Mein singender, klingender Adventskalender – Epilog & Schlusswort *** Afterglow

♪♫♪♫ Who is gonna come and turn the tides? What’s it gonna take to make a dream survive?
Who’s got the touch to calm the storm inside? Don’t say goodbye, don’t say goodbye. In the final seconds, who’s gonna save you? – Ooh-oh, ohh-oh. Alive and kicking. Oh, stay until your love is, love is alive and kicking ♫♪♫♪ -Simple Minds „Alive and kicking“-

Australia Day.

„Und nun zu unserem letzten Song vor dem großen Feuerwerk. Alle, die uns schon lange kennen, wissen jetzt schon Bescheid, was jetzt kommt…“

Glasklar und ohne Verzerrungen schallt Michaels Stimme quer durch das Stadion. Nur noch wenige Augenblicke, dann wird sie vorbei sein, die große Tournee, und wie immer lassen sich meine Bandmates es sich nicht nehmen, zu besonderen Anlässen wie diesem ein ausuferndes Gitarren- oder Schlagzeugsolo in unser Lied zum Abschluss einzubauen.

„… und für alle anderen: Don’t change! Danke Sydney, ihr seid wunderbar!“

So gerne wäre ich bei dieser Tournee, von der ich noch nicht einmal die Hälfte mitbekommen habe – und das wenige davon mit vollgekritzeltem Gips – dabei gewesen; es hat nicht sollen sein. Ebenso wie die Tatsache, dass ich Michaels siebenundzwanzigsten Geburtstag verpasst habe. Doch machen wir uns nichts vor: So, wie meine Ehe mit Beth auf der Kippe stand, weil ich seit Weihnachten komplett im Ausnahmezustand war und auf alle anderen wirkte, als lebte ich in einem Galaxien entfernten anderen Universum, durfte ich keine Zeit verlieren und musste handeln.

… resolution of happiness, things have been dark for too long…

Zum Glück war ich so geistesgegenwärtig, den anderen mein Weglaufen am Flughafen als spontane Eingebung zu verkaufen, die mich dazu trieb, zum nächsten Schalter zu eilen und den frühestmöglichen Flug zurück nach Melbourne zu buchen. Ein Drops, den insbesondere Kirk, dem man so schnell kein X für ein U vormachen kann, auffallend schnell geschluckt hat – ein Drops, der erst nach meiner Aussprache mit Beth komplett gelutscht war. Und es auch hoffentlich bleibt, bete ich im Stillen. Wenn bloß mal nichts nachkommt…

… I found a love that I had lost, it was gone for too long, hear no evil in all directions. Execution of bitterness, Message received loud and clear…

Nachkommen wird auch hoffentlich gesundheitlich bei mir nichts mehr. Ein Umstand, den die Kollegen, die unsere Band bei unseren Auftritten nach Kräften unterstützt haben, als glückliche Fügung des Schicksals betrachten. Jetzt kommt Chrissy, der meine Beinahe-Nicht-Mehr-Schwägerin eine Affäre mit mir angedichtet hat, nach vorne, um mich zu umarmen, natürlich unter den kritisch prüfenden Blicken meiner Buffy.

Doch mehr aus Sorge um mich und meinen in einer Schiene ruhenden, noch immer verletzten Arm, und nicht etwa, weil sie dem haltlosen Gerücht, das Leslie in die Welt gestreut hat, Glauben schenken würde.

Ja, Freunde – auch dieses Handicap ist endlich leichter zu ertragen und nicht mehr diese drückende Bürde, seit die Ärzte in Melbourne den unhandlichen Gips, unter dem es wie Hölle gejuckt hat, gegen eine leichte Schiene in dekorativem Blau ausgetauscht haben, passend zu meinem Outfit ganz in Schwarz.

  …Don’t change for you, don’t change a thing for me.

Kaum sind die letzten Töne unserer Abschlusshymne verklungen, strömen alle, die an dieser Tournee mitgewirkt haben, zur Bühne. Jemand umarmt mich von hinten und schiebt mich mit nach vorne. Nein, hier wird niemand zurückgelassen, und gemeinsam stimmen alle miteinander in „Good Times“, den wirklich letzten Song für alle Mitwirkenden ein, stimmlich angeführt von Jimmy Barnes und Michael, dem man die Strapazen der vergangenen Tage kaum noch ansieht.

Don’t change for you, don’t change a thing for me? Ab jetzt hoffentlich nicht mehr – von nun an bis an unser aller

Ja, das ist es nun wirklich und wahrhaftig: Das Ende der Geschichte. Doch im Gegensatz zu INXS, die ihre Konzerte immer mit Don’t change ausklingen ließen, dürfen bei mir heute die Simple Minds die Abschiedsvorstellung geben. Passt auch besser zum Gesamtbild.

eine würdige Abschlussfanfare : https://youtu.be/rA-O7PkRIcE?t=0

Der titelgebende Song wäre auch eine Option gewesen, doch ich bin mir sicher, den hatte ich irgendwann schon einmal hier, und ich wollte mich diesmal nur ungern wiederholen – ganz im Gegensatz zu den Weihnachtswünschen bzw. -grüßen, denn Frohe Weihnachten kann man nicht oft genug sagen. In diesem Sinne denn: Frohe Weihnachten an alle, die bis hierher durchgehalten haben und natürlich auch alle übrigen, die mir folgen (und denen ich folge).

Media Monday # 652 : Frohe Weihnachten

Besser spät als nie – darum gibt’s meinen aktuellen Beitrag zum 651. Media Monday ausnahmsweise mal nicht früher, sondern erst am Nachmittag.

1. Unter dem Weihnachtsbaum lag bei mir nichts, denn ich habe auch dieses Jahr keinen – und bei der Freundin, die ich besucht habe, befinden sich Objekte in Paketform, die eine stimmungsvolle Beleuchtung zaubern.

2. Die eine Weihnachtstradition, die alle gut finden, gibt es nicht.

3. Wäre ja schon ein tolles Geschenk, wenn es auf Youtube noch einmal die Möglichkeit für mich gäbe, den Film „Dogs in Space“ zu sehen. Ich könnte auch versuchen, eine DVD dieses Werks aus dem Jahr 1986 zu erwerben, nur weiß ich leider nicht, ob sich eine solche Scheibe wegen des Ländercodes auch auf meinem Player abspielen lässt. Aber Hilfe naht in Form von „Monty Pythons wunderbare Welt der Schwerkraft“, den kann ich mir statt dessen ansehen.

4. Von all den vielen Weihnachts-Specials habe ich mir kein einziges gegeben – abgesehen von der x-ten Wiederholung von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ in der ARD-Mediathek.

5. Ich habe mir ja für dieses Jahr gewünscht, dass es mir rechtzeitig zu meinem Geburtstag das Badezimmer in eine Wohlfühloase zu verwandeln, aber das hatte ich schon einmal erwähnt.

6. Zur Abwechslung im nächsten Jahr mal nicht überall mit „Last Christmas“ beschallt zu werden, würde an ein Weihnachtswunder grenzen, immerhin hat dieser nicht totzukriegende Song nächstes Jahr 40 Jahre auf dem Buckel, da kann ich mir kaum vorstellen, dass man ihn anlässlich dieses Jubiläums aus dem Programm nehmen wird. Aber ich will nicht meckern und halte statt dessen mit meinem persönlichen „All Time Favourite“ namens Fairytale of New Yorkdagegen.

7. Zuletzt habe ich Heiligabend außer Haus verbracht und das war bei einer Freundin, die mich eingeladen hatte und das schon zum zweiten Mal in Folge getan hat, weil das gesellige Beisammensein im letzten Jahr so schön gewesen ist. Allerdings waren wir 2022 ein paar Leute mehr – dieses Jahr waren wir zu fünft. Es war ein rundum gelungener Abend im Stil einer Mitbringparty, zu der jeder etwas zu Essen mitgebracht hat – alles verlief nach Plan, nur zum Schrottwichteln sind wir nicht gekommen.

Und nun wünsche ich euch allen noch ein schönes restliches Weihnachten.

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 25 *** On my way

♪♫♪ Listened to by walls, we share the same spaces, repeated in the corridors, performing the same movements. Storey to storey, building to building, street to street we pass each other on the stairs. ♪♫♪  -INXS „The stairs“-

Als ob ich es geahnt hätte: Wir müssen alles vergessen, was wir in den letzten beiden Wochen erlebt haben. Im Men-in-Black-Stil oder mittels einer Pille wie in „Torchwood“, das ist hier die Frage. Allerdings ist diese Science-Fiction hier im Gegensatz zu diesen beiden Serien äußerst real, so real wie die Musik von vorhin, die nun langsam aus dem Nichts erneut anschwillt…

… here I am, lost in the ashes of time, but who owns tomorrow?

… Leider. Doch wenn ich mich richtig erinnere, gilt der Teil mit dem Auslöschen der Erinnerungen nur für meinen Banknachbarn, während ich unbehelligt bleibe. Hat der Fahrer dieses Taxis etwa Mitleid mit mir, weil ich mit dem Gips, der laut Plan übermorgen bereits runter müsste, schon gestraft genug bin? Sollte wirklich das eintreten, was ich mir zusammenreime, wird es für ihn nicht leichter werden, sobald er wieder in seinen eigenen Körper zurückgekehrt ist – und schon gar nicht, wenn er den Brief von Beth liest.

Ich fürchte, ich bin dem jungen Mann eine ausführliche Erklärung schuldig…

Fassungslos lasse ich den Schwall an Worten, der auf mich einströmt, über mich ergehen. Zuerst jener Unfall in der Weihnachtsnacht und mein Handicap, an dem sämtliche unserer Auftritte während unserer Tournee um ein Haar gescheitert wären. Dann der Zoff mit meiner Noch-Schwägerin, und zum Schluss das Eintrudeln des Filmteams um unseren Lieblingsregisseur. Doch was viel schwerer wiegt als alles zusammen, ist Beth: Verschwunden, weil ich es verkackt habe? Der Brief, der mir in die Hand gedrückt wird, spricht eine leider nur allzu deutliche Sprache.

… und deshalb musst du, Tim, alles vergessen, was du seit Weihnachten in Nicoles Zeit erlebt hast…

Schön wär’s. Als ob ich den Brief oder das, was ich gerade gehört habe, je vergessen könnte! O ja, dafür wird er schon sorgen. Er, der gerade versucht, Licht ins Dunkel seiner Identität zu bringen, da anscheinend nicht nur ich dastehe wie der Ochs vorm Berg.

„Nennt mich Macht des Schicksals, X-Faktor oder auch St. Jude, auch wenn ich weiß, wie wenig ihr alle heutzutage noch an Wunder oder die göttliche Vorsehung glaubt.“

Diese Ansprache hat uns beiden gegolten, doch ich weiß genau, worauf er anspielt: St. Jude – der heilige Judas Thaddäus, Schutzpatron der hoffnungslosen Fälle.Schon einmal haben sich unsere Wege gekreuzt. Letzten Winter in Prag. Und mir ist fast so, als hätte er mich seitdem nicht mehr aus den Augen gelassen und nur auf seine Chance der Wiedergutmachung gewartet: dafür, dass es nicht er war, der mir den Arsch gerettet hat, sondern Michael – zusammen mit diesem seltsamen Vertreter unserer Botschaft…

Natürlich wird er mir diese Erinnerung nicht nehmen. Er wird schon dafür sorgen, dass ich das, was mir mein Tauschgegenstück gerade erzählt hat genauso wenig vergesse. Wozu hätte er sonst dafür gesorgt, dass mir durch das Leeren unserer Taschen der Brief meiner Liebsten in die Hände gerät?

Buffy…

… in between the longing to hold you again. I’m caught in your shadow, I’m losing control. My mind drifts away, we only have today…

Auch ohne das Gefasel „St. Judes“ von feststehenden Ereignissen in Raum und Zeit erkenne ich jetzt ganz deutlich, dass sie die Eine ist, auf die es wirklich ankommt und die ich über diesen Zettel mit den fünf Phasen beinahe vergessen hätte.

Das machen mir die in der Luft immer klarer schwebenden Klänge nur zu bewusst: fünf Phasen, von denen ich die eine des Verhandeln-Wollens längst hinter mir gelassen habe, weil ich mich bereits auf dem Weg zu den nächsten beiden befinde. Allerdings bekomme ich immer mehr den Eindruck, dass sie sich nur schwer voneinander trennen lassen – ähnlich wie ein doppelgesichtiger Joker, bei dem auch niemand weiß, an welcher Stelle der eine Zustand in den anderen übergeht.

Ob das eine das andere bedingt und meine Verzweiflung darüber, dass ich nur auf die von dem Kerl am Steuer beschriebene Weise zurückkehren kann, nötig ist, damit ich verstehe? Verstehe und akzeptiere, dass es gar nicht anders sein kann – ja, dass es sogar sein muss? Nein, meinem besten Freund werde ich nicht helfen können – nicht in dieser und auch in keiner anderen Welt; aber wenn ich nur so mein Leben mit Beth, meiner Buffy, retten kann, dann soll es so sein. Und so tue ich schweren Herzens das, was ich schon längst hätte tun sollen: Ich lasse los.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Andere zu dem gleichen Entschluss gekommen ist. Sonst könnte das hier noch sehr lange dauern.

… touch me and I will follow in your afterglow. Heal me from all this sorrow, as I let you go…

In die Klänge der Sitar mischt sich irisierendes Licht von draußen, breitet sich gleißend hell zwischen Tim und mir aus und überstrahlt dabei den Fahrer, heller als tausend Sonnen. Was unser ganz persönlicher „X-Faktor“ auch zu uns noch in den letzten Augenblicken gesagt haben mag, es geht unter in der letzten Strophe

des Liedes um uns herum.

… I will sacrifice ‚til the blinding day when I see your eyes. Now I’m living in your afterglow.

Dann verhallt auch diese, und ein Ruck geht durch meinen Körper, ganz so wie in jener Nacht, in der sich der Riss in Zeit und Raum ausdehnte und uns beide verschlang. Tim und mich. Nicole Simon und Timothy William Farriss, die sich in der Wirklichkeit niemals getroffen hätten, wäre da nicht diese gefühlte Ewigkeit gewesen, in der Zeit und Raum scheinbar stillstanden und die Welt da draußen zu unwirklichen Schatten verschwamm.

Eine Ewigkeit, die in Wahrheit jedoch nicht mehr als zehn Minuten gedauert hat, wie ich feststelle, nachdem sich die Tür zu meiner Rechten geöffnet hat, um mich wieder auszuspucken und am Straßenrand zurückzulassen. Keine Minute zu früh, übrigens, denn als ich benommen aufsehe, steht Eva mit einem Gesicht vor mir, auf dem sich mehr Fragen abzeichnen, als ich vermutlich je beantworten könnte.

Was in meiner Abwesenheit passiert ist, kann ich mir anhand dessen, was mir Tim in unserem ganz persönlichen Never-Neverland in wenigen Sätzen berichtet hat, grob zusammenreimen. Und der Zettel in meiner Gesäßtasche? Ich bin mir sicher, Eva wird mir nach und nach haarklein aus ihrer Sicht erzählen, was für sie der Auslöser dafür war, dass sie ihn überhaupt erst geschrieben hat.

Doch eines steht für mich schon jetzt fest: Von nun an bin ich nicht mehr von dem Wunsch besessen, das Leben anderer in Ordnung zu bringen, wenn es bei mir weiß Gott genügend Baustellen gibt. Und ich spüre: Das hier ist womöglich nicht das

ENDE? Oder gar Ende gut, alles gut? Ähem, ich gebe zu, ich habe geschummelt. Denn was wäre eine Geschichte ohne einen Epilog, der das ganze rund machen soll? Das grande Finale folgt dann also morgen.

Wenn endlich alle auf dem hoffentlich richtigen Weg sind : https://youtu.be/NaVd1MLEYuc?t=0

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 24 *** Know the difference

♪♫♪ Well, it’s the swing, Yeah, the swing like a pendulum. Between the pieces and between the lines, There is nothing to hide. The swing into Never-Never Land♪♫♪ -INXS „The swing“ –

„Dass wir euch erst jetzt gefunden haben, war so nicht geplant. Doch zuvor möchte ich euch bitten, eure Taschen zu leeren und alles, was ihr darin habt, auf dem freien Platz zwischen euch abzulegen.

Zweifelnd schaue ich den Mann am Steuer vor mir an. Erst jetzt gefunden haben? Und ich dachte, jetzt kommt die vollmundig angekündigte Erklärung, wieso es uns erwischt hat. Doch stattdessen will er die große Entschuldigungsarie anstimmen? Wahrscheinlich sieht das mein neben mir sitzendes, nur äußerlich fünfzigjähriges Ich genauso, doch bevor wir auch nur einen Ton sagen können, äußert unser Fahrer noch einen letzten Wunsch. Gut, dass er den Motor abgestellt hat, denn kämen wir jetzt in eine Verkehrskontrolle, dürfte er sich so einiges anhören, warum er sich beim Fahren lieber zu uns umdreht, anstatt sich auf die Straße zu konzentrieren. Obwohl ich mir kaum vorstellen kann, dass uns eine Streife in diesem undefinierbaren Niemandsland anhält.

Einen Blick nach draußen zu werfen, kann ich mir sparen – in dem violett pulsierenden Licht, das von draußen durch die wenigen schlammfreien Stellen zu uns hinein dringt, kann ich außer dem ein oder anderen Schatten ohne Konturen nichts erkennen, das darauf schließen lässt, wo wir uns im Augenblick befinden. Wir könnten in irgendeinem Tunnel stehen oder irgendwo im Outback. Nullarborwüste oder Uluru: Ich kann nur hoffen, der Kerl am Steuer hat eine plausible Erklärung für das ganze Schlamassel und wie es sein kann, dass Mr. Farriss – und um keinen anderen als ihn handelt es sich bei meinem Banknachbarn – und ich uns im selben Raum befinden, hatte ich doch bisher stets angenommen, dass uns eine Spanne von sechsunddreißig Jahren trennt.

… dass Sie hier und heute bei mir zu Gast sind, hat einen Grund, den Sie gleich erfahren werden…

Seine Worte geistern immer noch durch meine Hirnwindungen, denn wenn ich ehrlich bin, hätte ich lieber auf das zweifelhafte Vergnügen, das Jahrzehnt meiner Jugend noch einmal live zu erleben, verzichtet  – auch wenn ich im ersten Moment überglücklich darüber war, dass ich nicht nur dem Mann meiner Träume begegnen, sondern ihm auch noch für kurze Zeit näher sein durfte, als ich es mir je hätte träumen lassen. Aber vielleicht ist es wirklich besser, manche Träume unangetastet zu lassen, und sich lieber nicht zu wünschen, dass sie wahr werden. Vielleicht hätte ich mir lieber wünschen sollen, mich nicht mehr an sie erinnern zu können, denn dann wäre ich nie in die Versuchung geraten, mit dem Gedanken zu spielen, ich könnte Michael das Schicksal ersparen, das zehn Jahre später auf ihn warten wird. Allem Anschein nach ist die Erfüllung dieses Wunschs nämlich soeben in unerreichbare Ferne gerückt.

Unerreichbare Ferne… wenn ich jetzt schon erkenne, dass ich auf das, was ich gerne hätte, keinen Einfluss habe, wie mag sich dies dann erst für den Gitarristen von INXS anfühlen. Wie es ihm bei seinem Sprung in die Zukunft gegangen ist, möchte ich mir lieber nicht vorstellen, denn wenn jetzt das kommt, was ich glaube, dann habe nicht ich die Arschkarte, sondern er.

„Tim, Nicole, dass es ausgerechnet euch erwischt hat, und dann noch an Weihnachten, würden die Kollegen in Woomera und Ceduna als Kollateralschaden bezeichnen und euch ihr Bedauern darüber ausdrücken, dass sie die Bescherung nicht schon viel früher entdeckt haben.“

Ja, so ist das mit den Feiertagen, denke ich, da hat die Notbesetzung den undankbaren Job, sich wirklich nur um die dringendsten Fälle zu kümmern. Nur wüsste ich zu gerne, wen er mit „Notbesetzung“ und „Kollegen in Woomera und Ceduna“ gemeint hat. Woomera und Ceduna… irgendwo klingelt da bei mir etwas, wenn auch nur ganz leise, und plötzlich erinnere ich mich an den Flyer, den ich in irgendeinem Pub auf einem Wandbord in der Nähe des Treppenabgangs zu den Toiletten gesehen habe. US Space Research Station – Visitors welcome.

Kann es tatsächlich sein, dass diese Forschungseinrichtung der NASA in irgendeiner Beziehung zu der OTC International Satellite Earth Station bei Ceduna steht? Ich weiß, es ist absurd weit hergeholt, aber vielleicht hat es ja einen Grund, dass ich an beiden Orten und dazwischen stets dasselbe Gefühl hatte, wenn ich nur an den merkwürdig schillernden Himmel und das polarlichterartige Geflacker hoch über mir denke.

„Glaub mir, Nicole – an deiner Stelle würde ich genauso gucken und das, was ich euch beiden jetzt sagen muss, auch nicht glauben…“

Oh Mann, mach’s doch nicht so spannend.

„… aber in Woomera haben sie schon länger in dieser Richtung experimentiert, nur eben nicht in diesem Ausmaß und auch ohne diese Auswirkungen, die jetzt bei euch voll durchgeschlagen haben. Tja, hätten sie in Ceduna mal hübsch die Füße stillgehalten.“

Okay, ich geb’s auf. Das kryptische Geschwafel meines Fahrers wird mich noch dumm sterben lassen, wenn er nicht bald zum Punkt kommt. Zum Glück bekommt er dann doch noch die Kurve. Gut, dass ich bequem sitze, sonst wäre ich mit dem Hintern zuerst auf dem staubigen Boden gelandet. Er redet zwar immer noch sehr viel und mit der ein oder anderen Abschweifung, doch wenn ich ihn richtig verstanden habe, haben sie bei der NASA ein Experiment durchgeführt, das in dieser Weihnachtsnacht völlig aus dem Ruder gelaufen ist: Ein zwischen der US Space Research Station in Woomera und der OTC International Satellite Earth Station bei Ceduna sich aufbauendes Spannungsfeld hat einen Riss durch Zeit und Raum und dabei ein zeitübergreifendes Wurmloch verursacht.

„Dass sich dieses Wurmloch ausgerechnet am anderen Ende von Australien geöffnet hat, war dabei nicht geplant – und auch nicht, dass unbeteiligte Reisende an Weihnachten 1986 und 2022 in seinen Sog geraten.“

Wie tröstlich, meldet sich ein sarkastisches Stimmchen in meinem Inneren, dass sie in Woomera erst später dahinter gekommen sind. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil? Manchmal reicht Lesen alleine nicht, man muss das Geschriebene auch verstehen und in der Lage sein, die in den Datenbanken aufgetauchten Anomalien richtig interpretieren. Und was lernen wir daraus? Wenn die einen es versaubeutelt haben, müssen andere her, die es wieder richten – so wie dieser Taxifahrer. Ein moderner Deus ex Machina? Vielleicht, und dennoch frage ich mich, wie er den angerichteten Schaden wieder gutmachen will. Dass er unsere Namen kennt, wird für mich dabei schon fast zur Nebensache.

Alles, was wir in unseren Taschen haben…

Ich glaube, ich muss gar nicht erst fragen, wieso. Genauso wenig wie ich mich darüber wundern muss, warum sich die abgedroschene Weisheit, dass alles aus einem bestimmten Grund passiert, genau jetzt aus meinem tiefsten Inneren in meine Gedanken schleicht. Alles passiert aus einem bestimmten Grund? Ein Satz, den die Menschheit für meinen Geschmack  überstrapaziert hat, und dennoch passt er zu unserer Situation wie die Faust aufs Auge. Warum hätte mir Eva sonst diesen Zettel geschrieben, den ich jetzt in meinen zitternden Fingern halte? Die fünf Phasen der Trauer…  Bestimmt war er für Nicky, nicht für mich. Oder doch?

Bevor es zu verwirrend wird, lege ich ihn zu dem Schlüsselbund und einem Brief zwischen mir und der Person auf dem Platz rechts von mir. Nach dem, was dieser Kerl gerade über misslungene Experimente und Wurmlöcher von sich gegeben hat, wundert mich gar nichts mehr. Wenn er sich doch weniger umständlich ausdrücken würde!

„Tim, Nicole… ihr fragt euch sicher, was dieser ganze Aufwand soll.“

O ja, denke ich, stand ich doch so kurz davor, ihn genau das zu fragen. Denn so, wie er sich bisher ausgedrückt hat, bekomme ich immer mehr den Eindruck, er hätte uns beiden die ganze Zeit über aufgelauert und den richtigen Moment zum Zuschlagen verpasst.

„Glaubt mir“, fährt er unbeirrt fort, „lasst alles zurück, was euch an das erinnern könnte, was ihr erlebt habt…“

Nachvollziehbar, aber wie soll das gehen? Und wieso kennt er unsere Namen?

„… und bei jemandem wie Nicole ist das auch nicht ganz so kompliziert. Ihr kann ich nicht die Erinnerungen nehmen, die sie zuvor längst besessen hat. Doch bei dir, Tim, sieht die Sache anders aus.“

Uns die Erinnerungen nehmen? Das klingt ja ganz so, als ob er tatsächlich in der Lage ist, mich wieder in meine Zeit zurückzubringen, auch wenn ich es immer noch nicht glauben kann, obwohl seine Ausführungen über das Spannungsfeld zwischen Woomera und Ceduna erklären würden, warum ich überhaupt erst in diesem Körper und in der Zukunft gelandet bin.

„Ich weiß, ihr wollt raus aus der Zeit, in der ihr beide jeweils feststeckt, und ihr müsst es auch. Doch mit Wünschen und Träumen ist es so eine Sache – hier geht es nicht darum, wohin ihr wollt – sondern darum, wohin ihr müsst!“

Nanu? Wollen… Müssen… Ich weiß ja nicht, wie es Nicole geht – aber ist das nicht Jacke wie Hose und das eine dasselbe wie das andere?

„Ich weiß, dass das für dich jetzt wie ein Schock kommt“, nimmt er nun endgültig mich ins Visier, „aber du kannst deinen Freund nicht retten. Im Gegenteil: Es gibt bestimmte Ereignisse, die feste Punkte in Raum und Zeit darstellen. Sie lassen sich nicht ändern, egal wie sehr man es versucht; und mit jedem weiteren Versuch wird die Zukunft neu geschrieben – oder überschrieben, und selten mit positivem Ausgang.“

Ich ahne schon, worauf das hinausläuft, doch erst mit dem letzten Satz erhalte ich Gewissheit.

„Und deshalb musst du, Tim, alles vergessen, was du seit Weihnachten in Nicoles Zeit erlebt hast.“

Bei traditionellen Adventskalendern wäre hier nun Schluss, aber weil morgen der 1. Weihnachtsfeiertag ist und in anderen Ländern offiziell sogar dann erst Weihnachten gefeiert wird, kommt das letzte Türchen morgen.

Wenn man ins Never-Never-Land gerät : https://youtu.be/fctWS_cEU5U?t=0

PS: Inzwischen gibt es auch schon „Adventskalender“ zu kaufen, die 31 Türchen haben und vom Hersteller als „Silvester Countdown“ bezeichnet werden.

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 23 *** Switch

♪♫♪ I walk this mile, like anyone. What could be found in this sweet damaged smile (…) We are lost, we are found. We are thrown together ♪♫♪ -INXS „We are thrown together“-

… dieses Fahrzeug, über dessen Farbe sich Augenzeugen uneins sind …

Na klar, so verdreckt, dass man von der Lackierung auch nicht nur ein Fitzelchen mehr erkennen kann, verstehe ich jetzt auch warum. Nicht einsteigen? Ihr habt ja alle keine Ahnung, denke ich, als ich schneller und schneller werde, und vielleicht ist es auch besser so, dass sie die Vorgeschichte nicht kennen. O ja, ich kann mir gut vorstellen, wie das auf den Rest der Band wirken muss: Ihr gehandicapter Gitarrist, der sich ohne ein Wort des Abschieds oder wenigstens eine kurze Erklärung von ihnen entfernt, steigt in ein Taxi ein, das man nicht fotografieren oder anderweitig zur Fahndung ausschreiben kann – und das auch noch freiwillig.

Wie ihr Kumpel ihnen das später erklären soll, falls er jemals wieder zum Vorschein kommen sollte, möchte ich lieber nicht wissen. Es hätte zu diesem Zeitpunkt auch wenig Sinn, denn angesichts der sich wie in Zeitlupe öffnenden Tür wische ich jegliche Zweifel beiseite. Jetzt noch einen Rückzieher machen? Vergiss es! Also lasse ich mich auf den Sitz hinter dem Fahrer fallen, bereit für das, was auf mich zu kommt.

Bereit? Wirklich?

Ich habe ja mit vielem gerechnet, nur nicht damit, dass ich das Gefühl habe, mich auf einem anderen Stern zu befinden, nachdem die Tür sich geschlossen und die Welt da draußen ausgesperrt hat. Ein Stern der ewigen Dämmerung, geflutet von sanften Gitarrenklängen, gemischt mit denen einer Sitar und aus der Ferne kommenden Chorälen: Mir will einfach kein besserer Begriff dafür einfallen, dass ich in dem bis aufs Minimum gedimmten und rötlich pulsierenden Licht kaum weiter als bis zu meinen Schuhspitzen sehen kann. An den getönten, schlammverkrusteten Scheiben liegt das bestimmt nicht, denn im Normalfall ließen sie so viel Sonnenlicht ins Wageninnere, dass man von dem Fahrer mehr erkennen könnte als bloß eine undeutliche Silhouette. Ein scheinbar unbeweglicher Schatten, und doch verursacht er mir eine Gänsehaut, als er plötzlich seine Stimme erhebt.

Ich habe auf euch gewartet!

Auf euch gewartet… Da hat wohl jemand zu viele Shows von Michael Mittermeier gesehen oder ist einer von der ganz altmodischen Sorte und erwartet von mir, dass ich ihn ehrerbietig mit „Meister“ anrede. Möge Er mir erklären, wohin die Reise geht, denn meine Versuche, einen Blick auf die draußen vorbeiziehende Landschaft zu erhaschen, sind nicht von Erfolg gekrönt. Aber als ob ich es geahnt hätte, weit gefehlt – mein Chauffeur liebt es, die Spannung zu erhöhen.

Ich wette, Ihr fragt Euch, warum Ihr hier versammelt seid.

Ich kann es mir denken, aber warum so förmlich? Wenn wir schon ins Ungewisse unterwegs sind, könnten wir auch gleich zum Du übergehen. Doch das einzige, was an meine Ohren dringt, ist die Musik aus einer unsichtbaren Quelle, die geradewegs aus der mich umgebenden Atmosphäre zu kommen scheint…

♪♫♪ … touch me and I will follow in your afterglow… ♪♫♪ 

… vielleicht aber auch aus der Hölle. Wenn mich nicht alles täuscht, ist die Temperatur in den letzten Minuten um einige Grad angestiegen. Die für die Wechseljahre so typischen Hitzewallungen können das unmöglich sein, denn die habe ich seit meinem Geburtstag nicht mehr gespürt. Dass sich die Fenster nicht öffnen lassen, verstärkt diesen unangenehmen Flash nur noch, und so greife ich instinktiv nach dem Brief, um mir Luft zuzufächeln. Leider hilft diese Maßnahme nur bedingt, denn die Luft um mich herum scheint sich immer stärker zu verdichten, so als hätte sich wie aus dem Nichts ein Geist an meine Seite geschlichen…

♪♫♪  heal me from all this sorrow… ♪♫♪ 

… wie im Oktober 2013 in Edinburgh bei einer Führung durch die unterirdischen Gewölbe der Altstadt. Da hatte mich unser Tourguide fast so weit gehabt, dass ich ihm das Märchen von dem bösen Geist, der dort unten umgehen sollte, glaubte. So kurz davor war ich – dabei gab es für dieses Phänomen eine simple wissenschaftliche Erklärung: Infraschall, eine mit den Ohren nicht wahrnehmbare Frequenz von unter 16 Hertz, die nur von Giraffen, Elefanten und Blauwalen wahrgenommen werden kann. Nur bin ich leider keines der genannten Tiere, und was mich umgibt, sind auch keine extrem niedrigen Frequenzen – sondern eine Präsenz, die ich ganz deutlich spüren kann, obwohl der Platz neben mir leer ist. Denn sonst hätte ich den kurzzeitig zum Fächer umfunktionierten Brief dort nicht ablegen können.

♪♫♪  heal me from all this sorrow… ♪♫♪ 

Was, zum Henker, ist das? Gerade noch habe ich Eva weit hinter der letzten Biegung zurückgelassen und bin durch die weit geöffnete Taxitür auf die Rückbank gehechtet, den leeren Beifahrersitz vor mir, wird es auch schon zappenduster um mich herum. Die Melodie, die von überall her zu kommen scheint, kenne ich nicht – dafür ist mir die sehnsuchtsvolle Stimme, die sie begleitet, umso vertrauter. Was auch immer hier gespielt wird, jetzt mache ich mir schon so meine Gedanken. Michaels Gesang so unvermittelt ausgesetzt zu sein, ruft mir wieder den Fetzen ins Gedächtnis, den ich seit jenem Abend mit mir herumschleppe. Wie war das nochmal mit dem Verhandeln als dritte Stufe nach Elisabeth Kübler-Ross?

Ich würde alles tun, um meinen besten Freund zu retten, und wenn ich dazu in der Zeit zurückreisen muss. Ins Jahr 1997.

Mir schwant übles. Dieses seltsame Taxi, vor dem sie das Publikum dieser absurden X-Factor-Sendung gewarnt haben, ist am Ende doch nicht etwa so eine Zeitmaschine wie in „Zurück in die Zukunft“?! Wohl eher nicht, denn das hier ist kein DeLorean, sondern ein japanisches Modell mit der gewohnten Rechtslenkung. Der Fahrer dagegen, der im Halbdunkel verborgen, das Fahrzeug mit gleichbleibender Geschwindigkeit steuert, ist genauso schwer zu erkennen wie das, was sich draußen so tut. Dennoch habe ich das Gefühl, dass er mit einem als verrückt geltenden Wissenschaftler so viel Ähnlichkeit hat wie ein Känguru mit einem Wombat.

♪♫♪ … from all this sorrow, as I let you go. ♪♫♪ 

As I let you go… Ja, vielleicht sollte ich das wirklich. Aber will ich das wirklich? Was ich soll und was ich will – und wieder drehe ich mich im Kreis. Kein Wunder, dass mir dieses Dilemma, in das ich mich schon viel zu tief verstrickt habe, regelrecht die Luft abschnürt. Dazu diese drückende Hitze in diesem verdammten Fahrzeug, das noch nicht mal eine Klimaanlage hat. Und mitten hinein in das indisch angehauchte Gedudel aus dem imaginären Radio, fallen plötzlich Worte, die mir alle Haare zu Berge stehen lassen.

Schön, dass wir nun endlich komplett sind.

Komplett? Hä? So ganz von dieser Welt ist der Kerl am Steuer aber auch nicht. Ja, war vielleicht doch etwas in diesem Wodka aus der Hotelbar? Und noch während ich mich frage, an was für Halluzinationen ich gerade leide, schiebt der Typ noch einen weiteren, nicht weniger rätselhaften Satz hinterher.

Bestimmt habt ihr euch schon gefragt, ob ihr das Ganze hier nur träumt.

Tatsächlich habe ich das. Aber wieso sagt er „ihr“? Entweder „Sie“ oder „du“ – aber „wir“? Das würde ja bedeuten, dass…

Wenige Augenblicke später habe ich die Gewissheit, dass sich meine Nackenhaare nicht nur wegen der Stimme aufgestellt haben, die der meines besten Freundes so verdammt ähnlich ist. Dieses Gefühl hatte ich immer dann, wenn plötzlich jemand hinter mir stand, den ich nicht habe kommen hören. So wie dieser Typ damals bei einem Gig in einem Bergarbeiterstädtchen, der plötzlich mit der Axt hinter mir stand, weil er dachte, ich hätte seine Freundin angebaggert. Dabei war es Michael, der… Egal, jedenfalls konnte ich noch rechtzeitig stiften gehen, sonst hätte es ein Blutbad vom Feinsten gegeben. Was hatte ich darum gebetet, so einen Horror nicht mehr erleben zu müssen, und anscheinend war ich damit auch durchgekommen. Bis jetzt; doch es steht niemand hinter mir, und auch eine Axt schwebt nicht über mir, und dennoch spüre ich die Anwesenheit einer weiteren Person, auch wenn ich sie nicht sehen kann.

„Und nun, meine Herrschaften“, wendet sich der Fahrer unseres Taxis Nummer Fünf an uns, „dass Sie hier und heute bei mir zu Gast sind, hat einen Grund, den Sie gleich erfahren werden. Wobei die Begriffe hier, heute und gleich relativ oder, besser gesagt, nur eine Frage der Perspektive sind.“

Weil „Switch“ ein Albumtitel ist und unter diesem Namen kein Song zu finden ist, gibt es statt dessen einen, der zur geschilderten Situation passt ( „we’re lost, we’re found, we’re thrown together“):

Für alle Zusammengewürfelten : https://youtu.be/RlZbGZF37Lk?t=0

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 22 *** Hear that sound

♪♫♪ When the love around begins to suffer and you can’t find love in one, in one another, push away those bitter tears ♪♫♪  –INXS „Bitter Tears“-

Beth ist fort. Und ich habe es so richtig versemmelt. Dass es allein meine Schuld ist, weiß ich nicht erst, seit ich diesen Brief, den sie bestimmt nicht in letzter Minute geschrieben hat, in den Händen halte. Wieder und wieder habe ich ihn mir durchgelesen, bis ich gemerkt habe, dass ich mich im Kreis drehe. Jetzt steckt das zerknitterte Stück Papier zusammengefaltet in meiner linken Gesäßtasche, wo es mir gefühlt ein Loch in die Jeans brennt, als stiller Vorwurf dafür, dass wieder einmal jegliches „was wäre wenn“ zu spät kommt.

Denn zusätzlich dazu rumort es tief in meinem Magen und lastet dumpf auf der Brust. Beth hätte diese Entscheidung auf jeden Fall durchgezogen, notfalls auch alleine – aber in ihrer letzten furchtbaren Konsequenz niemals ohne fremde Hilfe.

Und dennoch hast du es versiebt, verkackt, vergeigt. Du ganz allein, und du weißt nicht, wer alles darin eingeweiht war…

Michael? Mit Sicherheit, jedenfalls wenn es um den Brief geht. Was das Ablenkungsmanöver betrifft, bin ich mir dagegen nicht sicher, da ich weder Jon noch Andy so eine Gemeinheit zugetraut hätte. Gerade bei Andy nicht, aber wer weiß, schließlich heißt es ja auch, stille Wasser wären tief. Wenn ich jetzt noch anfange, mich verrückt zu machen, wer hinter meinem Rücken Beth zum Flughafen gebracht hat… O Mann. Stehe ich wirklich kurz davor, den Kopf zu verlieren und in Selbstmitleid zu baden? Dabei müsste der echte Tim doch wissen, was er jetzt zu tun hätte. Spar dir dein soll ich oder soll ich nicht und bring den Schlamassel in Ordnung, indem du ihr nachfliegst. Jedenfalls würde Andy das tun. Brüder im Geiste: In diesem Punkt war mein Andi ähnlich gestrickt wie er, doch leider ist mein Andi 2016…

Halt. Stop! Jetzt bloß nicht damit anfangen, bittere Tränen zu weinen. Jetzt gibt es nur eine Sache, auf die ich mich zu konzentrieren habe, und zwar auf das, was vor mir liegt.

Flieg ihr nach. Bring den Schlamassel in Ordnung. Rette deine Ehe.

Ich kann mir sogar sehr gut vorstellen, dass sich Beth niemanden aus der Band als Chauffeur ausgesucht, sondern ein Taxi gerufen hat. Wenn das einer weiß, dann unser Manager. Er war ja auch dabei, als Leslie den Abflug gemacht hat. Doch bei der hektischen Betriebsamkeit im Stadion habe ich zunächst einige Schwierigkeiten, sein in einem Blechcontainer untergebrachtes Büro zu finden. Kabel und Kisten, Stolperfallen überall: Nachdem ich zweimal in die falsche Richtung gelaufen bin, stehe ich dann doch noch vor der gesuchten Tür, die einen Spalt offensteht. Mehrere Stimmen dringen durch ihn zu mir nach draußen, doch die von Chris, der anscheinend mit jemandem telefoniert, kann ich klar und deutlich verstehen. Im Gegensatz zu dem Gespräch, von dem nur Fetzen bei mir ankommen. Normalerweise mache ich in solchen Situationen einen Rückzieher, weil ich nur ungern lausche, doch was ich höre, macht mich dann doch nachdenklich, denn offenbar geht es um mich.

Laienhafte Tonaufnahmen, allenfalls geeignet fürs Privatarchiv… ein professionelles Kamerateam muss her… Dogs in Space… Drückt mir die Daumen, dass Richard Zeit hat…

Wenn ich diese wenigen Fragmente, die ich bei dem Lärm verstehen konnte, richtig deute, dann hat Chris vor, den Regisseur ins Boot zu holen, der die Musikvideos für unsere Band gedreht und für den Michael auch schon als Hauptdarsteller vor der Kamera gestanden hat. Dogs in Space – da wird sich Michael aber freuen. Ja, lang, lang ist’s her, dass ich dieses Werk in besserer VHS-Qualität sehen durfte. Jedenfalls für mich. Damals habe ich natürlich kein Wort verstanden, es war auch nicht notwendig, aber jetzt dagegen… Falls Mr. Lowenstein tatsächlich zusagt, fände mein amateurhaftes Chronistendasein abrupt ein Ende. Und schon wieder werde ich abserviert? Es ist zum Jaulen. Zum Jaulen deshalb, weil ich zu meinem Erschrecken feststellen muss, dass ich gerade dabei bin, in meiner neuen Rolle voll aufzugehen.

Flieg ihr nach. Bring deine Ehe in Ordnung. Lass alle Hoffnungen fahren.

Oder vielleicht doch nicht. Denn Chris hat die Band zu einem in letzter Minute angesetzten Meeting einberufen. Die ganzen viertausend Kilometer von Perth nach Melbourne noch einmal mit dem Bus zu bewältigen? Und das in sieben Tagen? Was für eine Tortur! Von dieser Aussicht hat sich bis jetzt niemand begeistert gezeigt, nicht nach dem Zwischenfall mit dem Getriebe, der uns den bequemen Tourbus gekostet und eine Planänderung mitsamt Verspätung beschert hat. Doch nun präsentiert er die Lösung für unser Problem, da wir seiner Meinung nach schon genug Strapazen hinter uns haben.

Also warum nicht das Ersatzfahrzeug canceln und dafür den nächsten Flieger chartern?

Ein brandneues Flugzeug, das er bestimmt nicht zum Spaß angeschafft hat. Schließlich sollen wir ja auch irgendwann auf die große US-Tournee gehen. Spätestens wenn KICK wie eine Bombe eingeschlagen hat und ihr dann einen Gitarristen gefunden habt, der meine Rolle zu hundert Prozent ausfüllt, ansonsten war’s das dann mit dem Amortisieren des Privatjets, denke ich voller Sarkasmus. Trotz meiner finsteren Gedanken bekomme ich gerade noch die Kurve, als Chris zu einer Erklärung ansetzt, wie wir von seiner Planänderung profitieren werden. Aber ist nicht unser ganzer bisheriger Aufenthalt eine einzige Ansammlung von Planänderungen gewesen? Und damit meine ich nicht nur die Australian-Made-Tournee, sondern ich muss dabei vor allem auch an Eva und mich denken.

Ach, Eva. Wie mag es ihr wohl ergehen, mit meinem Gegenspieler an ihrer Seite? Wird sie sich nicht irgendwann darüber wundern, dass wir zwei völlig gegensätzliche Charaktere sind?

Bevor ich aber weiter in meine eigene Gedankenwelt abdriften kann, legt Chris uns dar, wie er sich den Rest der Tournee, die trotz aller Widrigkeiten doch noch halbwegs sauber gelaufen ist, vorgestellt hat. Nun bin ich aber doch gespannt, wie Richard Lowenstein und seine Filmcrew in unserer jetzigen Situation in das Bild passen.

Und wie sie da hinein passen. Kaum eingetrudelt, werden sie auch schon im Backstagebereich filmen, was das Zeug hält, um genügend Material zusammenzubekommen, damit es nicht so auffällt, dass sie die Hälfte der Tournee verpasst haben. Heute in Perth, in einer Woche in Brisbane, und zum Schluss, am Australia Day, in Sydney. Mit riesigem Feuerwerk und allem drum und dran.

Nach unserem Auftritt heute Abend geht es für uns dann allerdings morgen nach Hause, damit wir uns nochmal richtig erholen können. Kräfte sammeln, wie Garry so treffend sagt und damit ich zum Gipswechsel ins Krankenhaus kann. In Melbourne. Während die anderen nach Brisbane weiterfliegen, und von dort aus ist es ja auch nur ein Katzensprung nach Sydney.

Vor lauter Zahlen schwirrt mir der Kopf. Und nicht nur davon; denn während Michael mit dem Rest der Band am Zweiundzwanzigsten seinen Geburtstag groß feiert, womöglich sogar noch mit einer rauschenden Party, muss ich in Melbourne versuchen, die Scherben meiner Ehe zu kitten.

„Die einen kommen, die anderen gehen“, setzt Kirk dann natürlich noch einen drauf, wobei ich das Gefühl habe, seine Bemerkung bezieht sich nicht nur darauf, dass wir und Richard uns am Flughafen die Klinke in die Hand geben werden. Oh ja, niemals war die Zeile words are weapons, sharper than knives treffender als jetzt, denn seine Worte versetzen mir einen feinen Stich. Doch nicht für lange, denn als ob er geahnt hätte, was sie in mir ausgelöst haben, schiebt er eine Idee hinterher, die die anderen mit Begeisterung aufnehmen: Lasst uns letzte Erinnerungsfotos schießen, bevor die Maschine mit dem frisch engagierten Filmteam eintrifft.

Doch warum müssen wir dazu an den Flughafen fahren, wenn das Sportstadion von Perth mit seinem saftigen Grün nach einem heftigen Regenguss doch eine viel schönere Kulisse abgibt als die Symphonie in Asphalt auf dem Rollfeld oder der Besucherplattform?

Das Expresslabor ist Kirks Begründung dafür, dass wir auf der Aussichtsterrasse posiert und uns immer wieder anders aufgestellt haben. Damit jeder mal vorne ist, und wie immer konnten es Jon und Michael nicht lassen, Faxen zu machen. Wenn es mal wieder länger dauert, habe ich gedacht, ihnen dann aber doch ihren Spaß gelassen. Ernst genug würde es schließlich noch früh genug werden, spätestens dann, wir uns auf Chris‘ Geheiß in alle Winde zerstreut hätten. Auch das ein oder andere Foto, das uns als Spiegelung in einer der vielen Pfützen zeigt, ist dabei. Ich bin überzeugt, sobald die Aufnahmen erst mal entwickelt sind, geht das große Hallo los, wer wie viele Abzüge haben möchte.

Jetzt aber ist erst mal Warten auf Richard und seine Leute angesagt. Da Michael und Garry jeder noch eine qualmen wollen, haben wir uns im Ausgangsbereich versammelt. Im Prinzip ist es egal, wo wir uns hinstellen, da man hier die Einteilung in den größeren Wartebereich für Nichtraucher und den erheblich kleineren Platz für Raucher noch nicht zu kennen scheint. Oh ja, diese sogenannten Raucherbereiche kenne ich noch zu gut, als Andi und ich noch zusammen verreist sind; diese gruseligen Exemplare, die mich verblüffend an Aquarien erinnert haben, sind mir besonders gut in meinem Gedächtnis haften geblieben.

Kaum brennt die Camel, kommt der Bus.

Auch diese Zigarettenwerbung kenne ich noch zu gut. Nur haben sich die beiden keine Camel angezündet, und es kommt auch kein Bus des Wegs, um Touristen zu bringen oder mitzunehmen. Es ist ein schmutzverkrustetes und somit farblich völlig undefinierbares Taxi mit seinem charakteristischen Brummen. Und es fährt mit Karacho vor, um die nächste Pfütze mitzunehmen. Schon sehe ich den Wasserschwall tsunamigleich über Garry und Michael hereinbrechen und habe prompt jenes Interview mit Michaels damaliger Lebensgefährtin vor Augen, das Teil einer Filmdokumentation über unseren Sänger war.

Auch damals war es ein Taxifahrer der besonders rücksichtslosen Sorte, der sich mit dem leicht beschwipsten Pärchen anlegte, das sich in der Kopenhagener Innenstadt dort aufhielt, wo es sich seiner Meinung nach gar nicht hätte aufhalten dürfen: mitten auf der Fahrbahn. Inzwischen weiß ich ja, wie stur Michael manchmal sein kann und wieviel Spaß er daran hat, andere zu provozieren. Bisher ist ja auch immer alles gutgegangen.

Nur 1992 an jenem Abend in der dänischen Hauptstadt nicht, denn da geriet er leider an den Falschen und dadurch in ein Handgemenge, bei dem er schließlich so unglücklich mit dem Kopf auf der Bordsteinkante aufkam, dass die später gestellte  Diagnose „Schädel-Hirn-Trauma mit Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn“ lautete. Bitte kein vorgezogenes Kopenhagener Fiasko, bete ich daher für mich und schließe meine Augen, doch auch da sehe ich diese Szene noch so real vor mir, als wäre ich selbst dabei gewesen.

Natürlich die Taxifahrer!

Als ich wieder ins Hier und Jetzt zurückgerissen werde, bekomme ich gerade noch mit, wie Kirk außer sich meinen Gedanken lautstark eine Stimme verleiht.

„Na warte, den kauf ich mir!“ ruft er und hält auf den Auslöser, was das Zeug hält, und rennt dem sich entfernenden Fahrzeug hinterher.

Den holst du nicht mehr ein, denke ich mir und schaue ihm nach, wie er im Flughafengebäude verschwindet. Wohl um den vollen Film entwickeln zu lassen.

Unsere Überraschung könnte nicht größer sein, als Kirk nach einer Stunde zurückkehrt und die Bilder aus dem Etui zieht. Ja, wirklich – die meisten zeigen uns sechs, einige davon ein wenig verschwommen. Ich hätte davon ja keine Abzüge genommen, aber wer weiß, ob es nicht genau die Aufnahmen sind, deren Fehlen später Jon bejammert.

„So, und jetzt, liebe Freunde, kommen wir zu dem Idioten, der Garry geduscht und mir fast einen Herzkasper verpasst hat. Hoffen wir mal, dass das Kennzeichen oder die Nummer von dem Vogel nicht genauso verwackelt ist wie das Gehampel von Jon und Michael.“

Doch es ist, als ob ich es geahnt hätte: Die Fahrspur vor dem Wartebereich ist leer, die Pfütze zu meinen Füßen unberührt, als hätte sie nicht einmal ein Windhauch gestreift. Plötzlich ist es für mich, als wäre die Zeit stehen geblieben, und klar und deutlich erinnere ich mich wieder an das Vorprogramm des Films mit Dan Aykroyd.

… Wir raten dringend davon ab, in dieses Fahrzeug, über dessen Farbe sich Augenzeugen uneins sind, einzusteigen …

Ach, wirklich? Wer’s glaubt! Und langsam, ohne länger darüber nachdenken zu müssen, setze ich mich in Bewegung.

Wenn sich das erhoffte Geräusch einstellt : https://youtu.be/nj5FvM4S5B4?t=0

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 21 *** Disappear

♪♫♪ You’re driving all over town, in your big car windows down. Sweet perfume trails behind, the impression is in my mind ♪♫♪  –INXS „Know the difference“-

Als ich zu mir komme, tröpfelt diffuses Licht an den nur halb zurückgezogenen Vorhängen vorbei in den Raum. Seltsam, trotz der frühen Stunde, die mir das Display des neben mir liegenden Telefons anzeigt, müsste es doch längst viel heller sein; obwohl ich in meinem verkaterten Zustand dankbar dafür sein sollte, dass das Hotelzimmer nicht wie sonst von strahlendem Sonnenschein geflutet wird. Verkatert – ja. Aber wovon?

Dass ich mich wie ausgespuckt fühle, kann unmöglich an der zu einem knappen Drittel geleerten Wodkaflasche von der Hotelbar liegen, denn es gab Zeiten, in denen ich deutlich mehr vertragen habe. Man wird eben nicht jünger, schießt mir ein Gedanke durch die trägen Hirnwindungen, obwohl dieser fünfzigjährige Körper keine Probleme mit den Knien zu haben scheint und wahrscheinlich auch niemals hatte, so wie ich. Ansonsten hätte ich dort nämlich OP-Narben. Das ist aber auch schon das einzig Gute daran. Nein, Älterwerden ist wirklich kein Spaß, vor allem nicht als Frau.

Früher hätte mich auch eine ganze Armada von offen herumstehendem Sprit nicht weiter gestört, jetzt dagegen runzele ich schon die Stirn beim Anblick der Flasche, die ich gefährlich nah am Rand meines Nachttischs abgestellt haben muss, bevor ich in meinen Klamotten eingeschlafen bin. So nah, dass sie herunterzufallen droht, wenn ich mir sie nicht schnappe – es sei denn, ich möchte den bereits vorhandenen Scherbenhaufen noch vergrößern.

Schraub die Buddel zu, denn außer dir ist ja niemand hier.

Da dämmert es mir wieder. Eva war ja schon gestern Abend nicht mehr hier, und seitdem ist sie verschwunden, im Gegensatz zu dem Zettel, den sie mir geschrieben hat. „Die fünf Phasen der Trauer nach Elisabeth Kübler-Ross. Eins: Nicht-Wahrhaben-Wollen. Zwei: Zorn. Drei: Verhandeln. Vier: Depression. Fünf: Akzeptanz“

Stöhnend richte ich mich auf dem Bett auf und schraube die Flasche zu. Dann verlasse ich das Bett mit unsicheren Schritten, um die Vorhänge komplett aufzuziehen. Täusche ich mich oder schillern die an diesem Morgen besonders tief hängenden Wolken auch wieder wie Opale? Verdammter Kater! Früher hätte ich versucht, mit dem Zeugs am nächsten Morgen weiterzumachen, mit dem ich am Abend zuvor aufgehört habe. Nur kann man damit weder diesen erbärmlichen Zustand bekämpfen noch einen klaren Kopf behalten, und den brauche ich, wenn ich Eva fragen möchte, was genau sie dazu bewogen hat, mir so eine Nachricht zu hinterlassen – obwohl ich mir das genauso gut sparen könnte, weil ich die Antwort im Grunde längst kenne.

Mit einem riesigen Pott starken Kaffees habe ich es mir  auf der Bank vor dem Hotel so bequem wie möglich gemacht und versuche, das Geflacker über mir zu ignorieren. Angereichert mit Zitronensaft ist dieses Gebräu nun wirklich keine kulinarische Offenbarung, aber seit wann muss Medizin schmecken? Helfen soll das widerliche Zeugs, also Augen zu und runter damit. Uääägs: Ein Horrortrip in sechs Minuten, von dem ich mich frage, wann er zu Ende geht, denn als ich meine Augen wieder öffne, sehe ich die Person, mit der ich so bald nicht gerechnet habe, die Straße heraufkommen: Eva, barfuß und mit von ihren Fingern baumelnden Sandalen, die Haare zerzaust und der Kajal verlaufen. Wie ein Waschbär in zerknitterten und schlechtsitzenden Klamotten, die sie besser gleich danach in Ordnung gebracht hätte.

I’m not here for your entertainment, you don’t really want to mess with me tonight..

Ach herrje. Manchmal schließen Fröhlichkeit und Singen einander aus, stelle ich so für mich fest und versuche, mir lieber nicht vorstellen, von welchem Trip sie gerade zurückkommt oder wie ihr One-Night-Stand gelaufen ist. Verdammt – ich denke schon wie Nicky! Und anscheinend bin ich genauso schlecht darin, ein Pokerface aufzusetzen, denn kaum erblickt sie mich, geht es auch schon los. Ihre eben noch so relaxte Haltung weicht einer Anspannung, wie ich sie eigentlich nur von Garry beim Stimmen seines Basses kurz vor dem Auftritt kenne. Mir jetzt noch die passenden Worte – oder Ausreden, wie Andy sie nennen würde – zurechtzulegen, kann ich vergessen.

„Nein, Nicky, es ist nicht das, was du denkst“, erklärt sie seufzend und mit einem Augenrollen. „Mir die Nacht um die Ohren schlagen, um irgendeinen Typen aufzureißen? Nee, Nicky, danach ist mir schon seit einiger Zeit nicht mehr.“

Und noch bevor ich mich fragen kann, was das mit den beiden Touris aus Kalifornien werden sollte, fährt sie fort: „Irgendwie ist dieses ganze Clubbing-und-One-Night-Stand-Ding nicht mehr mein Fall. Ich wollte einfach nur tanzen, um den Kopf frei zu bekommen.“

So etwas hatte ich mir schon gedacht, doch auf das, was jetzt kommt, war ich nicht vorbereitet.

„Das täte übrigens auch mal zur Abwechslung gut. Einfach mal loslassen und dein Gedankenkarussell abschalten. Eigentlich hatte ich gedacht, unser Trip, für den ich dir übrigens dankbar bin, würde ein Stück weit dabei helfen.“

Obwohl ich die Einzelheiten immer noch nicht kenne, muss ich zugeben, dass das nach einem guten Plan klang. Aber wie sagte jemand in einem Interview, das ich neulich auf einem Musiksender gesehen habe, so schön? Du kannst laufen, wohin du willst, aber deine Schatten folgen dir. Und zwar überall hin.

„Ich hatte sogar schon das Gefühl, du kommst inzwischen leichter aus dir raus. Aber ganz ehrlich? So wie du neulich auf diesen Song zu der Meldung über die Hall of Fame reagiert hast, glaube ich nicht, dass du schon so weit bist.“

Hatten wir das nicht schon? Komisch, es nur zu lesen, hat sich schon verdammt surreal angefühlt, aber es jetzt erneut zu hören, macht etwas mit mir, das ich am liebsten ganz weit weg schieben würde. Und tatsächlich, als dann noch die Worte „Selbsthilfegruppe“ und „Trauercafé“ fallen, erkenne ich, dass es Eva ernst ist. Wie ernst, das zeigt mir ein Link, den sie anscheinend längst auf ihrem Smartphone abgespeichert hat, um ihn mir unter die Nase zu halten.

Ein Trauercafé für regelmäßig Wiederkehrende und solche, die hineinschnuppern wollen, so hat sie sich ausgedrückt, und zwar mitten im Zentrum von Perth, acht Blocks entfernt.

Sich jetzt noch zu drücken? Aussichtslos. Denn nach einer kurzen Dusche, gefolgt von einem hastigen Klamottenwechsel, laufe ich ihr im Schlepptau hinterher. Auf einen Marsch mit der Aussicht auf baldigen Regen oder – noch schlimmer – Gewitter hat keiner von uns Lust. Und so fände Eva es zwar ganz schick, jemanden zu finden, der uns mitnimmt, doch ich halte es lieber mit dem Motto einer unserer Songs: Just keep Walking. Denn wenn ich dem, was mich erwartet, schon nicht entkommen kann, möchte ich lieber gewappnet sein, und so würde mir das Laufen wenigstens noch zu einer letzten Galgenfrist verhelfen.

Trauercafé schön und gut. Aber auch wenn sich Eva währenddessen woanders aufhalten wird – was soll ich Wildfremden erzählen? Etwa, dass ich nicht glauben will, dass ich meinen besten Freund nie mehr wiedersehen werde? Wut auf mich selbst, dass ich die wenige Zeit zusammen nicht besser genutzt und lieber auf meiner blöden Extrawurst bestanden habe anstatt im Bus zu bleiben? Dann wäre ich nämlich diesem verdammten Tausch entgangen.

Noch größere Wut darüber, dass ich es dann wahrscheinlich auch nicht gebacken bekommen hätte, dem Menschen, der mir gleich nach Beth und Andy der liebste war, beizustehen? Dann hätte ich dann vielleicht früher erkannt, was Michael dazu getrieben hat.. aber das hat ja anscheinend nicht mal Andy hinbekommen, und die beiden standen sich von uns allen am nächsten.

Ja, liebe Leute hier in dieser Runde, jetzt fragt ihr euch sicher, wie das funktioniert haben soll, dass sowohl Andy und Michael beste Freunde waren als auch Michael und ich, übe ich im Stillen meine Worte an die imaginäre Gruppe im noch fünf Blocks entfernten Café.

Diese Ausschließlichkeit, was Freundschaften angeht, habe ich noch nie verstanden, und wenn ich ehrlich bin, keiner von uns. Dieses Eifersuchtsding war etwas, das in unserer kleinen Familie von Anfang an nicht existiert hat.

Verhandeln? Das wäre dann die nächste Stufe, die vor mir läge. Verhandeln. Nur wie? Und mit wem? Etwa so? Ich würde alles, was in meiner Macht liegt, tun, um die Dinge, wie sie jetzt sind, ungeschehen zu machen.

Wobei ich wette, meinem in 1987 gelandeten Gegenstück geht es genauso. Mehr noch: Viel kann diese Nicky nicht vermasselt haben, denn sonst wären wir längst in einem Paralleluniversum gelandet, in dem Beth und ich zwar möglicherweise vorletztes Jahr unseren vierzigsten Hochzeitstag gefeiert hätten, aber Michael immer noch leben würde. Vielleicht hätte er sogar seine kleine Tochter groß werden sehen und sich darüber gefreut, wie verdammt ähnlich sie ihm heute sieht.

Was sind wir doch für Helden – jede nur denkbare Änderung haben Nicky und ich hinbekommen. Warum dann zum Henker nicht auch diese? Noch haben wir dieses fragwürdige Gleichgewicht, doch mit jedem Tag – ach was, jeder Stunde – steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es kippt. Außerdem, sind hier für meinen Geschmack viel zu viele Vielleichts im Spiel. Vielleichts, von denen niemand etwas erfahren darf. Denn sonst…

Just keep walking? Kaum habe ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, entfährt Eva ein freudiges „Na, wer sagt’s denn!“

Huch! Was zum Henker habe ich nicht mitbekommen? So aufgeregt, wie Eva herumfuchtelt, muss die ersehnte Mitfahrgelegenheit wohl endlich erschienen sein. Ein Taxi. Doch anstatt anzuhalten, ignoriert der Fahrer Evas Wedeln und steuert das verdreckte Auto stur an uns vorbei, obwohl hier offensichtlich Passagiere auf ihn warten. Kann der Kerl am Steuer nicht sehen, was sich hinter ihm abspielt? Bei diesen schlammverkrusteten Spiegeln und Scheiben wundert mich das gar nicht. Und so schießt Eva ein Bild, um wenigstens die Telefonnummer des Unternehmens einzufangen. Doch das eben noch triumphierende Lachen bleibt Eva im Halse stecken.

„Das gibt’s doch nicht“, entfährt es ihr mit einem Ausdruck des Unglaubens, und als ich kurz darauf einen Blick auf das Display des in Evas Händen bebende Smartphone werfe, kann selbst ich genug erkennen, um ebenfalls fassungslos zu erstarren.

Denn wie Sie sehen, sehen Sie nichts.

Da, wo die Heckflosse des Suzuki mehr oder weniger deutlich das Bild ausfüllen sollte, gähnt uns eine leere Straße entgegen. Und doch hat Eva den Wagen genauso deutlich gesehen wie ich; doch im Gegensatz zu Eva hat es bei mir Klick gemacht.

Aus meiner Erstarrung gerissen, bin ich es, der aus dem Stand in einen wilden Sprint verfällt, um die Verfolgung aufzunehmen und dem Taxi nachzujagen, während Eva zurückbleibt.

PS: „Du kannst laufen, wohin du willst, aber deine Schatten folgen dir. Und zwar überall hin“ – dieses Zitat habe ich James Hetfield (Metallica) geklaut. Den Song „Shadows Follow“ gab es offiziell erst am 13. April dieses Jahres zu hören.

Wenn man am liebsten verschwinden würde: https://www.youtube.com/watch?v=FC2FGDPJQXY

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 20 *** Make your peace

♪♫♪ Realize what we’re doing here, the time is right to kill your fears. Bitter tears taste so sweet, I’m seeing my way for the first time in years. ♪♫♪ –INXS „Bitter Tears“-

Noch nie habe ich meinen Weg so deutlich vor mir gesehen wie jetzt. Nicht mehr lange, und wir kommen nach Perth, wo dieses mysteriöse Taxi gesichtet worden sein soll. O ja, ich weiß genau, was ich zu tun habe: Finde das Taxi, und es bringt dich dort hin, wohin du musst. Und wohin ich muss, liegt für mich klar auf der Hand: zu meinem Gegenstück – zu dem, der genauso unfreiwillig in diesen verflixten Körpertausch gezogen wurde wie ich. Wenn dieses Taxi dazu nicht imstande ist, wer dann? Und mit etwas Glück könnten wir die ganze Sache sogar rückgängig machen. Doch noch möchte ich es nicht beschreien. Denn was, wenn dieses Taxi niemals auftaucht oder es gar nicht existiert?

Ich gestehe es mir nur ungern ein, aber müsste ich in diesem Fall tatsächlich für immer hierbleiben, ich glaube, ich würde alles dafür tun, dass Michael an jenem unheilvollen Tag im November ’97 in diesem Hotelzimmer in Sydney nicht alleine bleibt. Ihn davor zu bewahren, muss doch auch möglich sein, ohne die Leben der Menschen, die mir in den letzten Tagen immer mehr ans Herz gewachsen sind, komplett auf den Kopf zu stellen und bis zur Unkenntlichkeit zu verändern. Doch so oder so komme ich nicht umhin, mich endlich meinen Ängsten zu stellen anstatt vor ihnen wegzulaufen. Jetzt heißt es Jumanji! und nicht Lauf, Forrest lauf.

Seltsam, wie schnell man sich doch manchmal zu einem Entschluss durchringen kann, wenn’s drauf ankommt und man mit denen, die einem wichtig sind, ins Reine kommen möchte. Erst, wenn ich das hinter mir habe, kann ich auch meinen Frieden mit mir selbst machen. Alles andere wäre zahnloses Herumgeeiere und im höchsten Maße unfair noch dazu. Also, worauf warte ich noch? Auf den geeigneten Moment? Vor dem obligatorischen Soundcheck morgen im Sportstadion? Oder vielleicht sogar bei einem der schon zur Gewohnheit gewordenen Football-Freundschaftsspiele unserer Kollegen. Spätestens aber heute Abend. Eine Zigarettenpause, bei der ich unfreiwillig Zeuge eines Gesprächs zwischen Andy und Michael werde, wird dann tatsächlich der Auslöser für den letzten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen und den Stein ins Rollen bringt.

„… du kannst nicht sagen, dass ich nicht alles versucht habe…“

Damit mag Michael zwar recht haben, aber so, wie ich drauf war, wäre der Versuch eines One-on-One womöglich nach hinten losgegangen.

„Und jetzt?“ höre ich Andy fragen. In dieser Familienkonstellation war er immer der Besonnene, eher Zurückhaltende, einer auf den man sich immer verlassen konnte, aber nun klingt auch er, als sei er mit seinem Latein am Ende.

„Ich habe keine Ahnung, aber ich weiß nur eins: Mir fehlt der alte Timmy. Seit diesem verdammten Gewitter ist er einfach nicht mehr der Selbe…“

Der Rest der Unterhaltung geht in einem durchdringenden Hupen unter. Unser Fahrer möchte weiter. Nichts lieber als das, denke ich und lege mir im Geiste die Worte zurecht, mit denen ich versuchen möchte, mich Beth und Michael zu erklären.

Beth. Michael. Ich weiß, in den letzten Tagen wart ihr kurz davor, an mir zu verzweifeln, weil ihr euch nicht erklären konntet, was mit mir los ist. Glaubt mir, das wüsste ich selbst zu gerne. Und es tut mir wahnsinnig leid, wie ich mich verhalten habe. Das einzige, an das ich mich erinnern kann, ist dieser Blitz, der unsere gemeinsamen Jahre davor komplett aus meinem Gedächtnis gelöscht hat. Ich wünschte, ich könnte das, was passiert ist, ungeschehen machen, und auch dass ich dir, Beth, ein besserer Partner sein könnte.

Ja, ganz richtig. Auch wenn mir schon jetzt davor graut, Beth in der Gegenwart meines besten Freundes die Wahrheit darüber sagen zu müssen, wie ich zu ihr stehe und ich ihr am liebsten verschweigen würde, dass ihre Berührungen nicht das in mir auslösen, was sie sich erhofft – das werden keine einzelnen Unterhaltungen unter jeweils vier Augen oder ein großes Gruppenmeeting mit der gesamten Familie. Und logischerweise auch nicht mit Leslie, der ich bei dieser Gelegenheit hätte sagen können, dass sie sich ihr hirnlos-boshaftes Getratsche dahin schieben kann, wo die Sonne nicht scheint. Aber sie hat relativ schnell den Abflug gemacht, nachdem Andy und Jon ihr die Meinung gegeigt haben.

Auf „meine Brüder“ ist eben Verlass. Vielleicht ein wenig zu gut, denn als wir vor unserem Hotel in Perth vorfahren, nehmen mich die beiden unter dem Vorwand der in letzter Zeit viel zu selten gewordenen „Family Time“ in Beschlag, während ich den Rest der Truppe aus den Augen verliere. Ein, zwei Bierchen an der Hotelbar, während unser Gepäck auf die Zimmer gebracht wird. Eine feine Herberge hat Chris für uns da ausgesucht. Es soll uns an nichts mangeln, damit wir uns sammeln können, bevor es morgen um die Wurst geht. Anscheinend haben sie die Reihenfolge der Acts geändert: Anstatt das Schlusslicht zu geben, werden wir diesmal als zweites die Bühne betreten, damit der Bassist der Divinyls hinterher noch genug Kraft für seinen eigentlichen Auftritt am späten Abend hat. Andernfalls würde Chrissy unseren Manager zur Schnecke machen.

Ein, zwei Bierchen? Man soll den Tag nie vor dem Abend loben, denn natürlich soll es nicht dabei bleiben. Ich tippe ja stark darauf, dass es Jons Idee war, mich abzufüllen, weil Betrunkene ja bekanntlich die Wahrheit sagen, und dass sich Andy aus purer Verzweiflung auf diesen Deal eingelassen hat. Dumm nur, dass diese Taktik so gar nicht aufgehen will, denn als ich mich endlich loseisen kann, bin ich noch nüchtern genug: so nüchtern, um den Weg zum Zimmer auf eigene Faust und ohne Kollateralschäden zurückzulegen. Und auch nüchtern genug, um das Zimmer leer vorzufinden – leer bis auf den an mich adressierten und zugeklebten Brief, den offenbar Beth zurückgelassen hat. Und nicht zuletzt nüchtern genug, um den Inhalt der Zeilen begreifen, die vor meinen Augen zu verschwimmen beginnen.

Lieber Tim,

das hier wird für dich aus heiterem Himmel kommen und dir den Boden unter den Füßen wegreißen, aber wenn du diese Zeilen liest, bin ich bereits auf dem Weg zum Flughafen beziehungsweise im nächsten Flieger nach Melbourne. Und ich bitte dich bei aller Liebe, mich nicht aufzuhalten.

Ich weiß, es ist kein Trost für dich, wenn ich dir sage, dass ich jetzt nicht in deiner Haut stecken möchte – oder die Erkenntnis, dass ich kein gutes Gefühl dabei habe, dass ich erst jetzt gehe. Vielleicht war es ja auch falsch von mir, dich rund um die Uhr zu betüddeln und mich an dich zu klammern. Ob es nur deshalb geschah, weil sie in Hobart gesagt haben, wir müssten darauf vertrauen, dass sich deine Gedächtnislücken mit der Zeit schließen? Vielleicht. Vielleicht aber auch, dass ich Angst hatte, dich zu verlieren, obwohl du mir wahrscheinlich längst entglitten bist?

Oder vielleicht dachte ich auch, uns beiden bliebe nicht genügend Zeit.

Nichts davon weiß ich – doch eines weiß ich ganz genau: Nicht nur, weil ich das Schweigen zwischen uns nicht mehr aushalte, glaube ich, uns beiden täte jetzt etwas Abstand gut.

Bliebe ich bei dir, könnte keine Zeit der Welt das heilen, was zwischen uns zerbrochen scheint; denn so wie die Dinge zwischen uns stehen, habe ich nicht das Gefühl, dass ich dir von Nutzen sein kann. Oder dass du mich brauchst – aber es gibt jemanden, der mich dringender braucht. Unsere Kinder.

Ich weiß, du wirst meine Entscheidung nicht verstehen und wahrscheinlich ist es auch nicht fair, diese Karte auszuspielen. Glaub mir, so weit zu gehen, war das letzte, was ich wollte – aber wenn dir etwas an mir und an ihnen liegt (vor allem an ihnen), weißt du, wo du mich – nein, uns – findest.

Und darum, mein Liebling, gebe ich dich jetzt frei. Jedenfalls für eine gewisse Zeit, in der wir beide uns über uns klar werden sollten. Und deshalb bitte ich dich, sieh meine Worte nicht als Abschied für immer, sondern als Chance für einen Neuanfang.

Deine Buffy.

Spätestens jetzt bereue ich, dass ich nicht betrunkener bin.

Manchmal sollte man rechtzeitig seinen Frieden machen: https://www.youtube.com/watch?v=YoXzder79Qk

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 19 *** Questions

♪♫♪ I was standing, You were there, Two worlds collided (We’re shining through) and they could never tear us apart ♪♫♪ -INXS „Never tear us apart“-

„Die fünf Phasen der Trauer nach Elisabeth Kübler-Ross. Eins: Nicht-Wahrhaben-Wollen. Zwei: Zorn. Drei: Verhandeln. Vier: Depression. Fünf: Akzeptanz…“

Den Zettel muss mir Eva hingelegt haben, nachdem ich so bald nicht wieder aufgetaucht war und sie mich nicht erreichen konnte. Aber warum diese kryptischen Worte und warum jetzt? Wie gebannt lese ich weiter.

„Nach dieser verflixten Meldung hätte ich eigentlich wissen müssen, dass du über Andis Tod noch lange nicht hinweg bist, so wie du seitdem drauf bist. Sonst würdest du diesen einen Song nicht wieder und wieder abspielen?“

Song? Abspielen? Womit? Wenn ich nur wüsste, was Eva mit diesen verwischt aussehenden Zeilen gemeint hat, doch sie zu fragen, ist nicht möglich, denn ich bin allein und noch immer aufgewühlt von den in Schockwellen über mich hereingebrochenen Neuigkeiten, die im Prinzip nur für mich welche sind. Als ich irgendwann aufgewühlt ins Hotel zurückgekehrt bin, habe ich erwartet, sie schlafend anzutreffen – doch unser Zimmer war leer und das Bett unberührt. Nein, halt – so ganz stimmt das nicht: Hatte sich mein altes Galaxy noch auf dem Nachttisch befunden, als ich das Hotel verlassen hatte, so liegt es jetzt auf den zerwühlten Laken wie auf dem Präsentierteller und zeigt eine Statuswarnung an: Ihr Akkustand ist niedrig.

Nur noch 11%? Mist. Meine Lüge ist aufgeflogen. Warum habe ich das blöde Teil nicht ausgeschaltet? Es jetzt aufzuladen und Eva anzurufen, wäre garantiert das Verkehrteste, was ich tun kann, so aufgebracht wie sie ist, wenn ich ihren kurzen Brief richtig interpretiere.

„Wir sollten reden!“  Sonst hätte sie den Rest nicht in Blockbuchstaben hingeschmiert. MORGEN!!“ und zwar mit ganz vielen Ausrufezeichen und extra fett: „ODER WENN DU WIEDER KLAR BIST!!!

Wenn ich wieder klar bin… Anscheinend glaubt sie, ich wäre durch eine Meldung im Radio so aus der Bahn geworfen worden. Zuerst kapiere ich gar nichts, doch nachdem ich die vergangenen Tage Revue passieren lasse, glimmt bei mir ein winziger Funken einer Ahnung auf. Gewissheit erlange ich jedoch erst, als ich mich auf dem Galaxy zu Nicoles Playlist durcharbeite.

♪ Don’t ask me, what you know is true, don’t have to tell you, I love your precious heart… ♪

Nur mit halbem Ohr hinhörend, rauscht der Rest an mir vorbei, während ich die Liste abwärts scrolle und feststellen muss, dass sie sich neben unserem Material aus dem letzten und vorletzten Jahr zum größten Teil aus unserem neuen Album zusammensetzt. Doch das haben wir noch gar nicht veröffentlicht.

„New Sensation“, „Guns in the sky“… Wieder sehe ich die Dreharbeiten zu den Videos vor mir, mitten im dicksten Winter in diesem Hotel in Prag. Ich weiß nicht, wie oft wir diese Szenen in einem völlig düsteren Gang drehen mussten, bis der Regisseur zufrieden war. X-mal mussten wir durch immer dieselbe Tür, damit die Aufnahme so wirkte, als wäre sie in einer einzigen Einstellung und ohne Schnitt gedreht worden. Wir alle in Schwarz, dazwischen immer wieder die für Bruchteile von Sekunden eingeblendeten Gesichter von Reagan und Gorbatschow sowie die Begriffe S.D.I., USA und CCCP… und dazu ein äußerst wütender, extrem aggressiver Michael, der kurz vom erneuten Eintauchen in die Schatten eine Pirouette dreht.

Guns in the sky? Eines fehlte noch: „Never tear us apart“ – plötzlich muss ich schwer schlucken, denn mir fällt wieder ein, in welchem Teil von Prag wir das Video dazu gedreht haben. Unter anderem auch auf diesem Friedhof.

Friedhof?

Obwohl es totenstill ist im Zimmer, höre ich plötzlich laut und deutlich dieses ganz spezielle Klicken, wenn sich alles zusammen fügt. Oh ja, der Oktober war für uns der ideale Monat, unsere Alben herauszubringen. Für andere muss dieser Monat mit unsagbar viel Leid und Schmerz verbunden sein. Beides holt nun auch mich ein.

„Sieben Jahre sind’s diesen Oktober, ich hab’s nachgerechnet. So lange ist er jetzt schon unter der Erde, Nicky.“

Und ich wette, sie haben diesen Song bei seiner Beerdigung gespielt. Garantiert haben sie das, denn genau mit ihm kam jene höllisch laute Durchsage im Radio, nach der ich völlig fertig und mit einem Stein im Magen den Rest der Fahrt über mich ergehen ließ.

Hey guys! Nur noch wenige Wochen, dann stehen sie fest, die diesjährigen Kandidaten für die Rock’n’Roll-Hall of Fame.

Getriggert von diesem einem Song?

Kein Wunder, dass Eva denkt, Nicky wäre deswegen immer noch neben der Spur. Wie recht sie doch hat, und doch könnte sie nicht verkehrter liegen mit dem Grund, den sie hinter meinem Ausnahmezustand vermutet. Doch wenn ich damit herausrücke, denkt sie, ihre beste Freundin würde sie verscheißern wollen.

Von wegen Phase eins der Trauer, in der man angeblich mit Schock, Verleugnen, Empfindungslosigkeit oder körperlichen Beschwerden reagiert. Oder mit allem zusammen. Bei Nicky beziehungsweise mir kämen dann auch noch geistige Ausfallerscheinungen zusammen. Jedenfalls aus Evas Sicht.

Denn wo Nicky selbst nach Jahren immer noch mitten drin steckt, sind es bei mir gerade erst ein paar Tage, die sich so unwirklich anfühlen, dass ich froh bin über jede noch so kleine Hintergrundrauschen, das dem absoluten Overkill etwas entgegensetzen könnte. Gerade jetzt wäre ich froh über Eva und ihr Geplapper, doch noch immer bin ich allein, und zwar in einem Zimmer, wo die Stille so laut dröhnt, dass ich sie nicht länger ertragen kann. Die Minibar zu plündern, stellt keine Option dar, denn um mich wegzuschießen, braucht es schon stärkere Geschütze.

Hirnlose TV-Unterhaltung, bis ich so müde bin, dass ich im Stehen einschlafen könnte, als Mittel gegen den Overkill aus Informationen, Stille und Einsamkeit? Mich berieseln und von Stimmen einlullen zu lassen, bis mir die Augen von allein zufallen; oh, wie schön das doch wäre. Was macht es da schon, dass ein Pay-TV-Kanal mit einer unaussprechlichen Buchstaben- und Zahlenkombination eine Sendung im Programm hat, deren Inhalt beinahe noch absurder als dieses blöde Buch ist, das Andy mir zuletzt hinterher geworfen hat. Freaky Friday? Nö, „X-Factor – das Unfassbare“, als Jubiläumsausgabe.

Communication. Disinformation. Blood Money dudelt es aus dem Hintergrund, während ein sichtlich gealterter Jonathan Frakes ankündigt, gleich sechs unglaubliche Geschichten zu präsentieren.

Frakes? Ist das nicht der Typ aus „Fackeln im Sturm“, „Twilight Zone“ und „Die Zeitreisenden“? Auf einmal bin ich hellwach und ganz Ohr für die unfassbaren Storys, bei denen die Zuschauer raten sollen, was davon echt ist und was gelogen. Unfassbar, dass Fake News anscheinend ein ganz alter Hut sind, schon 1997. Oder war es 1998?

♪ Communication. Disinformation ♪ – irgendwie kommt mir die Musik bekannt vor, aber ich kann sie nicht zuordnen. Viel interessanter sind doch die Kurzgeschichten, die sich unter anderem um ein Pferd mit einem unglaublichen Zahlengedächtnis, einen unheimlichen Rosengarten und um eine Hexe drehen, die durch einen Trick dazu gebracht wird, sich der Weißen anstatt der Schwarzen Magie zu verschreiben. Humbug, geht es mir durch den Kopf, alles Humbug, doch mit einem Vorteil: als Einschlafhilfe sind sie besser geeignet als Baldrian oder jede andere Schlaftablette. Und tatsächlich beginnt sich schon bald eine gewisse Schläfrigkeit einzustellen, meine Augenlider werden schwer, und ich greife nach der Fernbedienung, als Mr. Frakes unter bedeutungsschwangerem Raunen eine Geschichte einleitet, die es so noch nicht gegeben hat.

 

Taxi Nummer Fünf.

„Jahrelang war es wie vom Erdboden verschluckt, bis es beinahe in Vergessenheit geraten ist. Doch seit letzter Woche ist es wieder da. Schon einmal hat man die Bevölkerung gewarnt, in dieses Fahrzeug einzusteigen, denn es bringt einen nicht dorthin, wohin man will, sondern wohin man muss. Und wohin man muss, ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Mal sind es Meetings, die so manche Geschäftsleute verpasst haben, weil sie stattdessen zum Krankenhaus gefahren wurden. Andere entgingen einer Massenkarambolage, weil der Fahrer sie nicht wie gewünscht zum Autorennen brachte. Eine Warnung, die ohne Folgen blieb, denn manche ‚Fahrgäste‘ hat man nie wieder gesehen…“

Trotz der lauen Luft spüre ich, wie ein Eishauch meinen Nacken entlang streift und sich mir die feinen Härchen im Genick senkrecht aufstellen. Ein Taxi, das mich dorthin bringt, wohin ich muss?

„… auch diesmal kann sich niemand erinnern, welche Farbe dieses Taxi hat und was für ein Kennzeichen es trägt, denn es existieren weder Fotos noch Filmaufnahmen von ihm…“

Oh ja, ich weiß genau, wohin ich muss. Doch nicht ohne gründliche vorherige Recherche.

… und wieder raten wir Ihnen dringend davon ab, in dieses Taxi einzusteigen. Und noch ein Tipp zum Schluss: Auch ein Uber ist keine Lösung. Denken Sie an unsere Worte und sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt.“

Ich weiß zwar nicht, was ein Uber ist, aber ich bin fest entschlossen, dieses Taxi zu finden. Hoffentlich gelingt mir das noch vor Perth.

Entgegen möglicher Erwartungen, folgt heute nicht der Song aus dem Zitat, sondern jener, der Pate für das Kapitel stand:

Fragen über Fragen… https://youtu.be/B8uzPSEery0?t=0

Fragen über Fragen, aber ob die Antwort zur Zufriedenheit ausfällt?

Rendundanz ist, wenn die Antwort die Frage enthält: https://youtu.be/Z4MYaUX17K8?t=0

Media Monday # 651 : demnächst im Repertoire…

Ach ja, früher war ja alles viel schöner und es gab mehr Lametta. Okay, well, für den ersten Teil werde ich nicht meine Hand ins Feuer legen, der zweite Teil könnte stimmen, denn mit Lametta kann man mich jagen. Zudem habe ich auch gar keinen Baum, an dem ich das Zeugs aufhängen könnte. Nun aber zum Media Monday, den es zum vorletzten Mal in diesem Jahr gibt (huch! Das klingt so endgültig und lässt mich nach dem Kalender schielen: Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät?).

ist es doch schon wieder so weit? https://www.youtube.com/watch?v=kyz0cEWblkE

Media Monday # 651

1. Letzte Besorgungen/Erledigungen wird es diese Woche geben, allerdings kein großes Gedöns.

2. Wie auch schon im letzten Jahr: alles mögliche kommt bei mir nicht unter den Baum, denn ich habe keinen – als einzigen Schmuck habe ich einen Kranz an der Tür aufgehängt, den ich am 3. Advent dekoriert habe.

3. Ich würde mir ja wünschen, dass das mit dem Aus-dem-Quark-Kommen bei mir im nächsten Jahr öfters und früher hinhaut.

4. Man mag kaum glauben, dass es wirklich schon bald 56 Jahre sind, dass ich auf dieser Erde weile, und weil’s so schön ist, habe ich mich selbst mit einem Besuch des Musicals „Ku’damm 56“ beschenkt.

5. Womit ich ja schon gar nicht mehr gerechnet habe: das Nähen erlebt ja ein echtes Comeback bei mir – und wie man die Nähmaschine bedient, habe ich zum Glück noch nicht verlernt.

6. An so einem dritten Advent könnte man ja auch einfach mal gar nichts tun – statt dessen habe ich mich nach langer Zeit mal wieder an die Nähmaschine gesetzt.

7. Zuletzt habe ich mal wieder ein paar Oldies dudeln lassen und das war eher dem Zufall geschuldet , weil ich es mit den 70er Jahren eigentlich nicht so habe (sondern eher mit den 80ern) und mit Disco schon gar nicht, aber vielleicht gelangt auch dieses Genre zu einem unverhofften Comeback bei mir.

Comeback ohne Lametta, aber mit Discokugel? : https://www.youtube.com/watch?v=n_H2xNWOO1o