Wie auch schon gestern, ist seit 8 Uhr das heutige Türchen geöffnet – für später Hinzukommende habe ich hier noch einmal alle bereits geöffneten Türchen versammelt: Türchen 1 ~~~ Türchen 2 ~~~ Türchen 3
Kapitel 3 : Somebody that I used to know
♪ Mit fünfzehn hatte ich eine Idee, ich wollt‘ zum Theater, Mama sagte Nee, Man hätt‘ mich enterbt, doch wir hatten kein Geld, und ich folgte dem Ruf auf die Bretter der Welt: von nun an ging’s bergab. ♪ („Von nun an ging’s bergab“ – Hans Hammerschmid/Hildegard Knef)
Ein Wiedersehen, zwei Minuten und drei abgeräumte Tische später, und Andrea scheint mich immer noch nicht gesehen zu haben. Zu meinem Glück, wie mir nach den ersten Schrecksekunden klar wird. Denn ich wüßte nicht, wie ich reagieren sollte, wenn sie auf die Idee käme, mich anzusprechen.
Zögern und abwarten; hin- und hergerissen zwischen dem Drang, irgendetwas zu tun und der Angewohnheit, die Füße stillzuhalten, aus Angst, das Falsche zu tun; so wie an jenem Abend, als ich einfach nur dastand – unfähig, auch nur einen halbwegs klaren Gedanken zu fassen. Dieses Muster zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben.
Ob uns deshalb alles an jenem Abend um die Ohren geflogen ist und wir als Band an dem einen Punkt ankamen, an dem es kein Zurück mehr gab? Wie eine Schallplatte, bei der die Nadel wegen einem Kratzer oder einem winzigen Fussel in der Rille hängenbleibt und die gleiche Stelle wieder und wieder abspielt, spielt sich diese eine Szene vor mir ab.
Andrea, wie sie Hals über Kopf davon rennt und später in den Flieger zurück in die Heimat gesetzt wird… Mike, wie er explodiert und Ryan an die Kehle geht… Die Beamten, wie sie ihn abführen…
Mark, der seine Gitarre an den Nagel hängt, um an die Stelle seines verpeilten Bruders zu treten und sich um rechtlichen Beistand für unseren Sänger zu kümmern… Welche Ironie, dass der blöde Spruch, er sei der bessere Manager, sich in diesem Moment als wahr herausstellen würde…
Der Rest der Truppe, der später aussagen würde, dass sie von dem Beef zwischen den beiden nichts mitbekommen hätten, dafür aber das vorangegangene Eifersuchtsdrama sehr wohl…
Und nicht zuletzt Ryan und seine Schmierenkomödie vor Gericht…
Aus dem Strafgesetzbuch §266: „Einfache Körperverletzung kann zu einer Freiheitsstrafe von bis zu 5 Jahren führen, oder zu einer Geldstrafe, oder beidem.
Von wegen Manchen Leuten kannst du echt alles erzählen und wenn du nur überzeugend genug auftrittst, glauben sie dir alles… Mike konnte von Glück sagen, dass der Richter nicht auf das Theater des „armen, bedauernswerten Opfers“ hereinfiel. Sonst hätte ihn ein Lebenslänglich wegen Totschlags erwartet und nicht „nur“ drei Jahre im „Wilki“ auf Vancouver Island, mit anschließender Anti-Aggressions-Therapie.
Und Ryan? Der war jetzt nicht mehr bloß jemand, den wir mal gekannt haben oder mit dem wir für immer fertig waren. Nein, gestorben war er für uns – und mit ihm unsere Zukunft als Band.
Unter diesen Umständen konnte es zusammen nicht weitergehen. Aber das konnte Mark keinesfalls Andrea auf die Nase binden. Die hatte so oder so genug mit sich zu tun.
Vom Wilki ins Hotel Mama“? In dem Punkt tuten alle aus meiner Familie ins gleiche Horn, auch Tante Sylvia. Aber was blieb Mike auch anderes übrig, nachdem sein Dad ihm schon vor dem Vorfall an der verspäteten Halloweenparty den Geldhahn zugedreht hatte und er selbst keine nennenswerte Karriere vorweisen kann. Aber jemanden zu überzeugen versuchen, der anscheinend nach dem Motto „Verwirren Sie mich nicht mit Tatsachen, meine Meinung steht fest“ lebt?
Nahezu aussichtslos. Aber genau das bin ich meinem besten Freund schuldig.
Hotel Mama wäre nämlich die falsche Bezeichnung; denn faulenzen und sich von Mama bedienen lassen – der Eindruck drängt sich schnell und zu Unrecht auf. Dabei ist es ganz anders. Auch wenn ich mich wiederhole, aber wo sollte Mike auch hin? Vorbestraft und ohne Ausbildung oder Diplom? Viel Glück bei der Job- oder Wohnungssuche.
Und genau diese Schwäche machte sich Trevor Mitchell zunutze. Nicht ein einziges Mal hat er Mike im Gefängnis besucht, ließ dafür aber keine Gelegenheit verstreichen, dem „missratenen Sohn“ aufs Brot zu schmieren, was er von ihm hielt. Nämlich nichts.
Wenn er sich damit nicht verrechnet hatte, denn wenn es um ihren Jüngsten geht, versteht Mikes Mutter keinen Spaß. Auch nicht bei Trevor, ihrem Ex, mit dem sie sich gerade erst wieder versöhnt hatte. Sohn oder Partner? Vor diese Wahl gestellt, gab es für sie kein Zögern, auf wessen Seite sie sich schlagen würde, und in diesem Fall war Mike der Glückliche.
Obwohl… glücklich? Vielleicht was das angeht. Einen Job und ein Dach überm Kopf bei dem Teil der Familie, der bedingungslos zu dir hält, ist nicht gerade das schlechteste Los, das du ziehen kannst. Aber glücklich in jedem anderen Zusammenhang? Wenn die Frau, die für dich die Welt bedeutet hat, plötzlich über alle Berge und unerreichbar ist? Wohl kaum.
Ich hatte keine Ahnung, wo sie war. Damit saß ich im gleichen Boot wie die anderen. Der einzige, der mehr zu wissen schien, war Mark. Doch mehr, als dass Andrea wegen der Unfähigkeit seines Bruders plötzlich kein gültiges Visum mehr hatte und sich deshalb schon längst wieder auf dem Weg nach Frankfurt befand, war aus ihm nicht herauszubekommen. Kein gültiges Visum? Als ich hörte, mit welcher „Meisterleistung“ Brian als Manager geglänzt hatte, hätte ich ihn am liebsten auf den Mond geschossen. Aber ohne Rückfahrkarte. So wie Andrea, die nach dieser Aktion auch keine mehr hatte. Sie suchen?
Hätte ich mal versuchen sollen, dann wäre alles vielleicht anders gekommen. Aber statt dessen habe ich beschlossen, mein Leben neu zu ordnen.
Fortsetzung folgt im Türchen Nr. 5


