Adventskalender 2025 ~‡~ Türchen 13

Vergewissern Sie sich zu Anfang Ihrer Watterkundung, welche Richtung Sie einschlagen müssten, um wieder sicher an Land zu kommen.

Vermutlich hat dieser Ratschlag den Zehntausenden, die Sommer für Sommer übers Watt wandern, das Leben gerettet. Doch was ist mit uns? Mit jedem unserer Schritte, die wir uns vorwärts tasten, werden die Flächen der Eisschollen zunehmend größer. Aber mit ihnen leider auch die wie Trennlinien wirkenden Vertiefungen, unter denen das Wasser leise und bedrohlich gurgelt. Ein eiskalter Schauer streift mir übers Genick. Unwillkürlich ziehe ich den Kragen meiner Jacke vor meiner Kehle noch etwas enger zusammen.

Unter jedem Tritte ein Quellchen springt, wenn aus der Spalte es zischt und singt! – O schaurig ist’s, übers Moor zu geh’n…

Übers Moor? Die Gedanken sind frei? Wie absurd. Als hätten die ganzen Schauergeschichten meiner Kindheit nur darauf gewartet, sich einen Weg aus meinem Innern zu bahnen, und das im ungünstigsten Moment.

„Der Tod kommt lautlos. Oder in Wellen“ – auch ein schöner Titel für…

Halt. Stop. Konzentration, bitte! Die Planung für mein nächstes Buch sollte jetzt nun wirklich keine Priorität haben. Oder auf einer hypothetischen Liste dessen, was zu tun ist, an unterster Stelle stehen – und dafür das Wichtigste, nämlich nicht die Orientierung zu verlieren, an deren Spitze. Daran erinnert mich jäh das Geglucker unter meinen Füßen, das ich eigentlich gar nicht hören dürfte. Sobald uns die mit eisigen Fingern nach uns greifenden Schwaden erst einmal eingeholt und eingehüllt haben, saugen sie wie Watte sämtliche Geräusche auf und schließen sie ein wie in einen Kokon. Aber warum spüre ich die ganze Zeit, wie es in meinen Ohren widerhallt? Ist vielleicht doch etwas dran an dem Gerücht, dass die wabernden Nebel alle Töne in unmittelbarer Nähe verstärken? Oder ist das alles nur Einbildung?

Bleib fokussiert und sieh um Himmels Willen jetzt bloß keine weißen Mäuse. Vertrau Andrea und pass auf, dass du sie nicht aus den Augen verlierst. Sie ist schließlich diejenige, die sich hier auskennt.

Konzentration… keine weißen Mäuse sehen… die Orientierung nicht verlieren – das sagt sich so leicht. Besonders wenn ich an die Deichkrone denke. Die hat sich heute morgen noch in dezenten Braun- und Grüntönen gegen den Morgenhimmel abgehoben. Jetzt aber verschwimmt das vertraute Bild zusammen mit dem Hintergrund zu einer homogenen, einst schiefergrauen Masse, deren Formen sich weiter und weiter auflösen, bis man sie gerade noch erahnen kann.

O schaurig ist’s übers Moor zu geh’n, wenn es wimmelt vom Heiderauche…

Von Schiefergrau zu zart rauchfarben, und was kommt dann? Gar nichts mehr? Die Gedanken sind frei – von wegen. Eher verwirrt und in ihrem Käfig permanent vor sich hin kreisend wie der sprichwörtliche Panther im Zoo. Verwirrt und durchdrungen von einer Panik, die sich hinterrücks und unbemerkt angeschlichen hat, obwohl ich es besser wissen müsste. Denn Panik, das müsste ich inzwischen begriffen haben, ist nicht nur ein schlechter Ratgeber, sie hilft auch keinem von uns beiden weiter. Weder mir, noch-

Andrea? Andrea! Wo ist sie?

Nur zwei Schritte waren es, vielleicht auch drei – aber die haben ausgereicht, das denkbar Schlimmste eintreten zu lassen. Nun ist sie weg. Vom Erdboden verschluckt. Oder vom Nebel? Unmöglich! Ich war mir so sicher – wo ich doch hätte schwören können, dass sie eben noch hier-

Da! Ein Donnerschlag wie von einem Silvesterfeuerwerkzerreißt die Luft um uns herum und lässt mich schmerzhaft zusammenzucken. Unter mörderischem Pfeifen, so als ob sich kleine, weißglühende Pfeile geradewegs in meine Trommelfelle bohrten, zischt und jagt eine den Himmel gespenstisch erhellende, rotleuchtende Kugel aus Licht in einem irrwitzigen Tempo und einer perfekten Steilkurve in ungeahnte Höhen. Schraubt sich Meter um Meter vorwärts, um schließlich mit einem gedämpften Plopp! in unzählige Sterne zu zerbersten. Wenn das keiner gesehen hat, dann weiß ich auch nicht.

Was ich dafür aber ganz genau weiß: Der Knall mag mir zwar einen Heidenschreck versetzt haben, doch ohne ihn wäre ich verloren gewesen. Denn das Bild, das ich im gleichen Augenblick vor mir sehe, ist zwar nur flüchtig, doch dank ihm kann ich den verloren geglaubten Anschluss wiederfinden: nach oben durchgestreckter Arm und im Wind wogendes Haar – der sich am Boden ausbreitende Rauch lässt Andreas scharfgezeichnete Silhouette für Bruchteile von Sekunden so deutlich hervortreten, als hätte jemand aus schwarzem Karton einen Scherenschnitt von ihr angefertigt.

Es braucht dann tatsächlich noch zwei weitere Schüsse aus Andreas Signalpistole, bis vom Strand her die erlösende Antwort kommt. Mit Leuchtkugeln. In Grün. Noch nie ist mir der damit verbundene Schwefelgestank lieblicher vorgekommen.

Ein schon lange nicht mehr gekanntes Gefühl von Dankbarkeit durchströmt mich und fast schäme ich mich dafür, dass ich auch nur für einen Moment angenommen habe, Andrea hätte sich an diesem Tag ohne lebensrettende Ausrüstung auf den beschwerlichen Weg über die Bucht begeben.

Ich sollte wirklich langsam damit anfangen, meinen Mitmenschen zu vertrauen.

Da mählich gründet der Boden sich, Und drüben, neben der Weide, Die Lampe flimmert so heimatlich…

Es ist tatsächlich ein bisschen wie in diesem Gedicht vom Knaben im Moor, das mich schon seit einer geraumen Weile nicht mehr loslässt. Denn als Andrea verkündet, ihr Handy sei „mors“ und wir müssten zum Telefonieren in den Dorfkrug, fällt mir ein Text ein, den ich vor Urzeiten als Prolog für eines meiner Manuskripte angefangen, aber nie zu Ende gebracht habe.

Wie auch, wenn der Lektor meint, ich solle es besser lassen, wenn ich mir nicht Plagiatsvorwürfe von mehreren Seiten einhandeln wolle. Mag sein, dass meine Entscheidung, die krude Mischung aus Hund von Baskerville und Knabe im Moor einzustampfen, richtig war. Und dennoch… Welche Ironie, dass wir uns jetzt in einem Gasthaus mit demselben Namen, in einer Nische mit Blick auf den Strand, wiederfinden. Weil das halbe Dorf bereits unterwegs ist, um zum Austreiben des Winters nach altem Brauch die ersten Feuer zu entzünden, hat die Küche bereits für heute Feierabend gemacht.

Doch trotz allem ist für ein Kännchen Tee mit Rum immer noch Zeit – Zeit, in der Andrea mit dem an der Wand hängenden Telefon ihre Mitbewohner anruft, um ihnen zu sagen, dass sie einen Gast mitbringen wird.

Für Späteinsteiger habe ich hier noch einmal alle bereits geöffneten Türchen versammelt: Türchen 1 ~~~ Türchen 2 ~~~ Türchen 3 ~~~ Türchen 4 ~~~ Türchen 5 ~~~ Türchen 6 ~~~ Türchen 7 ~~~ Türchen 8 ~~~ Türchen 9 ~~~ Türchen 10 ~~~ Türchen 11 ~~~ Türchen 12.