♪♫♪ I look around unsatisfied at what they’re giving me. Then I think to myself is there someone else who feels the same as me ♪♫♪ –INXS „Kick“-
Don’t panic. Liebend gern hätte ich jetzt auch so einen Ratgeber für Anhalter durch die Galaxis, denn der wüsste wie Eva, was zu tun wäre. Die würde mir übrigens gratulieren und Punkt 34 auf meiner Löffel-Liste abhaken: „Es gibt jemanden, von dem du jede Nacht träumst, aber du hättest nie erwartet, dass du ihn im echten Leben einmal triffst.“
Ja, wie denn auch, wenn ich nie die Gelegenheit hatte, meine Lieblingsband live bei einem Konzert zu erleben? Und jetzt gondeln wir durch die Nacht, unserem nächsten Ziel entgegen. So viel zu Jons Idee, dass ich mitkomme und Beth uns begleitet. Die war zwar genauso skeptisch wie Andy, aber nachdem sie die Frage der Kinderbetreuung geklärt hat, stand ihrem Fulltime-Job als Nurse on Wheels nun nichts mehr entgegen. Damit ist sie rundum ausgelastet, im Gegensatz zu mir, was auch meinem jüngsten Bruder aufgefallen ist; Jon wäre aber nicht Jon, wenn er nicht schon längst einen Plan gehabt hätte.
„Aber so ein Gerät bedienen, kannst du auch mit der linken Hand, oder?“ hatte er in den Raum geworfen und mir ein Diktaphon vor die Nase gehalten, so eines, wie es die Sekretärin unseres Managers täglich benutzte.
„Damit kannst du für uns die Eindrücke rund um die Konzerte festhalten.“
Ein akustisches Reisetagebuch also? Warum nicht gleich per Kamera, hatte mir schon auf der Zunge gelegen, doch dann sah auch ich es ein. Selbst die kleinste Handkamera hätte zu viel gewogen, um sie locker mit einer Hand bedienen zu können – ein Gerät zum Aufzeichnen von Sprachnachrichten war dagegen viel handlicher. Euer Wort in Gottes Ohr, denke ich mir immer noch, schon lange nachdem als selbst Kirk und Garry in den Jubelchor mit eingestimmt waren.
Was gäbe es eine bessere Gelegenheit als den Jahreswechsel? Das neue Jahr will nämlich stilvoll begangen werden – in Adelaide, das ebenfalls auf unserer teilweise im Voraus festgelegten Reiseroute liegt. Mit wem wird Eva wohl auf das neue Jahr anstoßen, falls überhaupt? Happy New Year, Eva, für dich und 2023. Oder sollte ich noch ein „und für mich in 1987“ anfügen: für mich und das Jahr, in dem „meine Jungs“ ganz groß durchstarten werden, und zwar international? Außer mir können sie nicht wissen, was noch alles auf sie wartet, und ich kann nur hoffen, dass ich mich nicht irgendwann mal doch verplappere.
Schöne neue Welt? Im Moment wohl eher nicht, denn bequemes Reisen sieht anders aus, auch wenn Beth und ich uns die größte Schlafkoje ganz hinten im Bus teilen, nachdem die Michael davon überzeugen konnte, mit mir, äh uns, zu tauschen. Ganz einfach war das nicht, weil er sie ja sonst immer wegen seiner langen Beine beansprucht. Lange Beine, ha ha, wer’s glaubt. Wenn ich den anderen so zuhöre, könnte man glatt auf die Idee kommen, er stürmt den Bus immer als erster, weil er den Platz für seine Spontandates nach den Konzerten braucht. Inzwischen glaube ich aber nur die Hälfte von dem, was die lieben Kollegen so erzählen; eher wird’s wohl daran liegen, dass er genauso ein kleiner Messie ist wie ich, der alles Mögliche ins Bett schleppt, vor allem Bücher.
Dass hier mal jemand so tickt wie ich, hätte ich ja nie zu hoffen gewagt, nur nützt mir das herzlich wenig. Bücher, da war doch noch was. Als ich Andy ratlos anstarrte, nachdem er zum x-ten Mal auf unserem Unfall herumreiten musste und betonte, dass ich doch besser zu Hause geblieben wäre, rückte er dann doch noch mit der Sprache heraus: „Du hast echt keine Ahnung mehr, was passiert ist, oder?“
Ta-daa! Das war der Moment zum Ausspielen meiner Trumpfkarte, schneller als gedacht: die im Patientengespräch erwähnte Erinnerungslücke. Seit dem Gewitter soll ich ja angeblich mehr als eine haben. Wie praktisch, dass ich so nun endlich erfahre, was sich in den frühen Morgenstunden meines Geburtstags, vor sechsunddreißig Jahren, auf dem Weg zum Fährhafen zugetragen hat. Dass es aber ausgerechnet „Freaky Friday“ das Buch ist, das den INXS-Gitarristen so zum Ausflippen gebracht hat, lässt das fehlende Puzzleteil in meinem Gehirn einrasten; unhörbar für die anderen, dafür aber laut und deutlich für mich:
Klick!
Wie war das nochmal mit dem Akklimatisieren an eine andere Zeitzone? Gehen Sie zeitig zu Bett… Oder war es anders herum? Ist halt nur blöd, wenn sich bei jedem so ein Jet Lag anders bemerkbar macht; und bei mir war es das stundenlange Wachliegen, während Eva tief und selig schlummerte wie ein Murmeltier. Ein Buch lesen? Die Minibar plündern? Den Pizzadienst rufen? Nichts von alldem traf auf mich zu. Ich war auf die ach so geniale Idee gekommen, mich durch die Fernsehprogramme zu zappen, und war bei einem Sender mit alten Spielfilmen hängengeblieben.
Zuerst hatte ich keine Ahnung, was für eine olle Kamelle ich per Fernbedienung erwischt hatte. Die Szene, in der Jamie Lee Curtis und Lindsay Lohan in einem Chinarestaurant zwei Glückskekse überreicht bekommen, sagte mir nichts. Doch dann geschah das Wunder! Beide stellten fest, dass sie jeweils in den Körper der anderen geschlüpft waren und mit diesem Tauschergebnis erst einmal für eine Weile leben mussten.
Freaky Friday? Übelkeit breitet sich in mir aus.
Schlagartig dämmert mir, dass bei diesem Gewitter genau das gleiche passiert sein muss, auch wenn weder mein Gegenstück noch ich an einem Freitag unsere Fahrzeuge verlassen hatten. Erneut glaube ich zu fühlen, wie meine Eingeweide gummibandartig in die Länge gezogen werden. Nur dass kein Glückskeks, sondern ein Blitz für den Körpertausch gesorgt hat: Zweimal das gleiche Naturereignis: zur selben Stunde, am selben Ort… aber nicht im selben Jahr. Antipoden nicht im Raum, sondern in der Zeit: Wie groß war denn bitte diese Wahrscheinlichkeit? Und dann noch als Strafe für… ja, wofür eigentlich?
Dafür, dass ich vor der hässlichen Realität fliehen wollte und mir zum wiederholten Mal vorgestellt hatte, wie es wohl wäre, zehn Jahre älter zu sein? Oder noch besser: anstatt in Rente zu gehen, nochmal zehn Jahre weniger in meinem Pass stehen zu haben. Von wegen „man müsste nochmal zwanzig sein“: Ende dreißig zu sein, reichte doch schon, um bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben, jedenfalls bessere als mit Anfang fünfzig. Eskapismus vom Feinsten ist das, aber im Verdrängen bin ich ja schon immer gut gewesen.
Oder darin, gewisse Dinge vor mir herzuschieben, bis es nicht mehr anders geht.
Entfliehen Sie dem Winterblues – das ist doch das perfekte Beispiel für meine größte Schwäche, die mich dazu gebracht hat, wegen dieses Plakats das Reisebüro zu betreten. Entfliehen Sie dem Winterblues: in Down Under. Schon so oft war ich daran vorbeigegangen, ohne mich weiter damit zu beschäftigen. Doch diesmal hatten jene beiden Worte für einen ganzen Kontinent bei mir etwas ausgelöst. Gereizt hatte mich eine solche Reise schon immer, nur hatte ich bisher weder die Zeit noch das Geld dazu gehabt. Jetzt aber hatte ich beides.
Nach dreißig Jahren auf einmal ohne Job dazustehen: Andere wären trotz einer traumhaften Abfindung von 250.000 Euro und Lohnfortzahlung für zwölf Monate sofort auf Jobsuche gegangen. Doch was hatte ich statt dessen getan? Hatte mich von besagtem Werbeversprechen einlullen lassen. Natürlich hatte sich Eva gefreut, dass ich zuerst zu ihr gekommen war anstatt auf der Stelle zwei Flüge nach Melbourne zu buchen. Aber so risikofreudig war ich dann doch nicht. Sie übrigens auch nicht. Doch ich konnte sie beruhigen: Wozu hatte mein überaus fähiger Anwalt eine so hohe Abfindung für mich ausgehandelt? Damit ließ sich die durch den unbezahlten Urlaub entstehende finanzielle Lücke schließen. Lediglich meine Spontaneität hatte Eva stutzen lassen, war diese doch überhaupt nicht typisch für mich. Und was hatte ich nun davon außer einem Körpertausch quer durch die Zeit und davon, dass einer meiner Teenagerträume wahrgeworden war?
Freu dich doch, höre ich Eva im Geiste sagen, während ich mich unruhig hin und her wälze. Hast du nicht früher immer geseufzt, du würdest sonst was geben, um Michael Hutchence einmal so richtig nahe sein zu können?
Mein sehnlichster Wunsch? Wenn’s nicht so traurig wäre, würde ich mich totlachen. Drei Meter weiter vorne im Bus, in der Koje, die eigentlich für den Bandkollegen reserviert war? O ja, als Zwanzigjährige wäre ich bei dieser Vorstellung völlig aus dem Häuschen gewesen, doch jetzt habe ich ganz andere Sorgen. Denn wenn wir den Tausch nicht rückgängig machen, bevor der Gips abgenommen wird, dann war’s das: nicht nur für mich, wenn herauskommt, dass ich nicht auch nur eine einzige Note spielen kann, sondern auch für die Band mit ihrer Karriere. Uns bleiben nur sechs Wochen – eigentlich viel zu wenig Zeit, wenn man auf ein weiteres Wunder wartet.
Denn dann hätten wir Freaky Friday nicht nur für einen Tag oder sechs Wochen, sondern für immer. Und das wäre wirklich fatal.

