Ist das Zufall? An dieser Stelle schicke ich schon mal eines vorweg: Dieser Beitrag wird lang. Sehr lang sogar. Also: Vor ein paar Jahren gab es bei uns im Deutschen Ledermuseum die gutbesuchte Filmreihe „Kino kulinarisch“, bei der zu dem jeweiligen Film auch die passenden Speisen und Getränke angeboten wurden. Eintrittskarten dazu habe ich nie ergattern können. Doch jetzt, am 4. Dezember gibt mir das aktuelle Thema auf dem Blog von Passion-of-Arts dazu die Gelegenheit. Ich zitiere:
„Am Anfang des Monats wird es kulinarisch! Die Adventszeit ist irgendwie so die Zeit des vielen Essens (…) Martin entführt euch also in die Welt der kulinarischen Ergüsse und zwar im Film! Hier ist alles gefragt, was zum Thema passt.“
Alles, was zum Thema passt? Also auch Fernsehfilme? Packe ich doch einfach den auch noch mit rein – ihr werdet schon erkennen, um wen es sich handelt… Die Reihenfolge hat sich diesmal von mir nach dem Wohlfühlfaktor ergeben, also beginnend mit Herzerwärmendem und für die ganze Familie geeignet und aufhörend da, wo unangenehm wird oder aber richtig weh tut.
Immer dieser Michel – Michel in der Suppenschüssel *** Schweden *** Regie: Olle Hellbom *** 1971 *** FSK 6
Weihnachten und Essen… Wo die ARD und ihre vielen Regionalsender Groß und Klein alle Jahre wieder mit dem Aschenbrödel und ihren drei Haselnüssen vor die Fernsehbildschirme lockt, gönnt uns das ZDF passend zum Fest einen Filmklassiker für die ganze Familie zum Wohlfühlen. Von allen Astrid-Lindgren-Verfilmungen waren mir die „Michel“-Filme die liebsten, und schon in dem ersten der drei Filme zeigt sich, dass der kleine Kerl nicht nur jede Menge Schabernack treibt, sondern vor allem eines hat: ein gutes Herz.
Das zeigt sich, indem er ein Fest für die Bewohner des Armenhaus gibt, nachdem die böse Aufseherin, die Kommandora, die für die alten Leute bestimmten Geschenke an sich gerafft hat und selbst vertilgt, während der Rest darben muss. Doch kaum ist die Kommandora aus dem Haus, schnappt sich Michel kurzerhand Knecht und Schlitten und holt die betagten, ausgehungerten Leutchen zu sich nach Hause, die dann auch ordentlich zulangen. Und zwar so gut, dass nach dem exzessiven Genuss nicht mehr viel für die Verwandten aus Ingertorp übrig bleibt, die am nächsten Tag auf der Matte stehen.
In die Grube fällt dagegen die Kommandora, als sie in ihrer Gier mit vollem Magen nach einem einzelnen Würstchen greift und prompt in der von Michel und Alfred ausgehobenen Grube landet und sich Michel schon freut, einen besonders garstigen Werwolf gefangen zu haben.
Abschließendes Fazit zu meinem absoluten Favoriten, bei dem die gute Tat im Vordergrund steht: Ein echter Seelenwärmer, so labend und nahrhaft wie ein guter Gemüse-Eintopf oder eine Schüssel voll mit Fleischbrühe.
Chocolat – ein kleiner Biss genügt * Großbritannien/USA * Regie: Lasse Hallström * 2000 *** FSK 6
Moment mal: Ein in einer französischen Kleinstadt spielender Film, entstanden unter der Regie eines Schweden und besetzt mit einer bunt gemischten Riege aus Frankreich, Großbritannien, Schweden und Irland sowie Johnny Depp? Das klingt ja schon wild. Noch wilder wird es, wenn man sieht, wie in dem verschlafenen Lansquenet-sous-Tannes am Anfang der Fastenzeit eine Chocolaterie eröffnet wird und der Bürgermeister (Alfred Molina), einen Feldzug gegen die Unmoral beginnt – nur um am Ende selber der Versuchung des köstlichen Warenangebots zu erliegen und selbst mitzuerleben, wie nicht nur seine Stadt, sondern auch vor allem er selbst sich verändert. Alte Strukturen brechen auseinander, verhärtete Fronten weichen auf, und das Leben könnte sich für alle zum Besseren wenden, wäre nicht da der Eine im Ort, der zu Maßnahmen greift, die für alle zur Bedrohung werden.
Wenn Wärme und Herzlichkeit die Kälte und ‚Tranquilité‘ verdrängen *** https://youtu.be/6xQwmWDIeF0
Persönliches Qualitätsurteil über eine Geschichte, die das Zusammenkommen, Überwinden von selbstgeschaffenen Grenzen und das Hinterfragen von überkommenen Traditionen thematisiert: Belebend wie eine herbe, kräftige und mit Chili verfeinerte heiße Schokolade
The Menu * USA * Regie: Mark Mylod * 2022 *** FSK 16
Jeder kann kochen? Nicht, wenn die Liebe dabei fehlt… Der Sprung in der Altersfreigabe von 6 auf 16 deutet an, dass es unangenehm werden könnte. Und zwar für alle, die dem Ruf des Spitzengastronomen (Ralph Fiennes) gefolgt sind, um in dessen Gourmet-Tempel auf einer abgeschiedenen Insel ein exklusives Mahl genießen zu dürfen. Diese beäugen kritischer die nicht auf der Gästeliste stehenden Escort-Dame Margot (Anya Taylor-Joy) – die wiederum ist nicht gerade angetan von dem sündhaft teuren „Degustationsmenü“ im vierstelligen Preisbereich, das sich im Lauf des Abends als tödliche Falle entpuppen soll, aus der ein Entkommen nahezu unmöglich scheint.
Für mich schwangen dabei im Hintergrund Erinnerungen an zwei völlig unterschiedliche Filmerlebnisse mit: Zum einen „Ratatouille“, als sich der Maître an seine Anfänge erinnert und daran, wie glücklich ihn das Braten von Burgern gemacht hat. Und zum andern an eine Melange aus dem Horrorfilm „Theater des Grauens“ (in dem ein verkanntes Schauspielgenie Rache an seinen Kritikern nimmt) und Agatha Christies mehrfach verfilmtem Roman „Und dann gab’s keines mehr“, in dem ein Unbekannter zehn Personen auf eine einsame Insel einlädt, wo diese dann eine/r nach dem/der anderen nach Motiven aus einem Kinderlied aus dem Leben scheidet.
Nur dass es hier kein Unbekannter ist und es mehrere von seinen Auserwählten auf einen Schlag erwischt.
Beim Burger hört für sie der Spaß auf *** https://youtu.be/Pls7lt9Fz-E
Meine persönliche Fußnote nach diesem Erlebnis zum Thema „die einfachsten Genüsse sind die besten, vor allem wenn sie mit Liebe gemacht sind und das Kochen nicht zur Selbstinszenierung um des Kochens willen hochstilisiert wird“: Nach dem Kinobesuch führte mich mein Weg als erstes in eine Burgerbraterei.
Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber *** Frankreich/Niederlande/Großbritannien *** Regie: Peter Greenaway *** 1989 *** FSK 18
Ein Film, bei dem noch während der Vorstellung etliche aus dem Publikum den Saal verließen – das muss ja ein übler Schocker gewesen sein! Oder ein Splatter… oder auch nur ein Arthouse-Film, der mit besonders ekligen Szenen oder einer nicht minder würgereizauslösenden Grundidee aufwartet? Nein, das Tabuthema verrate ich hier nicht.
Nicht jeder selbsternannte Feinschmecker hat auch Ahnung von gutem Essen. Damit haben wir schon einmal eine Ähnlichkeit zu „The Menu“ – hier ist es aber nicht der Maître oder ein Großteil seiner versnobten Gäste, sondern der Dieb, ein sadistisch veranlagter Gangsterboss namens Alfred (Michael Gambon), der es liebt, seine Angestellten zu schikanieren, andere Gäste zu beleidigen und seine Frau Georgina (Helen Mirren) zu missbrauchen und zu demütigen. Allabendlich mit seiner Bande tafelnd und dabei große, lautstarke Reden schwingend, entgeht ihm zunächst, dass Georgina heimlich mit einem Gast, dem stillen Bücherwurm Michael (Alan Howard) anbandelt – bis er irgendwann leider doch dahinter kommt. Die Konsequenz: eine tödliche und schockierende Rache an Georginas Liebhaber, die zum Bumerang für Alfred werden und in welcher der Koch eine zentrale Rolle spielen soll.
Lange Kamerafahrten und geschickt konstruierte Farbwechsel von Raum zu Raum sind das Markenzeichen dieses Kunstwerks. Leider ist diese Filmtechnik nur bedingt in dem von mir eingebetteten Szenenbeispiel erkennbar, denn jeder der unterschiedlichen Szenerien wird von einer anderen Farbe dominiert. Auf der Straße blaue Töne, Rot im Speisesaal, Weiß auf der Toilette und Grün in der Küche… sobald sich jemand in einen anderen Bereich begibt, wechselt auch die Farbe der Kleidung und Requisiten, wie in diesem Beispiel die Zigarette (von weiß nach rot).
Der gekonnte Farbwechsel von weiß nach rot *** https://youtu.be/RFRCazQPLbE
Das führt mich zu dem folgenden, knusprigen Urteil über dieses Lehrstück bezüglich perfider Rache an einem, der es verdient hat: Ein opulenter und schwer im Magen liegender Brocken, bei dem ich glatt zur Vegetarierin werden könnte – der aber andererseits auch durch seinen kammerspielartigen Charakter, eine ausgeklügelte Farbtechnik und von Jean-Paul Gaultier entworfene Kostüme glänzt. Wer jedoch auf feinere Genüsse schwört, sollte diesen Gang auslassen.
Das große Fressen *** Frankreich/Italien *** Regie: Marco Ferreri *** 1973 *** FSK 16, früher 18
Alles verlief nach Plan, doch der Plan war Grütze? So oder ähnlich könnte man dieses unappetitliche Mahl mit hörbar gemachten Begleiterscheinungen bezeichnen, das hier zum Entsetzen der Öffentlichkeit angerichtet wurde: Treffen sich vier Freunde, um sich an einem Wochenende Ausschweifungen aller Art hinzugeben, die zum geplanten Suizid führen sollen, da sie des Lebens müde sind. Zu diesem Zweck haben sie nicht nur Unmengen von Delikatessen aufgefahren, sondern mehrere Prostituierte eingeladen. Diese verlassen jedoch später angesichts der ausufernden Völlerei angeekelt das Anwesen, während die rein zufällig dazugekommene Andréa am Ort des Geschehens bleibt und sich den Herren anschließt. So nach und nach rafft es die sämtliche Charaktere dahin, aber nicht ganz so, wie geplant. Eine explodierende Klärgrube wie bei Familie Griswold zu Weihnachten wäre – genauso wie die hier explodierende und alles überflutende Toilette – zu dieser Zeit (sechzehn Jahre vor den Griswolds) undenkbar gewesen und somit ein Skandal.
Auch wenn das mit grüngefärbtem Zuckerguss verzierte Schwein echt lecker aussieht, soll das Blatt sich bald wenden. Ja, böse Zungen verkünden sogar, wer Hilfe beim Abnehmen brauche, solle sich dieses Meisterwerk in all seiner 130 Minuten langen Pracht zu Gemüte führen.
Alles frisst auf mein Kommando! *** https://youtu.be/aUs_ggBXDMk
Auf ein abschließendes, derbes und ausuferndes Fazit verzichte ich diesmal – lieber halte ich es mit Martin Luther, der folgendes gesagt haben soll: Warum rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch denn nicht geschmecket?
Leider fallen diesmal viel zu viele Schlemmereien unter den Tisch, wie zum Beispiel „Grüne Tomaten“ (1991), bei dem in der berüchtigten Barbecue-Szene das Geheimnis in der Soße liegt. Oder das oben bereits zitierte „Ratatouille“ (2007), in dem sich der gefürchtete Restaurantkritiker beim Genuß eines einfachen Ratatouilles in seine Kindheit zurück versetzt fühlt. Ich könnte auch noch die ausufernden Gelage des Kapitols in der Dystopie „Die Tribute von Panem – The Hunger Games“ (2012) anführen, bei denen Katniss Everdeen rot sieht und kurzerhand mit Pfeil und Bogen auf ein gegrilltes Schwein zielt. Aber wo man definitiv und guten Gewissens dinieren könnte, das wäre bei „Brust oder Keule“ und „Eine Leiche zum Dessert“ (1976), „Lunchbox“ (2013) oder „Madame Mallory und der Duft von Curry“ (2014). Denn hier ist alles höchst appetitlich angerichtet und man kann sich richtig Zeit lassen zum Genießen.
Sollte es aber schnell gehen, empfehle ich den Fernsehsketch „Dinner for One oder der 90. Geburtstag (1961).
Den Magen wird es einem dagegen eher in dem Horrorfilm „Dumplings – delikate Versuchung“ (2004) aus Hongkong umdrehen, denn was da serviert wird, ist ungefähr genauso „lecker“ wie das, was dem Kritiker von Titus Andronicus in „Theater des Grauens“ (1973) oder Michael Douglas in „Der Rosenkrieg“ (1989) serviert wird.
Ach, der Michel, sehr schön! Und „Chocolat“ hatte ich damals sogar im Kino gesehen. Das war auch ein wunderbarer Film.
Der Koch, etc. haben wir doppelt. Ich hab bloß weniger eloquent drüber geschrieben, dafür aber direkt das Tabuthema verraten… 😉