Adventskalender 2025 ~‡~ Türchen 8

Bei dem hierkann es sich ja wohl nur um einen Scherz handeln. Ein Scherz, der nicht nur auf das Konto meines Verlags geht. Da stehe ich nun, in der eisig-feuchten, mich hinterrücks von achtern anspringenden Brise und kann es nicht glauben. So wenig, dass ich mich erst kneifen muss, um zu begreifen, dass ich mich nicht in einem Traum befinde, sondern auf dem harten Boden der Tatsachen. Nein, Bodo hat das anscheinend wirklich ernst gemeint, nachdem ihm Anker-Verlag und Vier Jahreszeiten  ständig damit in den Ohren gelegen haben, doch umgehend eine Lösung zu finden, und das am besten noch vorgestern. Meinem Anwalt mit seinem ausgeprägten Sinn für besonders trockenen Humor würden Späße dieser Art womöglich noch am ehesten einfallen, aber seien wir doch mal ehrlich: So viele Clowns kann niemand frühstücken, um das Maß an Frust und Enttäuschung, das sich seit Hamburg in mir angestaut hat, aufzuwiegen.

Nur zu gerne möchte ich die sehen, die beim Aussteigen nach stundenlanger Fahrt im „Küstentaxi“ über mit Schlaglöchern garnierte Buckelpisten vor Freude in die Luft springen. Vor allem, wenn sie in diesem Augenblick erkennen müssen, was die Alternative zum gewohnten Sternehotel an der Alster mit fernöstlich inspiriertem Wellnessbereich sein soll. Eine halbfertige Bruchbude mit zur Hälfte ausgetauschten Fenstern, von denen sich der andere Teil im Garten stapelt? Aufgestellte Schilder „Vorsicht! Dachlawinen!“, als Warnung für die heruntergefallenen und auf dem vereisten Rasen zerbrochenen Dachpfannen?

Die Krönung ist jedoch das auf mich wartende Boot, das mich zu meinem neuen Domizil für die nächsten Wochen bringen soll. Sein heftiges Schaukeln trägt nicht gerade dazu bei, dass mein Unwohlsein, das sich im Küstentaxi mit jedem Kilometer aufgebaut hat, wieder zurückgeht. Daran kann auch der Anblick des Leuchtturms, zu dem der letzte Teil meiner Reise gehen soll, nichts ändern. Im Gegenteil.

Mit seiner kalkweißen Fassade ragt er aus der aufgewühlten See heraus wie der einzelne Stoßzahn eines Walrosses und hebt sich fast schon bedrohlich gegen den ins Bräunliche verblassenden Abendhimmel ab. Wohnen im Leuchtturm? Wo meine Leser den Inbegriff von Nordseeromantik sehen, während ihre Herzen dabei höher schlagen, sehe ich vor allem eines: mich seekrank werden, das Boot unterwegs kentern oder schlimmeres… Mann über Bord und abgeschnitten von der Welt? Manche, die auf Kreuzfahrten ins Meer gestürzt sind, wurden anschließend nie wiedergefunden. Ein Horrorszenario.

Und selbst wenn alles gut ginge und ich heil dort drüben ankäme, würde ich mich fühlen wie ein Einsiedler, der weltentrückt in der Einöde lebt – umgeben von Wasser, auch wenn nur für kurze Zeit, und so abgelegen wie die Leuchtfeuer von Gondor. Nur mit dem Unterschied, dass das Leuchtfeuer von Åkesum, wie ich im Taxi kurz vor der Ankunft aufgeschnappt habe, in seiner ursprünglichen Funktion schon seit Jahren nicht mehr betrieben wird.

Åkesum also. Wie ungewöhnlich. Warum habe ich noch nie davon gehört? Am liebsten würde ich auf der Stelle danach googeln, aber die Netzqulität kann man hier komplett vergessen. Diese Tatsache hatten wohl weder mein Lektor noch die Verlagsleitung auf dem Schirm, als sie mir dieses Eiland als Rettung anpriesen, nachdem es stundenlang nicht vorwärts ging und wir im Büro des Hoteldirektors sprichwörtlich in der Flaute vor uns hin dümpelten.

Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert, heißt es. Manchmal aber auch mit dummen Ideen, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht. Denn eines ist mir auf diesem Bootssteg wie Schuppen von den Augen gefallen: Wie soll ich ohne Netz recherchieren, geschweige denn ein brauchbares Manuskript für den Nachfolger von Mordkomplott Hafenkante verfassen? Mit Papier und Federkiel etwa? An dieser Stelle würde der Vergleich mit Gondor zwar wieder passen, aber damit war es das dann auch schon. Im Gegensatz zu Tolkien, der ganze Welten erschaffen hat, bin ich nämlich kein Genie. Auch die Größe von George R.R. Martin fehlt mir, obwohl alles darauf hindeutet, dass mein Schiff einen ähnlichen Kurs wie seines ansteuert. Um an dieser Stelle Udo Jürgens zu zitieren: „Volle Kraft voraus auf das nächstbeste Riff“. Nur dass es bei mir eine undichte Stelle war, die dazu führte, dass ich im Vier Jahreszeiten unmöglich länger verweilen konnte. Und sei es auch nur für eine Stunde. Skandierende Fans auf dem Gehweg? Die Tarnung aufgeflogen? So ein Schiet. Die eilig einberufene Krisensitzung machte die Situation nicht besser.

Ja, dann schickt mich doch gleich nach Amerika. Da kennt mich wenigstens keiner. Oder warum nicht gleich nach Sibirien?

Die Stille, die sich nach meinen sarkastisch gemeinten und aus Verzweiflung gesprochenen Worten im gesamten Raum ausbreitete, habe ich noch jetzt im Ohr. So als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte, und darum schlug der nächste Satz umso wuchtiger ein.

„Ja, warum eigentlich nicht?“

Wie bitte? Ich hatte mich wohl verhört. Aber das Gesicht, das Bodo dabei aufsetzte, ließ mich Böses ahnen.

„Keine Angst“, lenkte er ein, als er sah, wie ich reagierte, „es ist zwar genauso kalt und ungemütlich dort, aber längst nicht so weit weg, wie du denkst. Aber immer noch weit genug weg, damit du deine Ruhe hast und nicht gestört wirst.“

Die passende Steilvorlage für das Vier Jahreszeiten, deren Direktor die gewünschte Antwort aus dem Hut zauberte: „Exzellent. Wir hätten da was für Sie.“

Ach ja? Wie sich herausstellte, hatten sie gerade erst ein „neues Haus“ für ihre Kette erworben: das Spökenkieker. In Butjadingen. Butja was?

Damit du nicht gestört wirst…

Oder damit die anderen nicht gestört werden?

Die anderen… Aha. Als ob sich im Februar auch nur irgendjemand hierher verirren würde. Im tiefsten Winter! Höchstens vielleicht ein paar Nasen aus der Künstlerkolonie nebenan. Obwohl ich mir auch gut vorstellen kann, dass der zusammengewürfelte Haufen von Holzhäuschen hinter der nächsten Kurve am Deich zur Zeit leersteht.

Ich soll schon bald herausfinden, was alles an dieser übereilt getroffenen Annahme nicht stimmt.

Wie jeden Morgen hier, ist seit 8 Uhr das aktuelle Türchen geöffnet – für später Hinzukommende habe ich hier noch einmal alle bereits geöffneten Türchen versammelt: Türchen 1 ~~~ Türchen 2 ~~~ Türchen 3 ~~~ Türchen 4 ~~~ Türchen 5 ~~~ Türchen 6 ~~~ Türchen 7.

Media Monday # 754 : und so öffnen wir das nächste Türchen…

… und zwar das 754. Türchen unseres Adventskalenders – nein, falsch: Das siebte Türchen, aber heute, am 2. Advent „feiern“ wir, dass sich zum 754. Mal um 18 Uhr die sieben Lückentexte des „Media Monday“ zeigen.

1. Ich hätte ja kaum für möglich gehalten, dass ich dieses Jahr nur einen Adventskalender mit Türchen habe; es ist einer mit Schokoladenfigürchen und aufgedruckten bunten Bildchen. Schööööön.


2. Die fotografierende Lehrerin, auch bekannt als Pfützenjägerin, begeistert mich mit ihrer/seiner ihrem Adventskalender, der jeden Tag einen anderen isländischen Wasserfall zeigt, wie zum Beispiel hier.


3. Es ist wirklich eine Wohltat, zu sehen, dass nicht jede x-te Fortsetzung von einem erfolgreichen Film überflüssig sein muss. Ich freue mich zum Beispiel jetzt schon auf „Toy Story 5“. Da ich Teil 3 und 4 nicht gesehen habe, könnte es hinhauen.


4. Mein Deutschlandticket hat den Vorteil, dass ich mich einfach in einen Zug setzen und spontan irgendwo hin fahren kann, wie zum Beispiel zuletzt nach Mannheim. Die Expressionisten-Ausstellung in der Kunsthalle, direkt gegenüber dem Weihnachtsmarkt am Wasserturm war für mich jedenfalls ein schöneres Erlebnis als der Besuch der Marc-Aurel-Ausstellung in Trier.


5. Es wäre durchaus charmant, wenn es hier bei uns genauso gutes Hefegebäck gäbe wie in Mannheim, denn das hat sensationell geschmeckt und war am nächsten Tag noch frisch.


6. Werbung für einen True-Crime-Podcast über den Kannibalen von Rotenburg angezeigt zu bekommen, ist nun wirklich nicht das, womit ich am 2. Advent gerechnet hätte. Damit, den Song „Never tear us apart“ in einem Trailer für einen Film im kommenden Jahr zu sehen, aber auch nicht.


7. Zuletzt habe ich mir mal wieder die Weihnachtsepisode von „Radio Stenkelfeld“ angehört und das war trotz x-tem Anhörens immer noch gut, weil hier der Vorweihnachtswahnsinn so richtig schön auf die Spitze getrieben wird und im Absurden eskaliert

an einem schönen Dezembermorgen *** https://youtu.be/hgT43hx1QGY