Wie auch schon gestern, ist seit 8 Uhr das heutige Türchen geöffnet – für später Hinzukommende habe ich hier noch einmal alle bereits geöffneten Türchen versammelt: Türchen 1 und Türchen 2.
Kapitel 2 : Two minutes to midnight
♪ But you didn’t have to cut me off. Make out like it never happened and that we were nothin‘. ♪ („Somebody that I used to know“ – Gotye)
Zwei Minuten vor Mitternacht und die Zeiger der Uhr rasen in Gedanken rückwärts, bis sie an diesem Abend des 5. November zum Stehen kommen – fünf Jahre zuvor, und mir ist, als wären seit damals nur Sekunden vergangen…
~‡~
„Sagt, dass das nicht wahr ist!“ ist das erste, was mir über die Lippen kommt, nachdem ich nichtsahnend um die Ecke gebogen bin und beinahe in die beiden hineingelaufen wäre. Als wär’s in einem schlechten Film, entfaltet sich vor meinen Augen ein Szenario, das ich meinem ärgsten Feind nicht wünsche. Andrea und Ryan, gerade noch engumschlungen, fahren gehetzt auseinander – und bestätigen, wie eindeutig die Lage ist. Die Freundin meines besten Kumpels und unser Drummer – schönreden lässt sich hier gar nichts, und schon gar nicht mit dem abgedroschenen Klassiker Es ist nicht so, wie es aussieht. Doch so dumm ist nicht einmal Ryan, dafür umso dreister. Denn während Andrea mich vor Entsetzen versteinert anstarrt wie das Kaninchen die Schlange, versucht er, mich unnötigerweise zu provozieren: „Nach was sieht’s denn Deiner Meinung nach aus, Johnny-Boy?“
Nach was es meiner Meinung nach aussieht? Na, das ist doch…
Sprachlos starre ich Ryan an, kaum in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Endlich ein Happy End für unseren Sänger Mike und Andrea, nach dem ganzen Drama und Chaos der Gefühle. Und jetzt das hier? Nachdem ich Idiot ihm auch noch ordentlich Dampf machen wollte, sollte er so blöd sein, alles wieder zu vermasseln… Wie es aussieht, ist der Torpedo, der das Schiff zum Kentern bringt, diesmal aus einer ganz anderen Richtung gekommen. Und noch etwas schießt mir durch meine Hirnwindungen: Wenn er seine Felle wegschwimmen sieht, zeigt er seinen wahren Charakter. Leider fällt mir nicht mehr ein, wer damals dieses Bild von Ryan gezeichnet hat, aber genauso ist es. Das erkenne ich jetzt leider nur zu deutlich. Ich hätte schon viel früher eingreifen sollen, sonst…
„Was, zum…“ dröhnt es zu allem Überfluss plötzlich durch den Gang, an dem sich die Schatten aller Anwesenden auf gruselige Weise vervielfachen. Mike. Nicht auch das noch! Und auch er kann anscheinend selbst kaum glauben, was er hier gerade erlebt. Leider ist das Bild von einer hektisch ihre Kleidung richtenden Andrea und dem süffisant-schadenfroh grinsenden Ryan traurige Wirklichkeit. Dass ich dazwischen stehe und nicht weiß, was ich machen soll, ist das Sahnehäubchen in dieser Situation und niemandem eine Hilfe. Am allerwenigsten Mike.
Wenn Blicke töten könnten…
O Gott. So wie er Andrea mit Blicken fixiert und dabei weiß vor Zorn zurückweicht, schwant mir Böses und ich fange im Stillen an zu beten, dass er nicht Ryan an die Kehle geht, so wie der nach Andrea die Hand ausstreckt. Berechnung oder Zufall? Als ob das jetzt noch irgendwem etwas nützen würde, denn anscheinend sickert bei ihr allmählich die Erkenntnis durch, dass sie gerade etwas Wertvolles unwiederbringlich verloren hat.
„Wie konntest Du nur?!“ wirft er ihr schließlich an den Kopf, „und ausgerechnet mit ihm????!“
Wie ein in die Enge getriebenes Tier, das um sich beißt, wenn es keinen Ausweg mehr sieht, faucht sie dann auch prompt Ryan an: „Wag es ja nicht!“
Doch es ist zu spät. Der Schaden ist angerichtet und was geschehen ist, lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Verachtung ist alles, was von Mikes Seite kommt.
„Ihr beide seid echt das Letzte!“
Kaum ist das vernichtende Urteil gesprochen, geht alles Schlag auf Schlag.
Als wäre irgendwo ein für uns unhörbarer Startschuss gefallen, stürmt Andrea davon und ist in Sekundenbruchteilen verschwunden. Wohin? Ich komme nicht dazu, ihr zu folgen, denn gleichzeitig entlädt sich das in dem Betrogenen angestaute Gewitter über Ryan. Dem Kollegenschwein.
Mark wird Andrea zwar später eine Nachricht schicken, dass Mike unserem Drummer eine verpasst hätte und danach ohne ein Wort verschwunden wäre, doch das ist nur der kleinere Teil der Wahrheit.
Den größeren habe ich lange zu verdrängen versucht – zu lange.
~‡~
Erzähl mir einer was von Ehrlichkeit… Inzwischen ist mir klar, dass wir alle lügen. Jedenfalls die meisten von uns. Oder wir verbiegen mehr oder weniger gerne die Wahrheit, aus welchen Gründen auch immer. Es hat lange gedauert, bis ich erfahren habe, warum Mark Andrea zum Abschied diese Komödie vorspielte, die nur zum Teil stimmte und eher traurig als zum Lachen war.
„Sorry, Andrea, das hätte nicht passieren dürfen. Dass es so endet, tut mir unsagbar leid. Ich weiß, dass es Dich nicht tröstet, dass ich Brian deswegen zusammengefaltet habe, Mike für einen Idioten halte und Ryan zum Teufel wünsche.“
Oh, ich konnte mir nur zu gut vorstellen, dass diese Information nur ein schwacher Trost für sie gewesen sein muss. Und als ich das las, dachte ich mir mein Teil. Aber was hatte sich unser Bandkollege bloß bei dem Rest gedacht?
„… Such nicht nach den Nachrichten, die Ihr Euch gegenseitig geschickt habt. Auch den Chatverlauf hat er komplett bereinigt… er wollte sogar, dass wir alle Dich aus unseren Kontakten werfen, aber das erscheint mir nicht fair. Schließlich war ich nicht dabei und kann mir deshalb kein Urteil erlauben. Und was eventuell eingehende Nachrichten angeht – falls Dich unser Drummer anfunkt, lösch es. Und zwar ungelesen. Mit dem sind wir fertig!“
Mit Ryan fertig? Oh ja, und das war auch das Einzige, was an dieser Verzerrung der Tatsachen halbwegs Sinn ergab, und auch das erschien mir damals noch stark untertrieben. Eigentlich auch noch Jahre später, auch wenn ich langsam in gewisser Weise zu verstehen begann, dass er Andrea nur schützen wollte.
Fortsetzung folgt im Türchen 4
