Adventskalender 2025 ~‡~ Türchen 16

Ein Hoch auf das Geburtstagskind. Es lebe hoch, hoch, hoch…

Starr vor Schreck, bleibe ich angewurzelt stehen und schaffe es gerade noch, mich am Handlauf der Treppe festzuhalten, ansonsten wäre ich in die plötzlich butterweichen Knie gegangen.

Happy birthday to you, happy birthday to you…

Noch während ich mich frage, ob ich meinen Ohren auch wirklich trauen kann, macht sich ein verräterisches Brennen in meinen Augen bemerkbar.

Happy birthday, lieber Jo-honn… Happy birthday to you…

Die Kollegen um mich herum halten die Tränen, die mir in die Augen schießen, mit Sicherheit für ein Zeichen von tiefster Rührung, doch da irren sie sich, ohne es zu wissen. Wie auch, wenn es die Enttäuschung darüber ist, dass ich so dumm war und anscheinend mal wieder nur von zwölf bis Mittag gedacht habe.

Das kommt davon, wenn man das Programm des heutigen Tags nur oberflächlich durchgelesen hat: Jazz-Matinee mit anschließendem geselligen Beisammensein. Wer hätte das an meiner Stelle nicht angekreuzt, bei den anderen Vorschlägen der Geschäftsleitung, unter denen wir wählen durften. Natürlich nur jeder einen, schließlich muss der Betrief ja weiterlaufen, und da nicht alle gleichzeitig…

Jazz-Matinee. In Heidelberg.

In genau dieser Reihenfolge. Hätte ich bei dem Teil mit dem „geselligen Beisammensein“ doch bloß genauer hingeschaut und somit erfahren, wohin es uns vierundzwanzig Nasen verschlagen würde, dann wäre ich entweder zu Hause geblieben oder hätte mich zähneknirschend einer anderen „Maßnahme zur bereichsübergreifenden Teambildung“, wie mein ehemaliger Dozent dazu sagen würde, angeschlossen. Nur taugt alles ach hätte ich doch bloß keinen Schuss Pulver, denn nun stehe ich auf einem schwankenden Deck und starre fassungslos in die Runde.

Eine schräge Mischung aus Tönen, einem Akkordeon entweichend, und lautem Happy-Birthday-Gesang, der eher durcheinander als mehrstimmig klingt. Dabei dachte ich immer: Je schräger desto besser – jedenfalls wenn es um Musik geht. Sonst  hätte ich mich doch nie dazu hinreißen lassen, bei der angekündigten Jam-Session zum Mitmachen in diesem Jazzkeller spontan aufzustehen und mich ans Klavier zu setzen.

Blicke aus vierzig Augenpaaren wandern mir hinterher, als ich mich erhebe und den für uns reservierten Bereich verlasse, um die erstaunlich niedrige Bühne zu betreten. Anscheinend hat es nur einen Freiwilligen gebraucht. Kaum sitze ich auf dem gepolsterten Witz von einem Hocker, kommen sie zusammen, verteilen sich auf der Bühne und greifen zu den Instrumenten. Ein Saxophon, eine Sammlung Töpfe und Blechbüchsen, eine Ukulele… Ein Wunder, wenn diese Darbietung niemand fluchtartig verlässt, denke ich mir beim Anblick der Gestalt im Frack, die sich in Positur stellt und umständlich ein Monokel hervor kramt, bevor sie mit dem Vortrag aus einem zerfledderten Gedichtband beginnt.

Links von mir hebt eine Tröte an und das Saxophon stimmt ein. Mein Gott, worauf habe ich mich bloß eingelassen? Nervös greife ich in die Tasten und schlage die ersten Töne an, die mir in den Sinn kommen. Der Mann im Frack hebt mahnend einen Finger, während das Licht seinen Standort wechselt und rot beleuchtet. Dann legt er los.

Der Wind heult immer laut aus den Kaminen   – mit einem lauten Schnarren hallt die Stimme des Befrackten durch den Saal. Dada vom Feinsten.

Und jede Nacht ist blutigrot und dunkel ♪ – zwar kann ich nur seinen Rücken sehen, aber der Anblick reicht mir, um mir vorzustellen, wie schaurig seine von unten angestrahlte Vorderseite im Publikum ankommen muss. Irritiert lasse ich die Blicke durch den Saal schweifen und versuche, an etwas anderes zu denken. Eine Torte wird dekoriert und aus dem Saal getragen. Wohin auch immer. Im Saal werden die ersten unruhig. Und mit ihnen meine Kollegen.

Die Häuser recken sich mit leeren Mienen… ♪ 

Improvisieren ist alles. Doch der Wahn währt nur kurz. Glücklicherweise.

Vereinzeltes Klatschen unterbricht den Vortragenden, der gerade zur nächsten Strophe ansetzen wollte, und bringt ihn vollends aus dem Konzept. Sein halb ratloses, halb beleidigtes Schweigen, wird umgehend quittiert: mit verhaltenem Applaus. Und selbst das erscheint mir im Nachhinein noch übertrieben.

Von Standing Ovations mit frenetischen Zugabe-Rufen über nur zögerlichen Höflichkeitsbekundungen bis hin zu mehr als sparsamem Klatschen vereinzelter Besucher in einem fast leeren Saal: Während meiner Zeit mit meinen Bandkollegen ist mir so ziemlich einiges begegnet. Aber dass sich hinten im Saal jemand an der Torte vergreifen will, weil er nach einem Wurfgeschoss sucht, das er auf den Mann im Frack abfeuern möchte, ist dann doch zu viel für mich.

Mit einem innerlichen bloß weg von hier tauche ich seitlich ab und verschwinde hinter dem von Motten angefressenen Samtvorhang, bevor die Hölle losbricht.

Zum Äußersten ist es dann doch nicht bekommen, doch als meine Kollegen zur Seite treten und den Blick auf die Torte von vorhin freigeben, denke ich erneut bloß weg von hier. Das Gekrächze aus dreiundvierzig angeheiterten Kehlen macht es nicht besser und hilft mir nicht dabei, meine karussellfahrenden Gedanken zu sortieren. Im Gegenteil.

Doch ganz gleich wieso, weshalb und warum wer geplaudert und die Katze aus dem Sack gelassen hat: Es spielt keine Rolle – denn nun ist es zu spät. Aber nicht, weil mein tatsächlicher Geburtstag – April, April – mitten in der Woche, schon ein paar Tage her ist und sich der Samstag zum Feiern anbietet. Sondern weil ich mich nach diesem gruseligen Vormittag unter einem Vorwand noch immer hätte entschuldigen und mit dem Zug nach Hause fahren können. Doch das hier?

Nun sitze ich fest und kann nicht weg.

PS: Die drei Zeilen „Der Wind heult immer laut aus den Kaminen“, „Und jede Nacht ist blutigrot und dunkel“ und „Die Häuser recken sich mit leeren Mienen“ bilden die erste Strophe des Gedichts „Der Winter“ von Georg Heym (1887-1912) und mussten für die oben geschilderte, dadaistische Aufführung an diesem 5. April 2025 herhalten.

Für Späteinsteiger habe ich hier noch einmal alle bereits geöffneten Türchen versammelt: Türchen 1 ~~~ Türchen 2 ~~~ Türchen 3 ~~~ Türchen 4 ~~~ Türchen 5 ~~~ Türchen 6 ~~~ Türchen 7 ~~~ Türchen 8 ~~~ Türchen 9 ~~~ Türchen 10 ~~~ Türchen 11 ~~~ Türchen 12 ~~~ Türchen 13 ~~~ Türchen 14 – und Türchen 15.

Dienstags-Gedudel #301 –  der Ohrwurm von damals

Wie doch die Zeit vergeht – das hier wurde im letzten Jahrtausend von meinem damaligen „Stamm“sender HR3 in seiner eigenen Hitparade wochenlang gedudelt, bis es irgendwann weg war. Nur hatte ich vergessen, dass der Song aus dem Jahr 1991 stammt:

schade, dass ich davon kein einziges Wort verstehe *** https://youtu.be/m0YLDqIkgb0