Kapitel 2 ⫝ Ach, wie gut, dass niemand weiß…
⫝ Wassermann: Zweifeln Sie, ob die Richtung, in die sich Ihr Leben bewegt, überhaupt noch stimmt? Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl, und Klarheit sollte Ihnen bald gewiss sein. ⫝ („Morgenstund hat Gold im Mund“ – Radio Küstennebel, Sendung vom 18. Februar, 2025)
„Ot-ten-sen! Ot-ten-sen!“
Ach du grüne Neune!
Selbst jetzt, nachdem mich das Boot mit Sack und Pack und Proviant für die nächste Woche abgesetzt hat, bekomme ich die vor dem Hotel aufgelaufene Meute und ihr Geschrei nicht aus dem Kopf. Zu hülf! Transparente wie bei einer Großdemo – zum Teufel mit BookTok und dem, der die Katze aus dem Sack gelassen hat. Obwohl alle Verwünschungen und mein stilles Flehen, doch in der Zeit zurückreisen zu können, an der Situation nichts ändert. Ganz egal, wer da auch immer gequatscht hat, der Schaden ist angerichtet und niemand kann ihn mehr rückgängig machen.
Die Folgen sind allerdings für die Direktion des Nobelhotels eine einzige Katastrophe. Ist der Ruf nämlich ruiniert, lebt es sich alles andere als ungeniert. Nun gilt es, das durch dieses Tohubawohu in Gefahr geratene Renomee des edlen Hauses wiederherzustellen. Denn spricht sich dieses Fiasko unter den betuchten oder prominenten Gästen erst einmal herum (was es meistens sehr schnell sogar tut), würden die sich fragen, ob ein unbeschwerter Aufenthalt für sie in Zukunft überhaupt noch möglich ist, wenn sie befürchten müssen, dass auch sie dort nicht mehr unerkannt residieren können. Paparazzi können gnadenlos sein.
Während die bleiche Sonne hinter den immer dichter werdenden Wolkenbänken versinkt, legt das Boot an und ich schultere meinen Seesack. Ein beherzter Sprung, und ich lande auf dem Kiesweg, der zu dem vor mir aufragenden Leuchtturm führt. Endlich wieder Land unter den Füßen, auch wenn es nur ein Inselchen ist, doch wohler wird mir dadurch auch nicht. Unter jedem meiner Schritte knirscht es, feuchte Kälte dringt durch meine Kleidung. Mich fröstelt. Skeptisch beäuge ich die Nieten auf der eisernen Eingangstür, neben der bereits der von Wind und Wetter mitgenommene und nicht mehr ganz so weiße Anstrich abzublättern begonnen hat – ein trostloser Anblick, der in mir Zweifel weckt, ob es wirklich so eine gute Idee war, hierher umzusiedeln. Zweihundert Kilometer auf Umwegen gen Westen und dann noch ohne Internet? Unter anderen Umständen wäre die aus dem Hut gezauberte Notlösung für mich bloß ein Katzensprung, doch jetzt fühle ich mich, als wäre ich in einer anderen Welt gelandet. Oder besser gesagt: gestrandet. In einer anderen Zeit.
Hätte ich doch bloß mal besser dem Radiogesabbel dieses seltsamen Regionalsenders und den Ausführungen unseres Fahrers Beachtung geschenkt, dann hätte ich womöglich den ein oder anderen Hinweis darauf, was mich heute noch erwarten würde, erhaschen können. Statt dessen hänge ich in meinem nur schwer kontrollierbaren Gedankenkarussell fest, von dem ich nur dunkel erahne, wann es seine Fahrt begonnen hat.
Jedes Jahr um diese Zeit…
Meinen Geburtstag wollte ich feiern und am Tag darauf auch gleich meinen Namenstag. So wie sonst auch. Freu dich, Simon, dass deine Freiheit mit jedem Jahr in immer weitere Ferne rückt und quartier dich schon am Sonntag ein. Was macht es schon, dass der Siebzehnte dieses Jahr auf einen Montag fällt. Warum es mit dem Datum so genau nehmen, wenn doch schon der Name Lug und Trug ist?
„Simon Schneider. Aha. Wie willst du mit diesem Namen als Schriftsteller einen Blumentopf gewinnen? Aber wenn’s dich tröstet und du bei deinen geliebten Alliterationen bleiben willst – bitte schön. Wie wär’s mit Heinrich Hammersbald? Oder Pit Potsdammer? Oder…“
Ein Schriftsteller, dem nichts mehr einfällt.
Bodo und seine Ideen, seufze ich leise vor mich hin. Auch wenn am Ende ich auf mein Pseudonym gekommen bin. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Jedenfalls dachte ich das bisher. Ich konnte mich bedeckt halten und unterm Radar fliegen, denn niemand würde hinter Ottfried Ottensen einen durchschnittlichen Typen mittleren Alters mit einem Allerweltsnamen vermuten, der nach dem x-ten, aber diesmal umso heftigeren Streit endgültig das Handtuch geworfen und der lieben Familie Lebewohl gesagt hat. Natürlich im übertragenen Sinn, denn dazu war der Knall zu groß.
Soll Lavinia doch sehen, wie sie ohne mich zurecht kommt.
Auf und davon? Auch das sollte man nicht wörtlich nehmen. Ohne Bodo als Mittelsmann, der sich um rechtliche Fragen und den damit verbundenen Papierkram kümmert, hätte es für die Kinder finster ausgesehen. Schließlich sollen die unter der verfahrenen Situation nicht auch noch leiden – können sie
doch am wenigsten etwas dafür, dass sich unsere Wege getrennt haben.
Oder mein Weg von ihrem…
Wann hat das eigentlich angefangen, dass ich mich mehr und mehr frage, wohin mich mein unüberlegtes Abhauen gebracht hat?
Da hin, wo ich jetzt bin, Dummerchen! Da war der Zyniker in mir wohl mal wieder schneller, aber diese dumme Antwort auf eine berechtigte Frage lässt mich so schnell nicht los. Da hin, wo ich jetzt bin? Ja, rede dir das ruhig weiter ein, hält meine innere Stimme dagegen… Wo du jetzt bist? Eher wohl, wo du bis jetzt warst.
Bis jetzt. Wo mich alles einholt. Dass das Leben keine Einbahnstraße ist und früher oder später als Bumerang zurückkommen muss, ist eine dieser Weisheiten, die Bodo nicht immer für sich behalten kann. Nur hat er es anders formuliert.
„Denk an meine Worte – es ist nur eine Frage der Zeit, bis dir deine Vergangenheit auf die Füße fällt.“
Meine Vergangenheit? Doch wohl eher mein Weglaufen und Untertauchen. Warum nennst du nicht gleich das Kind beim Namen? Feigheit würde es eher treffen. Dadurch nähme zwar der unsichtbare Elefant im Raum endlich Gestalt an, doch das Ergebnis bliebe das gleiche wie das, was mir Bodo schon damals prophezeit hat, auch wenn ich beim letzten Teil des Satzes ein anderes Bild vor Augen habe.
Von wegen auf die Füße fallen… all die Jahre, in denen ich es mir schön bequem eingerichtet und mir eingeredet habe, es würde immer so weitergehen, nun gleichen sie eher einem Gummiband, das sich immer weiter und weiter dehnt, bis zu dem Punkt, an dem nichts mehr geht und dieses imaginäre, gefährlich dünn gewordene Band reißt. Zurückschnappt – und das mit Wucht.
Nur hätte ich niemals gedacht, dass dieser Tag so bald kommen würde.
Die Fortsetzung folgt im Türchen Nr. 10
Wie jeden Morgen hier, ist seit 8 Uhr das aktuelle Türchen geöffnet – für später Hinzukommende habe ich hier noch einmal alle bereits geöffneten Türchen versammelt: Türchen 1 ~~~ Türchen 2 ~~~ Türchen 3 ~~~ Türchen 4 ~~~ Türchen 5 ~~~ Türchen 6 ~~~ Türchen 7 ~~~ Türchen 8.
