Jubiläums-Edition – der Etüden-Spin-Off : fünfter Akt 1/4

Der fünfte und letzte Akt ist angebrochen – das „Was bisher geschah“ gibt es auch hier wieder für Späteinsteiger. Was bisher geschah:

Erster Akt – Eine unerwartete Reise: Der hauptsächlich in hoffnungslosen Fällen ermittelnde Schrödinger wird in Zwangsurlaub geschickt und reist an die Ostsee. +++ Zweiter Akt 1/2 – Bali sehen und sterben: Schrödinger meldet sich bei einer Sternenwanderung an. +++ Zweiter Akt 2/2 – Bali sehen und sterben: Er erfährt, dass der Mann der Caféhausbesitzerin an einem Herzinfarkt gestorben ist, und dann wird bei der Sternenwanderung ein weiterer Toter gefunden. +++ Dritter Akt 1/2 – Geschlossene Gesellschaft: Kommissarin Maren Fuchs, bisher nur für eher leichte Delikte zuständig, wird zur Unterstützung der Ermittlungen abkommandiert. +++ Dritter Akt 2/2 – Geschlossene Gesellschaft: Maren Fuchs verhört Schrödinger und Giulia Millefiore. +++ Vierter Akt 1/3 – Der Engel, der ein Teufel war: Schrödinger und Giulia beschließen, auf eigene Faust im Stil von Miss Marple und Mr. Stringer Detektiv zu spielen. Derweil erregen seltsame Himmelsphänomene das Aufsehen der Medien. +++ Vierter Akt 2/3 – Der Engel, der ein Teufel war: Beim Trauercafé kommt Giulia Millefiore hinter eine Ungereimtheit. Mit Folgen. +++ Vierter Akt 3/3 – Der Engel, der ein Teufel war: Die Ermittlungen machen erste Fortschritte.

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Auf Eis gelegt – fünfter Akt : Matjesgeschwader (Teil 1)

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Die Vögel zum Singen zu bringen, wie Nowitzki sich so unfein ausgedrückt hatte, war gar nicht so leicht gewesen. Erst eine Schriftprobe hatte Nowitzkis Leuten die nötige Gewissheit verschafft, um den Missetäter festzunageln.

„Wir wissen, dass Sie den Brief nicht geschrieben haben, Herr Gabriel“, stellte Feddersen den Juniorchef vor vollendete Tatsachen. „Also raus mit der Sprache!“ Doch der Verhörte gab sich immer noch zugeknöpft. Nicht ohne meinen Anwalt? Ach ja, die alte Leier! Das kam dabei heraus, wenn man mit Verdächtigen „Guter Cop, böser Cop“ spielte. Na gut, sollte Mattes Gabriel ruhig nach einem Anwalt verlangen. Auf Zeit spielen konnte Feddersen ebenfalls. Vielleicht kam ja die Fuchs als „die Gute“ bei Gabriel senior weiter.

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Ihr war zwar noch immer schleierhaft, warum Heinrich Gabriel Ernas Mann bedroht hatte. War der selbsternannte Moralapostel etwa hinter Unregelmäßigkeiten in Erwin Kinds Steuerbüro gekommen? Oder hatte er andere Schwachstellen ausgekundschaftet, um den Steuerberater unter Druck zu setzen? Wer weiß, was der Alte mit seinem Fernglas noch alles anstatt des herbstlichen Vogelflugs beobachtet hat, ging Maren im Geiste alle Möglichkeiten durch. Angefangen vom Aufschreiben von Falschparkern bis hin zu unmoralischen Entgleisungen. Dass Erwin einen historischen Roman über seinen Heimatort schrieb und Heinrich ihn beim Festhalten biografischer Notizen ausspionierte, verbannte sie ins Reich der Fantasie. Dennoch: An sein Mitgefühl mit dem Verstorbenen zu appellieren, hielt sie für sinnvoller, als ihn in die Zange zu nehmen wie Feddersen.

„Wollen Sie nicht endlich Ihr Gewissen erleichtern? Als Mann mit Prinzipien haben Sie seinen Tod bestimmt nicht gewollt. Ich weiß: So kalt sind Sie nicht. Vielleicht wollten Sie ihm  auch nur ein wenig Angst machen, und dann ist die Sache aus dem Ruder gelaufen…“ 

Sie spürte, dass sie ihn gleich so weit hatte und legte noch eine Schippe drauf.

„Ich weiß, es ist nicht leicht, über seinen Schatten zu springen und den falschen Stolz zur Seite zu schieben, aber ich glaube, Ihnen geht sein Tod stärker an die Nieren, als Sie sich eingestehen möchten. Sonst wären Sie wohl kaum zu dem Trauercafé gegangen…“

Gabriels Gesicht sprach Bände, doch dass er mit einem undefinierbaren Laut aufschrie und die Hände vor sein Gesicht schlug, verblüffte sie dann doch. Mit so einer heftigen Reaktion des Alten hatte sie nicht gerechnet.

„Erwin, Erwin…“, stöhnte er gequält auf. „Ach, was wissen Sie denn!“

Was dann folgte, verschlug ihr die Sprache. Männliche Dinosaurier kümmern sich um ihren Nachwuchs? In Heinrich Gabriels Fall war es wohl eher anders herum. Natürlich war der Brief nicht für Erwin bestimmt gewesen, sondern für Silvia, seine Schwiegertochter. Schon lange hatte er sie im Verdacht, fremdzugehen. Auffallend oft hatte sie behauptet, am Strand spazieren zu gehen, bis er ihr eines Tages aus sicherer Entfernung nachgeschlichen war und sich mit seinem Fernglas in der Baracke verschanzt hatte. Freie Sicht auf Silvia und ihren Liebhaber. Doch ob es so eine gute Idee war, Mattes ihren Fehltritt, und dann auch noch ausgerechnet mit dessen größtem Konkurrenten, brühwarm zu berichten, so eifersüchtig? Nein, er hatte eine viel bessere Idee. Die richtigen Worte, eindringlich zu Papier gebracht, würden Silvia schon auf den Pfad der Tugend zurückführen…

An dieser Stelle konnte Maren sich nicht mehr zurückhalten. Ein kleiner Steuerberater wie Erwin als Bedrohung für den Betreiber einer Firma für Gas- und Wassertechnik darstellen? Diese Logik wollte sich ihr nicht erschließen, aber die hatte sich schon vor einer geraumen Weile verabschiedet.

„Nicht der Erwin! Der Brück!“

Moment mal. Hatte sie gerade richtig gehört? Harry Brück? Der Abfall-Brück mit seinen unlustigen Werbespots im örtlichen Regionalsender? Und wie passte Erwin in dieses Bild? Dass der Postbote geschlampt hatte, schloss sie aus. Es wurde Zeit, sowohl Silvia Gabriel als auch Harry Brück einen Besuch abzustatten.

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„Mein Gott, wenn ich gewusst hätte, dass Erwin sich dieses Geschmiere so zu Herzen nimmt, wäre ich doch niemals damit zu ihm“, jammerte Silvia Gabriel, nachdem Maren ohne Umschweife auf den Brief zu sprechen gekommen war. Verbrennen hatte er ihn, und danach fürs erste getrennter Wege gehen, um nur ja keinen Verdacht zu erregen. Wer auch immer für diesen Brief verantwortlich war, Munition würden sie ihm keine liefern.

Das einzig Positive an dessen Inhalt war, dass der anonyme Verfasser keine Ahnung hatte, mit wem Silvia wirklich eine Affäre hatte. So lange der Schreiberling glaubte, dass Harry der Nebenbuhler war, hatte er nichts zu befürchten. Doch nun stand Silvia unter Beobachtung, und da wollte er das Schicksal nicht unnötig herausfordern. Außerdem war da ja auch noch Erna. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn durch einen Moment der Unachtsamkeit die Wahrheit ans Licht kam.

Er hatte sich auf Harry eingeschossen? Maren hätte nur zu gerne gewusst, wieso.

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Harry Brück war wiederum eine andere Hausnummer.

Was die Gabriel von ihm gewollt hatte? Bestimmt nicht das, was ihr Erpresser sich in seinem Wahn zusammenfantasiert hatte. Er und Silvia Gabriel? Da lachten ja die Hühner!

Schon als er Feddersen und Fuchs die Haustür geöffnet hatte, war dem Ermittler der Hals trocken geworden, und seine Partnerin hatte ihren Augen nicht getraut. Seit wann konnten Tote wieder auferstehen? Seemannsgarn für Fortgeschrittene, Déjà-Vus im Türrahmen? Schummerlicht im Hausflur macht’s möglich. Im gut ausgeleuchteten Wohnzimmer mit Panoramafenster zu den Dünen hin verschwand die Fata Morgana, wie sie gekommen war. Harry Brück konnte sie jetzt nur noch schwerlich als Doppelgänger des Mordopfers durchgehen lassen, auch wenn sich eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den beiden Männern in Größe und Statur nicht verhehlen ließ. 

„Nee, die Gabriel hat es mit der Mitleidstour versucht…“

Reiß dich zusammen, Sönke. Mit jeder weiteren Respektlosigkeit dieses sauberen Herrns sank der Pegel von Feddersens Geduld um ein weiteres Stück.

„… aber da hat die bei mir auf die falschen Knöpfe gedrückt.“

Je länger Brück redete, desto unsympathischer wurde er Feddersen. Solche Leute waren es, die ihm das Dorfleben verleideten. Firmeninhaber hin oder her, aber Dünkel und Überheblichkeit, gepaart mit Selbstgefälligkeit, waren noch nie eine gute Kombination und Garant für positive Karmapunkte gewesen. Was, wenn es auch anderen in Bali so ging? Tat sich hier gerade eine neue Fährte auf?

Auch Maren konnte sich immer weniger des Eindrucks erwehren, dass eigentlich Harry Brück das eigentliche Ziel gewesen war, während sich Roberto Millefiore zur falschen Zeit am falschen Ort aufgehalten hatte. Opfer einer Verwechslung konnte man schnell werden, das hatte sie ja bei der Episode mit Heinrich Gabriel und seinem Fernglas aus erster Quelle erfahren dürfen. Leute zu beobachten und sich seine eigene Geschichte zusammenzureimen: Wenn Gabriel dazu fähig war, dann garantiert auch andere.

Je länger sie den Worten Harry Brücks lauschte, desto mehr kam sie zu der Überzeugung, dass die Auflösung des Rätsels nicht mehr lange auf sich warten ließ. So ein empathiebefreiter Zeitgenosse war ihr bisher nur selten untergekommen.

Ein starkes Stück, den verzweifelten Versuch einer Ehefrau (auch wenn sie auf Abwegen wandelte), ihrem Mann den Ruin zu ersparen, als Drücken auf die falschen Knöpfe zu bezeichnen.

„Den Verkauf an Otto stoppen? Nee, nee, nee. Das Ding ist so gut wie in trockenen Tüchern“

Ihn seinem Geschäftsleben hatte ja schon mit so einigen naiven Leuten zu tun gehabt, aber die Gabriel und ihr Gesabbel über ihren Mann und dessen marode Firma war echt die Krönung gewesen. Was interessierte es ihn, dass sie gerade erst einen Kredit aufgenommen hatten und ihnen der neue Eigentümer des Grundstücks den Todesstoß versetzen würde.  

Es war schließlich sein Land, und damit konnte er machen, was er wollte. War doch nicht sein Problem, wenn der andere seine Pfründe den Bach runtergehen sah, weil Otto & Co. mit einem Ableger ihrer Produktionsstätte für Sonnenkollektoren die Zeichen der Zeit erkannt hatten und es nur eine Frage der Zeit war, bis erneuerbare Energien in Bali Einzug hielten. Den NABU hatte er dank einer größeren Zuwendung schon so gut wie im Sack, und den Rest dieses Kaffs würde er auch noch, abgesehen von kleineren Kollateralschäden, um den kleinen Finger wickeln.

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1285 Wörter sind es diesmal geworden – untergebracht habe ich diesmal alle restlichen Wörter aus den letzten fünf Etüdenjahren darin untergebracht:

2018: Sonnenkollektoren, Pfründe +++ 2019: eifersüchtig +++ 2021: biografisch, Doppelgänger.

Und damit wären nun alle Begriffe aus Christianes Aufstellung sämtlicher Wortspenden aus den Jahren 2017 bis 2021 aufgebraucht, doch damit ist die Geschichte noch lange nicht fertig. Gut Ding will schließlich Weile haben.

Fortsetzung folgt.

6 Kommentare zu “Jubiläums-Edition – der Etüden-Spin-Off : fünfter Akt 1/4

    • aber die Verwicklung löst sich bald auf, versprochen, aber erst muss ich ein paar Fehler berichtigen und dann bei den anderne Kapiteln ein „was bisher geschah“ zufügen.

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