beruhigt, dass ich bei dieser Extra-Einlage vor ausgewähltem Publikum nicht ganz alleine die Stimmbänder zum Vibrieren bringen musste.

Und wenn die Stimme versagte, half nicht Wick Blau, sondern Danny Rodriguez mit seiner E-Gitarre? Das hatte hatte ja auch schon bei „Shallow“ funktioniert. Warum nicht auch hier?

Hey, Leute, das wird super!“

Brians Applaus beruhigte mich überhaupt nicht. Auch nicht, dass sein Bruder und der Rest der Gruppe der gleichen Meinung waren. Als eine von zwei Backgroundsängerinnen die Band vor einem zweitausendköpfigen Publikum zu unterstützen, war etwas, womit ich mich gerade so arrangieren konnte. Da stand ja auch nicht ich im Mittelpunkt, und zu sehen waren Madlyn und ich auch nicht ständig.

Aber im Zentrum der Aufmerksamkeit eines kleineren, aber sehr speziellen Kreises von Leuten zu stehen? Das altbekannte Problem – mein größter Alptraum stand mir bevor, und dabei hatte ich den unangenehmsten Teil daran noch gar nicht realisiert: Die Sondervorstellung bei der Vancouver Sun fiel auf ein Datum, das ich am liebsten übersprungen hätte.

Der 6. Oktober. Ein Sonntag. Ein Tag, den meine Welt nicht brauchte. Morgen jährte sich dieses grässliche Datum zum zehnten Mal. Angeblich kommt ja Jubiläum von Jubeln, aber danach war mir nicht zumute. An jedem verdammten Sechsten des Oktobers zündete ich in der Kirche eine Kerze für Sean McAllister an.

Eine Kerze für meinen Vater, dessen Herz an diesem Tag nach sechsunddreißig Stunden im künstlichen Koma nach einem Infarkt für immer zu schlagen aufgehört hatte. Multiples Organversagen – als Spender nicht geeignet. Was das bedeutete, hatte ich mit meinen zehn Jahren noch nicht begreifen können. Dazu hatte es die folgenden Jahre gebraucht.

Zehn Jahre waren eigentlich eine lange Zeit. In der Theorie. Tatsächlich aber fühlte ich mich, als hätte jemand die Reset-Taste gedrückt und mein Leben an diese Stelle zurückgespult. Natürlich kann kein Mensch in Wirklichkeit die Zeit nach Belieben vor- oder zurückspulen, auch nicht langsamer oder schneller laufen lassen, auch wenn ich mir das noch so sehr wünschte, wie zum Beispiel jetzt: Bitte einmal per Knopfdruck diesen einen Tag überspringen…