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Frohes neues Jahr allerseits. Nach dieser Begrüßung könnte ich direkt zu einem filmischen Jahresrückblick aufbrechen, aber ich sehe gerade, dass es dieses Thema bei Passion-of-Arts letztes Jahr in ähnlicher Form bereits gab. Nur ging es da um Filme der ersten Hälfte von 2025. Für mich hieße das, ich könnte nun für meine Top-Five-Liste auf die zweite Jahreshälfte zurückgreifen. Ja, könnte – gäbe es da nicht ein kleines Problem… Aber ich zitiere zunächst:
„ Hierbei blicken wir zurück auf das Film- und Kinojahr 2025 und picken für euch unsere Favoriten heraus. Bleibt gespannt, denn das hier wird ein spannender Artikel werden, da unsere Favoriten sich nicht alle überschneiden und manche eben schon. Vielleicht findet die eine oder andere Person noch einen Hidden Gems aus dieser Liste und auch wir können durch eure Favoriten unsere Watchlisten noch ergänzen.“
Und nun zu meinem Problem: Ich habe in der zweiten Jahreshälfte nicht genügend Filme gesehen, als dass es für eine Top Five reichen würde, dafür aber für das Thema der nächsten Woche (Geheimtips). Nachdem ich also all jene Filme herausgefiltert habe, die von mir schon im Juli des letzten Jahres gewürdigt wurden, sind folgende fünf Filme für die aktuelle und erste Ausgabe der „5 Besten am Donnerstag“ auf dem Blog von Passion-of-arts übrig geblieben.
Das tiefste Blau (O último azul * Brasilien/Mexiko/Chile/Niederlande, 2025) : dystopisches Roadmovie mit einer beklemmenden Botschaft (alte Menschen werden in eine Seniorenkolonie umgesiedelt, damit „junge Menschen ungestört ihre Produktivität steigern können“) – wobei ich mich frage, was in so einer Kolonie tatsächlich passiert. Die allgegenwärtige Botschaft „o futuro é para todos“ (Die Zukunft ist für alle da) verschwindet jedoch auch nach dem Abtauchen Terezas niemals ganz und lässt mich gerade gegen Ende nochmals heftig erschauern.
Wie beim Hundefänger *** Quelle: https://www.tip-berlin.de/wp-content/uploads/2025/02/202510635-5-scaled.jpg
Downton Abbey: Das große Finale (Downton Abbey: The Grand Finale * Großbritannien/USA, 2025): Kommen wir nun dem Film, auf dem ich am meisten hingefiebert hatte. Aber war es das Warten auch tatsächlich wert? Zumal die Besetzung ohne die großartige Maggie Smith (Dame Margaret Natalie Smith) auskommen muss, da diese 2024 gestorben ist. Nun aber zu „Downton Abbey“, das nach sechs Staffeln und zwei Kinofilmen (2019 und 2022) nun tatsächlich 1930 endet. Eine Scheidung im Hause Crawley, und dann noch von der Ehefrau initiiert? Einfach skandalös! Wie soll Lady Mary denn da dem altehrwürdigen Hause vorstehen, wenn sie sich in den höheren Kreisen nicht mehr blicken lassen kann? Hinzu kommen noch ein windiger Finanzberater, der sich in Erpressung versucht, Pferderennen in Ascot (mit den tollsten Hüten) und viel Zeitkolorit inclusive beeindruckender Garderobe – und natürlich die altbekannte Dienerschaft, von der einige ihrem Wechsel ins Rentnerdasein entgegensehen… An dieser Stelle breche ich lieber ab und gebe übergebe an Lady Mary und Edith, die sich im Foyer über die Schulter hinweg austauschen: „Lang lebe Downton Abbey“ – „Amen, sage ich“.
Das Mädchen mit dem roten Kopftuch („Selvi Boylum Al Yazmalım“ * Türkei, 1977): Jemand im Publikum bei dieser Sondervorführung des türkischen Spielfilms (Original mit deutschen Untertiteln) ließ die Bemerkung fallen, das Liebesdrama wäre ein wenig schnulzig. Aber weil ich mich vorab nicht mit Bewertungen näher beschäftige, sondern lieber erst mal herausfinde, ob mich die Handlung vom Hocker reißt, bin ich geblieben anstatt den spärlich besetzten Saal unauffällig zu verlassen. Die englische Wikipedia-Seite war das einzige, was ich mir vorab anschaute und fühlte mich genügend informiert. Das 95-Minuten-Drama nun also in Kurzfassung:
Als Asya mit einer Kanne Milch auf den weiten Fußmarsch zum Markt geschickt wird, begegnet sie dem LKW-Fahrer İlyas – eine Liebe auf den ersten Blick und so dauert es nicht lange, bis sich die beiden in einer religiösen Zeremonie vermählen. Als dann der gemeinsame Sohn Samet zur Welt kommt, könnte das Glück nicht größer sein, doch als Asya sich bei dem Chef für ihren Mann einsetzt, der plötzlich einer anderen Tätigkeit im Betrieb nachgehen soll, rastet İlyas aus: Es knallt wortwörtlich und um das Maß vollzumachen, wendet er sich seiner langjährigen Affäre Dilek zu. Heute würde man dazu Freundschaft plus sagen, aber den Begriff kannte man in den 1970er Jahren noch nicht.
Was man anscheinend damals aber gut beherrschte, war der Kunstgriff des sogenannten Voice-Overs, der über eine Szene gelegten Stimme aus dem Off, die das ausspricht, was die betreffende Person in diesem Moment denkt. Und das zwar hilfreich und wirkt an manchen Stellen auf mich ein wenig befremdlich, aber ist notwendig, um den inneren Konflikt widerzuspiegeln – besonders dann, wenn die vom „Ehemann“ verlassene Asya mit ihrem Baby auf dem Rücken die Brücken hinter sich abbricht und dem Dorf den Rücken kehrt, ohne zu wissen wohin. Dass ich den Ehemann in Gänsefüßchen gesetzt habe, hat seinen Grund, auf den ich gleich komme.
Asya findet tatsächlich eine Mitfahrgelegenheit und wird von Cemşit, einem Angestellten der Straßenmeisterei, der bei einem Erdbeben seine Frau und Kinder verloren hat, aus Mitgefühl aufgenommen. „Liebe ist Freundschaft, Liebe ist Güte“… so in etwa entwickelt sich die Beziehung der beiden über längere Zeit hinweg, bis sie dann irgendwann standesamtlich heiraten. Bigamie? Nein, so ist das nicht – denn die erste „Ehe“ gilt vor dem Gesetz anscheinend als nicht geschlossen, und nun könnte tatsächlich so etwas wie Ruhe und Frieden einkehren, wäre da nicht İlyas, der plötzlich auf der Bildfläche auftaucht und Asya zurückgewinnen möchte, schon allein wegen Samet. Doch das Kind sieht inzwischen Cemşit als seinen Vater an. Da ist nun guter Rat teuer. Nein, ich verrate nicht, für wen Ayse sich am Ende entscheidet – außer dass ich vermutlich genauso gehandelt hätte wie sie.
Memoiren einer Schnecke (Memoir of a snail * Australien, 2024): Nach dem Tod ihres Vaters, werden die Zwillinge Grace und Gilbert voneinander getrennt und landen bei Pflegefamilien, an unterschiedlichen Enden Australiens. Grace bei einem nudistisch veranlagten Paar, das immer mehr seine eigenen Wege geht – Gilbert bei bigotten Sektierern, die Hölle und Verdammnis predigen. Grace, die sich wortwörtlich immer mehr in ihr Schneckenhaus zurückzieht, lernt die skurrile Pinky kennen, die auf ein bewegtes, langes Leben zurückblicken kann. Mit der Zeit wird Pinky nicht nur ihre beste Freundin, sondern auch eine Art Ersatzmutter für sie. Doch dann stirbt Pinky. Erneut sieht Grace ihr Leben erneut auf den Kopf gestellt, und frei nach Søren Kierkegaards „Life can only be understood backwards, but it must be lived forwards“ begreift sie, dass sie loslassen und Veränderung zulassen muss.
Noise (노이즈 * Südkorea, 2024): Mein Favorit bei einem der vergangenen Veranstaltungen unter dem Titel Fantasy Filmfest. Zitat aus dem Programmheft: „Diese klassische Spukgeschichte vereint die Qualitäten des asiatischen Genrekinos, lässt aber den Horror diesmal zum Großteil über die Tonspur auf das Publikum los?“ Mehr als diesen kurzen Hinweis brauchte es nicht, um mein Interesse für die 93 Minuten lange Mischung aus Grusel und Thriller zu wecken.
Wohnblocks, in denen etwas nicht stimmt und in denen in einem Teil der Appartements nervtötende Geräusche die Bewohner in den Wahnsinn treiben, war nur ein Aspekt der südkoreanischen Produktion von 2024 in Originalsprache mit englischen Untertiteln. Die Handlung hatte es ebenfalls in sich.
Als Ju-Hee spurlos verschwindet, quartiert sich ihre hörgeschädigte Schwester in deren Wohnung ein, um Nachforschungen anzustellen. Doch weder die Nachbarn noch die Hausverwaltung erweisen sich als auskunftsfreudig. Als ein einschüchternder Nachbar durch einen Sturz vom Balkon ums Leben kommt und sich herausstellt, dass Ju-Hee auf keiner Kamera zu sehen ist, versteigt sich ihre Schwester immer mehr in den Gedanken, sie hätte das Gebäude nie verlassen. Und dann ist da noch ein seit Jahren mit einer massiven Kette abgeriegelter Bereich, den niemand betreten darf…
Hinterher wusste ich, warum der Film so eine starke Wirkung – ähnlich wie bei „The Zone of Interest“ – auf mich hatte: Bei mir wirken schon Videos mit ASMR-Inhalt triggernd.
Was ich euch ebenfalls nicht vorenthalten wollte:
Für immer hier (Brasilien/Frankreich, 2024): Film über das Schicksal Rubens Paivas, der zu den Zehntausenden „Desaparecidos“ (spanisch für „die Verschwundenen“) zählt, die unter der damaligen Militärregierung Brasiliens verhaftet, gefoltert und ermordet wurden und bis heute spurlos verschwunden geblieben sind. ~~~ Noch eine Art Biopic: Kneecap (Irland, 2024). Über die gleichnamige nordirische Hip-Hop-Gruppe kann man geteilter Meinung sein. Aber die Musik (Hip Hop/Rap in gälischer Sprache) fand ich mitreißend und genauso faszinierend wie den Versuch, das Gälische nicht aussterben zu lassen. ~~~ Ein ganz anderes Kaliber ist Heldin (Schweiz/Deutschland, 2025). Hier kommen die Pflegekräfte eines Baseler Krankenhauses dank Personalmangels in der Nachtschicht an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. ~~~ Ebenso ungeschönt bzw. ungeschminkt kann man Pamela Anderson in The last showgirl (USA, 2024) bewundern, die hier eine 60jährige Tänzerin spielt und damit zurechtkommen muss, dass ihre seit über 30 Jahren laufende Show von heute auf morgen abgesetzt wird. ~~~ Ein wenig anders sieht die Lage für die Bankerin Lesego in Sabbatical (Südafrika, 2025) aus, denn sie muss untertauchen, weil die Finanzaufsicht hinter ihr her ist und sieht sich gezwungen, sich bei ihrer Mutter einzuquartieren.

