Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 18 *** Back on line

♪♫♪  Get me to the place I’m standing, there’s a reason down below. Maybe there’s something in me, trying to take another ride. ♪♫♪  -INXS „Back on line“-

Eintauchen in die grenzenlosen Galaxien des Wissens, und alles was man dazu braucht, ist ein halbwegs stabiles Internet? Im Prinzip eine schöne Idee, wenn es in diesem Internet nicht vor lauter Blödsinn nur so wimmeln würde, wie zum Beispiel, dass Elvis noch lebt.

Kann gar nicht sein, habe ich bei dieser „Nachricht“ gedacht, schließlich schlug die Meldung damals an meinem zwanzigsten Geburtstag ein wie eine Bombe, mitten hinein in unseren ersten Auftritt vor einer Handvoll von Partygästen. Zum Feiern hatte danach von uns keiner mehr Lust. Würde er tatsächlich noch irgendwo leben, wäre das eine echte Sensation. Oder das hier, wenn wir schon bei Verschwörungstheorien sind: Vögel gibt es nicht mehr, weil die US-Regierung sie durch Drohnen ersetzt hat, um ihre Bürger zu überwachen, und sie sitzen auf Stromleitungen, um ihre Akkus aufzuladen. Oder der Klassiker, wissenschaftlich bewiesen und von Grey’s Anatomy – Evas Lieblingsserie – erfolgreich widerlegt: dass ein Blitz niemals an derselben Stelle ein zweites Mal einschlägt. Aber da bin ich unschlüssig. Was wäre, wenn doch? Aber so oder so – ich wäre ja schon froh, wenn wir überhaupt mal eine vernünftige Verbindung bekämen, denn dann könnte ich mir nämlich selbst mein eigenes Bild davon machen, was Fake News sind und was nicht, und was sie vor allem über das unrühmlich Ende meines besten Freundes verzapfen.

Bisher waren die Informationen dazu recht dürftig und widersprüchlich noch dazu. Während sich die einen an den Obduktionsbericht halten und die Selbstmordtheorie stützen, glauben andere an einen Unfall bei einem aus dem Ruder gelaufenen Experiment. Und ich schwöre, wenn ich tiefer grabe, kommen noch weitere Verschwörungstheorien ans Licht, wie zum Beispiel die von dem Mord, der auf das Konto der sizilianischen Mafia gehen soll und die ihre Fäden angeblich bis in die höchsten Kreise gesponnen haben. Zu tiefergehenden Recherchen bin ich bisher jedoch noch nicht gekommen.

Aber warum eigentlich?

Ob es etwa daran liegt, dass das Netz bisher in jeder dieser kleinen Siedlungen auf unserem Weg nach Perth alle paar Minuten zusammengebrochen ist? Gina, Wirrida, Malbooma – da war ja mehr Verlass auf das marode Getriebe unseres Geländewagens, der nach unserem letzten Besuch in der Werkstatt endlich wieder läuft wie eine Eins. Ach, wenn doch nur alles so laufen würde. Mir geht nämlich diese verdammte Radiomeldung nicht mehr aus dem Sinn. 75000 Stimmen, damit wir in die Hall of Fame aufgenommen werden können? Leider aber ohne unseren Frontmann, für den sich diese Ernennung wie die Krönung für sein Lebenswerk angefühlt hätte.

Oder liegt es vielmehr daran, dass ich in Wirklichkeit ein erbärmlicher Feigling bin? Die schnöde Wahrheit ist, dass ich mich bisher nicht wirklich dazu durchringen konnte und seit Hunderten von Kilometern um den berühmten rosa Elefanten wie um den heißen Brei herum kreise.

Schließlich haben wir dann doch noch ein Hotel gefunden, das über eine erstaunlich gute Internetverbindung verfügt. „Kein Wunder“, sagt die nette Dame an der Rezeption zu mir, „schließlich befindet sich nicht weit von hier die OTC International Satellite Earth Station, da müsste es schon mit dem Teufel zugehen, wenn nicht.“

Na, wenn das nichts ist, denke ich mir, frage mich aber gleichzeitig, warum ich nicht auf der Stelle in Jubel ausbreche und worauf ich eigentlich noch warte. Solange Eva duscht, könnte ich die Zeit doch nutzen und mich an den ersten verfügbaren Computer setzen, doch will ich das? Möchte ich nicht viel lieber erst mal alleine losziehen und bei einem Bierchen oder auch zwei meine Gedanken sortieren. Denn noch brennender, was wirklich an jenem 22. November 1997 geschah, interessiert mich, was aus meinen Lieben daheim geworden ist. Beth, Andy, Jon, meine Eltern… Am liebsten würde ich mich ja auf der Stelle nach Perth beamen, vorausgesetzt sie lebten noch dort; vorausgesetzt, ich lebte noch dort.

Oder ich lebe in diesem Jahr überhaupt noch. Ja, vermutlich wird es das sein, was mich bisher von gründlicheren Nachforschungen abgehalten hat: die Möglichkeit, dass es mich wie Michael ebenfalls dahin gerafft haben könnte. Oh Gott, das wäre tatsächlich der große GAU. Denk nach Tim, denk nach, versuche ich diese Horrorvorstellung nicht zu dicht an mich herankommen zu lassen, aber leider ist der Schaden nun schon angerichtet, und ich beschließe, es jetzt erst recht darauf ankommen zu lassen, die erste Flasche zu exen und dann die erstbeste Quelle anzuzapfen, die mir in meinem angeschlagenen Zustand einfällt: Wikipedia. Ein Mausklick, und schon baut sich die gewählte Seite in einem bisher noch nie gekannten Tempo auf, nachdem ich meinen Namen eingegeben habe:

„Nicht zu verwechseln mit dem amerikanischen Investor und Lifestyle-Guru Tim Ferriss oder dem wissenschaftlichen Schriftsteller und NASA-Berater Timothy Ferris, geboren 1944.“

So sehr mich die Biografie des klugen Kopfs hinter der Voyager Golden Record im Normalfall auch interessieren würde, gebe ich nicht der Versuchung nach, vom eigentlichen Ziel meiner Suche abzuschweifen. Und tatsächlich finde ich schon in der nächsten Zeile die gewünschte Information.

„Timothy William Farriss (born 16 August 1957) ist ein australischer Musiker sowie Gründungsmitglied und Leadgitarrist der Rockband INXS.“

„Ist ein australischer Musiker“, nicht „war ein australischer Musiker“, mehr muss ich nicht wissen, um grenzenlose Erleichterung zu fühlen. Hurra, ich lebe auch in 2023 noch. Alles andere hätte sich wohl ziemlich schräg angefühlt, sowohl für mich als auch meine Familie. Wie gerne wäre ich doch jetzt bei ihnen. Bereits im nächsten Moment aber schiebe ich dieses Verlangen beiseite. Erstens werden weder sie noch mein Ich von heute in meiner aktuellen Gestalt erkennen, doch gerade letzterem darf ich keinesfalls über den Weg laufen. Unter keinen Umständen darf ich meinen eigenen Weg kreuzen, auch wenn das alles andere als einfach wird; spiele ich doch längst mit dem Gedanken, mit Hilfe des Internets alles über sie herauszufinden.

Außerdem wäre da noch unsere Reiseroute. Wenn ich mich recht erinnere und Eva nicht wieder spontan irgendwelche Abstecher unternehmen möchte, kann es nicht mehr lange dauern, bis wir Perth erreichen – und bis dahin möchte ich gewappnet sein.

Mit Evas Smartphone, das ich ihr unter dem Vorwand, mein Akku wäre leer, abgeluchst habe, bin ich vor die Tür gegangen. Aber nicht, um nur mal kurz zu telefonieren. Sondern um im Innenhof unseres Hotels bei einem Drink online weiterzusuchen. Nach Informationen über mich. Doch dann hat mich der sich über unserem Viertel wölbende und mit unzähligen Sternen übersäte Himmel so fasziniert, dass ich plötzlich Lust bekommen habe, die Umgebung zu erkunden. Und ehe ich mich versehe, befinde ich mich auf der von Araukarien gesäumten Hauptstraße von Ceduna.

Mehr durch Zufall entdecke ich in einer Seitenstraße einen Pub mit einem Biergarten im Freien, wo nur vereinzelt Leute sitzen und die Aussicht genießen. Ja, von dieser kleinen Anhöhe aus kann man trotz der späten Stunde die Teleskope in der Ferne gerade noch so mit bloßem Auge sehen, und das auch nur, weil der Horizont hinter ihnen in irisierenden Farben zu pulsieren scheint. Merkwürdig, dass sie trotz der uns trennenden Kluft von vierunddreißig Kilometern zum Greifen nah erscheinen, und mindestens genauso seltsam wie die Tatsache, dass ich dieses Flackern nicht zum ersten Mal sehe. Genaugenommen, verfolgt es uns schon seit Woomera. Normal ist das nicht, und ich klammere mich an den Gedanken, dass es dafür eine logische Erklärung geben muss. Wäre doch gelacht, wenn sich diese nicht finden ließe. Wozu halte ich denn sonst Evas Smartphone in der Hand, wenn nicht dafür?

♪ This place is old, it feels just like a beat up truck, I turn the engine but the engine doesn’t turn ♪

Wie zum Hohn schallen die rockigen Klänge einer kalifornischen Rockband aus der offenen Kneipentür quer durch den Biergarten. Wobei wie von einem Truck gestreift, mit einem Piano oben drauf, viel besser passen würde. Denn anstatt mir Seiten anzuzeigen, die plausible Erklärungen für meine Beobachtungen liefern könnten, geht ein neues Fenster auf und zeigt Dutzende von Seiten mit meinem Namen an. Oder besser gesagt, die meiner Namensvetter. Anscheinend bin ich aus Versehen auf den letzten Suchverlauf gekommen, den ich beim Verlassen unseres Zimmers gestartet hatte. Ein Link springt mir dabei ganz besonders ins Auge.

„Ex-INXS-Gitarrist auch weiterhin verschwunden. Perth: Rätselraten um den mysteriösen Verbleib von Tim Farriss, den man seit Wochen nicht mehr gesehen hat. Bisher sind sämtliche Versuche, Familie und Management mehr als ein knappes Statement zu entlocken, ins Leere gelaufen. Offiziell heißt es zwar, der ehemalige Leadgitarrist unterziehe sich aufwendigen Reha- und Physiomaßnahmen nach seiner schweren OP an der linken Hand in 2015. Dafür munkeln andere Quellen, seit seinem verlorenen Zivilprozess, der ihn teuer zu stehen kommen wird, traue er sich nicht mehr in die Öffentlichkeit.“

Reha? Physio? Schwere OP an der linken Hand? Ich soll untergetaucht sein wie Agatha Christie vor hundert Jahren? Ich hätte bei Wikipedia bleiben sollen, denn was ich da lese, zieht mir die Schuhe aus:

„Im Januar 2015 verlor Farriss bei einem Bootsunfall mit einer Seilwinde einen Finger, der zwar in einer aufwendigen Operation wieder angenäht werden konnte – trotz intensiver Physiotherapien ist seine Zukunft als Musiker jedoch ungewiss, da er sich nach eigenen Aussagen grifftechnisch nur noch auf Anfängerniveau befindet. Trotz aller Bemühungen und Aufbietung einer Reihe von Zeugen hat am 28. Januar 2022 der Oberste Gerichtshof von New South Wales das 2019 aufgenommene Verfahren beendet, und zwar zu Gunsten der Beklagten, während der Kläger zusätzlich zu dem ihm nicht zugesprochenen Schmerzensgeld nun auch noch die Kosten der Gegenseite tragen muss.“

Schon 1993 war man online“, Donnerwetter! – https://youtu.be/ftSsmUFJCNY?t=0

PS: Das on line“ in der Kapitelüberschrift ist kein Schreibfehler, sondern pure Absicht.

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 17 *** Newsreel Babies

♪♫♪ The nature of your tragedy is chained around your neck ♪♫♪ –INXS „The stairs“-

Lichter in Spektralfarben, an einem irisierenden Himmel, hell aufleuchtend wie die berühmten Opale aus Coober Pedy, von denen ich bisher noch keinen einzigen zu Gesicht bekommen habe, und vermutlich auch nicht mehr sehen werde: Unter anderen Umständen hätte ich dieses außergewöhnliche Naturschauspiel sicherlich ausgiebig bewundert, wäre da nicht dieser seltsame Traum – oder das, was ich einen Moment lang dafür gehalten habe.

Dass man sich niemals aussuchen kann, in wen man sich verliebt – geschenkt! Dass dieses Spielchen aber auch in entgegengesetzter Richtung funktionieren kann, hatte irgendwann bei mir dazu geführt, dass ich diese Erfahrung aus meinem Gedächtnis streichen wollte. Mit mäßigem Erfolg, wie sich jetzt gezeigt hat. Denn hätte ich tatsächlich vergessen, dass die erste Stimme, in die ich mich mit gerade mal vierzehn Jahren verliebt hatte, seine gewesen war, dann wäre nicht der Wunsch als Vater meiner Gedanken dazwischen gegrätscht und hätte mir nicht ein um Jahrzehnte verspätetes Nachbild meiner Fantasien von damals beschert.

Ich sehe mich schon im Außenbereich einer Kneipe sitzen und Michael auf mich zukommen, um mit mir zu reden – ganz in Weiß, wie in meinem Traum vor dem Beinahe-Crash mit dem Känguru. Reden… über meine Veränderung, die sich Beth nicht mehr schönreden kann und die bereits auch anderen aufgefallen ist? Oder über das, was wirklich dahinter steckt? Doch wenn ich damit herausrücke, habe ich den Freifahrtschein in die Klapse sicher.

Okay, ich könnte mir auf die Schnelle auch irgendeine obskure Begründung an den Haaren herbei ziehen, indem ich behaupte, durch den Unfall wäre meine Festplatte gelöscht worden und ich hätte sogar verlernt, wie man Gitarre spielt. Leider aber bin ich in der Kunst, das Blaue vom Himmel herunter zu flunkern, genauso bewandert wie darin, über unangenehme Dinge den Mantel des Vergessens zu breiten, wie schon so oft in meiner Vergangenheit. Nämlich gar nicht.

Oder soll ich alles so weiterlaufen lassen wie bisher, auch auf die Gefahr hin, dass ich Beth so erst recht in Michaels Arme treiben und sich Leslies angebliches Seemannsgarn tatsächlich als echt herausstellen würde? Mit Sicherheit gäbe das den totalen Stress. Und wenn’s richtig dumm läuft, würde sich deswegen sogar die Band auflösen – meine ganz persönliche Horrorvorstellung. Andererseits aber bliebe vielleicht Michael genau jener Höllentrip erspart, der mit großer Wahrscheinlichkeit zu seinem viel zu frühen Ableben führen wird: Kein lauschig-feuchtfröhlicher Abend in Kopenhagen,  aber auch kein Streit mit einem aufgebrachten Taxifahrer, gefolgt von einem in ein Schädel-Hirntrauma mündenden Sturz. Die Liste dessen, was außerdem noch alles nicht geschehen würde, ist nicht gerade kurz, und vermutlich wird auf ihr der Obduktionsbericht genauso wenig auftauchen wie die damit verbundenen Spekulationen wegen des fehlenden Abschiedsbriefs.

Und damit, liebe Freunde, wären wir in das Paralleluniversum eingetreten, das wir nie erschaffen wollten.

Aus dem Augenwinkel nehme ich wahr, wie der Schatten der Araukarie an der Seite des kleinen Biergartens in Bewegung gerät und eine Gestalt in Jeans und Lederjacke preisgibt, die sich in dem Streifen goldenen Lichts, das sich aus der Kneipe ergießt, als Michael entpuppt.

Déjà-vu oder Vision? Am Himmel zeigen sich rötliche und pastellgrüne Lichter. Hinter ihrem wilden Pulsieren verblasst sogar das Licht der Sterne, die das Dunkel nur deshalb wie weitverstreute Diamanten überziehen können, weil die Luft so unglaublich klar und frei von unnötigem Streulicht ist. Das Tor zur Nullarborwüste: Nicht umsonst hat man sich diesen Ort ausgesucht, als es darum ging, einen geeigneten Platz für die gigantischen Satellitenschüsseln zu finden, die ich in der Ferne gerade noch so erkennen kann. Flackernde Lichter? Goldenes Licht in den Fensteröffnungen? Wehe, das wird jetzt so ein Final-Destination-Moment. Fehlt nur noch von Musik begleitetes Gelächter aus der Kneipe…

„Können wir reden?“

Reden, das sagt sich so leicht. Wie denn, würde ich am liebsten zurückgeben, wenn die Stimme versagt und die Knie weich werden, die schweißfeuchten Handflächen noch nicht mit eingerechnet, beim Blick in diese Augen…

Natürlich sind es seine Augen. Aber ist es denn jemals anders gewesen?

Ein französischer Dichter hat einst gesagt, man sähe nur mit dem Herzen gut und das Wesentliche sei für die Augen unsichtbar. Ach, wäre mein Herz doch nur blind – denn was ich vor mir sehe, ist ein völlig anderer Mensch als die Bühnenpersönlichkeit, die ihr Publikum Abend für Abend bis zur letzten Note fest in der Hand hat. Igor, leg den Schalter um!

Wie damals bei Freddy, läuft es mir heiß und kalt gleichzeitig den Rücken hinab, auf der Bühne gibt er die Rampensau, und ist privat doch so ganz anders. Und da begreife ich, was Beth dazu gebracht hat, ihm ihr Herz auszuschütten. Denn wo ich bei anderen so oft das Gefühl habe, sie seien stets auf dem Sprung und voller Angst, eine noch interessantere Begegnung zu verpassen, noch während sie mit dir reden, besitzt Michael die seltene Gabe, sich in einem Gespräch auf sein jeweiliges Gegenüber voll und ganz einzulassen. Fear of missing out? Nicht bei ihm, denn bei ihm hast du das Gefühl, dass du in diesem Moment für ihn der wichtigste Mensch der Welt bist. Und vielleicht auch der einzige. Aber genau das macht mir auch Angst.

Denn wer kommt schon gegen Blicke bis auf den Grund der Seele an? Blicke voller Wärme, Sensibilität und Mitgefühl, doch jetzt lese ich noch etwas anderes darin: Zerbrechlichkeit und Schmerz.

Und diesen Menschen soll ich belügen? Nur weil ich Angst habe, meine wahre Identität zu enthüllen.

Bravo, Nicole – da hast du dich ja in eine schöne Zwickmühle hinein manövriert!

Wie willst du da bloß wieder raus kommen?

„Ich dachte, wenn wir beide schon nicht schlafen können, dann…“, versucht Michael, das lähmende Schweigen zu durchbrechen, erreicht damit aber nur, dass ich mich jetzt erst recht wie beim Murmeltiertag fühle, den man um Wochen vorgezogen hat. Ich schwöre, wenn jetzt noch die Jukebox zu dudeln anfängt, dann…

 I walked along the avenue, I never thought I’d –

Oh no! Als ob ich es geahnt hätte! Es wäre ja auch zu schön gewesen, aber ich wollte es ja nicht wahrhaben. Gleich wird sich mein Traum wiederholen. Oder sollte ich Vorahnung sagen? Uns beide grüßt das Murmeltier? Nicht, wenn ich es verhindern kann.

Können wir reden?

Nein, diesmal ist es kein Traum. Diesmal laufe ich wirklich davon. So weit die Füße tragen und ich mit meinem Handicap komme.

Unheimliche Schattenlichter. Eine Leuchtreklame weckt meine Aufmerksamkeit. Ein Kino? Ich wusste gar nicht, dass es in diesem Kaff so etwas gibt. Aber ich wusste ja so vieles nicht. Hektisch blicke ich mich um. Anscheinend bin ich alleine in dieser Parallelstraße, in der die allgegenwärtigen Araukarien Fehlanzeige sind.

„Unheimliche Schattenlichter – Twilight Zone : The Movie“

Obwohl nach diesem Tag noch mehr Horror nun wirklich nicht mehr geht, beschließe ich, eine Karte zu lösen. So wie meine Reise bisher verlaufen ist, kann mich nun wirklich nichts mehr schocken. Da kommt mir so ein absurdes Mysterienspiel und die damit verbundene Ablenkung von meiner Misere wie das auf den Plakaten angekündigte doch gerade recht. „Time Out, Kick the can, It’s a good life, Nightmare at 20,000 Feet“ – na, wenn das nichts ist! Außerdem würde mich von den anderen hier niemand vermuten. Steven Spielberg ist einer der Regisseure, und Dan Aykroyd spielt auch mit? Das gibt den Ausschlag, und so finde ich mich keine zehn Minuten später in der hintersten Ecke wieder, um das Spektakel auf mich zukommen zu lassen.

Doch noch ist es nicht soweit. Es folgt als Relikt aus vergangenen Zeiten ein Vorprogramm, von dem ich gedacht hatte, man hätte es längst eingemottet. Leider falsch gedacht, denn anscheinend hat der Betreiber einen Narren an der Wochenschau gefressen. Newsreel Babies: zuerst die weltweiten Neuigkeiten, dann der Rückblick auf Geschehnisse in Australien und Neuseeland und zum Schluss die Lokalnachrichten.

„Perth. Verstärkt häufen sich Berichte über Personen, deren Verschwinden mit den Sichtungen eines rätselhaften Taxis in Verbindung gebracht werden. Da es von dem Fahrzeug, das man im Volksmund auch unter dem Namen ‚Taxi Nummer Fünf‘ kennt, kein brauchbares Bildmaterial gibt, können wir nur mutmaßen, ob es sich um jenes Taxi handelt, von dem es heißt, es bringe einen nicht dorthin, wohin man will, sondern wohin man muss. Wir raten dringend davon ab, in dieses Fahrzeug, über dessen Farbe sich Augenzeugen uneins sind, einzusteigen.“

Der Rest der Vorstellung rauscht ungesehen an mir vorbei. Ein Taxi, das mich von hier fortbringen könnte? Oh, ich weiß genau, wohin ich muss – und rein zufällig möchte ich auch da hin.

Aber werde ich diesem ominösen Taxi jemals begegnen? Und falls ja, wann?

Und da das titelgebende Musikstück nicht so ganz nach meinem Geschmack ist, ertönt nun der im Zitat erwähnte Song:

1991 – Live und in Farbe („we share the same spaces“): https://www.youtube.com/watch?v=O8gSepbnop4

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 16 *** What would you do

… wo zuvor noch die Sonne versunken ist, huschen nun diffuse Lichtreflexe in immer neuen Pastelltönen über den Abendhimmel; Sonnenwinde in Jadegrün, Ultramarinblau und sattem Rosa in einer irrwitzigen Geschwindigkeit… -Timothy William Farriss (2023)- *)

„Ceduna. Norfolk-Tannen säumen die Main Street und sind charakteristisch für die malerische Kleinstadt mit knapp 3000 Einwohnern an der Westküste von South Australia.“

Während das eingeschaltete Aufnahmegerät läuft, leiere ich mechanisch meinen Text herunter. Der besteht zum Teil aus Wissen, das ich mir vor meiner Reise aus Reiseführern und dem Internet angelesen habe und an das ich mich nur noch bruchstückhaft erinnern kann. Dumm gelaufen: So wie’s aussieht, waren meine vielen Stunden auf Wikipedia für die Katz.

Leise seufzend lehne ich mich gegen den Stamm einer dieser Tannen und lasse das Diktaphon sinken, um die letzten Tage Revue passieren zu lassen. Die fächerartigen Äste der anderen Tannen in meinem Sichtfeld erstrecken sich wie fremdartige Scherenschnitte in den von Schwarz und Blau über Weiß und zu einem blassen Apricot irisierenden Abendhimmel. Schwarze Silhouetten, wie alles um mich herum. Die Bäume, die Straßenlaternen, die Häuser mit in blassem Gold leuchtenden Fenstern.

I walked along the avenue, I never thought I’d meet a girl like you…

Der Abend könnte so friedlich sein, wären da nicht das fröhliche Gelächter und die laute Musik, die aus der offenen Kneipentür schräg gegenüber auf mich einströmen und meine Gedanken mit einem absurden, wie aus der Zeit gefallenen Soundtrack untermalen. Umso absurder nehmen sich meine Worte aus, die ich als nächstes auf Band festhalte: „In der Sprache der Aborigines bedeutet der Name des Städtchens so viel wie Ruheplatz. Ein schöner Gedanke und vor allem so passend, wenn man wie wir nach drei Tagen mit erheblicher Verzögerung ankommen, weil unser Fahrer den ausgeklügelten Zeitplan nicht einhalten konnte. So viel zum Thema ‚wir fahren nachts‘ – ich sag nur eins: Reifenpanne.“

Ich erwähne noch kurz das damit verbundene Warten auf das Ersatzfahrzeug, natürlich viel kleiner und ohne Schlafkojen, dann schalte ich das Gerät ab. Wozu mache ich mir die Mühe überhaupt noch? Und außerdem muss von dem, was während jener drei Tage in mir vorgegangen ist, niemand etwas wissen, denn meine persönliche Achterbahn der Gefühle geht niemanden etwas an.

Ob du nicht mit ihm reden kannst? Reden… Gute Idee, aber worüber?

Dabei kann ich Beth nur zu gut verstehen: Zu erleben, wie sich der geliebte, sonst so offene und lebensfrohe Partner immer mehr abkapselt, jegliche über das absolute Minimum hinausgehende Zweisamkeit meidet und alle zaghaften Versuche von Zärtlichkeit an sich abprallen lässt, muss für sie an der Grenze des Erträglichen sein. Jede andere hätte längst Krach geschlagen oder sich in die Arme eines anderen geflüchtet – aber nicht Beth. Hätte sie sich jetzt auf eine Affäre mit dem besten Freund ihres Mannes eingelassen, wäre ich die Letzte, die ihr das übel genommen hätte. Und trotzdem kann ich mir dieses Szenario nicht vorstellen. Hätte sie denn sonst nach dem letzten Strohhalm gegriffen und Michael gebeten, ja geradezu angefleht, mich in einer ruhigen Minute beiseite zu nehmen? Für ein Gespräch über… ach nee, das hatten wir schon. Aber warum sollte ich mir über das Worüber den Kopf zerbrechen, wenn weder das Wie noch das Wo geklärt worden waren? Und da wurde es schwierig.

Im Bus? Unmöglich, wenn wir vermeiden wollten, dass sich andere in das Gespräch hinein tauchsiederten, denn hier hatten die Wände Ohren. Und draußen vor dem Bus? Nur unwesentlich besser, denn da hatten sie Augen. Und Nasen, die das Drama förmlich rochen. Kein Wunder, dass sich die Suche nach der ruhigen Minute schwieriger als gedacht gestaltete. Denn sobald der Fahrer für die ihm vom Gesetz vorgeschriebene Ruhepause am Straßenrand anhielt, war immer irgendetwas anderes los. Und so ging das Spielchen weiter bis nach Ceduna. Denn natürlich hatte ich die Blicke bemerkt, die mir Michael während der Fahrt zuwarf, und zwar immer dann, wenn er sich sicher war, dass weder ich noch jemand von den anderen davon etwas mitbekam.

Das war nicht die Sorte von Blick, die Außenstehende annehmen ließ, unser Sänger würde nur auf die ideale Gelegenheit zum Reden warten und hätte den passenden Augenblick noch nicht gefunden. Was ihm übrigens auch gar nicht ähnlich gesehen hätte. Nein, es war genau die Art von Blick, bei der man sich wieder in die Schulzeit zurückversetzt sieht, wenn man im Unterricht geistig abdriftet und versonnen seinen Schwarm anschmachtet, ohne zu bemerken, dass der Lehrer inzwischen Wind davon bekommen hat. Mit dem Ergebnis, dass es der Rest der Klasse dann auch weiß und man für den Rest des Jahres für sie zum Gespött wird.

Nochmal passiert mir das nicht, hatte ich mir damals geschworen. Und darum murmelte ich auch was von „frische Luft“ und „ein Bier brauchen“, als der Rest der Truppe unser Gepäck in das kleine Motel brachte, welches von unserem Manager in  Windeseile für uns organisiert worden war. Nur mal kurz verschwinden, noch ehe mir andere folgen konnten, muss ich wohl gedacht haben. Nur blöd, dass bei mir bisher überhaupt nichts gelaufen war, wie ich es geplant hatte.

♫ … meet a girl like you… ♫

Nur mal kurz verschwinden, bevor mir noch jemand folgen kann? Inzwischen sind Stunden vergangen, und mit dem einen Bierchen war es für mich auch nicht getan. Es spielt auch keine Rolle, ob ich bei diesem jemand an einen Bestimmten gedacht habe, denn wenn man vom Teufel spricht…

Aus dem Schatten der Bäume, die den Außenbereich der Kneipe flankieren, löst sich eine Gestalt: Michael. Das wird nicht gut ausgehen, und am liebsten würde ich mich selbst in den Hintern beißen; denn dass er mich früher oder später irgendwo aufstöbern würde, nachdem ich mich so unfein auf Französisch empfohlen hatte, hätte ich mir eigentlich auch denken können.

Wobei mir später lieber gewesen wäre. Oder noch besser: gar nicht.

Also wappne ich mich mental für den kommenden Schlagabtausch, fest damit rechnend, dass er auf mich zustürmt, um mich mit „Wir müssen reden“ zu begrüßen. Doch nichts davon geschieht; weder spiegeln sich die von mir erwarteten Vorwürfe auf seinem Gesicht wider, noch verliert er auch nur ein Wort. Statt dessen bewegt er sich quälend langsam auf mich zu, so dass ich mich zusammennehmen muss und ich mich frage, ob seine betonte Gelassenheit Provokation ist oder einfach nur seine Art. Und während sich mit jedem seiner Schritte eine seltsame Spannung in der Luft zwischen uns aufbaut, verstummt das Gelächter aus der Kneipe so plötzlich, als hätte jemand einen unsichtbaren Schalter umgelegt. Dafür dudelt die Jukebox unbeirrt weiter.

♫ … with auburn hair and tawny eyes, the kind of eyes that hypnotize me through, hypnotize me through … ♫

Es sind seine Augen, die Bände sprechen und mir die Sprache verschlagen – Augen, wie flüssiger Bernstein und so dunkel wie Portwein im Glas, funkelnd und verführerisch glänzend. Augen, mit einem Blick bis auf den Grund meiner Seele.

a beam of light comes shining down on you …

Dazu diese Lippen, mit einem sinnlichen Schwung, gleich dem eines Engels, begleitet von einem Leuchten, das aus seinem Inneren zu strahlen scheint, so hell wie unzählige Sonnen und dabei so kühl wie das Licht des gerade erst aufgegangenen Mondes, an einem Himmel, über den feurig schimmernde farbige Schatten jagen…

… Aurora borealis comes in view …

„Findest du auch keinen Schlaf…“ entschlüpft ein tonloses Flüstern seinen Lippen – Lippen, die ich am liebsten küssen würde, so nah, wie wir uns jetzt sind, denn nun trennen uns nur noch Millimeter. Nicht mehr lange, und dann kann ich für nichts mehr garantieren. Außer, es kommt noch etwas dazwischen.

„Was denkst du denn“, kommt es von mir zurück, „und du weißt sehr gut, dass das nicht an mir, sondern an dir liegt“. Mehr muss ich nicht wissen, denn wäre es nicht um mich geschehen, würde ich nicht so einen Schwachsinn verzapfen oder kurz davor stehen, die größte Dummheit meines Lebens zu begehen. Halt! Stop! Bevor du noch wer weiß was anstellst.

Stop. Stop. Stop…

… reached out a hand to touch your face, you’re slowly disappearing from my view  …

„STOP!“

Jetzt hört nicht nur Michael das Brüllen, das die Musik aus dem Radio im Bus übertönt, sondern auch ich. Benommen wische ich mir über die Augen auf und reibe mir die Stirn, nachdem ich wegen der Vollbremsung gegen den Vordersitz gedonnert bin.

„Da haben wir aber nochmal Schwein gehabt“, höre ich Garry aufatmen, der sich in die Reihe schräg gegenüber gelümmelt hat. Schwein gehabt? Wenn er nur wüsste, wie sehr ich ihm in diesem Moment beipflichte, denn so einen seltsamen Traum hatte ich schon lange nicht mehr. Michael und ich – schon allein die Vorstellung ist so absurd, dass ich mit dem Kopf schüttle und verstohlen vor mich hin lächele. Doch das Lächeln soll mir gleich vergehen.

„Ein Crash mit einem Känguru, so dicht vor der nächsten Ortschaft?“ stimmt ihm jetzt auch Jon zu „Das hätte uns Chris nie geglaubt. Nicht so kurz nach unserer letzten Panne.“

Panne? Nächste Ortschaft? Ungläubig starre ich aus dem Fenster und erhasche gerade noch einen Blick auf das vorbeiziehende Ortsschild.

Welcome to Ceduna. Home of the OTC International Satellite Earth Station. Population: 2852 Est.

And I ran, I ran so far away away…

Doch es sind nicht die Umrisse der Araukarien oder der in den Himmel ragenden Satelliten, die mir die Haare zu Berge stehen lassen und elektrisierende Schauer über den Rücken jagen, sondern die seltsamen Lichter in allen nur denkbaren Spektralfarben, die über den vom Sonnenuntergang geröteten Himmel.

♫ I just ran, I ran all night and day. I couldn’t get away. ♫

Und damit die richtige Stimmung aufkommt, gibt’s heute ausnahmsweise nicht das titelgebende Frühwerk von INXS, sondern den Song, der in diesem Kapitel aus der Musikbox schallt:

Wenn die Situation mehr als zum Davonlaufen ist: https://youtu.be/K3YACuYwiwI

*) PS: Das Zitat am Anfang ist komplett meiner Fantasie entsprungen – im echten Leben sind diese Worte nie gesagt worden. Und damit habe ich beim Open Novella Contest die 20,000-Wörter-Marke überschritten.

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 15 *** Show me

Es ist nirgends besser als daheim.

Ich habe es ja früher nicht wahrhaben wollen und Sätze wie diese als Binsenweisheiten abgetan,  doch nun war da dieser vergangene Abend, der damit geendet hatte, dass ich mich aufs Ohr legte, bevor Eva zurückkommen und lästige Fragen stellen konnte. Klar war es arschig von mir, sie mitten im Pub ohne Kommentar einfach stehenzulassen und abzuhauen, doch nach der am Ende doch noch eingetretenen Vollkatastrophe konnte ich einfach nicht anders. Denn auf der Suche nach einer Möglichkeit, mich still und leise zu verkrümeln, fiel mein Blick auf die Art von Equipment, die ich so bald nicht mehr hatte wiedersehen wollen.

So langsam konnte ich Nickys Aversion gegenüber Karaoke-Maschinen verstehen. Leider aber nützte mir mein Mitgefühl mit der Ärmsten nichts, denn der Horror war noch steigerungsfähig. Es ist nämlich ein Unterschied, ob man sich freiwillig auf dem Podest zum Affen macht oder von der besten Freundin dazu gedrängt wird. Kommt aber das Publikum auf diese grenzwertige Idee, sieht die Sache noch mal ganz anders aus. Und wenn zwei extrem nachtragende Herren die Rädelsführer sind, weil sie noch immer Frust wegen der Abweisung schieben, wird eine ganz andere Nummer draus.

Kaum standen Eva und ich da vorne, dröhnten auch schon die ersten Beats in einer ohrenbetäubenden Lautstärke los, die sich gewaschen hatte. Was dann kam, toppte noch unseren schon ewig zurückliegenden Flop-Auftritt in einem Pub vor einem einzigen Typen, der auch noch stockbesoffen gewesen war. Während ich mich noch wunderte, wie schnell das Ganze auf einmal gegangen war und Eva sich in Pose stellte, sprang auch schon der grellrote Punkt auf dem Bildschirm im hektischen Stakkato von Textstelle zu Textstelle: This-was-ne-ver-the-way-I-planned not-my-in-tention I-got-so-brave-drink-in hand lost-my-discretion

Das ging ja schon gut los! Bei unseren Gigs konnte ich mit meinen Riffs jedes Tempo mühelos mithalten. Aber singen? Und dann noch in diesem abgehackten Rhythmus? Gut, dass ich Eva an meiner Seite hatte, die absolut textsicher war und die vorgefertigten Sätze gar nicht gebraucht hätte. Und doch ließ sie den Bildschirm nicht aus den Augen, doch als es an den Refrain gehen sollte, ließ sie mit einem Ausdruck ungläubigen Entsetzens ihr Mikrofon sinken und verstummte, während die Musik weiterdudelte. Nanu – Frosch im Hals? Nee – Leichenblässe im Gesicht. Wie vor den Kopf geschlagen, starrte ich dem von Silbe zu Silbe hüpfenden Punkt hinterher und versuchte zu begreifen, was ich da gerade las.

I-kissed-a-girl-and-I-liked-it taste-of-her-cher-ry-chap-stick I-kissed-a-girl-just-to try it hope-my-boy-friend-don’t-mind-it

Äh, Moment mal. Das sollte mein Einsatz werden? Warum zum Henker hatte Eva diesen Song ausgesucht, wenn sie selbst damit offensichtlich Probleme hatte? Mit meiner Verwirrung hatte wohl keiner der Anwesenden gerechnet, da alle… Alle? Nicht ganz – sondern alle bis auf einen ganz bestimmten, besonders schadenfroh grinsenden Kerl, der uns hier aufgespürt hatte. Dean! Gekommen, um uns den Abend zu versauen… dass der sich das traute! In meinem Leben hatte ich schon mit genügend Idioten zu tun gehabt, wenn ich nur daran dachte, wie oft ich nach einem Gig nahe daran gewesen war, ein blaues Auge zu kassieren. Oder als Chris wegen einem meiner Ausraster nach Anbietern für Antiaggressions-Trainings suchen wollte, ohne dass die Öffentlichkeit davon erfuhr.

Aber sich so wenig gentlemanlike gegenüber einer Lady zu zeigen, war in meinen Augen völlig daneben. Am liebsten hätte ich Dean ja eine geknallt, aber deswegen eine Kneipenschlägerei anzuzetteln, war das letzte, was ich bei meinen Problemen wollte. Dann doch lieber ein überstürzter Abgang. Der konnte wenigstens einen völlig verkorksten Abend nicht noch schlimmer machen. Cherry Lipstick? Kissed a girl? Was zur Hölle?! Reg dich ab, Tim, und denk an was angenehmeres, versuchte ich mich zu beruhigen, während ich durch die kühle Nachtluft zu meinem Zimmer zurücksprintete. Und so war das letzte, was ich nach meinem kurzen Abstecher ins Internet beim Einschlafen vor mir sah, Beths Gesicht.

Buffy, du fehlst mir, wisperte ich in die Dunkelheit und streckte meine Hand nach ihr aus. Du fehlst mir unendlich. Sie blieb noch für einen Augenblick als Nachbild erhalten, dann verschwand die Erscheinung so plötzlich, wie sie gekommen war.

Eines wird mir am nächsten Morgen klar: So verlockend es auch ist, für eine Weile in die Rolle von jemand anderem zu schlüpfen, weil sich kein Schwein für einen interessiert – über kurz oder lang wird sich das Vergnügen rächen und mit Katzenjammer und der Erkenntnis enden, dass es nirgends besser als daheim ist. Im übertragenen Sinn. An dieser Stelle könnte sich für mich der Kreis nun schließen doch etwas in meinem Innern hält mich noch zurück. Vielleicht ahne ich, dass die Zeit noch nicht gekommen ist. Die Frage ist nur, wann.

Die Antwort liegt zum Greifen nah, doch das kann ich nicht ahnen, als Eva beim heute etwas knapp ausfallenden Frühstück verkündet, sie wolle zügig los, um zur Abwechslung mal im Hellen in Coober Pedy anzukommen. Ich wüsste nur zu gerne, was an einem riesigen Feld voller Erdhaufen so interessant ist, bleibe aber ruhig. Zu ruhig, wie Eva feststellt, als wir die Seenplatte auf halber Strecke hinter uns lassen und ich den Burger auspacke, den ich mir geholt habe, um meinen knurrenden Magen zu füllen. Mit doppelt Fleisch und extra viel Zwiebeln.

„Hör mal, Nicky“, beginnt sie, und ich kann mir denken, was gleich kommt. „Ich weiß, der Abend ist ja nun wirklich nicht gut gelaufen…“ – die Untertreibung des Jahres! – „… und ich kann auch verstehen, dass der Typ nicht deine Kragenweite ist…“ – nanu, was sind denn das für Töne? – „… und natürlich geht das, was er sich da geleistet hat, ja mal gar nicht!“

Hä? Sie unternimmt nicht mal den Versuch, mir meine kopflose Flucht unter die Nase zu reiben? Wirklich nicht?

„Aber jetzt mal im Ernst, Nicky. Wie lange ist Andi jetzt weg?“

Andi – wer? Erwartet sie jetzt ernsthaft eine Reaktion von mir? Ällabätsch, Tim. Natürlich nicht, wie konntest du das auch nur für eine Minute annehmen? Nein, ihre rhetorische Frage beantwortet sie praktischerweise gleich selbst.

„Sieben Jahre sind’s diesen Oktober, ich hab’s nachgerechnet. So lange ist er jetzt schon unter der Erde, Nicky. Ja, ich weiß, du möchtest davon am liebsten nichts hören. Nenn‘ mich ruhig unsensibel, aber kein Mensch wird dir einen Vorwurf machen, wenn du dich ab und zu mal amüsierst…“ – keiner vermutlich, außer Nicky sich selbst – „… gute Güte, du musst mit dem Kerl ja nicht gleich in die Kiste springen oder ihm ewige Liebe schwören, aber…“

Weiter kommt sie nicht, denn plötzlich plärrte uns in voller Lautstärke aus dem Radio des Geländewagens entgegen.

Hey guys! Nur noch wenige Wochen, dann stehen sie fest, die diesjährigen Kandidaten für die Rock’n’Roll-Hall of Fame.

Ach herrje – der gleiche Heini, der neulich Beyoncé viel Glück für die Grammyverleihung gewünscht hat. Wen wird er wohl diesmal aus dem Hut zaubern? U2? AC/DC? Iron Maiden? Eigentlich interessiert mich dieser Zirkus nicht die Bohne, aber den Sender zu wechseln, während mein Burger meine ganze Aufmerksamkeit beansprucht?

Lang hat’s gedauert, und wir fragen uns schon seit Jahren, warum sie nicht längst drin sind.

Uiuiui, das scheinen ja ein par ganz dolle Überflieger zu sein, wegen denen dieser Typ total aus dem Häuschen ist, denke ich, während ich andächtig kaue.

Aber nun ist es so weit. Dank der Online-Petition mit 75000 Unterschriften haben Fans es endlich doch noch erreicht, dass man sie nominiert hat – zehn Jahre, nachdem sie sich aufgelöst haben.

Ein bißchen spät, finde ich und bekomme direkt Mitleid mit den armen Schweinen, die man ständig übergangen hat und die deshalb mehrere Anläufe gebraucht haben. Aber spät als nie…

Ja, Freunde des Pub-Rocks! Zehn Jahre nach Auflösung und 25 Jahre nach dem mysteriösen Tod ihres Frontmannes ist es soweit. Wir wünschen INXS ganz viel Glück für die Aufnahme in die Hall of Fame und…

Nach dem Tod ihres… Was??!!

Das kann sich doch nur um einen Irrtum handeln, aber der Sprecher salbadert weiter und verhindert mit seinem Geschwätz, dass sich meine Gedanken sortieren lassen. Säße ich nicht so bequem, diese Bombe hätte mir mit Sicherheit den Boden unter den Füßen weggesprengt und mich in ein schwarzes Loch gerissen. Und so sind die mir aus dem Nichts in die Augen schießenden Tränen die einzige Reaktion, zu der mein von Blitzeis durchzogener Körper gerade noch fähig ist. Und daran sind ganz gewiss nicht die Zwiebeln auf meinem Burger schuld.

Was, bitte, war das denn? Ich weigere mich zu glauben, was ich da soeben gehört habe: Vor ein paar Tagen erst habe ich mit Michael noch einen getrunken, und jetzt soll er plötzlich tot sein? Irgendwie habe ich das Gefühl, dass das Universum eine sadistische Freude daran hat, mir zu zeigen, wie arschig es sein kann.

25 Jahre nach dem mysteriösen Tod ihres Frontmannes… Nein, das kann nicht wahr sein. Ich könnte diese Schocknachricht als geschmacklosen Scherz abtun, doch ich werde das Gefühl nicht los, dass dies Möglichkeit eher gegen Null tendiert. Auch wenn es wehtut – ich glaube, das Beste wird sein, ich tauche noch einmal ein in die grenzenlose Galaxie des Wissens, sobald wir wieder Internet haben.

Wenn man den Wunsch hat, es jemandem mal so richtig zu zeigen: https://www.youtube.com/watch?v=VEuErOJ9Mps

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 14 *** Communication

♪♫♪ Light beams from outer space drifting to your satellite. Your dish responds. Communication disinformation, so entertaining, blood money blood money.  ♪♫♪ –INXS „Communication“-

Pink Lake, Dimboola: Etwas schöneres habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Noch Hunderte von Kilometern später und nachdem wir das Silvesterfeuerwerk über dem Hafen von Adelaide hinter uns gelassen haben, sehe ich diesen gigantischen See vor mir, und darum hüte ich auch das Foto auf Nickys Smartphone wie einen Schatz. Nicht das übliche Selfie, auf die hier alle geradezu versessen sind, sondern geschossen von einem zufällig anwesenden Touristen, dem sie das Mobilteil in die Hand gedrückt hat.

Eva hat einen Arm um meine Schulter gelegt und mich an sich gezogen, dabei hätte sie das gar nicht gebraucht, so weit wie wir vom Standpunkt des uns fotografierenden Typen weg standen, denn wie man unschwer erkennen kann, hat er den Fokus auf das flamingofarben-trübe Wasser im Vordergrund gelegt, über dem sich ein unnatürlich dunkel schimmernder, fast schon kobaltblauer Himmel wölbt. Unterbrochen wird dieser ungewöhnliche Farbkontrast nur von der durch das gleißende Nachmittagslicht schwarz herausstechenden Uferlandschaft. Man braucht schon verdammt scharfe Augen, um zu erkennen, dass sich es bei den winzigen Silhouetten davor um uns handelt.

Eine schöne Erinnerung an einen unbeschwerten Nachmittag von denen es in unserer Bandvergangenheit ruhig hätte mehr geben können, und nicht nur wegen dem, was uns unterwegs alles entgangen ist. Verdammt schade, dass es unser Tourneemanagement damals nicht gebacken bekommen hat, etwas mehr Abwechslung in die von uns zurückgelegten Strecken zu bringen. Aber da darf ich mir auch ruhig selbst an die eigene Nase fassen. Schließlich sind wir selbst jahrelang quer durch Australien auf eigene Faust in einem klapprigen Bus von Auftritt zu Auftritt in Pubs, Bars und Hotels gegurkt; jedenfalls so lange, bis wir dank eines soliden Plattenvertrags uns nicht mehr selbst um alles kümmern mussten – in gewisser Weise ein Vorteil, andererseits aber auch ein Nachteil: das letzte Mal, dass ich so herumblödeln konnte, inkognito und ganz hemmungslos, bin ich ein Teenager gewesen.

Lust auf eine Wasserschlacht? Check! Die Songs im Radio und auf CD mitgrölen, laut und ohne Rücksicht auf Verluste? Meine Kumpels hätten mir schön was gehustet. „Singe, wem Gesang gegeben“, hätte Andy nur gegrinst und mir gönnerhaft auf den Rücken geklopft und mir so durch die Blume mitgeteilt, dass ich diesen Part doch lieber anderen überlassen sollte. Ganz im Gegensatz zu Eva, die eine CD mit irgendwelchen seltsamen Achtziger-Jahre-Hits eingelegt hat und nun völlig losgelöst mit ihren All-Time-Favourites mitsingt, die gleich nach diesem Kerl mit Vokuhila-Frisur kommen.

♪♫♪ … Zeit ist jetzt reichlich da, mach dir’n paar Wünsche wahr… ♪♫♪

Wie aufs Stichwort unterbrechen plötzlich die aktuellen Verkehrsmeldungen das ohrenbetäubende Programm und verkünden eine Unterspülung der A1 hinter Port Augusta.  Tja, auf spontane Streckenänderungen sollte man zu dieser Jahreszeit, in der es im Südosten öfters mal zu sintflutartigen Regenfällen kommen kann, schon vorbereitet sein.

Opale. Flamingorot, jadegrün und kobaltblau… Die Verlockung war wohl doch zu groß, und so haben wir uns nach der Durchsage spontan zu einem Umweg über die Opalminen von Coober Pedy und den sagenumwobenen unterirdischen Motels entschieden. Anscheinend hat Eva mit mehr Gegenwehr von meiner Seite gerechnet, denn sie zeigt sich überrascht von meinem Vorschlag, wir könnten doch irgendwo auf halber Strecke übernachten; doch außer einer hochgezogenen Augenbraue kommt keine Reaktion von ihr.

Abseits der großen Highways unterwegs zu sein, hat für mich immer noch seinen Reiz, und so wird es dann doch später als geplant, als wir im schwindenden Licht das Ortsschild eines Zweihundert-Seelen-Nests passieren: Woomera. Zeit, sich eine Unterkunft zu suchen, da es nun schon merklich abgekühlt hat – und doch kann ich meine Augen nicht vom Horizont lassen. Da, wo zuvor noch die Sonne versunken ist, huschen nun diffuse Lichtreflexe in immer neuen Pastelltönen über den Abendhimmel; Sonnenwinde in Jadegrün, Ultramarinblau und sattem Rosa in einer irrwitzigen Geschwindigkeit, die einem unaufmerksamen Passagier oder allein auf die Straße konzentrierten Fahrer entgehen würden. Polarlichter um diese Zeit und in dieser Region? Seltsam…

„So sieht man sich wieder… Na, wenn das kein Zufall ist!“

Gerade habe ich mein Bier an meine Lippen gesetzt, da verharre ich wie festgefroren in der Bewegung. Zufall? Wer’s glaubt! Und man komme mir nicht mit dem abgedroschenen Spruch, wie klein doch die Welt ist – auf Begegnungen wie diese würde ich nur zu gerne verzichten, nachdem Eva und ich auf der Nachtfähre schon einmal das unangenehme Vergnügen hatten. Sam und Dean aus Kalifornien, von der Sorte, die nicht merkt, wenn ihr Typ nicht erwünscht ist. Mit einem Mal verblassen die Bilder von den Polarlichtern und dem rosa See im Hintergrund, weil sich eine ganz andere Momentaufnahme darüber legt, so aufdringlich wie der Typ mit den kurzen Haaren, der mich so unverschämt anbaggern musste, just als Eva und ich noch einmal auf meine Champagnertaufe anstoßen wollten.

Ein Drink, und meine Zunge war so weit gelockert, dass ich meine Freude laut bejubelte. „Ich hatte schon lange nicht mehr so viel Spaß.“ Das musste einfach gefeiert werden. Dass hier eine Junggesellinnentruppe ebenfalls die Korken knallen lassen wollte, bekam ich erst mit, als der Startschuss zu einem Karaoke-Abend fiel. Ich und singen! My stars! Aber da Eva anscheinend hier in ihrem Element war und ich, gelinde gesagt, schon leicht einen im Tee hatte, ließ ich mich mitreißen.

„Just give me a reason“, flackerte es auch sofort rhythmisch über den Bildschirm der Maschine und gab vor, wer von uns beiden an der Reihe war. Eva passenderweise als Pink und ich als ihr männlicher Duettpartner… gut, dass von den Anwesenden niemand wusste, worauf sie sich einließen. Und am allerwenigsten ich, denn sonst hätte ich mich nach unserem ziemlich schief geschmetterten Love-Song über eine leicht toxische Beziehung nach draußen verkrümelt und mich gefragt, was Eva sich dabei wohl gedacht hatte. Etwas, an dem sich die beiden Herren, die sich ungeniert an unserem Tisch breitgemacht hatten, nicht zu stören schienen und eine hohle Phrase nach der anderen droschen. Und so, wie sich Eva ins Zeug legte, weil sie ihren unterbrochenen Flirt anscheinend wieder aufnehmen wollte, schien der andere zu glauben, dass ich genauso auf ihn abfahren würde. Aber da war der Kerl bei mir an der falschen Adresse. Sorry, aber ich stehe nun mal nicht auf testosterongeladene Typen mit Kurzhaarschnitt und einer Vorliebe für Tarnfleck, die vor der gerade erst geschlossenen weiblichen Bekanntschaft den Mister Obercool raushängen lassen und eine höfliche Absage nicht verstehen wollen.

Erst, als ich diesen Dean abblitzen ließ, wurde es ungemütlich und er plötzlich ziemlich uncool. Ein unschönes L-Wort mir an den Kopf werfend, stieß er den Stuhl so plötzlich zurück, dass ich schon glaubte, das Möbelstück käme den Leuten am Nachbartisch gefährlich nahe, und gab seinem Kumpel ein Zeichen, der sein Pech kaum fassen konnte. Was war ich froh gewesen, die beiden Nervensägen losgeworden zu sein. Ich hätte wissen müssen, dass mich das Unglück nicht verlassen würde. Warnung hätten sie mir sein müssen, die gerahmten Schwarzweißfotos unserer Band an den Wänden; eine Warnung auch der Inhaber des Pubs, der sich damit brüstet, dass INXS hier aufgetreten sind…

Ja, ein einziges Mal vor 40 Jahren, und dann noch vor neun Leuten. Nein, er muss auch noch mit einer Bronzeplakette vor der Tür darauf hinweisen. Jetzt fehlt nur noch der Walk of Fame auf dem Bürgersteig mit dem eingelassenen Stern und unseren Handabdrücken darin. Doch damit nicht genug: da sitzen sie, unsere hartnäckigen Verehrer von der Fähre und einem vermutlich noch früheren Zusammentreffen, von dem Eva mir nichts erzählt hat. Haben wir denn nirgends Ruhe vor denen? So gesehen, kann der Abend doch nur noch kippen. Hoffentlich wird das keine Vollkatastrophe!

Spoiler on: Natürlich tritt der GAU ein, und ich stürme fluchtartig von der Bühne, eine völlig vor den Kopf gestoßene Eva zurücklassend. Blackout – ich habe keine Ahnung, wie ich es geschafft habe, meine Siebensachen einzusammeln und völlig unbehelligt unser Motel-Zimmer zu erreichen, aber ich will es auch gar nicht wissen. Statt dessen plündere ich die Minibar und versuche, den Schock mit einer geradezu lächerlich kleinen Menge an Wodka hinunterzuspülen. Mit solchen Fingerhüten geben weder meine Jungs noch ich uns zufrieden, aber keine zehn Pferde würden mich nochmal zurück an den Ort der Schande bringen, von dem Eva hoffentlich bald zurück ist.

Fernsehen fällt als Ablenkung flach, weil die Batterien der Fernbedienung leer sind. Mein Gott, klappt denn in diesem verdammten Kaff überhaupt nichts? Unruhig tigere ich im Zimmer auf dem abgetretenen Teppich hin und her und greife nach dem erstbesten Flyer, der mir vor die Nase kommt.

Welcome to Woomera – Home of the US Space Research Station!

Nee, oder? Hektisch überfliege ich das Pamphlet und spüre, wie das Papier unter meinen Fingern zu vibrieren beginnt. Wenn ich den vor Patriotismus nur so strotzenden Text richtig verstehe, befinden wir uns mitten in einem ehemaligen militärischen Sperrgebiet, das vor 40 Jahren für den zivilen Straßenverkehr freigegeben wurde. Das erklärt auch, warum wir damals in dieser Einöde auftreten konnten, ohne dass es im Vorfeld Ärger gab. Anscheinend kann hier jetzt jeder Hinz und Kunz durchfahren, und anstatt einen auf geheimnisvoll zu machen, darf man diese Forschungsstation sogar besichtigen. Sonst würden sie ja nicht „Visitors welcome“ schreiben.

Was sie aber nur am Rande in ein paar mageren Nebensätzen erwähnen, sind die für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Teile, wie zum einen den nicht stillgelegten Sprengplatz für Munition. Den anderen Bereich, der sich hinter einer hochwissenschaftlichen Bezeichnung verbirgt, muss ich mir jedoch erst auf dem klapprigen Hotelcomputer ergoogeln.

Bei der Woomera Instrumented Range handelt es sich um eine Testanlage für Luft- und Raumfahrtexperimente. Und ich wette, in dieser Anlage führen sie gerade solche Experimente durch und diese komischen Polarlichter von heute Abend gehen auf ihr Konto.

Gute Kommunikation ist ja so wichtig: https://www.youtube.com/watch?v=Py21EG8XftI

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 13 *** One x One

♪♫♪ When all your tears go dry, honey, one by one, I will still be there, I will sing your song. ♪♫♪ -INXS „One x One“-

All veils and misty, streets of blue… – Die über den Rasenflächen des Olympic Park Stadions aufsteigenden Nebelschwaden bergen nichts mysteriöses in sich. Es ist ganz normaler Wasserdampf, der für gewöhnlich auf Starkregen folgt.

Von wegen blaue Stunde. Das einzige, was hier blau ist, sind Jon und Garry. Der eine mehr, der andere weniger. Mich wundert das gar nicht, denn wohin ich zur Zeit auch schaue: Überall ist Katerstimmung, und nicht nur wegen der heftigen Regenfälle, wegen denen das für den 3. Januar angesetzte Konzert um einen Tag verschoben werden musste. Doch diese überraschende Planänderung ist nicht der Grund; auch nicht, dass das Ergebnis von Chris‘ Bemühungen, auf den letzten Drücker vernünftige Hotelzimmer für uns alle zu organisieren, eher mau ausgefallen ist und sich einige von uns auf kleinstem Raum förmlich stapeln dürfen.

Adelaide und Melbourne liegen zwar nicht so weit auseinander, als dass drei Tage für die volle Strecke zu knapp kalkuliert gewesen wären. Es sind 727 Kilometer, um genau zu sein, doch für unseren Manager ist der Gedanke, dass seine Jungs plus Begleitung noch eine weitere Nacht im Tourbus zubringen sollen, geradezu lächerlich. Zu viert in einem Doppelzimmer? Bei dieser Vorstellung wiederum haben sich Andy, Kirk und Michael nur vielsagende Blicke zugeworfen. Während mein Bruder nur die Stirn runzelte und Kirk seinem Ärger mit einem „Nicht dein Ernst, Kumpel – immer dieses Nähen auf Kante!“ Luft machte, quittierte Michael das Resultat mit einem Augenrollen, um Jon und Garry an der Bar Gesellschaft zu leisten.

Äußerlich nur scheinbar gefasst, sprach sein Gesicht Bände, und ich konnte mir schon denken, was in ihm vorging: Ich liebe zwar diesen Idiotenhaufen, aber bevor ich mich in diese Abstellkammer zwänge, penn‘ ich doch lieber im Bus. Hätte ich an seiner Stelle auch gedacht, wenn ich ehrlich bin. Und wenn wir schon mal dabei sind, dann ist die Stimmung im Grunde schon seit Auftritt an Neujahr im Eimer.

Dabei war bei unserem ersten Gig noch alles in Butter gewesen.

So gut, wie Chrissys Team nach dem haushoch gewonnenen Footballmatch drauf war, verschwendete keiner von uns einen Gedanken an die vor uns liegenden fünfzehnhundert Kilometer, die unser Fahrer am liebsten nachts zurücklegte, weil’s da kühler war. Wie die Gestaltung der Tage aussehen sollte, machte ich mir keine Gedanken. Ich würde es sowieso bald erfahren, und außerdem war ich mit meiner Aufgabe als Chronist ausgelastet genug, weil auch die anderen Mitglieder der übrigen an der Tour beteiligten Bands so langsam Spaß an diesem Spiel gefunden hatten und gerne ihre Statements abgaben. Mir blieben auch so noch genügend Pausen zwischen den einzelnen Interviews, in denen ich meinen Gedanken nachhing. Dabei ertappte ich mich immer öfter dabei, wie ich unzusammenhängende Melodien vor mich hin summte, die sich allmählich zu Songs formten. Das musste aufhören. Ich wollte mir nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn ich das aufgenommen hätte. Oder noch schlimmer: Wenn mir das bei Songs passiert wäre, die es noch gar nicht gab.

Zum Glück war unser kommendes Album so gut wie fertig und „Mystify“ als einer unserer stärksten Songs bereits jetzt fester Teil unseres Repertoirs bei den nächsten Konzerten unserer Gemeinschafts-Tournee, als Appetithappen auf „KICK“. Andernfalls hätte mein sorgloses Verhalten einen schönen Kuddelmuddel ausgelöst und eine neue Version des berühmten Henne-Ei-Problems heraufbeschworen. Reiß dich zusammen, Nicole, und gib am besten gar keinen Laut mehr von dir, schon im nächsten Ort stoßen wir garantiert wieder auf Jimmy oder andere Kollegen. Theoretisch hätten wir auch alle gemeinsam im Konvoi durch Australien reisen können, was aber auch niemanden gestört hätte, zumal dabei sogar ein Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde herausgesprungen wäre.

Wie gesagt, waren alle, mit denen ich mich Tag für Tag umgab, gut drauf.

Nur hatte da noch niemand von uns damit gerechnet, dass wir am Silvestertag ungebetene Gesellschaft bekommen würden, und zwar von Jons Noch-Ehefrau, die sich in den Kopf gesetzt hatte, einen letzten Jahreswechsel mit ihrer „besseren Hälfte“ zu feiern und zu Jons Unmut genau dann aufkreuzte, als es für ihn gerade am schönsten war.

Ich fragte besser nicht, wobei ihn Leslies Ankunft unterbrochen hatte, und was in seinem Privatleben grundsätzlich nicht rund lief. Denn auch ohne all das ganze Theater hielt er mich anscheinend für nicht ganz zurechnungsfähig. Doch so genervt hatte ich ihn in den letzten Tagen, in denen wir rund um die Uhr fast schon aufeinander gehockt hatten, nicht auch nur einmal erlebt. Oha – da war ich wohl nicht der einzige, der Stress mit seiner Frau hatte. Zu dumm, dass Jon meinen Versuch, ihn aufzumuntern, falsch verstand und sich neben mir auf dem Rasen mit einem neuen Bier niederließ, mit seinem vierten mittlerweile.

„Glaub mir, Bruderherz“, seufzte er, „du würdest nicht mit mir tauschen wollen. Nicht für geschenkt würdest du das!“

Als ob ich das vorgehabt hätte, lag es mir schon auf der Zunge, denn der eine Tausch hatte mir voll und ganz gereicht, aber ich hielt mich zurück, denn ich spürte, dass da noch was kommen würde.

„Im Gegensatz zu mir hast du den besseren Fang gemacht. Feiern – ha! Deine Buffy ist bloß anhänglich, aber meine? Die will mir das Leben zur Hölle machen, so wie die auf Krawall gebürstet ist!“

Ach du sch*** – in was für ein Familiendrama war ich da nur hineingeraten? Den Rosenkrieg? Jetzt rächte es sich, dass ich mich nicht näher mit dem Privatleben der Mitglieder meiner Lieblingsband beschäftigt hatte. Noch konnte ich meine als Blackouts getarnte Unwissenheit auf die Folgen meines Unfalls schieben. Aber nicht mehr lange, wie es aussah. Und wenn ich Leslie richtig einschätzte, dann würde nicht nur Jon gewaltiger Ärger blühen. Ich hatte keine Ahnung, dass Ärger für das, was uns allen bevorstand, noch eine geradezu schmeichelhafte Bezeichnung war. Schwarzes Loch hätte es eher getroffen.

Es war ein kräftezehrender Tag für uns alle gewesen, und so war ich wie erschlagen in meiner Schlafkoje auf die Matte gesunken und konnte gerade noch meine dünne Decke trotz der sich über den Tag hinweg angestauten Wärme bis ans Kinn hochziehen. Meine bleierne Müdigkeit hätte mich eigentlich direkt ins Reich der Träume befördern müssen, doch der ersehnte Schlaf wollte nicht kommen. Zu mehr als einem kurzen Schlummer reichte es nicht, und als ich leises Gemurmel aus dem hinteren Teil des Busses auf mich zukommen hörte, war es vollends vorbei. Zwei Stimmen, eine weibliche und eine männliche, durchsetzt von trockenen Schluchzern, die garantiert nicht Michaels Kehle entfleucht waren.

Beth! Für gewöhnlich saß sie doch weiter vorne und zockte mit Kirk und Garry Karten, wenn sie wieder mal nicht schlafen konnte, so wie meistens in den letzten Tagen. Und jetzt hatte sie sich nach hinten verkrümelt? Zu Michael? Plötzlich war ich hellwach und fragte mich, ob an dem, was Leslie am Nachmittag über die beiden fallengelassen hatte, ja doch etwas dran war. Dem gleichen Blödsinn nach zu urteilen, den sie über mich und Chrissy verbreitet hatte, mit Sicherheit nicht. Und doch war da dieser kleine Funken eines Zweifels, der mich ganz gegen meine Gewohnheit näher hinhören ließ.

„… und als ich ihn um Mitternacht küssen wollte, hatte ich einen ganz anderen Menschen vor mir…“

Mir wurde heiß und kalt, denn sie meinte die Silvesternacht, von der sie sich endlich die ersehnte Annäherung an ihren Liebsten versprochen und dennoch keinen Zugang zu ihm gefunden hatte. Anscheinend hatte sie ihre Enttäuschung darüber die ganze Zeit für sich behalten, doch jetzt konnte sie nicht mehr. Ihr ganzer Kummer brach nun aus ihr hervor.

„… oh Michael“, schluchzte sie mit vom vielen Weinen heiserer Stimme, „ich will doch nur Tim wiederhaben. Meinen Timmy, und nicht diesen Fremden, der…“

… sich lieber auf ein Techtelmechtel mit einer sexy Rockröhre einlässt und jede freie Minute mit ihr verbringt, ergänzte ich in Gedanken, als ihre Stimme versagte. Dann war für lange Zeit nichts mehr zu hören, nur noch Michaels besänftigender Bariton, mit der er die Verzweifelte zu trösten versuchte.

„Scht, Süße. Du wirst doch nicht auf Jonnos Ex hören“, beendete nach einer langen Pause Michaels besänftigender Bariton die Stimme. „Doch ich kann dich beruhigen: Chrissy und ich sind zwar befreundet, und wenn’s wirklich auf das hinauslaufen würde, um das sich Leslies schmutzige Fantasie dreht, dann wäre ich wohl derjenige, der… Aber Tim?“

So langsam schienen seine Worte zu wirken, denn das herzzerreißende verebbte nach und nach, bis Beth hörbar zu einem Taschentuch griff, bevor sie sich besann und ihm zögernd antwortete.

„Stimmt. Eigentlich kann ich mir das nun wirklich nicht vorstellen. Aber trotzdem muss ich wissen, was mit ihm los ist“, stockte sie und ließ die Frage aller Fragen folgen, vor deren Antwort mit jetzt schon graute: „Ob du nicht mit ihm reden kannst?“

Wenn ein persönliches Gepräch angebracht wäre : https://www.youtube.com/watch?v=c5TJ1SSr5ik

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 12 *** Melting in the sun

♪♫♪  Light me and I burn for you and the love song never stops. ♪♫♪ – INXS „Burn for you“-

Sechsunddreißig Grad und es wird noch heißer…

Wo ist die Abkühlung, wenn man sie braucht? Nachdem uns der Tourbus an unserer ersten Station ausgespuckt hatte, lieferten mir die ersten paar Reihen vor der Bühne die Antwort, denn dort standen viele fleißige Helferlein mit Wasser bereit, um alles zu tun, was in ihrer Macht stand, damit im Publikum niemand umkippte.

Wie lange es wohl dauern würde, bis ich mich an die aggressiv stechende Sonne und nur schwer erträglichen Temperaturen gewöhnt habe, hatte ich mich an diesem geradezu sengenden Nachmittag nicht zum ersten Mal gefragt und an der Wahl meines Reiseziels gezweifelt. Nun waren bestimmt schon zwei Wochen seit meiner Ankunft in Melbourne vergangen und noch immer machte mir das „winterliche“ Klima ziemlich zu schaffen.

In diesem Punkt beneide ich die Künstler dafür, wie sie damit klarkommen, manche besser als andere. Man kann es auch übertreiben, denke ich mir zum Beispiel bei Christina in ihrem langärmeligen und gleichzeitig extrem körperbetonenden Kleid aus schwarzem Leder. Chrissy Amphlett, die Frau, die sich was traut – was habe ich in den Achtziger Jahren sie und Joan Jett bewundert und gehofft, sie einmal live bei einem Konzert erleben zu dürfen. Leider ist es bis jetzt beim Hoffen geblieben, doch durch diesen verflixten Tausch ist die Vorstellung tatsächlich Wirklichkeit geworden, auch wenn sich das persönliche Treffen am Anfang noch aufs Zuschauen aus dem Backstagebereich heraus beschränkt hat.

Vom linken Rand aus konnte ich beobachten, wie die Sängerin der Divinyls gefährlich nahe am vorderen Bühnenrand entlang fegte und tänzelnd das unmittelbar vor der Bühne dicht zusammengedrängte Publikum von der ersten Note an in ihren Bann zog. Da konnte auch die nächste Band, die ich bedauerlicherweise noch nicht kannte, locker mithalten. Ihr Sound erinnerte mich teilweise an unseren eigenen, und ihre eleganten Anzüge wollten auch nicht so recht zu dem legeren Charakter dieses Festivals passen, doch das störte offensichtlich niemanden. Selbst nach ihrem schweißtreibenden Auftritt blieben die Herren und ihre Backgroundsängerinnen erstaunlich cool. Im Gegensatz zu mir.

So unverwüstlich, dass ich mich den ganzen Tag über erst der Sonne und danach noch den gleißenden Scheinwerfern aussetzen würde, bin ich dann doch nicht. Ich wünschte, ich wäre genauso entspannt wie die Massen auf den Tribünen, die sich bereits am Nachmittag zu frenetischen La-Ola-Wellen hinreißen ließen. Zwar konnte ich nicht so genau sagen, wie viele da oben jubelten, doch ihr Anblick löste eine Gänsehaut bei mir aus. Anstatt mich mit einem kühlen Bierchen irgendwo in den Schatten zu wünschen, konnte ich mich der Magie des Augenblicks nicht entziehen.

Das hier ist nicht irgendein Festival, sagte ich mir, und das wollte was heißen, denn bis Ende Zwanzig war ich schon auf so einigen gewesen. Vergiss Wacken, vergiss Rock am Ring, vergiss das M’Era Luna! Wenn es allein um die Anzahl der verkauften Karten ging, toppten diese drei Events alles, was ich bisher erlebt hatte. Zahlen, schnaubte ich innerlich, was bedeuten schon Zahlen!

Mir war es gleich, ob es „nur“ zehn-, zwanzig- oder dreißigtausend Leute zum Feiern unter den freiem Himmel verschlagen hatte. Was sich in Zahlen nicht ausdrücken ließ, war diese ganz besondere Atmosphäre, die in der Luft lag und ich trotz eingegipstem Armt mit beiden Händen nahezu greifen und dennoch nicht benennen konnte. Es sollte eine Weile dauern, bis ich darauf kam, was dieses Festival so einzigartig macht.

Team – toll, ein anderer macht’s: Vielleicht überall, nur nicht hier. Hier draußen sind wir alle wie eine einzige, große Familie. Und die schließt nicht nur meine Leute ein, sondern alle, die auf dieser großen Reise dabei sind. Das habe ich zum ersten Mal gespürt, als sich Chrissy und ihre Jungs zusammen mit Michael, Andy und Kirk auf dem vertrockneten Rasen in lockerer Runde zusammensetzten und nach kurzem Brainstorming, begleitet von viel Herumalbern, zu der Erkenntnis kamen, dass sie die Setlist nicht umstellen mussten. Mark, der nachmittags an Chrissys Seite auf der Bühne stehen würde, hatte sich bereit erklärt, während der gesamten Tournee abends für mich einzuspringen. Überraschung!

Dafür bestand Christina darauf, dass Michael ihr Team beim Football unterstützte. Football zur Überbrücken des Leerlaufs während der vielen Soundchecks? Was für ein Deal! Ich hätte es wissen müssen: Aussies und ihre Leidenschaft für Sport. Kein Familientreffen ohne Barbecue und Cricket-Match, und der Farbe unserer Bühnenklamotten nach zu urteilen, hätte es mich nicht gewundert, wenn irgendjemand mit Schlägern und Bällen aufgekreuzt wäre. Aber gut, auch in Weiß kann man beim Football eine gute Figur machen; und ganz egal, ob Football oder Rugby – die ich beide manchmal immer noch verwechsele, natürlich ohne mir dies anmerken zu lassen: für so ein Ei aus Leder ist auch im kleinsten Gepäck immer noch Platz.

Doch nicht das beschäftigte mich, sondern die Frage, wann ich zuletzt so einen Zusammenhalt erlebt habe. In Wacken vor fünfzehn Jahren? In der Firma, die mich nach dreißig Jahren ohne mit der Wimper zu zucken, vor die Tür gesetzt hat, jedenfalls nicht. Deinen Job macht jetzt ein Stück Silikon, wen juckt das schon?

Keine Ahnung, warum meine Gedanken schon wieder zu diesem uralten Song springen, aber im Moment juckt mich etwas völlig anderes: mein Arm unter dem Gips, auf dem sich bereits am ersten Tag alle möglichen Sangeskollegen verewigt haben, allen voran Zugpferd Jimmy Barnes. Wegen ihm hatten sich die Eintrittskarten nach anfangs schleppendem Vorverkauf wie warme Semmeln verkauft und Jimmy und Michael mehr als zufrieden grinsen lassen. Hatte es sich also doch gelohnt, gemeinsam zwei Songs zu Werbezwecken aufzunehmen. Dass einige von sich selbst sehr überzeugte Promoter aus Übersee nun dumm aus der Wäsche guckten: unbezahlbar – von wegen „einheimische Acts bekommen niemals die Bude so voll wie die Dire Straits“!

Jetzt drängten sich da draußen Tausende, und das ist erst der Anfang. Beflügelt von dem Erfolg, wollte es sich Jimmy nicht nehmen lassen, als erster meinen Gips mit seinem zackigen Autogramm zu verzieren; eine Unterschrift, um die sich die zahlreichen Fans bestimmt reißen werden, sollte ich je auf die Idee kommen, das Teil zum Verkauf anzubieten, sobald es runter kommt.

Doch die schönsten Pläne nützen nichts, wenn sie sich um das Corpus Delicti drehen, das einem solche Höllenqualen bereitet, von denen man nicht weiß, wie man sie beenden soll, wenn man weder Bleistift noch Stricknadel zur Hand hat. Nicht mal an Jons Drumsticks komme ich heran, denn der hütet die verflixten Dinger wie seinen Augapfel. Jetzt kann ich nur noch eines tun, nämlich das, weshalb ich mich überhaupt darauf eingelassen habe, meine Kollegen zu begleiten: mein Aufnahmegerät zu schnappen und eine weitere Runde hinter den Kulissen zu drehen. Vielleicht bringen mich ja das Geblödel der anderen und das von Chrissy groß angekündigte Footballmatch auf andere Gedanken.

Als ich mich dem Ort des Geschehens nähere und sehe, wie sich der schnellste Läufer des gegnerischen Teams an Chrissys Fersen heftet, um ihr den Ball, oder besser gesagt das Ei abzunehmen, würde ich ja am liebsten „Lauf, Forrest, lauf!“ schreien, kann mich aber gerade noch beherrschen. Den Insiderwitz würde allerhöchstens noch Eva verstehen, hier aber wäre er völlig fehl am Platz.

Außerdem sehe ich eher mich als Chrissy in dieser Rolle. Am liebsten würde ich nämlich ganz weit weg laufen, denn es hat seinen Grund, dass ich „allein wegen der Interviews“ und „zur Dokumentation“ so viel auf dem Sportgelände unterwegs bin, wie ich nur kann. War ich am Anfang noch gerührt von Beths Fürsorglichkeit, so wird mir ihre Neigung, mich zu betüddeln, langsam immer unangenehmer; ganz zu schweigen von ihren Annäherungsversuchen in der Nacht. Abgesehen davon, dass ich mich noch nie zu Frauen hingezogen gefühlt habe, komme ich mich ihr gegenüber wie eine Betrügerin, oder besser gesagt wie ein Betrüger vor, weil ich keinen Schimmer habe, wie ich ihr gegenüber erklären soll, dass ich ihre Gefühle nicht erwidern kann.

Also tue ich das, was ich am besten kann. Ich mache mich rar und gehe auf Tauchstation.

Ätsch – reingefallen. Der Titel stimmt zwar, aber nicht die Band. Dieser Wechsel war nicht geplant, aber pure Absicht und dient zur Auflockerung:

Den Sound zum Kapitel liefern diesmal ELO, damit es nicht zu langweilig wird: https://www.youtube.com/watch?v=n9kB3Ymj_Lc

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 11 *** Freedom deep

♪♫♪ Show me the way, give away the truth I’m looking for. I need a new way out of here, the door is opening. Freedom take me deeper ♪♫♪INXS „Freedom deep“

Der Korb, in dem locker sechs Personen Platz finden, steht bereit – doch außer Eva und mir haben sich zur verabredeten Zeit keine weiteren Passagiere eingefunden, und es werden auch keine mehr kommen. Das wird eine Fahrt, exclusiv für uns. Nur Eva, ich und Marshall, unser Pilot: Na, dann kann es ja losgehen. Tja, könnte es – aber wenn ich geglaubt habe, dass es für uns mit Einsteigen, Abheben und Wohlfühlen so einfach getan ist, dann habe ich falsch gedacht. Aber sowas von.

Und trotzdem hat der Veranstalter mit seinem „entschweben Sie Ihren Sorgen und in den Sonnenuntergang“ nicht gelogen. Schon unsere Mithilfe bei den Vorbereitungen, die das Ballonteam von uns trotz überall angepriesener Freiwilligkeit zu erwarten scheint, sorgt dafür, dass ich tatsächlich auf andere Gedanken komme. Hochkonzentriert breiten wir die gigantische Ballonhülle auf der in der Abendsonne rötlich schimmernden Wiese aus. Was für eine Schlepperei – jetzt zahlt sich meine jahrelangen Erfahrungen im Tragen unserer Instrumente „on the road“ aus. So ein ganzes Arsenal an Gitarren wiegt halt nicht gerade wenig, da ist doch das hier geradezu ein Klacks. Irgendwann ist es geschafft, und der Stoffberg in allen Farben des Regenbogens füllt sich mit Luft.

Eva, die sich dieses Vergnügen anscheinend schon öfters gegönnt hat, streicht andächtig über den sich langsam aufblähenden Stoff und nickt anerkennend.

„Ich sehe schon, wir haben uns das richtige Team ausgesucht. Hier sind wir in guten Händen.“

Ihr Wort in Gottes Ohr, aber ich trete doch besser noch ein paar Schritte zurück und beobachte mit gemischten Gefühlen aus sicherer Entfernung, wie sich der Ballon nach und nach aufrichtet. Natürlich bekomme ich so von den Schwärmereien über ihre Erlebnisse beim Ballonfahren, bei denen sich Eva und der Pilot gegenseitig überbieten, nicht alles mit. Das wäre auch nicht anders, wenn ich unmittelbar daneben stünde, so aufgeregt bin ich. Das machen auch Worte wie „Alpenüberquerung“, „Champagnertaufe“ und „Aufnahme in den Hochadel“, die abwechselnd von Marshall und Eva kommen, nicht besser.

Entschweben Sie Ihren Sorgen und in den Sonnenuntergang – wir kümmern uns um den Rest.

Ach ja, auch um das grässliche Gefühl, dass mich jedes Mal überkommt, wenn bei Starts die Flugzeugturbinen durchstarten und ich mich panisch an der Armlehne festklammere, während ich im Geiste nach der Spucktüte greife? Fliegen? Muss echt nicht sein. Ich weiß schon, warum ich auf Tourneen unserem Bus den Vorzug gebe. Viel Zeit, mich tiefer in dieses Thema zu verbeißen, bleibt mir jedoch nicht, denn plötzlich geht alles ganz schnell. Der Ventilator bleibt von jetzt auf gleich stehen und der kalte Luftstrom kommt zum Erliegen.

Wie aufs Stichwort setzt Marshall den Brenner in Gang und gibt das Startsignal. Eva muss natürlich noch einen draufsetzen und hievt mich hoch, damit ich über die Brüstung komme, dann schwingt auch sie sich hinterher. Begleitet von dem für Propangas so typischen Geruch und dem Fauchen des Brenners, dicht über unseren Köpfen, setzt sich noch im selben Moment unser Luftschiff in Bewegung und lässt mich für einen Moment wie versteinert innehalten. Ja, wir gewinnen an Höhe, und zwar schneller, als mir lieb ist; denn auch wenn wir innerhalb kürzester Zeit unsere Reisehöhe von dreihundert Metern erreichen, hat dieser Start mit dem verhassten Flug zu unserem Videodreh nach Prag nicht die geringste Ähnlichkeit. Nur das gleichmäßige Röcheln des Propangasbrenners erfüllt die Luft um uns herum und lässt mich die röhrenden Turbinen vergessen, bei denen sich mir stets der Magen umgedreht hat. Da sind nur absolute Ruhe und Windstille, als der Brenner schließlich für lange Zeit schweigt.

Die Luftströmung trägt uns in südwestliche Richtung auf die Küste zu, der sich dem Horizont zustrebenden Sonne entgegen. Alles sieht so friedlich aus, und doch ist die Idylle trügerisch. Wenn wir Pech haben, treibt uns der stetig in dieselbe Richtung wehende Wind direkt auf die von Wolken verhüllten Bergketten mit ihren schroffen Gipfeln zu, die die Seen unter uns umgeben. Vorsichtshalber geht Marshall nach kurzer Ansage auf fünfzehnhundert Meter – um nichts zu riskieren, wie er sagt, denn man kann nie wissen.

Mit jedem Meter, den wir aufsteigen, spüre ich, wie sich mein Puls verlangsamt und mich eine bisher nur selten erlebte Ruhe nach und nach ausfüllt: ein Gefühl, das ich längst vergessen habe, ergreift mein Herz mit einer stillen Freude, von der ich dachte, dass ich sie niemals wieder spüren würde. Eins zu sein mit dem Universum und frei von allem Ballast – wann habe ich mich das letzte Mal so frei gefühlt?

Frei, und vor allem glücklich… Wenn’s nach mir ginge, könnten wir ewig so weiterschweben, meinetwegen auch aufs offene Meer hinaus. Doch unser Trip kann nicht ewig währen.

„Schade, dass man von hier aus nicht Dimboola sehen kann“, höre ich da Eva neben mir seufzen.

Dimboola? Was will sie denn jetzt mit diesem Nest, das viel zu weit von uns entfernt liegt, als dass man es von hier oben aus sehen könnte, selbst aus einer Höhe von knapp tausend Metern nicht. Ich habe keine Ahnung, wie sie jetzt darauf kommt, wo doch von hier aus die Aussicht auf das allmählich in Sicht kommende südliche Kap schon atemberaubend genug ist. Genauso gut könnte ich mir wünschen, bis zu den rostroten Felsen der Bay of Fires im Nordosten oder gar bis nach Neuseeland blicken zu können.

Reicht ihr denn nicht die Schönheit, die uns umgibt? Was ist an diesem Ort so spektakulär, dass sie sich wünscht, ihn von oben sehen zu können? Ich wünsch‘ mir auch so vieles, und das schon öfters in meinem Leben. Aber bekanntlich reicht ja manchmal schon ein einziges Mal, dass es schiefgeht, und zwar gründlich. Außerdem liegt Dimboola nicht auf unserer Strecke. Es sei denn, Eva hat beschlossen, die Reiseroute bereits jetzt und ohne mein Wissen zu ändern.

Doch falls Eva mit ihrer Freundin vor unserem Freaky-Friday-Tausch über diesen Abstecher gesprochen hat, kann es nicht schaden, wenn ich mich ganz dumm stelle und die Erinnerungslücke auf den Unfall schiebe.

Nachdem sich die unter Ballonfahrern berühmte Champagnertaufe wie Sau in die Länge gezogen hat, haben wir es trotz schnellem Snack unterwegs mit Hängen und Würgen doch tatsächlich noch auf die letzte Fähre zurück aufs Festland geschafft. Gerade habe ich mich in dem winzigen Bad unserer Kabine frisch gemacht, da drückt mir Eva einen Flyer in die Hand, den sie bei der Überfahrt nach Tasmanien auf dem Schiff entdeckt hat.

Bisher bin ich noch gar nicht dazu gekommen, mich für diesen tollen Tag zu bedanken – so überwältigt bin ich noch immer von diesem Trip, bei dem ich diesen traumhaften Teil Australiens zum ersten Mal bewusst von oben erleben durfte. Doch mit einem „Hier, Nicky, da müssen wir unbedingt hin!“ ist sie schneller in dem Kabuff, das sich Bad nennt, verschwunden, als ich Dimboola sagen kann.

Dimboola also. Ein Vierzehnhundert-Seelen-Kaff, durch das wir bestimmt auch schon auf unseren Reisen zu unseren vielen Auftritten gekommen sind; blöd nur, dass ich mich an Details gerade so gar nicht erinnern kann. Überhaupt habe ich bisher unseren Kontinent immer nur im Vorbeifahren aus dem Bus heraus wahrgenommen. Die wenigen Male, die ich von A nach B geflogen bin, zählen nicht, weil ich mich standhaft geweigert habe, bei Starts und Landungen aus dem Fenster zu schauen – und erst einmal oben in der Luft, siehst du außer Wolken sowieso nicht viel.

Na, sieh mal einer an, stoße ich einen Pfiff aus. Während hinter der verschlossenen Tür das Wasser rauscht, staune ich dass der uralte Trick immer noch funktioniert. Sich dumm zu stellen, kann fürs weitere Leben unglaublich hilfreich sein – den Tipp habe ich von Jon, doch während mein Brüderchen ihn am liebsten dann durchgezogen hat, wenn er sich auf der High School vor unangenehmen Aufgaben drücken wollte, war ich bisher kein Fan davon. Wie gesagt, bisher. Denn was nicht ist, kann noch werden.

Dank ihm weiß ich jetzt nämlich, wieso Eva ihre Reisepläne so spontan geändert hat.  Pink Lake, was zum, ist dann auch mein erster Gedanke, als ich das Faltblatt aufklappe. Was auch sonst, da das Nickys, also meine Lieblingsfarbe ist. Dummerweise gibt es in Südaustralien mehrere Seen, die so aussehen. Aber sie musste sich ausgerechnet jenen einen aussuchen, für den wir einen Umweg fahren müssen. Wie viele Kilometer nochmal?

„Als ich ihn in dieser Fernsehserie gesehen habe, musste ich sofort an dich denken“, grinst sie mich auf dem Weg zur Bar an, wo wir einen letzten Absacker nehmen wollen. Als kleines Dankeschön geht der zur Feier des Tages natürlich auf mich.

„Das mit der Ballonfahrt war eine Spitzenidee“, rufe ich dann auch voller Freude aus, nachdem der Drink mir die Zunge gelockert hat, „ich hatte schon lange nicht mehr so viel Spaß.“ Und das meine ich so, wie ich es sage. Ohne jeden Hintergedanken.

Für das Gefühl grenzenloser Freiheit: – https://www.youtube.com/watch?v=Lk7Ldmdy7aQ

Media Monday # 650 : Es gibt Reis, Baby…

Und zwar auf dem Schachbrett. Was das mit Weihnachten oder dem Media Monday zu tun hat? Nun, im Prinzip nichts, aber da ich am Sonntag das Bett hüten musste und mir ein wenig langweilig war, habe ich versucht, das sogenannte Schachbrettproblem mit den Reiskörnern ohne Computer zu lösen (wenn man auf dem 1. Feld mit einem Reiskorn anfängt und auf jedem folgenden die Anzahl des vorherigen verdoppelt). Man könnte das Ganze aber auch mit Zuckerkörnern durchexerzieren, damit es zu dem aktuellen Media Monday passt:

1. Was vielen Weihnachtsfilmen gemein ist: dass sie ein Happy-End haben, egal ob es sich um mit ordentlich Kitsch angereicherte Romanzen à la „Tatsächlich… Liebe“ oder „Last Christmas“ handelt, im klassischen Märchenfilm (Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“) am Ende das Gute siegt oder ob in „Kevin allein zu Haus“ die Bösen zu guter Letzt das Nachsehen haben. An dieser Stelle möchte ich noch „Stirb langsam“ erwähnen – denn da bekommt der aufgeblasene Chef als Extra-Bonbon sein Fett weg (obwohl „Stirb langsam“ viele ja gar nicht als Weihnachtsfilm bezeichnen würden) – und wer weiß, vielleicht mutiert in Zukunft „Wonka“ (den ich noch nicht gesehen habe) zu meinem persönlichen Lieblings-Wohlfühl-Film zu Weihnachten.

2. Dass gefühlt jeder zweite Werbespot zur Zeit den Tanz der Zuckerfee verwurstet hat, nervt mich ja schon ein wenig, aber ich kann ja auch das Zimmer verlassen, wenn es mir zu sehr auf den Keks geht. Dabei habe ich gegen die Musik an sich nichts – „Der Nussknacker“ ist ein sehr schönes Ballett – aber wenn sich etwas zu oft wiederholt (wie z.B. „Last Christmas“ von Wham), stellt sich ein mentaler Zuckerschock ein

letztes Jahr war ich bei Tschaikowski : https://www.youtube.com/watch?v=X45CawjywAQ

3. Von all den medial aufbereiteten Weihnachtstraditionen ist bei mir hängengeblieben, dass hierzulande mehrheitlich an Heiligabend Würstchen mit Kartoffelsalat auf den Tisch kommen sollen – was zu dem in Werbespots breitgetretenen Szenario von der fein in Schale geworfenen Festgesellschaft nicht ganz so gut passen will. Aber wer weiß, vielleicht sind bei den auf Hochglanz polierten Zusammenkünften die Würstchen mit Blattgold bestreut und der Kartoffelsalat aus einer ultra-raren und schweineteuren Kartoffelsorte hergestellt. Dass Amerikaner z.B. gerne Eierpunsch schlürfen und rot-weiße Zuckerstangen in den überladenen und quietschbunt dekorierten Baum hängen, kann ich nur zum Teil bestätigen und schließe mich der Eierpunsch-Tradition mit Freuden an.

4. Küssen unterm Mistelzweig ist ein oft bedientes Klischee, allerdings habe ich diesen „Spaß“ noch nie live miterlebt – was ich aber auch nicht als Verlust empfinde, denn wer weiß schon, auf wen oder was man an besagtem Ort trifft. Am Ende ist es noch Nachbars Lumpi, der auf sein Leckerli wartet und nun ein Bussi bekommen soll. Eek! Was für eine Vorstellung.

5. Bei uns ist es in der Vorweihnachtszeit eigentlich so, dass ich mindestens ein Mal dem Weihnachtsmarkt einen Besuch abstatte, wobei ich offen lasse, welchem. Eigentlich wollte ich dieses Jahr mal wieder nach Heidelberg fahren, aber ich habe keine Ahnung, an welchem Wochenende.

6. Klar, Weihnachtssong-Ohrwürmer sind nervig, aber fast ebenso schlimm ist das Gebohre, Gesäge und Gehämmer beim Nachbarn, der ganz dringend sein Dach decken musste. Zum Glück ist es jetzt aber überstanden, und notwendig war es anscheinend auch, da wollte ich lieber nicht meckern.

7. Zuletzt habe ich mich im Kopfrechnen geübt und das war ganz im Gegensatz zu dem neuen Dach für meinem Nachbarn überhaupt nicht notwendig, weil es völlig irrelevant ist, ob ich weiß, was bei der Rechenaufgabe „2 hoch 64“ herauskommt. Angeblich sind ja Supercomputer dafür nötig, aber es geht auch mit Stift und Papier, da mit 20stelligen Zahlen der Rechner meines Smartphones überfordert ist. Er rechnet nur bis maximal 15 Stellen. Na sowas. Vielleicht kommt ja daher das merkwürdige Ergebnis, das ich hier gefunden habe, zustande: 18,446,744,073,709,552,000. Anscheinend werden die von mir ermittelten letzten drei Stellen einfach nach oben gerundet: 18,446,744,073,709,551,616. Damit bin ich nun genauso schlau wie der Generator, den ich woanders gefunden habe: „264 = 18446744073709551616“. Beeindruckend. Aber braucht man das?

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 10 *** Same direction

♪♫♪ And we all just need the same things, I tell you what I know. We’re heading in the same direction, So never let it go. ♪♫♪ -INXS „Same direction“-

Oder davon, dass du am liebsten mit irgendwem tauschen würdest, egal mit wem, hallen Evas Worte als Echo in mir nach. Manche Schocks sind größer als andere. Waren das nicht genau die Worte aus dem Klappentext zu diesem dämlichen Kinderbuch, das Andy mir als Lektüre zum Einschlafen empfohlen hat? Freaky Friday? Na, Prost Mahlzeit. Klar, dass Eva mit dem „mit irgendwem tauschen“ nicht mich, sondern ihre Freundin gemeint hat und unmöglich wissen kann, dass besagter Wunsch nun tatsächlich Wirklichkeit geworden ist. So viel zum Thema, dass man vorsichtig mit dem sein soll, was man sich wünscht? Ja ja, es könnte wahr werden – so viel ist mir jetzt auch klar. Dass das jedoch nur die halbe Wahrheit ist, darauf muss man auch erst einmal kommen. Die Erkenntnis, dass es irgendwo da draußen jemanden gibt, der so ähnlich tickt wie ich, braucht eine Weile, bis sie auch bei mir ankommt, dafür aber dann umso heftiger.

Then I think to myself is there someone else who feels the same as me… Tja, da haben Andy und Michael ganze Arbeit geleistet, als sie die Texte für unser nächstes Album geschrieben haben. Dass sich so ein ganz bestimmter Song auf diese Weise bewahrheiten würde, konnten sie nun wirklich nicht ahnen. Dennoch lässt mich der Gedanke nicht los, dass „Kick“ durch diesen Tausch für mich eine ganz neue Bedeutung bekommen hat, und ich kann nur hoffen, dass ich ihn später nicht auch noch ständig spielen muss.

Falls du überhaupt jemals wieder auf irgendeiner Bühne stehen wirst…

Und bei diesem Gedanken wiederum wird mir so richtig übel. Was, wenn ich und meine unfreiwillige Tauschpartnerin für immer in unseren neuen Körpern und Zeiten gefangen bleiben? Verdammt, ich hätte diesem Buch mehr Beachtung schenken sollen, anstatt wie ein wütender Stier aus dem Bus zu stürmen.

Ruhig, Tim, ganz ruhig, versuche ich, meine verlorengegangene Fassung wiederzuerlangen und die richtigen Worte zu finden, bevor Eva glaubt, Nicky würde sie bis in alle Ewigkeit schmoren lassen. Egal, wie heftig es zwischen den beiden gekracht hat, aber als ihre Freundin in Gefahr war, hat sie den Streit für beendet erklärt und das einzig Richtige getan. So wie Andy, bei dem ich mich jetzt noch nicht mal dafür bedanken kann, dass er mir das Leben gerettet hat. Aber eines kann ich: mich stattdessen bei Eva bedanken, stellvertretend für Nicky sozusagen, denn so ist das bei Geschwistern eben, oder bei besten Freundinnen. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.

„Schon gut“, gebe ich daher zurück, als ich den Faden, den ich bei Beyoncés leidenschaftlichem Gesang für kurze Zeit verloren habe, wieder aufnehme. „Wir haben wohl beide etwas heftig reagiert. Und im Grunde hast du ja recht.“

Ja, dauerndes Selbstmitleid kann denjenigen, mit denen man rund um die Uhr zusammen ist, sehr schnell auf den Sack gehen.

„Aber apropos Tauschen, was hältst du davon, wenn wir uns am Steuer abwechseln? Ich meine, du bist jetzt schon ganz schön lange gefahren. Da wäre es nur fair, wenn ich so langsam auch mal…“

„Na, wenn ich dir so zuhöre, scheint es dir ja schon wieder besser zu gehen. Aber nur Geduld: Wenn wir wieder zurück in Melbourne sind, dann beginnt der wahre Spaß.“

Dreitausend Kilometer in diesem aufgetunten Boliden, der eher auf eine Rennstrecke oder einen schnurgeraden Highway gehört, immer an der Küste entlang, wo man mit allem rechnen muss? Anscheinend habe ich bei dieser Vorstellung eine Grimasse gezogen haben, die Eva mit einem hellen Lachen quittiert.

„Ach herrje, hast du etwa geglaubt, dass wir die ganze Strecke in dieser PS-Schleuder zurücklegen? Keine Angst, Nicky: Für das, was wir vorhaben, ist so eine Potenzhilfe völlig ungeeignet.“

Für das, was wir vorhaben? Deutsche Touristinnen in Down Under – anscheinend gehört Eva zu der risikofreudigen Sorte und mir beginnt etwas zu dämmern, von dem ich nicht weiß, ob ich es gut finden soll. Das respektlose P-Wort ignoriere ich an dieser Stelle besser, wer weiß, was für Diskussionen mir sonst blühen. Aber eines muss ich meiner Reisegefährtin lassen: Vielleicht reißt mich ihre Abenteuerlust aus meiner negativen Gedankenspirale und lässt mich für eine Weile meine missliche Lage vergessen. Eine Lage, an der ich fürs erste sowieso nichts ändern kann und in der mein Gegenstück in Raum und Zeit genauso feststeckt.

„Hier, damit du dir mal einen Überblick verschaffen kannst“, greift Eva nach hinten und angelt nach einem kleinen Tagesrucksack, denn sie mir mit gekonnter Lässigkeit auf den Schoß wirft. Fragend blicke ich erst sie an und öffne dann den Reißverschluss, um hineinzugreifen und eine Handvoll bunter Werbeflyer für die verschiedensten Attraktionen Süd- und Westaustraliens zutage zu fördern. Von Uluru, Coober Pedy, über die Nullarbor-Wüste und verschiedenen Nationalparks, bis hin zu den Esperance-Goldfeldern mit ihren bunten Seen reicht das Sortiment, und unwillkürlich frage ich mich, wie lange sie und Nicky durch Australien reisen wollen. In drei oder gar sechs Wochen können sie sich das alles unmöglich anschauen. Also ist ein längerer Aufenthalt geplant, was mich zu der Überlegung führt, ob es nicht günstiger wäre, ein Auto zu kaufen als eines zu mieten,

„Okay, das ist jetzt zugegeben ein wenig viel auf einmal, aber ich dachte mir, viel hilft viel – und wir entscheiden einfach unterwegs, wohin wir den ein oder anderen Abstecher unternehmen wollen.“

Der Plan klingt an sich nicht schlecht, aber ein durchdachtes System stelle ich mir anders vor. Und während ich mich immer noch frage, wie sie das alles unter einen Hut kriegen wollen, bleibe ich auch schon mit den Augen an der Broschüre eines Verleihers für Geländewagen hängen.

„Let the girls drive!“ und „Fraser Island – 123 Kilometer Off-Road-Abenteuer“: Jetzt wird mir so langsam klar, woher der Wind weht.

„Toll, nicht? Irgendwo habe ich gelesen, dass sich selbst Tourguides einig sind, wenn sie sagen, dass man die Frauen fahren lassen soll, denn je mehr Testosteron am Steuer sitzt, desto mehr festgefahrene Autos müssen sie abschleppen.“

Sehr toll. Und wie! Aber sag das mal unserem Adrenalinjunkie Michael, liegt es mir da auf der Zunge, doch ich kann mich gerade noch zurückhalten. Auch wenn mein bester Freund beim Anblick von schnellen Autos leuchtende Augen bekommt und vor ihm keine Rennstrecke sicher ist, kann ich einen solchen Spruch nicht bringen. Es sei denn, ich möchte Fragen provozieren, die ich nicht beantworten kann und will.  

Also lasse ich sie in dem Glauben und fahre im Geiste die Strecke, die Eva und Nicky gemeinsam erkunden wollen, anhand schriftlicher Notizen von Eva stammen, auf der Landkarte nach: am 26. Dezember in Hobart, zum Jahreswechsel in Adelaide, am 10. Januar in Perth – danach weiter die Küste entlang bis nach Darwin, weit oben im Norden.

Stop mal, jetzt ganz langsam zum Mitschreiben. Auch wenn wir, grob geschätzt, so um die dreihundert Kilometer pro Tag unterwegs sind und ich keine Ahnung habe, wie Eva und Nicky sich ab Darwin über den weiteren Verlauf ihrer Reise einigen wollten, im Moment sehe ich nur eines: Allein die ersten drei Termine, die Eva in ihrer schwungvollen Handschrift festgehalten hat, decken sich mit dem Plan unserer Auftritte. So langsam glaube ich immer weniger an einen Zufall. Doch bevor ich weiter über die Launen des Universums oder von wem auch immer nachgrübeln kann, wird der Shelby langsamer und kommt auf einem idyllischen Parkplatz, mitten im Grünen zum Stehen.

Mac Namara Hot Air Ballooning sticht mir die orangerote Aufschrift auf dem hellgrauen UTE ins Auge. Das versprochene Abenteuer hat soeben begonnen.

Wenn es an Orientierung mangelt: https://youtu.be/JqFZB2WVxd0?t=0