Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 15 *** Show me

Es ist nirgends besser als daheim.

Ich habe es ja früher nicht wahrhaben wollen und Sätze wie diese als Binsenweisheiten abgetan,  doch nun war da dieser vergangene Abend, der damit geendet hatte, dass ich mich aufs Ohr legte, bevor Eva zurückkommen und lästige Fragen stellen konnte. Klar war es arschig von mir, sie mitten im Pub ohne Kommentar einfach stehenzulassen und abzuhauen, doch nach der am Ende doch noch eingetretenen Vollkatastrophe konnte ich einfach nicht anders. Denn auf der Suche nach einer Möglichkeit, mich still und leise zu verkrümeln, fiel mein Blick auf die Art von Equipment, die ich so bald nicht mehr hatte wiedersehen wollen.

So langsam konnte ich Nickys Aversion gegenüber Karaoke-Maschinen verstehen. Leider aber nützte mir mein Mitgefühl mit der Ärmsten nichts, denn der Horror war noch steigerungsfähig. Es ist nämlich ein Unterschied, ob man sich freiwillig auf dem Podest zum Affen macht oder von der besten Freundin dazu gedrängt wird. Kommt aber das Publikum auf diese grenzwertige Idee, sieht die Sache noch mal ganz anders aus. Und wenn zwei extrem nachtragende Herren die Rädelsführer sind, weil sie noch immer Frust wegen der Abweisung schieben, wird eine ganz andere Nummer draus.

Kaum standen Eva und ich da vorne, dröhnten auch schon die ersten Beats in einer ohrenbetäubenden Lautstärke los, die sich gewaschen hatte. Was dann kam, toppte noch unseren schon ewig zurückliegenden Flop-Auftritt in einem Pub vor einem einzigen Typen, der auch noch stockbesoffen gewesen war. Während ich mich noch wunderte, wie schnell das Ganze auf einmal gegangen war und Eva sich in Pose stellte, sprang auch schon der grellrote Punkt auf dem Bildschirm im hektischen Stakkato von Textstelle zu Textstelle: This-was-ne-ver-the-way-I-planned not-my-in-tention I-got-so-brave-drink-in hand lost-my-discretion

Das ging ja schon gut los! Bei unseren Gigs konnte ich mit meinen Riffs jedes Tempo mühelos mithalten. Aber singen? Und dann noch in diesem abgehackten Rhythmus? Gut, dass ich Eva an meiner Seite hatte, die absolut textsicher war und die vorgefertigten Sätze gar nicht gebraucht hätte. Und doch ließ sie den Bildschirm nicht aus den Augen, doch als es an den Refrain gehen sollte, ließ sie mit einem Ausdruck ungläubigen Entsetzens ihr Mikrofon sinken und verstummte, während die Musik weiterdudelte. Nanu – Frosch im Hals? Nee – Leichenblässe im Gesicht. Wie vor den Kopf geschlagen, starrte ich dem von Silbe zu Silbe hüpfenden Punkt hinterher und versuchte zu begreifen, was ich da gerade las.

I-kissed-a-girl-and-I-liked-it taste-of-her-cher-ry-chap-stick I-kissed-a-girl-just-to try it hope-my-boy-friend-don’t-mind-it

Äh, Moment mal. Das sollte mein Einsatz werden? Warum zum Henker hatte Eva diesen Song ausgesucht, wenn sie selbst damit offensichtlich Probleme hatte? Mit meiner Verwirrung hatte wohl keiner der Anwesenden gerechnet, da alle… Alle? Nicht ganz – sondern alle bis auf einen ganz bestimmten, besonders schadenfroh grinsenden Kerl, der uns hier aufgespürt hatte. Dean! Gekommen, um uns den Abend zu versauen… dass der sich das traute! In meinem Leben hatte ich schon mit genügend Idioten zu tun gehabt, wenn ich nur daran dachte, wie oft ich nach einem Gig nahe daran gewesen war, ein blaues Auge zu kassieren. Oder als Chris wegen einem meiner Ausraster nach Anbietern für Antiaggressions-Trainings suchen wollte, ohne dass die Öffentlichkeit davon erfuhr.

Aber sich so wenig gentlemanlike gegenüber einer Lady zu zeigen, war in meinen Augen völlig daneben. Am liebsten hätte ich Dean ja eine geknallt, aber deswegen eine Kneipenschlägerei anzuzetteln, war das letzte, was ich bei meinen Problemen wollte. Dann doch lieber ein überstürzter Abgang. Der konnte wenigstens einen völlig verkorksten Abend nicht noch schlimmer machen. Cherry Lipstick? Kissed a girl? Was zur Hölle?! Reg dich ab, Tim, und denk an was angenehmeres, versuchte ich mich zu beruhigen, während ich durch die kühle Nachtluft zu meinem Zimmer zurücksprintete. Und so war das letzte, was ich nach meinem kurzen Abstecher ins Internet beim Einschlafen vor mir sah, Beths Gesicht.

Buffy, du fehlst mir, wisperte ich in die Dunkelheit und streckte meine Hand nach ihr aus. Du fehlst mir unendlich. Sie blieb noch für einen Augenblick als Nachbild erhalten, dann verschwand die Erscheinung so plötzlich, wie sie gekommen war.

Eines wird mir am nächsten Morgen klar: So verlockend es auch ist, für eine Weile in die Rolle von jemand anderem zu schlüpfen, weil sich kein Schwein für einen interessiert – über kurz oder lang wird sich das Vergnügen rächen und mit Katzenjammer und der Erkenntnis enden, dass es nirgends besser als daheim ist. Im übertragenen Sinn. An dieser Stelle könnte sich für mich der Kreis nun schließen doch etwas in meinem Innern hält mich noch zurück. Vielleicht ahne ich, dass die Zeit noch nicht gekommen ist. Die Frage ist nur, wann.

Die Antwort liegt zum Greifen nah, doch das kann ich nicht ahnen, als Eva beim heute etwas knapp ausfallenden Frühstück verkündet, sie wolle zügig los, um zur Abwechslung mal im Hellen in Coober Pedy anzukommen. Ich wüsste nur zu gerne, was an einem riesigen Feld voller Erdhaufen so interessant ist, bleibe aber ruhig. Zu ruhig, wie Eva feststellt, als wir die Seenplatte auf halber Strecke hinter uns lassen und ich den Burger auspacke, den ich mir geholt habe, um meinen knurrenden Magen zu füllen. Mit doppelt Fleisch und extra viel Zwiebeln.

„Hör mal, Nicky“, beginnt sie, und ich kann mir denken, was gleich kommt. „Ich weiß, der Abend ist ja nun wirklich nicht gut gelaufen…“ – die Untertreibung des Jahres! – „… und ich kann auch verstehen, dass der Typ nicht deine Kragenweite ist…“ – nanu, was sind denn das für Töne? – „… und natürlich geht das, was er sich da geleistet hat, ja mal gar nicht!“

Hä? Sie unternimmt nicht mal den Versuch, mir meine kopflose Flucht unter die Nase zu reiben? Wirklich nicht?

„Aber jetzt mal im Ernst, Nicky. Wie lange ist Andi jetzt weg?“

Andi – wer? Erwartet sie jetzt ernsthaft eine Reaktion von mir? Ällabätsch, Tim. Natürlich nicht, wie konntest du das auch nur für eine Minute annehmen? Nein, ihre rhetorische Frage beantwortet sie praktischerweise gleich selbst.

„Sieben Jahre sind’s diesen Oktober, ich hab’s nachgerechnet. So lange ist er jetzt schon unter der Erde, Nicky. Ja, ich weiß, du möchtest davon am liebsten nichts hören. Nenn‘ mich ruhig unsensibel, aber kein Mensch wird dir einen Vorwurf machen, wenn du dich ab und zu mal amüsierst…“ – keiner vermutlich, außer Nicky sich selbst – „… gute Güte, du musst mit dem Kerl ja nicht gleich in die Kiste springen oder ihm ewige Liebe schwören, aber…“

Weiter kommt sie nicht, denn plötzlich plärrte uns in voller Lautstärke aus dem Radio des Geländewagens entgegen.

Hey guys! Nur noch wenige Wochen, dann stehen sie fest, die diesjährigen Kandidaten für die Rock’n’Roll-Hall of Fame.

Ach herrje – der gleiche Heini, der neulich Beyoncé viel Glück für die Grammyverleihung gewünscht hat. Wen wird er wohl diesmal aus dem Hut zaubern? U2? AC/DC? Iron Maiden? Eigentlich interessiert mich dieser Zirkus nicht die Bohne, aber den Sender zu wechseln, während mein Burger meine ganze Aufmerksamkeit beansprucht?

Lang hat’s gedauert, und wir fragen uns schon seit Jahren, warum sie nicht längst drin sind.

Uiuiui, das scheinen ja ein par ganz dolle Überflieger zu sein, wegen denen dieser Typ total aus dem Häuschen ist, denke ich, während ich andächtig kaue.

Aber nun ist es so weit. Dank der Online-Petition mit 75000 Unterschriften haben Fans es endlich doch noch erreicht, dass man sie nominiert hat – zehn Jahre, nachdem sie sich aufgelöst haben.

Ein bißchen spät, finde ich und bekomme direkt Mitleid mit den armen Schweinen, die man ständig übergangen hat und die deshalb mehrere Anläufe gebraucht haben. Aber spät als nie…

Ja, Freunde des Pub-Rocks! Zehn Jahre nach Auflösung und 25 Jahre nach dem mysteriösen Tod ihres Frontmannes ist es soweit. Wir wünschen INXS ganz viel Glück für die Aufnahme in die Hall of Fame und…

Nach dem Tod ihres… Was??!!

Das kann sich doch nur um einen Irrtum handeln, aber der Sprecher salbadert weiter und verhindert mit seinem Geschwätz, dass sich meine Gedanken sortieren lassen. Säße ich nicht so bequem, diese Bombe hätte mir mit Sicherheit den Boden unter den Füßen weggesprengt und mich in ein schwarzes Loch gerissen. Und so sind die mir aus dem Nichts in die Augen schießenden Tränen die einzige Reaktion, zu der mein von Blitzeis durchzogener Körper gerade noch fähig ist. Und daran sind ganz gewiss nicht die Zwiebeln auf meinem Burger schuld.

Was, bitte, war das denn? Ich weigere mich zu glauben, was ich da soeben gehört habe: Vor ein paar Tagen erst habe ich mit Michael noch einen getrunken, und jetzt soll er plötzlich tot sein? Irgendwie habe ich das Gefühl, dass das Universum eine sadistische Freude daran hat, mir zu zeigen, wie arschig es sein kann.

25 Jahre nach dem mysteriösen Tod ihres Frontmannes… Nein, das kann nicht wahr sein. Ich könnte diese Schocknachricht als geschmacklosen Scherz abtun, doch ich werde das Gefühl nicht los, dass dies Möglichkeit eher gegen Null tendiert. Auch wenn es wehtut – ich glaube, das Beste wird sein, ich tauche noch einmal ein in die grenzenlose Galaxie des Wissens, sobald wir wieder Internet haben.

Wenn man den Wunsch hat, es jemandem mal so richtig zu zeigen: https://www.youtube.com/watch?v=VEuErOJ9Mps