So könnte man bei mir meinen, denn ich konzentriere mich heute verstärkt auf das Thema „Film“. Ein langes Vorwort spare ich mir und komme gleich zu den sieben Lückentexten des 723. Media Monday:
1. Ich erinnere mich noch gut, wie ich seinerzeit dachte, ich könnte mir ja mal einen Besuch der Berlinale gönnen. Aber ich glaube, andere Filmfestivals wie z.B. das Fantasy Filmfest, die Nippon Connection oder das Lichter Filmfest üben einen viel stärkeren Reiz auf mich aus. Und ich muss nicht im Hotel wohnen, sondern kann nach den vielen Eindrücken auch wieder nach Hause fahren.
2. The Brutalist hat die Bezeichnung Epos wirklich verdient, denn die Architektur darin wirkt auf der Leinwand einfach episch. Außerdem ist er mit fast vier Stunden Länge für mich so etwas wie ein Monumentalfilm, bei dem wir zum Schluss auf das Lebenswerk des frei erfundenen Architekten zurückblicken und erkennen, warum er seine Entwürfe unbedingt auf diese Weise umgesetzt haben wollte. Aber wenn ich mir Lückentexte 4 und 5 anschaue, ärgere ich mich im Nachhinein, dass mir nicht sofort die Herr-der-Ringe-Trilogie eingefallen ist.
3. Ein Film, der mich vor allem zum Nachdenken anregt, sollte allerdings nicht so beschaffen sein, dass mich nach dem Kinobesuch noch tage- oder wochenlang Alpträume heimsuchen. Wenn ich konkret einen Film nennen müsste, mit dem ich mich noch tagelang beschäftigt habe, dann wäre das wohl „Der Pinguin meines Lebens“, bei dem die Handlung einen anderen Verlauf nahm als ich erwartet hatte.
4. „Der Herr der Ringe: die Gefährten“ wird mir immer dafür in Erinnerung bleiben, wie ich bei der Flußszene gegen Ende des Films dachte wow, genau so habe ich mir die Landschaft beim Lesen immer vorgestellt.
5. Ich wäre, begeistert, würde man mal wieder wie damals eine Herr-der-Ringe-Filmnacht bringen. Da wäre ich sofort dabei.
6. So mancher Film in Stop-Motion-Animationstechnik ist wirklich einzigartig und vor allem in seiner unverwechselbaren Handschrift, wie z.B. die Wallace-und-Gromit-Filmreihe oder „Memoir of a snail“. Der stammt allerdings nicht von den Aardman Studios, sondern aus Australien.
7. Zuletzt habe ich mit einer Freundin die Komödie besucht und das war für das satirische Stück „Der Kardinalfehler“, das nicht nur einen Bischof und seinen Fehltritt aufs Korn nimmt, sondern auch die vielen Heucheleien der katholischen Kirche durch den Kakao zieht. Ironischerweise kam das Stück über den Bohei um die spektakuläre Planung des bevorstehenden Papstbesuch anlässlich der 700-Jahr-Feier eines kleinen Bistums in der Provinz zu einem aktuell nicht ganz passenden Zeitpunkt, weil in der Realistät die Wahl des neuen Papstes noch aussteht. Aber was will man machen, wenn das Stück schon lange auf dem Plan steht und keiner ahnen konnte, dass Papst Franziskus an Ostern von uns gehen würde.
An dieser Stelle setze ich einen Cut bei meinem Rückblick auf meine Kinobesuche im April. Der Grund dafür ist das Lichter-Filmfest, auf das ich bei einem der letzten Kinobesuche aufmerksam wurde. Also habe ich das Programm studiert und die Tickets online erworben: Zwei Filme in der Originalfassung mit englischen Untertiteln (einer davon ein Animationsfilm) und ein Nachmittag mit vier Kurzfilmen, bei denen das Publikum anschließend abstimmen darf – ich wollte schon immer etwas ungewöhnliches erleben und mich außerdem mal wie ein Jurymitglied fühlen. Jetzt hatte ich nach Jahren mal wieder die Gelegenheit, eine VR-Brille aufzusetzen.
„Screening Virtual Reality Storytelling“ – der Kurzfilm-Wettbewerb mit VR-Brille
Wie mir das nette Personal vor Ort mir verraten hat, war dieser Auftakt am 23. April eine Premiere. Einerseits, weil die Zuschauer normalerweise auf Drehstühlen sitzen und somit einen 360°-Rundumblick haben und nicht, wie hier im Kino (weshalb wegen der Bewegungsfreiheit entsprechend viele Kinositze frei bleiben sollten). Und andererseits, weil es sich um eine Art von Generalprobe handelte, noch dazu in einem der E-Kinos, die seit letztem Jahr geschlossen hatten und nun als Kulturzentrum neueröffnet wurden. Zu sehen gab es vier Kurzfilme aus unterschiedlichen Ländern, die wir durch VR-Brillen & Kopfhörer erleben durften. Erleben nehme ich hier wörtlich, denn hier fühlte ich mich tatsächlich mittendrin, und öfters mehr, als mir lieb war. Am Schluss durften wir dann noch per Stimmzettel abstimmen. Wer den Publikumspreis bei diesem Award gewinnt, bleibt bis zum Ende des Festivals abzuwarten. Und nun die Filme im Einzelnen.
Calls from home (Deutschland 2024 – 20 Minuten): Der Dokumentarfilm gewährt einen kurzen Einblick in Leben und Freundschaft zweier Musikstudenten in Köln – Flötist Elisey aus Russland und Percussionistin Katya aus der Ukraine. Durch Anrufe von daheim werden sie über das aktuelle Geschehen auf dem Laufenden gehalten… wobei bei Katya die Angst um ihre Lieben stets greifbar ist und ich das Gefühl hatte, dass Elisey befürchtet, das Telefonat würde abgehört. Da ich sehen wollte, was um die beim Proben gefilmten Studierenden vor sich geht, habe ich mich nahezu ständig umgedreht, um das volle 360°-Panorama erleben zu können.
Address unknown: Fukushima now(Japan/USA/Taiwan 2024 – 24 Minuten): Die 360°-Rundumsicht wurde in dem zweiten Beitrag fortgesetzt; allerdings glitt ich hier zu den Erzählungen ehemaliger Bewohner durch die seit dem Reaktorunfall im Frühjahr 2011 zerstörten Orte in Fukushima und sah dabei auch die Baustellen des „New Fukushima“. Eine ergreifende Momentaufnahme, die mich stark berührt hat.
SWEET END OF THE WORLD! (Italien 2024 – 16 Minuten): Eine Reise durch Ruinen und die Welt, wie wir sie (noch) kennen – in 3D und 360°. Während im Hintergrund (bzw. in meinem Rücken) eine Mutter ihr Kind stillt, driftet der Film durch verfallene Gebäude, Müllsortieranlagen, die Vorbereitungen auf einen Kuhkampf, den Züchtungsprozess von Fleisch in einem Labor… – während im Hintergrund eine Mutter ihr Kind stillt, erleben wir wohin die menschliche Gier uns treibt. (bzw. Wohin die menschliche Gier uns treibt… eine Reise durch Ruinen, die Ergebnisse ungehemmten Fleischkonsums… Zitat des Veranstalters: „das Dilemma der menschlichen Existenz“. Sehr beeindruckend, wenn nicht sogar beängstigend, wenn wie aus dem Nichts plötzlich scheinbar dicht vor meiner Nase der Kopf einer Kuh auftaucht und näher kommt.
LIMBOPHOBIA (Taiwan 2024 – 25 Minuten): Der visuelle und akustische Overkill. Bei dieser Fahrt durch zerfallende Strukturen wurden 3D und 360° auf die Spitze getrieben, und das mir, die an einer Form der Höhenangst leidet. Am Schluss wusste ich für eine Weile nicht mehr, wo oben und unten war.
Kurzer Nachtrag: Laut Seite des Lichter Filmfests wurde Stefano Conca für „Sweet End of the World!“ vom Publikum der VR-Screenings mit dem 9. Virtual Storytelling Award ausgezeichnet. Schade, dass es nicht Address unknown: Fukushima now geworden ist. Das war nämlich mein Favorit.
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Die nächsten beiden Beiträge, die ebenfalls keinen Preis gewannen, gab es am 26. April in der australischen bzw. südafrikanischen Originalversion mit englischen Untertiteln, an zwei unterschiedlichen Spielorten zu sehen.
Im Arthouse-Kino „Eldorado“ um 17:30 Uhr: Memoir of a snail – Produktionsland: Australien. Regie: Adam Elliot. Jahr: 2024. Länge: 94 Minuten. OSCARS 2025: NOMINIERUNG, ANNECY 2024: BEST FEATURE FILM. HESSENPREMIERE:
Nach dem Tod ihres Vaters, werden die Zwillinge Grace und Gilbert voneinander getrennt und landen bei Pflegefamilien, an unterschiedlichen Enden Australiens. Grace bei einem nudistisch veranlagten Paar, das immer mehr seine eigenen Wege geht – Gilbert bei bigotten Sektierern, die Hölle und Verdammnis predigen. Grace, die sich wortwörtlich immer mehr in ihr Schneckenhaus zurückzieht, lernt die skurrile Pinky kennen, die auf ein bewegtes, langes Leben zurückblicken kann. Mit der Zeit wird Pinky nicht nur ihre beste Freundin, sondern auch eine Art Ersatzmutter für sie. Doch dann stirbt Pinky. Erneut sieht Grace ihr Leben erneut auf den Kopf gestellt, und frei nach Søren Kierkegaards „Life can only be understood backwards, but it must be lived forwards“ begreift sie, dass sie loslassen und Veränderung zulassen muss.
Um 22:00 Uhr im Kino des Deutschen Filmmuseums: Sabbatical – Produktionsland: Südafrika. Regie: Karabo Lediga. Jahr: 2025. Länge: 110 Minuten. Sprache: Tswana:
Stell dir vor, du bist untergetaucht, weil die Finanzaufsicht hinter dir her ist und du plötzlich nicht mehr an dein Geld kannst. Ein Finanzbetrug, der die Witwen von Minenarbeitern ihr Vermögen gekostet hat, ist schließlich kein Kavaliersdelikt, und so sieht sich die Bankerin Lesego gezwungen, sich bei ihrer Mutter Doris einzuquartieren und diese in dem Glauben zu lassen, sie müsse wegen eines Burnouts beruflich pausieren. Abgeschnitten vom gewohnten Leben, muss Lesego bald feststellen, dass ein Teil der Freunde von früher mit ihr nichts mehr zu tun haben wollen, während andere, die ihre Geschichte nicht kennen, von ihr Gefälligkeiten erhoffen. Oder einen Ratschlag – wie die Freundinnen ihrer Mutter, die sie nach ihrer Meinung zu einem Finanzkonstrukt fragen, in das sie investieren möchten. Dass sich Mutter und Tochter „der Leute wegen“ und auch voreinander verstellen, macht ihre Situation nicht besser – schon allein wegen des unterschwelligen, nicht aufgearbeiteten Mutter-Tochter-Konflikts, der jederzeit aufzubrechen droht und die Frage nach sich zieht: Wird es Doris und Lesogo gelingen, wieder zueinander zu finden, sobald die Masken fallen?
Die anschließende Fragerunde, bei der die Regisseurin Einblicke in das Leben der Mittelschicht im heutigen Südafrika und die dortige Musikszene gab, fand ich sehr erhellend.
Die Regisseurin aus Südafrika zu Gast in Frankfurt *** Bildquelle: siehe Link im Bild.
Aber ob Preis oder nicht – ich war begeistert von der von mir getroffenen Auswahl. Nun bin ich gespannt auf das Fantasy Filmfest, für das ich mir drei Tickets geholt habe.
Ein neuer Monat ist angebrochen, und die aktuelle Ausgabe der 5 Besten am Donnerstag (hier, auf Passion-of-Arts) fällt auf den 1. Mai. Und darum geht es bei dem Thema Filme mit dem Thema Film, wenn uns Riley in die Welt des Kinos auf Meta-Ebene entführt:
„Wir tauchen zum Ende des Monats in die Filme ein, die das Medium Film selbst thematisieren.“
Nicht erst seit „Babylon – Rausch der Ekstase“ oder „Once upon a time in… Hollywood“ beschäftigen sich Filme mit den Anfängen Hollywoods selbst oder stellen eine Hommage an das Kino selbst dar. Mein Eintauchen in die Filmkunst beginnt schon in den 1980er Jahren und endet im letzten Jahr.
The Purple Rose of Cairo (1985): So sieht das aus, wenn der Hauptdarsteller des Lieblingsfilm nicht nur verbal die vierte Wand durchbricht, sondern leibhaftig. Plötzlich bricht Filmfigur Tom Baxter (Jeff Daniels) mitten aus der Handlung von „The Purple Rose of Cairo“ aus und steigt aus der Leinwand ins Kino hinab, um der Kellnerin Cecilia (Mia Farrow) näherzukommen, die sich die Schmonzette Tag für Tag ansieht. Dummerweise hat das nicht nur Folgen für den Film, dessen Fortgang ohne Baxter zum Erliegen kommt.
Cinema Paradiso (1988): Open-Air-Kino in einem sizilianischen Fischerdorf, dessen Geschichte in Rückblenden aus der Sicht des Filmregisseurs Salvatore di Vita (Jacques Perrin) erzählt wird. Seine Erinnerungen nehmen das Publikum auf eine Zeitreise von den 1940er zu den 1980er Jahren mit; und auch wenn er das leerstehende Gebäude des Nuovo Cinema Paradiso vor dem Abriss nicht retten kann, so bleibt ihm doch ein Andenken, das ihm Filmvorführer Alfredo hinterlassen hat: Eine Filmrolle, die ausschließlich aus jenen Kußszenen besteht, welche auf Anordnung des Dorfpfarrers herausgeschnitten werden mussten.
The Artist (2011): Die in schwarz-weiß und als Stummfilm gedrehte Hommage an die Zeit des Übergangs vom Stumm- zum Tonfilm widmet sich dem Werdegang zweier unterschiedlicher Charaktere; dem unaufhaltsamen Abstieg des Stummfilmschauspielers George Valentin (Jean Dujardin) wird der Aufstieg der bis dato unbekannten Peppy Miller (Bérénice Bejo), die ihre berufliche Zukunft im Tonfilm sucht, gegenüber gestellt. Ironischerweise endet der mit einem Oscar ausgezeichnete französische Film von Michel Hazanavicius („Das Kostbarste aller Güter“) damit, dass Valentin einen einzigen Satz – noch dazu in starkem Akzent – sagt, während Peppy stumm bleibt.
La La Land (2016): Mein erster Gedanke damals, als plötzlich alle Welt dieses Werk in den Himmel lobten: Musicals im Film – find ich eher so la la. Bis ich dann die Chance bekam, mir das Werk im Fernsehen anzuschauen. Für sieben Kategorien der Oscars nominiert und tatsächlich auch alle gewonnen? Besser geht nicht.. o doch! Schon allein die Tatsache, dass Emma Stone für ihre Rolle ausgezeichnet wurde, ließ mich dranbleiben und meine Vorurteile gegenüber gehypten Filmen vergessen. Am Ende wurde ich mit einem bonbonbunten und mitreißenden Vergnügen belohnt, das die zwei Stunden wie im Flug vergehen ließ.
The Ordinaries (2022): Das ganze Leben ist ein Film. Tatsächlich haben wir es in dieser Mischung aus Komödie, Krimi und Science-Fiction mit der Filmwelt zu tun. In diesem Paralleluniversum leben die Hauptfiguren in Saus und Braus, während weiter unten in der Hierarchie die Nebenfiguren angesiedelt sind und sogenannte Outtakes ausgegrenzt werden. Zu letzteren zählen Menschen mit Filmfehlern oder anderen Handicaps, und zu denen möchte die Sechzehnjährige Paula auf keinen Fall gehören. Doch so sehr sie sich auch abmüht, sie kann einfach keine emotionsgeladene Musik aus sich selbst heraus generieren. Ihr Leben wird nicht einfacher, als sie bei der Suche nach ihrem Vater plötzlich im Untergrund landet.