Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 9 *** Not enough time

♪♫♪  I look around unsatisfied at what they’re giving me. Then I think to myself is there someone else who feels the same as me ♪♫♪ –INXS „Kick“-

Don’t panic. Liebend gern hätte ich jetzt auch so einen Ratgeber für Anhalter durch die Galaxis, denn der wüsste wie Eva, was zu tun wäre. Die würde mir übrigens gratulieren und Punkt 34 auf meiner Löffel-Liste abhaken: „Es gibt jemanden, von dem du jede Nacht träumst, aber du hättest nie erwartet, dass du ihn im echten Leben einmal triffst.“

Ja, wie denn auch, wenn ich nie die Gelegenheit hatte, meine Lieblingsband live bei einem Konzert zu erleben? Und jetzt gondeln wir durch die Nacht, unserem nächsten Ziel entgegen. So viel zu Jons Idee, dass ich mitkomme und Beth uns begleitet. Die war zwar genauso skeptisch wie Andy, aber nachdem sie die Frage der Kinderbetreuung geklärt hat, stand ihrem Fulltime-Job als Nurse on Wheels nun nichts mehr entgegen. Damit ist sie rundum ausgelastet, im Gegensatz zu mir, was auch meinem jüngsten Bruder aufgefallen ist; Jon wäre aber nicht Jon, wenn er nicht schon längst einen Plan gehabt hätte.

„Aber so ein Gerät bedienen, kannst du auch mit der linken Hand, oder?“ hatte er in den Raum geworfen und mir ein Diktaphon vor die Nase gehalten, so eines, wie es die Sekretärin unseres Managers täglich benutzte.

„Damit kannst du für uns die Eindrücke rund um die Konzerte festhalten.“

Ein akustisches Reisetagebuch also? Warum nicht gleich per Kamera, hatte mir schon auf der Zunge gelegen, doch dann sah auch ich es ein. Selbst die kleinste Handkamera hätte zu viel gewogen, um sie locker mit einer Hand bedienen zu können – ein Gerät zum Aufzeichnen von Sprachnachrichten war dagegen viel handlicher. Euer Wort in Gottes Ohr, denke ich mir immer noch, schon lange nachdem als selbst Kirk und Garry in den Jubelchor mit eingestimmt waren.

Was gäbe es eine bessere Gelegenheit als den Jahreswechsel? Das neue Jahr will nämlich stilvoll begangen werden – in Adelaide, das ebenfalls auf unserer teilweise im Voraus festgelegten Reiseroute liegt. Mit wem wird Eva wohl auf das neue Jahr anstoßen, falls überhaupt? Happy New Year, Eva, für dich und 2023. Oder sollte ich noch ein „und für mich in 1987“ anfügen: für mich und das Jahr, in dem „meine Jungs“ ganz groß durchstarten werden, und zwar international? Außer mir können sie nicht wissen, was noch alles auf sie wartet, und ich kann nur hoffen, dass ich mich nicht irgendwann mal doch verplappere.

Schöne neue Welt? Im Moment wohl eher nicht, denn bequemes Reisen sieht anders aus, auch wenn Beth und ich uns die größte Schlafkoje ganz hinten im Bus teilen, nachdem die Michael davon überzeugen konnte, mit mir, äh uns, zu tauschen. Ganz einfach war das nicht, weil er sie ja sonst immer wegen seiner langen Beine beansprucht. Lange Beine, ha ha, wer’s glaubt. Wenn ich den anderen so zuhöre, könnte man glatt auf die Idee kommen, er stürmt den Bus immer als erster, weil er den Platz für seine Spontandates nach den Konzerten braucht. Inzwischen glaube ich aber nur die Hälfte von dem, was die lieben Kollegen so erzählen; eher wird’s wohl daran liegen, dass er genauso ein kleiner Messie ist wie ich, der alles Mögliche ins Bett schleppt, vor allem Bücher.

Dass hier mal jemand so tickt wie ich, hätte ich ja nie zu hoffen gewagt, nur nützt mir das herzlich wenig. Bücher, da war doch noch was. Als ich Andy ratlos anstarrte, nachdem er zum x-ten Mal auf unserem Unfall herumreiten musste und betonte, dass ich doch besser zu Hause geblieben wäre, rückte er dann doch noch mit der Sprache heraus: „Du hast echt keine Ahnung mehr, was passiert ist, oder?“

Ta-daa! Das war der Moment zum Ausspielen meiner Trumpfkarte, schneller als gedacht: die im Patientengespräch erwähnte Erinnerungslücke. Seit dem Gewitter soll ich ja angeblich mehr als eine haben. Wie praktisch, dass ich so nun endlich erfahre, was sich in den frühen Morgenstunden meines Geburtstags, vor sechsunddreißig Jahren, auf dem Weg zum Fährhafen zugetragen hat. Dass es aber ausgerechnet „Freaky Friday“ das Buch ist, das den INXS-Gitarristen so zum Ausflippen gebracht hat, lässt das fehlende Puzzleteil in meinem Gehirn einrasten; unhörbar für die anderen, dafür aber laut und deutlich für mich:

Klick!

Wie war das nochmal mit dem Akklimatisieren an eine andere Zeitzone? Gehen Sie zeitig zu Bett… Oder war es anders herum? Ist halt nur blöd, wenn sich bei jedem so ein Jet Lag anders bemerkbar macht; und bei mir war es das stundenlange Wachliegen, während Eva tief und selig schlummerte wie ein Murmeltier. Ein Buch lesen? Die Minibar plündern? Den Pizzadienst rufen? Nichts von alldem traf auf mich zu. Ich war auf die ach so geniale Idee gekommen, mich durch die Fernsehprogramme zu zappen, und war bei einem Sender mit alten Spielfilmen hängengeblieben.

Zuerst hatte ich keine Ahnung, was für eine olle Kamelle ich per Fernbedienung erwischt hatte. Die Szene, in der Jamie Lee Curtis und Lindsay Lohan in einem Chinarestaurant zwei Glückskekse überreicht bekommen, sagte mir nichts. Doch dann geschah das Wunder! Beide stellten fest, dass sie jeweils in den Körper der anderen geschlüpft waren und mit diesem Tauschergebnis erst einmal für eine Weile leben mussten.

Freaky Friday? Übelkeit breitet sich in mir aus.

Schlagartig dämmert mir, dass bei diesem Gewitter genau das gleiche passiert sein muss, auch wenn weder mein Gegenstück noch ich an einem Freitag unsere Fahrzeuge verlassen hatten. Erneut glaube ich zu fühlen, wie meine Eingeweide gummibandartig in die Länge gezogen werden. Nur dass kein Glückskeks, sondern ein Blitz für den Körpertausch gesorgt hat: Zweimal das gleiche Naturereignis: zur selben Stunde, am selben Ort… aber nicht im selben Jahr. Antipoden nicht im Raum, sondern in der Zeit: Wie groß war denn bitte diese Wahrscheinlichkeit? Und dann noch als Strafe für… ja, wofür eigentlich?  

Dafür, dass ich vor der hässlichen Realität fliehen wollte und mir zum wiederholten Mal vorgestellt hatte, wie es wohl wäre, zehn Jahre älter zu sein? Oder noch besser: anstatt in Rente zu gehen, nochmal zehn Jahre weniger in meinem Pass stehen zu haben. Von wegen „man müsste nochmal zwanzig sein“: Ende dreißig zu sein, reichte doch schon, um bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben, jedenfalls bessere als mit Anfang fünfzig. Eskapismus vom Feinsten ist das, aber im Verdrängen bin ich ja schon immer gut gewesen.

Oder darin, gewisse Dinge vor mir herzuschieben, bis es nicht mehr anders geht.

Entfliehen Sie dem Winterblues – das ist doch das perfekte Beispiel für meine größte Schwäche, die mich dazu gebracht hat, wegen dieses Plakats das Reisebüro zu betreten. Entfliehen Sie dem Winterblues: in Down Under. Schon so oft war ich daran vorbeigegangen, ohne mich weiter damit zu beschäftigen. Doch diesmal hatten jene beiden Worte für einen ganzen Kontinent bei mir etwas ausgelöst. Gereizt hatte mich eine solche Reise schon immer, nur hatte ich bisher weder die Zeit noch das Geld dazu gehabt. Jetzt aber hatte ich beides.

Nach dreißig Jahren auf einmal ohne Job dazustehen: Andere wären trotz einer traumhaften Abfindung von 250.000 Euro und Lohnfortzahlung für zwölf Monate sofort auf Jobsuche gegangen. Doch was hatte ich statt dessen getan? Hatte mich von besagtem Werbeversprechen einlullen lassen. Natürlich hatte sich Eva gefreut, dass ich zuerst zu ihr gekommen war anstatt auf der Stelle zwei Flüge nach Melbourne zu buchen. Aber so risikofreudig war ich dann doch nicht. Sie übrigens auch nicht. Doch ich konnte sie beruhigen: Wozu hatte mein überaus fähiger Anwalt eine so hohe Abfindung für mich ausgehandelt? Damit ließ sich die durch den unbezahlten Urlaub entstehende finanzielle Lücke schließen. Lediglich meine Spontaneität hatte Eva stutzen lassen, war diese doch überhaupt nicht typisch für mich. Und was hatte ich nun davon außer einem Körpertausch quer durch die Zeit und davon, dass einer meiner Teenagerträume wahrgeworden war?

Freu dich doch, höre ich Eva im Geiste sagen, während ich mich unruhig hin und her wälze. Hast du nicht früher immer geseufzt, du würdest sonst was geben, um Michael Hutchence einmal so richtig nahe sein zu können?

Mein sehnlichster Wunsch? Wenn’s nicht so traurig wäre, würde ich mich totlachen. Drei Meter weiter vorne im Bus, in der Koje, die eigentlich für den Bandkollegen reserviert war? O ja, als Zwanzigjährige wäre ich bei dieser Vorstellung völlig aus dem Häuschen gewesen, doch jetzt habe ich ganz andere Sorgen. Denn wenn wir den Tausch nicht rückgängig machen, bevor der Gips abgenommen wird, dann war’s das: nicht nur für mich, wenn herauskommt, dass ich nicht auch nur eine einzige Note spielen kann, sondern auch für die Band mit ihrer Karriere. Uns bleiben nur sechs Wochen – eigentlich viel zu wenig Zeit, wenn man auf ein weiteres Wunder wartet.

Denn dann hätten wir Freaky Friday nicht nur für einen Tag oder sechs Wochen, sondern für immer. Und das wäre wirklich fatal.

Wenn einem die Zeit davonläuft: https://www.youtube.com/watch?v=Jb11rS6E9jQ

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 8 *** On a bus

♪♫♪ Not enough time for all that I want for you. Not enough time for every kiss, and every touch and all the nights I wanna be inside you ♪♫♪ -INXS „Not enough time“-

Dein ständiges Gefasel von wegen man müsste nochmal zwanzig sein oder meinetwegen zehn Jahre jünger oder älter… mit irgendwem tauschen, egal mit wem… If I were a boy, even just for a day…

Klick!

Wie sich doch die Bilder gleichen. Nur, dass es sich in meinem Fall um ein Nachbild handelt, das der gerade erst in den Baum eingeschlagene Blitz vor meinen Augen hinterlassen hat, greller als tausend Sonnen. Klar und leider nur zu deutlich kann ich uns alle wieder vor mir sehen, denn so, wie sich Eva und Nicky nichts geschenkt haben, ist bei uns zuletzt auch die Post abgegangen, nur mit dem Unterschied, dass ich nicht nur einen gegen mich hatte, sondern gleich fünf.

O, kommt mir nicht mit Frohe Weihnachten – damit könnt ihr mir gestohlen bleiben: Erst für Stress sorgen und dann einen auf Big Happy Family machen? Nicht mit mir!

An manchen Tagen kommt eben alles zusammen. Erst schaffte es Michael ewig nicht aus den Federn und wir kamen deswegen so spät zu unserem Gig, dass außer dem obligatorischen Soundcheck zum Proben keine Zeit mehr war. Einen Auftritt übrigens, den uns Chris noch auf den letzten Drücker reingequetscht hatte, obwohl er genau wusste, dass wir am Nachmittag des Sechsundzwanzigsten in Hobart sein sollten – als „Warm Up“, wie er sich besserwisserisch ausgedrückt hatte – und den wir natürlich später als sonst beenden mussten, weil drei Zugaben ja nicht reichten.

Kann nicht irgendwann mal Schluss sein mit den Pannen? Aber immer wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt immer noch ‘ne Schippe mehr daher.

Sag also besser niemals nie, denn die nächste Verzögerung kommt garantiert. Diesmal wegen Michael, der ja unbedingt noch eine Runde auf ‘ner Harley drehen musste, die er draußen am Straßenrand entdeckt hatte. Keine Ahnung, wie er es geschafft hatte, dem Bären von einem Typen die Fahrt auf seinem persönlichen Heiligtum aus dem Kreuz zu leiern, aber aus der einen Runde wurden erst zwei und dann drei, während Garry und Jon versuchten, sich mit den Besitzern der Maschinen zu verbrüdern. Dumme Idee, saudumme Idee sogar. Inzwischen hing mir der Magen in den Kniekehlen, und die Schmerzen in meinen Knien wurden von der vielen Warterei auch nicht weniger. Irgendwann war Mitternacht vorbei und der heiß ersehnte Burgerladen geschlossen, obwohl der Fahrer nochmal extra auf die Tube gedrückt und einen mehr als heißen Reifen gefahren hatte. Da half auch nichts, dass Kirk mit einer Idee angetanzt kam, die er schon öfters gehabt hat.

„No worries, mate – wozu hab ich denn meinen Wok eingepackt?“

Oh ja, die Geschichte war legendär. Mitten im Outback ‘nen Wok auspacken und darin sein mitgebrachtes Gemüse brutzeln. Kann man einmal machen, muss man aber nicht dauernd. Vor allem nicht nach dem ganzen China-Takeaway-Gedöns in der letzten Zeit, das mir so langsam aber sicher zum Hals heraus hing. Da hatte ich auf ihn und seine Patentlösung gerade noch gewartet. Nämlich gar nicht. Inzwischen war der Knoten in meinem Magen, der mir innerlich alles abzuschnüren drohte, um ein weiteres Stück gewachsen und ließ mich nach Luft ringen; Luft, die mittlerweile nicht nur verdammt dünn geworden war, sondern auch förmlich kurz vorm Brennen stand. Ein Funke würde genügen, und der von ihm ausgehende Flächenbrand würde sich von Melbourne bis nach Geelong ausbreiten, davon war ich überzeugt. Es war nur noch eine Frage der Zeit.

Und der ließ auch nicht lange auf sich warten.

„Vielleicht hilft es unserem Timmy-Boy ja, wenn wir ihm eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen“, kam es da von weiter hinten aus dem Bus, begleitet von einem dünnen Buch für Kinder ab zwölf. Da reichte es mir. Denn wenn ich so einen billigen Witz erwartet hatte, dann ganz bestimmt nicht von Andy.

Wie hieß das Teil denn überhaupt? Freaky Friday? Ein Blick auf den Klappentext, und ich wusste Bescheid: „Ich wollte, ich könnte mit dir tauschen… der Wunsch soll für die 13jährige Annabel Andrews und ihre Mutter schneller in Erfüllung gehen, als ihnen lieb ist…“

Mehr musste ich nicht wissen – ich konnte mir schon denken, woher der Wind wehte. Mehr als einmal hatte ich mich beschwert, wenn ich mal wieder in den Burgerladen um die Ecke wollte und keine fünfzig Meter weit kam, weil wieder irgendwer ein Autogramm wollte. Lächeln und winken, dachte ich in solchen Momenten und bemühte mich, freundlich zu bleiben, damit ich nicht wie das hinterletzte Arschloch rüberkam. Nicht, dass mein Verhalten noch auf die anderen zurückfiel und sie es ausbaden durften. Schließlich wollte sich keiner von uns nachsagen lassen, dass uns der Erfolg zu Kopf gestiegen war.

Wie passend, würde ich heute sagen, aber das sah ich in dem Moment nicht. Ja, sind denn jetzt alle völlig verrückt geworden, war das, was mir statt dessen durch den Kopf ging.

Erst Michael mit seinen ständigen Extrawürsten, dann Garry und Kirk. Jon ließ ich gleich ganz außen vor. Der hatte wegen seiner Dauerzankerei mit seiner Liebsten sowieso eine Stinklaune. Aber jetzt auch noch Andy? Mein sonst so stiller Bruder, der sich aus Konflikten grundsätzlich heraushielt, kam mir auf diese Tour und machte mich zum Gespött vor der ganzen Mannschaft? Und dann noch mit so einem Schmöker?

Damit war das Maß endgültig voll. Kochend vor Wut, schoss ich aus meiner Koje und pfefferte das Teil mit Schwung durch den Gang, doch noch bevor ich richtig in die Luft gehen konnte, übertönte ein Donnerschlag von draußen den Lärm im Bus, und das Fahrzeug kam jäh zum Stehen. Das war das Zeichen für mich, zur Tür zu stürmen und den Bus zu verlassen. Lieber war ich jetzt draußen unter freiem Himmel als in der explosiv aufgeladenen Stimmung im Gang hinter mir.

Nachdem ich die letzten Stufen im Sprung genommen hatte, blieb ich wie angewurzelt stehen. Ich hatte keine Ahnung, wo wir waren, aber hätte mir jemand gesagt, die Apokalypse wäre ausgebrochen, während ich mich im Tiefschlaf befunden hatte, ich hätte es doch glatt geglaubt. Am tintenschwarzen Himmel wüteten strahlend weiße Blitze und tauchten die sich in irrsinniger Geschwindigkeit zusammenballenden Gewitterwolken in bedrohliche Lilatöne, während es dazu in einer Lautstärke donnerte, wie ich sie so auch noch nie erlebt hatte. Das Stimmengewirr hinter mir nahm ich so gut wie gar nicht mehr wahr, statt dessen blieben meine Augen fasziniert an etwas anderem hängen: dem baumstammdicken aber nicht ganz so schweren Ast, der die Fahrbahn über die komplette Breite blockierte.

Ein Blitz musste in den Baum auf der anderen Seite der Friedhofsmauer eingeschlagen sein und dieses Chaos verursacht haben. Um uns herum zuckten die Blitze, doch das hielt mich nicht davon ab, mein Glück mit dem Hindernis zu versuchen. Wenn es uns nicht gelang, das Teil von der Fahrbahn zu entfernen, würden wir im Niemandsland übernachten müssen und den Kampf gegen die Uhr endgültig verlieren. Und mit unserer Ankunft zur geplanten Zeit wäre es vorbei. Ach, hätten wir doch nur…

Ab da kann ich mich nur noch an Bruchstücke erinnern: als erstes ein ohrenbetäubender Donnerschlag, gefolgt von einem gleißenden Blitz in hellem Violett, der die Straße auf der anderen Seite der Straßensperre für einen kurzen Augenblick aufleuchten ließ; und dann der giftgrüne Shelby, von dem ich hätte schwören können, dass er vorher noch nicht dagewesen war. Ich sollte nicht mehr dazu kommen, mich darüber zu wundern oder gar darüber, dass das Auto auf der falschen Straßenseite stand. Mit einem Mal brüllte mir Andy von hinten etwas Unverständliches zu – dann war er auch schon an meiner Seite und riss mich zu Boden. Mein Glück, denn sonst hätte mich der aus dem Nichts kommende Schlag gegen meine Schulter ins Jenseits befördert. So aber taumelte ich und stürzte in eine bodenlose Tiefe, nur um im letzten Augenblick wie von einem unsichtbaren Gummiband mit Macht zurückgezogen zu werden.

Dann verlor ich vollends die Besinnung. Mit bekannten Folgen.

Fahr Bus und Bahn – https://www.youtube.com/watch?v=23jFQ11xKVk

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 7 *** Fair weather ahead

Schönes Wetter für die nächsten Tage haben sie im Radio angekündigt, doch das ist alles nur eine Frage der Sichtweise. Wenn man unter schönem Wetter strahlenden Sonnenschein ohne auch nur das kleinste Wölkchen versteht und es einen überhaupt nicht kümmert, dass die Temperaturen bereits dabei sind, über das erträgliche Maß hinaus zu steigen, dann war die Vorhersage wohl eher für Touristen geeignet, zu denen ich jetzt wohl ja erst mal gehören werde.

Doch im Gegensatz zu den Scharen von Europäern und Amerikanern, die Jahr für Jahr unseren schönen Kontinent besuchen, hatte ich schon so oft das Vergnügen, in die mehr als heftigen Gewitter und Wolkenbrüche zu geraten, dass ich inzwischen gar nicht mehr zählen kann, wie häufig wir um ein Haar weggespült worden wären, ob mit oder ohne Bus.

Für die Optimisten unter euch, die es für eine gute Idee halten, die Weihnachtsfeiertage in Down Under zu verbringen: Tut euch selbst einen Gefallen und verzichtet darauf. Sucht euch lieber eine Jahreszeit aus, in der ihr nicht von der Sonne gegrillt oder von unberechenbaren Wassermassen weggeschwemmt werdet; es sei denn, ihr steht auf Gewitter mit Tausenden von Blitzen, die eher an das Inferno der Hölle erinnern als an eine Lightshow von Pink Floyd oder Jean-Michel Jarre und seid nicht so vergesslich wie meine Fahrerin, die unsere gemeinsame Ballonfahrt kaum noch erwarten kann.

Mit so viel guter Laune am Morgen muss ich erst mal klarkommen.

Hat nicht schon mein Déjà-vu mit diesem Luxushobel in grabber green, wie diese Farbe offiziell heißt, gereicht? Jetzt sind wir darin nicht nur zu unserem nächsten Ziel unterwegs, sondern meine „beste Freundin“ scheint zu denen zu gehören, die Reden für Gold halten. Und im Gegensatz zu mir hat sie ziemlichen Redebedarf. Ja, ja, ich weiß: Nur mit halbem Ohr zuzuhören, ist so ziemlich unhöflich. Aber es ist ja auch nicht Eva, die den Schock, im falschen Körper und in der falschen Zeit unterwegs zu sein, erst noch verdauen muss. Kein Wunder, dass mir da überhaupt nicht nach Smalltalk ist

„Hör mal, Nicky“, durchbricht Evas Stimme das schon seit längerem in der Luft hängende Schweigen, „falls du immer noch sauer bist – das mit unserem Streit tut mir leid…“

Streit? Nach Smalltalk klingt das nicht. Eher nach einer Entschuldigungsarie. Da ich nicht den blassesten Dunst habe, um was es bei dem Streit ging, ziehe ich es vor, mich weiterhin einsilbig zu geben. Ist vielleicht nicht die dümmste Taktik. Denn was soll ich auch schon darauf antworten? Ein „ist schon gut“ vielleicht? Oder „mir tut’s auch leid“? So eine Antwort würde im ersten Moment zwar alles leichter machen, aber schlauer wäre ich danach auch nicht. Also warte ich weiter ab und fummele statt dessen an den Knöpfen des Radios herum, um einen vernünftigen Sender reinzubekommen.

„… ich weiß, ich hätte nicht so ausrasten dürfen. Aber gestern Abend, da sind bei mir einfach die Sicherungen durchgebrannt…“

Soll vorkommen, denke ich mir, und wenn dann noch ein Gewitter mit im Spiel ist… Denn so viel habe ich inzwischen mitbekommen: Die Damen hatten sich kräftig in der Wolle, doch als Gefahr drohte, war der völlig missglückte Versuch, sich zu amüsieren, plötzlich nebensächlich geworden – auch wenn die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden, 1:200,000 beträgt. Doch da Eva dieses Schicksal nicht herausfordern wollte, handelte sie instinktiv. Ihre Freundin von der Straße und ins Auto zu zerren, war in dieser Situation daher nur eine Frage von Sekundenbruchteilen gewesen. Sonst wäre dies hier ihr letztes Weihnachten geworden.

Was sie aber nicht daran hindert, Nicky dafür jetzt die Leviten zu lesen.

„Aber jetzt mal Butter bei die Fische. Wer von uns beiden wollte denn unbedingt dem Winterblues entfliehen? Mal was erleben, das dich auf andere Gedanken bringt. Aber kaum sind wir angekommen, geht es mit dem Gejammer von vorne los. Ganz ehrlich, Nicky? Ja, es ist scheiße, dass du deinen Job verloren hast, und das nach dreißig Jahren, und es mit der Suche nach einem neuen schwierig werden könnte…“

Da muss ich ihr recht geben.

„… Aber hey! Erstens hast du eine Abfindung bekommen, von der andere nur träumen können. Und zweitens: Für wieviel Monate muss dir die Firma dein Gehalt weiter zahlen?“

Darauf kann ich ihr auch keine Antwort geben. Wie heißt es doch so schön: andere Länder, andere Sitten? Leider hilft diese Weisheit uns nicht weiter, wenn ich noch nicht mal weiß, wie bei mir zu Hause sowas geregelt wird. Bisher hatten meine Jungs und ich immer das Glück, bei ’nem anderen Label unterzukommen, auch wenn nicht immer war der berühmte Topf voll Gold dabei war.

O Mann, wenn ich nur an die Zeiten denke, in denen wir nicht mal wussten, wie wir den Strom bezahlen sollten, den wir beim Üben in einer nach Öl stinkenden Garage verbraucht haben. Oder wir uns irgendwo im Outback irgendwas zusammengebrutzelt haben, weil die Kohle mal wieder nicht für ein anständiges Zimmer oder Essen im Pub gereicht hat.

„Aber das ist ja auch egal. Was passiert ist, lässt sich sowieso nicht mehr ändern…“

Auch damit liegt sie richtig.

„… dein dauerndes Selbstmitleid aber schon! Und dein ständiges Gefasel von wegen man müsste nochmal zwanzig sein oder meinetwegen zehn Jahre jünger oder älter… “

Ach du Scheiße, da bin ich ja in was reingeraten: eine Frau in der Midlife-Crisis. Irgendwann in der Mitte des Lebens erwischt es wohl offenbar jeden. Und ich Idiot hab immer gehofft, dass dieser Kelch an mir vorbeigeht. Blöd nur, dass ich grade selber richtig tief drinstecke, wenn auch anders, als Eva annimmt.

„… oder davon, dass du am liebsten mit irgendwem tauschen würdest, egal mit wem.“

Wie bitte? Entgeistert bleibt meine Hand wie eingefroren am Radio kleben, denn mitten in das, was meine Fahrerin da gerade vom Stapel lässt, erklingt eine weibliche Stimme und bringt das Problem auf den Punkt.

♪♫♪ If I were a boy, even just for a day I’d roll outta bed in the mornin‘ and throw on what I wanted, then go ♪♫♪

Einmal zu tauschen, auch wenn’s nur für einen Tag ist… Diese Bestätigung hätte nun wirklich nicht sein müssen, und trotzdem: Wenn das der Grund ist, weshalb ich hier feststecke, bin ich geliefert. Ich kann kaum glauben, was mir da gerade aus dem Soundsystem des Shelby entgegen schallt.

♪♫♪ Drink beer with the guys and chase after girls, I’d kick it with who I wanted and I’d never get confronted for it ‚cause they’d stick up for me ♪♫♪

Das ist doch exakt das, was bei uns nach vielen unserer Gigs abgeht – jedenfalls immer dann, wenn ich mit meinem Best Buddy oder mit meinem jüngsten Bruder unterwegs bin. Oft ist nicht ganz klar, wer da wen anstachelt, aber bis jetzt ist doch immer alles gutgegangen. Meistens wenigstens.

Hey guys – das war Beyoncé mit ihrem Hit von 2008. Wir wünschen ihr viel Glück für die kommenden Grammys und schalten nun zurück zu Jessica Mauboy, unserer eigenen one and only Beyoncé.

Ach du Scheiße! Das war deutlich. Da habe ich wohl den Ton zu weit aufgedreht. Um wen es sich bei der zuletzt genannten Dame handelt, ist mir gerade mal so ziemlich egal. Bei dem Song von der für die Grammys Nominierten hat es nämlich blitzartig klick gemacht. Apropos Blitz… Sagt man nicht, dass der Blitz niemals zweimal hintereinander an derselben Stelle einschlägt?

Das mag ja für die Mehrheit zutreffen. Es ist halt nur blöd, wenn man selbst zu den Betroffenen zählt und vor dem ersten Einschlag gerade noch flüchten konnte, während der zweite eher symbolisch gemeint ist.

Wenn man auf schöneres Wetter wartet: https://youtu.be/WX6UbPN1hTg?t=0

Adventüde zum Nikolaus

Auch in diesem Jahr gibt es sie wieder, bei Christiane, die Adventüden:

aus den folgenden Begriffen sollten mindestens drei ausgewählt und in einem Text von maximal 300 Wörtern Länge verpackt werden:

Meinen Beitrag gab’s passenderweise bereits heute Morgen, denn am 6. Dezember – da kommt der Nikolaus…

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 6 *** Devil inside

Im Alter von zwölf reiste ich in meinen Träumen durch die Zeit. Und mit sechzehn? Traf ich in ihnen meinen Schwarm. Meinen Helden. -Nicole Simon (2023)-

Man müsste nochmal zwanzig sein und nicht so blöd wie damals.

Durch die Zeit reisen… mit dem Taxi nach Paris… Was wusste ich schon. Es gibt Träume, die du besser nicht als unwichtig abtust, egal wie oft du sie hattest. Irgendwann holen sie dich nämlich ein, dann aber umso heftiger. Und wenn es nur in Form eines Busses ist, dessen Fahrer mir heftig gestikulierend zu verstehen gibt, dass ich die Straße freimachen und nicht Maulaffen feilhalten soll. Mein entsetztes Gesicht muss Bände sprechen, denn sofort fragt mich Andy, ob ich einen Geist gesehen hätte.

Einen Geist nicht, aber das Maskottchen am Rückspiegel des Busses, einen Teufel. In diesem Fall ein tasmanischer Teufel aus Plüsch, schwarz und fauchend. Jetzt weiß ich auch wieder, weiß, wo ich den zuletzt gesehen habe. Auf der Reeperbahn nachts um halb eins? Nee, auf der Straße von Melbourne nach Geelong oder wie der Ort auf dem Weg zum Fährhafen hieß, und zwar am fünfundzwanzigsten Dezember 2022.

Heftiger Regen trieb uns von der Straße runter und hinein in die nächste Kneipe, wo wir darauf warten wollten, dass der Wolkenbruch nachließ. Dass wir in einer Karaokebar gelandet waren, ging uns leider erst auf, nachdem unser Bier auf dem Tisch stand. Eva war natürlich Feuer und Flamme und ich betete im Stillen, dass sie nicht auf die Idee kommen würde, mitzumachen. Dumm gelaufen, ein weiteres Bier genügte, dass sie mich nicht nur begeistert nach vorne zog, sondern auch noch den Song auswählte – mit mir als Lady Gaga und ihr als Bradley Cooper.

Dabei bin ich so musikalisch wie ein Stein.

A star is born? Nicht bei diesem Gegröle! Nicht eine Note traf ich, was aber der Mehrheit, die sich in diesem Laden mit großem Enthusiasmus zum Affen machten, am Allerwertesten vorbeiging. Und tatsächlich konnten sie sich vor Freude kaum halten. Standing Ovations, schrille Pfiffe, und dazu noch zwei Drinks auf Kosten des Hauses – Eva war in ihrem Element. Aber so richtig. Ich dagegen hätte mich am liebsten verkrochen und machte mich auf meinem wackeligen Stuhl klein, so gut ich konnte. Nützte nur nix. Im Gegenteil: Mit Schmackes hieb mir Eva ausgerechnet auf die Schulter, die am meisten von der Sonne abbekommen hatte. Autsch! Das tat weh, juckte meine Freundin aber überhaupt nicht. Seelenruhig nahm sie einen kräftigen Zug von ihrer Limo, bevor sie sich auf ihren Stuhl schwang und die Blicke durch das Lokal schweifen ließ.

„Mensch Nicky, jetzt amüsier‘ dich doch mal. Beim Karaoke geht’s doch nicht um den nächsten Recall für DSDS, sondern um mal so richtig Spaß zu haben.“

Toller Spaß, seufzte ich lautlos in mein Pint, bestens vertraut mit dem, was sie darunter verstand. Mit jeder Minute, die die Zeit vorwärts kroch, sank meine Laune ein Stückchen mehr, vielleicht weil ich ahnte, was ihre Unruhe zu bedeuten hatte. Bitte nicht das – lass es nicht das sein, wonach es aussieht. Aber auch das blieb mir verwehrt. Natürlich hatte Eva in der Menge zwei Kandidaten gefunden, die sie an unseren Tisch winkte. Auf irgendwelche Typen hatte ich gerade mal so gar keine Lust, aber da verstand Eva wiederum keinen Spaß.

„Hi!“

Sam und Dean. Aus Kalifornien. Winchester oder was? Fehlte jetzt nur noch der schwarze Chevrolet Impala. Das wären dann wohl doch zu viele Zufälle gewesen, und heben konnten sie meine Stimmung ohnehin nicht, weshalb ich einsilbig blieb, auch wenn unsere neuen Bekanntschaften im Grunde ganz nett waren. Irgendwann fiel dann auch Eva auf, dass sich hier nichts mehr reißen ließ und entschuldigte uns mit zerknirschter Miene bei den beiden, die sich anscheinend mehr erhofft hatten als holprigen Smalltalk.

„Sag mal, was stimmt mit dir eigentlich nicht!“

Na, da hatte sie ja das ideale Stichwort geliefert, um einen Streit vom Allerfeinsten vom Zaun zu brechen, der dazu führte, dass wir uns für den Rest der Fahrt durch das regelmäßige, zum Glück nicht mehr ganz so starke Gepladder hindurch nur noch anschwiegen. Dem Winterblues wollten wir entfliehen? Ja, aber doch nicht so! Unterwegs auf einer menschenleeren Straße, inmitten eines einsetzenden Gewitters, wegen eines auf die Fahrbahn gestürzten Astes zum Halten gezwungen zu werden. Nichts wie weg damit, ging es mir durch den Kopf und ich riss die Tür auf – schließlich war die dicke Luft zwischen uns kein Grund, uns beide noch größerer Gefahr auszusetzen als der, in der wir bereits schwebten. 

Wütend über den Himmel weißzuckende Blitze tauchten die nächtliche Landschaft in ein unwirkliches Violett, und ich wusste nicht, wovor ich größere Angst hatte: vor den grellen Stroboskoplichtern oder dem dumpfen Grollen, das bleiern hallend über uns hinwegfegte. Dennoch ging kein Weg daran vorbei. Wenn wir die Fähre nicht verpassen wollten, mussten wir das Hindernis beiseite schaffen. Schlotternd passte ich eine weitere Serie von Blitzen ab, bevor ich ins Freie sprang. Eva musste ich nicht lange bitten, sie wusste selbst am besten, was zu tun war. Zu zweit anpacken, jede an einem anderen Ende – ja, so konnte es funktionieren.

Verdammt, das Teil war schwerer als gedacht. Es zwang mich in die Knie und ließ mich vor Anstrengung schnaufen. Oh Mann, wieviel Pech konnte man haben? Fluchend ließ ich unabsichtlich einen der schlüpfrigen Zweige durch meine Finger gleiten und stolperte gerade noch nach hinten weg, bevor er mir ein Auge ausschlagen konnte. Das war ja gerade nochmal gutgegangen, wollte ich schon erleichtert aufatmen, da hörte ich Eva aus voller Kraft schreien.

„Achtung Nicky! Pass auf!“

Obwohl mir etwas sehr großes entgegen kam, blieb ich mitten auf der Fahrbahn stehen und starrte den mich aus dem Cockpit eines Busses anfauchenden Plüschteufel wie hypnotisiert an. Sein grässliches Maul würde mich gleich verschlingen, wenn mich nicht vorher der Kühlergrill des Fahrzeugs aus der Hölle erwischen würde. Wie in einem schlechten Film riss ich beide Arme in die Höhe und mir vors Gesicht, so als könnte ich den unausweichlichen Zusammenstoß doch noch abwenden.

Ich nicht, aber Eva. Ich habe keine Erinnerung daran, wie sie es geschafft hatte, ihren Posten so schnell zu verlassen, denn noch im selben Moment wurde es um mich herum schwarz, mit einem Nachbild des Busses, der wie aus dem Nichts aufgetaucht und gleich darauf wieder verschwunden war.

Dem Winterblues entfliehen, im Prinzip keine schlechte Idee. Nur hatte ich beim Kauf der Tickets nicht ahnen können, dass ich am Ende zu unserem Road Trip nicht in unserem Luxusmietwagen aufbrechen würde, sondern im Tourbus von INXS, meiner Lieblingsband, zu der ich nun durch eine Laune der Natur gehöre.

Da stehe ich nun und weiß nicht, was ich sagen soll. Gar nichts? Ist vielleicht besser so, denn während wir zu fünft auf unseren Manager warten, ist die Luft aufgeladen mit einer Spannung, die ich mir nicht erklären kann. Da hilft auch nicht, dass Michael noch fehlt und Garry deswegen ungeduldig in der offenen Bustür von einem Fuß auf den anderen tritt.

„So ein Schiet. Wo bleibt er denn nur?“

Nanu, warum so gestresst? In Youtube-Videos wirkt er doch stets wie die Ruhe selbst. Verdenken kann ich es ihm nicht, ist doch die ganze Situation alles andere als normal, am wenigsten für mich. Hochgradig angespannt, weil ich immer noch nicht weiß, wie Chris die Nachricht von meinem Totalausfall aufnehmen wird, zucke ich denn auch zusammen, als sich von hinten Schritte nähern und eine mir wohlbekannte Stimme erklingt, die ich jederzeit unter Tausenden heraus erkennen würde, weil sie die erste gewesen ist, in die ich mich vom Fleck weg verliebt habe, ohne zu ahnen, wie der Mensch, dem sie gehört, überhaupt aussah: die Stimme des Sängers.

Wessen Stimme auch sonst, höre ich Eva im Geiste sagen, während sie dabei die Augen verdreht.

Ja, wen auch sonst… Erst als ich „meinen Helden“ damals auch endlich auf MTV erblickt hatte, war es mit den nächtlichen Träumen losgegangen. Okay, nicht unbedingt jede Nacht; dennoch hätte ich nie gedacht, Michael eines Tages auch wirklich leibhaftig gegenüber zu stehen. Doch nun ist dieser unwahrscheinliche Fall eingetreten. Das Dumme ist nur: Es ist das eine, von einer solchen Begegnung bloß zu träumen – anders aber sieht die Sache aus, wenn man plötzlich die Möglichkeit dazu hat.

Vor allem wenn man weiß, dass dem anderen nur noch wenige Jahre bleiben werden.

Den Teufel im Leib… oder woanders : https://www.youtube.com/watch?v=mEIfHUT_J5I

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 5 *** Doctor

♪♫♪ She knew it would finish before it began. Wow baby, I think you lost the plan. ♪♫♪ -INXS „Suicide blonde“-

Ungläubig scanne ich wieder und wieder mit den Augen die Erlaubnis zum Fahren, die eigentlich aus Plastik sein müsste. Lizenz Nr. 666-2712, ausgestellt am 1. September 1975 in Perth, trotz ihres hohen Alters noch immer makellos wie am ersten Tag. Wie ihr Besitzer dieses Kunststück hinbekommen hat? Keine Ahnung, mit meinem eigenen Führerschein bin ich nicht so pfleglich umgegangen. Was war ich froh, als ich das zerfledderte rosa Etwas endlich gegen ein Exemplar aus Kunststoff umtauschen durfte. Vorbei die Zeiten, als selbst Eva über meine Schusseligkeit den Kopf geschüttelt hat, wenn mir mal wieder der Kaffee umgekippt und über meine Papiere gelaufen ist. Na, ist die liebe Nicky mal wieder mit dem falschen Fuß zuerst aufgestanden?

Deshalb habe ich ihm beim Umtausch auch nicht hinterher getrauert – ganz anders als mein neues Ich, das an diesem antiken Stück ja sehr zu hängen scheint. Komisch nur, dass antik nicht so ganz der passende Ausdruck für dieses Dokument ist, nachdem so nach und nach bei mir durchsickert, warum ich so aussehe, wie ich aussehe. So groß. Knapp einen halben Kopf größer, um genau zu sein. So trainiert. So…   jung!

Wie erschlagen, lasse ich den Lappen fallen und werfe einen Blick auf meine linke Hand. Abgesehen von den gleichen Schnittwunden wie auf meiner rechten, weist sie weiter keine Narben auf. Eigentlich müsste da jetzt die Stelle zu sehen sein, an der man mir den Ringfinger nach meinem Unfall mit der Ankerwinde wieder angenäht hat und weshalb ich die Gitarre ganz an den Nagel gehängt habe. Komplizierte Riffs greifen? Das war einmal – zumindest seit diesem verdammten Bootsausflug im Januar, vor sieben Jahren. Jedenfalls dachte ich das, und als ich realisiere, wie mühelos sich alle fünf Finger dieser Hand bewegen lassen, fährt mir die Erkenntnis mit einer Wucht in den Magen, dass ich förmlich Sterne sehe.

Trotz dieses letzten Beweises, weigere ich mich immer noch zu glauben, dass ich mich im Jahr 2022 wohl schon längst nicht mehr befinde. In 2015 aber auch nicht, oder besser gesagt kurz davor, als ich noch heil und unversehrt war. Zum Nachrechnen, wo ich tatsächlich gelandet bin, komme ich leider nicht mehr, weil Dr. Flanders das Zimmer betritt, die lieben Verwandten im Schlepptau – meine Ehefrau und meine beiden Brüder, um genau zu sein. Fürs Patientengespräch.

Die Diagnose schildert Dr. Flanders in wenigen Sätzen: Trümmerbruch im rechten Ellenbogen, in Kombination mit einer Fraktur der Elle und einer angerissenen Speiche. Auch das rechte Schlüsselbein hat es erwischt. Zwar nicht ganz so schlimm wie meinen Arm, doch da Prellungen bekanntlich schmerzhafter sind als Brüche, werde ich während der kommenden Wochen noch richtig viel Spaß haben. Oh Mann, stöhne ich, wenn’s erst mal läuft… Also gar nicht, zumindest nicht ohne Schmerzmittel, und die haben es in sich. Sechs Wochen lang darf ich mir die bunten Pillen einwerfen – sechs lange Wochen, in denen ich nicht schwer heben darf, auch nicht mein Leichtgewicht von einer Fender Stratocaster.

„Ich will es mal so ausdrücken, Mrs. Farriss“, wendet er sich an meine bessere Hälfte. „Auch danach wird er nicht gleich wieder loslegen können. Aber bis dahin…“ an dieser Stelle legt er eine bedeutungsschwangere Pause ein, „… müssen Sie einfach darauf vertrauen, dass sich die Lücken in seinem Gedächtnis mit der Zeit schließen werden.“

Was auch gut und gerne länger dauern kann. Anscheinend haben das diese Pillen so an sich. Aber wenigstens sind nicht blau. So blau wie das Veilchen, das auch Andy  spazieren trägt. Ich bin also nicht der einzige. Verdammt… wenn ich bloß wüsste, was da genau passiert ist.

„Am sechzehnten sehen wir uns zum Röntgen wieder, dann…“

„Am Sechzehnten?“ unterbricht Jon den Arzt. „Aber da sind wir auf dem Weg nach Brisbane!“

Entgeistert blicke ich zwischen den beiden hin und her, die sich doch tatsächlich so aufführen, als wäre ich gar nicht anwesend. Was mir in diesem Moment auch bedeutend lieber wäre, denn das würde mir so einiges ersparen. Leider kann ich aber weder Jon, Beth und Andy oder gar Dr. Flanders ausblenden, der sich jetzt vernehmlich räuspert.

„Nach Brisbane? Ach so, ja natürlich. Ihre Tournee. Selbstverständlich kann ich auch eine Überweisung für einen Kollegen dort oben ausstellen. Aber wenn ich Sie wäre, würde ich mir das gut überlegen,“ wendet er sich nun endlich an mich. „Ganz ehrlich, Mr. Farriss? Was Sie jetzt brauchen, ist Ruhe – und keine Fahrt über tausende von Kilometern in einem ruckelnden Bus. Mal abgesehen von der Lautstärke, mit denen solche Konzerte verbunden sind. Aber wie gesagt, es ist Ihre Entscheidung.“

Am sechzehnten Januar zum Röntgen, in welchem Krankenhaus auch immer, um zu beurteilen, ob meine Heilung Fortschritte macht und der Gips wie vorgesehen am zwölften Februar abgenommen werden kann, so sieht der Plan aus.

Ginge es nach Andy, würde Beth mich sofort einpacken und mit nach Hause nehmen, da er genau wie mein Sweetheart derselben Ansicht wie Dr. Flanders ist. In diesem Punkt aber gehen ihre Meinungen und die von Jon diametral auseinander.

„Mensch Leute, dann hätte er wenigstens etwas Ablenkung. Ihr wollt ihn also wirklich den Auftritt von Jimmy verpassen lassen oder den von Chrissy. Wo er sich schon so lange darauf gefreut hat?“

Um wen auch immer es sich bei Jimmy oder Chrissy handelt – je länger ich darüber nachdenke, desto mehr freunde ich mich mit dem Gedanken an, auch wenn es zunächst alles andere als prickelnd klingt, einen Monat lang mit einem Bus von Stadt zu Stadt unterwegs zu sein. Dass wir vier Wochen unterwegs sein werden, habe ich mir inzwischen auch schon zusammenreimen können.

Mit der Bemerkung, dass mir die Ablenkung wie gerufen kommt, hat Jon instinktiv recht gehabt, ohne es zu wissen. Wenn auch aus anderen Gründen. Vier Wochen trauter Zweisamkeit mit Beth sehe ich mich nämlich zu diesem Zeitpunkt alles andere als gewachsen.

Irgendwann kommt der ältere meiner beiden Brüder zu dem Schluss, dass einer alleine nicht entscheiden kann, wie es weitergehen wird. Wie meistens, so sein Plädoyer, soll die Gruppe eine Entscheidung treffen. Wenn sie jetzt nur noch zu fünf auftreten, muss ja schließlich jemand meinen Part übernehmen. Für Andy wäre das kein Problem, aber dann müssten sie an der Reihenfolge der Songs noch was ändern, da dann die Teile mit den Keyboards flachfallen würden.

Und falls ich doch mitkäme, gäbe es für mich irgendwas zu tun oder wird auch meine Frau mit von der Partie sein? Was dann wiederum heißen würde, dass es im Bus vom Platz her eng werden würde. Verdammt eng. Fragen über Fragen. Aber wenigstens werde ich gleich eine Antwort auf die wichtigste Frage von allen bekommen, die mich schon von Anfang an beschäftigt, bevor Dr. Flanders uns alle zusammengetrommelt hat.

„Hier, Timmy: unser Plan, wann wir wo spielen. Nur, falls du’s schon vergessen hast.“

Mit diesen Worten zieht Jon einen schon ziemlich zerknitterten Zettel aus der Tasche seiner Jeans und drückt ihn mir in die Hand. Anscheinend hat er diesen Flyer schon x-mal in den Fingern gehabt. Gespannt überfliege ich die recht überschaubare Liste der Orte, die wir auf der sogenannten Australian-Made-Tour anfahren werden und falle doch fast in Ohnmacht.

26.12.86 Hobart, 1.1.87 Adelaide, 3.1.87 Melbourne, 10.1.87 Perth, 17.1.87 Brisbane, 26.1.87 Sydney.

Jetzt ist mir auch klar, warum mir vorhin so schlecht geworden ist. So muss sich Marty McFly in „Zurück in die Zukunft“ gefühlt haben, als ihm aufging, dass er sich nicht mehr im Jahr 1985, sondern in 1955 befindet. Doch dass ich in eine Zeitmaschine eingestiegen sein soll, muss mir irgendwie entgangen sein. Was zum… Man müsste nochmal zwanzig sein – jetzt bereue ich, was ich am Abend davor in dieser verdammten Karaokebar von mir gegeben habe. Ich muss betrunken gewesen sein.

Wenn ich aber geglaubt habe, dass der Grad meiner Nüchternheit nicht noch steigerungsfähig sei, so muss ich bald schon erkennen, dass ich mich auch in diesem Punkt gründlich geirrt habe. Aber sowas von.

Wenn’s beim Arzt mal wieder länger dauert: https://www.youtube.com/watch?v=HChOnWZnw5M

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 4 *** The Gift

Happy Birthday. Oder sollte ich lieber „Merry Christmas“ sagen. So oder so bin ich gekniffen. Ich weiß schon, warum ich mich glücklich schätzen kann, im August Geburtstag zu haben und nicht wie die armen Schweine, die an Weihnachten feiern dürfen, denn manche Geschenke braucht nun echt kein Mensch. Und das hier ist eines von der Sorte – um mir das schönzutrinken, brauche ich mehr als nur ein popeliges Glas Champagner. Der prickelnde Gruß an das Geburtstagskind geht aber nun auf Kosten des Hauses, und so großzügig, dass man gleich ’ne ganze Flasche springen lassen würde, oder mehr als eine, ist man in diesem Laden dann doch nicht.

Bei den Preisen, die sie hier dafür verlangen, würde mich das auch sehr wundern.

Preise, bei denen ich mich beinahe an dem süßen Blubberwasser verschluckt hätte, als ich den Aushang an der Zimmertür gesehen habe. 260 Dollar pro Nacht – und dabei sind wir noch nicht mal im Ritz. Vor ein paar Jahren hätten wir sogar noch unterwegs in unserem ollen Bus gepennt. Inzwischen bucht Chris unsere Übernachtungen, wenn wir auf Tournee sind. Das heißt aber nicht, dass ich keinen Dunst habe, was uns alle dieser Spaß kostet. 260 Dollar – o Mann.

„So, Nicky-Schatz“, reißt mich meine Zimmergenossin aus meinen Gedanken. „Und jetzt ist deine Mitarbeit gefragt. Welche Nachricht willst du zuerst hören: die gute oder die schlechte?“

Wie bitte? Das soll wohl ein Scherz sein. Na gut, von meiner Veränderung scheint sie noch nichts mitbekommen zu haben, doch wenn ich eines nicht brauchen kann, dann noch eine schlechte Nachricht. Leider habe ich da falsch gedacht – aber das weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Statt dessen denke ich nichtsahnend Also schön, wenn’s dich glücklich macht nichtsahnend und erwidere lustlos: „Meinetwegen – dann die schlechte zuerst.“ Vielleicht hat der Tag doch noch einen Lichtblick zu bieten. O ja, an irgendwas muss sich der Mensch ja klammern, und wenn’s die Hoffnung ist, die bekanntlich zuletzt stirbt.

„Okay, du hast es so gewollt. Also, was deine morgendliche Runde im Pool angeht, da muss ich dich enttäuschen: Es gibt nämlich keinen.“

Keinen Pool? Oooooch, da bin ich aber traurig. Anders als Michael, bin ich nämlich überhaupt keine Wasserratte. Der könnte ja stundenlang surfen und schwimmen. Ich dagegen… Wenn das die schlechte Nachricht ist, wie sieht dann die gute aus?

Bevor ich mit dem großen Rätselraten beginnen kann, drückt mir der Lockenkopf einen großen Umschlag in die Hand. Schwarz mit goldenen Buchstaben – wie edel.

„Bitte schön: Ich glaube, wenn du das hier aufgemacht hast, wirst du den fehlenden Pool nicht vermissen.“

Noch bin ich nicht überzeugt – daran ändert auch nicht, dass sich die edle Spenderin dieses Geschenks vor Freude beinahe überschlägt. So aufgeregt, wie sie mitten im Zimmer hin und her hibbelt, könnte man grad meinen, sie hätte uns ein privates Treffen mit Crocodile Dundee organisiert. Obwohl das schon wieder cool wäre, nachdem unsere Musik sogar in einer größeren Szene zu hören war. Dass der Film allerdings so ein Erfolg werden würde, darauf war keiner von uns gefasst. Aber wie auch immer, langsam öffne ich das Kuvert und ziehe eine zusammengefaltete Karte heraus.

Mac Namara Hot Air Ballooning: Entschweben Sie Ihren Sorgen und in den Sonnenuntergang – wir kümmern uns um den Rest.

Als ich die Karte aufklappe, segeln mir zwei Tickets für „Hobart von oben“ entgegen, ausgestellt auf eine Nicole Simon – das bin ja dann wohl ich – und eine Eva Jacobs, einzulösen am 26. Dez- Hoppla!

Ich hätte die Karten besser festhalten sollen, dann wären sie mir nicht aus der Hand geflutscht. Doch ich muss mich nicht bücken: Eva, von der ich jetzt endlich weiß, wie meine Reisegefährtin heißt, ist schneller und hebt die Karten vom Fußboden auf.

„Na, da hat jemand wohl den Schampus nicht vertragen. Am besten setzt du dich erst mal, bevor du noch umkippst.“

Ach, liebe Eva, wenn du nur wüsstest. Eine kühle Dusche wäre mir lieber, und das sage ich ihr auch. Denn in meinem jetzigen Zustand werde ich garantiert in kein Auto steigen. Und schon gar nicht in diesem Ungetüm von einem Shirt.

„Ich glaube, so blass wie du bist, fahre heut‘ wohl besser nochmal ich. Nicht, dass wir noch irgendwo im Graben landen und die Fahrt mit dem Ballon verpassen.“

Die Fahrt verpassen, nehme ich den Faden von vorhin wieder auf, als wir nach dem Check-Out die Lobby verlassen, bloß nicht!

„Da würde ich mich aber schwarz ärgern“, stimme ich ihr zu.

Seit ich gelesen habe, wo dieses Erlebnis auf uns warten soll, kribbelt alles in mir. Wie elektrisiert folge ich Eva zum Hotelparkplatz. Seit ich mein Geschenk ausgepackt habe, kann ich an nichts anderes mehr denken. Hobart von oben… Vielleicht ist ja doch noch nicht alles zu spät und wir holen die anderen noch ein. Und wenn nicht, vielleicht kann ich meine Bandmates ja sogar von oben sehen – vorausgesetzt der Wind treibt uns in die richtige Richtung.

„Ja, vor allem, weil ich ewig danach gegoogelt habe“, wirft sie mir über die Schulter hinweg zu. „Du hast ja keine Ahnung, durch wie viele Seiten ich mich klicken musste, bis ich endlich fündig geworden bin…“

Gegoogeltdurch wie viele Seiten klicken… hä?

„… heutzutage kannst du im Internet nicht vorsichtig genug sein.“

Internet? Hä? Wovon, zum Teufel, redet Eva da? Wir sprechen dieselbe Sprache und trotzdem kommt es mir vor, als würde sie chinesisch reden. Gut, dass sie hinten keine Augen hat und deshalb mein ratloses Gesicht nicht sehen kann; ein Ausdruck, der zu Fassungslosigkeit wechselt, als wir auf dem in der prallen Sonne Platz vor dem Hotel ankommen und Eva den Autoschlüssel zückt.

Tük-tük!

Wie von Zauberhand öffnen sich die Türen des giftgrünen Fords, dem ich mich gegenüber sehe, doch das Wunder der Technik lässt mich kalt. Noch kälter läuft es mir beim Anblick des mich höhnisch angrinsenden Kühlergrills den Rücken hinunter, und irgendwo in mir macht es klick. Jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Genau diesem Shelby bin ich nämlich schon mal begegnet – er war das letzte, das ich gestern Nacht gesehen habe, nachdem ich unseren Tourbus wie von der Tarantel gestochen verlassen habe, warum auch immer.

Und jetzt soll ich in dieses Höllenfahrzeug einsteigen? Mechanisch öffne ich die Beifahrertür und lasse mich in den Sitz fallen. Viel Zeit zum Durchatmen nach dieser Schrecksekunde bleibt mir leider nicht, denn da sind immer noch die beiden Tickets, die Eva mir reicht, bevor sie den Gang einlegt und losfährt. Ach ja, die Ballonfahrt, die uns dem Sonnenuntergang entgegentragen soll. Eigentlich wollte ich nur nochmal nachschauen, wo genau wir hinmüssen. Doch was ich auf den beiden Tickets schwarz auf weiß lesen muss, lässt höchstens Eva vor Freude abheben. Ich dagegen sacke lautlos neben ihr in mich zusammen. Oh ja, wir werden in die Luft gehen.

Aber nicht am 26. Dezember 1986. Sondern sechsunddreißig Jahre später. Bye bye, Australian-Made-Tour – auf Wiedersehen, Jungs… und willkommen in 2022.

Der titelgebende Song von 1993, mit möglicherweise triggernden weil verstörenden Bildern visuell umgesetzt. 30 Jahre liegen dazwischen – geändert hat sich eher nicht so viel.

Wenn man auf manche Geschenke lieber verzichten möchte: – https://www.youtube.com/watch?v=MXxOHYRFebA

Media Monday # 649: Der Totalausfall

Der Winter ist da. Hurra! Oder auch nicht, denn wegen plötzlichen, äußerst heftigen Schneefalls und zu erwartender chaotischer Straßen- und Schienenverhältnissen gab es bei mir letzten Montagabend nicht die hier, sondern den hier (und zwar am Samstag). Wem der Name Ray Wilson nichts sagt, dem kann ich eventuell mit diesem uralten Werbespot von Levi’s auf die Sprünge helfen…

Mist, jetzt habe ich einen Ohrwurm: https://www.youtube.com/watch?v=7d5A7hxHY70

Gesungen hat er zuerst bei Stiltskin, dann bei Genesis – und nun ist er unter eigenem Namen mit Begleitband auf Tournee. Geboten wurde bei dem Konzert einiges aus dem Repertoire von Genesis, sowie vereinzelt Songs von Peter Gabriel, Phil Collins und – im Zugabenteil – Material von Stiltskin, darunter auch den Song von eben. So, und nun zu dem adventlich angehauchten Media Monday:

Media Monday # 649

1. Von all dem Kitsch, der die Weihnachtszeit dominiert, haben es mir die Weihnachtseditionen eines bekannten Kosmetikherstellers angetan. Ja, ja, ich wollte mir eigentlich nichts mehr kaufen – doch bei Badekugeln in Form von Eisbären oder Weihnachtspuddings konnte ich dann doch nicht widerstehen. Außerdem habe ich so jetzt endlich den bisher fehlenden Anreiz geschaffen, das Badezimmer wieder in die Wohlfühloase zu verwandeln, die es einst war.

2. Wenn draußen die Temperaturen sinken und teils sogar Schnee sich bemerkbar macht, dann bietet sich ein relaxter Abend auf der Couch an wie letzten Montag, an dem ich angesichts der Massen, die vom Himmel fielen, nicht den Weg ins 33 Kilometer entfernte Aschaffenburg anzutreten – und dafür statt dessen meinem Adventskalender den letzten Schliff zu verleihen.

3. Am Adventskalender Türchen für Türchen zu öffnen, ist in der Vorweihnachtszeit ein Muss, denn schließlich hatte ich schon als Kind so einen – allerdings mit Schokolade. Was es aktuell so im Universum der Adventskalender gibt, geht ja auf keine Kuhhaut. Es gibt nichts, was es nicht gibt, und auch preislich scheint nach oben kein Limit zu existieren.

4. Von all den Geschenkideen zu Weihnachten hat mir die Aktion unserer Firma bisher am besten gefallen: Von einem Weihnachtsbaum dürfen wir uns einen der Wunschzetteln pflücken, die von Kindern geschrieben wurden – und diesen Wunsch sollen wir dann erfüllen. Ich habe mich für einen Teddybären entschieden – aber einen aus Plüsch, und nicht aus Seife.

5. Die Zeit der Weihnachtsfilme darf durfte dieses Jahr „Love actually“ eröffnen, denn auch wenn der ein oder andere Erzählstrang meinen Geschmack nicht trifft, schaue ich mir diese Kitsch-Offensive ab und zu doch wieder gerne mal an. So richtig puderzuckersüß (aber im positiven Sinn) darf es dann gerne demnächst mit „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ werden.

6. Kerzenlicht ist immer geeignet, mich in festliche Stimmung zu bringen, immerhin verbinde ich damit die Familienchristmette am Nachmittag, die wir in unserer Kindheit Jahr für Jahr besucht haben – ich sehe es wieder vor mir, als wäre es erst gestern gewesen: Die Kapelle war dunkel und wurde nur von unzähligen Kerzen erhellt – ein feierlicher Moment, wie ich ihn später nur selten erlebt habe.

7. Zuletzt habe ich den Nachmittag bei einer guten Freundin verbracht und das war mal was ganz anderes, weil wir keine Plätzchen, sondern frische Waffeln gesnackt haben. Probiert haben wir außerdem mit Chili gewürztes Lakritz, aber da reicht auch schon ein Stück.

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 3 *** Face the change

♪♫♪ Sleep, baby, sleep, now that the night is over. And the sun comes like a god into our room. All perfect light and promises. ♪♫♪ -INXS „New Sensation“-

Verdammt, ist das hell hier! Unbarmherzig brennen sich die Sonnenstrahlen durch meine geschlossenen Lider und hindern mich am Wiedereinschlafen. Meine Kehle ist ein Reibeisen und mein Mund so trocken wie die Nullarborwüste, durch die wir vor ein paar Jahren auf dem Weg zu unserem Gig mit einem klapprigen VW-Bus gegondelt sind. Dazu gesellt sich ein verdächtiges Pochen hinter den Schläfen. Oh Mann, wann hatte ich zuletzt so einen Kater? So beschissen wie nach der verheerenden Party, mit der wir unsere letzten Videodrehs in Prag gefeiert haben, wollte ich mich nie wieder fühlen. Nur war es da Winter, den du dir nur mit Wodka schöntrinken konntest – und nicht wie jetzt so eine Affenhitze.

Und genau das ist das Problem: Die wird bei der vor uns liegenden Tournee unser ständiger Begleiter sein. Darauf freue ich mich jetzt schon. Wie die Sau aufs Messer. Am liebsten würde ich unserem Manager ordentlich den Marsch blasen. Chris hat sie doch nicht mehr alle. Vier Wochen kreuz und quer durch Australien, zusammen mit anderen Bands – das hört sich erstmal nicht schlecht an. Vor allem, wenn die Kollegen, mit denen zusammen wir auf der Bühne stehen werden, schon lange keine Newcomer mehr sind.

Aber warum ausgerechnet in der heißesten Zeit des Jahres? So eine Schnapsidee!

Meine Knie werden sich freuen. Nicht.

Diese Spitzenidee ist übrigens genauso ein Schwachsinn wie der „geniale“ Einfall des Spaßvogels, der nachts den Vorhang in meiner Schlafkoje heimlich wieder zurückgezogen hat, um mir den Morgen zu ruinieren. Morgenstund hat Gold im Mund… als Maßnahme gegen den totalen Hangover? Ha ha! Aber ich kann mir schon denken, wer das war. Wenn ich den erwische, kann er sich warm anziehen.

Warm anziehen… okay, der kam flach. Aber das muss warten, jetzt brauche ich erstmal angenehmeres Licht, und nicht so eine Verhörlampe. Angenehmeres Licht? Das dachte ich aber auch bloß. Meine Hand greift nämlich ins Leere, als ich sie nach dem Vorhang ausstrecke. Statt dessen landet mein Arm auf der anderen Hälfte eines riesigen Doppelbettes. Vorsichtig taste ich mich durch zerwühlte Laken. Mit jedem Zentimeter, über den meine Finger wandern, steigt das ungute Gefühl in meinem Magen.

Laken? Doppelbett? Mit einem inzwischen ausgewachsenen Hämmern im Kopf, das durch das penetrante Rauschen im Hintergrund auch nicht besser wird, schiele ich auf den Radiowecker auf dem Tisch schräg gegenüber. Viertel vor elf – was zum… Schlagartig bin ich hellwach. Eigentlich sollte ich um diese Zeit in unserem Bus sitzen, und der wiederum schon lange von der Spirit of Tasmania runter und auf dem Weg nach Hobart sein, wo’s morgen Nachmittag losgeht. Ein Tag Vorlaufzeit, so hatte sich das Chris, unser Manager gedacht, damit wir alle Abläufe zusammen mit den anderen nochmal durchgehen können. Und jetzt das? Anstatt nach einer Überfahrt mit der Fähre komme ich nicht in unserem Tourbus, sondern in einem Hotelzimmer zu mir, das sonst wo sein könnte.

Was, zum Teufel, ist letzte Nacht passiert?

„Es lebt!“ höre ich da plötzlich jemanden laut und deutlich flöten, nachdem das Rauschen aufgehört hat.

Hat es denn nicht gereicht, dass ich anscheinend meinen Bus verpasst habe und irgendwo aufgewacht bin? Nö, zu allem Übel bin ich nicht alleine in diesem Zimmer. Wie konnte das nur passieren? Mir, der geschworen hat, dass er rechtzeitig Land gewinnt, damit aus einem One Night Stand keine Morning After Show wird – nachdem mich Beth vor zwei Jahren beinahe auf frischer Tat erwischt hätte?

Die Standpauke, die mir Andy nach diesem Erlebnis gehalten hat, war vom allerfeinsten gewesen und hat mich kuriert, auch wenn ich mich später dann doch immer mal ab und zu bei Nacht und Nebel aus dem Staub machen musste. Wenn einem was an Frau und Kindern zu Hause liegt, überlegt man sich halt doch zweimal, ob man alles wegen solchen Eskapaden aufs Spiel setzt. Zum Glück haben die Jungs dichtgehalten. Doch leider, leider…

„Hey, Schlafmütze. Und ich habe schon befürchtet, ich bekomme dich überhaupt nicht mehr wach.“

Ach du Scheiße. Anscheinend hat sich mal wieder mein innerer Schweinehund gegen mich durchgesetzt. Da spielt es keine Rolle, ob ich was geraucht habe oder ich mich von den Jungs habe mitreißen lassen. Es ist auch pupsegal, ob ich meinen Ehering anbehalte oder nicht. Unterwegs gibt es genügend Ladys, denen mein Familienstand am Allerwertesten vorbeigeht. Für die stellt so ein popeliger Ring keinen Hinderungsgrund, sondern das exakte Gegenteil dar. Und am Ende habe dann ich wegen so einem Anreiz die Arschkarte gezogen – eine Karte, die ich nie ziehen wollte und mit jeder Sekunde fetter wird.

„Ich nehme mal an, du möchtest nicht noch eine Runde im Pool drehen, bevor wir das Zimmer bezahlen und die Kurve kratzen?“

Die Kurve kratzen? Wir? Ich glaub, ich bin im falschen Film.

„Ich geh mal runter, Schätzelein, und schau mal, ob ich dir noch irgendwas vom Büfett organisieren kann…“

Inzwischen habe ich es tatsächlich geschafft, mich unter unverständlichem Grummeln auf die andere Seite zu drehen und die zu der Stimme gehörende Dame dabei zu beobachten, wie sie das Zimmer verlässt. Zugeben, ich habe zwar außer ihrer Rückenansicht nicht viel von ihr gesehen, dennoch scheint sie ganz attraktiv zu sein, wenn auch nicht mein Typ. Denn sonst hätte sich bei mir doch längst was geregt.

Ach du Scheiße, entfährt es mir zum zweiten Mal an diesem viel zu sonnigen Morgen, als ich die Decke von mir werfe, um entsetzt an mir herunter zu schauen und mich zur Kontrolle von oben nach unten abzutasten. Körbchengröße C – mindestens; und allem Anschein nach auch ein paar Pfunde zu viel. Als Ausgleich für die fehlende Morgenlatte? Äh…. Hilfe! Da ist das neonpinke Shirt in Übergröße, in dem dieser weiblich gerundete Körper steckt, noch mein geringstes Problem. Das kann doch nicht wahr sein. Und alles nur, weil ich gestern Abend ein paar Gramm zu viel geraucht habe. Kann es sein, dass vielleicht noch ein paar andere Substanzen mit im Spiel waren und ich jetzt eindeutig auf einem völlig falschen Trip bin?

Schlafmütze. Schätzelein. Eine Runde im Pool drehen. Mit einem Schwindelgefühl, das sich gewaschen hat, erhebe ich meinen Luxuskörper und schiebe mich durch das Zimmer, bis ich vor dem Garderobenspiegel zum Stehen komme. Der erstreckt sich vom Fußboden zur Zimmerdecke und enthüllt das volle Ausmaß von dem, was ich noch immer für einen schlechten Scherz halte. Wer mir da auch immer entgegen blinzelt, aber das kann doch unmöglich ich sein!

Nicht, wenn es sich um eine brünette Frau, schätzungsweise Mitte vierzig, mit rotlackierten Nägeln handelt, die gut einen Kopf kleiner ist als ich. Schockiert hat sie ihre Hände vors Gesicht geschlagen und die Augen vor Entsetzen aufgerissen. Tellergroß. Mindestens. Dank der abrupten Bewegung kann ich ihre Figur unter ihrem XL- oder XXL-Shirt gerade so erahnen – doch das Tüpfelchen auf dem I ist das Porträt unseres Sängers, das diesen geschmacklosen Fummel ziert.

Wir sind zwar Best Buddies und auf jeder Party das Duo Infernal, aber so weit, dass ich meinen Kumpel auf ‘nem Shirt durch die Gegend spazieren trage, würde ich doch nie gehen.

Und noch während ich fassungslos mein Spiegelbild bewundere, bei dem ich immer noch hoffe, dass es sich um eine optische Täuschung handelt, geht die Tür auf und ein rotblonder Lockenkopf im ungefähr demselben Alter kommt mit einem vollbeladenen Tablett herein.

„So, liebe Nicky, gib fein acht – ich hab uns etwas mitgebracht. Zur Feier des Tages“, säuselt sie in einem gekünstelten Singsang, der fröhlich klingen soll, sich aber in meinen Ohren einfach nur falsch anfühlt. „Happy Birthday!“

Torte, brennende Kerzen, zwei Gläser Champagner: Offenbar bin ich nicht mehr der Alte und zu allem Übel gefangen im Körper einer Frau, sondern feiere heute auch noch meinen Geburtstag. Meinen fünfzigsten Geburtstag.

Der Song von 1984 zum Kapitel. Bei Nichtgefallen einfach weiterblättern:

wenn man mit Veränderung klarkommen muss: https://www.youtube.com/watch?v=QgOdgfFeGRE

Mein singender, klingender Adventskalender – Türchen 2 *** Searching

Erst dieses er und dann reden sie mich auch noch mir „Mr. Farriss“ an. Ich höre ihre Worte, doch ich begreife nicht, was sie sagen. Selbst als die drei Weißkittel zur Tür raus sind, habe ich noch immer nicht verstanden, was hier gerade geschehen ist. Oder immer noch geschieht.

Statt dessen klammere ich mich immer noch an die Vorstellung, dass mir trotz aller Vorsichtsmaßnahmen doch irgendwo etwas in einen meiner Drinks gekippt wurde. Wie verzweifelt muss ich sein, dass ich mir aus reinem Selbstschutz einrede, unter schlimmen Halluzinationen zu leiden oder in einem bösen Traum feststecke? Nur damit ich nicht durchdrehe? Ja, ganz bestimmt ist das so. Gleich wird Eva reinkommen und mich aufwecken. Dann werde ich mich erheben und mit meiner besten Freundin frisch und fröhlich zur Tür hinaus spazieren. Danach dann ab in den nächsten Pub und ein Glas auf unsere Versöhnung trinken.

Doch nichts passiert und während ich warte, macht sich ein dringendes Bedürfnis bemerkbar. Ein Ziehen im Unterleib, und der Druck nimmt mit jeder Minute, die ich warte, unaufhaltsam zu. Wenn ich nicht bald etwas dagegen unternehme, bekommen wir ein Malheur. Houston, wir haben ein Problem? Ich könnte jetzt nach einer Schwester klingeln oder aber selbst aktiv werden. Da kann Dr. Flanders noch so sehr betonen, dass ich absolute Ruhe bräuchte – bevor ich es so weit kommen lasse und am Ende in der Tinte sitze, lege ich doch selber Hand an.

Also ziehe ich mich ächzend mit der linken Hand am Bettgalgen hoch und brauche dazu zwei Anläufe. Mindestens genauso lange dauert es, bis ich die Beine aus dem Bett geschwungen und am Fenstersims Halt gefunden habe. Von dort hangele ich mich an den Wänden entlang bis zur Tür, wo ein grauer Frotteemantel vom Haken baumelt. Wer den dort aufgehängt hat, muss gewusst haben, dass ich die Klinik frühestens am nächsten Morgen verlassen werde.

Plötzlich schwindet meine Zuversicht, dass jemand „Alles nur geträumt“ rufen wird. Im Gegenteil, mit einem Mal wird mir so richtig blümerant, und das liegt bestimmt nicht daran, dass die Wirkung des Narkosemittels nachlässt. Bitte, lieber Gott, lass dies alles bloß ein böser Traum sein, bete ich nicht zum ersten Mal still und leise vor mich hin. Als ob das helfen würde. Dabei weiß ich vermutlich längst, dass mit mir überhaupt nichts stimmt; dass ich nicht mehr dieselbe bin.

Ein kaum noch zu unterdrückender Drang lässt mich das Problem fürs erste beiseiteschieben. Mit letzter Kraft schleppe ich mich zur Kloschüssel, wo mir mit erschreckender Deutlichkeit klar wird, dass ich von nun an im Stehen pinkeln kann – doch der wahre Schrecken soll erst noch auf mich zukommen.

Das Ende ist nah: Mit diesem Satz wird in Endzeit-Thrillern die Apokalypse angekündigt – jetzt beherrscht er mein ganzes Denken und lässt mich innerlich zittern, bevor ich mich dazu durchringen kann, die Augen zu öffnen. Ob ich für den Blick in den Spiegel bereit bin, spielt keine Rolle, denn das, was mich erwartet, lässt sich doch ohnehin nicht mehr abwenden. Oder vielleicht doch? Ich atme ein letztes Mal tief durch und stelle mich dem Unvermeidlichen.

Das erste, was ich sehe, sind dunkelbraune Haare. Die Farbe stimmt schon mal, und auch der Nasenrücken weist die gleiche verräterische Röte auf, die man bekommt, wenn man zu lange der Sonne ausgesetzt war. So weit so gut. Vom Rest kann ich das jedoch leider nicht behaupten, denn anstatt der mir wohlbekannten Frau Anfang fünfzig mit frisch beim Friseur übertönten Haaransätzen blickt mir aus dem Spiegel ein Typ mit Zahnlücke entgegen. Und die Frisur erst… zuletzt habe ich so eine Vokuhila-Matte auf Bildern von Wolfgang Petry gesehen, bei Eva auf dem Smartphone. Komisch – dass dieser Haarschnitt am anderen Ende der Welt eines Tages wieder hip sein würde, muss mir irgendwie entgangen sein.

Vielleicht war ich aber auch zu sehr mit mir selbst beschäftigt, und am Ende hatte Eva womöglich sogar recht mit diesem Vorwurf, den sie mir zuletzt an den Kopf geknallt hat. Kurz bevor es im wahrsten Sinne des Wortes bei uns geknallt hat. Mich würde nicht wundern, wenn sie immer noch sauer wäre; was erklären würde, warum sie sich bisher noch nicht hat blicken lassen.

Aber was mache ich mir hier eigentlich vor. Das Gesicht im Spiegel kann wie der übrige Körper unmöglich zu mir gehören, und doch tut es das und kommt mir auf merkwürdige Weise bekannt vor. Viel zu bekannt – von alten Fotos. Wenn ich mich nicht irre, habe ich sogar noch das eine oder andere auf meinem Smartphone. Mein altes Galaxy – natürlich! Dass ich da nicht gleich drauf gekommen bin… Manchmal ist man aber auch wie vernagelt!

Mir mit der linken Hand vor die Stirn zu schlagen, war keine gute Idee. Tiefe Kratzer am Handrücken, die niemand verbunden hat und die blau angelaufene Schwellung über dem linken Auge lassen mich aufjaulen. Schmerz, lass nach! Aber wenigstens bin ich jetzt hellwach und gehe dichter ran an den Spiegel, um mein neues Ich genauer zu betrachten.

Nein, nein, nein – das kann nicht sein. Das da bin doch niemals ich – denn dann müsste der da doch mindestens zehn Jahre älter sein als ich und nicht gerade mal dreißig. Was zum… Entschlossener denn je, steuere ich den Schrank an, in dem sich meine Sachen befinden, wenn ich nicht komplett falsch liege. Gegen das Wäschefach gelehnt, wühle ich mich mehr schlecht als recht mit einer Hand durch herabhängende Kleidungsstücke, von denen ich immer noch glaube, dass sie mir gehören. Wie man sich doch irren kann.

Statt meines geliebten Outfits aus Parka und Röhrenjeans ertasten meine Finger Klamotten, die eher einem Mann von einem Meter siebenundsiebzig und durchschnittlicher Statur passen würden als einer Frau mit Kleidergröße 38/40. Auch mein so heiß ersehntes Smartphone fehlt. Dafür aber fällt mir beim Durchsuchen des Schranks ein Stück gestärktes Papier in die Finger, das sich beim Aufklappen als Führerschein entpuppt, ausgestellt von einer Behörde in Perth. Endlich! Ein Anhaltspunkt in Form eines offiziellen Dokuments. Doch das schaue ich mir besser im Sitzen an, da ich ahne, dass mir die Wahrheit im wahrsten Sinne die Füße wegreißen wird.

Mit zitternden Fingern öffne ich den zusammengefalteten Führerschein, und da steht es schwarz auf weiß. Inhaber der Lizenz Nr. 666-2712: Timothy William Farriss, geboren am 16. August 1957 in Perth, Western Australia.

Der titelgebende Song zu diesem Kapitel stammt von INXS (oder hat hier jemand nach diesem Auftakt etwas anderes erwartet?) – schließlich ist im Adventskalender von After Eight auch nur After Eight drin und nicht etwa Milka-Schokolade. Und wer sich an der Musik nicht erfreuen möchte, darf gerne an dieser Stelle das Türchen wieder schließen.

wenn man etwas sucht, das nicht (mehr) vorhanden ist – https://www.youtube.com/watch?v=VHsg7yOdhss